
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Ein Lagerhaus in Stapelton, Staten Island, New York City
Der Mann liegt mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem staubigen Betonboden. Sein linkes Auge ist fast zugeschwollen, aus Nase und Mundwinkel sickert Blut. Mühsam versucht er, wieder auf die Beine zu kommen. Gerade als er es geschafft hat, sich in den Vierfüßlerstand zu begeben, trifft ihn ein weiterer Tritt seines wuschelköpfigen Peinigers: »Spiel hier bloß nicht den Harten! Zwing mich nicht, gemein zu werden!« Der schlanke, schwarzhaarige Mann mit dem dunklen Teint, der die Szene bis dahin ungerührt beobachtet hat, wirft einen kurzen Blick auf seine teure Armbanduhr, dann hebt er einhaltgebietend die Hand: »Genug, Toni, es reicht! Geh und hilf meinem Bruder! Es gibt noch ein paar Kleinigkeiten zu erledigen, bevor unsere Gäste eintreffen.«
Der Angesprochene wirft seinem Arbeitgeber einen missbilligenden Blick zu: »Soll ich ihn wieder auf den Stuhl fesseln?« – »Sieht er so aus, als ob er noch groß wegläuft?«, ist die sarkastische Antwort: »Der Riegel vor der Tür reicht völlig.« Der Schläger zuckt nur mit den Schultern: »Wie Sie meinen, Boss.« Ein harter Tritt gegen die Hüfte seines Opfers wirft dieses wieder zu Boden. »Stirb mir ja nicht weg, du dreckiges irisches Schwein! Ich will noch ein bisschen Spaß mit dir haben.« Während der Folterknecht den Raum verlässt, hockt sich sein Anführer noch einmal zu dem Mann auf dem Fußboden: »Sie sollten das nicht auf die leichte Schulter nehmen, Winter. Antonio hasst Iren.« Die Erwiderung ist kaum mehr als ein keuchendes Flüstern: »Wie kommt er darauf, daß ich Ire bin?« – »Unwichtig. Wenn Toni einmal in Fahrt ist, sieht für ihn jeder aus wie ein Ire.«
Der Mann erhebt sich wieder und geht aus dem Raum. Auf der Schwelle wendet er sich noch einmal um: »Bis später, Winter. Vielleicht fällt Ihnen in der Zwischenzeit ja doch noch jemand ein, mit dem Sie über Vaters Testament gesprochen haben könnten.« Dann schließt er die Tür und man hört, wie ein schwerer Riegel vorgeschoben wird. Winters Blicke schweifen fieberhaft über Wände und Einrichtung, dann robbt er sich langsam zu einem großen Stück Pappe, das an einem Regal lehnt. Schwer atmend lehnt er sich gegen die Wand neben dem Regal und versucht sich zu erinnern. Mehrere Minuten sitzt er so da, bevor er eine Hand zum Gesicht hebt und einen dicken Pfropfen geronnenen Blutes aus seinem rechten Nasenloch puhlt. Sobald frisches Blut aus seiner Nase tropft, taucht Winter einen Zeigefinger in die warme, rote Flüssigkeit und beginnt, Muster und Symbole auf den Karton zu zeichnen. Immer wieder hält er inne, um keinen Fehler zu machen. Als Winter sein Werk vollendet hat, schiebt er die Pappe in die Mitte des Raumes. Eine Weile schließt er erschöpft die Augen, dann, nachdem er sich mühsam konzentriert hat, flüstert er die Worte.
Am Tag zuvor: ein Restaurant in Little Italy, Manhattan, New York City
Der Raum ist abgedunkelt, die Jalousien geschlossen. Eine altmodische Stehlampe spendet gedämpftes Licht. Hinter einem wuchtigen Schreibtisch aus dunkel gebeizter Eiche sitzt, mit dem Rücken zum Fenster, ein Mann in einem pompösen Ledersessel. Sein Bruder steht, eine Hand auf die hohe Rückenlehne gelegt, rechts neben ihm. Beide Männer sind schlank, mit dunklem Teint, braunen Augen und glattem, schwarzem Haar. An der gegenüberliegenden Wand, die Hände vor der Gürtelschnalle zusammengelegt, stehen zwei weitere Männer, ein kahlköpfiger Hüne mit Sonnenbrille und ein Kleinerer mit Wuschelkopffrisur und der Statur eines Ringers. In der Mitte des Raumes sitzt, mit dem Gesicht zum Schreibtisch, ein unauffälliger Mann mit grauen Haaren und hellen, graublauen Augen. Unvermittelt beginnt der Mann im Sessel zu reden:
– »Ich möchte Ihnen nochmals danken, Winter, daß Sie unserem Vater das letzte Geleit gegeben haben.« –
»Ich bitte Sie. Angesichts der Umstände seines Todes war es das Mindeste, was ich für Ihre Familie tun konnte.«
– »Grazie! Unsere Mutter war sehr bewegt von dieser Geste – und auch von den Worten des Trostes, die Sie gefunden haben. Darf ich fragen, was Sie darüber hinaus zu uns führt?« –
»Naturalmente. Ihr Herr Vater hat mich, bevor er starb, darum gebeten, Ihnen und Ihrem Bruder eine Nachricht zukommen zu lassen. Es geht um eine Angelegenheit, deren Behandlung wohl noch nicht abschließend zwischen Ihnen geklärt war, und er legte viel Wert darauf, Sie über seine endgültige Entscheidung in dieser faccenda in Kenntnis zu setzen. Ich empfand es daher als meine Pflicht, Ihnen seinen diesbezüglich letzten Willen so rasch wie möglich mitzuteilen.«
– »Va bene! Was ist das für eine Nachricht?« –
»Ihr Herr Vater hat mich nachdrücklich darauf hingewiesen, daß diese Angelegenheit nur den… nun… engsten Familienkreis betrifft.«
Winter zögert einen Augenblick und lässt seinen Blick nach rechts und links gleiten, wobei er den Kopf fast unmerklich mitführt. Die Geste ist winzig, aber sie wird von seinem Gegenüber dennoch verstanden. Der Mann im Sessel hebt die rechte Hand vom Schreibtisch und hält kurz zwei Finger in die Luft. Wortlos verlassen die beiden Männer hinter Winter den Raum. Als die Tür sich schließt, wirft dieser einen raschen Blick auf die Jahresuhr vor ihm.
– »Allora! Um was für ein Geschäft handelt es sich?« –
»Ihr Herr Vater sprach von einer Art… Altmetallhandel –Sie wüssten dann schon, was gemeint sei -, den Sie ins Firmenportfolio aufzunehmen erwogen hätten. Er bekräftigte, daß er seine Haltung in dieser Sache nicht geändert habe, und untersagte Ihnen rundheraus, die Transaktion weiterzuverfolgen.«
– »Bedauerlich, daß er in dieser Frage so unflexibel war. Kühnes Unternehmertum war doch immer die Stärke der amerikanischen Wirtschaft.« –
»Bezüglich dieser Unternehmung schien er mir… sagen wir… unerbittlich. Er war ausgesprochen besorgt deswegen, ja, er nannte sie sogar… wie war das noch gleich?… ‚unpatriotisch’.«
– »Und? Teilen Sie seine Meinung, mein lieber Winter?« –
»Selbst wenn Ihr Vater mir genügend Details mitgeteilt hätte, um mir ein Urteil bilden zu können, so stünde es mir nicht zu, Ihre Geschäftsinteressen zu bewerten. Ich handele lediglich aus der Ehrenpflicht heraus, den letzten Willen ihres Vaters zu erfüllen und mich um den Teil seines Vermächtnisses zu kümmern, den er mir zu treuen Händen gab.
– »Und Sie nehmen diese Pflicht sehr ernst, wie ich sehe. Papa hätte wohl kaum einen Geeigneteren mit dieser Aufgabe betreuen können.« –
»Sie schmeicheln mir.«
– »Hatte unser Vater noch weitere Anliegen, die Sie uns mitteilen sollten?« –
»Nein. Alles Weitere schien offensichtlich bereits hinreichend geregelt zu sein.«
Auf die Sekunde genau zwei Minuten, nachdem sie den Raum verlassen haben, öffnet sich die Tür und das ungleiche Paar betritt erneut den Raum. Kaum haben die beiden Männer wieder ihre Plätze an der Wand hinter Winter eingenommen, als der Mann hinter dem Schreibtisch fortfährt:
– »Bene. Wussten Sie übrigens, daß Papa große Stücke auf Sie hielt, Winter? Er bewunderte Ihre Zuverlässigkeit und Ihren Einfallsreichtum, und ich muss sagen, Sie haben uns in beiderlei Hinsicht nicht enttäuscht. Ich frage mich allerdings, ob Sie Sich der Ironie der Situation vollends bewusst sind.« –
»Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht ganz folgen.«
– »Mein Bruder und ich haben lange überlegt, wie Vaters Starrsinn beizukommen sei und wer uns helfen könnte, dieses Problem aus dem Weg zu schaffen. Unsere Wahl fiel auf Sie – Ihrer sprichwörtlichen Zuverlässigkeit wegen. Und nun ist es eben diese Zuverlässigkeit, die uns das Problem wiederbringt.« –
In Sekundenbruchteilen erfasst Winter die Bedeutung dieser Worte und die Gefahr, in der er sich befindet. Für eine Reaktion ist es jedoch zu spät. Schmerz explodiert in seinem Hinterkopf, dann wird ihm schwarz vor Augen und er sackt lautlos zusammen.
Das Lagerhaus in Stapelton, Staten Island, New York City
Der hochgewachsene Mann mit dem scharfgeschnittenen Profil, der sich auf der Pappe mit der Blutskizze materialisiert hat, lässt seine eisblauen Augen durch den Raum wandern. Sein Gesichtsausdruck wechselt von Ärger zu Erstaunen, als er den am Boden liegenden Winter erblickt: »Nach unserem letzten Gespräch hätte ich nicht erwartet, Sie so rasch wiederzusehen. Sagten Sie nicht, Sie hätten nicht die Absicht, die Formel zu verwenden?« Der Angesprochene ringt sich ein schmales Lächeln ab: »Der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb.« Victor tritt von der Zeichnung und wirft einen prüfenden Blick darauf: »Ich muss schon sagen, Sie haben das Rufsymbol ziemlich schlampig ausgeführt. Es kränkt mich ein wenig, daß Sie nicht mehr Sorgfalt haben walten lassen.« Diesmal reicht die Kraft Winters nicht mehr für ein Lächeln aus: »Verzeihen Sie, aber ich bin zur Zeit ein wenig eingeschränkt. Ehrlich gesagt bin ich schon froh, daß ich nicht versehentlich Jamie, den Pizzaboten aus Leidenschaft gerufen habe.«
– »Jamie, der Pizza… Müsste ich den Herren kennen?« –
»Ein Insider-Witz aus vergangenen Tagen. Es braucht Sie nicht weiter zu kümmern.«
– »Da bin ich ja beruhigt. Aber wie kommen Sie an einen solchen Ort?« –
»Ich wurde mitgenommen.«
– »Ja, so wirken Sie auch.Was haben Sie denn da als Farbe benutzt?« Kurz beugt sich Victor zu der Zeichnung, fährt mit dem Finger über die Linien und schnuppert daran: Mhhh! Blut. Null Rhesus negativ. Sogar unverdünnt.« –
»Ich hoffe, es stört sie nicht. Mir stand nichts anderes zur Verfügung.«
– »Im Gegenteil. Ein solches Maß an Hingabe nötigt mir einen gewissen Respekt ab. Aber genug der Plaudereien. Was ist Ihr Anliegen?« –
»Ich möchte Sie bitten, die Gruccione-Brüder und ihre Geschäftspartner hier so lange festzunageln, bis die Behörden sich ihrer annehmen können. Ich fürchte, ich bin selbst nicht mehr in der Lage dazu.«
– »Die Gruccione-Brüder?« –
»Alberto und Andrea Gruccione, die Söhne von Don Gruccione.«
– »Die Söhne von Don Gruccione haben Sie in diese missliche Lage gebracht? Hat man Ihnen die Geschichte mit den zufällig in die Mandeln geratenen Scampi-Resten doch nicht abgekauft?« –
»Im Gegenteil, sie waren durchaus angetan von der Idee. Allerdings behagte es ihnen nicht, daß ihr Vater mich vor seinem Ableben zu seinem Testamentsvollstrecker bestellt hat.«
– »Ich dachte, für so etwas gäbe es Anwälte.« –
»Es ging da um eine kleine Zusatzklausel von der Art, wie man sie ungern verschriftlicht sieht.«
– »Ich nehme an, Ihre anwaltliche Schweigepflicht verbietet Ihnen, mich genauer ins Bild zu setzen.« –
»Glücklicherweise bin ich kein Anwalt. Don Grucciones Sprösslinge beabsichtigen, die Tätigkeiten der Familie auf ein neues Geschäftsfeld auszudehnen. Was ihnen ihr Vater als aufrichtiger Patriot allerdings untersagte.«
– »Aufrichtiger Patriot? Sie sehen mich aufrichtig erstaunt.« –
»Oh, Don Gruccione war durchaus ein treuer US-Bürger. Er war nur kein besonders gesetzestreuer US-Bürger.«
– »Und was ist das für ein Geschäftsfeld, das Don Gruccione so wenig behagte?« –
Winters Antwort ist anzumerken, wie sehr ihn die Unterhaltung erschöpft: »Schmuggel.«
– »Ich dachte immer, Schmuggel gehört zu den Kernkompetenzen der Mafia. Um was für ein Transportgut handelt es sich denn?« –
»Plutonium. Waffenfähiges Pluto ...«
– »Jetzt wird mir einiges klarer. Wie ist der Plan?« –
Als eine Antwort ausbleibt, wendet sich Victor, der die ganze Zeit aufmerksam den Raum untersucht hat, wieder seinem halb bewusstlosen Gesprächspartner zu: »Mir scheint, ich muss mich zuerst um Ihre Gesundheit kümmern.« Er hockt sich neben Winter hin und lässt seine Augen über dessen geschundenen Körper wandern. Plötzlich hält er inne und betrachtet einen bestimmten Punkt, dann legt er seine Hände so auf Winters Brust, daß Daumen und Zeigefinger ein dreieckiges Fenster bilden. Hochkonzentriert fixiert er die Mitte des Dreiecks, als wolle er sie mit seinem Blick durchbohren. Etwa eine halbe Minute verharrt er so, dann setzt er seine Suche fort, bis er eine weitere Stelle entdeckt,der er seine Aufmerksamkeit widmet. Noch viermal wiederholt Victor die Prozedur, dann erhebt er sich. Sein Blick fällt erneut auf die Pappe mit dem Rufsymbol. »Sie sind wirklich sehr umsichtig, mein Freund«, lächelt er und lässt den Karton in Flammen aufgehen.
Einige Sekunden später schlägt Winter die Augen auf. Entschuldigend flüstert er: »Verzeihen Sie, ich bin wohl kurz eingenickt. Wie war die Frage?« Die Bemerkung ignorierend erläutert Victor: »Ich habe mir erlaubt, bei Ihnen einige innere Blutungen und sonstige lebensbedrohliche Verletzungen zu versorgen. Es wird Ihnen bald bessergehen. Die Schmerzen allerdings werden Ihnen noch ein paar Tage erhalten bleiben.« Winter schaut zu seinem Lebensretter hoch: »So etwas können Sie auch?« – »Ja, so etwas kann ich auch. Es ist nur aufwendiger als das Gegenteil, weil es deutlich mehr Präzision verlangt. Und ich habe selten Anlass für eine derartige Intervention.« Kurz horcht Victor auf und lauscht, dann bemerkt er: »Wenn Sie mich eben entschuldigen würden, ich möchte etwas nachprüfen.« Winter nickt schwach, dann schließt er erneut erschöpft die Augen. Als er sie wieder öffnet, befindet er sich alleine im Raum.
Zwei Minuten später wird der Türriegel plötzlich beiseitegeschoben. Winter versucht sich aufzusetzen, als die Tür aufschwingt und Victor eintritt. Dieser bedeutet dem Auftragsmörder, still zu sein, und erklärt leise: »Es sieht so aus, als seien soeben die Geschäftspartner der Gruccione-Brüder eingetroffen. Ich schlage vor, daß Sie Sich noch ein wenig ausruhen, um wieder zu Kräften zu kommen. In der Zwischenzeit kümmere ich mich um Ihr Anliegen. Falls Sie irgendeinen Rumor hören, machen Sie Sich um mich keine Sorgen.« Winter nickt zustimmend, dann flüstert er: »Victor.« Der Angesprochene dreht sich nochmals zu ihm um: »Ja?« – »Danke.«
Sobald Victor im Gang vor seinem Gefängnis verschwunden ist, setzt sich Winter auf und versucht eine bequemere Lage zu finden. Kaum ist ihm das gelungen, als gedämpfte Laute an sein Ohr dringen. Es scheint sich um Gesprächsfetzen und Rufe zu handeln, dann gesellen sich polternde Kampfgeräusche hinzu. Ein Schuss durchpeitscht die Geräuschkulisse, gleich darauf ein zweiter. Kurz danach erstirbt der Lärm, doch dafür setzt in Winters Schädel ein unregelmäßiges Pochen ein. Gequält reibt sich der Killer die Schläfen, bis er endlich begreift, daß das Hämmern seinen Ursprung nicht in seinem Kopf hat, sondern aus einem anderen Teil des Gebäudes ertönt. Mühsam erhebt sich Winter auf die immer noch wackligen Beine und schleppt sich, einer dunklen Ahnung folgend, in Richtung des geheimnisvollen Klopfens.
Als er die halbgeöffnete Tür erblickt, durch die der Lärm dringt, wird Winter langsamer. Vorsichtig lugt er in den Lagerraum hinein und hält unwillkürlich den Atem an, als sich vor ihm ein unglaubliches Bild auftut. Auf einem Tisch in der Mitte des Raumes liegt geöffnet ein großer, robuster Rollkoffer, darin ein Metallbehälter, der exakt den Ausschnitt in der Schaumstoffauskleidung des Koffers ausfüllt. Auf dem Behälter prangen ein weißes, zum Teil handbeschriebenes Etikett sowie ein großer Aufkleber, der vor radioaktiven Substanzen warnt. Um einen weiteren Tisch, einer robusten, hölzernen Werkbank herum sitzen oder knien acht Männer, darunter Alberto und Andrea Gruccione sowie Winters Peiniger Toni. Jeder einzelne von ihnen hat eine Hand mit dem Rücken auf dem Tisch liegen, so daß der Arm schmerzhaft im Schultergelenk verdreht ist. Obwohl man von den Gesichtern der Männer die Pein genauesten ablesen kann, gibt keiner von ihnen den geringsten Laut von sich. Soeben zwingt Victor auch die zweite Hand Tonis mit grobem Griff auf die Tischplatte. Als Winter den Gegenstand in der Hand des Mannes mit dem tadellos sitzenden Maßanzug sieht, fragt er entgeistert: »Was zum Henker tun Sie da?«
– »Sagten Sie nicht, ich solle die Gruccione-Brüder und ihre Geschäftspartner hier eine Weile festnageln?« –
»Das war eine Metapher.«
– »Ich hatte mich schon gewundert, weil Sie doch sonst übertriebene Gewaltanwendung ablehnen. Aber da Sie dereinst erwähnten, daß Sie eine Schwäche für die Klassiker haben… Soll ich eine Zange suchen?« –
In Winters Antwort schwingt Resignation mit: »Nein. Sei’s drum. Lassen Sie‘s jetzt, es funktioniert ja.« Victors zustimmende Kopfbewegung ist von spöttischer Eleganz: »Dafür stehe ich mit meinem Namen.« Noch einmal betrachtet Winter die bizarre Szenerie, dann meint er mit Blick auf den auf dem Tisch liegenden Koffer: »Ich denke, wir sollten jetzt die zuständigen Behörden verständigen.« Erneut nickt Victor zustimmend, dann tritt er auf Alberto Gruccione zu und fischt ein Smartphone aus dessen Jackett. »Ich kümmere mich darum«, bestätigt er und beginnt zu tippen. Als die Verbindung hergestellt ist, meint er mit übertrieben freundlicher Stimme: »Guten Tag, spreche ich mit dem FBI?« Das amüsierte Lächeln, mit dem er seinem Gesprächspartner zuhört, behält er während der ganzen Unterhaltung bei. »Ausgezeichnet. Ehe Sie fragen, mein Name tut nichts zur Sache. Ich möchte Ihnen lediglich mitteilen, daß ich einen Koffer mit Plutonium gefunden habe, den Sie bestimmt schon schmerzlich vermissen.« — »Nein, das ist kein Scherz.« — »Sie wollen mich mit dem zuständigen Special Agent verbinden? Das wäre sicher hilfreich.« — »Ja, ich bleibe in der Leitung.« — »Ja?« — »Sie sind für besondere Gefahrgüter zuständig?« — »Wo sich das Plutonium befindet? Auf einem Tisch, etwa drei Yards von mir entfernt.« — »Nein, ich habe nicht versucht, den Behälter zu öffnen.« — »Das ist richtig. Ich kann Ihnen gerne die Kennnummer durchgeben, wenn das für Sie von Nutzen ist.« — »Natürlich. Die Kennung lautet …« Langsam liest Victor die Lettern auf dem Etikett vor. Nachdem er eine Weile gelauscht hat, fragt er: »Wann darf ich mit Ihrem Eintreffen rechnen?« — »So bald schon? Das ist außerordentlich erfreulich.« — »Nein, ich lege ganz bestimmt nicht auf.« Dann platziert Victor das Smartphone in der Mitte des Tisches, an dem die acht Männer fixiert sind, und meint süffisant: »Winter, wir können gehen.«
In der Nähe des Lagerhauses in Stapelton, Staten Island, New York City
Sobald sie das Lagerhaus verlassen haben, begeben sich Winter und Victor ostwärts ans Ufer der Narrows. Victor lässt kurz seinen Blick über die Landschaft schweifen, dann deutet er nach Südosten: »Mir scheint, die Kavallerie naht. Sehen Sie die Blaulichter auf der Verrazano-Narrows-Bridge?«
»NYPD?«
– »Ich sehe mehrere zivile Streifenwagen. Natürlich kann das auch ein Zufall sein, aber die beiden SWAT-Team-Transporter, die sie begleiten, sind doch sehr verdächtig.« –
»Dann vermute ich mal, daß es sich bei den Helikoptern, die sich von Manhattan aus nähern, um das FBI handelt.«
– »Das ist anzunehmen. Und es würde mich wundern, wenn die Air Force lange auf sich warten ließe.« –
»Zeit zu verschwinden.«
»Da stimme ich Ihnen zu«, bestätigt Victor und die beiden Männer gehen in nördlicher Richtung davon. Kurz überlegt Winter, dann fragt er seinen Begleiter: »Sagen Sie… Haben Sie heute noch etwas Dringendes vor?«
– »Warum fragen Sie?« –
»Ich dachte nur, ich könnte Sie zum Dank noch auf einen kleinen Absacker ins d.b.a. nach East Greenwich einladen. Wenn ich richtig informiert bin, findet man in ganz Lower Manhattan keine Bar mit einer größeren Auswahl an Single Malts.«
– »Ein ausgezeichneter Vorschlag, mein lieber Winter. Und auf dem Weg dorthin können wir Ihnen auch gleich ein neues Outfit besorgen. Ihre Kleidung hat ein wenig gelitten.« –
»Nicht nur die. Ich könnte eine Dusche brauchen.«
Victor lässt einen abschätzigen Blick über Winters derangiertes Äußeres wandern, dann meint er naserümpfend: »Ja.«
Die Staten Island Ferry MV Spirit of America, Upper New York Bay, New York City
Winter und Victor lehnen an der Backbord-Reling des Oberdecks und schauen über die nachmittägliche Bucht. Lange stehen sie schweigend da, dann meint Winter: »Ich frage mich, was die Gruccione-Brüder und ihre Begleiter bei ihrer Vernehmung aussagen werden.« Victors Gesichtsausdruck verrät keinerlei Gefühlsregung, als er antwortet: »Es wird nichts dabei sein, das Sie belastet.« Auf Winters fragenden Blick hin erläutert er: »Ich habe mir erlaubt, die Erinnerungen der Herrschaften ein wenig anzupassen.«
»Ich vergesse doch gelegentlich, welche Fähigkeiten Sie besitzen, zumindest bei jenen, die ich bislang nur vom Hörensagen kenne. Ist das auch der Grund, warum wir so problemlos aufs Schiff gelangt sind? Angesichts meines Zustands hätte ich mit mehr Neugierde gerechnet.«
– »Menschen haben eine natürliche Neigung, über unangenehme Dinge hinwegzusehen. Gelegentlich unterstütze ich sie dabei ein wenig.« –
»Sie meinen, mit so einer Art PAL-Feld?«
– »Was soll das sein?« –
»Ein Problem-anderer-Leute-Feld. Eine Tarnvorrichtung aus dem dritten Band von Per Anhalter durch die Galaxis. Wenn man über etwas ein PAL-Feld errichtet, wird es von den Menschen als ein Problem anderer Leute betrachtet und geflissentlich ignoriert.«
– »Nun, die Methode ist doch eine andere, aber der Effekt ist vergleichbar, ja.« –
»Das heißt, wenn wir an der Battery von Bord gehen und das FBI wartet schon, um die Passagiere zu befragen, wird man uns unbehelligt gehen lassen?«
– »Mehr oder weniger. Aber mich würde etwas anderes interessieren. Warum wollten Sie eigentlich unbedingt die Fähre nehmen?« –
»Ohne Fahrzeug ist es der schnellste Weg. Außerdem wollte ich noch ein wenig das schöne Wetter genießen. Immerhin ging ich heute Mittag noch davon aus, daß ich den morgigen Tag nicht mehr erlebe. Schätze, Sie haben was gut bei mir.«
– »Wir hatten einen Vereinbarung, schon vergessen? Daß Sie die Formel verwenden dürfen, wenn Sie einmal in Not sind. Da war es ja wohl selbstverständlich, Sie von Ihren Unpässlichkeiten zu befreien. Etwas anderes ist es mit diesem kleinen Amtshilfeersuchen. Das dürfte wohl kaum von dem zugesicherten Bonus gedeckt sein.« –
»Ich fürchte, da irren Sie Sich. Auch wenn es ursprünglich nicht in meiner Absicht lag, diesen Bonus in Anspruch zu nehmen, so habe ich mir ihre diesbezüglichen Worte sehr genau eingeprägt. Sie sagten damals: Scheuen Sie sich nicht, sie – also die Formel – anzuwenden, wenn es die Not einmal gebietet! Sie haben nicht näher spezifiziert, um wessen Not es sich handeln muss. Und ich hatte Sie nicht um mein Leben gebeten. Ihre Erste-Hilfe-Maßnahmen waren eine freiwillige Zugabe Ihrerseits.
– »Touché! Da habe ich mich wohl in meinen eigenen Fallstricken verheddert. Mir scheint, damit sind wir endgültig quitt.« –
»So könnte man es ausdrücken.«
– »Ich hoffe doch, daß das nicht das Ende unserer Geschäftsbeziehungen bedeutet.« –
»Nicht notwendigerweise. Allerdings werden wir uns bei zukünftigen gemeinsamen Projekten vorher genau über Preis und Leistungsumfang unterhalten müssen.«
– »Wie ärgerlich. Ich finde solche Vertragsverhandlungen immer ausgesprochen lästig.« –
»Tatsächlich? Geben Sie zu, in Wahrheit genießen Sie sie doch. Das beiderseitige Belauern, die Spannung, ob Ihr Gegenüber vielleicht mit einer neuen, überraschenden Finte aufwartet, sogar das zugegebenermaßen etwas plebejische Vergnügen, einen unbedarften Vertragspartner in eine ausgelegte Falle tappen zu sehen. Na, habe ich recht?«
– Ich leugne nicht, daß all dies durchaus einen gewissen Reiz haben kann.« –
»Das dachte ich mir.« Gerade als die Spirit of America Liberty Island passiert, wird die Beleuchtung der Freiheitsstatue eingeschaltet. Winter verstummt für einen Augenblick, dann bemerkt er: »Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich finde den Anblick von Lady Liberty immer wieder beeindruckend. Für die Einwanderer aus der alten Welt muss er geradezu atemberaubend gewesen sein.«
– »Winter, Sie sind ein unverbesserlicher Romantiker. Glauben Sie mir, ohne die Kupferverkleidung, quasi nackt und bloß, sieht die Dame bei weitem nicht so erhaben aus.« –
»Sie haben Sich die Ausstellung über die Erbauung schon einmal angesehen? Oder haben sie den Bau persönlich verfolgt? Live und in Farbe, gewissermaßen?«
– »Wie ich zu sagen pflege: Vermuten dürfen Sie alles.« –
»Dann vermute ich mal, daß ich ins Schwarze getroffen habe. Aber kommen wir nun zu etwas ganz anderem: Wie fühlt es sich für Sie an, mal auf der Seite der Guten zu stehen?«
– »Mein lieber Winter, sollten Sie irgendjemandem jemals davon erzählen, werde ich disziplinarische Maßnahmen einleiten müssen.« –
»Keine Sorge. Das würde mir ohnehin niemand glauben.«
Victors Erscheinen erfolgte wie immer mit freundlicher Genehmigung und Unterstützung von RookieNightmare. Mehr über Winter und Victor erfährt man in Victor & Winter – die Chroniken.



