Creepypasta

Abschiedsbrief 9.11.2020 Amos Clemens

Gibt es das Übernatürliche? Wenn du mich das vor einer Woche gefragt hättest, dann wäre meine Antwort wohl ein entschiedenes nein gewesen. Wie haben sich die Menschen wohl gefühlt, als es das erste Mal ein Erdbeben gab? Sie haben sich gefürchtet, haben gebetet und gehofft, dass es bald aufhöre. Der Zorn der Götter, so dachten sie damals, sei verantwortlich für alle Naturkatastrophen und alle Unglücke auf Erden. Für sie war es übernatürlich, da sie nicht das Wissen besitzen, das wir heute zur Verfügung haben. Für uns sind Erdbeben, ausgelöst durch die Plattentektonik im inneren unseres ach so geliebten Planeten, etwas ganz Natürliches – im wahrsten Sinne des Wortes. Demnach zu Folge, kann etwas unnatürliches sich zu etwas natürlichem wandeln, wenn wir nur genug über die Vorgänge lernen. Sonnenfinsternisse, Erdbeben, Tsunamis…alles durch Wissenschaft erklärbare Phänomene, die daher als natürlich einzuordnen sind. Aber auch auf alles andere ist diese Formel anzuwenden, denn wie Arthur C. Clark bereits erkannt hat, ist jede hinreichend fortschrittliche Technologie von Magie nicht zu unterscheiden und was ist das Übernatürliche, wenn nicht magisch? Selbst die Religion, die von den meisten als übernatürlich betrachtet wird, ist durch psychologische Erkenntnisse erklärbar. Der Mensch versucht für alles einen Auslöser zu finden, eine Erklärung dafür warum es so ist wie es ist – und da kommt ein allmächtiges Wesen, welches auf einer höheren Ebene existiert, gerade recht. Es liegt in der Natur der Menschen zu glauben und zu hoffen, dass es eine „Formel“ gibt die alles erklärt und nichts kann einen Menschen so in Rage versetzen, wie ein unlösbares Rätsel, auf das keine Antwort zu finden ist

Aber warum erzähle ich das alles? Nun ja, wie schon erwähnt, wäre das meine Antwort gewesen, wenn man mich vor einer Woche gefragt hätte. Ich wäre mir sicher gewesen, dass es für alle Vorgänge und alle Geschehnisse in dieser Welt einen logischen Grund, auf jede Frage eine wissenschaftliche Antwort geben würde. Doch nun sitze ich hier, schreibe die letzten Worte, die ich jemals schreiben werde und versuche das unbeschreibliche in Worten zu erfassen. Deshalb nun, ohne weitere Umwege und in Achtung, dass mir nicht mehr viel Zeit bleibt:

Es gibt das Übernatürliche, das unbeschreiblich Schreckliche. Es gibt Dinge, die so grausam sind, dass sie nicht erklärt, geschweige denn nachvollzogen werden können. Der Horror, den ich in der letzten Woche erlebt habe, hat mich davon überzeugt.

Versuch nicht herauszufinden was geschehen ist.

Versuch nicht nachzuvollziehen, warum ich das getan habe, was ich getan habe.

Hoffe, bete und lauf weg, so weit du kannst, damit der Horror dich nicht einholen kann.

Die Stimmen haben aufgehört zu schreien. Es ist so weit.

 

A. Clemens

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