
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Manchmal denke ich, ich wäre bereit. Ich wäre darüber hinweg und könnte weiter machen. Ich hätte alles verarbeitet.
Aber dann sehe ich eines ihrer Kleidungsstücke in der Wäsche und es kommt alles wieder zurück. So wie jetzt, wo ich ihren knall-pinken Slip in der Hand halte.
Ich hatte eigentlich gedacht, dass ihre Eltern endlich all ihre Sachen aus der Wohnung geräumt hätten, aber hier tauchen immer wieder Gegenstände auf, die sie anscheinend übersehen haben. Nun gut … sie werden wahrscheinlich gedacht haben, dass dieses schrille Spitzenteil mir gehört. Wer will sich schon seine tote Tochter in einem pinkfarbenen Spitzenslip vorstellen?
Ich könnte es nicht, dabei ist sie nur meine Mitbewohnerin. Gewesen. Sie WAR einmal meine Mitbewohnerin. Vor dem … Unfall.
Ja, der Unfall.
Ich stopfe die Unterwäsche ganz unten in den Stapel an Wäsche, den ich auf die Couch gelegt habe. Allein der Gedanke an Marie lässt mich erschaudern. Ich schüttele mich, als hätte man mir einen Eiswürfel in den Kragen meiner Bluse gesteckt. Das hilft wenigstens. Das physische Abschütteln der Erinnerungen. Auch mein Therapeut hat mir dazu geraten, mich zu bewegen, wenn die Gedanken mal wieder in eine falsche Richtung schweifen. Er hat mir das alles ganz lang und breit in einer unserer Sitzungen erklärt. Dass gerade in den ersten Wochen der Trauer das Abgrenzen des Selbst von den Erinnerungen helfen kann. Dass ich sie als Eindringling betrachten sollte, den es zu bekämpfen gilt.
Wenn ich ehrlich bin, fühlt es sich eher so an, als würde ich vor einem wilden Tier weglaufen, wohl wissend, dass es schneller ist als ich.
Kaffee hilft ebenso. Die Wäsche kann ich auch später noch zusammenlegen und kann mir ebenfalls später Gedanken darüber machen, ob ich Maries Slip wegwerfen, oder an ihre Eltern übergeben sollte. Ich kann mich nicht entscheiden, welche der beiden Optionen die komischere wäre.
Ich gehe in die Küche, vorbei an dem nun leeren Zimmer, in dem Marie noch vor ein paar Wochen gelebt und geliebt hatte. Mit sturem Blick beschleunige ich meinen Schritt und höre erst auf, als ich beinahe in die Kücheninsel stoße, auf der eine Thermoskanne mit frischem Kaffee steht.
Seufzend nehme ich mir eine kleine Tasse aus dem Schrank und versuche nicht darüber nachzudenken, wie leer er jetzt aussieht, ohne die ganzen Katzenbecher, die Marie gesammelt hatte. Vielleicht sollte ich mir selbst ein paar zulegen. Einfach, um die Lücken zu füllen.
Mit einer dampfenden Portion flüssiger Bohnenbrühe lehne ich mich an die Arbeitsplatte vor dem Fenster und schaue hinaus auf den Vorgarten und die Nachbarhäuser. Von hier aus hat man perfekte Sicht auf den Fernsehturm, die einzige Sehenswürdigkeit dieser Stadt. Als Marie und ich noch Kinder waren, haben wir jedes Wochenende die Stufen zur Spitze des Turmes erklommen und die Aussicht genossen. Gut … legal war das zwar nicht, aber es hat sich niemand um zwei kleine kichernd Mädchen gekümmert. Damals waren das eben noch andere Zeiten.
Ich frage mich, wann endlich der erste Schnee fallen wird. Weiße Weihnachten hatten wir in diesem Teil des Globus schon lange nicht mehr, doch Weihnachten ist jetzt bereits knapp drei Wochen her und trotzdem ist der Januar noch immer grün. Jetzt, wo ich so darüber nachdenke, sollte ich vielleicht auch den Christbaum im Wohnzimmer endlich entschmücken und für das nächste Weihnachtsfest verpacken. Ich hatte noch nie einen echten Weihnachtsbaum und auch Marie war das synthetische Gegenstück lieber gewesen. Das Chaos mit den fallenden Nadeln wollte sich keiner von uns beiden antun.
Dann doch lieber ein komplett totes Plastik-Teil. So tot wie Marie selbst.
Würde mich nicht jedes Mal, dass ich ihren Namen denke, ein innerlicher Schmerz durchzucken, hätte ich über meinen eigenen Witz gelacht. Marie hätte ihn jedenfalls lustig gefunden.
Bevor ich ihren Namen noch einmal denken kann, werde ich von einem lauten Fiepen aus den Gedanken gerissen, dass aus der Richtung meines eigenen Schlafzimmers kommt.
Ich schaue auf die eingebaute Digitaluhr am Backofen.
15:00.
Ich blicke noch einmal mach draußen und wundere mich, warum es in dieser Jahreszeit, zu dieser Uhrzeit noch immer so hell ist. Aber wenn ich ehrlich bin, interessiert es mich auch nicht besonders.
Das Fiepen aus meinem Schlafzimmer wird lauter, also schlurfe ich – die Kaffeetasse noch immer fest umklammernd – den Gang zurück. Mein Handy liegt auf dem Nachttisch neben meinem Bett. Ich hatte es vor nur wenigen Minuten am Ladekabel angeschlossen und anscheinend hatte es nun wieder genügend Akku, um mich an meine Medikamente zu erinnern.
Ich war schon immer die zerstreutere von uns gewesen. Denke ich zumindest. Marie hat immer an alle Termine gedacht. Teilweise musste sie mich sogar an meine eigenen erinnern. Jetzt, wo sie weg ist, sollte ich mir einen Kalender anschaffen.
Das Fiepen meines Handyweckers ist mittlerweile unerträglich und dennoch starre ich den leuchtenden Bildschirm einfach nur an, anstatt ihn auszuschalten. Je länger ich starre, desto weiter bohrt sich das Geräusch in meinen Kopf und irgendwann fühlt es sich so an, als würde es mit mir sprechen.
„Es ist nicht deine Schuld“, sagt mein Wecker. Maries Augen, die mir von meinem Lockscreen Hintergrund aus entgegenblitzen, sagen jedoch etwas anderes. Meine Atmung beschleunigt sich. Klare Anzeichen einer Panikattacke. Ich muss meine Tabletten nehmen.
Ich schüttele mich selbst aus der Trance und schalte den Wecker aus. Die Stille, die darauf folgt, klirrt mir in den Ohren.
Ich zittere ein wenig, als ich die Schublade vor mir aufziehe und eine längliche Pillendose heraushole. Ich schlucke die trockene Tablette und spüle den bitteren Geschmack mit meinem Kaffee hinfort. Ob es eine so gute Idee ist, meine Beruhigungsmittel mit Kaffee einzunehmen? Wohl eher nicht, aber nichts auf der Welt könnte mich weniger interessieren
Jetzt stehe ich jedenfalls hier und weiß nicht, was ich mit mir anfangen soll. Es wird noch einige Minuten dauern, bis die Beruhigungsmittel anschlagen und so entscheide ich mich dazu, zurück in die Küche zu gehen und meine Tasse erneut aufzufüllen. Ich lege meinen Kopf in den Nacken und leere das, was sich noch in ihr befindet, in einem Zug. Der Kaffeesatz, der sich am Boden der Tasse gebildet hat, rutsch mir dabei in den Mund und hinterlässt einen körnigen Film auf meiner Zunge. Mir wird schlecht.
Auf dem Weg zur Küche halte ich am Wohnzimmer an. Die Weihnachtsbeleuchtung wirft ein warmes, goldenes Licht auf die Möbel, die eigentlich Marie gehören, die mir ihre Eltern jedoch netterweise überlassen haben. Es fühlt sich falsch an. Das warme Licht. Man könnte meinen, dass die Welt sich nach dem Tod einer geliebten Person vollkommen verändert. Dass das Schlimmste am Verlust die Veränderung deines Alltags ist. Aber das stimmt nicht. Denn die Welt bleibt so, wie sie ist, nur du veränderst dich. Du veränderst dich und musst doch so tun, als wärst du immer noch die alte Cherry von damals.
Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr fällt mir auf, wie falsch es hier drin aussieht. Irgendetwas ist komisch und ich kann einfach nicht ausmachen, was es sein könnte. Vielleicht sollte ich die Lichter ausschalten.
Gesagt, getan. Jetzt ist es der gräuliche Nachmittagshimmel, der das Wohnzimmer beleuchtet. Das Licht ist nicht mehr warm und dennoch kann ich das Gefühl nicht loswerden, dass hier irgendetwas fehl am Platz ist.
Der Stapel Wäsche scheint mich zu verhöhnen. Seit drei Tagen versuche ich, den Haufen abzuarbeiten und jedes Mal überkommt es mich. Und jetzt, wo ich so dumm war und Maries Unterwäsche nicht einfach weggeworfen habe …
Ja, vielleicht ist es das. Maries Slip passt nicht in dieses Wohnzimmer. Maries Slip zerstört die Atmosphäre mit seinem fröhlichen, aufreizenden Pink. Ich wirke etwas hektisch, so wie ich den Wäschekorb umwerfe und den Haufen an T-Shirts und Hosen zu allen Seiten werfe, auf der Suche nach dem Übeltäter. Und ja, es fühlt sich wie ein kleiner Erfolg an, als ich das Spitzenteil in den Fingern halte.
Aber nun, wo ich es wiederhabe, weiß ich nicht, was ich mir eigentlich von dieser ganzen Aktion erwartet habe.
Ich kann ihn nicht wegwerfen. Ich kann ihn nicht wieder zurücklegen.
„Es ist deine Schuld“, sagt der Slip in meiner Hand.
Natürlich sagt er das nicht wirklich, aber hätte er ein Bewusstsein, so würde er es denken.
Ich fühle mich wie ein Roboter, als ich mich auf Maries Zimmer zubewege. Es ist die logischste Schlussfolgerung, die ich mir erdenken kann. Maries Slip gehört in Maries Zimmer. Das ist natürlich. Das ist nur richtig.
Meine Tabletten scheinen langsam zu wirken, denn meine Hände zittern nicht mehr, als ich sie gegen das kalte Holz ihrer Zimmertür lege. Seit sie nicht mehr da ist, war ich nur ein einziges Mal hier drin. Als ihre Eltern ihr Zimmer ausräumten und meine Hilfe beim Tragen benötigten. Seitdem habe ich dieses Zimmer nicht mehr betreten.
Mir wird ein wenig schwindelig, als ich die Tür aufstoße und mir der muffige Geruch von Staub und alten Geschichten entgegenweht. Klar, seit Wochen wurde hier drin nicht gelüftet und ich hätte meine Pillen einfach nicht mit dem Kaffee mischen sollen.
Es ist alles genau so, wie es am Anfang gewesen ist. Leer. Kalt. Grau.
Hätte Maries Bett nicht vier kleine Abdrücke auf dem Boden hinterlassen, so könnte man meinen, dass hier nie jemand gelebt hätte. Als hätte es Marie nie gegeben. Das Gefühl, welches dieser Gedanke in mir auslöst, ist unbeschreiblich.
„Okay, Cherry, Schublade auf, Slip rein, Schublade zu und raus hier“, denke ich. Je schneller ich es hinter mich bringe, desto besser.
Maries Eltern haben die Kommode der Vorbesitzer hier gelassen. Außer dieser Kommode gibt es hier drin nur noch einen einsamen, alten Holzstuhl. Ebenfalls von den Vorbesitzern.
Meine Schritte hallen in Maries leeren Zimmern, als ich mich auf die Kommode zubewege, doch vielleicht bilde ich mir das alles nur ein. Ich reiße das obere Fach der Kommode auf und werfe den Slip schlampig hinein. Es ist egal, ob er zerknittert. Niemand würde ihn je wieder tragen.
Gerade als ich die Schublade wieder schließen und dieser kahlen Höhle entfliehen will, fällt mir auf, dass Maries Eltern anscheinend noch etwas übersehen haben müssen. Denn die Schublade ist nicht leer. Kurz bevor ich sie zuknallen kann, sehe ich einen kleinen schwarzen Gegenstand in der hinteren Ecke aufblitzen. Zögerlich ziehe ich die Schublade weiter auf und greife nach dem Fremdkörper.
Es ist ein Diktiergerät. So ein Ding habe ich in meinem ganzen Leben noch nie in den Händen gehalten. Heutzutage muss man schon sehr besonders darauf sein, um noch ein Diktiergerät zu verwenden.
Ich versuche mich daran zu erinnern, ob Marie jemals so ein Ding erwähnt hatte, aber sie hatte nie darüber gesprochen. Aber wenn ich so darüber nachdenke, dann passt es zu ihr. Sie wollte schon immer besonders und anders sein. Gegen den Strom schwimmen und so. Da würde ein solch altmodisches Teil genau zu ihr passen.
Erst jetzt realisiere ich, wozu solch ein Diktiergerät eigentlich genutzt wird, und ich reiße die Augen weit auf. Hat Marie etwas aufgenommen? Werde ich ihre Stimme hören, wenn ich dieses Ding in Gang schalte?
Natürlich könnte ich einfach zurück in mein Zimmer laufen und im Internet nach einer Gebrauchsanweisung suchen. Aber stattdessen entscheide ich mich für die Methode, die mir schon immer am erfolgreichsten erschien: Knöpfchen drücken, und hoffen, dass man den richtigen erwischt.
Nun habe ich, wie zuvor erwähnt, keine Ahnung, wie dieses Ding funktioniert. Ich weiß nicht, ob ich hier meine Zeit verschwende, weil es nichts gibt, das abzuspielen wäre oder ob in der Reihe der andrückbaren Knöpfe einer dabei ist, der das gesamte Material löscht oder überspielt, und so dauert es gute 5 Minuten, bis ich den richtigen Schalter finde und ein leises Rauschen aus dem Plastikteil aus meiner Hand kommt.
„Test, Test, 1 2, Test, Test“
Ich schlage mir die Hand vor den Mund. Es ist Marie.
Es ist wahrlich Maries Stimme, die ich da höre.
„Funktioniert dieses Teil? Keine Ahnung … na ja, werd’ ich schon sehen.“
Sie klingt fröhlich, während sie mit sich selbst spricht. Tausend Gefühle überrennen mich und ich muss mich auf den alten Holzstuhl setzen, um nicht in Ohnmacht zu fallen. Ein trüber Schleier legt sich über meine Augen, so als hätte jedes einzelne Molekül des Staubes sich dazu entschieden, mir meine Sicht zu nehmen. Aber gut, ich muss nichts sehen. Jetzt muss ich nur hören.
„Hey Cherry, ich bin’s, Marie“, sagt Marie so als wäre es nötig. Ich zucke leicht zusammen, als sie meinen Namen sagt.
„Das hier alles kommt dir vielleicht teilweise komisch vor. Du wirst dir denken ‘Ja, das ist Marie, sie muss immer einen draufsetzen‘, was lustig ist, denn normalerweise ist das ja deine Aufgabe, aber das tut hier gar nichts zur Sache!
Ich kann einfach nicht glauben, dass du das durchgezogen hast! Glaub mir, ich wäre die Letzte, die dir so etwas zugetraut hätte, aber ich würde lügen, würde ich sagen, dass ich nicht auch ein wenig stolz auf dich bin. Goldlöckchen rastet aus. Das ist doch mal eine Schlagzeile.“
Gänsehaut überfährt meinen ganzen Körper und mir wird unsagbar heiß. Da ich mit dem Rücken zur Tür sitze, drehe ich meinen Kopf, um zu sehen, dass ich noch immer allein bin. Natürlich bin ich das. Alles andere wäre auch absolut absurd.
„Ich mein … Scheiße, das Zeug, was in deinem Tagebuch steht, war schon verdammt krank, aber dass du wirklich das Zeug dazu besitzt … man, wie gerne hätte ich dein Gesicht gesehen, als die Polizei bei dir geklopft hat, um dir zu sagen, dass ich tot bin.“
Ich kann mich noch genau an den Abend erinnern, als es passierte.
Ich hatte auf dem Sofa gesessen und eine Wiederholung eines alten Weihnachtsfilmes gesehen, als es an der Tür klingelte.
Zwei uniformierte Polizisten brachten mir mit leiser und eindringlicher Stimme bei, dass Marie einen schweren Unfall gehabt hatte. Sie war von der Straße abgekommen und direkt in einen zugefrorenen See gekracht. Das Auto glitt durch die dicke Eisschicht und war halb versunken, als ein anderer Fahrer das Wrack entdeckte und die Polizei rief. Maries Leiche wurde noch nicht geborgen, da das Eis zu dick gewesen war, um eine Suchaktion zu starten. Es klang makaber, so wie die Behörden es später ausdrückten. Man würde warten, bis die Eisschicht geschmolzen war, um den See abzusuchen. Sie sagten, spätestens im Sommer wäre ihr Körper von den Bakterien so aufgebläht, dass sie wie von selbst zurück an Land geschwommen käme.
Später wurde festgestellt, dass bei der letzten Inspektion des Autos ein Fehler an der Bremsbeschichtung nicht behoben wurde, weshalb es Marie unmöglich war, ihre Fahrt in den See irgendwie zu stoppen.
Es war mein Auto gewesen.
Ich hatte es ihr während meines Weihnachtsurlaubes geliehen.
Jetzt endlich verstehe ich, was Marie da gerade gesagt hat.
Sie hat in meinem Tagebuch gelesen.
„Du hast deine Rolle bestimmt einwandfrei gespielt. Hast dir die Hand vor den Mund geschlagen und geweint, richtig? Du musst mir nichts vormachen, ich kenne dich doch! Und wie gut du darin bist, ein Opfer zu sein. Verdammt, du hast sogar Dr. Marshall davon überzeugt, dass du unglaublich traumatisiert von dieser ganzen Aktion bist. Oh Mann, hätte ich gewusst, wie einfach das Leben ist, wenn alle Menschen glauben, du seist tot … ich hätte das schon viel früher machen sollen! Übrigens: Das, was du da vorhin genommen hast, das waren keine Xanax. Du solltest deine Medikamente wirklich sicherer aufbewahren. Sonst fällt es Leuten wie mir viel zu einfach, die kleinen Dinger auszutauschen. Ich weiß zwar nicht, wie Pferdetranquilizer auf Menschen wirken, aber ich bin mir sicher, dass sie ihren Job machen werden. Hoffentlich hast du vorher meinen Slip gefunden, den ich dir in die Wäsche geschmuggelt habe. Es wäre ja eine Schande, wenn du dieses Tonband niemals in die Finger bekommen würdest … Hast du dich wenigstens schlecht gefühlt, als du dem Doktor diese Lügen erzählt hast? Oh Mann, es war so einfach deine Scheiß-Akte zu lesen. Ich bitte dich, Cherry. Du hast gesagt, wir seien wie Schwestern gewesen. Das glaubst du doch nicht wirklich!“
Ein bitteres Lachen ertönt aus dem Diktiergerät und mir wird schon wieder schlecht. Ich weiß nur nicht, ob von den falschen Tabletten, oder von Maries Stimme.
„Klar, wir sind zusammen aufgewachsen und vielleicht könnte man das zwischen uns auch als schwesterliche Rivalität bezeichnen, aber natürlich hast du bei Dr. Marshall mit keinem Wort erwähnt, zu welchen Extremen du gegriffen hast, nur um mich zu übertrumpfen. Kein Wunder, dass meine Eltern dich immer mehr gemocht haben, so wie du dich an sie rangeschmissen hast wie ein räudiges Hündchen. Weißt du noch, als wir zusammen am Strand waren? Wir und unsere Eltern? Ich hatte meinen Fuß an einer Muschel aufgeschnitten und elendig geblutet und geheult. Und natürlich hat es dir nicht gefallen, dass ich die ganze Aufmerksamkeit bekommen habe. Weißt du noch, was du dann gemacht hast? Du hast einen abgeschlagenen Flaschenhals gefunden, ihn in den Sand gesteckt und dich dann mit aller Wucht auf die Knie fallen lassen. Ich weiß noch, wie das grüne Glas in deinem Bein gesteckt hat und du nicht einmal geweint hast, bis meine Eltern um die Ecke kamen. Dann hast du angefangen, zu schreien. Fuck … wir waren 9, Cherry. Neun!“
Ich blicke an mir herab. Ich trage ein dickes Paar Leggins und ich muss meine Beine nicht sehen, um zu wissen, dass der Kreis an Narben noch immer sichtbar ist.
„Aber natürlich nimmst du Dr. Marshalls Tabletten und stopfst sie dir in den Mund, als wären es Gummibärchen. Da kann ich dich vielleicht sogar verstehen. Wäre ich du, würde ich auch lieber auf Wolke 18 schweben.
Übrigens, die Sache mit dem Fernsehturm, die du ihm erzählt hast? Absoluter Bullshit. Manchmal frage ich mich, ob du wirklich lügst, dass sich die Balken biegen, oder ob du das alles echt so in Erinnerung hast. Und ich weiß nicht, was davon schlimmer wäre. Aber nur für den Fall: ich bin damals nicht die Treppen heruntergefallen. Du hast mich geschubst. Ich wollte überhaupt nicht mit dir auf diesen beschissenen Turm. Die vielen Stufen sind die Aussicht nicht wert, aber ich hätte es besser wissen müssen. Ich hätte ahnen müssen, dass du etwas Schlimmes tun würdest, wenn ich dir deinen ach-so-geliebten-Lieblingsort mau mache. Aber Fuck … ich konnte 6 Wochen nicht laufen. Und zum Schluss hast du es so geschickt gefädelt, dass selbst ich eine kurze Zeit lang geglaubt habe, nur gestürzt zu sein.
Die ganze Zeit über habe ich mich gefragt, ob es das alles wert war.“
Marie seufzt und in diesem leisen Geräusch liegt so viel Schmerz, dass ich beinahe Mitleid mit ihr habe.
Ich überkreuze meine Beine und lehne mich auf dem Stuhl zurück, um Maries Worten weiterhin zu lauschen. Die Gänsehaut macht derweilen keinerlei Anstalten zu verschwinden. Das hier läuft nicht nach Plan. Und ich hasse es, wenn meine Pläne scheitern.
„Derek hat mich oft gefragt, warum ich überhaupt mit dir befreundet bin. Das ist eine optimale Frage und es hat lange gedauert, bis ich ihm eine gute Antwort geben konnte. Damals, als ich noch nicht wusste, was für ein Monster du sein kannst, habe ich dich echt gemocht. Du warst meine einzige Freundin und da habe ich schonmal ein Auge zugedrückt, wenn du meine Lieblingsstifte gestohlen oder mir Kaugummi in die Haare geklebt hast. Jetzt, wo ich weiß, dass du unsagbar grausige Lügen über mich verbreitet hast, damit die anderen sich von mir fernhalten, ergibt das alles auch mehr Sinn. Und irgendwann war es der pure Wunsch nach Rache, der mich dazu antrieb, mit dir zusammenzuziehen. Du hast Salz in meinen Kaffee gestreut und meine Katzenbecher zertrümmert und mit jeder Scherbe wurde der Wunsch, dir weh zu tun größer.
Aber als du dann mit Derek geschlafen hast, einfach um mir eins auszuwischen … da wusste ich, dass ich nicht länger warten kann.
Ich geb’s zu, ich war ehrlich verletzt und eigentlich wollte ich auch gar nicht so weit gehen. Mein Plan war es, mich endlich von dir loszureißen und mein eigenes Leben zu beginnen. Wir hatten über meinen Auszug gesprochen, falls du dich noch erinnerst.“
Natürlich erinnere ich mich. Es ist schließlich gerade einmal zwei Monate her, dass wir darüber geredet haben. Sie wollte mich verlassen. Sie wollte alles einfach wegwerfen, was wir uns aufgebaut haben. Ich habe uns diese Wohnung besorgt, ihr ein Zuhause gegeben. Und dieses undankbare Miststück wollte alles hinwerfen.
„Natürlich erinnerst du dich, ist ja schließlich noch gar nicht so lange her. Man, ich habe noch nie einen Kopf so rötlich verfärbt gesehen. Du warst ja so sauer, das ist fast schon witzig. Oh, und weißt du noch, was du damals gesagt hast?“
Marie räuspert sich und verzerrt ihre Stimme zu einem verhöhnenden Tonfall, als sie mich nachahmt.
„‘Du kannst nicht weglaufen, Marie, ich finde dich, Marie, und wenn ich dich finde, dann bring’ ich dich um, Marie‘“
Ist dir eigentlich schonmal aufgefallen, wie komisch du klingst, wenn du meinen Namen aussprichst?“
Fast bin ich versucht, ihren Namen laut in den leeren Raum zu werfen, um zu sehen, was sie meint. Aber natürlich mache ich das nicht.
„Aber dass du wirklich versuchen würdest, mich umzubringen? Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich dachte immer, ich wüsste, wozu du fähig bist, aber ich habe dich unterschätzt. Und als ich dann dein Tagebuch gelesen habe, habe ich echt Angst bekommen. Aber meine Liebe Cherry, warum bist du so dumm? Gut, dass ich dein Tagebuch lese, damit hättest du nicht rechnen können, aber dass du dein Gespräch mit diesem Mechaniker Wort für Wort niedergeschrieben hast …. Da wusste ich natürlich sofort, was du vorhast. Was hast du ihm geboten, damit er deine Bremsen manipuliert und danach die Klappe hält, huh? Und die Geschichte mit dem gewalttätigen Ex, den du loswerden musst, ist ja so was von ausgelutscht. Da hätte ich mehr von dir erwartet. Aber Bonuspunkte für das blaue Auge. Das muss weh getan haben, aber hat die Illusion natürlich perfektioniert.
Ich frage mich immer noch, was du gemacht hättest, hätte ich dein Angebot, das Auto zu nehmen, einfach abgelehnt. Du hättest mich natürlich nicht zwingen können und dein Plan wäre schon da gescheitert. Du solltest dankbar sein, dass ich so nett war und mitgespielt habe.
Das Auto habe ich sogar gefahrlos zum See bekommen, wäre auch zu auffällig gewesen, wenn die Bremsen sofort schlapp gemacht hätten. Und dann musste ich es nur noch ganz sanft den Hügel hinunterschieben und BOOM, der perfekte Tatort!
Und dann habe ich dich beobachtet, Cherry. Wie ich das gemacht habe, ist egal, doch ich war immer da. Ich habe gesehen, wie du meine Mutter für die Beerdigung geschminkt hast. Ich war da, als du bei Home Depot endlich einen neuen Seifenspender gekauft und dein Laientheater für Dr. Marshall gespielt hast.
Spürst du mich jetzt?“
Maries Stimme ist nur noch ein leises Flüstern und geht mir so durch Mark und Bein, als hätte sie mich angeschrien. Panisch blicke ich mich um, doch ich sehe nichts und niemanden und auch, wenn ich mir sicher bin, dass meine Wohnung noch immer leer ist, fühle ich mich beobachtet. Ich springe vom Stuhl auf und laufe aus dem Zimmer hinaus auf den Gang und gehe jedes Zimmer einzeln ab. Die Welt um mich herum dreht sich und der Schleier vor meinen Augen wird immer dichter.
„Spürst du meine Blicke auf dir? Spürst du meinen Atem in deinem Nacken?“
So, als wäre es möglich, spüre ich tatsächlich einen warmen, feuchten Windhauch im Genick. Ich wirble herum, doch ich bin noch immer allein.
„Ich muss, glaube ich, nicht mehr erwähnen, dass dein Plan mich zu töten gescheitert ist. Diesmal bin nämlich ich diejenige, die dir zwei Schritte voraus ist. Und ich bin es satt, dass du durch die Welt laufen und alle mit deiner Scheinheiligkeit überzeugen kannst.
All die Jahre habe ich mich gefragt, ob du überhaupt dazu fähig bist, zu fühlen. Geliebt hast du niemanden, nichts an dir war echt. Aber jetzt setze ich alles auf eine Karte.
An deiner Stelle hätte ich Angst.“
Ein leises Klicken verrät mir, dass die Aufnahme geendet hat.
Ich blicke noch immer panisch um mich, obwohl ich doch schon jeden einzelnen Raum abgegangen bin.
Ich erstarre, denn jetzt höre ich es.
Klopf, Klopf, Klopf
Langsam wandert mein Blick Richtung Decke, zu der Luke, die ich schon wieder vergessen hatte.
Der Dachboden.