DämonenKreaturenLangeTagebuch

Blitzlicht

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Tag 1

Die haben gesagt ich soll Tagebuch führen. Keine Ahnung warum, keine Ahnung was die wollen. Stelle erst einmal keine Fragen, mache, was die mir sagen, vermutlich gesünder für mich.

… Weiß nicht, was ich schreiben soll. Nicht schreiben ist aber auch keine Option. Alle tun es, niemand spricht, nur das Kritzeln der Stifte auf dem rauen Papier ist zu hören. Fast schon unheimlich. Wenn auch bei weitem nicht so unheimlich, wie eines morgens in einem fremden Bett aufzuwachen, wobei „Bett“ eine maßlose Übertreibung ist. Ein Stofffetzen, spärlich unterfüttert mit einem Material, dass sich wie Heu anfühlt, dank seiner aschgrauen Färbung aber wie verbrannte Erde aussieht, ist nun wahrlich keine angemessene Schlafgelegenheit.

Na sieh einer an, geht doch besser als gedacht und lenkt mich zudem ganz formidabel von meiner abstrusen Situation ab. Scheiße, ich begreife immer noch nicht, was passiert ist. Wie bin ich hier gelandet? Wer sind diese Leute? Was ist das für ein Ort? Sieht aus wie eine Höhle… Träume ich? Nein. Fühlt sich zu real an. Wieso habe ich keine Angst? Empfinde nur leichtes Unbehagen. Als wäre das Alles hier normal. Verrückt. Werde ich verrückt? Bin ich verrückt? Vielleicht doch nur ein Traum… oder eine Wahnvorstellung.

Es kommt Bewegung in die Truppe. Schätze ich sollte aufhören zu schreiben und ihnen folgen…

Tag 2

Bin völlig erledigt. Hand zittert. Alles schmerzt. Müde. Zu wenig Schlaf. Soll trotzdem schreiben. Verstehe gar nichts mehr. Will nur schlafen. Man lässt mich nicht. Gott, sie stehen schon wieder auf. Geht es heute wie gestern weiter?

Bitte lasst mich schlafen…

Tag 3

Lasst mich aufwachen. Lasst mich aufwachen. Lasst mich bitte aus diesem Albtraum aufwachen! Bitte!

Tag 4

Langsam begreife ich, warum sie täglich schreiben: Um nicht den Verstand zu verlieren, den Kopf wenigstens ein paar Minuten am Tag beschäftigt halten. Beginne mich zu fragen, ob es nicht besser wäre, einfach durchzudrehen. Andererseits ist da unter all der Erschöpfung und Müdigkeit die glimmende Hoffnung hier wieder rauszukommen. Muss weitermachen, einen Weg finden.

Tag 7

Mehrere Tage nicht geschrieben, konnte nicht. Wurde bedrängt es zu tun, war mir egal, wollte einfach nur ein paar Minuten länger liegen. Nach einer Weile haben sie mich in Ruhe gelassen. Weiß nicht mal welchen Tag wir haben, die sieben ist nur eine Vermutung, der seltsamerweise eine gewisse Sicherheit anhaftet. Könnten genauso gut schon Jahre vergangen sein, fühlt sich zumindest so an, ohne Tageslicht schwer einzuschätzen.

Langsam gewöhne ich mich an die Arbeit. Oder bin ich einfach am Nullpunkt meiner Kräfte angekommen und es kann nicht schlimmer werden? Kann kaum stehen, geschweige denn die Arme heben, dennoch werden wir in eine paar Minuten wieder unsere Ausrüstung in die Hand nehmen und weiter abbauen. Immer weiter und immerfort ohne Unterlass hinab in die Tiefen dieses scheinbar endlosen Massivs.

Wer hätte das gedacht, die Isolation macht noch einen richtigen Poeten aus mir. Schade nur, dass dies hier niemals jemand lesen wird. Ich werde hier nie wieder rauskommen…

Tag 14

Ein weitere Woche überstanden, habe nur noch die vergangenen Tage notiert, wusste nicht, was ich sonst schreiben soll. Länger liegen bleiben bringt aber auch nichts, macht es nur noch anstrengender, aufzustehen und den anderen zu folgen. Brauche die paar Minuten am Morgen(?) um wach zu werden, so wie ich früher meinen täglichen Kaffee gebraucht habe.

Gott Kaffee… Allein das Wort, lässt mir das Wasser in meinem vertrockneten Mundraum zusammenlaufen. Meine spröden Lippen, verziehen sich zu einem Lächeln bei dem Gedanken an dieses Gebräu, sie reißen auf, bluten, ich merke es kaum. Die Schmerzen in meinen Muskeln und Knochen überlagern alles andere.

Schon witzig, wie sehr man simple Dinge zu schätzen lernt, wenn sie einem erst einmal genommen werden. Zusammen mit allem anderen. Mir ist alles genommen worden, mein Leben, meine Würde, einfach alles. Ich bin nur noch ein Ding, ein Sklave, der zum Arbeiten abkommandiert wird, bis er verbraucht und ausgehöhlt ist. Ich bin mir nicht einmal sicher, dass man mich dann in Ruhe lässt. Wenn ich in manche der Gesichter meiner Kameraden blicke, fürchte ich, dass es nie enden wird, dass es ewig so weitergeht.

Dass kann ich nicht zulassen, ich werde einen Ausweg finden. Es muss einen geben!

Tag 17

Jetzt ist es offiziell: Ich bin in der Hölle und es führt kein Weg aus ihr heraus.

Hatten einen Neuzugang. Ein junger Mann, vielleicht Anfang zwanzig. Ihm wurde, wie mir alles kurz und knapp erklärt, er hat überhaupt nicht zugehört, hat nur geschrien, sich mit Händen und Füßen gewehrt, ist in den nächstbesten Gang hinausgestürmt. Die anderen haben nicht einmal versucht ihm hinterherzulaufen, sind nur zu ihrer täglichen Routine zurückgekehrt. Scheint nicht das erste Mal gewesen zu sein, dass so etwas passiert.

Später am Tag ist der Junge wieder aufgetaucht. Er wirkte… verändert. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Er sah immer noch aus, wie zuvor, nur verdreckter, durch das orientierungslose Umherwandern und -stolpern. Ein paar Schürfwunden zierten sein Gesicht und seine Hände, aber sonst? Nichts Auffälliges. Und doch hatte ich das Gefühl keinen Menschen mehr vor mir zu haben.

Es waren seine Augen, sie schienen… dunkler zu sein. Als würde man in einen tiefen, pechschwarzen Schacht schauen.

Er hat uns angefleht ihm zu helfen, zeigte sich auf einmal mehr als bereitwillig zu tun, was immer von ihm verlangt wurde. Niemand von meinen Kameraden reagierte. Sie marschierten einfach an ihm vorbei, ganz als würden sie ihn nicht wahrnehmen, als wäre er nicht länger Teil ihrer Welt.

Weil ich ein elendiger Feigling bin, habe ich es ihnen gleichgetan, habe den Blick stur geradeausgehalten und bin weitergegangen. Wenige Schritte später hörte ich ihn schreien, während er gegen etwas kämpfte. Ein Blick zurück bescherte mir den Schrecken meines Lebens. Eine schwarze Hand oder vielmehr Klaue hatte ihn am Kragen gepackt und in die Dunkelheit gezerrt. So sehr er auch strampelte oder nach seinem Peiniger schlug, es ließ nicht locker. Ich verlor ihn schnell aus den Augen, doch seine Schreie klingen noch jetzt in meinen Ohren nach.

Das passiert also mit denen, die sich wehren, die nicht schuften, ruhen, schreiben und beten. Tag ein Tag aus, immerfort.

Einer der Ältesten, der hin und wieder ein paar Worte mit mir wechselt, hat mir versichert, dass dies der einzige Ausweg aus der Plackerei wäre, doch ich solle mir keine Hoffnung machen: Das Schicksal, dass den armen Tölpel erwarte, wäre grausamer als alles, was ich mir in meinen schlimmsten Albträumen vorzustellen vermag.

Ich glaube ihm.

Tag – wozu zähle ich überhaupt noch? Die Stunden reihen sich erbarmungslos aneinander, ohne dass sich etwas ändert, ohne dass sich jemals etwas ändern wird, sie verschmelzen zu einem einzigen großen Klumpen Zeit, gefüllt mit Schmerz, Angst und Resignation… Ach scheiß drauf. Tag 23

Noch nicht ganz ein Monat und doch beginne ich zu vergessen, was einst war und nie wieder sein wird. Mein voriges Leben, dass für immer vorbei ist, ich muss es festhalten, einen letzten Anker auswerfen, um mich nicht zu verlieren. Ein letztes Aufbegehren, bevor ich mich in mein Schicksal füge, es akzeptiere und den einzig logischen Schritt unternehme.

Also gut, hier kommt es, mein Leben, zusammengestaucht in mundgerechte Portionen. Wohl bekomm’s!

Mein Name lautet William Trench, ich bin fünfunddreißig Jahre alt, Angestellter einer renommierten Bank, unverheiratet, keine Kinder. Meine sozialen Kontakte beschränken sich auf die Gespräche mit meinen Kollegen an der Kaffeemaschine. Das liegt zum einen daran, dass ich den Großteil meiner Zeit arbeite, nicht des Geldes wegen, sondern schlicht, weil es mir Spaß macht. Meine Freizeit hingegen verbringe ich gerne in Ruhe und trauter Einsamkeit, auf meinem Sessel daheim und denke über alles Mögliche nach; Weltgeschehen, Politik, Wissenschaft, Gesellschaft, was mir eben gerade so in den Sinn kommt.

Und das war es eigentlich auch schon. Viel mehr gibt es über mich nicht zu wissen. Ich war bis zu diesem einen Tag, der mir alles Bekannte genommen, es mir aus den Händen entrissen und mich in diese Todesgrube geworfen hat, zufrieden, hatte alles was ich brauchte.

Hier und heute vermisse ich jeden einzelnen Aspekt dieses einfachen Lebens. Ich würde alles darum geben, wenigstens eine der vielen Annehmlichkeiten zurückzubekommen. Ein richtiges Bett, saubere Kleidung, eine gottverdammte Dusche. Doch das wird nicht geschehen. Mir bleibt nur mich zu fügen, mich der kreiselnden Routine zu ergeben oder von fremdartigen Wesen in die Tiefen dieses Ortes verschleppt zu werden, wo mich unvorstellbares Grauen erwarten soll.

Pest oder Cholera.

Ich gebe keinen von beiden Optionen den Vorzug, sondern entscheide mich für die dritte Möglichkeit: Den Ausweg, den außer mir niemand zu sehen scheint, wohl, weil das Licht der Hoffnung sie noch blendet, sie glauben macht, sie könnten doch noch eines Tages entkommen, zu ihrem früheren Leben zurückkehren.

Aber selbst wenn es möglich wäre, was dann? Manch einer ist schon seit Jahren hier, was soll in ihrer Heimat aus ihnen werden, wenn sie noch ein oder zwei Jahrzehnte hier verbringen. Der einzige Ort, der ihnen dann noch ein zu Hause sein wird, wäre die nächstbeste Einrichtung für psychisch schwer Gestörte. Eingliederung in die Gesellschaft? Unwahrscheinlich bis unmöglich.

Nein, ich werde kein Gefangener sein, der nach Absitzen seiner Strafe, seine Welt nicht wiedererkennt und sich lieber in ein anderes Gefängnis sperren lässt, weil ihm nur innerhalb eines Käfigs alles stabil und logisch erscheint. Ich breche lieber vorher aus, verbiege die Gitterstäbe nach meinem Willen und entkomme dieser kalten, finsteren Hölle in das, was auch immer nach ihr kommen mag. Das Paradies oder ewiges Nichts. Beides ist mir recht.

Dies sind meine letzten Zeilen, mein Abschied. Wer auch immer dies liest: Wisse was du hast, zu schätzen. Du könntest es schneller und brutaler verlieren, als du dir vorstellen kannst.

Tag 24

Unmöglich. Das ist einfach unmöglich! Wie kann das sein, wie kann ich noch leben?! Ich sollte tot sein! Verflucht noch mal! Fickt euch! Wer auch immer hierfür verantwortlich ist: FICKT EUCH!!!

Tag 30

Habe ein paar Tage gebraucht, um mich zu beruhigen. Auch wenn ich es nicht zugeben will: Die Arbeit hat geholfen.

Der Alte hat mich noch am Tag meines Erwachens nach meinem gescheiterten Selbstmordversuch aufgesucht und mir alles erklärt. Ich sei nicht der erste und werde nicht der letzte sein, der versucht diesen Ausweg zu nehmen. Er hätte es mir vorher sagen können, hat es aber nicht getan, da er es für unwahrscheinlich hielt, dass ich ihm Glauben schenken würde. Vermutlich hat er recht.

Ich glaube es ja immer noch nicht wirklich, obgleich ich dabei zusehen kann, wie die tiefen Wunden an meinen Handgelenken, die ich mir mit einem Stift beigefügt und von denen ich erwartet habe, dass sie mich langsam ausbluten lassen, sich weiterhin schließen. Sie sind fast nicht mehr zu erkennen, spüren tue ich den Heilungsprozess aber sehr wohl. Es tut höllisch weh. Macht die Arbeit nicht leichter, werde wohl davon absehen es auf einen zweiten Versuch ankommen zu lassen…

Die Schonfirst/Ruhe, die ich dadurch erhalten habe, ist es jedenfalls nicht wert gewesen, sonderlich erholter als sonst habe ich mich nach dem unerwarteten, neuerlichen Aufwachen nicht gefühlt. Dafür unendlich erschlagen. Ich hätte schreien und heulen können, stattdessen habe ich einfach stumm vor mich hin gelitten und meiner Wut nur schriftlich Ausdruck verliehen.

Tja, wenn man mich in diesem Loch nicht einmal sterben lässt, bleibt mir wohl wirklich keine andere Wahl, als mein Schicksal zu akzeptieren. Ich möchte gerne darüber verzweifeln, doch empfinde ich nur Resignation. Eine Leere breitet sich in meinem Inneren aus, die mich vermutlich irgendwann vollständig ausfüllt. Dann wird mir alles gleichgültig sein, ich werde gänzlich zu einem Teil dieses sinnfreien Mechanismus. Beinahe erfüllt mich dieses Bild mit einer friedlichen Glückseligkeit.

Besser jedenfalls, als sich Tag ein Tag aus über sein Los zu grämen und zu fürchten, was passiert, wenn ich einmal unachtsam bin, wenn mich die schwarzen Bestien holen, mich zu sich herabziehen…

Ich sollte nicht länger darüber nachdenken, die Arbeit ruft.

Tag 51 – Das Aufwachen – seltsam, wie ich die Tagesziffer, ohne groß darüber zu sinnieren (ich zähle nicht mehr) jederzeit abrufen kann; beinahe so, als würde sie in meinen Verstand gebrannt, während sie meine Vergangenheit langsam auslöscht.

Ich habe beschlossen den täglichen Ablauf dieser Hölle niederzuschreiben. Sehr wahrscheinlich wird das nicht der erste Bericht dieser Art, aber was soll ich sonst noch schreiben? Ist ja nicht so, dass hier außergewöhnlich abwechslungsreiche Ereignisse stattfinden. Und mich an das verblassende Leben vor all dem hier zu erinnern, deprimiert mich nur.

Wir wachen jeden Morgen(?) – ernsthaft, ich habe keine Ahnung zu welcher Zeit wir erwachen, morgens, mittags, abends? Ich weiß ja nicht einmal, wie viele Stunden ein Tag hier unten hat, geschweige denn, ob es eine Sonne gibt, an der sich das Vergehen der Zeit messen ließe – zeitgleich auf. Es scheint, dass jemand einen Schalter umkippt und wir simultan aus unseren unbequemen Schlafgelegenheiten steigen.

Im Anschluss daran holen wir unsere Tagebücher hervor, die wir zumeist direkt neben uns liegen haben und beginnen die unterschiedlichen Aufzeichnungen mit einem nicht versiegenden Stift – sieht aus wie ein Bleistift, fühlt sich aber nicht nach einer Holzummantelung an und die pechschwarze Spitze ist eisig kalt, wie der Stein der uns umgibt – niederzuschreiben.

Die Bücher selbst sind schlicht gehalten. Schwarzer ledernder Einband – zumindest vermute ich, dass es sich um Leder handelt –, welcher recht steifes, dickes, beiges Papier enthält, auf dem unsere Schreibutensilien mehr kratzen als elegant gleiten. Ich frage mich was passiert, wenn das Buch einmal vollgeschrieben ist, bekommen wir dann ein neues? Bisher kommt es mir so vor, als wäre ich nicht allzu weit fortgeschritten, obwohl ich nicht gerade klein schreibe und das Buch nicht sonderlich dick ist. Ist es am Ende womöglich genauso endlos wie unser Leben hier unten?

Irgendwie eine grässliche Vorstellung.

Tag 52 – „Hier“

Ich rede die ganze Zeit von dem ominösen „hier“, dabei sollte ich vielleicht erst einmal beschreiben, worum es sich dabei überhaupt handelt.

Einfach gesagt: Eine Mine. Ich bin ehrlich, ich habe absolut keine Ahnung vom Bergbau, aber Bilder von Stollen habe ich zumindest schon einmal gesehen und wenn ich unsere Arbeit hier unten bedenke, bleibt kaum ein anderer Schluss übrig.

Bei unserem Schlafgemach handelt es sich um einen großen Höhlenraum, der von mehreren Seiten von dicken, stammartigen Balken gestützt wird. Diese Balken sind kaum von den Wänden zu unterscheiden, weil beide pechrabenschwarz sind. Woher sie kommen, weiß ich nicht, ich habe hier unten jedenfalls noch kein einziges Gewächs entdeckt.

Über uns hängt in unerreichbarer Höhe, eine einzige einsame Lampe, die aus einer Art Eisen geschmiedet zu sein scheint. Das flackernde, ewig brennende Feuer darin spendet nur wenig bis gar kein Licht, doch das ist auch nicht nötig, ich habe mich schnell an die Dunkelheit gewöhnt. Fast schon stört es mehr, als dass es hilft, erinnert es einen doch nur an die warmen strahlen eines glühenden Sterns, dessen Schein wir nie wieder spüren werden.

An unserem Schlafraum liegt direkt ein weiterer, zu dem ich noch komme.

Von beiden gehen zudem mehrere Gänge ab, die tiefer in die Mine führen, welche sich wiederum ebenfalls in weitere Schächte abzweigen. Bisher habe ich noch keinen Überblick darüber gewonnen, welcher Gang wohin führt. Für mich sehen sie alle gleich aus. Würde ich hier den Anschluss verlieren, ich würde mich in dem Labyrinth nie zurechtfinden und entweder elendig verhungern oder entführt werden, so viel ist sicher.

Was gibt es noch zu sagen? Ach ja, die Gänge werden in regelmäßigen Abständen, so wie unser Schlafraum ausgeleuchtet, wobei auch hier gilt, dass die Strahlen der Orientierung nur bedingt nutzen. Außerdem herrscht jederzeit eine gewisse Kühle innerhalb des schwarzen Felsens um uns herum. Der Stein selbst hingegen fühlt sich regelrecht eisig an, was mich zu der Vermutung bringt, dass die Minen unserer Stifte aus demselben Material bestehen.

Tja und viel mehr gibt es nicht oder zumindest habe ich bisher nicht mehr zu Gesicht bekommen. Selbst wenn da noch mehr wäre, bin ich mir nicht sicher, ob ich es wirklich sehen wollen würde. Die Eintönigkeit hat etwas Tröstliches an sich, es ist eine Kontante, auf die Verlass ist. So wie jeder Tag dem anderen gleicht, verändern sich auch die Umgebungs-Bedingungen nie. Das ist zwar öde, aber wenigstens kann ich mich darauf einstellen und muss nicht jeden Morgen(?) mit neuen Überraschungen rechnen.

Tag 53

Sie haben schon wieder einen von uns geholt. Er ist zusammengebrochen, konnte einfach nicht mehr. Habe nur aus den Augenwinkeln gesehen, wie eines der Wesen ihn gepackt und mit sich geschleppt hat; mich nicht getraut näher hinzusehen. Muss durchhalten, darf niemals nachgeben.

Ich will nicht wissen, wohin sie einen bringen…

Kann heute nicht schreiben.

Tag 57

Der Schock über den entführten Kameraden steckt mir noch tief in den Knochen. Gleich am nächsten Tag ist jemand Neues gekommen, wie schon bei dem Jungen zuvor. Eine Frau dieses Mal – wir sind ein buntgemischter Haufen. Männer und Frauen, jung und alt, gesund und gebrechlich, die machen keinen Unterschied; wer nicht arbeitsfähig ist, wird geholt.

Scheinbar werden wir immer dann, wenn einer mitgenommen wird, ersetzt. Ich habe bisher nicht darauf geachtet, aber es könnte durchaus sein, dass sich die Anzahl der Betten nie ändert und sie immer besetzt sind. Werde das beobachten, nicht, dass mir dieses Wissen irgendetwas nutzen würde…

Der Neuzugang hat sich schnell mit seiner Situation abgefunden, ähnlich wie ich damals. Wahrscheinlich plant sie insgeheim schon ihre Flucht. Sie wird schon noch dahinter steigen, dass es von hier kein Entkommen gibt. Oder bei dem Versuch von der Dunkelheit verschluckt werden…

Tag 58 – Das Gebet und das Mahl

Nach unserer Niederschrift gehen wir zu dem Nebenraum herüber. Dieser ist ungefähr genauso groß wie unser Schlafgemach, weist jedoch keinerlei Lichtquelle auf. Seltsamerweise scheint das Licht von nebenan nicht einmal m Ansatz hinein, fast so, als würde es ab der Schwelle einfach verschluckt werden.

Das Zentrum des Raumes wird durch einen tiefschwarzen, perfekt geformten Monolithen dominiert. Er ist rechteckig geformt, einen knappen Meter breit und ragt gute fünf Meter in die Höhe. Sein Schwarz ist so intensiv, dass er sich deutlich von der Dunkelheit um ihn herum abhebt. Wer ihn zu lange anschaut hat das Gefühl, sich in seiner Endlosigkeit – die den Eindruck erweckt, einen eigenen Kosmos zu beherbergen – zu verlieren. Es wird unter den Kameraden gemunkelt, dass dies schon geschehen sei, was darin endete, dass die betreffende Person verschleppt worden ist. Grund genug für alle, das Ding nicht zu lange anzustarren.

Vor diesem Stein platzieren wir uns ringsherum, gehen vor ihm in die Knie in eine gebetähnliche Haltung, schließen die Augen und schweigen eine Weile lang. Manch einer von uns betet tatsächlich, zu seinem Gott, um Erlösung oder zu jedweder Wesenheit, die bereit ist, ihn anzuhören. Ich hingegen nutze die Stille, für ein paar weitere Minuten der Erholung, wobei ich achtgeben muss, nicht einzunicken. Dem das geschieht, der wird, wie sollte es auch anders sein, verschleppt. Auch wird jede andere Störung des „Gebets“ auf diese Art geahndet, so erzählt man sich zumindest. Selbst erlebt habe ich bisher weder das eine noch das andere und kann auch gut darauf verzichten.

Nach dem stillen Gebet – wir öffnen zeitgleich die Augen, so wie wir auch jedes Mal gleichzeitig aufwachen –, steht vor jedem von uns bereits eine Schüssel mit einer klaren Flüssigkeit darin, die vage an eine Art Suppe erinnert. Sie ist dünn und fast geschmacklos, aber offenkundig nährstoffreich, wäre dem nicht so, hätte ich schon lange nicht mehr stehen, geschweige denn in der Mine arbeiten können.

Es ist die einzige Mahlzeit, die wir zu uns nehmen. Hunger verspüre ich jedoch nie, was meine Theorie nur unterstreicht.

Danach bleibt uns noch Zeit, den hinteren Teil des Raumes aufzusuchen. Hier befindet sich ein tiefes, gähnendes Loch, breit genug, dass alle Bergwerkarbeiter bequem nebeneinander davor stehen können – was nie passiert. Es dient einem einzigen Zweck: Seine Notdurft zu verrichten. Eine andere Gelegenheit bekommen wir am Tag nicht, weswegen es gut entschieden sein will, darauf zu verzichten. Seine Scham verliert man spätestens nach zwei maximal drei langen Tagen der Arbeit, ohne sich erleichtert zu haben…

Tag 59

Es hat einen Einsturz gegeben, ein gutes Dutzend meiner Kameraden ist verschüttet worden. Ich bin nur knapp davongekommen.

Heute früh(?) ist mir aufgefallen, dass sie nicht wiedergekommen sind. Man hat mir erklärt, dass sie auch nicht wiederkommen werden. Sie sind jetzt „bei ihnen“. Der Alte, der mit mir so bereitwillig sein Wissen geteilt hat, war ebenfalls unter den Verschütteten.

Ich empfinde es als äußerst unfair, dass diejenigen von uns, die durch einen Unfall sterben, ebenfalls geholt werden. Aber was bringt mir diese Regung schon? Weder der alte Mann noch die anderen, werden dadurch wiedererweckt. Sie sind weg. Ich sollte sie einfach vergessen.

Heute haben wir nur einen Neuzugang begrüßt. Scheinbar werden unsere Reihen nach dem Holen mehrerer Personen nur langsam aufgestockt.

Tag 66 – Die Arbeit

Kommen wir zum interessanten, wenn auch eintönigen Part.

Nachdem wir gebetet, gegessen und geschissen haben – Verzeihung für die Ausdrucksweise, irgendwann gewöhnt man sich hier unten einen recht derben Tonfall an –, geht es zurück zu unseren Schlafplätzen, auf denen nunmehr unsere Ausrüstung ausgebreitet liegt.

Abends entkleiden wir uns fast vollständig, seltsamerweise macht uns die Kühle nichts aus. Die – hoffnungslos verdreckte – Kleidung legen wir sauber gefaltet neben unsere Schlafstätten, am nächsten Morgen(?) sind sie verschwunden und tauchen erst während unserer Abwesenheit wieder auf.

Langsam hege ich ja den Verdacht, dass wir nicht die einzigen Menschen hier unten sind. Womöglich gibt es mehrere Gruppen. Uns, die Bergarbeiter und die Versorger, die unsere Kleidung reinigen – sie wird nie blitzblank, aber zumindest ansehnlicher – und uns unser Mahl zubereiten. Führen wir diesen Gedanken weiter, gibt es vermutlich sogar solche, die außerhalb dieses Bergwerks leben um Beispielsweise das Material zu besorgen, mit denen die Wände der Stollen gestützt werden.

Aber das sind nur Mutmaßungen, genauso gut könnten es auch die Schattenkreaturen, eine andere höhere Macht oder intelligente, empfindungsfähige Steine sein, die uns am Leben halten…

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja.

Unsere Kleidung besteht aus unerwartet bekannten Stücken: Ein kariertes Hemd, aus dickem Stoff, sowie eine Jeans-Latzhose, die ebenso einiges aushält. Zudem liegt ein Werkzeuggürtel und das wichtigste Utensil bereit: eine massive, schwere Spitzhacke.

Als ich das erste Mal beauftragt wurde, dass Abbaugerät auch nur anzuheben, habe ich mir dabei schon beinahe einen Bruch geholt. Die Vorstellung es auch noch schwingen zu müssen, um massives Gestein zu zermalmen, hat mich hysterisch ausflachen lassen. Nun, was soll ich sagen, die ersten Tage waren ein Albtraum aus brennenden Muskeln, bebenden Knochen und einer Erschöpfung, die ich nicht für möglich gehalten habe. Ich meine, ich bin harte Arbeit gewohnt, aber eben nicht auf diese Art…

Dennoch habe ich weiter gemacht, ohne Unterlass. Bin morgens aufgestanden, der Routine und schließlich den anderen gefolgt, um zu unserer jeweiligen Abbaustelle zu gelangen, die jedes Mal woanders zu liegen schien – wobei ich mich hierbei auch irren kann, wie gesagt, eine nennenswerte Orientierung habe ich mir noch nicht erarbeiten können.

Angekommen braucht man mir keine Stelle zuweisen, die ich bearbeiten soll, ich weiß instinktiv, wo es erforderlich ist, so wie einige von uns, ohne eine Ahnung zu haben, woher diese Information kommt, den Weg kennen, den sie einschlagen müssen, um zu dem Platz des jeweiligen Tages zu gelangen.

Die Bearbeitung ist monoton und anstrengend. Die meiste Zeit hebe ich nur die Spitzhacke und lasse sie auf das Gestein niederfahren, mit so viel Schwung und Kraft wie mir möglich ist. Dabei vibriert jeder Treffer mir bis zu den Zähnen hinauf und zu den Zehen hinab. Nicht selten bekomme ich davon Kopfschmerzen, was noch das geringste Übel ist. Die Müdigkeit ist viel schlimmer.

Selbst jetzt noch, da ich mich langsam an die körperlich fordernde Aktivität gewöhne und binnen kurzer Zeit stark an Muskelmasse zugelegt habe, mache ich noch den Fehler mich nach den ersten paar Schlägen zu überschätzen. Ich sage mir hey, dass läuft doch ganz gut und so schwer wird es heute schon nicht werden, doch einige Minuten später spüre ich bereits, wie es an meinen Kräften zehrt und ich weiß: Ich habe noch einige Stunden vor mir.

Doch so anstrengend es auch ist, so nahe ich mich manchmal auch der Ohnmacht fühle oder einfach aufgeben, das Werkzeug und mich fallen lassen und hemmungslos zu weinen anfangen will, weil ich einfach nicht mehr kann, weil ich am Ende bin, ich mache einfach weiter. Immer weiter.

Angst ist ein verdammt guter Motivator.

Wir müssen los, schreibe morgen weiter.

Tag 67 – Die Arbeit Teil 2

Wo war ich zuletzt?

Angst… oh ja. Es ist seltsam, wie so vieles an diesem fremdartigen Ort. Angefangen damit, dass ich mich trotz der aberwitzigen Situation schnell in mein Schicksal gefügt habe, bis hin zu der Tatsache, dass wir immerzu wissen, was von uns wann erwartet wird, ist hier unten alles sehr seltsam. Um nicht zu sagen verrückt, aber dieses Wort benutzen wir nicht, wie ich mittlerweile erfahren habe. Wir sind nicht verrückt, denn wer verrückt ist, verhält sich unberechenbar und wer sich unberechenbar verhält, macht Fehler und wer Fehler macht… nun, das hatten wir ja schon.

Genauso verhält es sich jedenfalls mit der Angst. Obgleich wir resignieren und oftmals gefühlskalt mit unserer Lage umgehen, verspüren wir doch dieses eine zu erwartende Gefühl, wenn jemand entführt wurde, in einer Mine aufwacht und von ihm erwartet wird, fortan als Sklave zu schuften, bis er halbtot umkippt.

Es sind jedoch nicht die Umstände, die uns ängstigen – obwohl sie es sollten –, sondern die Ahnung darum, was mit uns geschieht, wenn wir nicht tun, was von uns verlangt wird.

Auch wenn ich erst später von den Schattenkreaturen erfahren habe – so nennen die anderen sie zumindest, sehr einfallsreich, nebenbei bemerkt –, so habe ich doch schon von Anfang an irgendwo in meinem Unterbewusstsein geahnt, dass sie existieren. Allerdings habe ich keinerlei Vorstellung davon, was sie mit uns anstellen, wenn sie einen der unseren mit sich nehmen. Ehrlich gesagt, bin ich ganz froh darüber, ich glaube so genau will ich es gar nicht wissen.

Jedenfalls würde niemand von uns auf die Idee kommen, seine Arbeit einfach ruhen zu lassen, da er, auch ohne, dass ihm das jemand sagt, genau weiß, dass ihm das nicht gut bekommen würde. Deswegen schuften wir weiter, auch wenn wir längst nicht mehr können – von „wollen“, kann ohnehin keine Rede sein.

Tag 70 – Theorien

In Mutmaßungen anstellen habe ich mich bisher doch ganz passabel angestellt, warum also damit aufhören? – und keine Sorge, ich fange nicht wieder von intelligenten Steinen an, obgleich ich ihnen ihre Existenz nicht absprechen möchte!

Hier kommt jedenfalls eine Theorie darüber, warum wir uns so verhalten, wie wir es tun und woher wir Dinge wissen, die uns eigentlich verschlossen sein sollten.

Es liegt an der Nahrung oder etwas in der Luft, vielleicht auch beides, sicher sein kann ich mir da nicht. Ich glaube, die – wer auch immer sie sein mögen – versorgen uns mit irgendwelchen Pheromonen oder was weiß ich für Stoffen, die uns teilweise sedieren, damit wir nicht durchdrehen – was nicht bei allen, vor allem Neuankömmlingen, zu funktionieren scheint (die Gründe hierfür erschließen sich mir nicht, bisher sind mir keine einheitlichen Merkmale aufgefallen) – und gleichzeitig unser Bewusstsein anregen. Vielleicht sind es auch irgendwelche Töne, die so laut oder leise schallen, dass wir sie nicht bewusst hören können oder etwas Telepathisches…

Ok, ich gebe es zu, ich habe keine Ahnung. Vielleicht doch intelligente Steine… oder vielmehr, ein Stein.

Ganz recht, der Monolith, den wir täglich anbeten – sollen. Symbolisiert er eine Art Gottheit, für die wir uns hier unten abrackern. Ist es unser Herr und Meister, der Marionettenspieler, der unsere Fäden führt oder gar selbst nur ein Untergebener, der einem höheren Wesen dient?

Was wohl passieren würde, wenn wir ihn zerstören? Wahrscheinlich würden wir ihm nicht einmal einen Kratzer zufügen können. Mal abgesehen davon, spüre ich regelrecht, den Widerwillen in mir aufsteigen. Er stammt nur zur Hälfte von meinem Überlebensantrieb, die andere Hälfte ist eindeutig eine Kontrolle von außen, die mich daran hindern will, derartigen Gedanken auch nur nachzugehen.

Das ist mir schon öfter aufgefallen, wenn ich mir zu sehr den Kopf zerbreche, spüre ich unterschwellige… Signale – ich weiß nicht, wie ich es anders beschreiben soll – die mich geistig in andere Bahnen zu lenken versuchen. Meist mit Erfolg. Schon komisch, dass es so offensichtlich geschieht. Mangelt ihnen die Möglichkeit, es unbemerkt zu vollbringen oder ist es ihnen schlicht egal, weil sie uns sowieso überlegen sind?

Was wohl passieren würde, wenn wir uns gegen die Schattenkreaturen wehren? Wahrscheinlich würden wir alle bei dem Versuch draufgehen und einfach eine neue Generation unseren Platz einnehmen.

Ich drehe mich im Kreis, oder? Ich sollte das Denken über eine Revolution einfach lassen, ist sowieso nicht zielführend. Die Arbeit ruft.

Tag 132

Sie beherrschen mich. Die Bastarde haben mir nicht nur die Kontrolle über meinen Körper genommen, sondern auch über meinen Verstand. Sechzig Tage, fast die Hälfte der Zeit, die ich nunmehr hier unten verbringe, haben sie mich einfach arbeiten lassen, ohne dass ich noch Raum für eigenen Gedanken zugesprochen bekommen habe.

Ich verstehe schon, Aufrührer werden sanft niedergedrückt. Arbeite ich hingegen einfach, wie man es von mir erwartet, wird meine Leine locker gehalten und ich darf mich dieses winzigen Stückes Freiheit erfreuen.

Nun, eine Zelle mit Bewegungsspielraum ist immer noch besser als eine Zelle, in der mir nur bleibt still verharrend aus einem Fenster zu starren, oder?

Oder?

Tag 145

Die Erkenntnis hat mich ernüchtert. Hatte keine Lust zu schreiben und empfinde sie auch jetzt nicht, zwinge mich trotzdem dazu, denn was bringt mir meine Restfreiheit, wenn ich sie nicht nutze? Dann kann ich mich auch gleich verschleppen lassen…

Nein, alles bloß das nicht. Auch wenn ich nicht weiß, was mich erwarten würde, allein der Gedanke daran erfüllt mich mit einem solch tief sitzenden Schrecken, dass mir schlecht wird. Es lässt mein Herz rasen, meinen Atem stocken, mich eine Turbulenz der Gefühle durchleben. Panik, Verzweiflung, Einsamkeit, Traurigkeit, der Wunsch nach Erlösung und allen voran: Schmerz. Vibrierender, Knochen zermalmender und Fleisch zerreißender Schmerz. Mein Blut gefriert, Eiswasser durchdring meine Haut, kristallisierte Tränen werden durch meine Augen gepresst.

Nein, alles nur das nicht. Niemals.

Muss arbeiten.

Gott – oder wer auch immer –, hilf mir. Ich will nicht so enden.

Tag 157

Nichts besonderes zu berichten.

Tag 180

Ein weiterer Stollen ist eingestürzt. So viele Entführte…

Darf nicht scheitern.

Tag 199

Bald schon sind es zweihundert. Wie viele Tage werde ich noch zählen? Dreihundert? Fünfhundert? Tausend? Eine Bazillionen?

Ich habe mich unter einigen der – noch lebenden – Älteren mal umgehört. Manch einer von ihnen ist schon weit über hundert Jahre alt und hat den Großteil dieser Zeit hier verbracht. Sie sind nur noch wandelnde Hüllen, die gelegentlich ein paar Satzfetzen von sich geben.

Aber sie leben. Sie leben bis sie eines Tages doch einen Fehler begehen und dann… nein, nicht darüber nachdenken.

Wie lange werde ich wohl durchhalten? Die Alten altern. Sie sind unsterblich, aber gebrechlich. Dass sie überhaupt noch ihr Werkzeug tragen können, unfassbar. Ihre abgemagerten Körper wirken wie dünnes, trockenes Astwerk, das bei dem leisesten Windhauch bereits entzwei geht. Aber sie stehen und sie stehen jeden Morgen(?) auf und sie beten, essen, scheißen, arbeiten, kehren zurück, schlafen und von vorn.

Sie leben.

Ich muss auch leben und arbeiten. Darf nicht aufgeben, nie.

Tag 210

Heute ist endlich wieder Waschtag.

Das habe ich noch nicht erwähnt, oder? Einmal jede Woche, gehen wir versammelt zu einem von scheinbar mehreren Schächten, die unter Wasser stehen. Das kühle Nass ist mehr als das: Es ist eisig, dass es nicht gefriert grenzt an ein Wunder. Aber nach einer langen Woche, ist es dennoch eine Wohltat darin zu baden.

Am Ende eines Tages steht nicht nur meine Kleidung, sondern auch ich selbst vor Dreck und Schweiß. Am Ende einer Woche, erkennt man uns unter der schwarzen Kruste, die sich um unsere Körper schmiegt, kaum mehr als Menschen wieder.

Nach dem Bad ist das Wasser schwarz – wenn es das nicht schon vorher ist, so genau erkenne ich das nie – und wir fühlen uns wenigstens wieder ansatzweise menschlich. Nicht, dass das lange anhält…

Tag 230

Jetzt weiß ich es.

Ich weiß was mit den Verschleppten geschieht.

Das Wissen hat sich in meinen Geist gebrannt. Ich sehe es klar vor mir, selbst jetzt noch, selbst wenn ich die Augen schließe. Immerzu.

Bitte lass mich vergessen. Ich bitte dich, wer du auch sein magst, ein Gott, ein Teufel, ein außerweltliche, alles beherrschende Wesenheit, die wir kleingeistigen Menschen uns nicht einmal vorzustellen vermögen, bitte, lass mich vergessen!

Ich bete zu dir. Ich bete jeden Tag zu dir, wenn dies dein Wille ist.

Ich arbeite. Ich arbeite bis in alle Zeit weiter, für dich.

Nur bitte, bitte, bitte, BITTE, lass mich vergessen…

Ich bitte dich.

Tag 231

Es hat meinen Wunsch nicht erhört.

Werde trotzdem beten.

Und arbeiten, selbstredend.

Ich zittere. Darf keine Fehler machen. Niemals. Nie.

Tag 263

Ich kann es nicht länger für mich behalten. Es treibt mich noch in den Wahnsinn. Muss es niederschreiben, vielleicht wird es dann besser. Vielleicht.

Hoffentlich.

Tag 270

Kann mich nicht dazu durchringen. Es stetig vor mir zu sehen ist schlimm, es bewusst abzurufen, um es zu beschreiben, ist… unmöglich. Nein, zwing mich nicht dazu.

Tag 272

Er zwingt mich, besteht darauf, dass ich es endlich in Wort kleide.

Niemand zwingt mich, niemand besteht darauf, denn da ist niemand außer meiner selbst.

Ich werde verrückt, führe Selbstgespräche, höre eine Stimme, die wie meine klingt, aber nicht die meine ist.

Darf nicht verrückt werden. Darf nicht verrückt sein!

Unberechenbarkeit ist tödlich. Nein, schlimmer als tödlich.

Unberechenbarkeit ist Verdammnis.

Tag 279 – Die Gezeichneten

Es hat mich eine weitere Woche gekostet, doch so langsam komme ich wieder zu mir. Ich die Gunst der Stunde nutzen, um es mir endlich von der Seele zu reden.

Die Gezeichneten, so nennen meine Kameraden sie. Diejenigen die entführt, verschleppt, in die Dunkelheit gezerrt werden. Manchmal kommen sie wieder, manchmal erhaschen wir einen letzten Blick auf sie, bevor sie endgültig verschwinden. Konnten sie fliehen oder treiben die Schattenkreaturen nur ein böses Spiel mit ihnen? Ganz egal, sie sind so oder so verloren. Wenn ihre Augen wie Abgründe wirken, sind sie verdammt. Gezeichnet.

Es war ein Arbeitstag wie jeder zuvor. Ich habe mit meiner treuen Spitzhacke auf den Fels eingedroschen, ohne Unterlass, ohne Pause, ohne zu klagen. Und doch wurde ich bestraft, bestraft mit Wissen.

Fluch und Segen, in diesem Fall, ganz klar Fluch.

Und Macht, die Macht den menschlichen Geist in seinen Grundfesten zu erschüttern, ihn zu zerstören.

Wir sollten das Streben danach ein für alle Mal einstellen, zu Stock und Stein zurückkehren, sammeln und jagen, statt zu erforschen und zu ergründen. Es wird unser Untergang sein. Aber ich schweife ab. Das unabwendbare Aussterben meiner Rasse werde ich ohnehin nicht mehr miterleben.

Ich habe gearbeitet. Schlag auf Schlag. Klonk, klonk, klonk. Immerzu und immer weiter. Felsen der unter meinen Schlägen zermalmt wird, eine Urgewalt in Menschengestalt. Gesteinssplitter fliegen durch die Luft, Zentimeter für Zentimeter arbeite ich mich weiter in ungewisse Gefilde, aus Gründen, die ich nicht begreifen muss.

Klonk, klonk, klonk.

Und dann: Ein ungewohntes Geräusch. Hoch. Zu hoch. Und feucht. Etwas sickert aus dem Loch heraus, welches ich gerade erst geschlagen habe. Es ist schwarz, zähflüssig. Ich lasse mich nicht irritieren, darf nicht unterbrechen, sonst holen sie mich.

Ein neuerlicher Schlag, das seltsame Geräusch ertönt erneut. Ich ziele weiter nach unten, versuche es zu meiden, doch es hilft nicht. Jeder weitere Treffer lässt die Spitze meiner Hacke schneller und tiefer in die Wand graben, fördert mehr und mehr der schwarzen Masse hervor. Statt Splittern fliegen mir nun Tropfen entgegen. Sie klatschen auf den Boden und auf mich, ich schlage weiter zu.

Schließlich erkenne ich es: Die feinen Züge einer bekannten Visage. Ein Gesicht, pechschwarz wie der Stein und deformiert zwar, doch unverkennbar. Der Mund ist zum Schrei weit geöffnet, die Augen ebenso, der blanke Schrecken spricht aus ihnen, zusammen mit dem Flehen, ich möge aufhören!

Ich halte inne, aber nur für Sekunden, da ich sie bereits näherkommen spüre. Sie werden auf mich aufmerksam, riechen meine Angst, meine Bereitschaft die Arbeit liegen zu lassen. Sie werden mich holen kommen, wenn ich nicht sofort weiter mache. Eine andere Stelle suchen kann ich mir nicht, mir ist diese hier zugewiesen worden. Ich muss sie bearbeiten, tiefergraben, mich durch meinen ehemaligen Kameraden hindurchgraben.

Die Spitzhacke fährt auf seinen Schädel nieder, zertrümmert ihn noch ein wenig mehr, so dass weiteres Blut – ich bin mir sicher, dass es sich darum handelt – aus ihm heraustrofft. Und er schreit, schreit ohne einen Ton von sich zu geben. Ich spüre sein Leid, seine Qual, seinen nicht enden wollenden Schmerz.

Jetzt fliegen mir wieder Splitter, vermengt mit andersartigen Klumpen entgegen. Knochen und Fleisch, die zu einem Teil des Gesteins geworden sind. Sie tragen den Fels in sich, so wie der Fels sie in sich trägt. Er hat sie schwarz gefärbt, hat sich mit ihnen vermischt, hat sie zu einer widernatürlichen Abartigkeit werden lassen, die ohne Gegenwehr zu endloser Pein gezwungen wird. Zu einer Pein, die ihre eignen Kameraden ihr zufügen.

Nachdem ich das Gesicht weggeschlagen habe, bearbeite ich nur noch Stein. Der restliche Körper fehlt, doch ich bin mir sicher, dass er irgendwo darin schlummert. Mehr noch, ich weiß, dass es so ist. Genauso wie ich weiß, dass die Auslöschung des zu Fels gewordenen Hirns meinem Kameraden keine Erlösung gebracht hat.

Sein Bewusstsein steckt noch immer darin, spürt jeden Schlag im Gestein als wäre dieser sein Körper. Seine fleischliche Hülle mag weit über ihn verteilt sein, doch selbst wenn der unwahrscheinliche Fall eintritt, dass wir jeden Zentimeter davon abschlagen, wird er immer noch leben. Er ist zu einem Teil des endlosen Gebirgsmassivs geworden, welches wir bearbeiten.

Morgen weiterschreiben. Muss arbeiten, weitere Kameraden zerschlagen, zerschmettern und zermalmen.

Tag 280 – Die Hölle

Das ist sie doch, oder? Das hier ist die Hölle. Ich bin tot und in der Hölle gelandet. Nur besteht sie nicht aus einem brennenden Infernal, sondern aus einem Berg. Ein Berg aus Menschen, den Menschen abarbeiten, bis sie selbst zum Berg werden, ihn wieder wachsen lassen, damit die Nachfolger genug Material zur Verfügung für ihre Arbeit haben.

Wir höhlen uns selbst aus, bauen uns ab, Tag für Tag, Schlag für Schlag, reißen wir Löcher in unser Innerstes bis wir komplett leer und geplündert sind. Wir vernichten unsere Kameraden und unsere Seelen. Geistlos bearbeiten wir das Gestein, die, nein den Körper der Gezeichneten, bis wir umkippen, die Wächter des Gefängnisses, die Dämonen, die Diener des Teufels uns holen kommen, uns zu einem Teil des Wahnsinns machen.

Das Rad dreht sich immer weiter, ohne Rast und wir haben keine andere Wahl, als es in Bewegung zu halten. Zu groß ist die Angst vor dem, was kommt, wenn wir uns weigern. Für unsere eigene Freiheit, für das Verlängern unserer Gnadenfirst, gehen wir über Leichen.

Ironischerweise stelle ich verbittert fest, dass die Hölle in dieser Hinsicht kaum von meiner Heimat unterscheidet…

Tag 365

Ein Jahr geschafft.

Habe Kameraden kommen und gehen sehen, keine Freundschaften aufgebaut, weil sie nie lange halten und gearbeitet. Und gebetet, natürlich.

Der Teufel oder wer auch immer Herr über diese Hölle ist, hört uns stets zu, da bin ich mir sicher. Er hört unser Klagen, unser Flehen, unser Stöhnen, unsere stummen Schreie. Nicht jedoch von mir. Von mir hört er nur Danksagungen, Danksagungen darüber, dass er zulässt, dass ich weiter abbaue, sowohl an Kameraden als auch an Gewissen.

Wenn ich heute auf ein Gesicht, eine Hand, eine Brust oder irgendein beliebiges anderes Körperteil stoße, zögere ich nicht länger. Ich zerschmettere es, wie jeden Stein. Zermahle Knochen, zerstückle Fleisch, bade in Blut. Es ist mir gleich, so wie es später anderen gleich sein wird, wenn sie Selbiges mit mir tun.

Der Berg aus Körpern wird und wird nicht kleiner, doch ich will verflucht sein, wenn ich nicht wenigstens versuche, ihn zu dezimieren!

Für dich Herr. Dein Wille geschehe, auch in diesem aus Fleisch erbauten Tempel des Irrsinns.

Tag 366

Anmerkung/Erkenntnis: Die Stützen, die ein Einstürzen der Stollen oder unseres Schlafgemaches verhindern sollen, sind ebenfalls menschlicher Natur. Es sind die durch Unfälle umgekommene. Ihnen wird eine geringfügige Gnade zuteil, weil sie „für die Sache“ gestorben sind und nicht etwa, weil sie faul und träge geworden wären.

Zumindest möchte ich das gerne glauben. Manchmal meine ich, sie mir zuflüstern zu hören, wenn ich an einer Stütze vorbeilaufe.

Vielleicht verliere ich auch einfach nur den Verstand.

Tag 700

Bald zwei Jahre geschafft. Kommt mir vor wie ein ganzes Leben.

Keine Klage, nur eine Feststellung.

Tag 711

Größter Einsturz seit meinem Hiersein. Außer mir und einer Handvoll der Ältesten hat kaum einer überlebt. Das werden anstrengende Tage. Unter den reichen Neuzugängen werden einige sein, die ihr Schicksal nicht akzeptieren wollen. Der Berg wird wachsen…

Ich verstehe es als Prüfung, die ich gewissenhaft annehme. Am Ende meiner Zeit, wird der Berg kleiner als je zuvor sein, das verspreche ich! Ich muss nur härter arbeiten, mehr Knochen zerbrechen.

Heute werde ich besonders intensiv beten, um Kraft für meine bevorstehende Aufgabe bitten, auch wenn ich weiß, dass er mich nicht erhört, mir nichts schenkt, sondern nur noch mehr aufhalst. Es ist in Ordnung, ich ertrage es, wie alles zuvor auch.

Tag 1.095

Drei Jahre. Kein Grund zu feiern, sehe es nur als Ansporn noch härter zu schuften. Immerhin wird mir die Ehre zuteil, noch zu leben, um dies zu ermöglichen. Wofür sonst bin ich hier, wenn nicht, um meine Pflicht zu erfüllen?

Er hat mein Potenzial erkannt und mich deswegen zu sich geholt, ja, so muss es sein. Mein nichtiges, bedeutungsloses, vergangenes Selbst ist nicht mehr. Es ist tot, hätte niemals existieren dürfen. Es erfüllt mich mit Traurigkeit, dass ich fünfunddreißig Jahre verschwendet habe, statt ihm zu dienen, statt den Berg zu zerschlagen.

Das Wachstum hätte vermindert werden können, stattdessen ist es gefördert worden. Durch Trägheit, weil die Arbeiter faul sind, von lästigen Gefühlsregungen erfüllt. Vielleicht sollte ich den Schattenkreaturen einen Gefallen tun und die Spreu vom Weizen trennen, das Aussieben selbst in die Hand nehmen, statt die Pfuscher „arbeiten“ zu lassen, bis sie sich selbst den Gefallen tun und einen Fehltritt machen. Sie sollten Platz machen, für wahre Größen, für diejenigen, die bereit sind sich mit Leib und Seele dem Massiv zu verschreiben.

Ich werde beten und seinen Rat einholen.

Tag der Abrechnung.

Die Ziffer ist egal, sie spielt keine Rolle. Wichtig ist nur zu wissen, dass heute ein Denkmal gesetzt wird. Mein Ziel ist eindeutig, er hat mir ein Zeichen und seinen Segen gegeben.

Ich bin noch vor allen anderen erwacht und nicht nur das, meine Spitzhacke liegt neben mir. Am heutigen Tage wird der Berg Wachstum erfahren, damit Mannen unsere Reihen stärken, die fähig sind, ihn effektiver zu zermürben. Es ist ein steiniger Weg, einer der Opfer und einen festen Willen erfordert. Meinen Willen.

Ich werde sie jetzt nach diesem biegen bis sie brechen, so dass nur diejenigen übrig bleiben, die standhalten. Und dann werden wir arbeiten, wie noch nie zuvor.

Tag des Wandels

Ab heute ist nichts mehr, wie es einmal war.

Die Aufstockung erfolgte schlagartig, nicht wie sonst langsam. Wir sind wieder vollzählig.

Wenn ich mich umsehe, schaue ich in Gesichter, die bereit sind, die gewillt sind, die sich nicht verpflichtet fühlen, sondern die bevorstehende Aufgabe als Prüfung wahrnehmen, die zu meistern sie sich verschrieben haben.

Wir sind früher als gewohnt erwacht und werden länger als jemals zuvor arbeiten. Der Waschtag wird von wöchentlich auf monatlich verschoben, das Essen und die folgende Erleichterung einem strickteren Zeitplan unterworfen. Nur das Beten, bleibt unangetastet. Wir wollen dankbar sein, für die Chance, die uns hier eröffnet wurde. Die Gelegenheit etwas von Bedeutung zu vollbringen, statt ein sinnloses Leben zu führen, dass in einem sinnlosen Tod endet, dass nur belastet, keinem Zweck dient.

Danke Herr, ich danke dir von Herzen für deinen Segen.

Tag des Blitzlichts

Was ist das Herr, eine neuerliche Prüfung? Willst du meinen Glauben testen, sehen, ob du ihn ins Wanken bringen kannst?

Nun, ich gestehe ein, du hast mich überrascht. Da schlage ich gerade noch meine Spitzhacke in das Antlitz eines kreischenden Schwächlings, der Teil des Abbildes der alles überragenden Trägheit geworden ist, da erstrahlt ein Blitz, so grell, dass ich glaubte er hätte mich geblendet. Als ich wieder klar sehen konnte, bin ich nicht mehr daheim, sondern in einem ratternden, stählernen Gefährt und werde von einem Mädchen angestarrt, dass ein Gerät in Händen hält, welches eine vage Erinnerung in mir wachruft. Es schreit wild auf, als es mich im Bruchteil einer Sekunde endlich erkennt.

Glühend heißer Zorn breitet sich in mir aus, sticht mir wie ein brennender Schürharken ins Hirn. Diese unverhohlene Zurschaustellung niederträchtiger Gefühle, die sinnbildlich für alles stehen, was wir in unserem Bergwerk niederreißen, es aus den Gezeichneten schlagen, bis sie endgültig verstummen, macht mich rasend.

Ich suche mir das nächstbeste Ziel, um meiner Wut Luft zu machen, ziele mit der noch erhobenen Hacke auf einen ahnungslosen Schädel, direkt vor mir doch dann: Nichts. Ich bin wieder zurück, mein Schlag geht ins Leere oder vielmehr, trifft er nicht den Kopf, den ich anvisiert habe.

Ich tobe noch Stunden danach, muss von meinen Kameraden förmlich losgerissen und zur Ruhe gezwungen werden, damit ich meine Kraft schone, mich nicht zu sehr verausgabe.

Nächstes Mal bin ich bereit Herr, das schwöre ich.

Tag 1.332

Kamera! Das Gerät hieß Kamera! Wie konnte ich das nur vergessen?

Tag 1.333

Der vorangegangene Eintrag irritiert mich. Ich kann mich nicht erinnern, ihn verfasst zu haben. Was für eine Rolle spielt es, wie der Name des von Menschenhand geschaffene Werkzeugs lautet? Es ist mit Sicherheit ein Quell der Versuchung, der Hingabe zu mangelnder Arbeitsmoral, zu dem Sehnen nach Ruhe, nach Schlaf, nach einem Ideal, welches ich nicht länger dulde, das zerschlagen werden muss. Restlos.

Tag der Wiederkehr

Heute habe ich sie wiedergesehen, das Mädchen. Sie im Schatten eines der Wächter durch die Gänge gewandert, hat sich wie ein verfluchter Tourist umgesehen. Ich bin auf sie losgestürmt, doch wo ich hingeschlagen habe, landete meine Hacke klirrend auf Fels. Sie ist einfach verschwunden.

Der Wächter… eine schwarze Kreatur, etwa einen Meter fünfzig groß, die jedoch stets gebeugt geht und deswegen kleiner wirkt, als sie ist, besitzt lange, dürre Arme, die bis zum Boden reichen, weswegen seine scharfen Klauen immerzu über den Boden schaben. Sein Kopf wird geziert von schwarzen Schlingen, die nur bedingt Ähnlichkeit mit menschlichem Haar besitzen. Sie rahmen ein schlankes, kantiges Gesicht ein, welches tiefschwarze Augen ziert, die alles und jeden wahrzunehmen scheinen. Eine nennenswerte Mimik besitzt es nicht, nicht einmal einen Mund, mit dem es eine solche zum Ausdruck bringen könnte.

Warum habe ich diese Beschreibung niedergeschrieben? Ich weiß wie die Wächter aussehen! Was ist nur los mit mir? Konzentration!

Der Wächter hat meine Bewegung jedenfalls aufmerksam verfolgt. Sie schien ihm nicht zu missfallen, aber sicher sagen kann ich das natürlich nicht. Niemand kann beurteilen, was in ihren Köpfen vor sich geht. Sie sind Diener, so wie wir und erfüllen lediglich ihre Aufgabe.

Ich kann nicht leugnen, dass mir bei seiner Beobachtung ein Schauder über den Rücken gejagt ist. Was, wenn ihn mein Verhalten dazu veranlasst hätte, mich zu verschleppen? Lange bevor ich meine Aufgabe erfüllt habe?

Dass darf nicht geschehen! Ich muss mich ab sofort zusammenreißen.

Tag des Überwältigung

Ein kleiner Sieg Herr, für dich.

Ahnungslos wandere ich durch einen der Schächte, bis es mich erneut ereilt. Ohne Blitzlicht dieses Mal. Plötzlich stehe ich in einer fremden, länglichen Räumlichkeit. Vor Schreck stolpere ich zurück, wobei ich etwas anstoße, was hinter mir liegt. Es stellt sich als Tür heraus, die klickend ins Schloss fällt. Es fühlt sich frevelhaft an, sich an solche Begrifflichkeiten zu erinnern.

Kurz darauf vernehme ich eine Stimme. Ich erkenne, dass sie einer jungen Frau gehört. Sie klingt ängstlich. Gleich ist er wieder da, der gleißende Zorn, der verlangt jede Schwäche auszumerzen, sie aus dem Körper dieser weichen Schale zu brennen.

Sie versichert, dass sie gleich da wäre. Gut, ich mache mich bereit.

Da tritt sie auch schon in den Flur. Ich laufe auf sie zu, erkenne, dass sie eine Kamera in der Hand hält. Ist das möglich? Handelt es sich um das gleiche Gerät, wie vor ein paar Tagen? Aber es ist nicht das gleiche Mädchen, wie auch, die stolpert ja in der Mine umher… Wobei ich mir da nicht so sicher bin, etwas an ihr hat sich verändert…

Egal, was zählt ist der Moment hier und jetzt!

Bevor ich jedoch dazu komme, noch etwas zu unternehmen, hebt mein Gegenüber auf einmal das vermaledeite Ding. Klick – Blitzlicht. Ich werde geblendet, meine Augen sind diese Art von intensivem Licht lange nicht mehr gewohnt.

Als ich wieder sehen kann, erkenne ich sehr zu meiner Zufriedenheit, dass ich zurück bin. Wieder da wo ich hingehöre. Und das Mädchen? Es ist bei mir. Zu erschrocken, um zu begreifen, was mit ihr geschehen ist, ist sie unfähig sich zu regen. Die Gelegenheit dazu eröffnet sich ihr nicht mehr, denn Sekunden später füge ich ihren gebrechliche Hülle auch schon dem Berg hinzu.

Wir haben ihre Sühne noch am selben Tag dankend angenommen und begonnen ihre Schuld Schlag für Schlag abzubauen.

Tage der Fragen

Was soll das Herr? Ich verstehe es nicht, bitte erkläre es mir.

War ich nicht immer dein getreuer Diener? Habe ich die Effizienz deines Bergwerkes nicht massiv gesteigert? Du weißt, ich nehme jede deiner Prüfungen ohne sie zu hinterfragen an und überwinde sie, egal was es auch kostet, doch die Ereignisse der letzten Zeit irritieren mich zusehends.

Warum sehe ich es immer wieder? Dieses verfluchte Blitzlicht, dass mich ohne Vorwarnung ein ums andere Mal quält, mich stört, mich in meiner täglichen Arbeit dir zu Diensten zu sein behindert.

Wer ist dieser Mann, den du mir nun schon zwei Mal gezeigt hast? Dessen Angst ich jedes Mal förmlich riechen kann, die mich überwältigt, die mich beinahe dazu veranlasst, mich zu erbrechen, so sehr widert sie mich an! Er ist schwach, so unendlich schwach. Ich erkenne die Bürde die zu tragen ihm auferlegt wurde, ich erkenne, wie er darunter zerbricht.

Schicke ihn zu mir Herr und ich werde ihn für dich tausend Mal und mehr brechen!

Stattdessen jedoch zeigst du ihn mir ein uns andere Mal und immer, wenn ich gerade zum Schlag ansetze, bin ich auch schon wieder zurück! Warum lässt du nicht zu, dass ich ihn zermalme? Willst du mir damit zeigen, dass unsere Bemühungen nicht genug sind? Ist unser Berg nur eine Probe, eine Übung, für das eigentliche Ziel? Werden wir, sobald wir unsere Körper gestählt haben in unsere Welt entsandt, um sie aus den Angeln zu reißen? Auch sie abzubauen, die Trägheit aus ihr zu schlagen?

Wenn dem so ist und die gesandten Bilder mir nur als Motivator dienen sollen, so nehme ich dein Geschenk dankend an Herr, sollte jedoch mehr dahinterstecken, so teile es mir bitte mit. Ich werde tun, was auch immer du verlangst.

Tag des Nemesis

Seine Augen sind kalt. Nicht leer, aber nah dran.

Er hat ein Ziel, er ist strebsam, mehr als ich es je sein könnte oder zumindest bisher war.

Ich gehe über Leichen, um einem mir überstellten Wesen zu dienen, er hingegen geht über Leichen, um sich selbst zu dienen. Dabei ist er allerdings nicht selbstsüchtig. Ganz im Gegenteil, ich habe es genau gesehen, er ist ebenso ein Diener, wie ich es bin. Diener einer Sache, für die er zu tun alles bereit ist. Kein Preis ist ihm zu hoch.

Danke Herr, dass du ihn mir offenbart hast. Das Blitzlicht hat mich zu ihm geführt und mich erkennen lassen, was mir bisher fehlte: Ich habe mich selbst verloren, habe nur noch als Werkzeug fungiert, doch um wirklich etwas zu erreichen, ist die absolute Aufgabe des eigenen Selbst nicht genug. Vielmehr ist ein Balanceakt aus Strebsamkeit und Aufopferung erforderlich.

Ich strebe das Ziel der Auslöschung aller Trägheit fortan nur noch für mich an, nicht länger für dich. Ich werde dienen, ich werde alles geben, meinen Körper, meinen Geist und wenn es sein muss, auch meine Seele, aber dabei werde ich einzig und allein mir dienen. Denn wer sich selbst vergisst, der kann nicht führen, sondern nur geführt werden, früher oder später verlässt ihn jedes Streben, jeder Antrieb, der aus eigener Kraft erwachsen sollte, da er sonst ins Nichts führt.

Doch zuallererst muss ich ihn eliminieren, denjenigen überwinden, der weitaus mehr Stärke bewiesen hat als ich. Erst wenn ich diese Hürde hinter mich bringe, kann ich mich wahrhaft dem Zweck unterwerfen.

Beim nächsten Blitzlicht werde ich ihn in die Stollen holen, wie einstmals das Mädchen, dass noch heute sein Elend mit jedem Schlag in die Gänge kreischt.

Tage der Verzweiflung

Ich bete nicht länger zu dir Herr, dennoch rufe ich dich an, erhöre bitte die Klagelaute eines Wankenden.

Ich habe alles getan, habe alles versucht, doch es bringt nichts. Nichts ist genug, meine Kraft zu gering. Sie kommen immer wieder, wieder und wieder. Täglich mittlerweile, drei Mal, immerzu in fester Abfolge, zu fixen Zeiten. So sehr ich mich auch vorbereite, ich erreiche sie einfach nicht. Meine Schläge gehen ins Leere und wenn ich einmal glaube, sie doch zu erwischen, sind sie es, die schneller sind als ich.

Sie sind zu dritt. Drei! Herr, ich habe gedacht, es gäbe nur einen von ihnen! Ihn zu überwinden, wäre Test genug gewesen, aber drei?! Sie alle verbindet die gleiche Strebsamkeit, das gleiche Ziel. Ich erkenne Feinheiten in ihren Vorhaben, doch der stahlharte Kern ihres Willens ist der gleiche.

Sie haben den Berg überwunden, schon vor langer Zeit. Sie haben ihn nicht nur abgebaut, sie trampeln auf ihm herum als wäre er den Dreck unter ihren Schuhen nicht würdig. Ihr Pfad ist gepflastert mit Leichen, die sie zerschmettert haben, weil sie ihnen im Weg standen. Wie lästige Fliegen, haben sie sie behandelt, sich ihrer entledigt und sind vorangeschritten.

Nichts kann sie aufhalten, nichts sich ihnen in die Quere stellen. Wie soll ich sie zerschlagen Herr, ich weiß nicht weiter.

Bitte, erhöre mich, ich erflehe deinen Rat!

Tag Drölfzig

Ein Museum! Ich lach‘ mich schlapp, wir sind nicht mehr als ein Ausstellungsstück in einem verfickten Museum! Welches kranke Hirn hat sich diesen Irrsinn nur einfallen lassen?!

Tag des Abschieds

Es ist genug. Ich kann es nicht länger ertragen, das Blitzgewitter.

Sie kommen immer wieder, immer und immer und immer und immer wieder. Klick – Blitzlicht. Ich höre es immerzu, ich sehe es in meinen Träumen, ich kann nicht mehr schlafen, zucke beim Essen zusammen, mein Gebet, dass intensiver nie war, wird davon unterbrochen. Einmal bin ich fast in die Fäkaliengrube gefallen, so sehr hat es mich erschrocken.

Das Arbeiten ist mir unmöglich geworden. Ich verharre vor meiner auserkorenen Felswand, betrachte die Leiber der Gezeichneten, wie sie sich vor mir rekeln, ineinander verschlingen, ihrer Trägheit frönen. Unter dem Fels, dessen Last sie zerdrücken sollte, leiden sie nicht länger. Sie sind beisammen, sie feiern, sie ficken, sie fressen sich die Wänste voll, sie saufen fließendes Gold und bejubeln ihr sinnloses Leben.

Ich packe die Spitzhacke fester und fester, so fest, dass ihr Schaft zu brechen droht, doch es ist mir nicht möglich zuzuschlagen. Also starre ich nur, starre die Wand an und frage mich, ob es nicht besser wäre, mich zu ihnen zu gesellen, das Arbeiten ruhen zu lassen um Teil der Orgie zu werden, die zu zerschmettern ich mir einst geschworen habe.

Jedes Mal besinne ich mich eines Besseren, blicke auf meine Kameraden, die längst nicht mehr da sind, weil man sie geholt hat, weil sie vorgegangen sind, weil sie sich der Meute angeschlossen haben, die mich feiernd verhöhnen, über mich lachen, mir bedeuten, dass mein gesamtes Streben zwecklos war, dass es nie eine übergeordnete Aufgabe gegeben hat, dass dies alles nur in meinem Kopf existiert. Ein Konstrukt, dass mich am Leben hält, dass verhindert, dass ich durchdrehe.

Ich verdränge sie, ihr Flüstern, ihre Verlockungen, ich blicke auf die Kameraden, die ich einst hatte, die mir treu gefolgt sind, die irgendwo da draußen noch immer ihre Pflicht tun. Das müssen sie einfach, sie können nicht weg sein!

Ich finde sie nur nicht, ja, dass ist die Erklärung. Ich habe mich verirrt, ganz einfach, habe mich zu weit hinausgewagt. Schuld ist das Blitzlicht. Es hat mich in die Irre geführt, hat mich vom Weg abkommen lassen. Jetzt weiß ich nicht mehr, wo die Schlafkammer ist.

Aber das ist auch nicht wichtig, solange ich nur arbeite, ist es egal. Also hebe endlich das Werkzeug des Zermalmens und schlag zu!

Nichts. Ich kann es nicht.

Es vergehen Stunden, Tage, Wochen und Jahre, vielleicht auch nur Sekunden, es ist irrelevant. Ich bin gebrochen. Schlussendlich habe nicht ich den Berg zerschlagen, sondern der Berg mich. Wie ich einst geschrieben habe. Ich habe mich ausgehöhlt, alles was ich bin oder einmal war, ausgelöscht. Jetzt ist nichts mehr von mir übrig. Keine Vergangenheit, kein Glauben, kein Streben.

Ich lasse die Spitzhacke fallen, sie geht klirrend zu Boden, ihre Spitze zerbricht, sie ist nicht mehr zu gebrauchen. Genauso wie ich.

Ich schleppe mich voran, plötzlich kenne ich den Weg wieder, mein Schlafgemach ist gleich um die Ecke. Ich bin müde, will nur noch ruhen.

Klick – Blitzlicht. Ich sehe sie, die Wahnsinnige, die Mörderin, die Jägerin. Sie wird nicht aufhören ihrer Vergangenheit zu entfliehen, ihr altes Ich Schicht für Schicht von sich herunterzuschneiden, sich selbst neu zu erfinden, um eines Tages zu erkennen, wer sie unter der längst abgestorbenen Haut wirklich ist.

Ein Fuß vor den anderen, ich schreite voran auf meinem letzten Gang.

Klick – Blitzlicht. Ich sehe ihn, den Unsterblichen, den Gelangweilten, den Wissenden. Er wird nicht aufhören zu suchen, nach immer neuen Erkenntnissen, nach solchen die ihm etwas geben, womit er sich beschäftigen kann, solange bis er etwas findet, was ihn entweder für alle Zeit zufriedenstellt oder tötet, egal auf welche Art.

Ich habe den Raum erreicht, ich sehe mein Bett. Es wird umringt von meinen Kameraden, von allen, die je an meiner Seite gearbeitet haben. Sie stehen bereit, ihre Hacken in der Hand. Ich gehe auf sie zu.

Klick – Blitzlicht. Ich sehe ihn, den Direktor, den Diener, den Strebsamen. Er wird nicht aufhören die Menschheit vor den Geistern längst vergangener Tage zu bewahren, wird sein Erbe stets in Ehren halten, dem Mann, dem er seinen Zweck zu verdanken hat, ewig dankbar sein und gleichsam niemals aufgeben, denjenigen zu finden, der das Leben lebt, das ihm gebührt.

Ich sitze hier und schreibe diese letzten Zeilen. Ich habe das Ende meines Tagebuches erreicht. Es ist die finale Seite. Sie wird mit meinem schwarzen Blut getränkt werden.

An denjenigen, den dies hier erreicht, an meinen Nemesis: Ich bin zutiefst beeindruckt von Euch. Versprecht mir, dass Ihr niemals aufgebt, strebt voran, wo ich es nicht mehr konnte. Erreicht Euer Ziel, zerschlagt jeden Berg und jedes Hindernis, egal welcher Form es sich Euch präsentiert.

Und nun, gehabt Euch wohl.

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