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Brief eines besorgten Bürgers

„Du scheinst beinahe täglich in diesem Gasthaus zu sein, wie ich.“

„Kommst du denn aus Weisswasser?“

Er schüttelt nur mit dem Kopf und starrt auf seinen geleerten Krug. Erneut beginnen die Phantomschmerzen an meinem linken Arm. Ich zucke kurz, was ihm nicht entgangen ist. Ausdruckslos starrt er auf den vernarbten Stumpf. Ich starre zurück und nehme ihn vom Tresen.

„Das ist… schwer zu erklären“, erwidere ich ruhig. Er zieht sich seine Kapuze tiefer in das Gesicht und murmelt ein leises aber aufrichtig klingendes: „Tut mir leid.“

Ich denke, er tut dies, damit man sein vernarbtes Gesicht nicht genau betrachten kann. Ich winke den Wirt heran und bestelle erneut zwei Biere. Eines für ihn, das andere für mich. Er bedankt sich und mustert mich aus dem Augenwinkel heraus. Ich seufze leise.

„Wie…hast du sie verloren? Deine linke Hand?“, fragt er mich schließlich und durchbricht damit die kurz aufgekommene Stille.

„Das glaubst du mir nicht.“

Kopfschüttelnd nehme ich einen großen Schluck von meinem Bier.

„Ich würde ja sagen, es war ein Jagdunfall, aber damit wäre es das vermutlich nicht gewesen, stimmt’s?“, lache ich.

„Verzeihung. Die Frage war unangebracht“, murmelt er und schaut auf seinen Bierkrug.

Ich signalisiere ihm mit einer Handbewegung, dass es in Ordnung ist und mich seine Neugier nicht stört.

„Angefangen hatte es mit einigen Aushängen. Du weißt schon, ein schwarzes Brett der Dorfbewohner, in denen sie in den verschiedensten Angelegenheiten Hilfe ersuchen. Natürlich gegen Bezahlung. Diese Bretter waren zu Beginn nicht weit verbreitet, doch ich hörte, dass immer mehr Ortschaften auf solche Anschlagtafeln setzen, wenn es um Probleme geht, die sie selbst nicht lösen können und für die ein Söldner zu kostspielig ist. Ich hab mir mal hier und da, wo ich mich eben gerade aufhielt, die Besten rausgepickt, den Auftrag erfüllt und das Silber kassiert“, beginne ich meine Schilderung und nehme erneut einen großen Schluck des erfrischenden Getränks. Mein Nachbar erwidert nichts. Er hört einfach aufmerksam zu.

„Es lief wirklich gut. Die meisten Aushänge bezogen sich auf das Aufspüren von entlaufenen Tieren und hin und wieder auch mal ein Kind. Keine große Sache. Ich bin ein sehr gefragter Jäger, und was Fährtenlesen angeht, macht mir keiner was vor. Ich lebe zwar hier in Weisswasser, bin aber aufgrund meines Berufs viel in den umliegenden Dörfern und vor allem den Wäldern unterwegs. Auch lasse ich von meiner Beute nichts verkommen. Das Fleisch wird verkauft, auch die Knochen werden entweder an Handwerker verkauft, die daraus wiederum Werkzeuge herstellen, oder sie landen eben in einer Suppe. Ebenso verkaufe ich die Felle. Was ich nicht verkaufe, nehme ich wieder mit nach Hause oder überlasse es denen aus den Gesindevierteln. Die freuen sich da genauso darüber, insbesondere wenn der kalte Winter vor der Tür steht.“

Der Mann nickt zustimmend, bleibt dennoch nach wie vor stumm. Er scheint an meiner Geschichte wirklich interessiert zu sein.

„Wo kommst du her?“, frage ich ihn freundlich.

Er sieht mich nicht direkt an. Vermeidet seit Beginn dieser Unterhaltung jeden Blickkontakt.

„Ist das wichtig?“, fragt er müde klingend.

„Nicht unbedingt. Vielleicht zum besseren Verständnis, aber sonst…“

Er schweigt und ich vermute, dass er darüber nachdenkt, diese Information mit mir zu teilen. Gerade als ich ihm sagen will, dass er sich zu keiner Antwort gezwungen fühlen soll, antwortet er.

„Ich komme aus Emeried.“

„Das Dorf Emeried? Das, an den der Nebelwald angrenzt?“, frage ich überrascht. Er nickt stumm.

„Was ein Zufall. In diesem Wald habe ich meine Hand verloren“, kichere ich etwas nervös.

Ich habe keinen Schimmer, weshalb mich plötzlich eine Nervosität ergreift, doch ich schiebe dies beiseite und konzentriere mich wieder auf meine Erzählung.

„Na ja… Also, ich streifte durch die umliegenden Dörfer und kam durch Emeried. Am östlichen Ausgang befindet sich ja, wie du vermutlich weißt, eine Anschlagtafel.“

Ich sehe zu ihm hinüber. Er nickt erneut lediglich, ohne auch nur den kleinsten Laut von sich zu geben. Ein merkwürdiges Gefühl breitet sich in meiner Magengegend aus und ich trinke mein Bier in einem Zug aus. Daraufhin bestelle ich ein neues. Mein Gesprächspartner hat seines noch immer nicht angerührt. Vielleicht mag er kein Bier?

„Bitte fahre fort“, äußert er und überrascht mich damit. Die lange Denkpause muss ihm aufgefallen sein, auch muss seine Neugier ungezügelt sein, wenn er mich beinahe drängend darum bittet.

„Äh… Ja. Also ich las mir die Aushänge durch. So gut wie alles bezog sich auf vermisste Tiere. Hauptsächlich Hunde und Katzen. Darunter waren aber auch eher ungewöhnliche, wie zum Beispiel, dass jemand den Verlust von fünf Hühnern in nur einer Nacht beklagte oder gleich eine ganze Kuh verschwand. Diese Leute bezahlten gut für jeden Hinweis. Da fiel mir schließlich der Brief eines besorgten Bürgers auf. Ich versuche ihn so gut es geht wiederzugeben.“

Ich räuspere mich kurz.

Werte Mitmenschen (oder einfach Idioten)!

Öffnet eure Augen. Auch mir ist nicht entgangen, dass sowohl unsere Haustiere als auch unser Nutzvieh verschwindet. In so gut wie jeder Nacht haben wir immer irgendeinen Verlust zu beklagen. Hat eigentlich jemand den alten Jim gesehen? Ich habe ihn schon seit Tagen nicht mehr gesehen. Einzig seine Angelausrüstung durfte ich aus dem Fluss fischen.

Und jetzt überschlagen sich diese seltsamen Ereignisse, denn nun ist ebenfalls ein Kind verschwunden. Wie in allen Fällen davor wurde auch hier, bis auf Blut, keine weitere Spur gefunden!

Es ist Zeit, etwas zu unternehmen!

Kein einziges Tier wurde je wieder gesehen und auch die Familie Grenn hat kaum Hoffnungen, ihr kleines Mädchen wieder in die Arme schließen zu können.

Wie lange sollen wir denn noch stillsitzen? Wann reagieren wir endlich? Wann unternehmen wir etwas? Bis die nächsten Kinder verschwinden? Eure Kinder?

Ich appelliere an euren Verstand!

Sammeln wir genug Silber zusammen, um fähige Söldner darauf anzusetzen und diesem Schrecken ein Ende zu bereiten!

 

Ein besorgter Bürger

 

„Das war in etwa der Inhalt. Du siehst, eigentlich genau mein Fall. Ich vermutete ein Raubtier. Das mit dem Kind war schon eigenartig, aber das Mädchen hätte sich auch gut verlaufen können oder ähnliches. Ich entschied, mich mit der Familie Grenn zu unterhalten. So klopfte ich an ihrer Türe und die Dame des Hauses öffnete geschwind. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, als sie mich sah, glaube ich, hatte sie darauf gehofft, ihre Tochter statt mich zu sehen. Frau Grenn war eine große, schlanke Frau. Ihre langen, blonden Haare trug sie zu einem Dutt gebunden. Ihre blauen Augen waren vom vielen Weinen gerötet und ebenso geschwollen. Ich bemerkte diese kleine Narbe an ihrer Unterlippe, als sie den Mund zum Sprechen öffnete. Ich erklärte mich und verkündete, den Auftrag anzunehmen und mich im Nebelwald umzusehen. Sie gab mir Informationen zu Clara, ihrer Tochter.”

“Clara spielte draußen. Sie hielt sich oft hinter dem Haus auf, da sie meinte, von dort könne sie immer einen wunderschönen Fuchs im Wald beobachten. Außer Clara schien aber nie jemand einen Fuchs im Nebelwald gesehen zu haben. Zugegeben, da der Nebel in diesem Wald häufig sehr dicht ist, geht auch kaum jemand hinein, aber auch Clara durfte sich nie dem Waldrand nähern, was mich schlussfolgern ließ, dass sich dieser Fuchs aus dem Wald hinaus gewagt haben musste und eventuell sogar für die verschwundenen Hühner verantwortlich war. Da Clara von heute auf morgen verschwunden ist, wäre es gut möglich, dass sie diesen Fuchs sah und ihm heimlich gefolgt ist. Dann könnte sie sich durch den dichten Nebel im Wald verlaufen haben. Doch dies erklärte nicht das hinter dem Haus aufgefundene Blut. Ich musste nach einem blonden Mädchen Ausschau halten, welches wohl in ihrem hellblauen Nachtkleid durch den Wald wanderte.“

Ich pausiere. Mein Mund fühlt sich so trocken an und erneut leere ich meinen Bierkrug. Das ist der dritte und allmählich breitet sich eine Wärme in mir aus. Ich bestelle den vierten Krug und schaue zu ihm rüber. Er starrt weiterhin auf das noch immer volle Gefäß.

„Magst du nicht trinken?“, frage ich ihn daraufhin. Er verneint kopfschüttelnd und ich zucke nur mit den Schultern.

„Und? Hast du das Mädchen gefunden?“

Das vierte Bier wird mir gereicht und ich setze meine Erzählung fort.

„Ich untersuchte die Umgebung, die Orte, an denen sich Clara aufhielt. Da das Kind aber bereits vor zwei Nächten verschwand, war es schwierig, etwas Brauchbares zu finden. So betrat ich den Wald hinter dem Haus der Grenns. Ich hatte Glück, denn der Nebel schien anders als sonst nicht sehr dicht zu sein. Den Blick zum Boden gerichtet bewegte ich mich achtsam. Ich hoffte auf Fußspuren oder ähnliches. Mir war nicht wirklich aufgefallen, wie tief ich mich in den Wald bewegte. Irgendwann schrak ich hoch, da ich das Brechen von Geäst vernahm. Ich sah auf, konnte jedoch nichts Ungewöhnliches erkennen.”

“Da fiel mir schließlich auf, wie weit ich bereits gelaufen war. So weit schon und noch immer keine Spuren. Ich beschloss, am Stamm einer massiven Buche eine Pause einzulegen. Wie ich dasaß, fiel mir plötzlich etwas auf. Gegenüber, am Ast eines weiteren Baumes hängend, bewegte sich ein blauer Stofffetzen im Wind. Sofort sprang ich auf und lief hinüber, doch den Stoff zu erreichen schien unmöglich. Er hing zu weit oben. Meiner Einschätzung nach, da bin ich mir sicher, war das ein Stück von Claras Nachtkleid. Ich habe versucht, den Baum hinaufzuklettern. Ein gutes Stück bin ich vorangekommen, da ertönte von unterhalb plötzlich diese Frauenstimme.“

Ich spüre, wie mich ein kalter Schauer durchfährt. Es fröstelt mich plötzlich. Ich starre auf den Inhalt in meinem Krug und kippe ihn hinunter. Dieses Ereignis Revue passieren zu lassen sorgt dafür, dass meine Hand zu zittern beginnt. Meinem Gesprächspartner entgeht dies nicht. Ich merke, wie er mich aus dem Augenwinkel beobachtet. Stumm. Und irgendwie erschleicht mich das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun.

„Wer war die Frau?“, will er wissen. Ich stoße auf, nachdem ich den nun vierten Krug geleert habe und entschuldige mich für dieses Benehmen. Rasch bestelle ich den fünften, bevor ich mich wieder meiner Schilderung widme. Langsam wirkt das Bier.

„Ich erschrak zu Tode. Irgendwie habe ich den Halt verloren und rutschte den Stamm hinunter. Meine Landung war unsanft, doch ich schürfte mir lediglich, allerdings recht übel, die Haut von den Handflächen und Unterarmen. Es blutete. Ich sah zu der Frau und… starrte in ein mir bekanntes Gesicht. Es war Frau Grenn. Ich war völlig verwundert. Sie starrte mich nur an und fragte, was ich da tue. Und da war ich nun gänzlich verwirrt.“

„Wie, was ich hier tue? Gute Frau, Sie wissen doch, dass ich nach ihrer Tochter suche. Dort oben! Ist das nicht ein Stück von Claras Kleidchen?“

„Ihr Blick folgte meiner Bewegung. Sie starrte auf den Stofffetzen. In meinen Gedanken stellte ich mir noch sämtliche Fragen, wie zum Beispiel, wo sie so plötzlich herkam oder wie sie mich so schnell einholen konnte. Ihr Ausdruck war völlig emotionslos. Ich musterte sie genau. Etwas an ihr war anders. Es war verkehrt und fühlte sich falsch an. Sie wirkte komplett deplatziert, weißt du, was ich meine? Mir kam es so vor, als wäre sie wie ausgewechselt und na ja… Wortlos starrte sie mir in die Augen. Dann legte sie den Kopf schief und ihr Blick wanderte zu meinen blutenden Händen. Als ich sah, wie sie sich mit der Zunge über ihre Unterlippe leckte, bemerkte ich etwas, dass mich schon weit mehr als nur in Unbehagen hüllte. Die Narbe… Sie hatte keine Narbe an der Unterlippe.“

Abgeneigt schüttele ich mit dem Kopf und zwinge mich erneut zu einer Pause. Auf einmal beginnt der Mann in seiner Manteltasche zu wühlen und zieht ein vergilbtes Stück Papier hervor. Er bittet den Wirt um Feder und Tinte. Dieser sucht ein wenig, bevor er ihm die erbetenen Gegenstände aushändigt. Ich sehe zu, wie der Mann damit beginnt, etwas auf das Papier zu kritzeln.

„Ich höre dir weiterhin zu“, sagt er, ohne vom Pergament aufzusehen. Mein Arm beginnt erneut zu schmerzen. Einen Schluck meines Bieres, bevor ich zum Höhepunkt der Erzählung komme.

„Etwas stimmte nicht und mich überkam eine unrealistische, doch auch nicht zu widerlegende Erkenntnis. Das war nicht Frau Grenn. Ich wich zurück und zog mein Jagdmesser. Schützend hielt ich es vor mich, während ich mich langsam entfernte. Alles passte… Alles bis auf zwei Dinge. Die Art, wie sie sich verhielt, und die Narbe an der Unterlippe. Ansonsten war es eins zu eins sie. Dass ich mein Messer gezogen hatte, muss sie irgendwie wütend gemacht haben. Vielleicht hat sie sich bedroht gefühlt. Ihr Gesichtsausdruck änderte sich. Sie zog die Augenbrauen zusammen und blickte mich wütend an.“

„Dann geschah etwas, das mir bis heute die schlimmsten Alpträume beschert. Sie begann sich zu krümmen, schien Schmerzen zu haben und verrenkte ihre Gliedmaßen unnatürlich. Dann spuckte sie viel Blut und ihr Körper begann sich zu verändern. Der Körper formte sich neu. Das ist nicht zu beschreiben. Aus dem Menschen vor mir wurde plötzlich eine riesige Füchsin. Ich meine, es war eine Füchsin, aber sicherlich… einen Meter groß, wenn nicht größer! So surreal! Die Angst durchflutete meinen Körper und lähmte mich. So stand ich da, zitternd und wimmernd, wie ein Kleinkind. Dann stürzte sie sich auf mich.“

Ich denke, er wird mich für verrückt erklären. Aber er schweigt weiterhin. Konzentriert widmet er sich einzig dem Papier. Bevor er mich erneut drängt weiterzuerzählen, komme ich ihm lieber zuvor.

„Das Biest zielte auf meine Kehle und nur mühsam konnte ich sie davon fernhalten. Ich befand mich in einem Todeskampf und blankes Entsetzen sowie ein verdammt starker Überlebenswille keimten in mir auf. Ich spürte das Adrenalin in meinen Adern und begann ohne Unterlass, auf dieses Monster einzustechen. Sie verbiss sich in meiner linken Hand. Ich spürte nicht, wie sie mir erst die Finger abbiss und dann den Rest meiner Hand zerfleischte. Zu viel Adrenalin, zu viele Gedanken… Unser Blut vermischte sich. Ich stach selbst dann noch auf sie ein, als sie sich schon nicht mehr bewegte. Wahrlich, ich stand unter absolutem Schock. Ihr Kopf, der Hals und die Brust… Alles war blutdurchtränkt. Das war die erste Beute, die ich nicht mit nach Hause nahm. Nachdem ich, mehr oder weniger, klare Gedanken fassen konnte, verband ich meine Hand provisorisch und rannte, als wäre der Teufel hinter mir her, einfach raus aus diesem gottverdammten Wald. Meine Hand konnte nicht mehr gerettet werden und so wurde sie amputiert.“

Ich leere auch diesen Krug und schaue auf den Stumpf. Das werde ich niemals vergessen. Und zum ersten Mal habe ich jemandem erzählt, wie es wirklich dazu gekommen ist, und ich habe ehrlich keine Ahnung warum. Ich kenne ihn ja nicht einmal. Er beendet sein Gekritzel, wartet kurz, bis die Tinte getrocknet ist, und steckt sich das Papier in die Tasche. Dann steht er von seinem Stuhl auf.

„Danke. Das war… sehr aufschlussreich. Wenn du mich nun entschuldigen würdest, ich muss noch einen Aushang machen“, äußert er und verlässt das Gasthaus.

Ich sehe ihm hinterher. So ein komischer Typ. Da fällt mir ein, dass ich nicht einmal nach seinem Namen gefragt habe, und auch sonst kommt mir das alles plötzlich sehr eigenartig vor. Ich bezahle schnell den Wirt. Ein wenig schwankend erhebe ich mich ebenfalls und laufe ihm hinterher. Vermutlich habe ich zu viel getrunken und das Bier ist daran schuld, dass ich ihm jetzt nachsetze. Eine gewisse Neugier würde ich aber auch nicht abstreiten. Er sagte, er wolle einen Aushang machen, also laufe ich direkt zur einzigen Anschlagtafel in Weisswasser.

Sie liegt ein wenig abgelegen, genauer genommen an der Stadtgrenze. Sie wurde dort platziert, damit man beim Verlassen oder Betreten der Stadt direkt einen Blick darauf werfen kann. Es ist schon spät geworden. Die Dunkelheit erschwert es mir zusätzlich, in einer geraden Linie zu laufen. Vor mir kann ich die Fackeln sehen, das bedeutet, die Anschlagtafel ist in Sichtweite. Ich bin von mir selbst überrascht, dass ich die Anschlagtafel trotz meines Zustandes so fix erreicht habe. Na ja, ich kenne die Stadt ebensogut wie meine Westentasche. Als ich vor der Tafel stehe, erhasche ich einen Blick auf den Mann, der bereits das Stadttor passiert hat. Er läuft in Richtung des Flusses. Schnell durchforste ich die Tafel und starre auf den einzigen Aushang. Meine Benommenheit fällt schlagartig von mir ab, als ich die Worte lese.

Die Bestie hat Witterung aufgenommen.

Der Jäger wird zum Gejagten und nicht zuletzt zur Beute.

Auch ich werde nichts verkommen lassen.

Das ist ein Versprechen.

 

Die letzten Worte lese ich laut vor.

Gezeichnet: Ein besorgter Bürger.

Noch einmal schaue ich in Richtung des Flusses. Sehe mich nach dem Mann um. Der Alkohol muss dafür verantwortlich sein…

Ich reibe mir die Augen.

Ich habe zu viel getrunken.

Andernfalls kann ich mir nicht erklären, weshalb ich statt dem Mann plötzlich einen großen Fuchs in der Dunkelheit verschwinden sehe.

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