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Das Erbe des Naturkundelehrlings

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

An Professor: Chen Tao von der Universität Hongkong

Von: He Qing

Datum: 18.11.1884

 

Diesen Brief, mit den Aufzeichnungen meines geschätzten Studenten Xu Ming, gebe ich mit dem größten Respekt in Eure Hände. Ich weiß, ich hatte mich die letzten vier Jahre nicht mehr bei Euch gemeldet, doch hoffe ich inständig, dass zumindest Ihr mir glauben werdet. Ihr als der Mann, der mich unterrichtet hat, und dem ich meine Erfolge in der Forschung verdanke. Ich hoffe, dass Ihr mich nicht wie die anderen für einen verrückten, sterbenden Mann haltet. Ich weiß was ich gesehen habe und ich bin nicht verrückt. Mein Student meldete sich bei mir schon seit einiger Zeit nicht mehr und holte auch keine Briefe bei der örtlichen Poststelle ab. Zuerst nahm ich an er forscht lediglich sehr intensiv, doch mit der Zeit wuchs meine Sorge, weshalb ich die nächste Kutsche nach Shaowu genommen hatte, um nach ihm zu suchen. Ich hatte ihm aufgetragen, in der Gegend als Student der Naturwissenschaften in eine Hütte am Wuyi-Gebirge zu ziehen, um dort wissenschaftliche Aufzeichnungen vorzunehmen. Wie Euch sicherlich nicht entgangen ist, handelt es sich bei diesem Gebirge ebenfalls um jenes, in dem wir einst waren, aber aufgrund der schlechten Wetterbedingungen die Exkursion abbrechen mussten. Damals hätte ich mir am liebsten länger Zeit genommen, um dieses Gebiet zu untersuchen, doch zu gehen war letztendlich wohl die richtige Entscheidung gewesen. Unglücklicherweise kann ich meinen Studenten zu seiner Entdeckung keine weiteren Fragen stellen. Die einzige Informationsquelle, die ich habe, ist sein Notizbuch. Er dokumentierte damit seine Erlebnisse sowie die Funde, die er gemacht hatte. Das Buch war leider in einem schlechten Zustand, weshalb ich den gesamten relevanten Inhalt für Euch abgeschrieben habe.

 

Eintrag vom 11.5.1884

Bei der heutigen Erkundung ist mir etwas Seltsames aufgefallen. Die Zahl der Tiere, welche ich in den letzten drei Monaten beobachten konnte, scheint in einem Teil des Waldes massiv abgenommen zu haben. Vor drei Wochen noch konnte ich die frischen Spuren von Wildschweinen sehen oder die Hirsche beobachten, doch nun ist es hier ungewöhnlich still. Ich frage mich, ob es eventuell in diesem Gebiet ein neues Raubtierrevier geben könnte. Ich werde als Vorsichtsmaßnahme die örtlichen Jäger morgen früh darauf ansprechen. Das betroffene Gebiet ist immerhin nicht mehr als 5 Kilometer von hier entfernt.

 

Eintrag vom 12.5.1884

Laut den örtlichen Jägern sind ihnen keine vermehrten RaubtierAktivitäten bekannt. Ich werde mir morgen das Gebiet genauer anschauen. Vielleicht finde ich den Grund für das Verschwinden der Tiere. Zu meiner Erleichterung hat mir ein örtlicher Jäger bereits seine Hilfe bei der Erkundung angeboten. Ich werde mir somit etwas weniger Sorgen um meine Sicherheit machen müssen.

 

Eintrag vom 13.5.1884

Ich war zwar darauf gefasst, dass wir nicht viele Tiere sehen würden, aber ich hatte bei Weitem nicht damit gerechnet überhaupt nichts zu sehen. Abgesehen davon war es viel zu ruhig. Selbst das Zwitschern der Vögel sowie das Surren der Insekten hatte abgenommen. Auch der Jäger, welcher mich begleitet hatte, konnte sich keinen Reim darauf machen. Wir haben weder frische Spuren von Raubtieren gefunden noch von irgendeinem anderen Tier. Die frischeste Spur war vermutlich bereits fast eine Woche alt. Wir haben uns darauf geeinigt gemeinsam in zwei Wochen tiefer in diesen Teil des Waldes einzudringen. In der Zwischenzeit widme ich mich anderen Forschungen.

 

Eintrag vom 18.5.1884

Ich habe mich heute nochmal mit den Jägern unterhalten. Ich war davon ausgegangen, dass die Tiere in die anderen Teile des Waldes gezogen waren, doch es scheint doch nicht so einfach zu sein. Es wurde zwar festgestellt das Tiere, wie die örtlichen Füchse und Marder, vermehrt in andere Teile des Waldes gezogen sind, doch im Gegensatz zu unseren Erwartungen sind andere Tierarten kaum zu finden. Ich frage mich langsam, ob sie nicht einfach tiefer in den Wald gezogen sind, aber gleichzeitig würde das nicht viel Sinn machen. Es gibt zwar Tiere, welche in großen Gruppen leben, aber diese würden eigentlich nicht dicht an dicht zu anderen Tiergruppen ziehen. Es würde zu ständigen Revierkämpfen führen und Raubtiere würden das Gebiet häufiger fokussieren. Je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger macht es Sinn. Ich kann es kaum erwarten bald dieses Waldgebiet gründlich zu durchsuchen.

 

Eintrag vom 27.5.1884

Langsam bekomme ich es mit der Angst zu tun. Zunächst fanden die Jäger und ich nichts. Es war nichts zu hören, keine Geräusche im Gebüsch, kein Summen von Bienen und auch kein Vogelgezwitscher. Es waren auch keine weiteren Spuren auf dem Waldboden mehr zu erkennen. Die Stille an diesem Ort war erdrückend. Nach einiger Zeit, in welcher wir tiefer als das letzte Mal in den Wald eindrangen, fanden wir die ersten tierischen Überreste. Sowohl große Tiere wie Bären und Hirsche, als auch kleine wie Eichhörnchen und Vögel lagen, weit verstreut auf dem Waldboden. Anhand des Verwesungsstadiums gehe ich davon aus, dass die meisten vor einem Monat verstorben sind. Bei den meisten von ihnen war keine direkte Todesursache zu erkennen. Es gab keine erkennbaren Wunden, doch der Tod schien dennoch schlagartig und qualvoll gewesen zu sein. Die Mäuler der meisten Tiere standen offen während andere sich zusammengekauert hatten. Während ich eine Krankheit verdächtigte, erzählte der Jäger Geschichten über Geister und Flüche, die er dafür verantwortlich machte. Er wollte die Erkundung nicht weiter fortsetzen. Auch wenn sein Aberglaube ein Ärgernis darstellt, muss ich gestehen, dass es wirklich nicht grade sinnvoll wäre ohne weitere Vorbereitung die Erkundung fortzusetzen. Ich habe dennoch einen Hasen sowie einen toten Vogel zum Sezieren mitgenommen.  Die beiden scheinen erst vor ein paar Tagen verstorben zu sein, weshalb ich hoffe, dass ich ihre Todesursache herausfinden kann.

 

Eintrag vom 28.5.1884

Ich habe die Sezierung der Tiere durchgeführt, doch nun verstehe ich erst recht nicht was hier vorgeht. Ich begann mit der Untersuchung des Vogels. Ich entfernte so behutsam es ging die Federn, um die Haut besser untersuchen zu können, doch ich konnte weder eine Fleischwunde erkennen noch einen Bruch ertasten, welcher zu seinem Tod hätte führen können. Daraufhin begann ich damit sein Inneres zu untersuchen. In seinem Magen befanden sich die halbverdauten Panzer von Insekten sowie von Beeren. Ich konnte jedoch nichts finden, was auf eine Vergiftung hindeutete. Sollte es sich dennoch um ein Gift handeln, dann ist es zumindest kein Gift, von dem ich etwas weiß. Seltsam jedoch war der Zustand, in dem sich sein Blut befand. Es war schwarz und hatte einen ungewöhnlich süßen Duft. Das Blut hatte die Konsistenz von flüssigem Harz. Ich weiß nicht, was dies verursacht haben könnte, doch es scheint mir, als habe dieses Blut seine Organe verstopft, sodass diese ihre Funktion einstellten und der Vogel verstarb. Bei der Untersuchung des Hasen offenbarte sich mir jedoch etwas das mich noch mehr beunruhigte. Seine Haut war ausgetrocknet und glich Leder. Das merkwürdige dabei ist jedoch, dass ich gestern, als ich den toten Hasen mitnahm, dafür noch keine Anzeichen sah. Dies war jedoch nicht das Seltsamste an diesem Hasen. Als ich ihn sezierte, habe ich festgestellt, dass er vollkommen blutleer zu sein schien. Ich weiß, dass bei toten Tieren das Blut verklumpt, doch das ein Körper vollständig blutleer ist, habe ich noch nie erlebt. Der Zustand seiner Organe war jedoch nicht weniger verwunderlich. Sämtliche Organe in seinem Körper, waren vollständig geschrumpft.

 

Ich habe den restlichen Tag damit verbracht mir Gedanken über meine Entdeckung sowie mein weiteres Vorgehen zu machen. Ich fürchte – dass was auch immer diese Tiere getötet hat – auch mein Verhängnis werden könnte, doch ich würde es nicht ertragen können dieses Rätsel ruhen zu lassen. Ich werde mich in den nächsten Tagen auf eine weitere Reise in den Wald vorbereiten. Damit ich dieses Mal genauere Untersuchungen anstellen kann, werde ich mein Zelt, sowie eine Axt zum Feuerholz hacken mitnehmen. Außerdem darf ich nicht vergessen genug Vorräte einzupacken.

 

Eintrag vom 1.6.1884

Das gestrige Unwetter verhinderte meinen Aufbruch, doch heute ist das Wetter aufgeklart, weshalb meiner Erkundung nun nichts mehr im Weg stand. Ich habe mein Lager auf einer Waldlichtung errichtet und genug Feuerholz für die kommende Nacht gehackt. Zwar gehe ich nicht davon aus, dass ich bei der aktuellen Lage Opfer eines Raubtierangriffs werden könnte, dennoch würde ich mich ohne das Lagerfeuer ziemlich unwohl fühlen. Zumindest habe ich heute ein paar Ameisen und Echsen entdecken können. Das bedeutet zumindest, das es doch nicht nur noch pflanzliches Leben im Wald zu geben scheint.

 

Eintrag vom 2.6.1884

Diese Nacht war alles andere als erholsam. Die Stille hat mich noch nervöser gemacht als es jedes Geräusch im Gebüsch hätte machen können. Der Gestank der toten Tiere beginnt nach und nach die Luft auszufüllen. Dieser Ort fühlt sich nur noch falsch an, weshalb ich kurz davor war, selbst an einen Fluch zu glauben. Ich sezierte heute ein paar weitere tote Tiere im Wald. Es handelte sich um einen Kranich sowie um einen toten Frosch. Bei dem Frosch konnte ich weder am Äußeren noch in seinem Inneren etwas Vergleichbares wie bei meinen vorherigen Forschungsobjekten erkennen. Ich gehe daher nicht davon aus, dass ihn das Gleiche erwischt hat, was die anderen Tiere dahinraffte. Beim Kranich wiederum konnte ich erneut eine vertrocknete Haut feststellen, wobei ich jedoch klarstellen muss, dass ich mir nicht vollständig sicher sein kann, wie lange er bereits tot war. Da seine Organe aber ebenfalls geschrumpft waren, vermute ich, dass er ebenfalls ein Opfer der aktuellen Ereignisse wurde. Ich konnte dieses Mal jedoch feststellen, dass sich in seinen Adern an vielen Punkten etwas befand. Es sah jedoch nicht aus wie geronnenes Blut. Um ehrlich zu sein erinnerte mich das, was ich in seinen Adern fand, vom Aussehen her mehr an menschliche Haare. Ich versuchte sie herauszuziehen, doch sie waren außerordentlich widerstandsfähig und glitschig, weshalb ich dabei keinen richtigen Erfolg erzielte. Damit beendete ich jedoch meine heutige Untersuchung, woraufhin ich in mein Lager zurückkehrte.

 

Eintrag vom 3.6.1884

Ich habe heute keine neuen Ergebnisse erzielen können. Die Haut der meisten Tiere, die ich fand, war bereits so ledrig, dass ich mit meinem Messer nicht richtig durchkam oder sie waren bereits stark verwest, woraufhin ich Probleme hatte organische Veränderungen festzustellen. Abgesehen davon, hatte ich eine interessante Entdeckung gemacht, nur um diese anschließend wieder zu verlieren. Ich fand eine ungewöhnlich bunte Schlange mit leichtem Tigermuster, doch bevor ich sie richtig betrachten konnte, verschwand sie bereits wieder in einer Felsspalte. Das war ein herber Schlag für mich. All die Zeit hoffte ich auf neue Spezien zu stoßen, habe dann endlich eine vor meine Nase und schon ist sie wieder weg. Es ist mir bedauerlicherweise auch nicht gelungen etwas vergleichbares heute zu finden. Aber gleichzeitig sollte ich vorsichtiger sein. Ich weiß nicht, warum die Tiere sterben, geschweige denn warum manche mumifiziert werden während andere wie gewöhnlich verwesen. Die Gefahr besteht, dass ich bereits mehrfach an der Ursache dafür vorbeigelaufen bin, ohne es zu bemerken. Abgesehen davon werde ich mich bereits übermorgen wieder auf den Weg zu meiner Hütte machen müssen. Aufgrund der aktuellen Hitze habe ich bereits mehr Wasser als ursprünglich geplant verbraucht und muss somit dringend meine Vorräte in einem sicheren Gebiet auffüllen. Ich habe mittlerweile schon die Überlegung aufgestellt, ob es sich um eine neuartige Verunreinigung des Wassers handeln könnte, doch ich habe nicht ausreichend Anhaltspunkte, um diese Vermutung zu bestätigen. Aber selbst, wenn ich mir sicher wäre, dass das Wasser ungefährlich ist, so muss ich gestehen, dass ich dennoch dringend von hier wegwill. Noch nie in meinem Leben war ich so sehr vom Tod umgeben wie an diesem Ort.

 

Eintrag vom 4.6.1884

Es gelang mir heute ein paar weitere Tiere zu sezieren sowie das Gebiet genauer zu erkunden. In weiteren Tieren fand ich diese haarähnliche Struktur, bei welcher ich mir jedoch immer noch nicht sicher bin, woher sie stammt oder um was es sich dabei handelt. Mir ist jedoch aufgefallen, dass sich ihre Farben unterscheiden. Es gab sie sowohl in dunkelrot als auch in hellbraun, wobei ich auch feststellen musste, dass die hellbraunen am widerstandskräftigsten sind. Das Besondere was heraussticht ist, dass die Haut von jedem der Tiere entweder kurz davor war, auszutrocknen oder bereits ledernd war. Wie es in anderen Exemplaren mit festerem Leder aussieht, ist mir jedoch mit meinem Messer nicht möglich zu überprüfen. Ich gehe allerdings nicht davon aus, dass diese mysteriöse Struktur der Grund für den Tod der Tiere war. Zu meiner Verwunderung tauchte die Struktur nur in Tieren auf, welche mindestens die Größe eines Hundes besaßen. Kleinere hatten zwar ebenfalls eine lederne Haut, doch die Struktur befand sich nicht in ihrem Inneren.

Ich werde morgen mich eindeutig auf den Rückweg machen müssen, doch zumindest habe ich vorher noch eine unerwartete Entdeckung gemacht. Während meiner Erkundung fiel mir plötzlich auf einer kleinen Lichtung, hinter ein paar Hügeln, eine seltsame Böschung auf. Als ich näherkam, stellte ich fest, dass es sich um eine mir gänzlich unbekannte Rosenart handelte. Der Anblick dieser Rosen kann ich nur als bizarr beschreiben. Die Böschung war ein wildes Durcheinander aus schwarzen Dornenranken mit schwarzen Blättern. Die Dornen sowie die Äderchen auf den Blättern hatten eine tiefrote Farbe, doch am seltsamsten sahen die Blütenblätter sowie das Innere der Blüte aus. Die Blütenblätter waren rot und wiesen vereinzelt schwarze Punkte unterschiedlicher Größenordnung auf, während das Innere der Blüte, wo sich die Pollen befanden, einen matten Schwarzton besaß. Neugierig roch ich an ihr. Der Geruch war das Süßeste, was meine Nase jemals aufgenommen hatte. Ich kann mir gut vorstellen, dass man aus der Blüte ein wunderbares Duftöl erstellen könnte. Vielleicht wäre es sogar möglich aus ihnen Medikamente herzustellen. Ich habe mich dazu entschlossen, eine der Rosen abzuschneiden und als Beweis für meinen Fund später vorzuzeigen. Ich habe leider grade nicht die Möglichkeit eine der Pflanzen mitsamt dem Wurzelballen mitzunehmen.

 

Eintrag vom 5.6.1884

Ich bin gegen Abend wieder bei meiner Hütte angekommen. Ich werde morgen früh mir neue Vorräte für meine nächste Reise besorgen und im Anschluss noch einmal bei den Jägern vorbeischauen. Ich werde mich auch nach einem besseren Messer für meine Forschung umsehen müssen. Ich denke, dass es nicht unmöglich ist, dass einige Tiere mit dem, was auch immer in diesem Waldgebiet vor sich geht, in Kontakt gekommen sind und später andernorts verendet sind.

 

Eintrag vom 6.6.1884

Ich habe es geschafft die benötigten Vorräte und das Messer zu besorgen, doch das Treffen mit den Jägern war leider mehr als nur enttäuschend. Ich verstehe die Angst vor dem Unbekannten an sich gut, aber sie versuchen die ganze Zeit dem Unbekannten ein Gesicht zu geben, welches zu ihrem Glauben passt. Sie reden von Waldgeistern und Hexenzauber und manche von ihnen scheinen mittlerweile auch mir zu misstrauen. Ich werde wohl zukünftig ohne ihre Hilfe auskommen müssen. Ich finde es zwar schlimm genug, dass ich mich scheinbar nicht mehr auf die Jäger verlassen kann, aber am meisten besorgt es mich, dass sowohl ich als auch der Wald bereits ein Gesprächsthema in der Stadt geworden sind. Ich habe manche der Leute darüber flüstern hören, wie ich den Tod zu ihnen führen würde, während manche von ihnen sogar offenbar davon ausgehen, dass ich die Ursache für das Geschehen bin. Eine ältere Dame hatte mich sogar auf meinem Rückweg aus der Stadt bespuckt. Ich befürchte, ich werde im Gegensatz zu meiner bisherigen Planung früher diese Gegend wieder verlassen müssen, doch vorher möchte ich zumindest noch einmal versuchen neue Ergebnisse zu erzielen. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht mehr lange brauche, um das Rätsel zu lösen. Notfalls werde ich in ein paar Jahren, wenn die Lage sich beruhigt hat, zurückkehren.

 

Eintrag vom 7.6.1884

Ich bin dieses Mal noch weiter als zuvor in den Wald vorgedrungen und werde so schnell auch nicht wieder zu meiner Hütte zurückkehren. Gestern Nacht bemerkte ich Geräusche um meine Hütte, die wie das Flüstern von mehreren Personen klangen. Ich wagte es nicht die Hütte zu verlassen und harrte bis zum späten Morgen aus, ehe ich mich nach Draußen traute. Zwar fand ich keine Spuren um die Hütte herum, doch das bedeutet nicht, dass da niemand gewesen ist. Sollten die Jäger mich mittlerweile beobachten, ist es nicht unmöglich, dass sie geschickt ihre Spuren verwischt haben. Zum Glück habe ich eine Höhle im Wald gefunden, in welcher ich meinen Unterschlupf aufbauen konnte. Ich werde, sobald ich meine Forschung hier abgeschlossen habe, sofort von hier abreisen.

 

Eintrag vom 8.6.1884

Bei meiner heutigen Erkundung ist mir etwas aufgefallen. Je tiefer ich in den Wald rein gehe, desto weniger tote Tiere kann ich noch entdecken. Dafür hat die Vegetation stark zugenommen. Ich habe auch weitere Rosen gefunden, die ich erst kürzlich entdeckt habe. Der süße Duft der Rosen ist zumindest eine willkommene Abwechslung zum ständigen Verwesungsgeruch, doch beruhigen tut er mich leider nicht. Ich konnte gestern Nacht nicht gut schlafen, aufgrund von Magenkrämpfen. Abgesehen davon verspüre ich seit einiger Zeit auch einen ungewöhnlich starken Durst. Meine Wasserreserven werden wohl in Kürze aufgebraucht sein. Wenn ich nicht bald Ergebnisse erziele, werde ich aufgeben müssen, aber ich habe Angst zurück in die Stadt zu gehen. Was soll ich machen, wenn mich dort ein wütender Mob erwartet und kein Kutscher bereit wäre mich von dort wegzubringen? Sollte ich angegriffen werden, ist die Stadtwache meine letzte Hoffnung, aber wer kann schon sagen, ob die nicht ebenfalls für mich zu einer Bedrohung werden? Die Angst hat mich zurzeit fest im Griff.

 

Eintrag vom 9.6.1884

Ich werde morgen meine Sachen packen und diesen verfluchten Ort verlassen. Ich hatte damit begonnen den Wald weiter zu untersuchen und Proben von Pflanzen und tierischen Überresten zu nehmen, ehe ich mich auf den Rückweg zu meinem Lager machte. Grade mal ein paar hundert Meter von meiner Höhle entfernt, fand ich heute den Kadaver eines Bären. Ich bin mir absolut sicher, dass er bereits seit Langem tot war, und ich habe bei meiner Untersuchung auch keine offenen Stellen feststellen können, durch die etwas hätte eindringen können. Umso mehr verunsichert mich also die Tatsache, dass als ich das Messer an seinen Bauch ansetzte und zu schneiden begann, sich etwas in ihm bewegte. Ich konnte ein knirschendes Geräusch aus seinem Inneren vernehmen, als ob etwas sich durch ihn hindurch bohren würde. Es ist zwar möglich, dass etwas durch eine seiner Körperöffnungen in ihn gelangt ist, aber ich kann nicht mehr länger ruhig bleiben. Ich verstehe rein gar nichts von dem, was hier vor sich geht und bin mir auch nicht sicher, ob ich das überhaupt noch herausfinden will.

 

Eintrag vom 11.6.1884

Ich war gestern aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage weiterzuschreiben und die Flucht aus dem Wald war mir aufgrund eines enormen Unwetters nicht möglich. Sowohl meine Magenkrämpfe als auch der Durst haben sich verschlimmert. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es heil zurückschaffen werde. Aufgrund des starken Regens konnte ich zumindest meine Trinkwasser-Vorräte auffüllen, weshalb ich nicht allzu bald verdursten werde.

 

Eintrag vom 12.6.1884

Ich war ein Narr. Ich bin schon lange nichts weiter als eine wandelnde Leiche und habe es nicht mal kommen sehen. Die Zeichen waren direkt vor meiner Nase und ich kann sie erst jetzt deuten, wo es bereits zu spät ist. Da ich vermutlich niemals aus diesem Wald herauskomme, werde ich zumindest noch aufschreiben, was mich zu der Erkenntnis brachte. Mir ging es auch diese Nacht wieder sehr schlecht. Die Magenkrämpfe ließen mich zusammen kauern und ich begann an Kreislaufproblemen, Kopfschmerzen und Atemnot zu leiden. Als ich dann morgens aufstand beschloss ich in einem Anflug von Neugier nochmal nach dem Körper des Bären zu schauen, welchen ich vor kurzem in der Nähe meiner Höhle fand. Als ich jedoch dort ankam, stellte ich fest, dass sich der Zustand des Bären schockierend verändert hatte. Der Körper begann zu zerfallen und ich konnte erkennen, wie etwas aus seinem Inneren herauswuchs. Bei näherer Betrachtung erkannte ich mit Schrecken, dass es sich um die Ranken jener Rose handelte, welche ich vor kurzem erst entdeckt hatte. Der Anblick ließ mich an meinem Verstand zweifeln und ich begann hektisch mich auf dem Weg zu einer mir bekannten Position dieser Rosen zu machen. Ich hoffte, dass es sich um einen Zufall handelte, doch als ich mir das Gebüsch um die Rosen herum genauer ansah, vielen mir bereits die nächsten Überreste von Waldtieren und Insekten auf. Jetzt verstehe ich, was uns alle zum Tode verdammt hat. Wir alle sind in Kontakt mit den Pollen dieser scheußlichen Rosen gekommen. Sie scheinen nicht wie gewöhnliche Pollen zu funktionieren, eher so als ob man den Samen einer Blume mit den Sporen eines Pilzes vermischt hätte. Wir atmen sie ein und sie beginnen in uns zu wachsen, nein sie ernähren sich geradezu von uns. Die haarähnliche Struktur, die ich in den Tieren fand, waren offenbar die entstehenden Wurzeln dieser Pflanze. Insekten und Kleingetier scheint nicht zu reichen, doch in Größeren können die Wurzeln sich beginnen zu entwickeln, bis die Rose herauswächst. Ich weiß nicht wie das…

 

 

Der Rest seines Eintrags war leider witterungsbedingt nicht mehr lesbar. Ich fand sein Notizbuch am Eingang einer Höhle, in welcher sich noch sein Lager befand, neben seinen skelettierten Überresten, aus denen eine der Rosen wuchs. Da ich selbst in Kontakt mit ihr gekommen bin und bereits ähnliche Symptome zeige, werde ich wohl auch nicht viel länger leben, doch das ist wohl lediglich das Karma dafür, dass ich nicht für ihn da war, als er mich am meisten brauchte. Wir müssen unbedingt dafür sorgen, dass diese Rose niemals aus diesem Wald gelangt. Es ist mir egal ob wir einen kontrollierten Waldbrand verursachen oder den befallenen Teil des Waldes lediglich isolieren, aber irgendetwas muss getan werden. Wir können nicht einschätzen wie viel Zeit wir noch haben, bis diese Pflanze sich noch weiter ausbreitet. Ich weiß, ich verlange eine Menge von Euch, doch bitte versteht, dass ich dies nur tue, weil ich keinen anderen Ausweg mehr sehe. Wenn Ihr diesen Brief lest, werde ich vermutlich schon tot sein. Abgesehen davon mache ich mich nach dem Versenden dieses Briefes auf den Weg in den befallenen Teil des Waldes, damit durch mich es nicht zu weiterem Unheil kommt. Bitte tut Euer Möglichstes dafür, dass niemand sonst mehr zu Schaden kommt, aber bitte passt dabei auf Euch auf. Ich kann nicht ausschließen, dass die Rose sich bereits verbreitet hat.

Hochachtungsvoll

He Qing

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