
Das große Rennen
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Seitdem ich denken kann, wurde ich auf diesen einen Moment vorbereitet.
Tagein tagaus musste ich für diesen einen Tag trainieren: Joggen, laufen, rennen, sprinten, so schnell, wie es nun mal ging, jeden Tag, sieben Tage die Woche. Mein Vormund war dabei stets an meiner Seite, er feuerte mich an, gab mir Tipps, übte mit mir die besten Strategien, um Hürden gekonnt auszuweichen, Konkurrenten zu überholen und sogar, sie ins Abseits zu drängen und somit aus dem Rennen zu stoßen. Jeden Tag wachte ich mit dem Gedanken auf gewinnen zu müssen – Oder zu sterben.
Es war noch früh am Morgen als ich aufstand und mein warmes Bett verließ, um mich für das Training fertig zu machen. Vielleicht sogar mein letztes Training, nach dem aktuellen Stand der Dinge. Energiegeladen joggte ich aus meiner Baracke und machte mich auf den Weg in das Zentrum unseres Trainingslagers – Ein großer Sportplatz, auf welchem ich und alle meine Konkurrenten gemeinsam für das wichtigste Rennen unseres Lebens trainierten.
Wir verbrachten hier jeden einzelnen Tag unseres Daseins und ich kannte, außer meiner Baracke und diesem Sportplatz, auch nichts anderes. Dies sollte sich, mit dem Sieg beim Wettrennen, ändern. Ich grüßte ein paar meiner Freunde und deren Vormünder, da sah ich aus dem Augenwinkel auch schon meinen Vormund strahlend auf mich zukommen: „Da bist du ja endlich, mein Junge! Wir müssen anfangen, los, nicht rumtrödeln, du bist sowieso schon spät dran!“. Ich rollte leicht genervt mit den Augen, gehorchte aber und fing langsam an mich aufzuwärmen.
„Wie siehts denn aus, findet das große Rennen heute Abend denn auch wirklich statt?“, fragte ich beiläufig, während ich an einer Stange ein paar Klimmzüge machte und dabei angestrengt schnaubte. „Schwer zu sagen, bisher haben wir noch keine genauen Signale empfangen. Aber es scheint wohl so zu sein, die oberen Etagen haben angekündigt, dass heute ein wichtiger Abend für die Götter ist. Und wenn die oberen Etagen dies zu UNS hier unten sagen, dann hat das eine Bedeutung. Somit stehen die Chancen für einen Wettkampf gut“. Ich zog mich noch einmal an der Stange hoch, nahm ein wenig Anschwung, sprang elegant ab und landete direkt vor meinem Vormund, der erschrocken einen Schritt zurücktrat: „Und?“, ich sah ihn hoffnungsvoll an „Darf ich denn heute Abend an dem Rennen teilnehmen?“
Mein Vormund schwieg und brauchte einen Moment, bis er mir antwortete. „Wenn du die üblichen Runden heute in weniger als 30 Sekunden schaffst, melde ich dich für den Wettkampf an.“
„Ja!“. Ich platzte schier vor Aufregung. Endlich war es so weit! Seitdem ich denken konnte, wurde ich auf diesen einen Moment vorbereitet! So viel hartes Training, so viele schlaflose Nächte – Es hatte so lange gedauert, bis die Götter sich endlich einig gewesen waren das Gift hinter der Ziellinie zu entfernen und somit wieder den Weg für unser Rennen zu ebnen!
„Aber vergiss nicht mein Junge – Wenn du verlierst, verlierst du nicht nur den Wettkampf. Du verlierst auch dein Leben. So wie jeder Sportler hier, der es nicht über die Ziellinie schafft. Es heißt also: Alles oder nichts“, mein Vormund klopfte mir beschwichtigend auf die Schulter und schenkte mir dann ein motivierendes Lächeln. „Dann aber mal los! Zehn Runden in 30 Sekunden, hopp hopp!“
Nach dem Training und den erfolgreichen zehn Runden in 30 Sekunden, hing ich mit einigen meiner Konkurrenten ab und quatschte über die Welt hinter der Ziellinie. Groß sollte sie sein, so viel größer, als wir es uns jemals vorstellen konnten. Die oberen Etagen hatten Zugang zu dieser Welt und was sie darüber erzählten erreichte Dimensionen, die für uns unmöglich zu begreifen waren. Während wir miteinander redeten und uns Geschichten über die Außenwelt erzählten, dachte ich darüber nach, dass, egal wie gut wir miteinander klarkamen und egal wie sehr wir uns mochten, es während des Rennens keine Rolle mehr spielen würde, nichts davon. Ohne mit der Wimper zu zucken, würde jeder von uns den anderen zurücklassen oder sogar vom Weg abdrängen, um als Erstes ins Ziel zu gelangen. Dieser Gedanke machte mich traurig, doch ich verwarf ihn ganz schnell und klinkte mich wieder in das Gespräch ein, über die Welt hinter dem Horizont.
Es donnerte.
Ich schreckte aus dem Bett hoch und erblickte sogleich meinen Vormund, der bereits aufgeregt im Türrahmen stand. „Es geht los!“, rief er, während der Boden erneut anfing zu erzittern.
Das große Rennen. Darauf hatte man mich mein Leben lang vorbereitet.
Ich folgte meinem Vormund zum Startpunkt und konnte schon von weitem die Massen an Läufern erkennen, die ungeduldig auf den Beginn des Rennens warteten. Während mein Vormund und ich uns durch die Menge zu meinem Startplatz drängten, begegnete ich meinen Konkurrenten. Wir wünschten uns gegenseitig viel Erfolg – eine Sache der Höflichkeit, die wenig ernstzunehmend war.
Als wir auf meiner Position angekommen waren, erkannte ich den wehmütigen Blick meines Vormunds. „So lange Zeit habe ich dich trainiert, genau für diesen Augenblick. So oder so werden wir uns nicht mehr wiedersehen, mein Junge. Denk an alles was ich dir beigebracht habe, vergiss nicht, dass jeder in diesem Rennen skrupellos die Zielgerade verfolgt und am wichtigsten: Blicke niemals zurück, immer nach vorne, denn dort ist dein Ziel – und deine Zukunft.“
Ich lächelte traurig, machte einen Schritt auf ihn zu und umarmte ihn ganz fest. „Danke, dass du mich so vieles gelehrt hast. Ich werde immer an dich denken, wenn ich es auf die andere Seite schaffe.“
Wir sahen uns liebevoll an, als plötzlich wieder die Erde erbebte, sodass wir zur Seite fielen und uns eilig wieder aufrappeln mussten.
„Die Brücke wurde angedockt“, ertönte eine wohlbekannte Stimme. Die obere Etage kündigte den Start des Rennens an. „Der Streckenverlauf ist freigegeben. Bitte begebt euch in eure Startpositionen. Das Rennen beginnt in…
5…
Mein Vormund zwinkerte mir noch ein letztes Mal zu und verließ die Menge.
4…
In meinem Kopf drehte sich alles.
3…
Ich spannte meine Muskeln an, und begab mich in Startposition.
2…
Noch einmal tief Luft holen.
1…
Die Anspannung zerriss meine Nerven.
LOS!
Und ich rannte los.
Hinter mir ertönten die Stimmen der Vormünder, die ihren Schützlingen zujubelten und sie anfeuerten. Ich sprintete so schnell ich konnte und näherte mich blitzschnell den Konkurrenten vor mir. Während ich an ihnen vorbeiraste, spürte ich jede einzelne Faser meines Körpers. Doch nicht nur das, auf einmal spürte ich auch, wie jemand mir einen Hieb in die Seite verpasste. Ich drehte meinen Kopf und erblickte einen Freund von mir, der angestrengt versuchte mich zu überholen. Wie ich es vorhin bereits sagte: Im Rennen gibt es keine Freundschaften.
Ohne weiter darüber nachzudenken, scherte ich aus und gab ihm einen kräftigen Schubs – Er knickte ein, rollte sich aber noch rechtzeitig ab und ich sah aus dem Augenwinkel, wie er kehrt machte und zurück rannte. Er war durch den Sturz zu weit zurückgefallen als das er noch hätte gewinnen können, weshalb er versuchte, zurück in das Trainingslager zu gelangen. Doch er kam zu spät: Die Brücke hatte sich bereits abgedockt, der Weg zurück war nicht mehr existent, dort, wo vorhin noch all unsere Vormünder in einer Traube standen, und uns applaudierten, klaffte nun ein großes schwarzes Loch, dessen Ende nicht ersichtlich war. Mein Freund konnte nun entweder versuchen weiter zu rennen – Oder sein Schicksal akzeptieren und auf der Rennstrecke früher oder später den Tod finden.
Eine Welle der Traurigkeit übermannte mich, doch ich durfte jetzt nicht sentimental werden. So war es nun mal, unser Leben, es lief alles auf diesen einen Wettkampf hinaus bei dem es hieß: Leben oder Sterben. Und was hatte mein Vormund ständig gesagt? Blick nicht zurück, sondern stets nach vorne, denn dort ist das Ziel, dort ist deine Zukunft.
Ich sammelte all meine Energie aus den kleinsten Winkeln meines Körpers und rannte weiter. Die nächste Zeit lief das Rennen wie geschmiert, ich raste an all meinen Konkurrenten vorbei, so schnell, als würde ich über den Boden fliegen. Gekonnt wich ich Hieben und Schubsern aus, verteilte aber selbst keine mehr.
Wir waren nun bei etwa der Hälfte der Strecke angekommen, hinter mir war weit und breit kein weiterer Läufer mehr zu sehen. Ich hatte einen großen Vorsprung erreicht und betrachtete während des Laufes die Umgebung. Es war ungewohnt dunkel, warm und feucht, überall waren rote Pfützen zu sehen, die das Rennen behinderten. Doch auch darauf hatte mein Vormund mich vorbereitet. Gekonnt umging ich die rot glitzernden Tümpel und sprang über kleinere und größere rote Klumpen, die mir den Weg versperrten. Hinter der nächsten Abbiegung bemerkte ich, dass ich, gemeinsam mit einem Konkurrenten, den ich nicht kannte, wohl an der Spitze des Rennens war. Mein Rivale befand sich wenige Meter vor mir und sah ständig panisch nach hinten, in Angst, ich würde aufholen. Ich überlegte fieberhaft, wie ich ihn einholen konnte, dabei kam mir auf einmal die Stimme meines Vormundes in den Sinn:
„Wenn jemand vor dir läuft, tu so, als würden dich die Kräfte verlassen. Dann entspannt er sich ein wenig und wird automatisch ebenfalls langsamer. In diesem Moment, wo er sich in Sicherheit wiegt – Stürme los und jag an ihm vorbei!“
Guter Plan.
Ich wurde langsamer und schnaufte laut, um auf mich aufmerksam zu machen. Mein Vordermann sah über die Schulter, grinste leicht und – tatsächlich – er verlangsamte seine Schritte, in Erleichterung darüber, dass ich scheinbar keine Kraft mehr hatte aufzuholen. Er hatte ja keine Ahnung. Ich spannte meine Muskeln an, machte einen Riesensatz nach vorne und schaffte es tatsächlich, ihm meinen Fuß in die Kniekehle zu rammen. Erschrocken über diese spontane Wendung der Ereignisse, stolperte er und fiel nach vorne, während ich an ihm vorbei sauste.
„Genieß das Leben! Man hat nur einmal die Chance dazu!“, hörte ich ihn hinter mir herrufen als er begriff, dass er keine Möglichkeit mehr hatte gegen mich zu gewinnen.
So lief ich also weiter und weiter, bis ich nach einer weiteren Abbiegung, gebannt stehen blieb. Obwohl ich völlig außer Atem war und nach Sauerstoff rang, hielt ich für einen Augenblick die Luft an, als ich das Ziel vor mir erblickte: Es war eine hell leuchtende goldene Kugel, die mitten im Nichts in der Luft waberte.
Sie war wunderschön.
Nein, sie war mehr als das. Sie war perfekt.
Ich näherte mich ihr langsam und spürte die wohlige Wärme, die sie ausstrahlte. Der Anblick dieser riesengroßen und so prachtvollen Kugel, raubte mir schier den Atem. Genau dafür war ich hergekommen. Genau darauf hatte man mich mein ganzes Leben lang vorbereitet. Auf einmal öffnete sich die Kugel in der Mitte und ich spürte, wie mein Körper erbebte. Es war fast so, als würde die Kugel mich rufen und ich sehnte mich danach, in sie hinein zu steigen.
Endlich.
Endlich hatte ich das Ziel erreicht. Ich trat auf die Kugel zu und glitt in sie hinein. Sie schmiegte sich an mich, so sanft, so weich. Es war, als…
Halt, lass mich durch!“, ich schrak auf, als eine laute Stimme mich aus meinem verträumten Zustand riss. „Was…“, keuchte ich erschrocken, als ich den Konkurrenten bemerkte, dem ich eben noch einen Tritt in die Kniekehle verpasst hatte. Er quetschte sich in die Kugel! In MEINE Kugel!
Gerade wollte ich ihn hinaus schubsen, doch es war zu spät – Der Eingang schloss sich und er stand neben mir, mit einem glücksseligen Lächeln auf den Lippen. „Hier ist doch genug Platz für zwei“, bemerkte er verschmitzt, während er sich staunend umsah und die Schönheit meiner goldenen Kugel betrachtete. „IST ES NICHT. Das hier ist meine Kugel, ICH habe das Rennen gewonnen!“, schrie ich wütend, doch ich wusste, dass es zu spät war, mein Konkurrent hatte zeitgleich mit mir das Ziel erreicht. Wir würden wohl beide als Sieger in die Außenwelt treten. Ich kannte ihn nicht einmal – Hoffentlich war er nett und wir würden gut miteinander klarkommen. „Aufgeregt?“, fragte er und plötzlich freute ich mich darüber, dass ich Gesellschaft hatte. „Ja, ziemlich. Weißt du – Darauf hat man uns unser Leben lang vorbereitet. Wir werden nun endlich erfahren, was „dort draußen“ ist“.
Er nickte zustimmend und wir schlossen unsere Augen, um in den wohligen Schlaf des Übergangs zu fallen – Der Übergang in die Welt hinter der Ziellinie.
Manchmal hasste ich meinen kleinen Bruder. Ich war ganze zwei Minuten älter als er und trotzdem musste er mich immer wieder herausfordern, ärgern und nerven.
„Du wirst mich eh niemals überholen!“, rief Thomas, während er durch den Garten rannte und dabei Mama anrempelte, die fast einen Blumentopf fallen ließ. „Thomas, pass auf wo du hinläufst!“, rief sie ihm genervt zu, da war er auch schon hinter dem Gartenhäuschen verschwunden.
„Mama, warum ist Thomas immer so gemein zu mir?“, fragte ich meine Mutter, die gerade auf dem Rasen kniete und, mit Stöckern bewaffnet, versuchte, die angebauten Tomatenpflanzen zu stabilisieren. „Ach, mein kleiner Schatz“, sie lachte auf, wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn, rutschte zu mir rüber und nahm mich in den Arm, während ich beleidigt die Arme vor der Brust verschränkt hielt und versuchte, möglichst böse zu gucken.
„Weißt du was, Oliver? Vielleicht ist er ja einfach nur neidisch darauf, dass du als erstes aus Mamis Bauch gekommen bist“
Ich lächelte. „Genau!“, rief ich triumphierend. „Ich war halt einfach schneller als er!“
Sie lachte und pustete meinen Bauch, sodass ich kichern musste. „Ich liebe dich, mein kleiner Engel“, sagte Mama und gab mir einen liebevollen Kuss auf die Stirn. „Und ich bin froh, dass ich euch beide habe“.