KreaturenMittellangTod

Das Monster im Schrank

„Wahrheit oder Pflicht?“

Die Stimme meines Cousins durchbrach die erwartungsvolle Stille. Während sich die Flasche in der Mitte unseres Sitzkreises immer langsamer gedreht hatte, traute sich niemand auch nur ein Wort zu sagen. Bis sie dann schließlich auf mir landete.

„Wahrheit“, antwortete ich lächelnd und erntete dafür entnervtes Stöhnen.

„Du bist so langweilig“, seufzte Jen, meine beste Freundin, neben mir und nahm einen weiteren Schluck aus ihrem Glas. Ich wusste nicht, ob sie immer noch an ihrem ersten Gin-Tonic nippte, oder sich von Maxime bereits einen Nachschlag aufschwatzen lassen hatte.

„Das kommt immer auf die Frage an.“, sagte ich, noch immer lächelnd.

Doch irgendwie hatte sie Recht. Wenn man sich so gut kannte, wie wir vier, dann gab es keine Geheimnisse mehr, die es wert waren, erzählt zu werden. Jen und ich sind bereits seit der Grundschule befreundet, haben uns während der Highschool ein paar Wochen lang an einer Beziehung versucht, bis sie schließlich feststellte, dass Männer nicht so ihr Ding waren. Wir blieben dennoch befreundet und schließlich landete ich als Trauzeuge auf ihrer Hochzeit mit Sarah. Aus uns wurde bald ein eingeschweißtes Dreiergespann. Wie mein Cousin Maxime es geschafft hatte seinen Weg in die Gruppe zu finden ist mir bis heute schleierhaft.

Einmal im Monat trafen wir uns der Reihe nach bei einem Mitglied unserer Truppe auf einen gemütlichen Abend mit einer Menge Drinks. Heute war ich an der Reihe den guten Gastgeber zu spielen.

Ich muss zugeben, dass ich es nicht mochte diese Abende bei mir zuhause abzuhalten. Nicht, weil es zu viel Arbeit wäre, denn das ist es meistens wirklich nicht. Meine kleine Wohnung eignete sich einfach nicht dafür Gäste zu empfangen und schon gar nicht Gäste, die nach ein paar Drinks nicht mehr in ihr eigenes Bett finden würden. Als Student stand mir nicht viel Geld zur Verfügung, anders als Jen, Sarah und Maxime, die alle drei gut zahlende Jobs an Land gezogen hatten.

In meiner kleinen Wohnung ist es nicht schwer sich eingeengt zu fühlen.

Doch heute war ich froh darüber, meine Freunde bei mir zu haben. Die letzten Wochen waren anstrengend und ich konnte einen Abend mit viel Alkohol und Spaß gut vertragen. Nach dieser Nacht hätte ich endlich wieder meine Ruhe.

„Wer stellt die Frage?“, fragte Maxime die beiden Damen zu meiner Linken. Wir saßen auf dem Boden, so, dass wir uns alle ansehen konnten und meine drei Gäste warfen sich gegenseitig wartende Blicke zu. Keiner wusste, was er den anderen noch fragen sollte. Jen senkte den Blick auf das schwarze Fellknäul neben ihr.

Mein Kater Tubs hatte sich vor einer halben Stunde zu uns gesellt und ließ sich nun von ihr die Öhrchen kraulen. Im Gegensatz zu mir liebte er es, wenn ich Gäste mit nachhause brachte. Vielleicht hatte er ja genug von meinem Gesicht und war froh, ab und an jemand anderen sehen zu können.

„Gut, dann mach ich das wohl“, seufzte Maxime schließlich. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass Sarah und er sich geeinigt hatten. Die Musik, die leise im Hintergrund lief, hatte mich abgelenkt.

Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wer die Idee hatte, dieses Spiel zu spielen. Wir waren schließlich alle mittlerweile viel zu alt und definitiv zu nüchtern dafür. Wären wir heute auf einer College Party gewesen, hätte ich mir wahrscheinlich noch ein Bier geholt, doch so nahm ich nur einen tiefen Schluck von dem Whisky, den ich mir eigentlich nicht leisten konnte. ‚Das ist was erwachsene Männer mit Klasse trinken‘, meinte Maxime einmal zu mir und seitdem trank ich nur noch dieses sündhaft teure Gesöff, wenn er da war.

Ich wusste, dass ich in den Augen meiner Freunde am unteren Ende der Nahrungskette stand. Sie alle hatten ihren Platz im Leben gefunden, hatten einen Job, eine Familie, etwas vorzuweisen. Etwas, was viele in ihren frühen 30ern erwarteten. Ich passte nie so ganz ins Bild. Zwar hatte ich mir Mühe gegeben, wirklich, doch ich konnte keinen Job länger als zwei Jahre halten. Und jetzt hatte ich es aufgegeben.

Nicht viele Menschen würden sich die Mühe machen mit 32 noch ein Studium zu beginnen und ich würde lügen würde ich sagen, dass sie alle immer hinter mir gestanden hätten.

Natürlich würde keiner von meinen Freunden je seine Meinung laut äußern, doch ich sah es in ihren Augen. Sie hielten mich für Minderwertig.

All das ging mir durch den Kopf als ich das Kristallglas noch einmal an meine Lippen führte und den Rest der bernsteinfarbenen Flüssigkeit trank. Ich hasste dieses Zeug, doch es gab mir das Gefühl, wenigstens in Maxime‘s Augen ein wenig besser dazustehen.

„Was ist das Schlimmste, was dir je passiert ist?“

Wieder riss mich Maxime‘s Stimme aus meinen Gedanken. Eine selten dämliche Frage, die nur von meinem Cousin kommen konnte. Er kannte die Antwort. Sie alle kannten sie und ich hatte die leise Vermutung, dass Maxime diese Frage nur gestellt hatte, um mich zu ärgern.

„Das wisst ihr doch schon“, sagte ich also, „Stell eine andere Frage.“

„Ach stimmt ja, der Selbstmord deines Vaters, wie konnte ich das vergessen.“, meinte Maxime daraufhin und erntete einen finsteren Blick von Jen und Sarah. Wir alle wussten, dass Maxime gerne provozierte. Wir durften nur nicht darauf eingehen.

„Dann eben eine andere Frage“, wiederholte er, „Was ist das Schlimmste, was du je getan hast?“

Beinahe hätte ich diese Frage nicht beantwortet. Beinahe hätte ich gelogen und ihn wieder darauf hingewiesen, dass er die Antwort schon kannte. Dass ich mit 19 eine Zeit lang mit Drogen gedealt hatte. Doch in letzter Sekunde kam mir eine Idee und ich endschied mich für die Wahrheit.

„Wollt ihr das wirklich wissen?“, fragte ich in die Runde und sorgte für verwirrte Blicke. Auch die anderen hatten damit gerechnet die Antwort schon zu kennen. Das konnte ich ihnen natürlich nicht verübeln, denn das, was ich getan hatte, war schließlich noch nicht so lange her.

„Natürlich.“, sagte Jen schließlich und nahm die Hand vom Köpfchen meines Katers, der daraufhin ein protestierendes Miauen von sich gab, bevor er beleidigt aufstand und an mir vorbei ins Schlafzimmer trottete.

Ich wartete noch ein paar Sekunden bis ich ein vertrautes Rascheln aus derselben Richtung hörte, bevor ich anfing zu erzählen.

„Glaubt ihr an Monster?“, fragte ich zuerst in die Runde.

Es schien als hätte ich meine Freunde damit ein wenig überrascht. Jen warf Sarah einen verunsicherten Blick zu, welche im Gegenzug nach ihrer Hand griff.

„Was meinst du?“

„Monster. Die Frage ist ganz einfach. Glaubt ihr, dass es sie gibt oder nicht?“

„Ich denke, manche Menschen können Monster sein.“, beantwortete Jen meine Frage nach einer kurzen Sekunde der Stille. Sarah nickte zustimmend.

„Ich denke, dass das eine saudumme Frage ist, man“, sagte Maxime, „Erzähl uns einfach was du gemacht hast.“

„Okay okay, ich erzähl ja schon. Aber ich muss ein wenig ausschweifen.“, begann ich.

„Ihr werdet mich für verrückt halten, aber ich kann euch alles, was ich euch jetzt erzähle, beweisen.

Wenn ich so recht darüber nachdenke, ist Tubs eigentlich schuld an der ganzen Sache. Nur durch ihn habe ich Wikka kennen gelernt. Es war eigentlich ganz witzig. Ich stand im Badezimmer und hatte die Dusche aufgedreht damit das Wasser warm werden konnte. Ihr wisst ja, hier dauert das immer ein wenig länger. Jedenfalls habe ich aus der Küche einen dumpfen Knall gehört und wusste sofort, dass Tubs, das kleine Biest, mal wieder auf die Küchentheke gesprungen ist. Das darf er ja eigentlich nicht, aber er versucht es immer wieder!

Gut, dass ich da noch nicht unter dem Wasser stand, denn so konnte ich schnell in die Küche laufen, um ihn auszuschimpfen. Ich war splitterfasernackt, solltet ihr wissen, und rannte in die Küche, um Tubs von der Theke zu holen, doch er war schneller und sprang von selbst nach unten. Und dann rannte er geradewegs ins Schlafzimmer. Ich wollte ihn ein wenig ärgern also bin ich ihm nachgerannt und als ich um die Ecke sprang ist mir fast das Herz stehen geblieben.“

Alle meine Freunde hatten sich ein wenig nach vorne gelehnt. Ich hatte ihre volle Aufmerksamkeit.

„Es war, als würde sie sich an der Ecke der Schlafzimmertüre festhalten, den Kopf darüber hinweggestreckt. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich es wirklich einen Kopf nennen kann. Es sieht mehr aus wie ein Schädel, über den ein paar Lagen dunkelgraues Leder gezogen wurden. Faltig, dort, wo die Wangen einfallen und ganz straff gezogen, wo der Mund beginnt. Und ihr Mund ist wahrscheinlich auch das, was mir am Anfang solche Angst gemacht hatte. Ich meine, der hat sich vom einen zum anderen Ohr gezogen, die Mundwinkel wie in einem komischen Comic so weit nach oben gezogen, dass sie auch genau so gut ein Emoji hätte sein können. Ich glaube, ich habe sie damals genau so erschreckt wie sie mich. Sie hat zwar keine Augen, aber dafür spricht ihr Mund Bände. Obwohl sie bisher kein Wort von sich gegeben hat.

Jedenfalls hat sie mich angegrinst. Was anderes kann sie mit ihren hochgezogenen Mundwinkeln auch nicht tun. Ich stand stocksteif da, immer noch nackt übrigens. Wir haben uns bestimmt ein paar Minuten lang einfach nur angestarrt und sie hat dann den ersten Schritt gemacht. Sie hat ihre langen, froschartigen Finger von der Tür genommen und ist ganz langsam dahinter verschwunden. Ihr wisst schon, wie ich das mit froschartig meine, oder? Dünne Finger mit kleinen Knubbeln an der Spitze? Gut, denn ich möchte sie auf keinen Fall beleidigen oder so!“

Ich hielt meine Hand vor meinen Mund und lachte kurz. Die Blicke meiner Freunde waren einfach göttlich. Ich hätte mich am liebsten in Maxime‘s verwirrtem Blick gebadet.

Dein Titel als Leitender Angestellter hilft dir jetzt auch nicht weiter, nicht wahr?

„Du verarschst uns doch gerade.“ Maxime klang wirklich ein wenig sauer. Jen und Sarah dagegen schienen sich sicher zu sein, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte.

„Oh nein, Max, das Spiel heißt ja schließlich ‚Wahrheit oder Pflicht‘, richtig? Ich erzähle euch nichts als die Wahrheit, aber passt auf, es geht natürlich noch weiter.“, ich nahm mein Whiskyglas in die Hand und führte es zum Mund nur um zu realisieren, dass ich es bereits geleert hatte. Oh man, was würde ich gerade für ein Bier geben…

„Ich war noch eine ganze Weile in Schockstarre, was, meiner Meinung nach eine ziemlich natürliche Reaktion sein sollte. Aber ich konnte mich recht schnell dazu überwinden nachzusehen, wohin sie verschwunden war. Ich habe hinter die Tür geguckt und gerade noch gesehen, wie ihre dürren Finger in meinen Kleiderschrank verschwanden.

Und wisst ihr, was ich danach gemacht habe? Ihr werdet jetzt lachen, aber ich bin einfach wie geplant unter die Dusche gesprungen und habe mich danach ins Bett gelegt!“

Keiner Lachte, nur ich kicherte leise vor mich hin. Noch immer starrten mich meine 3 Gäste verdutzt an und wussten nicht, ob ich ihnen gerade wirklich die Wahrheit erzählte, oder versuchte sie auf den Arm zu nehmen

Ich konnte es ihnen nicht verübeln, schließlich würde ich mir in diesem Moment auch nicht glauben, hätte ich Wikka nicht mit eigenen Augen gesehen.

„Ich glaube, Wikka war echt schüchtern und hat deswegen so lange gebraucht, um sich mir zu zeigen. Den Namen habe ich ihr übrigens gegeben. Schön, nicht?

Tubs scheint sie übrigens schon länger gekannt zu haben. Er hatte jedenfalls keine Angst vor ihr. Das konnte ich ziemlich gut beobachten, denn seit ich sie zum ersten Mal gesehen habe ist es so, als wäre ein unsichtbarer Bann gebrochen und sie hätte endlich den Mut gefunden, sich öfter zu zeigen. Die ersten paar Tage sah ich sie nur aus dem Augenwinkel hinter Türen verschwinden. Vor allem hinter der im Schlafzimmer, da hält sie sich besonders gern auf. Und Tubs miaut ab und zu in dunkle Ecken, da weiß ich dann auch, dass sie da ist.

Sie hat es am liebsten, wenn es dunkel ist. Ich glaube sie mag sich nicht besonders und versteckt sich deswegen so gerne, aber daran arbeiten wir noch.

Ich habe sie jedenfalls so weit bekommen, dass sie jetzt keine Scham mehr davor hat von mir gesehen zu werden. Am Anfang war das schon etwas komisch, weil sie normalerweise, wie eine übergroße Spinne in der Zimmerecke hängt, aber ich habe mich schnell daran gewöhnt. Auch wenn sie so unglaublich lange Arme und Beine hat schafft sie es irgendwie, sich so klein zu machen, dass man sie gut ignorieren kann.

Und seit sie öfter das Schlafzimmer verlässt habe ich keine Insekten mehr in der Wohnung. Eine absolute Win-Win Situation! Sie ist im Übrigen auch sehr höflich! Manchmal schleicht sie sich nachts an mein Bett. Sie denkt ich merke es nicht, aber ich bin ja auch nicht so blöd wie es manch einer hier vielleicht glauben mag. Meine Schranktüre quietscht ein wenig, müsst ihr wissen, darum werde ich ab und zu wach, wenn sie sich herausschleicht. Die Kleiderbügel kratzen über die Stangen, wenn sie meine Hemden auseinander zeiht um heraus zu kommen. Und dann kauert sie nur stundenlang an meinem Bett. Ich weiß gar nicht, wie lang sie immer dort sitzt, denn ich schlafe immer wieder ein. Und wenn sie sich dann wieder verkriecht, achtet sie penibel darauf, meine Hemden wieder zu richten, damit sie im Schrank nicht zerknittern. Ist das nicht nett von ihr?

Aber ich schweife ab, ich muss ja schließlich noch immer deine Frage beantworten, Max.

Vor einer Woche oder so fiel mir auf wie unsagbar dünn Wikka geworden war. Ich fühlte mich sofort schlecht, denn obwohl ihr Grinsen noch immer so penetrant auf mich herab schien, konnte ich sehen, dass es ihr nicht gut ging. Ich weiß ja nicht, wie lange sie schon in meinem Schrank lebt und was sie bisher essen konnte, doch ich war mir sicher, dass sie schrecklichen Hunger haben musste.

Gut, ich bin vielleicht nicht der beste Koch, aber ich verspreche euch, dass ich mir sehr viel Mühe gegeben habe, um ihr irgendetwas Gutes zuzubereiten. Ich habe sogar zwei Tage lang nur trockenen Toast gegessen, um ihr ein großes Steak vom Metzger zu besorgen!

Doch egal was ich gemacht habe, sie wollte es nicht essen.

Zuerst dachte ich, dass sie zu schüchtern sei, um vor mir zu essen. Ich hatte einen Teller zurechtgemacht und in die Küche gestellt, um dann darauf zu warten, dass sie aus der Ecke über dem Herd käme. Gut zugeredet habe ich ihr auch, schließlich wollte ich ja, dass sie versteht, dass dieses Essen für sie gedacht war. Und auch, wenn ich meine ihre Mundwinkel zucken gesehen zu haben, hat sie sich nicht vom Fleck bewegt. Dann habe ich angefangen ihren Teller ins Schlafzimmer zu stellen, da hält sie sich ja am liebsten auf, also dachte ich, dass sie sich so vielleicht wohler fühlen würde. Ganz nah an die Schranktüre aus der sie nachts immer herausgekrochen kommt habe ich den Teller gestellt und mich danach ins Wohnzimmer verzogen. Den Fernseher habe ich auch immer angemacht und mich mit meinem eigenen Essen auf die Couch gesetzt, damit sie wusste, dass ich zu beschäftigt war, um sie zu beobachten. Ein paar Mal wurde das Essen auf dem Teller angeknabbert, doch das war wahrscheinlich Tubs und nicht Wikka. Der kleine Stubentiger frisst echt alles.

Keine Sorge Leute, gleich komme ich zum Punkt!

Ich habe also irgendwann verstanden, dass Wikka all das Zeug, was wir essen, nicht isst. Und ich habe echt jede Speise zubereitet, die ich mir leisten konnte.

Und dann habe ich herausgefunden, worauf Wikka wirklich Appetit hatte.

Kennst du noch Sabrina?“, fragte ich an Jen gewandt.

Als ich mein Gesicht zu ihr drehte zuckte sie leicht zurück, so als hätte sie meiner Geschichte so gespannt gelauscht, dass ich sie mit meiner Frage überrascht hatte.

„A-Aus der Highschool? Sabrina Parten?“, stotterte Jen und rückte ein wenig in Sarahs Richtung, die einen Arm um ihre Frau legte.

„Ja genau! Sie ist jetzt bei der Post, wusstest du das? Wahrscheinlich nicht, ich habe das auch erst vor ein paar Wochen herausgefunden, als sie eines Tages mit einem Paket vor meiner Türe stand. Sie hat schon immer ein wenig auf mich gestanden, nur habe ich das damals natürlich nicht gemerkt. Ich glaube wir sind zu Schulzeiten alle mit einem Brett vor dem Kopf herumgerannt.

Jedenfalls haben wir uns immer ein wenig unterhalten, wenn sie mir die Post vorbei gebracht hat. Sie hat dieses Städtchen auch nie verlassen können.

Ich will ja nicht selbstverliebt klingen, aber ich glaube, dass sie sich wieder in mich verguckt hatte. Alte Gefühle die wieder an die Oberfläche kommen und so ein Mist. Das ist ja an sich auch egal, ich hatte keinerlei Interesse an ihr. Aber Wikka schien sie sehr zu mögen. Immer, wenn Sabrina mir die Post brachte, quetschte Wikka sich an das Stückchen Wand über der Haustüre. Hätte ich meinen Arm nur ein wenig nach oben ausgestreckt, hätte ich sie streicheln können, aber das habe ich natürlich nicht getan. Ich wollte sie ja nicht gleich verschrecken, nachdem wir solche Fortschritte gemacht hatten.

Ich habe mich echt gefreut zu sehen, wie sehr Wikka auf Sabrina fixiert zu sein schien. Jeden Morgen warteten sie und Tubs zusammen darauf, dass es an der Tür klingelte. Wikka an der Flurdecke und Tubs auf dem Boden. Das gab ein ulkiges Bild ab, kann ich euch sagen.

Irgendwann habe ich dann eins und eins zusammen gezählt. Ich habe endlich gecheckt was Wikka wollte. Lang genug hat‘s ja gedauert…

Ich war so froh endlich etwas zu haben, das ich Wikka anbieten, womit ich sie vielleicht glücklich machen konnte.

Und darum habe ich mir einen Ruck gegeben und Sabrina letzte Woche zum Abendessen eingeladen. Ich habe mich auch sehr schlecht gefühlt, als ich gesehen habe, wie sehr sie sich gefreut hatte. Ich bin ja kein Unmensch, das wisst ihr ja. Aber wir alle müssen ab und zu Prioritäten setzen und ich würde verdammt sein, wäre nicht Wikka ganz oben auf meiner Liste. Ich meine, wer kann schon von sich behaupten ein Monster im Kleiderschrank zu haben? Wer weiß, welche Art von Durchbruch noch vor mir liegt. Allein wegen Wikka!

Sabrina hatte sich an dem Abend auch wirklich rausgeputzt und unter anderen Umständen hätte ich vielleicht sogar mit ihr geschlafen, aber wie gesagt: Prioritäten.

Ich hatte Wikka befohlen erst einmal im Schrank zu bleiben und auch Tubs bevorzugte seinen Platz im Schlafzimmer.

Und dann fragte ich Sabrina: Glaubst du an Monster?“

Sarah sog scharf die Luft ein und ihr Griff um Jens Schultern festigte sich. Selbst Maxime, der große, starke Mann, schien ein wenig zu zittern.

Ich hingegen fühlte mich gut. Das erste Mal seit langer Zeit fühlte ich mich den Anderen überlegen und ich wusste genau, dass es ihnen nicht gefiel. Ich hatte die Oberhand.

„Und dann?“, fragte Sarah schließlich. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Ich schenkte ihr ein beruhigendes Lächeln, ließ mir jedoch noch ein paar Sekunden Zeit, um meine Geschichte fortzuführen.

„Dann habe ich ihr ein Glas Wein eingeschenkt, während sie sich über meine Frage amüsierte. Sie glaubte nicht an Monster, sagte sie, aber als Kind habe sie immer Angst davor gehabt, dass sich eines unter ihrem Bett verstecken könnte. Wie Kinder nun mal so sind.

Eigentlich hätte ich den Abend gerne schneller beendet, doch Sabrina hörte einfach nicht auf zu reden. Es dauerte eine halbe Ewigkeit bis ich eine der Sprechpausen nutzen konnte, um sie mit mir ins Schlafzimmer zu locken. Ich glaube, sie hatte sich genau das von diesem Abend erwartet, denn noch bevor ich ihre Schultern nahm, um sie mit dem Rücken zum Kleiderschrank zu navigieren, hatte sie den Reißverschluss ihrer Jeans geöffnet.

Weiter kam sie jedenfalls nicht. Wikka schien mittlerweile auch sehr ungeduldig geworden zu sein. Kaum stand Sabrina mit dem Rücken zur Schranktür, schoben sich Wikkas froschartige Finger durch den Spalt in der Tür, bevor sie diese mit einem Ruck aufstieß und Sabrinas komplettes Gesicht umfasste. Auch ich habe mich in diesem Moment erschrocken, das muss ich zugeben. Wikka war schließlich immer so ruhig, doch an diesem Abend lag so viel Aggressivität in ihren Bewegungen. Das macht der Hunger wohl mit einem.

Sabrina hat sich die Seele aus dem Leib gebrüllt, doch Wikka war so schlau und hatte ihre Finger sicher über ihren Mund gelegt. Sie ist sehr intelligent! Wahrscheinlich hatte sie Angst, dass ihr Abendessen gestört werden würde, sollte jemand die Polizei wegen Ruhestörung antanzen lassen. Ihr kennt ja meine Nachbarn….

Und danach ging alles ganz schnell. Mit einem Ruck hat Wikka Sabrina in den Schrank gezogen und seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass es danach mehr Müll zu beseitigen gäbe, doch Wikka hat das alles selbst erledigt! Sie ist unglaublich pflegeleicht.

Danach sah sie auch nicht mehr ganz so dürr aus. Und auch, wenn sie keine Augen hat, scheinen ihre Höhlen nun viel lebendiger!

Aber manchmal fühle ich mich ein wenig schlecht deswegen. Sabrina hatte ja meines Wissens nach niemandem was getan und ich konnte die Nacht darauf wirklich gar nicht schlafen. Sogar Wikka hatte sich nicht aus ihrem Schrank bewegt, aber mittlerweile ist alles wieder gut zwischen uns.

Und das ist bisher das Schlimmste, was ich getan habe. Sabrina an Wikka zu verfüttern.“

Wieder nahm ich das Kristallglas in die Hand und führte es zum Mund, nur um zum zweiten Mal an diesem Abend festzustellen, dass es bereits leer war. Es wurde wirklich Zeit diesen Tag zu beenden.

Trotzdem ließ ich meinen Freunden den Moment der Stille. Ich wollte nicht der erste sein, der etwas sagte, also wartete ich lieber.

Das Ticken meiner Wanduhr war das einzige Geräusch in meinem kleinen Wohnzimmer. Es schien fast so, als hätten all meine Freunde den Atem angehalten.

„Das war nicht witzig.“, unterbrach Maxime schließlich das Schweigen.

„Es war ja auch kein Witz“, konterte ich und blickte einmal durch die Runde. Maxime‘s Blick war schwer zu entziffern. In seinen Augen lag Verwirrung und Erwartung, so als würde er darauf warten, dass ich das alles hier jeden Moment als einen riesigen Scherz auflösen würde.

Jen und Sarah wechselten derweilen besorgte Blicke.

Ich hatte gewusst, dass keiner von ihnen mir glauben würde.

Ein erneutes Rascheln aus dem Schlafzimmer zog die Aufmerksamkeit meiner Freunde auf sich. Als hätten sie es geübt zuckten sie alle drei gleichzeitig zusammen und richteten ihren Blick auf einen Punkt hinter mir. Noch würden sie Wikka nicht sehen können. Sie hat ihr Zeichen noch nicht erhalten.

„Wir sollten weiter spielen.“, schlug ich vor, doch die restlichen Blicke hingen noch immer misstrauisch an der Schlafzimmertüre.

Ich lehnte mich vor und schnappte mir die Flasche, die in unserer Mitte lag. Dann holte ich leicht aus und ließ sie ein paar Mal um sich selbst kreiseln, bevor ich sie wieder festhielt und ihren Hals auf mich selbst richtete.

„Oh, was für ein Zufall!“, lachte ich und endlich landeten alle Blicke wieder auf mir und der Flasche unter meiner Hand.

„Ich glaube, ich entscheide mich nochmal für die Wahrheit.“

Ich wartete einen Augenblick, doch weder Maxime noch Jen oder Sarah sagten etwas.

„Was ist? Fällt euch keine Frage ein? Dann helfe ich euch aus. Maxime, du hast gefragt, was das Schlimmste sei, das ich je getan habe. Frag mich doch, was das Schlimmste ist, das ich noch tun werde.“

Ich drehte mich so, dass ich meinem Cousin direkt in die Augen sehen konnte. Zuerst versuchte er meinem Blick stand zu halten, doch als er merkte, dass ich kein Problem damit hatte einen Starrkontest anzufangen, wendete er sich ab. Ich jubilierte innerlich.

Wie lange hatte ich schon auf so einen Moment gewartet?

„Lass die Scheiße, man. Siehst du nicht, dass du den Mädels Angst machst?“, Maxime deutete auf Sarah und Jen, die sich noch immer aneinander klammerten.

„Stell mir die Frage.“, sagte ich stattdessen und ignorierte die beiden Frauen neben mir. Sie waren mir erstmal egal. Jetzt war Maxime an der Reihe.

„Du hast sie dir doch gerade schon selbst gestellt.“

Maxime versuchte also immer noch das Alphamännchen zu geben. An jedem anderen Tag hätte ich das stillschweigend über mich ergehen lassen. Aber nicht heute.

„Das Spiel macht keinen Sinn, wenn ich mir die Frage selbst stelle. Das muss von euch kommen. Also hol deinen verdammten Kopf aus deinem Arsch und stell mir die verschissene Frage!“

Vielleicht war ich gegen Ende hin etwas laut geworden, denn Sarah zuckte neben mir zusammen und Maxime hält seine Arme abwehrend in die Höhe.

„Beruhig dich, man.“, versuchte es Maxime so ruhig wie möglich hervorzupressen. Mittlerweile war klar, dass auch ihm die ganze Situation nicht geheuer war, „Ich stell die blöde Frage ja schon. Was ist das Schlimmste, was du noch tun wirst?“

Ich atmete ein paar Mal ein und aus, bevor ich ein Lächeln in die Runde werfe.

„Wie schön, dass du mich das Fragst, Max.“

Ich klopfte drei Mal mit meinen Knöcheln auf das Laminat unter mir. Das Zeichen, dass ich Wikka beigebracht hatte. Jetzt musste sie nur noch darauf hören, doch das hatten wir ja geübt.

Wie erhoffte hörten wir alle sogleich ein Knarzen aus der Richtung des Schlafzimmers kommen.

Erneut drehten meine Freunde den Kopf, um hinter mich zu blicken und an der Größe ihrer Augen wusste ich, dass Wikka mich nicht im Stich gelassen hatte.

„Wisst ihr…“, begann ich, „Ich wollte euch schon lange etwas sagen, aber ich habe mich nie getraut.

Ich finde, dass ihr keine guten Menschen seid. Keiner von euch! Jahrelang habt ihr euch über mich lustig gemacht, nur weil ihr mit meinem Leben nicht klar kommt. Ist euch schonmal in den Sinn gekommen, dass ich zufrieden damit bin, wie es bei mir läuft? Gut, das bin ich nicht, aber habt ihr mich je gefragt? Nein, das habt ihr nicht. Ihr habt es einfach angenommen und mich zum Loser der Gruppe ernannt. ‚Guckt euch Jasper an, Jasper hat keinen Job. Jasper studiert noch. Jasper hat keine Freundin!‘, Gott, wie ihr mich ankotzt!

Ich habe mir das alles hier lang genug angesehen“

Leise keuchend stützte ich mich am Boden ab und stellte mich auf. Nur kurz schweifte der Blick von Jen zu mir, bevor sie sich wieder auf die Kreatur konzentrierte, die sich langsam aus dem Schlafzimmer bewegte.

Aus Sarahs Mund kam ein kurzer Schrei, bevor sie sich die Hand davor schlug und immer weiter zurück gegen Jens Körper kroch. Auch die rutschte zurück und versuchte dann, sich aufzustellen, doch mit Sarah, die sich stetig gegen sie presste, ging das nur schlecht und sie fiel wieder zurück. Ich sah zu Maxime, doch er schien vor Schock komplett eingefroren.

Ich wusste zwar, was sie sahen, doch trotzdem drehte ich mich noch einmal um.

Da war sie, in all ihrer Schönheit.

Wikka, mit ihren spindeldürren, unmenschlich langen Armen, die sie hinter sich her zog, während sie sich mit dem, was wahrscheinlich ihre Beine waren, voranschliff. Ihr Mund war, wie gewohnt, zu einem weiten Grinsen verzogen und die Haut um ihre Wangenknochen straffte sich erwartungsvoll.

Ich konnte in ihren nicht-vorhandenen Augen lesen, dass sie sich auf das Festmahl freute. Zum Glück hatte sie ihre Schüchternheit ein wenig abgelegt. Vor einem Monat wäre das hier noch nicht möglich gewesen.

Für einen kurzen Moment empfand ich etwas wie stolz auf mein Mädchen.

„Ich weiß nicht, wie viel Wikka essen kann. Nach Sabrina schien sie ziemlich satt gewesen zu sein, aber das kann ich nicht beurteilen. Ich habe ihr ein Festmahl versprochen und so wie ich das sehe, hat sie großen Appetit.“

Sarah und Jen hatten nun einen Rhythmus gefunden, in dem sie immer weiter zurück krochen, bis sie beide mit dem Rücken gegen die hintere Wand des Wohnzimmers stießen. Ihre Atmung ging schnappartig und Enttäuschung durchströmte mich. Ich hatte mir wenigstens ein paar Schreie erhofft.

Maxime war auch dazu übergegangen, den Boden entlang auf die hintere Wand zuzurücken. Wie dumm sie doch alle waren. An ihrer Stelle hätte ich mich nicht in die nächste Sackgasse begeben.

Ich drehte Wikka wieder den Rücken zu, nachdem ich ihr ein aufmunterndes Lächeln geschenkt hatte. Mit langsamen Schritten ging ich auf meine Stereoanlage zu, aus der noch immer leise Partymusik tönte.

„Ihr werdet euch nie wieder über mich lustig machen. Ihr werdet nie wieder diese bemitleidenden Blicke austauschen und ihr werdet mich sicherlich nie wieder dazu bringen, diesen verdammten Whisky zu trinken.“

Ich legte meine Finger um das kleine Rädchen an der Stereoanlage, mit welchem ich die Lautstärke der Musik einstellen kann. Wikka kroch unterdessen immer weiter auf meine Freunde zu, schön langsam, so wie wir es geübt hatten. Ihre Hände platschten auf das Laminat und obwohl ich es ihr gegenüber nie zugeben würde, gab mir dieses Geräusch Gänsehaut.

„Das Spiel ist damit beendet“, sagte ich und drehte die Lautstärke der Musik langsam lauter, „Ich denke ihr wisst, was das Schlimmste ist, das ich noch tun werde.“

In einer schnellen Bewegung drehte ich das Rädchen auf volle Lautstärke und hielt mir dann die Ohren zu, während Wikka mit einem Satz auf die drei Menschen auf dem Boden zusprang und ihre langen Arme um Jen und Sarah wickelte. Trotz der lauten Musik, die durch meine Finger in den Ohren dröhnte, konnte ich sie panisch Kreischen hören und hatte somit die Genugtuung, die ich mir verdient hatte.

Mit meinen Händen noch immer an meinen Ohren drehte ich der Szene vor mir den Rücke zu und machte mich auf den Weg ins Schlafzimmer. Zu gerne hätte ich Wikka dabei zugesehen, wie sie ihnen allen die Köpfe abbeißt, doch ich wollte mein Glück auch nicht überspannen. Sie soll ihre Ruhe haben, während sie isst und die panischen Blicke, die ich noch zu sehen bekommen hatte, erfüllten mich mit genug Freude.

Im Schlafzimmer schloss ich dann die Türe hinter mir und hörte nur die gedämpfte Musik durch das Holz schallen. Meine Nachbarn mussten dasselbe Hören.

15 Minuten.

So lange würde ich Wikka geben, um sich satt zu fressen, bevor ich die Musik wieder leiser schalten musste.

Ich knipste die kleine Lampe auf meinem Nachttisch an und hüllte das Schlafzimmer in gelbliches Licht. Auf dem Bett lag Tubs eingerollt auf meiner Bettdecke und sah mich aus aufgerissenen Augen an. Die laute Musik hatte ihn wohl geweckt.

Ich setze mich neben ihn und begann sein kleines Köpfchen zu kraulen, was er mit einem Schnurren begrüßte. Er war zwar keine große Hilfe gewesen, doch auch Tubs hatte sich eine kleine Belohnung verdient.

Wenn alles vorbei war, würde ich ihm eine Dose Thunfisch öffnen und dann würden wir uns aufs Sofa kuscheln und eine Runde „Wer wird Millionär“ ansehen.

Ich seufzte und dachte wieder an Wikka.

Wie stolz mich mein Mädchen doch immer wieder machte…

 

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