EigenartigesKosmischer HorrorKreaturenKurz ( 5 - 10 Minuten )

Der 1000. Tag

Heute ist der 1000. Tag. Das haben sie gerade im Radio verkündet. Der 1000. Tag seit sie auf der Erde angekommen sind. Die „Anderen“. 1000 Tage sind 2,74 Jahre. So lange sitze ich jetzt schon hier unten in diesem Bunker. Vor ein paar Wochen habe ich meine Schwester beerdigt. Nach meiner Mutter und meinem Vater hat die „Seuche“ nun auch sie dahingerafft. Somit bin ich jetzt der Einzige, der von der wahren Existenz der „Anderen“ weiss.

Nach dem letzten grossen Weltkrieg war das Land verseucht. Ernten verrotteten, Menschen fingen an, jedes Lebewesen, welches sie fanden, zu verzehren. Ob nun Haustiere oder ganze Menschenhorden, die die Zoos und Tierparks stürmten, um ein Nashorn oder sogar einen Puma zu erledigen. Es wurde kein Unterschied mehr gemacht. Das Wasser war nicht mehr trinkbar, weil es so verseucht war. Reihenweise fielen die Menschen der „Seuche“ zum Opfer und verstarben. Es herrschte Anarchie.

Nachdem alle Tiere ausgerottet worden waren, fingen die Menschen an, sich gegenseitig zu verzehren. Männer, Frauen, Kinder. Es wurde kein Unterschied mehr gemacht. Auch die Reichen, die sich verschanzt hatten, wurden nicht verschont. War es nicht die „Seuche“, die sie dahinraffte, so waren es die Mobs, welche zu Tausenden ihre geschützten Bunker stürmten und plünderten.

Von unserem Bunker weiss niemand etwas. Mein Vater hatte ihn schon Jahre zuvor gebaut. Heimlich. Niemand wusste davon. Wir wohnen auf dem Land, lebten von dem, was die Natur uns gab. Klar, ab und zu reisten wir auch in die Stadt, um Vorräte zu kaufen oder die Zutaten für unser Lieblingsessen: Pizza mit Salami. Doch wir waren weitesgehend unabhängig von der Konsumsucht, welche die Menschheit regierte, bevor der Krieg begann. Meine Mutter, meine Schwester und ich standen Stunden in der Küche, um Gemüse und Früchte einzumachen, um Vorräte anzulegen. Denn Vater hatte uns immer vom grossen Krieg, der bald ausbrechen würde, gewarnt. Als hätte er geahnt, was auf uns zukam. Erst haben meine Schwester und ich ihn ausgelacht. Doch als dann die ersten Bomben fielen, verging uns das Lachen ziemlich schnell. Wir zogen uns zurück in unseren Bunker, bewaffnet mit Gewehren, einem Funkgerät und dem Radio. Täglich hörten wir von den Katastrophen, die die Erde heimsuchten. Und wir sendeten jeden Tag einen Funkspruch aus, in der Hoffnung, noch andere Überlebende zu finden. Doch wir erhielten nie Antwort.

Unser Haus wurde komplett geplündert. Obwohl wir, wie man früher vielleicht gerne sagte, am „Arsch der Welt“ lebten, hatten die Menschen unseren Gutshof gefunden. Es fehlten immer mehr Dinge, das fanden wir heraus, wenn wir jeweils mitten in der Nacht wieder an die Oberfläche zurückkehrten, um weitere Utensilien in den Bunker zu bringen.

Und eines Nachts, vor genau 1000 Tagen, sahen wir draussen ein grelles Licht aufblitzen. Mein Vater und ich gingen nach draussen, um herauszufinden, was passiert war. Waren es Plünderer? Ein verirrtes Auto? Wobei, Benzin gab es ja auch keines mehr…

Ein paar hundert Meter neben unserem Hof stand ein seltsames Gebilde mitten in unserem ehemaligen Maisfeld. Aus sicherer Ferne beobachteten wir, wie die „Anderen“ aus ihrem Raumschiff stiegen. Es waren hochgewachsene Wesen mit blauer Haut, langem rotem Haar und stechend gelben Augen. Sie hatten humanoide Gesichtszüge, doch ich muss sagen, je länger ich mich mit der Materie der „Anderen“ befasst habe, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass sie wahrscheinlich ihr Aussehen uns angepasst haben, damit wir weniger Angst vor ihnen haben.

Mein Vater hatte mich am Arm gepackt und zurück ins Haus gezerrt. Wir hatten den Bunker so verschlossen und getarnt, dass wirklich niemand ihn finden konnten und hatten ihn nie wieder verlassen. Wir lebten von unseren Vorräten, hörten jeden Tag Radio und bekamen so mit, wie die „Anderen“ die Welt übernahmen. Sie machten die Felder wieder fruchtbar, erschufen Haus- und Nutztiere. Es gab wieder jedes Lebensmittel, welches zuvor existiert hatte. Aber etwas war anders. Wer ihre Nahrung verzehrte, vergass sofort, dass die „Anderen“ nicht von hier waren. Sie fingen an, die „Anderen“ zu verehren. Und diese fingen an, sich ungebremst auf der Erde auszubreiten. Sie hatten vor, unseren Planeten zu dem ihrigen zu machen. Ich hörte auch von Mischwesen, diese hatten jedoch einen schweren Stand in der Gesellschaft. All das konnte ich im Radio vernehmen.

Ich erinnere mich daran, wie ich mal auf einem meiner nächtlichen Streifzüge einen alten Schulfreund, der viele Kilometer weiter weg von mir wohnte, getroffen hatte. Auch er hatte sich verbunkert. Doch er erzählte mir, dass seine Vorräte langsam knapp wurden und dass die „Anderen“ ihn bereits erwarteten. Sie hätten ihm ein Lebensmittelpaket vor die Haustür gelegt. Sein kleiner Bruder hatte begeistert die Packung Chips aufgerissen und bevor irgendjemand etwas hatte sagen können, hatte er bereits einen Chip gegessen. Seine Augen waren schlagartig leuchtend gelb geworden und er hatte begonnen, die „Anderen“ zu lobpreisen. Schlagartig seien ebendiese auf ihrer Türschwelle aufgetaucht, um das Kind abzuholen. Seine Mutter hatte sich schreiend vor den Kleinen gestellt. Erst hatten die „Anderen“ ihr liebevoll angeboten, dass sie sich ihnen ebenfalls anschließen könne, dann könne sie ihren Sohn für immer an ihrer Seite haben. Doch seine Mutter hatte sich gewehrt. Lautstark. Ihr Sohn werde hierbleiben, hatte sie immer wieder geschrien. Da hatte einer der „Anderen“ einen Finger gehoben, der Frau über die Stirn gestrichen und sie war zu Boden gefallen. In zwei Hälften geteilt.

Mein Schulfreund hatte dieses Trauma nicht überwunden. Sein kleiner Bruder war erst vier Jahre alt gewesen. Erst hatte ich ihn überreden wollen, mit mir zu kommen. Doch er konnte es nicht. Er hatte mir gesagt, er wolle in seinem Haus bleiben und darüber nachdenken, wie es für ihn nun weitergehen sollte. Ich habe ihn nie wieder gesehen.

Heute ist der 1000. Tag. Und wahrscheinlich ist dies mein letzter Tagebucheintrag. Meine Familie ist tot, die Welt wird von den „Anderen“ eingenommen. Meine Vorräte sind aufgebraucht. Egal wie sehr ich sie mir eingeteilt hatte, irgendwann sind sie trotzdem zur Neige gegangen. Die „Anderen“ haben mir ein Paket auf der Türschwelle abgelegt. Ich habe reingeschaut. Darin befindet sich Pizza. Mit extra Käse und Salami. Sie riecht so lecker. Genau wie meine Mutter sie immer gemacht hat. Und egal wie lange ich sie liegen lasse, sie verdirbt nicht, erkaltet nicht. Ihr Duft betört meine Nase. Aber ich darf sie nicht essen. Sonst werde ich einer von ihnen.

Die Krämpfe in meinem Bauch werden immer stärker. Ich habe zwar noch Wasser übrig, aber keine feste Nahrung mehr. Und der Duft der Pizza scheint mittlerweile auch in meinen Bunker zu kriechen. Ich liege auf meiner Pritsche und krümme mich unter den Schmerzen. Der Schweiss steht mir auf der Stirn. Ich bin vielleicht der letzte echte Mensch auf Erden. Mit zitternden Fingern greife ich nach dem Funkgerät meines Vaters und sende zum gefühlt millionsten Mal einen Funkspruch aus. Doch niemand antwortet. Im Radio läuft Musik, die die „Anderen“ preist. Ich spüre, wie die Müdigkeit in meine Knochen kriecht. Mein Magen verkrampft sich immer stärker. Die Schmerzen werden… unerträglich… Der Duft der Pizza scheint mittlerweile den kompletten Bunker zu erfüllen… Aber… Ich… Darf… Nicht… Nachgeben…

Die Welt beginnt sich zu drehen. Mein Herz fängt an zu rasen. Ich kann mich auf nichts mehr konzentrieren. Selbst das Aufnehmen dieses Logs fällt mir schon schwer… Meine Finger verkrampfen sich um das Aufnahmegerät… Diese Schmerzen… Diese unglaublichen… Schmerzen… Der Duft von Käse steigt in meine Nase. Vielleicht, wenn ich nur einen Bissen… Nein… Ich darf nicht… Ich will nicht einer von denen werden… Im Radio wird verkündet, dass heute zur Feier des 1000. Tages der Ankunft der „Anderen“ ein grosses Fest in der Stadt geben werde.

Als ich die Augen wieder öffne, liegt die Pizza auf dem Tisch. Direkt neben meiner Pritsche. Ich rieche die fruchtigen Tomaten. Den luftigen, aber dennoch knusprigen Teig… Den Käse… Der herrliche Duft von Fleisch… Wie lange habe ich schon kein Fleisch mehr gegessen? Ich schliesse die Augen… Es ist so herrlich… Aber wie kam die Pizza eigentlich auf meinen Tisch? Waren die „Anderen“ etwa hier drin? Wissen sie, dass ich hier im Bunker sitze? Warum holen sie mich dann nicht einfach? Warum müssen sie mich quälen mit dieser wunderbar riechenden Pizza? Die Bauchkrämpfe kehren zurück und ich beginne wie ein kleines Kind zu weinen, während meine Finger sich in Richtung Tisch bewegen…

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3 Kommentare

    1. Danke für dein Feedback! 😀 Fun fact: Ich habe die Geschichte damals im 2019 geschrieben, während ich eine Fertigpizza gegessen habe. Dabei kam mir die Idee: Was, wenn irgendwer mal etwas in unsere Essen mischen würde, das unser Gehirn verändert? So dass wir blinde Zombies werden? 😀

  1. Danke für dein Feedback! 😀 Fun fact: Ich habe die Geschichte damals im 2019 geschrieben, während ich eine Fertigpizza gegessen habe. Dabei kam mir die Idee: Was, wenn irgendwer mal etwas in unsere Essen mischen würde, das unser Gehirn verändert? So dass wir blinde Zombies werden? 😀

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