MittelObjekte

Der antike Schrank

Edward Redwood war Antiquitätenhändler.
Seine Eltern entstammten einer alten, englischen Aristokratenfamilie, und so wurde er reich geboren. Ein Umstand, der ihm nicht immer Glück bescherte. Zwischen den sich anbiedernden Gecken und den ihn verachtenden Armen fand sich nur ein schmaler Pfad, um echte Freundschaft zu finden.

Redwoods endlose Versteigerungen brachten ihm den Ruf eines eifrigen Sammlers ein, der mit Zahlen besser umzugehen wusste als mit Menschen.
Jetzt, in seinen alten Tagen, beschloss er, sein Haus zu vermieten, um etwas Leben für sich und seine Frau Amelia hineinzubringen.
Mit pedantischem Eifer war Edward Redwood darauf bedacht, sein Anwesen mit den richtigen Möbeln zu bestücken. Die modernen Häuser, in ein paar Wochen zusammengezimmert und schmucklos, gaben ihm ein Gefühl der Kälte. „Ein Haus braucht eine Geschichte, eine lebhafte Vergangenheit, um bewohnbar zu sein“, sagte er sich.
Und so füllte er es mit all seinen erworbenen Antiquitäten. Herrliche, perlenbesetzte Spiegel aus Griechenland. Alte Schränke aus massivem Holz, die schon in Königshäusern gestanden hatten, und Teppiche aus Persien, mit einem Hauch von tausendundeiner Nacht versehen.
Die Bewohner waren bezaubert, und so erwärmten sich Ihre Gefühle für den stets freundlichen Vermieter und seine Frau. Und Ihre Vorurteile schwanden in gleichem Maße.

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Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Die Menschen begannen plötzlich zu verschwinden.

 

Als Erstes wurde das Ehepaar im Erdgeschoss getrennt.
Eine stürmische, leidenschaftliche Beziehung. Doch die Frau, Clara, war plötzlich nicht mehr auffindbar.
Da Redwood von dem ständigen Stöhnen und Geifern bei Nacht oft schlecht geschlafen hatte, sah er in dieser Wendung nicht nur etwas Schlechtes.

Wie alle ging er davon aus, dass Clara mit einem ihrer Liebhaber durchgebrannt war. Doch schon wenige Tage darauf fehlte auch von der alten Dame im dritten Stock jegliche Spur.
Edward hatte sie regelmäßig besucht, wenn sein alter Zylinder oder seine Weste löchrig waren, denn sie war eine ausgezeichnete Näherin. Nun stand ihre Wohnung leer.
Der Pianist aus dem ersten Stock erinnerte sich daran, sie am Tag ihres Verschwindens gesehen zu haben. Sie solle zielstrebig die Treppen ganz nach oben gestiegen sein.

Dort oben wohnte ein älterer, freundlicher Edelmann.
Ein exzentrischer Herr, der sich in Mode und Benehmen dem Stil des 18. Jahrhunderts anpasste. Ein verschlossener Mensch, und dennoch konnte Redwood sich nicht vorstellen, dass dieser Mann ein Mörder war.

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Als Edward eines Abends von einem nächtlichen Spaziergang zurückkehrte, kam ihm der Ehemann der verschwundenen Frau entgegen. Ihr Fernbleiben hatte ihn sichtlich geprägt. Seine geröteten Augen und verwitterten Züge waren Zeuge seiner nächtlichen Eskapaden. Er wurde oft in den alten Straßen Londons gesehen, dort, wo Träume vergessener Zeitalter lebendig wurden und einsame Männer in den Armen der Kurtisanen einen bittersüßen Trost fanden.

Jetzt war sein Blick gläsern und ausdruckslos. Starr ging er an Redwood vorbei und stieg die Treppen empor. In seiner rechten Hand glitzerte etwas im hereinfallenden Mondlicht, ein Schlüssel.
Ganz nach oben schien er zu steigen, dann wurde es still. Tags darauf war auch er wie vom Erdboden verschluckt. Redwood alarmierte die Polizei, sein Verdacht gegen den alten, verarmten Grafen im Obergeschoss erhärtete sich. Doch auch eine Wohnungsdurchsuchung und zahlreiche Befragungen blieben fruchtlos.

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Langsam begann die Stimmung im Haus zu kippen. Das Gelächter wurde seltener und der Frohsinn schwenkte um in Misstrauen. Das Anwesen wirkte auf einmal leer und kalt.
Dann verschwand auch der alte Edelmann spurlos! Vorbei waren die Zeiten, in denen das Aufschlagen seines vergoldeten Gehstocks wie bei einem echten Dandy sein Kommen und Gehen ankündigte.

Das Wetter schlug um. Die Sonne zeigte sich seltener und die Luft schien wie aufgeladen zu sein. Bei einem nächtlichen Donnerschlag fuhr Redwood erschrocken aus dem Schlaf.
Auf dem Nachtkästchen neben seinem Bett lag ein alter Schlüssel. Wie er dorthin gekommen war, wusste er nicht. Seine aus Messing gegossenen Verzierungen waren exquisit und von höchster Kunstfertigkeit. Und doch war er leicht verrußt und geschwärzt.

Bei seinem Anblick lief Edward ein kalter Schauer über seinen mit Schweiß bedeckten Rücken.
Einen Entschluss fassend zog er sich an, nahm den eisigen Schlüssel und stieg voll aufkeimender Furcht vorsichtig ins oberste Stockwerk.
Doch der Schlüssel passte nicht für die Wohnung des vermissten Edelmannes.

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Gegenüber der Wohnung stand ein alter Schrank.
Redwood erinnerte sich noch an die Versteigerung. Die Londoner Auktionshäuser hatten ihre goldenen Jahre längst hinter sich gelassen. Und dennoch war dieser Schrank einer seiner besten Käufe gewesen. Aus der Tudorzeit, dunkles Eichenholz. Keine Verzierungen, bis auf einen geschnitzten Eremitenkopf ganz oben in der Mitte. Ein solides Stück, sehr alt, und doch zeugte er vom handwerklichen Geschick seines Erbauers.

Redwood steckte den Schlüssel ins Loch… und er passte!
Das Innere des Schrankes war rußgeschwärzt, wie bei der Versteigerung, und es stank noch immer so ekelhaft. Ja, Kohle und staubiges Holz.
Der Geruch erinnerte ihn an alte, zerfallene Herrenhäuser, modernde Schichten sich auftürmender Mottenkugeln. Und noch ein anderes Aroma… Ein sehr seltsamer Geruch, der Redwood fremd war. Er konnte ihn bildlich nicht zuordnen. Und doch löste er in ihm eine instinktive, tiefe Furcht aus.

Der Schrank war leer.

Voller Zweifel stieg Redwood die knarzende Treppe nach unten, den schweren Messingschlüssel in seinen zittrigen Händen drehend. Die wabernde und unbestimmte Angst, die ihn seit einer Weile begleitete, ließ ihn einfach nicht los. Ehe seine Wohnungstür hinter ihm zufiel, warf er aus dem Augenwinkel noch einen Blick nach Oben. Quer durch das Treppengeländer starrte ihm der Eremit entgegen, seine hart geschnitzten Züge wirkten abweisend und immerwährend.
Der Eremit. Der Zurückgezogene. Welche verborgenen Weisheiten er wohl hüten mochte hinter diesen rußgeschwärzten Türen? Aber das war verrückt.
Redwood, im Zeitalter der Industrialisierung und des Fortschritts aufgewachsen, glaubte an die Vernunft. Ja, alles ließ sich rational erklären, selbst die Sterne und die Leere dahinter.

Seine Jugendlektüre der Sherlock-Holmes-Geschichten beflügelte jetzt seinen Tatendrang. Wenn die Polizei nicht in der Lage war, den Mörder zu finden, dann würde er es vollbringen!
So hatte Redwood es sich zur Gewohnheit gemacht, tagsüber zu schlafen und abends zu wachen.
Und schon wenige Nächte später wurde seine Geduld belohnt.

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Er war gerade in “Der Graf von Monte Christo” vertieft – Dumas war einer seiner Lieblingsautoren -, als er Schritte im Treppenhaus hörte. Als er die Tür öffnete, sah er gerade noch die hageren und markanten Gesichtszüge des Pianisten aus dem ersten Stock an sich vorbeihuschen.

Die sonst so freundlichen und lebensfrohen Augen waren jetzt starr und apathisch nach oben gerichtet. Er stieg zügig, mechanisch die Treppen empor, in seiner Rechten hielt er einen alten Schlüssel. Es war eine exakte Kopie des Schlüssels, den Redwood in seinem Zimmer gefunden hatte.
Als Edward ihn grüßte, reagierte er nicht. Überhaupt wirkte er wie hypnotisiert und schien ihn gar nicht wahrzunehmen. So schnell es seine im Alter erlahmten Beine erlaubten, hinkte er ihm hinterher.

Als Edward Redwood am Fuß der letzten Treppe nach oben schaute, weiteten sich seine bestürzten Augen. Der Pianist drehte den Schlüssel im Schrank, öffnete ihn und stieg, samt Anzug und polierten Lederschuhen, hinein!

Der Anblick des Mannes, seine langen Beine verrenkend, um in den engen Raum hinter der Tür zu passen, wirkte beinahe albern. Wäre da nicht eine dunkle Vorahnung Redwoods gewesen, die sich in den matten, fiebrigen Augen des Pianisten widerspiegelte.
Mit einem Ruck waren die Türen zu und aufkreischend drehte sich der Schlüssel im Schloss.
Gedämpft, wie aus weiter Ferne. Dann wurde es still.

Redwood keuchte die letzten Stufen nach oben und riss an den Schranktüren. Doch sie blieben fest verschlossen, so sehr er auch zog und rüttelte. Schon kam der beißende, rußige Gestank hinzu, stärker als je zuvor.
Keuchend wich er zurück, denn schwarzer Rauch presste sich jetzt aus den Schranköffnungen und stieg zur Decke empor. Der Gestank wurde unerträglich, der fremde, unbekannte Geruch nahm überhand.

Redwood schwanden die Sinne. Er stürzte zum Treppengeländer und eilte, sich halb überschlagend, nach unten. Zu dem einzigen Mittel, um diesen Mann noch zu retten!
Mit seinem eigenen Schlüssel rannte er zurück, drehte ihn im Schloss und riss die Schranktüren weit auf!
Schwarze Rauchschwaden quollen ihm entgegen, doch sobald er sich wieder hochraffte, sah er, dass der Schrank komplett leer war!

Keine Spur von dem Musiker, nur stinkendes, moderndes Holz, das jetzt sogar noch schwärzer geworden war.

Das Holzrelief des Eremiten blickte starr auf ihn hinunter. Edward taumelte zurück.
Der ganze Schrank wirkte jetzt bedrohlich auf ihn. Er reichte vom Eck bis zur Treppe, streckte sich vom Boden hoch zu den Deckenbalken. Überragte ihn, nahm den ganzen Raum vor ihm ein. Schwer und sperrig, dunkel und abstoßend.

Redwood bildete sich ein, den Schrank schwanken zu sehen. Einen furchtbaren Moment lang glaubte er, der Schrank würde auf ihn stürzen und ihn unter seinem Gewicht begraben.

Das kleine Abteil bot kaum genug Platz für einen Menschen. Und dennoch wollte er selbst diesen Raum ausfüllen. Sich hineinquetschen in dieses stinkende, enge Loch. Wollte umgeben sein von schwarzem, fauligem Holz, das sich knarzend bewegte. Erfüllt sein von dunklem, archaischem Qualm.

Aber – er saß schon im Schrank!
Eine Tür war noch ein Stück weit geöffnet. Da stellten sich ihm die Haare auf, denn er schmeckte wieder diesen urzeitlichen Geruch, der ihn jetzt an den Reptilienkäfig aus seinen Zoobesuchen erinnerte.
Und dann, von Ekel und Wahnsinn übermannt, hob er seine Hand und warf den schrecklichen Schlüssel mit letzter Kraft fort!
Klirrend polterte er über den Boden. Redwood wusste, dass dies seine letzte Gelegenheit zur Flucht war, und er kroch den Treppen entgegen.

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Wie er es zurück in seine Wohnung geschafft hatte, wusste er nicht. Er zitterte am ganzen Körper.

Dieser Mann, er war im Schrank verschwunden..! Einfach verschwunden!

Sein Weltbild, das auf der Vernunft und dem Sieg des Verstandes über den Aberglauben beruhte, brach entzwei.

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Am Tag darauf verließ Redwood stürmisch sein Anwesen und befahl seinen Umzugshelfern, den Schrank fortzuschaffen. Verbrennen ließ er sich nicht, das wusste er. Er konnte – durfte ihn unter keinen Umständen zerstören. Denn dann würden die Geheimnisse hinter den Türen ihn einholen und seine Haare sich weiß färben.

Wo seine Umzugshelfer den Schrank abstellten, wusste er nicht, wollte es nicht wissen. Denn sein eigener Schlüssel, der mit dem Schrank weggeschafft wurde, war plötzlich wieder aufgetaucht.

Seit diesem Vorfall waren einige Jahre vergangen und in den englischen Zeitungen häuften sich Berichte über eine Krankheit. Menschen verschwanden, nach und nach dahingerafft von einer unbekannten Pest. Schon halb London war ihr zum Opfer gefallen.
Hinter vorgehaltenen Händen wurden Gerüchte geflüstert von einer okkulten Sekte.
Rostigen Schlüsseln, die plötzlich vor Bürgern auftauchten, kurz bevor sie verloren gingen.
Doch Edward Redwood wusste es besser. Es war dieser verfluchte Schrank!

Gott weiß, wie viele unzählige Generationen von Menschen in diesen Schrank gestiegen sind, gestrichen aus den Annalen der Geschichte.

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Redwood wohnte inzwischen in einem ruhigen, alten, englischen Dorf.
Weite Wiesen, Wind fegte den Regen in Wellen über das Land. Aufleuchtendes Grün, die Natur erneuerte sich. Am Morgen in der kalten, klaren Luft das gleichmäßige Schlagen des Kirchturmes. Und am Horizont moosbewachsene Felsen und hie und da ein zerfallenes Schloss.
Hier konnte er sich erholen. Er begann wieder ruhiger zu schlafen.

Seine Wohnung war klein und übersichtlich. Und seine Kleider und Wertsachen verstaute er in Truhen, denn kein einziger Schrank stand in seinem Haus.
Seinen Schlüssel hatte er immer noch, tief verstaut in einer Kiste.
Doch an manchen Abenden, wenn Redwoods Gedanken in Schleifen dahinzogen, holte er ihn hervor und drehte ihn zwischen den Fingern.

„Sie sind nicht verbrannt”, dachte er sich. „Der Schrank ist ein Tor, eine Pforte.
Irgendetwas befindet sich dahinter, der Ursprung des fremdartigen Geruchs, den ich nicht zuordnen konnte.“
Der rostige Messingschlüssel lag jetzt schwer in seinen Händen. Er konnte sich einfach nicht von ihm trennen.
Und doch würde er ihn niemals benutzen.

Autor: Miguel Lavariel
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