EigenartigesKurz ( 5 - 10 Minuten )

Der einsame Wanderer und eine verlassene Stadt

Kleine Steine auf der demolierten Asphaltstraße knirschen unter mein Schuhwerk. Jeder Schritt nach vorne bebt unter mir. Jeder Atemzug kommt mir fehl am Platz vor. Trotzdem schreite ich entschlossen weiter, ohne der unheimlich stillen Umgebung meine Beachtung zu schenken. Nur der kühle Windzug, der meinen Mantel aufpeitschen lässt, gibt ein pfeifendes Geräusch von sich.

Verwaiste und unfertige Hochhäuser türmen sich neben mir auf. Ihre traurigen und leeren Hüllen als letzter Beweis, dass wenigstens zu einem Zeitpunkt Menschen hier gelebt haben. Ich werfe öfters einen Blick in diese Gebäude hinein, doch es starren immer die gleichen inhaltslosen Räume zurück. Die einzigen Objekte, die hier ihren Platz finden, sind Staub und bröckelnder Putz.

Hochhäuser stöhnen und knacksen, als wollen sie mir damit ihr Leiden mitteilen. Die eiskalten Betonwände scheinen auch unter ihrem eigenen Gewicht nachzugeben. Ein stündliches Grollen in der Ferne bestätigt, dass diese massiven Bauwerke teils unter sich selbst kollabieren.

Meine rechte Hand hält den angejahrten Koffer unter ihrem stahlharten Griff fest. Nichts auf dieser Welt wird ihn von mir reißen können. Nicht einmal der Tod. Wie ein Anker, der mich vom Wegdriften bewahrt, hält er mich unter den Lebenden.

»Bringen Sie ihn zur anderen Seite. Das ist Ihre einzige Aufgabe.«

Ich kann diese Stimme immer noch hören. Nur an ein dazugehöriges Gesicht kann ich mich nicht erinnern. Was den Koffer betrifft: Ich weiß nicht, was der Inhalt sein könnte, doch es ist auch irrelevant für mich geworden. Um ehrlich zu sein, ist es mir sogar herzlichst egal, was ich hier rumschleppe. Es gibt mir den Halt, um durch diese Hölle zu kommen. Es gibt mir eine sinnvolle Aufgabe, der ich nachgehen kann. Mehr brauche ich nicht, selbst wenn man die Sinnhaftigkeit dieser Aufgabe hinterfragen könnte. Ich blicke auf. Aschfahle und monotone Wolken ziehen eine unendlich lange Strecke über den Himmel hinweg. In der ganzen Zeit habe ich nicht einen winzigen Sonnenstrahl sehen, weder einen Tag- oder Nachtzyklus bemerken können.

Ich würde gerne behaupten, dass ich erst einige Stunden unterwegs bin, doch das wäre eine Lüge. Ein Tag ist bereits vergangen -das besagt zumindest meine Armbanduhr- und es hat sich nichts verändert. Das gleiche trostlose und farblose Umfeld hat sich ohne irgendeine Veränderung gehalten. Diese gleiche Einsamkeit.

Ich wünschte, ich könnte wenigstens sagen, wo ich mich befinde. Aber auch das ist mir schleierhaft. Ich bin unwissend darüber, ob ich mich in einer anderen Dimension, in einer Art Zukunft, oder in einem Traum befinde. Solange es Luft zum Atmen gibt, mache ich mir darüber aber wenig Sorgen.

Plötzlich bleibe ich wie erfroren stehen. Vorsichtig spitze ich meine Ohren, doch nur der Wind antwortet. Unsicher und nervös drehe ich mich um, nur damit die gleiche unveränderte Einöde zurückblickt. Ein subtiles, aber immer noch spürbares Gefühl von Paranoia breitet sich in mir aus. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, fühle ich mich nicht wirklich einsam.

Ich kann Fußschritte vernehmen, die über den rauen Boden schleifen. Es ist leise, doch immer noch distinkt. Sie echoen durch die verlassenen Räume der Hochhäuser. Sie heben sich von der restlichen Stille ab. Unbehaglich richte ich mir den Mantel zurecht und schreite unsicher nach vorne.

Ich bin mir gewiss, dass mich etwas verfolgt, doch der Beweis für diese Behauptung fehlt mir dafür. Ich kann spüren, wie Augen mich geduldig beobachten. Verzweifelt versuche ich mir nichts anmerken zu lassen – es ist ein Ding der Unmöglichkeit. Entsetzt bemerke ich, wie ein einzelner Schweißtropfen über meine Stirn rollt. Hastig wische ich mein Gesicht trocken und erhöhe mein Schritttempo.

Schlurfen, aber nicht von mir, ertönt. Überrascht stelle ich fest, dass sich mein rapider Gang, mehr zu einem Sprint entwickelt hat. Mein Herz pocht so stark und kräftig, dass meine Knochen darunter vibrieren. Mein Griff um den Koffer wird fester.

Das lauter werdende knirschen der Steine, kündigt an, dass, was auch immer mich verfolgt, näherkommt. Ich kann mir schon vorstellen, wie es mit seiner mageren Figur über die Straße humpelt. Wie es mich mit ausgehängtem Kiefer anspringen wird und es dabei seine dünnen, langen Finger um meinen Hals schlingt. Ich hechte die toten Straßen der Stadt runter, scheine es aber nicht abhängen zu können. Im Gegenteil. Es wird nur lauter. Ein Schrei entkommt meiner Kehle, als ich stolpere. Mit aufgerissenen Augen, und Terror in mein Gesicht gemeißelt, drehe ich mich um. Die knirschenden Schritte verstummen. Mit rasselndem Atem blicke ich wie ein verletztes Kind hoch, meinen Koffer wie ein Kuscheltier fest umarmend. Ich starre der Leere ins Gesicht.

Ich bin wahrlich allein.

Nach Luft schnappend, stehe ich auf und trete einige Schritte zurück. Immer noch misstrauisch beäuge ich die leblose Umgebung um mich herum. Nichts. Ich schlucke hart und versuche meinen zitternden Körper zu entspannen.

Vielleicht hat mich die Vorahnung von meinem nahenden Tod verfolgt. Vielleicht war es aber nur meine Paranoia. Ich werde es nie erfahren. Ohne einen Gedanken darüber zu verschwenden, mache ich mich wieder auf den Weg.

Die immergleiche Straße breitet sich wie eine Schnur vor mir aus. Der gelegentliche Wind weht über mich hinweg und wühlt wie die Hände einer Mutter meine schwarzen Haare durcheinander. Schatten in den Gebäuden Formen sich zu Silhouetten, die beinahe wie Menschen aussehen, doch bei näherem Betrachten im Nichts verschwinden.

Nach weiteren ereignislosen Stunden bleibe ich stehen und hole tief Luft. Ich lege den Koffer zum ersten Mal, seitdem ich mich hier befinde, vor mir auf den hellgrauen und verstaubten Asphalt und setze mich auf den Boden. Er sollte kühl sein, jedoch kann ich keinen Temperaturunterschied merken. Mein ganzer Körper ist taub geworden.

Ein erneutes Grollen dröhnt durch die Luft und hallt an den Wänden der Hochhäuser wider. Mit einem Seufzen setze ich mich wieder auf und blicke zum letzten Mal auf den braunen Behälter zu meinen Füßen.

Enttäuscht über mich selbst zwinge ich mich, irgendwo anders hinzusehen und gehe starr an ihm vorbei.

Ein Mensch kann maximal drei Tage ohne Wasser überleben. Ich vermute, dass ich länger unterwegs sein werde.

»Bringen Sie ihn zur anderen Seite. Das ist Ihre einzige Aufgabe.«

Was ist, wenn er nicht den Koffer gemeint hat?

Mit einem Schulterzucken wandere ich weiter. Soweit ich weiß, gibt es wahrscheinlich keine andere Seite. Ich weiß nicht einmal, wo ich bin. Also wie sollte ich ihn ans Ziel bringen? Ich will wenigstens ohne Last sterben, auch wenn der Tod grausam sein wird. Ich habe nicht unbedingt vor dem Verdursten Angst, auch nicht vor einem Monster, das in den Ruinen lauern könnte. Ganz im Gegenteil. Ich möchte wenigstens, dass Etwas, Irgendetwas, mein Ableben beobachten könnte.

Bis dahin werde ich wohl diese verlassene Stadt weiter bewandern.

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