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DN-AGE Erinnerungen V – Gefunden

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Hier die chronische Auflistung aller Pastas, die zu dieser Reihe gehören.

DN-AGE Erinnerungen (2270)

DN-AGE Erinnerungen I – Beauftragt
DN-AGE Erinnerungen II – Missbraucht
DN-AGE Erinnerungen III – Gebrochen
DN-AGE Erinnerungen IV – Gerettet
DN-AGE Erinnerungen V – Gefunden
DN-AGE Erinnerungen VI – Psychopaten Lachen Nicht

Containment Project 1 (2270)

Containment Project I – Dies sind die Worte von Publius Septimus Tertio
Containment Project II – The Greasemonkey Diaries
Containment Project III – EXIT
Containment Project IV – Gedanken

Containment Project 2 (2290)

CONTAINMENT PROJECT 2 Teil 1: Nora
CONTAINMENT PROJECT 2 Teil 2: Alexis
CONTAINMENT PROJECT 2 Teil 3: Caelia
CONTAINMENT PROJECT 2 Teil 4: Bromios
CONTAINMENT PROJECT 2 Teil 5: Lavender

 

Nach der Begegnung mit Buttercup konnte ich die ganze
Nacht kein Auge zumachen. War es wirklich möglich? Konnte man einen Lifer so
einfach zurückverwandeln?

Ich wandelte durch die dunklen Gassen von Wyndon nahe
dem zentralen Steinkreis in dem versuch meiner Gedanken Herr zu werden. Doch
dann hörte ich Stimmen, welche vom Steinkreis zu kommen schienen. Es waren
Lavender und Vanilla, doch ich verstand leider kein Wort ihrer Unterhaltung –
was nicht bedeutet, dass ich sie nicht wiedererkannte. Denn dies war nicht die
erste Unterhaltung dieser Art. In den vergangenen drei Wochen habe ich Lavender
und Vanilla immer wieder überhört, wie sie über das gleiche Thema zu
diskutieren schienen. Es fielen immer wieder ähnliche Worte, gesprochen in
dieser fremden, jungsteinzeitlichen Sprache, und was mir vor allem auffiel: bei
einigen Worten flippte Lavender immer aus.

Worum es ging, fragt ihr euch? Nun, am Tag danach
sprach ich eine der Helix-Töchter an, welche ebenfalls einige dieser
Diskussionen mitbekommen hatte. Es ging konkret um die Möglichkeit, wieder
normal zu werden. Vanilla schien dem Ganzen grundsätzlich nicht abgeneigt zu
sein. Lavender sah das Ganze jedoch vollkommen anders; laut ihr habe Helix sie
und ihre Schwestern auserkoren und Lavender war nicht bereit zu zerstören, was
sie aufgebaut hatte. Und als Vanilla die Zeit vor ihrem Lifer-Werden ansprach –
das war immer der Moment, bei dem Lavender austitckte.

Wie gesagt, das geht jetzt schon drei Wochen so – wenn
nicht länger. Und daher werde ich das Gefühl nicht los, dass Vanilla ihrer
Schwester aus Schuldgefühlen hörig ist und diese regen Gebrauch davon macht.
Nun, zugegeben, ich bin kein Psychologe und daher werde ich jetzt nicht
mutmaßen, ob dieses Verhalten pure Absicht, oder ob es das Resultat von Jahren
an psychischer und physischer Misshandlung war. Und selbst WENN Lavender das
alles absichtlich machte, könnte es dennoch Teil einer Psychose oder etwas
Ähnlichem sein. Aber wie gesagt – ich bin kein Psychologe.

*          *

Die Firmenzentrale von DN-AGE lag etwas außerhalb von
London und hatte die Gestalt eines (wie konnte man es auch erwarten) DNS-Helix.
Schon als wir in Richtung des Eingangs gingen, sahen wir mit Argwohn auf die
Statuen links und rechts neben uns. Zu unserer linken (also dem Eingang
zugewandt) befanden sich die Statuen eines Mannes, der älter wurde, je näher er
dem Eingang kam und zu unserer Rechten das genaue Gegenteil: eine Frau, die
jünger wurde, je weiter sie sich vom Eingang entfernte.

Mit einem mulmigen Gefühl betraten wir die
Eingangshalle und sahen auch gleich die einprägende Werbung, für die DN-AGE
berühmt war. Und obgleich Marmalade Lavender eindringlich darum gebeten hatte,
keine Szene zu machen, hielt diese sich nicht daran. Nun ja…was heißt ‚hielt
sich nicht daran‘ – Lavenders Auftreten war, sagen wir mal, passiv‑aggressiv. Sie
trug eine Art stereotypisches Punker Outfit; Netzhose, kurzer Rock, knappes,
eng anliegendes Oberteil. Man sollte sehen, dass sie etwas zu zeigen hatte. Man
sollte die Narben der jahrelangen Misshandlung sehen. Vor allem, aber, sollte
man das Tattoo sehen, dass sie als Lifer auswies.

Wir traten also bis vor an den Schreibtisch der
relativ jung aussehenden Empfangsdame, wo ich Maxwells Brief, den ich in den
ersten Tagen nachdem er mich besuchte erhalten hatte, vorlegte und sprach:
„Guten Tag. Ich brauche den Namen einer Loli-Doll. Und nach  Möglichkeit die vorletzte Heimadresse.“ Sie
sah sich den Brief an und ging schweigend dazu über, an ihrem Computer zu
arbeiten. Dabei schaute sie jedoch an und zu in Lavenders Richtung, was dieser
offenbar etwas unangenehm war. Und nach einer halben Ewigkeit des Wartens hatte
sie, was wir brauchten, packte den Ausdruck in ein kleines Couvert mit dem DN‑AGE
Logo und gab es mir.

Doch als wir schon fast das Gebäude verlassen hatten,
kam die junge Empfangsdame auf uns zu und sprach Lavender an: „Halt, warten
Sie!“ Lavender drehte sich verwirrt um und die Empfangsdame fuhr fort. „Sie
sind doch ein Lifer, oder?“

„Ähm…ja“, gab Lavender lakonisch zurück, woraufhin die
Dame ihren Unterarm zeigte und ein Lifer‑Tattoo mit dem Namen ‚Freckles‘
präsentierte. „Hatte gedacht, es gibt fast keine mehr von uns! Hier, das möchte
ich Ihnen geben. Wäre schön, wenn wir uns einmal austauschen könnten!“

„Ich denke, dass is‘ keine so gute Idee“, erwiderte
Lavender desinteressiert, ehe Freckles ihr etwas in die Hände drückte. „Oh, ich
bestehe darauf!“ meinte diese
eindringlich und ich konnte sehen, wie sie ihre Hände um Lavenders fester
zudrückte, ehe sie losließ und uns noch einen schönen Tag wünschte.

*          *

Draußen angekommen, machte Lavender die Hände wieder
auf und schaute auf das Blatt Papier, welches sie erhalten hatte. Darauf stand
jedoch nichts außer einer Anreihung von Zahlen.

8 5 12 6 20      13
8 18

7 5 6 1 14 7 5 14        21
14 4            22 5 18 19 11 12 1 22 20

Zunächst konnten wir uns keinen Reim daraus machen,
doch nach unzähligen Stunden des Tüftelns fanden wir heraus, dass die Zahlen
für Buchstaben standen. Im Volltext stand dort:

Helft mir

Gefangen und versklavt

Was das Couvert anging, so befand sich darin
tatsächlich das, wonach ich gesucht hatte. Ich fand her aus, dass Sweet Cheeks‘
echter Name Zoe Maxwell war. Sie war 89 Jahre alt und wohnte…nur zwei
Häuserblocks von mir entfernt! Dies ließ mich laut auflachen, als ich das
Couvert auf der Fahrt nach Wyndon öffnete. Marmalade wies mich an, zu meinem
Apartment zu fahren, doch Lavender hielt mich davon ab und rief: „Wir müssen
zurück nach Wyndon und schauen, wie wir dieser Freckles helfen können! Detective
fahren Sie uns heim! Sofort!“ Daraufhin folgte ein Hin und Her zwischen
Marmalade und Lavender, während ich das Auto einfach nur geradeaus fahren ließ.
Und obgleich ich Freckles durchaus helfen wollte, war ich nun mal so kurz
davor, diesen Fall abzuschließen, weswegen ich mich Marmalade anschloss und
sprach: „Marm hat recht. Außerdem denke ich nicht, dass es bei Zoe lange dauern
wird.“

*          *

Mein Apartment hatte sich seit meiner Ankunft in
Wyndon nicht verändert – selbst die
blaue Farbe klebte immer noch auf der alten Pendeluhr. Und auch der
Brief, den ich auf Dellingers Schreibtisch gefunden hatte, befand sich immer
noch an genau dem Ort, an welchem ich ihn zuletzt gelassen hatte. Dieser wurde
auch prompt von Lavender gefunden, welche meinte, sofort nach dem Betreten der
Wohnung herumstöbern zu müssen. „Huch! Was ist das denn?!“ rief sie, als sie
sich das Couvert ansah: „da hat jemand ungeöffnete Post!“ Ich erklärte ihr
daraufhin den Ursprung des Briefs und sie fragte, was denn der Grund gewesen
war, weshalb ich ihn noch nicht geöffnet hatte. „“ Das  wäre dann wohl dein Gewehrkolben gegen meinen
Kopf“, gab ich zurück und jetzt, im Nachhinein, wirkte es fast schon naiv von
mir, auf eine Entschuldigung ihrerseits gehofft zu haben. Jedenfalls verlor
Lavender keine Sekunde, riss den Umschlag auf und holte den Brief heraus. Ich
sah zu, wie sie das Geschriebene durchlas und sich ihre Augen immer weiter
aufrissen. Was auch immer darin stand – es schien auf jedenfalls interessant zu
sein! Ich nötigte Lavender, mir den Brief zu geben und erst jetzt fiel mir auf,
wie gesprächig sie die letzte Zeit gewesen war – obgleich ich nicht wusste, ob
ich mich darüber freuen…oder diesbezüglich eher beendigt sein sollte. Wie dem
auch sei, ich nahm den Brief an mich und las:

“Rob, es ist
vorbei.“

“Ich habe zu
viele Fehler in meinem Leben gemacht, um sie noch alle aufzählen zu können. DN‑AGE.
Mein Vater. Du. Und ich kann so nicht weitermachen. Die Gerüchte sind war. Über
die Fabriken. Über die Lifer- über uns. Was haben wir getan?! Wie konnten wir
so gedankenlos handeln?! Das muss ein Ende haben – und es endet mit mir!“

 

“Ich werde diesbezüglich
zu Professor Dellinger gehen. Er hat mich erschaffen und er kann mich wieder
zurückverwandeln. Er weiß, was im Lifer-Serum drin ist, also weiß er auch, wie
man den Prozess rückgängig macht. Des Weiteren wollte ich dir mitteilen, dass
wir usn nicht mehr sehen werden. Ich habe lange über uns nachgedacht und bin zu
dem Entschluss gekommen, dass ich diesen Weg nicht mehr mit dir gehen möchte.“

 

“Stell mir
nicht nach und komm mich nicht suchen. Tust du’s doch, werde ich dich töten.“

 

“Mit
freundlichen Grüßen“

Deine Nichte.

Lavender merkte mir an, dass ich ebenso verdutzt und
erstaunt über den Inhalt war, wie sie. „Krasser Scheiß, was?“ meinte sie: „Aber
sieht wohl aus, als ob sie kein Bock auf uns hat.“

„Ich werde trotzdem hingehen und Miss Maxwell damit
konfrontieren.“

„Was heißt hier ‚ich‘?“ gab Lavender zurück: „Sie
glauben doch nicht wirklich, dass sie da alleine hingehen?“

*          *

Es war kurz gegen zehn Uhr abends, als Lavender,
Vanilla und Marmalade und ich vor dem Haus standen, in dem Zoe Maxwell als
letztes gemeldet war. Ein eigenartiges Gefühl überkam mich; auf der einen Seite
war ich froh, den Auftrag endlich abschließen zu können. Aber…auf der anderen
Seite, gab es da noch den Brief. Daher hatte ich auch meine Pistole mitgenommen
– wer wusste schon, was sich hinter der
Tür verbarg!

Mit Lavender, Vanilla und Marmalade hinter mir, trat
ich vor die Tür und bewegte meinen linken Zeigefinger langsam auf die Klingel,
nur um kurz davor noch einmal anzuhalten. „Worauf warten Sie?!“ rief Lavender,
stürmte die Treppe zur Tür hinauf und betätigte die Klingel. Es dauerte nur
einige Sekunden, ehe uns von einem dunkelhaarigen Mädchen geöffnet wurde. Und
es bestand keinen Zweifel: das war die Person, die ich seit drei Wochen suchte!
„Zoe Maxwell?“ fragte ich sie eindringlich und mich gleichzeitig selbst
versichernd.

„Ja. Und wer sind Sie?“

Ich gab ihr meinen Namen und die Information, dass
Robert mich geschickt hatte.  „Aha“,
sprach Zoe unbeeindruckt und zeigte dann auf Lavender, Vanilla und Marmalade:
„Ihre Verstärkung?“

„Meine Begleitung“, gab ich zu verstehen, bevor sie einige
Sekunden nur überlegend da stand, ehe sie mich und die zwei anderen hereinbat.

Das Innere der Wohnung sah ähnlich aus, wie Cherryblossoms
Zimmer im Babeland. Alles war im Stil der 1930er bis 1950er gehalten und aus
dem restaurierten Plattenspieler klang eine beruhigende Jazzmusik. „Kommen wir
ungelegen?“ fragte ich, da ich das Gefühl hatte, dass wir in etwas
hineingeplatzt waren. Dies sollte sich als wahr herausstellen, als plötzlich
eine Frau in einem 1950er Jahre Kleid vom oberen Stockwerk die Treppen nach
unten kam und fragte: „Wer kommt uns denn noch so spät besuchen?“

„Mein Aufseher“, gab Zoe zurück und drehte ihren Kopf
zu uns: „Ich weiß, dass Maxwell Sie geschickt hat. Und lasst mich Ihnen sagen:
Ich gehe  nirgendwo hin!“

„Wissen wir schon“, erwiderte Lavender und hielt
daraufhin den Brief aus Dellingers Büro sichtbar nach oben. „Jetzt, da wir das
geklärt haben“, sprach ich, als ich Zoes geschocktes Gesicht sah: „könnten Sie
ja so gütig sein und mir sahen, wie sie den Professor umgebracht haben. Und wer
ihre…reizende Freundin ist.“

„Lüge!“ rief Zoe aufgebracht: „Wer hat Ihnen das
erzählt?!“

„Niemand. Daher frage ich ja“, gab ich ruhig zurück,
ehe sie uns bat, um ihren Kaffeetisch Platz zu nehmen. „Es ist nicht so, wie es
aussah“, fing sie an zu erklären: „Ich besuchte den Professor im Guten. Als
eine Freundin auf der Suche nach Rat. Ja, ich wollte eine Möglichkeit suchen,
Lifer wieder zurückzuverwandeln und ich wusste, dass Dellinger mir helfen
konnte. Ich wartete in seinem Büro, bis er mit Tee und Biskuits wieder kam. Und
dann…naja…hat er sich an einem Biskuit verschluckt und ist erstickt.“ Daraufhin
gab Lavender ein herzhaftes Lachen von sich und ich selbst musste innerlich
auch ein wenig lachen. Allerdings besann ich mich schnell wieder und fragte,
warum sie denn nichts unternommen hatte. „Detective“, erwiderte sie mit einem
ironischen Unterton: „ich bin doch nur ein vierzehn-jähriges Mädchen! Und da
Rob mich bestimmt schon suchte, konnte ich auch nicht die Polizei rufen, oder?“

„Gut, das ergibt Sinn. Und nachdem er erstickt ist,
haben Sie versucht, in seinen Unterlagen etwas zu finden, nehme ich an?“ Zoe
nickte, woraufhin ich mich ihrem Gast zuwandte und fragte, wer sie denn sei und
was sie mit Zoe zu schaffen hatte. Ihr Name war Emily Kauffman, amerikanischer
Millionärsspross und ehemalige Escort-Klientin von Zoe, alias Sweetcheeks.
„Aber so richtig gefunkt“, gab diese mit einem verschmitzten Lächeln zu
verstehen: „hat es erst, nachdem ich erfahren habe, WER sie in Wirklichkeit
war!“

„Und was hat das mit Dellinger zu tun, wenn ich fragen
darf?“ erwiderte ich verwirrt und Emily meinte: „Nun. Ich habe ihr gesagt, dass
ich es ernst mit ihr meinen werde – aber nur unter der Voraussetzung, dass Zoe sich
wieder zurückverwandelt, beziehungsweise wieder anfängt, normal zu altern.“

„Dann hat Cherryblossom also gelogen, als sie sagte,
dass sie und Zoe sich gemeinsam zurück‑splicen wollten?“ schlussfolgerte ich
und war erstaunt, als Zoe nickte und erwiderte: „Um Emilys Identität zu
schützen, ja.“ Daraufhin sahen die beiden Frauen sich innig an und küssten sich
leidenschaftlich, was mich noch mehr verwirrte. „Aber, halt, Moment. Maxwell
sagte mir, dass es ihm nichts ausmache, wenn Sie ihn verlassen wollten.“

„Und Sie haben ihm die Scheiße auch noch abgekauft?!“
lachte Zoe schreiend: „Irgendwie beruhigend, dass Rob einen kompletten
Vollidioten geschickt hat, um mich  zu
finden!“ Ich wollte dies erwidern, doch Zoe fuhr fort: „Mein Bester. Robert
Maxwell ist ein geldgeiler, machtbesessener, widerlicher Schwätzer! Sie glauben
doch nicht wirklich, dass so ein Mann
jemanden wie mich so einfach gehen lassen würde?!“

„Jemand…wie sie? Was meinen Sie damit?“

„“Ich denke, Sie haben den Brief gelesen“, meinte sie
frech: „Und falls Sie es noch nicht zusammengesetzt haben; ich bin ein Lifer!“

„Wissen wir schon“, sprach Lavender kühl und zeigte
ihr Lifer-Tattoo: „War auch nich‘ schwer, das rauszukriegen.“

Daraufhin wurde Zoe kurz still, ehe sie meinte: „Ich
weiß, es wird nach fast dreißig Jahren nicht mehr viel bedeuten, aber ihr
solltet trotzdem etwas Wichtiges erfahren.“

„Und das wäre?“

„Ich bin die Erste“, gab Zoe schlicht preis. Es genügt
zu sagen, dass wir alle recht baff waren. Ich meine, ich hatte mir schon
gedacht, dass Zoe etwas Besonderes sein musste, damit Maxwell sie um jeden
Preis wieder haben wollte – aber so etwas hatte selbst ich nicht für möglich gehalten! Marmalade und Vanilla starrte Zoe
mit großen Augen einfach an; Lavender regierte jedoch so, wie man es von ihr
gewohnt war. Das hieß: komplett willkürlich und unberechenbar. Kurz gesagt, sie
stand einfach auf, sah Zoe direkt in die Augen, bevor sie aus dem Haus lief.
Durch das Fenster sah ich zu, wie sie sich dann eine Zigarette ansteckte und
Musik einstöpselte, ehe sie sich auf eine nahegelegene Bank legte. So verharrte
sie für bestimmt fünfzehn Minuten. Dabei wirkte sie nicht fröhlich oder
erfreut, traurig oder verärgert. Sie war ganz und gar in ihren Gedanken
versunken bis sie wieder aufstand und zurück zur Wohnung lief.

Ich machte ihr auf und ihr Zigarettenrauch drang
sofort in meine Nase – ein beißender Kontrast zum angenehmen Pfirsichduft hier
drinnen. Und so, wie sie gegangen war, setzte sie sich wieder hin: wortlos;
gestenlos; ausdruckslos. „Wie dem auch sei“, sprach Zoe in dem Versuch, die
angespannte Stimmung zu lockern: „Ihren Auftrag werden Sie abbrechen müssen,
Detective. Tut mir Leid, dass ich Sie für ihre Mühen nicht entschädigen kann.“

Es folgte eine kleine Moment der Stille, bis Miss
Kauffman mich fragend ansah: „Was…hat Robert denn genau zu Ihnen gesagt? Ich
meine, was waren seine genauen Instruktionen, was Sie machen sollten?“ Nun
musste ich erst einmal nachdenken und mein Mund weitete sich zu einem frechen
Grinsen, als mir klar wurde, worauf Emily hinauswollte. „Soweit ich mich
erinnern kann“, grinste ich: „hatte er nur gemeint, ich sollte Miss Maxwell
finden.“ Daraufhin stand Emily auf, verschwand kurz und kam mit einem Scheck über eine Millionen Dollar wieder. „Sie
sollten Zoe finden – und das haben Sie ja jetzt getan. Soweit es mich
angeht, haben Sie Ihren Auftrag ausgeführt“, sprach sie, als sie mir das Stück
Papier gab.

„Dann ist die Sache also für mich erledigt“, meinte
ich, im guten Glauben an meine eigenen Worte. „Für Sie vielleicht schon“, kam
es dann von Zoe: „für mich jedoch nicht.“ Miss Maxwell sah daraufhin Lavender,
Vanilla und Marmalade an und sprach: „Es tut mir leid, was Ihnen widerfahren
ist. Und es gibt nichts, dass ich persönlich tun kann, um das wieder gut zu
machen.“

„Vielleicht…können Sie doch“, gab Lavender nach einer
schweigsamen Pause von sich: „Gibt es einen Ort, wo wir reden können? Allein?“

„Ja…sicher“, gab Zoe von sich, ehe sie und Lavender
sich nach oben begaben. Als Letztere jedoch aufstand, wurde sie von Marmalade
am Handgelenk  gepackt, welche sie
ermahnte, keine Dummheiten zu machen. Lavender entzog sich jedoch diesem Griff
mit einem heftigen Ruck und den Worten: „Fass mich nicht an!“ Wisst ihr noch,
was ich über Lavenders gesprächige Art gesagt hatte? Nun, dieser Vorfall ließ
mich eher zu meiner zweiten Vermutung tendieren. Jedenfalls gingen die beiden
nach oben und es dauerte fast anderthalb Stunden, bis die Beiden wieder
zurückkamen.

Ich weiß nicht, was die Zwei besprochen hatten, oder
was Lavender genau zu Miss Maxwell gesagt hat – Tatsache aber war, dass
Lavender nun etwas  komplett Anderes
anhatte, als zuvor. Das pseudo-punk Outfit, welches sie seit unserer Ankunft
getragen hatte, war fort und war durch ein rotes 20er Jahre Kleid mit
passenden, langen, roten Handschuhen ersetzt worden. Weg war das Blau an den
Händen, die wirren, wilden Haare und das sporadisch gewaschenes Gesicht. All
das war durch seidenglattes Haar, gut gewählte Schminke und blutrotem
Lippenstift ersetzt worden. Lavender sah…nun ja… wie eine richtige Lady aus!
Allerdings mussten wir schnell feststellen, dass sie sich rein innerlich
überhaupt nicht verändert hatte, da sie weiterhin in ihrer kühlen gefühlslosen
Stimmlage zu uns sprach. Und, um ganz ehrlich zu sein, in dieser Aufmachung
wirkte sie noch unangenehmer, als sie ohnehin schon war.

„Was…ist mir dir passiert?!“ rief Marmalade erstaunt
und verwundert, doch Lavender antwortete kühl: „Ein notwendiges Übel.“

„Notwendig wofür?“ fragte Marmalade, doch Lavender gab
keine weitere Antwort von sich. „Sagen wir einfach“, klinkte Zoe sich ein:
„Ihre…Begleitung hat mir ein interessantes Angebot gemacht.“

„Was für ein Angebot denn?“ wollte ich wissen, da mir
das Ganze absolut nicht geheuer war. „Ich habe ihr von uns erzählt“, sprach
Lavender: „von unseren Zielen und was wir wollen.“ Ich wusste genau, was
Lavender damit gemeint hatte und rief entsetzt: „Sie wollen den Helix-Töchtern
helfen, DN-AGE zu zerstören?! Den Geschäftsführer zu entführen oder zu
ermorden?! Das ist doch absurd! Das ist doch Wahnsinn! Das ist-“

„Ich habe meinen Vater umgebracht, als ich sechzehn
war, damit sich mein Onkel die Firma unter den Nagel reißen und ich mit ihm
durchbrenne konnte. Dann habe ich mich noch
jünger machen lassen, um ihm noch
mehr zu gefallen – erzählen Sie mir nicht, was Wahnsinn ist und was nicht!“

Da hatte ich es also: die Wahrheit über den Tod von
Maxwell Senior; der wahre Grund ihres Verschwindens. „Außerdem“, fuhr Zoe fort:
„haben Sie das gerade gesagt.“ Ich atmete tief aus und seufzte: „Also gut,
Lavender – was hast du vor? Und wie nützt mir das?“

„Wir hatten es doch gesagt“, antwortete sie, ohne,
dass sie auf meine erste Frage einging: „wir geben Ihnen die Möglichkeit, die
Welt zu verändern!“ Zugegeben: was ich in den letzten drei bis vier Wochen
gesehen und erlebt hatte, und über das ich gerade schreibe, wäre meine größte
Story bisher. Doch sollte ich mich noch tiefer in den Hasenbau wagen?

Wie dem auch sei: Ich hatte geschafft, weswegen ich
hergekommen war: Zoe Maxwell, alias Sweetcheeks war gefunden worden. Und auf
das Ende meiner Ermittlungen folgt nun auch das Ende dieses Berichts. Ich
hoffe, nur, ich habe die Richtige Entscheidung getroffen…

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