ExperimenteLangPlottwitst

Der Lazarusschwarm

Inhaltsangabe:

Kapitel 1: Die Gemeinschaft steht über Allem

Kapitel 2: Das Büßerhaus

Kapitel 3: Rehabilitation

Kapitel 4: Das Ablenkungsmanöver

Kapitel 5: Lazarus’ größte Sünde

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Kapitel 1: Die Gemeinschaft steht über Allem

Wir werden als neuer Organismus wieder auferstehen, ging es Rasmus wie so oft durch den Kopf. Die Lehre der Gemeinschaft forderte die Unterwerfung des Individuums. Jede Abweichung wurde bestraft. Dies wusste Rasmus Bündtner nur zu gut. Seit sechs Jahren lebte er nun in dieser Gemeinschaft, seit sie im Jahr 2032 von ihrem Schöpfer Lorenz Wagner gegründet worden war. Freiwillig ging Rasmus damals nicht mit, seine Mutter zwang ihn. Er war gerade erst zwölf Jahre alt und verstand noch nicht, warum er sein Zuhause, ja, sogar Deutschland verlassen musste. Seine Mutter war eine fanatische Anhängerin dieser Gemeinschaft.

Lorenz Wagner war ein sehr charismatischer und auch besonderer Guru. Bevor er sich der Weiterentwicklung der Menschheit gewidmet hatte, war er ein gefeierter Start-Up-Gründer und Selfmade-Milliardär der Tech-Branche gewesen. Doch er entwickelte zunehmend Misstrauen gegenüber der Entwicklung künstlicher Intelligenzen. Er gehörte zu den Menschen, welche sich vor der technologischen Singularität fürchteten. Wenn die Intelligenz der KIs so weit entwickelt wäre, dass der Mensch nicht mehr mithalten konnte, könnten sie ihn einfach ersetzen.

Lorenz Wagner begann davor zu warnen, so wie einige andere Menschen es schon seit Jahren taten. Aber er wurde genauso wenig wie seine Vorgänger gehört. Die Leute wollten den Bequemlichkeiten durch die Technologie nicht misstrauen. Die Meisten sahen bloß einen weiteren Spinner in ihm. Nun, auch wenn die Gefahr durchaus real war, lagen sie nicht ganz falsch. Wagner hatte immer einen Hang zum Extremen gehabt. Dieser verschlimmerte sich allerdings, als er permanent ignoriert wurde.

Er steigerte sich absolut hinein in die Sache und sah als einzigen Ausweg, den Menschen weiterzuentwickeln. Der Homo Sapiens konnte auf Dauer nicht mit den Maschinen konkurrieren, dessen war er sich sicher. Vielleicht konnte es aber ein weiterentwickelter Mensch. In Wagners Gedanken entstand ein Bild, wie der Mensch vom Tod wieder auferstand und sich weiterentwickelte zu dem von ihm sogenannten Homo Futuris. Ja, mit dieser Erkenntnis sah er sich gar selbst als wiederauferstandenes Wesen. Daher gab er sich fortan den Namen Lazarus, welcher laut der Bibel ebenfalls von den Toten auferstanden sein sollte.

Rasmus fand, dass an Lazarus Wagner immer etwas seltsam war. Seine Mutter wollte das aber nie hören. Sein Vater hatte sie beide früh verlassen und ihr das Herz gebrochen. Dazu war sie von Natur aus immer etwas labil. Deswegen geriet sie auch in die Fänge von Lazarus Wagner. Der Lazarusschwarm, wie er seine Sekte nannte, wurde damit auch die Heimat von Rasmus, ohne dass er sich dagegen wehren konnte.

Dass Lazarus seine Leute als Schwarm bezeichnete, kam dabei nicht von ungefähr. Als er nach Konzepten suchte, die Menschen weiterzuentwickeln, begeisterte ihn die Idee der Schwarmintelligenz. Die Verknüpfung von Gehirnen barg unglaubliches Potenzial. Auch war Lazarus im Jahr 2024 dadurch zum Milliardär geworden, dass es ihm gelang, ein besonderes neuronales Interface zu entwickeln. Damit konnte man immerhin Emotionen an andere Menschen weitergeben. Richtige Gedanken funktionierten aber noch nicht.

Lazarus wollte dieses Prinzip weiterentwickeln. Mittlerweile konnte man, wenn man sich konzentrierte, jemand anderes auch ein Bild aus dem eigenen Kopf schicken oder ein einzelnes Wort. Allerdings war der Vorgang noch sehr abgehackt. Komplett verschmelzen ließen sich Gedanken noch nicht. Dennoch konnten Menschen mit Übung eine Fokussierung auf etwas erreichen. Neben technischen Neuerungen arbeitete Lazarus an der Konditionierung seiner Anhänger. Mittlerweile versuchte er sogar biologische Verbesserungen aufzubauen.

Lazarus war begeistert von Bienen. Sie funktionierten so exakt in ihren wirklich großen Gesellschaften, da sie ein wirklich effizientes Kollektiv darstellten. Sie konnten Botenstoffe absondern, mit denen dann über den Geruchssinn kommuniziert wurde. Die Botenstoffe gaben ihnen einen Lageplan und eine großartige Abstimmung untereinander. Daher versuchte Lazarus einen Retro-Virus zu schaffen, welches Menschen ebenfalls die Möglichkeit gab, Botenstoffe abzusondern und besser zu riechen.

Langsam schienen sich erste Erfolge abzuzeichnen, aber der Weg war noch lang.

„Konzentriere dich, Rasmus!“, schreckte ihn sein Partner Florian auf. „Du bist nicht bei der Sache.“

„Tut mir leid, kommt nicht wieder vor.“

Florian Kempner sah Rasmus eindringlich an. Er war ihm zugeteilt worden, als sie nach Kanada kamen. Jeder im Schwarm hatte einen Partner für die Eingliederung erhalten. Lazarus verfolgte eine Art Binärprinzip, bei dem man zuerst eine Einheit mit einer anderen Person einging. Danach kam dann die Prüfung, ob man sich dem ganzen Kollektiv unterordnen konnte.

Nach der Prüfung wurde man neu verteilt. Lazarus hatte ein großes Gebiet als Privatgrundstück erworben. Seinen alten Partner sah man in der Regel nicht. Rasmus’ Mutter hatte vor zwei Jahren ihre Prüfung. Seit dem Tag, als seine Mutter die Prüfung ablegt hatte, hatte Rasmus seine Mutter nicht mehr gesehen. Er hatte nicht einmal mehr etwas von ihr gehört. Rasmus fragte sich, wie es ihr wohl ging. Wirklich viel Kontakt hatte er schon vor ihrer Prüfung nicht mehr gehabt. Jedes Kind wurde in eine Erziehungseinheit gebracht, die Eltern zogen ihre Kinder nicht länger selbst auf.

„Was ist los mit dir? Wir haben bald unsere Prüfung. Wie sollen wir es schaffen, wenn du dich nicht richtig konzentrierst?“, sprach Florian ihn wieder an.

„Ich frage mich, wie die Prüfung aussehen wird. Sie ist so geheim.“

„Das ist Intention. Wir werden darauf trainiert, im Kollektiv agieren zu können, selbst wenn etwas Unerwartetes passiert. Unsere Aufgabe besteht darin, der Gemeinschaft zu dienen, vergiss das nicht!“

„Ich weiß. Wir werden bestehen, keine Sorge.“

„Gut, dann konzentriere dich auf deine Aufgabe!“

Rasmus widmete sich wie aufgefordert erneut der Aufgabe. Sie arbeiteten daran, ohne Worte ein technisches Rätsel zu lösen. Ziel war es, mit dem neuronalen Interface Emotionen und Bilder an das Gegenüber zu senden, um die Lösung zu finden. In Gedanken war es dann sogar gestattet, Worte zu verwenden, solange dies gelang. Worte zu übertragen, war ziemlich schwierig. Außerdem sollten sie Botenstoffe ausscheiden, um Informationen auszusenden. Dafür gab es regelmäßig Injektionen, welche die biologischen Eigenschaften entsprechend erweiterten.

Wirklich hoch entwickelt war diese Genmanipulation noch nicht. Sie konnten zwar besser riechen, als es für Menschen normal war, und dazu auch einige Informationen in Pheromonen verpacken, aber nur im begrenzten Ausmaß. So gut wie die Natur war der Lazarusschwarm noch lange nicht. Allerdings war Rasmus der Musterschüler in dieser Disziplin. Er konnte am besten riechen und Informationen codieren. Dadurch wurde er auch sehr empathisch. Die Gerüche verrieten die Emotionen anderer Menschen schnell, wenn man gut genug riechen konnte.

Für gewöhnliche Menschen war das nicht möglich, aber mit den Injektionen, die er erhielt, war Rasmus kein normaler Mensch mehr. Er wurde zu einer richtigen Spürnase. Zwar war er noch nicht auf dem Niveau eines Hundes, aber er näherte sich dem an. Keiner der Anderen war auch nur halb so empfänglich wie Rasmus.

Durch diese Sinnesverbesserung konnte er feststellen, dass fast alle Menschen hier wirklich an die Worte von Lazarus glaubten. Sie folgten ihm fanatisch. Genauso fanatisch wollten sie die Gemeinschaft verteidigen, welche er predigte. Beinahe niemand zweifelte an ihm, auch wenn alle einen großen Druck und große Sehnsüchte verspürten. Jeder hätte gern mehr Zeit für sich selbst gehabt. Auch hätte jeder hier gern mehr Kontakt gehabt mit Leuten, die ihm etwas bedeuteten. Selbst Lazarus ging es so, das konnte Rasmus spüren.

Eine gewisse Beziehung baute man zwar mit seinem zugewiesenen Partner auf, man musste es halt, aber das war zu wenig. Die meiste Zeit verbrachte man mit dem Partner und den Lehrern. Freiraum für sich selbst erlaubte Lazarus jedem eine Stunde am Tag, solange man nicht aufbegehrte oder große Fehler machte. Wer abwich, musste in ein spezielles Konditionierungsprogramm; das wollte jeder vermeiden. Die Meisten blieben auf Linie, offiziell auch Rasmus, da er wusste, was ihm sonst blühte. Er hatte die Gerüche von Menschen aus der Konditionierung wahrgenommen. Diese Menschen mussten scheußliche Sachen erlitten haben. Jedenfalls waren ihre Stresslevel wohl enorm, direkt, nachdem sie aus der Konditionierung gekommen waren.

So wollte Rasmus auf keinen Fall enden. Wer dort wieder rauskam, war apathisch und hatte praktisch keinen eigenen Willen mehr. Was auch immer man den Menschen dort antat, es war grausam und effizient. Nachts bekam Rasmus Albträume, wie er zur Konditionierung geschickt wurde. Es malte sich schlimme Foltermethoden aus, welche wirklich das letzte Bisschen an freiem Willen vernichteten. Er wusste zwar nicht, was wirklich während der Konditionierung gemacht wurde, aber er wollte es ehrlich gesagt auch nicht erfahren.

Tief in seinem Inneren hatte er beschlossen zu fliehen. Wie er das anstellen sollte, wusste er noch nicht. Überall hatte Lazarus Wächter aufgestellt, welche alles beobachteten. Es gab auch einige Kameras, da aber Lazarus zu viel Hightech misstraute, waren diese immerhin nur analog. Aus diesem Grund brauchte er Menschen, die alles überwachten. Hier bot sich vielleicht eine Chance. Das Personal, welches Lazarus einsetzen konnte, war begrenzt, und Sensoren zur Überwachung des Geländes gab es auch nicht. Rasmus musste sich zumindest nicht mit einer lückenlosen Überwachung herumschlagen.

Problematischer war da schon eher, dass es ein gewisses Misstrauen gegenüber Rasmus gab. Man war sich nicht ganz sicher, ob er auf Linie war, das spürte er. Noch wurde er nicht zur Konditionierung geschickt, er spielte das folgsame Lamm bisher gut genug. Dennoch wurde Rasmus genau beobachtet; eine gewisse Skepsis existierte ihm gegenüber. Er galt als etwas schwierig, obwohl er die größten Fortschritte in der biologischen Sensorik machte. Könnte er nicht besser als anderen eine Verbindung über das Modul aufbauen, wäre er vielleicht schon in der Konditionierung gelandet.

Für Lazarus hatte Rasmus einen gewissen Wert. Für das Ziel einer Schwarmintelligenz waren die Erkenntnisse aus seinem Training besonders wichtig. Rasmus wusste sogar besser als Lazarus selbst, wie wichtig sie waren. Er hatte nicht alles preisgegeben, er konnte mehr, als alle ahnten. Rasmus war in der Lage, jedem in der Sekte Botenstoffe zu senden, welche ein wenig ihr Handeln beeinflusste. Die genetischen Veränderungen waren bei den Anderen nicht so stark wie bei ihm, aber im Unbewussten konnte bei allen Sektenmitgliedern etwas über die Gerüche ausgelöst werden.

Rasmus hatte es per Zufall entdeckt und im Geheimen erprobt. Mit den richtigen Botenstoffen konnte er Signale aussenden, welche die Anderen ablenkten. Unbewusst richteten sie dann ihr Aufmerksamkeit auf etwas, das er entsprechend markierte. Sie wussten nicht einmal, warum sie sich dafür interessierten, und sie gingen der Sache auch nicht auf den Grund. Gleichzeitig konnte er auch leichte Wahrnehmungsstörungen und Schwindelanfälle auslösen. Keiner der Betroffenen kannte den Grund. Man nahm allgemein an, dass es ein paar Nebenwirkungen mit dem Interface gab oder die genetischen Veränderungen derartige Nebenwirkungen hatten.

Die Beeinflussungen waren begrenzt, konnten aber Rasmus noch zugutekommen. Dazu hatte er sogar noch ein weiteres Werkzeug. Einige der konditionierten Sektenmitglieder waren praktisch denerviert, wie nach einer Lobotomiebehandlung. Diese Menschen, welche in der Sekte als Drohnen bezeichnet wurden, konnte er sogar noch weitreichender beeinflussen. Generell waren sie anfälliger für Suggestionen und er konnte die Intensität seiner Botenstoffe steigern.

Bei den anderen Sektenmitgliedern wagte er es nicht. Ab einem gewissen Punkt würden die Leute merken, dass jemand entsprechende Pheromone einsetzte und sie würden nach ihm suchen. Lobotomierte Menschen konnten das nicht mehr ausmachen. Sie taten einfach nur willenlos, was man ihnen auftrug. Sie bekamen auch nur die einfachsten und niedersten Aufgaben: Essensausgabe, Putzdienst usw., für komplexere Aufgaben waren sie nicht mehr geeignet.

Immerhin gab es den einen oder anderen von ihnen. Rasmus überlegte schon, wie er mit den Drohnen am besten eine Ablenkung für seine Flucht arrangieren konnte. Plötzlich wurde er aus seinen Gedanken gerissen.

„Verflucht, du bist immer noch nicht bei der Sache. Wir haben die Aufgabe immer noch nicht gelöst, so etwas sieht dir gar nicht ähnlich.“

„Tut mir leid, Florian, ich bin zurzeit nur so aufgeregt. Ich werde meine Bemühungen verdoppeln.“

„Die Zeit ist leider um. Gleich geht es zur Essensausgabe. Ich muss leider unsere Paten in Kenntnis setzen, dass wir gescheitert sind!“

Rasmus schluckte. Die Paten waren diejenigen, welche die Entwicklung aller binären Paare dokumentierten und überwachten. Sie konnten Sanktionen wegen Fehlverhalten und fehlender Leistungen aussprechen.

„Ist das wirklich notwendig? Vielleicht schaffen wir es noch ganz schnell.“

„Es ist notwendig, wir haben die Aufgabe nicht in der vorgegebenen Zeit geschafft. Jeder hat seine Aufgabe und nur im Kollektiv sind wir stark. Vergiss nicht, die Gemeinschaft steht über allem!“

„Du hast recht, die Gemeinschaft steht über allem. Es tut mir leid, natürlich werden wir unsere Pflicht erfüllen und Bericht erstatten.“

„Dann ist klar. Gehen wir essen, ich berichte derweil den Paten.“

Beide machten sich auf den Weg zum Speisesaal. Rasmus hoffte, glimpflich davonzukommen. Immerhin hatte er bisher gute Leistungen gezeigt. Dennoch war er sich nicht ganz sicher, Sanktionsentscheidungen waren hier durchaus willkürlich.

Kapitel 2: Das Büßerhaus

Rasmus zwang sein Essen runter. Der Eintopf war nicht mal schlecht, aber seine Gedanken kreisten um die möglichen Konsequenzen, daher hatte er keinen Appetit. Sicher, er war bisher nie gescheitert, dies war das erste Mal, und man konnte ihm nie ein offenkundiges Fehlverhalten nachweisen. Allerdings war er ein wenig aufgefallen, weil er zu oft Fragen gestellt hatte.

Man hatte es im Lazarusschwarm nicht gern, wenn jemand mehr Fragen als nötig stellte. Rasmus hatte einige Male nach seiner Mutter gefragt, schon vor ihrer Prüfung, da er sie nicht oft sah. Seit zwei Jahren war er ihr nun gar nicht mehr begegnet. Die Gemeinschaft machte ihm langsam klar, dass sie es leid war, ihm immer wieder dieselbe Antwort geben zu müssen. Immer wieder wurde verlautbart, sie sei nun Teil des Schwarms und auch er müsse sich eingliedern. Nicht einzelne Personen seien die Familie, sondern der Schwarm sei es. Daher brauche er auch nicht nach seiner biologischen Mutter fragen, da jeder seine Familie sei und jeder seine Aufgaben erledigen müsse, auch er.

Man konnte bitten und betteln, wie man wollte, sie gaben nicht nach. Die Meisten fanden sich schneller damit ab; er stellte etwas häufiger Fragen und wurde kritisch beäugt. Wäre er älter gewesen und seine sonstigen Leistungen schlechter, hätten sie ihn wahrscheinlich schon beschuldigt, ein Aufrührer zu sein. Deswegen war er nicht sicher, ob er noch geschont werden würde. Jedenfalls musste er sich zur sogenannten Rehabilitation melden. So wurde der Vorgang euphemistisch genannt.

Allgemein war so etwas immer schwer abzuschätzen. Willkür war bei Sanktionsentscheidungen immer möglich. Ein weiterer Punkt war auch, dass er bei der verordneten Selbstkritik nicht ganz so hart gegen sich vorging, wie es gewünscht war. Jeder musste sich dem Kollektiv absolut unterwerfen und sich als Individuum nach jedem Mittagsessen selbst kritisieren. Es wäre wirklich witzig gewesen, wäre es nicht so bedrohlich gewesen. Man verlangte permanente Perfektion, und auch wenn man die Aufgaben exzellent erfüllte, musste man sich selbst erniedrigen. Jeder sollte mitteilen, in was er warum versagt hatte. Wie gut die tatsächlichen Leistungen waren, zählte nicht. Eigentlich war es albern, aber so wurde Kontrolle ausgeübt.

Auch heute stand nach dem Essen eine Runde Selbstkritik von jedem an. Auch für ihn, man hatte Rasmus gesagt, dass er sich nach der Selbstkritik bei den Paten melden sollte. Er hätte sich gewünscht, dann wenigstens diesen Teil zu überspringen und gleich das Gespräch über sein Schicksal zu führen. Allerdings wollten sie wohl sehen, wie er sich heute selbst kritisierte, bevor sie über ihn richteten.

Immerhin musste Rasmus heute keine Denunziation mitmachen. Einmal im Monat stand die sogenannte Gruppenkritik an, bei der man Fehler bei jemand anderem suchte und ihn kritisierte, was am Ende nur eine Denunziation war. Er wusste, heute wäre er insbesondere das Ziel gewesen, da sich sein Scheitern bei der Übung herumsprach. Bei einer Gruppenkritik wären sie nur so über ihn hergefallen und hätten sich alle möglichen Dinge ausgedacht, weshalb Rasmus angeblich scheitert war. Schonung war nicht zu erwarten. Die Menschen hier waren immer unter Druck und bei seinen Leistungen kam er sonst gut weg, selbst wenn er sich meist nicht so sattelfest in seinen Überzeugungen zeigte. Alle hätten verbal auf ihn eingeprügelt.

Nun ging die Selbstkritik los. Jeder musste sagen, worin er heute versagt hatte, und es kamen im Allgemeinen immer dieselben Antworten: „Ich war zu fokussiert auf mich. Als Mitglied des Kollektivs habe ich versagt. Meine Leistungen waren nicht gut genug und ich muss sie verbessern. Tue ich das nicht, habe ich keinen Wert für die Gemeinschaft“, fing die Erste ihre Selbstkritik an, dabei den Tränen nahe. Ein absoluter Klassiker hier. Der Nächste sagte: „Meine Überzeugung ist immer noch nicht stark genug. Ich will dem Kollektiv dienen, aber ich funktioniere noch nicht in der binären Einheit und muss mich steigern, um im gesamten Organismus zu bestehen. Wenn ich so weitermache, bin ich nichts als eine Belastung, daher verdreifache ich meine Bemühungen, um ein Teil der Lösung zu werden, statt Teil des Problems zu sein.“

So ging es weiter, jeden Tag hörte man so etwas. Viele vergossen Tränen dabei. So gut wie jeder war indoktriniert. Zum Glück war der Schwarm in mehrere Sektoren unterteilt, jeder mit einem eigenen Speisesaal und natürlich einer eigenen Selbstkritik nach dem Essen. Schon so musste man 150 Leute beim Ritual ertragen, wären alle zusammengefasst, hätte man Tausende anhören müssen.

Rasmus wurde nun unruhiger. Beim Essen wurde er ans Ende gesetzt, damit er den finalen Eindruck hinterließ, bevor man über ihn entschied.

Langsam näherte sich die verordnete Selbstkritik auch ihm. Er überlegte, was er am besten sagen sollte. Rasmus hatte immer im Kopf, was passieren konnte, wenn die Paten mit seiner Antwort unzufrieden waren. Er war ja schon bisher nicht so sattelfest, weil seine Selbstkritik manchmal etwas larifari wirkte, und eben auch, weil er etwas zu oft nach seiner Mutter gefragt hatte. Dazu hatte er manchmal den Verdacht, dass auch die sensorischen Fähigkeiten einiger Mitglieder langsam so gut wurden, dass sie seine Skepsis gegenüber dem Schwarm witterten. Hoffentlich konnte er die Paten mit seiner Selbstkritik besänftigen. Die Anspannung stieg in ihm, jetzt war Rasmus selbst an der Reihe.

„Ich war zu sehr von mir eingenommen. Mir ist heute ein Fehler unterlaufen. Auch wenn es das erste Mal war, dass ich bei einer Übung versagte, darf das nicht passieren. Um den Schwarm und somit das Ziel des Homo Futuris zu schützen, muss ich immer perfekt im Kollektiv funktionieren. Als Individuum bin ich nichts, nur die Gemeinschaft zählt, die Gemeinschaft steht über allem. Arroganz war schuld, dass ich daran nicht gedacht habe. Deswegen bin ich gescheitert und muss Buße tun. Nicht mein persönlicher Erfolg zählt, nein, nur der der Gruppe ist wichtig. Deswegen bitte ich demütig um Verzeihung, denn ich habe unseren Schwarm enttäuscht. Ich hoffe, dass ich mich rehabilitieren kann, um der Gemeinschaft zu dienen“, sprach Rasmus seine Selbstkritik und hoffte auf ein mildes Urteil.

„Sehr gut, die Selbstkritik ist für heute beendet, jeder geht nun seinen weiteren Verpflichtungen nach. Wir werden indes die Erkenntnisse aus der Selbstkritik auswerten“, sprach Lucy Cochrane, die oberste Patin seines Sektors. Alle erhoben sich und verließen den Speisesaal. Die Paten warfen Rasmus und Florian einen Blick zu, welcher ihnen bedeutete zu folgen, bevor sie selbst gingen.

Rasmus folgte mit Florian den Paten, welche zum Büßerhaus unterwegs waren. Dorthin mussten alle, welche sich rehabilitieren mussten. Als sie dort ankamen, sahen sie noch zwei junge Frauen und einen jungen Mann, welche ebenfalls zur Buße gebracht wurden. Außerdem zwei weitere Patenteams, zu denen wohl die anderen Büßer gehörten. Dazu stand dort noch Björn Nybäck. Nybäck gehörte zu den Kapitänen, einem Kreis aus Anführern, welche nur Lazarus selbst unterstellt waren.

Rasmus wusste nicht, ob es Standard war, einen Kapitän vor Ort zu haben, oder ob sich damit besonderes Ungemach ankündigte. Er wurde nun zum ersten Mal so bestraft, und jeder musste über seine Bestrafung schweigen. Rasmus spürte, wie seine innere Anspannung wuchs, dazu roch er, wie auch seine Leidensgenossen nervöser wurden. Alle fünf Delinquenten mussten sich in einer Reihe vor dem Kapitän aufstellen, dann sprach Nybäck.

„Jeder von euch muss sich rehabilitieren. Ihr habt den Schwarm in Gefahr gebracht mit eurem Fehlverhalten und Scheitern. Die Bedrohung durch die Maschinen rückt näher, nur die absolute Einheit im Kollektiv kann uns vor dem Aussterben bewahren. Vergesst nicht, der Homo Sapiens ist fast am Ende, nun muss der Homo Futuris an seine Stelle treten!“, brüllte Nybäck ihnen beinahe entgegen. Die Sorge in Rasmus stieg, es wirkte nicht so, als wenn sie nachsichtig behandelt werden würden. Er nahm auch wahr, wie seine Leidensgenossen große Angst bekamen, sowie, dass eine gewisse Befriedigung in Nybäck und den Paten aufstieg. Die Maßnahme schien den Oberen wirklich zu gefallen; wer wie schlimm bestraft wurde, entschied sich wohl einfach willkürlich. Nun sprach der Kapitän weiter, ruhiger diesmal, aber mit einem bedrohlichen Unterton.

„Ihr müsst euch reinigen, wenn ihr Buße tun wollt. Nur als gereinigte Individuen könnt ihr euch dem Schwarm wieder anschließen. Jeder von euch wird sich entblößen und waschen. Dann werdet ihr über eure Fehler nachdenken. Währenddessen beraten wir, wie eure Rehabilitation aussehen muss. Haltet euch an die Anweisungen der Aufseher, während ihr euch reinigt und zur Buße niederkniet; weiteres Fehlverhalten wird sanktioniert!“, hörten sie vom Kapitän, während er auf eine Tür wies, welche sich öffnete.

Sie kamen in eine Umkleide, wo sie von einem Aufseher angewiesen wurden sich auszuziehen. Dann musste sich jeder mit Desinfektionsmittel waschen. Dieses Mittel war richtig scharf, es stank furchtbar und brannte auf der Haut, welche rot wurde. Alle achteten peinlichst genau darauf, möglichst nichts in die Augen oder in den Mund zu bekommen.

Nachdem sie sich gewaschen hatten, wurden sie nackt in eine ziemliche dunkle Halle geführt. Oben gab es kleine Fenster, welche ein wenig Licht spendeten. Viel ausmachen konnte man nicht: vor den Wänden war Kies auf dem Boden, während in der Mitte des Raumes normales Parkett lag. Sie wurden alle vor bestimmte Stellen an der Wand platziert. Rasmus erkannte nun auf diese Distanz, dass einige Phrasen von Lazarus vor ihm in die Wand eingraviert waren. Bei den Lichtverhältnissen war es nicht so leicht, sie zu entziffern, aber er erkannte Aussprüche wie Die Gemeinschaft steht über allem und Der Homo Futuris ist des Menschen Zukunft und Rettung.

Nachdem er ein wenig davon entziffert hatte, wurden er und die Anderen angewiesen, sich auf ihre Schienbeine zu setzen. Der Blick durfte nur geradeaus gerichtet werden und den Rücken musste man gerade halten. Schon das war unangenehm, aber dazu drückte der Kies gegen die Knie, das Schienbein, das Fußgelenk und den Fußrist. Dadurch wurde es zur richtigen Tortur und keiner sagte ihnen, wie lange sie so würden verharren müssen. Ihnen wurde nur gesagt, dass sie geradeaus schauen und über ihre Fehler nachdenken sollten. Manchmal brüllte eine der Wachen „Kopf geradeaus!“ oder „Den Rücken gerade!“, wenn einer versuchte, seine Haltung zu ändern.

Rasmus schmerzten die Beine; diese Art zu sitzen war eh schon nicht besonders angenehm, aber auf Kies war es nochmal schlimmer. Die kleinen Steine drückten sich in seine Haut und hinterließen Schmerzen. Dazu musste jeder hier nackt sitzen und der Geruch vom Desinfektionsmittel hing noch in ihren Nasen. Mit seinem guten Geruchssinn nahm er wahr, dass die Anderen langsam unruhiger wurden, genau wie er. Jeder hatte Angst, etwas zu sagen. Mittlerweile waren sie schon Stunden in dieser Position. Die Sonne war untergegangen und die Wachen hatten eine schwache Deckenbeleuchtung angemacht. Rasmus spürte, dass er bald auf die Toilette musste, aber er traute sich nicht, etwas zu sagen. Auch bei den Anderen war es vermutlich nicht besser.

Rasmus überlegte, was noch kommen würde. Man sagte ihnen ja, dass noch über die Bestrafung entschieden wurde; und das, nach dem man ihnen schon so etwas antat. Er hoffte nur, dass es nicht die Konditionierung wurde. Er wusste nicht, was man den Leuten antat, nur dass es wirklich grausam sein musste. Menschen, die durch die Konditionierung gegangen waren, waren nicht mehr dieselben. Im besten Fall waren sie nur traumatisiert, einige waren praktisch Zombies, in drei Fällen hatte er sogar Menschen, die zur Konditionierung geschickt wurden, nie mehr wiedergesehen. Er wusste nicht, ob sie woanders hingeschickt worden oder gar beim Vorgang gestorben waren.

Diese Gedanken machten ihn fertig; er versuchte, an etwas Besseres zu denken. Es gab eine Zeit vor dem Schwarm, eine Zeit, in der seine Mutter auch noch nicht diesem kranken Fanatismus anheimgefallen war. Das waren teilweise gute Jahre gewesen, besser als die Zeit hier. Es war schon ein Trauma gewesen, als sie ihn hierher mitschleppte, dabei hatte er noch nichtmal etwas von dem gewusst, was ihm bevorstand. Er war absolut isoliert von der Außenwelt und die meiste Zeit auch von seiner Mutter. Auch zu den Menschen, mit denen er zu tun hatte, konnte er keine echte Bindung aufbauen. Egal was er zusammen mit ihnen tat oder lernte, näher kennenlernen konnte er hier niemanden.

Selbst beim Sprachunterricht war man sehr isoliert. Jeder aus der Sekte musste Deutsch und Englisch beherrschen, was viel Unterricht erforderte, da die Mitglieder aus verschiedenen Nationen kamen. Lazarus hatte Deutsch verlangt, da es seine Muttersprache war, und Englisch, weil diese Sprache international sehr viel Verwendung fand. Für Rasmus war das einfach, da Deutsch seine Muttersprache war und er nur das Englische als Fremdsprache lernen musste. Andere taten sich schwerer und wurden oft sanktioniert, wenn die Leistungen nicht stimmten.

Einer der anderen Büßer riss ihn aus seinen Gedanken, als er hörte, wie er die Wachen fragte, ob er auf die Toilette dürfte. Es war sein Binärpartner Florian.

„Jeder von euch bleibt hier sitzen, bis über euch entschieden wurde, also verkneif‘s dir!“, schnauzte ihn eine der Wachen an.

Rasmus spürte von den Wachen nun eine innere Regung. Er roch förmlich, dass sie auf so einen Moment gewartet hatten. Jetzt begriff er, was Sache war. Sie mussten hier so lange warten, bis einer nicht mehr konnte. Egal ob jemand auf die Toilette musste oder zusammenbrach, sie wollten, dass jemand nicht mehr konnte. Diesen würden sie dann wahrscheinlich richtig hart bestrafen und ein Exempel statuieren. Die Entscheidungen waren wahrscheinlich schon längst gefallen; es ging nur darum, wer die härteste Strafe bekam.

„Bitte, ich kann es wirklich nicht mehr halten. Ich glaube, ich habe Durchfall“, bat Florian nun flehentlich.

„Du kannst es also nicht mehr halten. Gut, dann lass es“, sprach die gleiche Wache wieder.

„Ich soll an Ort und Stelle mein Geschäft verrichten?“

„Ja, du verrichtest es an Ort und Stelle, wenn es nicht mehr geht, aber du bleibst auf diesem Punkt sitzen und du veränderst auch nicht deine Sitzhaltung, verstanden!“

„Ja, ich verstehe.“

Florian ließ dann einfach nach. Er schiss sich voll, aber wie Rasmus es schon geahnt hatte, ging die echte Demütigung erst richtig los.

„So, ist es jetzt besser?“, fragte nun eine andere Wache.

„Ja, es ging einfach nicht mehr, tut mir Leid.“

„Natürlich, man kann es nicht für immer halten, aber jetzt haben wir ein Problem.

„Was?“

„Wir haben ein Problem! Dieser Raum muss sauber sein. Du hast ihn leider verunreinigt.“

„Bitte, ich konnte es nicht mehr zurückhalten, bitte, ihr müsst mir glauben.“

„Das verstehen wir, aber etwas ist auf den Kies unter dir gekommen. Du musst den Kies unter dir wieder saubermachen.“

„Saubermachen? Kriege ich einen Lappen und einen Eimer mit Wasser?“

„Nein, du wirst deine Scheiße auflecken. Auflecken!“

„Was? Bitte, ich wollte das nicht, das müsst ihr mir glauben!“

„Wir glauben dir, aber Regeln sind Regeln. Lecke deine Scheiße auf!“

„Bitte, wenn ich einen Lappen und einen Eimer mit Wasser bekomme, mache ich den ganzen Raum sauber. Ich reinige das ganze Gebäude. Ich wollte doch nicht den Boden unter mir besudeln.“

„Anscheinend willst du auch keine Anweisungen befolgen“, sagte die Wache und man hörte erst einen dumpfen Schlag, danach einen aufprallenden Körper. Florian hatte wohl eins mit dem Knüppel übergezogen bekommen.

„Ich denke wir müssen dem Aufrührer eine Lektion erteilen“, sagte die Wache nun wieder und schlug und trat auf Florian ein. Die anderen Wachen kamen dazu und beteiligten sich. Rasmus kamen die Tränen. Sehen konnte er nichts davon, die Szene spielte sich hinter ihm ab, und er wagte es nicht sich umzudrehen, aber es war nicht zu überhören, dass Florian übel zugerichtet wurde. Er war froh, dass es ihn nicht traf, gleichzeitig empfand er Mitleid. Das hatte Florian nicht verdient. Er mochte ihn nicht wirklich, dennoch hatte er nichts getan. Tatsächlich war Florian wohl sogar derjenige, der von allen Büßern am loyalsten war. Plötzlich wurde die Tür aufgestoßen und die Stimme Nybäcks erklang.

„Wir haben eine Entscheidung getroffen.“

Die Wachen stellten augenblicklich Florians Tortur ein.

„Jeder soll sich erheben und mich anschauen, wenn ich die Rehabilitationsmaßnahme verkünde.“

Alle taten, was der Kapitän verlangte. Als Rasmus aufstand, erhaschte er kurz einen Blick auf Florian. Dieser war blutüberströmt und mindestens bewusstlos. Wer weiß, vielleicht lebte er schon nicht mehr. Ganz sicher war sich Rasmus nicht.

„Florian Kempner war leider nicht in der Lage, seine innere Stärke für die Buße zu tun. Daher wird er zur Konditionierung bestimmt. Wachen bringen sie ihn in die mentale Klinik, wo ihm geholfen werden kann.“

Die Wachen hoben Florian auf und brachten ihn fort. Nur eine Wache blieb und stellte sich neben Nybäck.

„Die Anderen müssen sich bei der Putzkolonne rehabilitieren. Die entsprechenden Arbeiten werdet ihr mit eurem Binärpartner ausführen. Nun, ich sehe, unser geschätzter Aspirant Rasmus Bündtner hat jetzt keinen Binärpartner mehr. Da kann Abhilfe geschaffen werden. Unser Neuzugang Jennifer Bishop braucht sowieso noch einen Binärpartner, damit hätten wir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Jennifer, begib dich bitte zu Rasmus!“

Eine der jungen Frauen, die ebenfalls Buße taten, stellte sich jetzt neben Rasmus und sah ihn musternd an.

„Gut. Da ihr jetzt zur Putzkolonne gehört, könnt ihr auch gleich anfangen. Ihr werdet diesen Raum reinigen. Ich werde gleich eure Paten anweisen, euch entsprechende Putzutensilien zu bringen. Ihr wartet hier so lange“, sprach Nybäck und ging. Alle Anderen warteten auf die Paten und waren froh, dass ihnen die Konditionierung erspart blieb. Jeder hoffte, das Schlimmste hinter sich zu haben, aber aufgrund der hiesigen Willkür konnte man sich nie wirklich sicher sein.

Kapitel 3: Rehabilitation

Rasmus und Jennifer arbeiteten nun seit vier Tagen gemeinsam in Putzkolonne. Dabei mussten sie nebenbei immer noch die obligatorischen Übungen absolvieren. Um dies zeitlich zu schaffen, durften sie nur drei Stunden jede Nacht schlafen und das Frühstück war für sie gestrichen. Eingesetzt wurden sie dann abwechselnd in verschiedenen Gebäuden. Heute Nacht würden sie in der Klinik alles säubern müssen. Dort wurden mehrere Bereiche konzentriert.

Sie mussten jetzt jedes Mal um 1.00 Uhr nachts aufstehen und wurden enorm gefordert. Etwas Gutes hatte es allerdings doch. In der Nacht waren sie relativ ungestört. Einige Wachen waren zwar immer unterwegs, aber ihre Frequenz war um diese Zeit deutlich geringer. Auch andere Binärpaare, Paten oder Schwarmmitglieder mit sonstigen Aufgaben gab es fast nirgends. Nur die Drohnen waren auch manchmal unterwegs. Zu dieser Zeit ließen sich ein paar Momente für sich selbst finden. Außerdem konnte Rasmus auskundschaften, wie nachts die Bewachung des Geländes war.

Er plante nach wie vor, dieser Hölle zu entkommen. Rasmus war zwar ständig müde, dank der vielen Aufgaben und dem wenigen Schlaf, dennoch war er wild entschlossen. Allerdings musste er sich um Jennifer Gedanken machen. Immerhin war sie als Binärpartnerin regelmäßig in seiner Nähe. Richtig einschätzen konnte er sie noch nicht.

Rasmus fragte sich, ob er mit ihr einen Fluchtplan aushecken konnte oder sie eine potentielle Bedrohung darstellte. Er hatte nicht das Gefühl, dass sie wirklich an dieser Sekte hing, aber das konnte täuschen. Wirklich viel wusste er nicht über sie. Was er mitbekam war, dass sie erst seit drei Monaten hier war und dass sie aus den USA stammte. Ihr Deutsch war noch nicht gut, daher sprach er Englisch mit ihr. Die genetischen Anpassungen waren auch erst am Anfang, ihre erste Behandlung mit dem Retrovirus, welcher biologische Schwarmeigenschaften von Bienen ermöglichen sollte, hatte sie erst vor drei Wochen erhalten.

Noch konnte sie nicht gezielt Pheromone zur Kommunikation produzieren. Auch das Wahrnehmen dieser gelang ihr nicht. Zwar waren außer Rasmus alle anderen nicht so gut darin, aber sie entwickelten zumindest Ansätze solcher Fähigkeiten. Ebenso hatte Jennifer auch kaum Übung mit dem Interface. Darüber etwas zu übermitteln, schaffte sie bisher nicht oft. Aus diesem Grund wurden ihnen zunächst auch nur simple Übungen zugewiesen, nachdem sie ihren Putzdienst verrichtet hatten.

Rasmus kam bislang auch nur marginal ins Gespräch mit ihr. Natürlich mussten sie für die Aufgaben kommunizieren, aber beide waren auch misstrauisch. Wenn sie dem Anderen etwas Falsches erzählten, konnte das harte Konsequenzen haben.

Beide begaben sich zur Klinik und Rasmus ging durch den Kopf, ob er jemanden wiedersehen würde. Es verschwand immer mal jemand, auch Florian hatte er nicht mehr gesehen, seitdem sie im Büßerhaus gewesen waren. Da hier sehr viele Einrichtungen vereint waren und er noch nicht wusste, ob sie überall säubern sollten, wusste er nicht, wen er da vielleicht wiedersehen würde.

„Glaubst du, wir müssen überall in der Klinik putzen?“, fragte Jennifer und riss Rasmus aus seinen Gedanken.

„Vielleicht, wer weiß das schon.“

„Das soll ja echt ein großer Bereich sein.“

„Ist es, in der Klinik gibt es sowohl die normale medizinische Versorgung als auch die mentale Klinik, in der die Konditionierung vorgenommen wird. Außerdem kommen dort auch Schwarmmitglieder rein, welche psychische Probleme haben und gesundheitlich nicht für das Kollektiv geeignet sind. Bisher war ich aber nur in der normalen medizinischen Abteilung dort. Keine Ahnung, wie es in den anderen Bereiche aussieht.“

„Ich verstehe. Vielleicht sehen wir auch etwas von den anderen Bereichen.“

Vor ihnen erstreckte sich nun ein großer Gebäudekomplex aus Backstein; sie waren angekommen. Die Klinik war eines der wenigen Gebäude des Lazarusschwarms, welche nicht aus Holz bestanden. Aus diesem Grund und wegen ihrer Größe war sie kaum zu verfehlen. Sie traten ein und eine der Wachen instruierte sie.

„Rasmus Bündtner und Jennifer Bishop?“

„Ja“, antworten beide einstimmig.

„Ihr seid heute eingeteilt, die mentale Klinik zu säubern. Ich bringe euch dorthin und gebe euch eure Putzutensilien. Mit Insassen ist kein Gespräch anzufangen, Zuwiderhandlung wird sanktioniert. Sobald ihr durch die Pforte in den Flügel der mentalen Klinik geht, wird die Tür hinter euch abgeschlossen. Einige Türen sind auch innerhalb des Flügels geschlossen und werden vom Wachpersonal geöffnet, wenn eine Reinigung drinnen erforderlich ist. Seid ihr fertig mit der Arbeit, gebt ihr mir oder jemand anderem vom Wachpersonal Bescheid! Selbst könnt ihr die Türen nicht öffnen, solltet ihr es dennoch versuchen, ist dies ein Fehlverhalten, welches sanktioniert wird. Gleiches gilt, solltet ihr Informationen zu eurer Arbeit dort an andere Schwarmmitglieder preisgeben. Habt ihr soweit alles verstanden?“

„Ja“, erklang es wieder einstimmig.

Nach der kurzen Erklärung wurden sie in einen Bereich gebracht, den Rasmus bisher noch nie gesehen hatte. Sein Herz pochte schneller, denn er wusste, dass in der mentalen Klinik die Konditionierungen durchgeführt wurden. Sein Verstand malte sich allerhand aus. Wie würde es nur dort aussehen? Und traf er da Leute wieder?

Sie waren durch die Pforte in die mentale Klinik gegangen und die Tür hinter ihnen wurde verschlossen. Sie bekamen ihre Reinigungswerkzeuge und begannen mit der Arbeit. Zunächst säuberten sie bloß einen Flur, der kaum auffiel; als sie damit fertig waren, schloss eine Wache einen anderen Bereich auf. Rasmus wurde ganz mulmig. Hier gab es Zellen, einige waren belegt. Rasmus Herz schlug nun schneller. Es war, wie er es sich schon dachte. Wer zur Rehabilitierung in die mentale Klinik kam, wurde wie ein Verbrecher eingesperrt.

Zwar hatte er sich so eine Vorgehensweise schon gedacht, es dann aber mit eigenen Augen zu sehen, war aber dennoch etwas anderes. Rasmus wusste nicht genau, ob alle in der mentalen Klinik hier verwahrt wurden oder ob es mehrere solcher Bereiche gab. Eventuell waren die tatsächlich psychisch Kranken getrennt von den Delinquenten, welche konditioniert wurden. Er wusste es einfach nicht.

Jennifer und Rasmus säuberten den Bereich. Sie versuchten sich nur auf ihre Arbeit zu konzentrieren, aber gelegentlich sahen sie die Insassen; und manche waren schon wach und sahen sie an. Rasmus erkannte einige von ihnen. Er hatte zwar nicht mit ihnen zu tun, aber manchmal sah man auch Leute aus den anderen Sektionen. Irgendwie fand es Rasmus unheimlich: keiner sprach sie an, aber viele beobachteten sie. Er war sehr glücklich, als sie mit dem Bereich fertig waren und in den nächsten kamen.

Hier gab es Krankenbetten, einige waren belegt. Die Leute in den Betten waren mit Handschellen gefesselt. Daher war sich Rasmus sicher, immer noch im Bereich der mentalen Klinik zu sein, auch ohne sich hier auszukennen. Plötzlich erstarrte Rasmus! Auf einem der Betten lag Florian. Es wunderte ihn nicht; sie hatten ihn wirklich übel zugerichtet, dabei war er absolut loyal.

Rasmus brauchte einen Moment, dann fing er sich wieder. Er konnte sich nicht leisten, zu lange darüber nachzudenken. Man verlangte von ihm, sich zu rehabilitieren, sonst würde er selbst noch konditioniert werden. Vermutlich stand dieses Prozedere Florian noch bevor. Seine Verletzungen waren so schwer, dass Rasmus nicht glaubte, eine Konditionierung könne schon beginnen.

Jennifer sah Rasmus scharf an; sie wollte, dass er endlich die Arbeit aufnahm, und das tat er dann auch. Sie hatten, seit sie in der Klinik waren, kein Wort gewechselt, alle Anweisungen kamen von den Wachen und denen folgten sie auch. So reinigten sie auch diesen Abschnitt und gingen über zum nächsten.

Hier verschlug der Geruch Rasmus den Atem. Es roch nach Blut, verbrannter Haut und Fäkalien, dazu sahen sie einige Menschen, die festgeschnallt waren. Ihre Köpfe waren fixiert, genauso wie die Augenlider, damit sie diese nicht schließen konnten. Vor ihnen war eine Leinwand, auf der Propagandafilme gezeigt wurden. Die Botschaften waren für Jennifer und Rasmus in der Lautstärke noch erträglich, da jeder Delinquent Kopfhörer trug. Allerdings mussten sie schon ziemlich laut aufgedreht sein, denn sie konnten sie immer noch recht deutlich hören.

Über den Köpfen der fixierten Menschen hingen Pipetten, welche die Augen dann und wann befeuchteten. An den Fixierstühlen liefen Urin, Fäkalien und manchmal auch Blut hinunter. Offenbar waren die Delinquenten gezwungen, permanent so zu verharren, bis das Programm irgendwann durch war.

Rasmus fielen weitere Stühle und Tische auf. Auch dort klebte Blut und manchmal ebenfalls Urin und Fäkalien. Er sah verschiedene Injektionsnadeln, Gurte zum Festschnallen und Geräte, welche wohl Elektroschocks abgeben sollten. Zum Glück sah Rasmus nicht, wie die Menschen dort behandelt wurden; es war schon schlimm genug, die Leute auf den Fixierstühlen zu sehen. Die Folter musste oft stundenlang gedauert haben, wenn selbst auf den Tischen Fäkalien waren.

Wieder sah Rasmus einen Beweis dafür, wie grausam der Lazarusschwarm war. Auch Jennifer schien sich sehr unwohl zu fühlen. Selbst die Wachen schauten nur dann und wann vorbei, der bestialische Gestank war kaum zu ertragen und es war derzeit eh Nachtschicht, wodurch weniger Wachen ein großes Areal ablaufen mussten. Eine Wache bleute ihnen nochmal ein, kein Wort über diesen Bereich zu verlieren, bevor sie ging, dann machten sie sich an die Arbeit. Das war das einzig Gute: während Rasmus und Jennifer hier arbeiteten, waren sie fast durchgehend unbehelligt.

Jennifer schaute Rasmus an und schien etwas besprechen zu wollen. Sie blickte sich ein paar Mal um, dass wirklich keine Wachen mehr im Raum waren. Sie beide waren allein mit den Delinquenten, welche konditioniert wurden. Nachdem sie sich gut umgesehen hatte, sprach sie Rasmus an.

„Sage mir, Rasmus, glaubst du wirklich an die Lehren von Lazarus?“

Rasmus sah sie verwundert an. Wollte sie ihn bloß auf die Probe stellen, oder hatte er eine Verbündete gefunden? Rasmus war unschlüssig, irgendwie funktionierten seine Sinne bei ihr noch nicht so richtig. Vermutlich lag es daran, dass die genetische Veränderung durch das Retrovirus bei ihr erst begonnen wurde. Er hatte schon in der Vergangenheit festgestellt, dass er weniger wahrnahm, wenn es sich um Neuankömmlinge handelte. Dennoch nahm er normalerweise doch etwas mehr wahr. Allerdings hatte er nicht besonders viele Vergleiche, um auszuschließen, ob es nur ein Zufall war oder nicht. Bisher wusste er bloß, dass er von genetisch Veränderten exzellent Botenstoffe wahrnahm. Auch einige Gerüche in der Umgebung nahm er besser war, aber es gab Grenzen.

„Du machst irgendwie den Eindruck, als ob du von der Sache nicht wirklich überzeugt bist“, hakte Jennifer nach.

„Was soll das hier werden. Willst du mich auf die Probe stellen?“

„Nichts liegt mir ferner als das. Ich riskiere hier auch was. Ich bin auch nicht überzeugt von Lazarus’ Ideen. Ich bin aus anderen Gründen hier. Ich hoffe, dass du mir helfen kannst. Wenn ich mich in dir getäuscht habe, bin ich geliefert, aber ich glaube, du willst hier raus und wir können uns gegenseitig helfen.“

„Ist das so? Ich bin immer noch nicht sicher, ob du mich nicht einfach auf die Probe stellen willst. Ich denke darüber nach, ob du von Lazarus geschickt wurdest, mich zu testen, oder ob das wahr ist, was du sagst.“

„Was wirst du tun, wenn du zu einem Schluss gekommen bist?“

„Das weiß ich noch nicht. Wahrscheinlich sollte ich dich melden. Wenn Lazarus mich testet, wird er nicht gerade erfreut sein, wenn ich es auf sich beruhen lasse.“

„Wirst du mich melden?“

Rasmus musterte Jennifer und dachte über das Gesagte nach. So etwas war ein großes Risiko. Dazu hatte er jetzt auch ein genaueres Bild, was jemanden blühte, der gegen die Regeln verstieß. War ihr wirklich zu trauen? Rasmus glaubte irgendwie wirklich, dass sie nicht der Sektendoktrin folgte. Es gab andere Möglichkeiten, ihn zu testen. Dennoch fand er es seltsam, dass er mit seinen verbesserten Sinnen gar nichts bei ihr wahrnahm.

Es war zwar nicht ungewöhnlich, dass er, wenn jemand noch nicht die komplette genetische Veränderung durchlaufen hatte, weniger wahrnahm. Dennoch hatte er doch immer wenigstens etwas wahrgenommen. Bei ihr konnte er bisher keine Emotionen riechen. Auch mit dem Interface war kaum etwas zu spüren bisher. Irgendetwas verbarg sie wohl sehr gut, aber vorerst war er bereit, sie zu decken.

„Ich werde dich nicht verraten. Ich glaube dir zumindest soweit, dass du nicht wirklich die Überzeugungen dieser Sekte teilst. Du wirkst so, als wärst du mit einem bestimmten Ziel hergekommen“, sagte ihr Rasmus und blickte sie prüfend an. Er hoffte auf eine Verbündete, traute ihr aber nicht bedingungslos. Rasmus war bestimmt eine Figur in ihrem Spiel, welche sie bei Gefahr sofort opfern würde.

„Du hast Recht. Ich suche jemanden.“

„Du suchst jemanden?“

„Ja, ich suche jemanden. Er heißt Jake Keller. Ist er dir hier vielleicht mal begegnet?“

„Tut mir leid, der Name sagt mir nichts. Ist er dein Verlobter oder warum suchst du ihn?“

„Er ist mein Kollege, wir sind beide Enthüllungsjournalisten. Er wollte die Sekte infiltrieren und ihr Geheimnisse ans Tageslicht bringen. Vor einem Jahr schloss er sich dem Schwarm an, seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Ich mache mir große Sorgen.“

Rasmus musterte sie wieder. Sie schien sehr gut darin zu sein, ihre Emotionen zu verbergen. Er kam zu dem Schluss, dass er ihr am besten nicht alle seine Fähigkeiten verriet. Sie wirkte so kühl; vermutlich würde sie ihn eiskalt über die Klinge springen lassen, wenn es gefährlich wurde. Dieser Eindruck hatte sich verstärkt bei ihm. Eine gewisse Absicherung brauchte er einfach.

„Hast du eine Ahnung, wo er sein könnte? Vielleicht gibt es ja Orte, welche für Neulinge besonders infrage kommen?“, fragte sie ihn.

„Jeder kommt sofort in eine der vielen Sektionen. Man unterscheidet zwar zwischen denen, die schon geprüft wurden, und denen, welche noch keine Prüfung hatten, aber in beiden Fällen gibt es viele Sektionen.“

„Wirklich einschränken kann man es also nicht.“

„Ich fürchte nein. Wir sollten übrigens weiterarbeiten, sonst werden wir wieder sanktioniert.“

Beide gingen wieder an die Arbeit. Rasmus bemühte sich, alles zu säubern, aber er konzentrierte auch seine Sinne. Es war nicht ganz einfach, da der Gestand in diesem Raum so furchtbar war, dennoch war er in der Lage, mehr als andere wahrzunehmen. Tatsächlich konzentrierte er sich soweit, dass er in Jennifer etwas wahrnehmen konnte. Sie schien eine Aufgabe zu haben. Es war merkwürdig, ein wenig schien sie so überzeugt zu sein, wie die echten Anhänger der Sekte. Es wirkte, als wenn sie eine Pflicht erfüllen wollte. Diese Gefühle waren ganz tief in ihr vergraben. Auch von den festgeschnallten Delinquenten konnte er etwas wahrnehmen. Er roch ihre Agonie und Verzweiflung.

Irgendwie war ihm, als wenn er gar mehr denn je wahrnahm. Als hätte er durch seine Bemühungen eine weitere Grenze überwunden. Er konzentrierte sich auf die Delinquenten und konnte gar einige der Bilder in ihren Köpfen visualisieren. Es waren grauenvolle Bilder, welche alle quälten, er konnte gar ihre Schmerzen selbst spüren. Schnell löste er seine Konzentration, diese Pein war zu viel für ihn. Allerdings wusste er, dass seine Sinne noch besser waren als gedacht. Auf keinen Fall durften andere davon erfahren. Rasmus würde seinen Vorteil verlieren und vermutlich auch noch als Versuchstier für Lazarus enden.

Er merkte auch, dass nicht nur seine Nase besser wurde, sein Gehör war jetzt auch schärfer. Er hörte den Herzschlag der Menschen im Raum. Er konnte auch ein Gespräch im Nebenraum verfolgen. Er erkannte die Stimmen von Lucy Chochrane und Lazarus Wagner! Schnell konzentrierte er wieder seine Sinne, was hatten sie zu besprechen.

„Patin Chochrane, Ihr habt Florian Kempner für die Konditionierung bestimmt. Dürfte ich fragen warum? Immerhin habt Ihr bisher seine unbeirrbare Loyalität gelobt.“

„Ehrwürdiger Lazarus, bedauerlicherweise konnte sich Florian Kempner nicht im Büßerhaus bewähren. Durch sein versagen musste er sanktioniert werden.“

„Dann ist Unfähigkeit der Grund. Eine Konditionierung ist somit nicht erforderlich. Seine Treue steht ja offenbar nicht zur Debatte. Er mag vielleicht nicht geeignet sein, ein mobiler Teil des Schwarms zu werden, aber im Tabernakel sollte er seine Aufgaben erfüllen können. Ich sehe das als vorgezogene Prüfung. Sobald seine Wunden verheilt sind, wird er er Teil des Tabernakels.“

„Wie Ihr wünscht, ehrwürdiger Lazarus! Ich denke spätestens morgen Abend können wir ihn dem Tabernakel übergeben.“

„Sehr gut, dann fahren Sie mit Aufgaben fort. Ich werde mich den Meinen widmen.“

„Ich bedanke mich für eure Erleuchtung, ehrwürdiger Lazarus“, verabschiedete sich die Patin.

Rasmus war aufgeregt und auch etwas verwirrt. Er konnte tatsächlich unbemerkt ein Gespräch von seiner obersten Patin und dem Sektenführer belauschen und er hörte von etwas, was er noch nicht kannte. Vom Tabernakel hat ihm bisher nie jemand erzählt. Was konnte das nur sein? An Lazarus Tonfall erkannte Rasmus, dass es bedeutend sein musste.

„Meintest du nicht, wir müssen weiterarbeiten. Du wolltest doch Ärger vermeiden“, riss ihn plötzlich Jennifer aus seinen Gedanken. Rasmus hatte zwischenzeitlich das Arbeiten eingestellt, dass viel ihm jetzt auf.

„Ich habe mir etwas durch den Kopf gehen lassen. Ich überlege, wie wir an Informationen und Beweise kommen, um die ganze Scheiße hier aufliegen zu lassen“, antwortete ihr Rasmus. Das er ein wichtiges Gespräch belauscht hatte, verschwieg er lieber.

„Darüber denke ich auch nach, aber ich will vor allem Jake finden.“

„Ach ja, du suchst ja jemanden. Nun ich weiß nichts von einem Jake Keller. Wenn wir ihm helfen wollen, sollten wir wohl so oder so Informationen sammeln. Wie wollen wir jemanden helfen, von dem wir keine Ahnung haben, wo er sich aufhält? Außerdem kann es sein, dass vielleicht auch nur die Polizei helfen kann. Mit den nötigen Beweisen können die den Laden dicht machen. Außerdem müssen wir einen Fluchtweg auskundschaften, dass wird nicht leicht.“

„Okay, ich sehe ein, dass wir mehr in Erfahrung bringen müssen. Ohne einen Plan geht es nicht. Aber wir müssen ein Augenmerk auf Jake haben, verstanden?“

„Verstanden, wenn wir Hinweise auf ihn finden, versuchen wir ihm zu helfen. Ansonsten muss es später die Polizei tun.“

„Gut, hast du eine Idee, wo wir suchen sollen und wie wir die Wachen loswerden?“

„Ich denke im Haupthaus finden wir Informationen. Lazarus wird sicherlich wichtige Dinge dort aufbewahren. Ich habe sogar eine Idee, wie wir die Wachen ablenken könnten. Gib mir ein paar Tage.“

„Wie willst du das anstellen?“

„Lass das meine Sorge sein. Wichtig ist, dass wir weiterhin so tun, als wenn nichts wäre, schaffst du das?“, sagte ihr Rasmus bestimmt. Er wollte ihr nicht seine Geheimnisse verraten und zeigte ihr subtil, dass sie seinen Plan nicht erfahren würde.

„Ich schaffe das“, antwortete Jennifer und beide gingen wieder an die Arbeit.

Kapitel 4: Das Ablenkungsmanöver

Fünf Tage waren vergangen, seit Rasmus mit Jennifer in der Klinik war. Die ganze Zeit grübelte er, was es mit dem Tabernakel auf sich hatte. Was für Aufgaben gab es dort. So wie sich Lazarus anhörte, war es wohl besser dort zu landen, als eine Drohne zu werden. Vermutlich mussten die Leute dort administrative Aufgaben erfüllen, die anfielen und nicht beliebt waren. Immerhin sprach ja Lazarus davon, dass die Leute dort nicht für den mobilen Einsatz geeignet waren. Sicher sein konnte er sich aber nicht. Rasmus hoffte im geistigen Zentrum, welches schlicht das Haupthaus der Sekte war, mehr zu erfahren.

Das Haupthaus war zentral in der Siedlung gelegen und war auch das größte Gebäude. Es war sogar größer als die Klinik und es hieß auch, dass der Keller immer weiter ausgebaut wurde. Genau wusste er das nicht, er war fast nie dort gewesen. Wegen seiner Größe und zentralen Lage bezeichnete man es meist Haupthaus, auch wenn Lazarus es eigentlich das geistige Zentrum nannte. Die Oberhäupter des Schwarms wohnten dort. Auch lagerten viele Sachen im Haupthaus, darunter waren Lebensmittel, Medizin, Waffen für das Wachpersonal, Munition, Werkzeuge, technisches Gerätschaften und Sonstiges.

Tatsächlich lebten auch viele der Drohnen und einige der Wachen genau dort. Eventuell war in dem großen Gebäudekomplex ja auch das Tabernakel. Auf jeden Fall würde er dieses Gebäude unter die Lupe nehmen. Das war allerdings keine leichte Aufgabe, Rasmus musste für eine gute Ablenkung sorgen. Außerdem brauchte er einen Fluchtplan. Falls herauskam, dass Jennifer und er hier spionierten, konnten sie nicht bleiben, außerdem wollten sie eh hier weg.

Rasmus bemühte sich hier, seine Optionen zu checken. Er konnte Drohnen beeinflussen, mittlerweile sogar besser denn je. Es hatte schon seine Vorteile, dass er seine Grenzen in der Sensorik erweitern konnte. Er hatte einige Male probiert mehr Bilder aus ihren Köpfen zu ermitteln und es gelang ihm, auch wenn die Bilder irgendwie verstörend waren. Die Drohnen hatten regelmäßig Botschaften Lazarus im Kopf, sowie Befehle die erteilt wurden und Erinnerungen an ihre Qualen. Diese Gedanken wurden praktisch nur noch abgespult, wirklich selbstständig dachten sie nicht mehr.

Rasmus konnte mittlerweile auch leichter Pheromone aussenden, welche Bilder in den Köpfen der Konditionierten erzeugten. Damit war er imstande, die Drohnen so zu manipulieren, dass sie einen Tumult auslösten. Nur wie sollte er am besten einen Tumult starten. Rasmus kam zum Schluss, dass er an mehreren Stellen Feuer auslösen sollte. Er schaffte es, einige Streichhölzer indirekt zu stehlen. Diese wurden oft benutzt, um Lagerfeuer anzuzünden.

Normalerweise wurden Streichhölzer nur für Gruppenveranstaltungen mit Lagerfeuern ausgegeben, aber teilweise schickten die Paten einfach Drohnen in die Lager, um welche zu holen. Überprüft wurden die Bestände nur bei der Inventur. Das war perfekt für Rasmus. Er konnte einen der konditionierten Menschen so beeinflussen, dass dieser mehrere Pakete Streichhölzer einsteckte und diese auf einige Gebüsche verteilt versteckte. Vor der nächsten Inventur würde das Fehlen der Streichhölzer nicht bemerkt werden. Selbst wenn es doch vorher auffiel, hatte er diese nicht selbst entwendet. Niemand konnte ihm etwas nachweisen.

Außerdem konnte er auch eine Gelegenheit nutzen, durch eine Drohne ein paar Flaschen Reinigungsalkohol zu stehlen und diese auch in den Gebüschen zu verstecken. Die Brennbarkeit würde sehr hilfreich sein. Sobald die Zeit reif war, konnte er die Drohnen benutzen, einige Feuer zu entfachen. Zum Glück war es gerade Sommer und die Vegetation recht trocken. Damit wurde es leichter.

Die Wetterlage war auch aus anderen Gründen wichtig. Der Schwarm befand in einer sehr dünn besiedelten Gegend. Die nächste Stadt von der er wusste, war Yellowknife und die lag rund 400km entfernt. Das würde kein einfacher Weg werden. Im Winter hätten sie mit einer brutalen Kälte fertig werden müssen. Das blieb ihnen zwar so erspart, aber es war dennoch ein langer Weg. Dazu konnten sie durchaus einem Grizzly begegnen, was eine weitere Gefahr darstellte. Außerdem konnte man sich schnell verlaufen.

Dies alles waren große Probleme, welche zu lösen waren. Rasmus wollte für Jennifer und sich Pistolen und Vorräte entwenden. Mit den Pistolen konnten sie sich gegen Grizzlys wehren und einige Lebensmittel konnten sie auch gebrauchen. Dazu waren Streichhölzer und Wolldecken hilfreich, solche Sachen gab es durchaus im Lager des Haupthauses, sogar Rucksäcke soweit er wusste. Ob er Sachen wie einen Kompass darin fand, wusste er aber nicht. Was den Weg anging, musste er auf das beste hoffen, wahrscheinlich mussten sie auf gut Glück losmarschieren. Auch musste er hoffen, Verfolger aus der Sekte in den Wäldern abschütteln zu können.

Das würde alles schwierig werden. Er dachte sogar nach, ob man ein Vehikel stehlen konnte, um zu fahren. Allerdings war der Fuhrpark an einem Punkt, den er nicht kannte und er wusste auch nicht, wie gut er bewacht wurde. Dazu würde dieser Diebstahl etwas schneller auffallen. Wenn der Tumult durch ein Feuer groß genug war, würde ihr verschwinden wahrscheinlich nicht sofort auffallen. Die Vorräte und das Waffenlager wurden nicht rund um die Uhr überprüft. Also konnten sie vielleicht genug Abstand gewinnen, aber beim Fuhrpark kannte er sich gar nicht aus.

Zu Fuß durch die dichten Wälder zu entkommen, erschien ihm vielversprechender. Einen Plan hatte Rasmus immerhin, auch wenn er auf sein Glück vertrauen musste. Jetzt ging es darum, sich mit Jennifer abzusprechen. Er hatte das Gefühl, dass sie ihm sehr viel verheimlichte und Rasmus auch nicht komplett vertraute. Weiterhin machte es ihn stutzig, dass er nur wenig mit seinen Sinnen bei ihr wahrnahm. Sie hatte ihm noch nicht erzählt, ob sie sich abgesichert hat, falls sie fliehen musste. Hatte sie irgendeinen Kontakt in der Nähe der Sektenkolonie? Wer begab sich schon freiwillig in Gefahr, ohne einen Plan B zu haben. Er würde ihr erst mal auf den Zahn fühlen, sie waren gerade allein bei einer Übung.

„Sag mal Jennifer, hast du eigentlich einen Kontakt in der Nähe oder sonstige Absicherungen? Irgendwie bist du immer so entspannt, als wenn du wüsstest, dass dir jemand aus der Patsche hilft.“

„Hast du denn jemanden? Irgendwie habe ich das Gefühl, als wenn du selbst ziemlich entspannt bist.“

„Nein, ich habe außer dir niemanden hier. Außerdem bin ich angespannt, nur dass ich mich hier auskenne und gelernt habe die Ruhe zu bewahren. Du bist allerdings noch nicht lange im Schwarm, da finde ich so viel Ruhe, angesichts der Gefahr, schon erstaunlich.“

„Rasmus, ich merke doch, dass du mir nicht ganz vertraust. Ich habe auch das Gefühl, dass du mir einige Sachen verheimlichst. Gibst du mir etwas preis, kann ich dir mehr erzählen.“

Rasmus musterte sie kurz und dachte nach, bevor er weitersprach.

„So, du willst also etwas mehr wissen darüber, was ich in der Hinterhand habe. Schwebt dir etwas Spezielles vor?“

„Ja, dass tut es. Du hast mir immer noch nicht gesagt, wie du für Ablenkung sorgen willst. Ich weiß immer noch nicht, was und wie du es tun wirst. Das will ich auf jeden Fall wissen, immerhin hängt unser Leben davon ab.“

Wieder überlegte Rasmus kurz. Sie hatte schon recht, aber sollte er ihr das verraten? Immerhin war es schon ein Vorteil nicht zu viel über sich zu erzählen. Allerdings würde sie sich sonst auch ausschweigen und er musste ihr ja nicht alles erzählen.

„Gut, ich werde dafür sorgen, dass einige Feuer hier ausbrechen. Ich konnte etwas vorbereiten und kenne ein paar Methoden, Drohnen zu manipulieren. Zu gegebener Zeit werden sie die Feuer entzünden und für Verwirrung sorgen. In der Zwischenzeit werden wir das geistige Zentrum infiltrieren, Informationen und Beweise sammeln, sowie auch Vorräte und Waffen für die Flucht. Das Ganze muss dann schnell gehen.“

„Du kennst Methoden, wie man Drohnen manipuliert. Sag mir wie?“

„Das ist jetzt auf die Schnelle zu kompliziert, ein anderes Mal kann ich dir mehr darüber sagen, daher nur so viel, es kommt drauf an wie du es ihnen erzählst.“

„Damit soll ich mich begnügen. Du willst etwas von mir wissen, da will ich auch mehr erfahren. Wenn schon nicht zur Manipulation von Drohnen, dann doch etwas über das Ziel. Du hast sehr großes Interesse am Haupthaus. Geht es dir wirklich nur um Beweise und Informationen, oder suchst du etwas ganz Bestimmtes.“

Wieder überlegte Rasmus kurz, dann entschied er sich, ihr etwas mehr zu erzählen. Allerdings würde er etwas auslassen und was verändern.

„Einmal habe ich Wachen über etwas reden gehört. Sie sprachen von etwas, was sie Tabernakel nannten. Davor habe ich noch nie davon gehört. Offenbar sollen dort einige Leute landen, ich hoffe zu erfahren, ob meine Mutter dort ist.“

„Das ist alles, mehr weißt du nicht darüber?“

„Nein, mehr weiß ich nicht. Ich habe sie im Geheimen belauscht, die Information war nicht für mich. Aber wer weiß, vielleicht ist es auch für dich interessant. Du suchst ja auch jemanden, eventuell ist er ja dort.“

„Gut, dass ist zwar etwas dünn, aber das soll mir reichen. Ja ich habe einen Kontakt draußen. Er nennt sich Pegasus, seinen echten Namen kenne ich nicht, er schätzt seine Anonymität. Ich muss es natürlich raus aus der Siedlung schaffen, aber dann kann ich ihn kontaktieren. Dafür habe ich extra draußen ein Funkgerät versteckt. In die Siedlung hätte ich es nie schleusen können. Sobald wir ihn kontaktieren, kann er uns helfen.“

„Dieser Pegasus kann uns rausholen?“

„Ja, er ist nicht allzu weit entfernt. Das Funkgerät ist auch nicht so weit vom Haupteingang entfernt. Ich konnte es, einige hundert Meter in den Wald hinein verstecken.“

„In Ordnung, dass kann uns helfen. Dann mach dich bereit, ich plane heute Nacht, wenn wir wieder zum Putzdienst aufstehen, die Ablenkung zu starten. Ich habe auch schon ein paar Drohnen vorbereitet.“

„Heute Nacht soll es also starten.“

„Ja, heute Nacht geht es los. Beten wir darum, dass alles glatt läuft, sonst sind wir erledigt.

Nun war die Nacht angebrochen, in der sie fliehen wollten. Sie machten sich bereit, zum nächsten Putzeinsatz zu gehen, als Lucy Chochrane auf sie zukam.

„Rasmus Bündtner, Jennifer Bishop, bevor ihr mit der Arbeit beginnt, habe ich eine Frage. Mir wurde gerade zugetragen, dass etwas Reinigungsalkohol aus den Beständen verschwand. Außerdem hat man daraufhin auch entdeckt, dass einige Streichholzpackungen nicht mehr im Lager sind. Ihr wisst nicht zufällig etwas darüber?“

Scheiße, der Alkohol war wohl zu auffällig. Jetzt bloß die Ruhe bewahren, die können mir nichts nachweisen, außerdem habe ich schon ein paar Drohnen vorbereitet, dachte Rasmus mit einem kurzen Schrecken. Zum Glück konnte er seinen Schreck verbergen und machte sich gleich daran es zu leugnen.

„Tut mir Leid Patin Chochrane, wir wissen nichts darüber, oder wie sieht es aus Jennifer, weißt du etwas?“

„Ich weiß ebenso wenig darüber, Patin Chochrane.“

Die Patin begutachtete beide kurz. Sie schien prüfen zu wollen, ob Rasmus und Jennifer wirklich die Wahrheit sagten und ob nicht irgendein ein verräterisches Zucken oder so auftrat. Doch Rasmus und Jennifer spielten die Unschuldigen überzeugend.

„Gut, ich werde die Anderen wecken und befragen. Vielleicht hat ja einer etwas gesehen. Ihr werdet euch zu eurer Arbeit begeben.

„Jawohl Patin Chochrane, antworteten beide einstimmig und verließen ihren Schlafsaal. Als sie ihr Wohngebäude verließen und eine gewisse Distanz erreicht hatten, sprach Jennifer Rasmus an.

„Das war knapp, ich dachte du hast die Lage unter Kontrolle.

„Ich habe dir gesagt, dass wir Glück brauchen. Bisher ist ja auch noch nichts schiefgegangen.“

„Ja, aber noch hat nicht einmal die Ablenkung angefangen und überstrapazieren sollten wir unser Glück auch nicht.“

„Du wirst mir schon vertrauen müssen. Gleich startet die nächste Stufe.“

Rasmus konzentrierte sich. Er hatte einige der Konditionierten auf diesen Moment vorbereitet. Daher musste er nur noch den Startschuss an die Drohnen geben. Sie würden einige Büsche, Bäume und Gebäude anzünden. Danach sollten sie die Wachen angreifen. Der Tumult würde genug Verwirrung stiften. Zumindest hoffte das Rasmus. Er war glücklich, dass die Drohnen manchmal auch Nachts Aufgaben erledigten und es nicht so auffiel, wenn sie sich zur Schlafenszeit unterwegs waren. Allerdings waren es recht viele und die Wachen sahen sich schon verwundert an.

Das Wachpersonal ahnte, dass irgendetwas faul war, also konzentrierte sich Rasmus darauf, Aggressionen gegenüber den Wachen zu wecken. Noch bevor diese reagieren konnten, griffen sie einige Konditionierten an, der Rest der Drohnen ging zu den Verstecken, um die Feuer zu entzünden. Einige Schreie erklangen und erste Schüsse fielen. Die Ablenkung war perfekt, Jennifer und Rasmus nutzten die Gunst der Stunde und rannten zum Haupthaus.

Aus dem geistigen Zentrum strömten einige Wachen und welche aus der Führungsriege heraus. Auch aus den anderen Gebäuden strömten Sektenmitglieder. Die Verwirrung war groß. Der Lazarusschwarm war vollauf damit beschäftigt, die rebellierenden Drohnen zu bekämpfen und die Feuer zu löschen, welche nun wuchsen.

Unbemerkt schlüpften sie in das Haupthaus. Drinnen schien keiner mehr zu sein. Zuerst suchten sie nach dem Lebensmittellager und fanden es schnell. Rasmus hatte Angst, es könnte verschlossen sein, doch sie hatten Glück. Offenbar machte sich um die Lebensmittel keiner Sorgen hier, immerhin gab es hier sonst Wachen. In der Vorratskammer wurden sogar andere Sachen wie Baumwolldecken, Rucksäcke und Werkzeuge gelagert. Rasmus nahm sich einen Hammer und schaute nach der Waffenkammer. Jennifer hatte er aufgetragen, Vorräte einzupacken.

Er brauchte einige Zeit, bis er die Kammer fand, allerdings wurde diese noch bewacht. Rasmus hatte zum Glück die Wache riechen können, bevor er um die Ecke bog. So lugte er vorsichtig vorbei und konnte sehen, dass die Wache vor einer Tür befand, über der Waffenkammer stand. Die Wache hatte ihn nicht entdeckt, also musste er nur für eine Ablenkung sorgen.

Rasmus konzentrierte seine Sinne und empfing was die Wache sah. Dann verströmte er Botenstoffe, welche ihre Sinne trübten und die Aufmerksamkeit auf die andere Seite des Ganges lenkten. Es gelang, die Wache ging die andere Seite des Ganges entlang und wollte schauen, was ihre Aufmerksamkeit erregte. Rasmus schlich ihr hinterher und nahm den Hammer in die Hand.Als er direkt hinter der Wache war, schlug er zu. Er traf die Wache am Kopf und sie ging zu Boden. Danach setzte Rasmus ein paar mal nach, um auf Nummer sicher zu gehen. Als die Wache tot war, nahm er ihr die Schusswaffe ab und den Schlüsselbund, diesen konnte er auch gleich an der Tür zur Waffenkammer gebrauchen. Jennifer kam hinzu, sie hatte zwei Rucksäcke vorbereitet, einen trug sie auf den Rücken, den Anderen hielt sie in der Hand.

Sie gingen beide in die Waffenkammer und beide nahmen sich noch ein Gewehr, Jennifer dazu auch noch eine weitere Pistole. Danach verstauten sich noch etwas Munition in ihren Rucksäcken. Als sie wieder aus der Waffenkammer kamen, schlichen sie weiter durch das Haupthaus, um so etwas wie eine Kommandozentrale zu finden. Sie wollten Informationen und Beweise sammeln, um diese in der Außenwelt abgeben zu können.

Beide hatten Angst, dass die Ablenkung jeder Zeit vorüber sein konnte. Doch von draußen erklangen gelegentlich noch Schüsse und jede Menge Schreie. Der Aufruhr war noch im Gange. Beide suchten das Gebäude ab, nach einem Raum in dem womöglich das lag, was sie suchten. Sie kannten sich hier nicht aus und waren nicht sicher, ob sie überhaupt die Informationen fanden, welche sie wollten. Plötzlich wurde neben ihnen eine Tür geöffnet und Lazarus Wagner schritt hindurch, als er beide erblickte, war er völlig perplex. Rasmus und Jennifer zielte beide Sofort mit dem Gewehr auf ihn und er hob die Hände.

„Wenn das mal nicht Lazarus Wagner ist“, sagte Rasmus und schaute kurz hinter Lazarus, weil er wissen wollte, wo er herkam. Eine Kellertreppe war zu sehen, mehr nicht.

„Erzählen sie mir doch mal, wo sie da unten waren“, fragte Rasmus.

„Das ist nicht für euch, dorthin habt keinen Zutritt“, sagte Lazarus etwas trotzig.

„Ist das so? Ich denke, ich halte hier ein Ticket in meinen Händen“, entgegnete Rasmus kühl und drückte nun leicht mit dem Lauf seiner Schrotflinte gegen die Brust von Lazarus.

„Ich muss zugeben, das ist ein Argument. Aber was wollt ihr da unten, da gibt es nur einen Keller.“

„Ich stelle hier die Fragen. Irgendwie glaube ich nicht daran, dass es nur ein Keller ist. Wer geht bitte bei so einem Tumult einfach in den Keller? Nein, sie haben da unten bestimmt etwas Wichtiges, hat es es etwas mit dem Tabernakel zu tun?“

„Woher weißt du vom Tabernakel?“

„Ich stelle hier die Fragen, wiederholte Rasmus jetzt sehr schroff.

„Okay, okay, ihr habt das Sagen. Ja, es hat mit dem Tabernakel zu tun, um genau zu sein, dort ist das Tabernakel.“

„Gut, dann gehen wir jetzt alle gemeinsam da runter und schauen es uns an.“

„Warte Rasmus, ich möchte erst wissen, wo Jake Keller ist“, warf Jennifer ein.

„Das trifft sich dann ja ganz gut. Jake Keller befindet sich im Keller, er ist Teil des Tabernakels“, antwortete Lazarus ganz unverblümt.

Beide schauten sich kurz verwundert an und betraten die Treppe zusammen mit Lazarus. Danach schlossen sie dir Tür hinter sich und gingen die Treppe hinunter.

Kapitel 5: Lazarus größte Sünde

Die Treppe zum Tabernakel war ziemlich lang. Es dauerte drei Minuten, bis sie an einer Schleuse ankamen, hinter welcher das Tabernakel lag. Auf den Weg runter konzentrierte Rasmus wieder seine Sinne. Ihm viel auf, dass Jennifer immer noch recht kühl war. Sie wirkte kaum wie jemand, der sich freute eine vermisste Person gefunden zu haben. Rasmus merkte auf halber Strecke, dass im Tabernakel sehr viele Personen sein mussten. Irgendetwas schien aber nicht mit den Leuten zu stimmen, dass wusste er schon, bevor sie da waren.

„Was ist das Tabernakel, Lazarus?, fragte Rasmus, als er die Leute wahrnahm.

„Nun, der Begriff wird vor allem bei den Katholiken verwendet. In Regel ist es ein Sakramentshaus, in dem sich heilige Reliquien befinden. Bei uns ist es natürlich etwas anders, dennoch sehe ich es als Heiligtum des Schwarms“, antwortete Lazarus erstaunlich gelassen. Er wirkte fast so, als würde er Gäste hinunterbegleiten, statt mit vorgehaltener Waffe gezwungen zu werden. Das war irgendwie gespenstisch, genauso wie es der lange Abstieg war. Die Kellertreppe wurde nur durch schwach leuchtende LEDs erleuchtet. Irgendwie wirkte das Ganze surreal.

„Was kann das bitte für ein Heiligtum sein?“, hakte Rasmus nach.

„Das siehst du gleich.“

Sie waren an der Schleuse angelangt. Lazarus öffnete ein Schott und sie traten in einen kurzen Verbindungsgang ein. Sie schlossen das Schott wieder hinter sich und gingen zum anderen Schott im Gang. Als sie das Schott öffneten und hindurch gingen, bekam Rasmus einen kleinen Schreck. Auch das Tabernakel war mit grünen LEDs erleuchtet, hier allerdings heller. Das Licht offenbarte unzählige Boxen in denen Menschen lagen. Die Menschen waren alle an ein Lebenserhaltungssystem angeschlossen. Dazu hatte jeder von ihnen eine komische Apparatur auf dem Kopf. Man hörte, wie die Geräte arbeiteten, an denen die Menschen angeschlossen waren. Rasmus spürte, dass die Menschen noch Hirnaktivitäten hatten, aber sie wirkten wie im Koma.

„Was hast du mit diesen Menschen gemacht, du krankes Arschloch!“, fuhr Rasmus Lazarus an.

„Ich habe sie zu einer Schwarmintelligenz vereint“, entgegnete Lazarus kühl.

Ungläubig sah Rasmus Lazarus an. Konnte das sein Ernst sein. Lazarus fuhr hingegen einfach mit seiner Erklärung fort.

„Nicht jeder Mensch hat die selbe Eignung. Einige kann man zu einem mobilen Teil des Schwarms machen. Die können wichtige Aufgaben erledigen, statt nur Denkarbeit zu leisten. Wer sich in den Schwarm integrieren kann, aber Verknüpfungsprobleme hat mit den Anderen, während er mobil ist, kommt hierher. In diesem Rechenzentrum kann man auch seinen Beitrag leisten, ohne sich mit jemanden speziell zu koordinieren.“

„Das heißt also, es gibt eine entsprechende Arbeitsteilung. Einige Menschen sollen praktisch einen Supercomputer bilden, andere erledigen Aufgaben außerhalb der Rechenzentrale. Was ist mit den Drohnen, warum werden sie gebraucht, würden sie im Tabernakel nicht hilfreicher sein?“, fragte Jennifer aufmerksam. Sie war erstaunlich sachlich. Rasmus bekam etwas Angst vor ihr.

„Du bist sehr scharfsinnig. Es können nur Gehirne verknüpft werden, die absolut bereit sind, dem Schwarm zu dienen. Jemand der dazu nicht bereit ist, kann sich nicht einfügen. Für solche Menschen gibt es dann nur noch die Konditionierung. Manchmal ist der Schaden nicht so groß und sie können doch ins Tabernakel, nachdem sie geläutert wurden. Meistens ist das aber nicht mehr möglich, dann finden sie als Drohnen Verwendung.“

Rasmus hatte viel in der Sekte gesehen, dennoch war er erschüttert. Sicher, in der Klinik liefen Dinge ab, welche nicht besser waren, aber wer kam auf solche Ideen. Rasmus war fassungslos. Dieser Mann, dieser Sektenführer hatte absolut den Verstand verloren. Außerdem war Jennifer auch seltsam. Wieso war sie so gelassen und so neugierig.

„Du bist wahnsinnig, Lazarus. Du hast für deine irren Ziele so viel Leid verursacht, warum nur? Wieso hast du uns allen die Freiheit genommen? Und du Jennifer, wie kannst du nur so ruhig sein? Wieso scheint dich das alles hier nicht zu berühren?“

„Beruhige dich Rasmus, wir müssen erst mal einen klaren Kopf bewahren. Zuerst müssen wir uns um Lazarus kümmern und dann fliehen. Für alles andere ist Zeit, sobald wir in Sicherheit sind“, entgegnete Jennifer.

„Ich bin traurig, dass du so von mir denkst. Du bist eine meiner beiden größten Errungenschaften“, kam es hingegen von Lazarus.

„Ich bin eine deiner beiden größten Errungenschaften, dass ich nicht lache. Ich bin immer noch ein Mensch und keine Erfindung!“

„Ja, du bist ein Mensch und zwar ein Besonderer! Du bist ein Vertreter unserer neuen Spezies, dem Homo Futuris. Ich gab dir die Möglichkeit dich weiterzuentwickeln. Ich habe trotz deines Eigensinns lange verhindert, dass du sanktioniert wirst. Oh ja, du bist mit Tabernakel zusammen meine größte Errungenschaft!“

„Dir ist echt nicht mehr zu helfen. Was habe ich nur erwartet, jede Diskussion mit dir ist sinnlos. Wer wahnsinnig genug ist, so etwas durchzuziehen, hat sich komplett von der Realität verabschiedet.“

„Ach Rasmus, das Tabernakel hat befürchtet, dass du so denken würdest. Allerdings haben sowohl das Tabernakel als auch ich erkannt, dass du den nächsten Schritt in der Evolution gehen wirst. Wir haben deine Entwicklung verfolgt und uns schon viel erhofft, aber du hast unsere Hoffnungen sogar noch übertroffen.“

„Ich habe eure Erwartungen noch übertroffen, inwiefern und das Tabernakel hat wirklich ein Wörtchen mitgeredet?“

„Ja, das Tabernakel ist bereits aktiv. Ich habe von Anfang an daran gearbeitet. Seit ich die ersten Menschen angeschlossen habe, schließe ich mit ihm kurz. Für diese hohe Form der Schwarmintelligenz habe ich extra hochentwickelte Gedankenmodule entwickelt. Jedes Interface im Tabernakel kann mehr, als die Geräte mit denen ihr bisher gearbeitet habt. Einziger Nachteil, man braucht viel Energie für sie. Deswegen kann ich sie noch nicht für den mobilen Einsatz nutzen. Allerdings ist es auch gar nicht mehr notwendig. Du kannst dich schon ohne Interface wirklich verbinden, dass konnten wir feststellen.“

„Das konntet ihr feststellen?“

„Ja, dass konnten wir. Denkst du wirklich, wir hätten noch nicht festgestellt, dass unsere Drohnen manipuliert wurden? Erst wussten wir nicht, wer den Tumult verursacht haben konnte, aber mir kam schnell ein Verdacht. Deswegen war ich allein beim Tabernakel und beriet mich, ob du wirklich so viel erreicht hast. Einfach so hätten unsere Drohnen keinen Aufstand gestartet, du hast sie beeinflusst, so viel steht fest“, sprach Lazarus äußerst begeistert.

Rasmus konnte es immer noch nicht fassen. Dieser Wahnsinnige freute sich sogar darüber, obwohl Rasmus einen Aufruhr entfacht und Lazarus selbst als Geisel genommen hatte.

„Deine Ziele sind dir echt so wichtig, dass dir selbst deine eigene Situation egal ist, oder? Wir haben einen Aufstand entfacht oben und eine Waffe auf dich gerichtet und du freust dich sogar noch.“

„Warum sollte ich mich nicht freuen. Du bist der nächste Schritt. Mit dir schreitet die Evolution voran. So können wir uns gegen die Maschinen wehren. Denkst du, ich habe umsonst so viel Geld und Arbeit investiert? Eine veränderte Biologie wird entscheidend sein, dafür waren die genetischen Anpassungen. Auch die technischen Anpassungen sind von Bedeutung, dafür habe ich keine Mühen und Kosten gescheut. Ich habe extra diese unterirdische Anlage anlegen lassen, mit einem eigenen Versorgungstunnel.“

„Sicher, du bist der Wohltäter, scheust keine Kosten oder Mühen und sicher auch keine menschlichen Opfer.“

„Warum denn so zynisch, Rasmus? Unsere Ziele sichern die Zukunft. Wollen wir uns gegenüber den Maschinen behaupten, sind solche Maßnahmen notwendig. Das Tabernakel ist z.B. ein Verstand, welcher aus dem Bewusstsein aller Menschen darin geformt wird. Sie existieren alle noch und zwar als Teil eines großen Ganzen. Das Tabernakel hat bereits eine enorme Denkleistung. Ich habe sogar überlegt, ob ich es bereits an Internet anschließe. Die Verbindungen liegen schon, aber ich wollte erst auf Nummer sicher gehen. Mit jedem Gehirn steigt die Leistung und somit unsere Verteidigungschancen gegen künstliche Intelligenzen.“

„Computer müssen dir wirklich Angst machen, wenn sie so sehr dein Denken bestimmen.“

„Da hast du recht. Ich bin auch nicht der Einzige, der so denkt. Du solltest doch wissen, im Schwarm werden meine Ideen geteilt. Schau hier, Florian Kempner hat dich doch so lange als Binärpartner begleitet, du solltest seine tiefe Überzeugung doch kennen. Jetzt ist er als neuestes Mitglied im Tabernakel und liegt gleich neben mir.“

Rasmus schaute neben Lazarus und jetzt erst viel es ihm auf, Florian lag dort. Rasmus wollte noch mehr wissen.

„Sag mir Lazarus, ist auch meine Mutter hier unten? Und du meintest doch auch, dass Jake Keller hier ist, kannst du Jennifer zeigen, wo sie ihn findet.“

„Ja deine Mutter ist Teil des Tabernakel, genauso wie Florian oder auch Jake. Wo deine Mutter oder Jake sind, müsste ich aber auch erst nachschauen, sie liegen hier schon eine ganze Weile. Ich merke mir doch nicht jeden Platz, mittlerweile haben wir 1500 Menschen im Tabernakel.“

Rasmus blickte die Reihen der Angeschlossen an. Die Boxen mit den Menschen in drei Schichten übereinander angeordnet und erstreckten sich über eine große Distanz. Seine Mutter oder Jake Keller zu finden würde Zeit in Anspruch nehmen. Er wusste nicht, ob er diese hatte. Rasmus konzentrierte seine Sinne, um festzustellen, ob ihn Lazarus bei der nächsten Frage log.

„Wie oft kommen Menschen hier runter, um nach dem Tabernakel zu schauen?“

„Normalerweise habe ich zur Versorgung immer einige Drohnen hier und alle zwei Stunden schaut eine Wache vorbei. Da oben gerade großes Chaos herrscht, weiß ich nicht, wann die Wachen wieder an das Tabernakel denken. Es hat wahrscheinlich eh weniger Priorität, da es eine Überwachung für die Vitalzeichen gibt. Sollte den Menschen in der Schwarmintelligenz etwas passieren, bekommen sie es sofort mit.“

Rasmus konnte keine Lüge in Lazarus Antwort ausmachen. Also wollte er erstmal nach seiner Mutter und Jake suchen.

„Gut, ich glaube dir. Wir werden erst meine Mutter und Jake suchen, du kommst dabei schön mit uns. Wir werden sie befreien und dann verschwinden“

„Was willst du denn mit den Beiden? Sie sind schon so lange angeschlossen, dass sie schwere Hirnschäden davontragen, wenn man sie abkoppelt. Ich fürchte aus dieser Idee wird nichts. Würdest du Florian abkoppeln, kann er noch unbeschadet da raus kommen, aber nach spätestens einem Monat im Tabernakel geht das nicht mehr.“

Wut stieg in Rasmus auf. Am liebsten wollte er Lazarus erschießen, aber er sollte sich vor einem ordentlichen Gericht verantworten, dachte Rasmus.

„Du sagst also, wir können sie nicht mehr befreien. Du bist ganz knapp davor, dass ich dir eine Kugel in den Kopf jage. Aber ich will, dass du dich für deine Verbrechen verantwortest. Jennifer und ich schauen nach Beweisen hier unten und nehmen dich mit. Du wirst dich vor einem Richter wiederfinden und für deine Abscheulichkeiten büßen. Ich weiß nicht was deine größte Sünde ist, aber alles was du hier gemacht hast, ist unverzeihlich.“

Auf einmal fing Lazarus an, bitter zu lachen. Rasmus war etwas perplex, irgendetwas schien jetzt Lazarus wirklich zu beschäftigen.

„Mag sein, dass ich hier unverzeihliche Dinge getan habe, aber ich tat sie zum Wohle der Menschheit. Du sagst, du weißt nicht was meine größte Sünde war, nun die beging ich nicht hier.“

„Deine größte Sünde ist keine der Gräueltaten, die ich hier gesehen habe? Was soll bitte noch schlimmer sein?“, fragte Rasmus ziemlich skeptisch.

„Es gibt einen Grund, warum ich uns gegen die Maschinen vorbereiten will. Es gibt bereits eine KI, die dem Menschen überlegen ist. Ich half sie zu entwickeln!“

„Was hast du getan?“, fragte Rasmus absolut ungläubig.

„Ich half, eine übermächtige KI zu entwickeln. Dieser Computer ist in der Lage zu Denkprozessen, welche wir nicht mal mehr im Ansatz verstehen. Dabei ist er nicht auf bestimmte Bereiche beschränkt. Der DOHAG 7633 ist ein unglaubliches Stück Technologie und er ist eine Bedrohung. Er lernt absolut selbstständig, Vorgaben vom Menschen braucht er nicht mehr und er findet die genialsten Lösungen für Probleme. Leider ist er so hoch entwickelt, dass wir mit unserem jetzigen Entwicklungsstand nicht erkennen können, ob er sich gegen uns wendet.“

„Deswegen hast du den Schwarm gegründet. Du hast Angst vor deiner eigenen Schöpfung.“

„Ja, ich baute ihn zwar zusammen mit anderen, aber ich trage eine Mitschuld, wenn er zur Bedrohung für die Menschheit wird. Deswegen habe ich mich abgekapselt. Berichten durfte ich nicht von ihm, er gehört dem US Militär und wurde als Top Secret eingestuft. Hätte ich über diese KI gesprochen, hätte mich die CIA gejagt.“

„Gibt es denn keine Sicherungssysteme, welche ihn sofort abschalten können?“

„Die gibt es, deswegen machten sich auch das Pentagon und die anderen Forscher keine Sorgen. Nur leider kann man nie wissen, ob er nicht lernt solche Hindernisse zu überwinden. Er kommt auf Lösungen, die definitiv zu hoch für Menschen sind. Das Pentagon ist zu arrogant, um das zu erkennen. Mittlerweile soll er ein Bewusstsein entwickelt haben.“

„Er hat ein Bewusstsein entwickelt?“, fragte nun Jennifer unvermittelt.

„Ja, einer Programmierer hat mich kontaktiert, einige Zeit nachdem ich ausgestiegen bin. Er hat mir im Geheimen Botschaften gesendet, weil er langsam meine Sorgen teilte. Der DOHAG 7633 wird immer selbstständiger und soll sogar eine eigene Persönlichkeit haben.

Ein Programmierer hat dich informiert?“, hakte Jennifer nach.

Ja, es war der den du suchst. Jake Keller kontaktierte mich und er wurde fast getötet, irgendjemand hatte ein Attentat auf ihn geplant. Zum Glück hatte ich bereist ein paar Leute geschickt, um ihn abzuholen. Er wurde schwer verletzt, aber sie konnten ihn rausholen. Jetzt ist er Teil des Tabernakels und versorgt den Schwarm mit seinem Wissen über die KI. Ich weiß nicht, ob die CIA ihn ausschalten wollte, oder die KI in ihm tatsächlich schon eine Gefahr sah. Auf jeden Fall der DOHAG eine immer ausgeprägtere Persönlichkeit zu entfalten und exzentrisch zu werden. Neuerdings wollte er mit einem eigenen Namen angesprochen werden. Soweit ich weiß nannte er sich Pegasus.“

Rasmus horchte auf. Jennifer hatte doch gesagt, ihr Kontakt nannte sich Pegasus. Plötzlich schoss sie auf Lazarus. Er fiel zu Boden und hielt sich eine üble Bauchwunde. Blut quoll hervor und Lazarus röchelte. Dann zielte sie auch schon auf den völlig überraschten Rasmus an.

„Lass deine Waffe fallen, schön vorsichtig, nicht das noch etwas passiert.“

Rasmus kam der Aufforderung nach und legte vorsichtig sein Gewehr ab. Er überlegte was er tun konnte. Sie hatte die Oberhand.

„So ist es gut, nun lege auch deine Pistole schön vorsichtig ab.“

Rasmus tat wieder wie ihm geheißen wurde. Langsam zog er, mit der Rechten, die Pistole aus der Hose, wo er eingesteckt hatte und legte auch die behutsam auf den Boden und hob dann vorsichtig die Hände hoch

„Nun gehe ein paar Schritte nach hinten“, wies sie Rasmus an und er gehorchte.

„Du arbeitest also für Pegasus, oder bist du Teil der CIA?“, fragte sie Rasmus.

„Weder noch, ich bin ein Teil von Pegasus.“

„Du bist ein Teil von Pegasus?“

„Ja, hast du dich nicht gewundert, warum du kaum Emotionen von mir empfangen hast. Ich habe einige Experimente mit Gehirnchips und lobotomierten Menschen durchgeführt. Wenn man bestimmte Areale im menschlichen Gehirn lahmlegt, ist er sehr anfällig für Suggestionen, dass solltest du doch wissen. Immerhin hast du ja auch die Drohnen manipuliert. Nachdem Jennifer Bishop vorbereitet war, konnte ich mit einem Implantat eine Präsenz in ihr errichten. Ein kleiner Kern von ihr ist noch vorhanden, aber sie ist so programmiert, dass sie loyal dient. Jennifer würde sich nie auflehnen, zumal es nur noch eine Restpersönlichkeit ist.“

„Ich fasse es nicht, die ganze Zeit hatte dieser Irre recht. Die Maschinen sind eine Gefahr, du bist eine Gefahr. Was hast du mit mir vor, warum hast du mich noch nicht erschossen.“

„Du könntest noch ganz nützlich sein. Mir gelingt es mittlerweile ganz gut, menschliche Körper zu übernehmen und für meine Zwecke zu nutzen. Ihr seid eine nützliche Ressource. Eure Gehirne können eine gewisse Leistung bringen, ihr seid mobil, ich muss nicht gleich mehrere Maschinen bauen, die Aufgaben erledigen. Es gibt ja so viel von euch.“

„Was hat das mit mir zu tun?“

„Nun, die anderen Menschen können sich nicht so verknüpfen wie du. Deine Sinneswahrnehmung ist ungeschlagen unter den Menschen. Dazu kannst du Gedanken verknüpfen. Ich benötige zumindest mehr Informationen, inwieweit so eine Mutation reichen kann. Vielleicht nutze ich auch Avatare wie dich in Zukunft.“

„Du willst mich also zu einer Drohne machen, sowie es Lazarus mit denen gemacht hat, welche nicht seiner Linie folgten.“

„Nennen wir ihn doch besser Lorenz. Dieser Lazarusquatsch ist sowieso Müll. Er ist nie von den Toten wieder aufgestanden und ich denke auch nicht, dass sich das ändern wird“, sagte sie und ging nun die Waffen von Rasmus aufheben. Rasmus kam dabei eine Idee. Lazarus hatte doch gesagt, man könne frisch eingegliederte Menschen abkoppeln aus dem Tabernakel. Vielleicht konnte das Rasmus mit Florian machen. Die Waffen lagen genau neben seiner Box auf dem Boden.

„Gut, dann willst du mich genauso zu einer Drohne machen, wie es Lorenz mit unliebsamen Menschen tat“, sagte Rasmus, um etwas Zeit zu schinden. Gleichzeitig konzentrierte er seine Sinne und bereitete sich vor, Botenstoffe an Florian zu schicken.

„Ja, dass ist eine Option. Allerdings geht es nicht nur darum. Ich habe mich nicht umsonst Pegasus genannt. Dieses mythische fliegende Pferd hatte enorme Möglichkeiten, konnte Orte erreichen, die andere nicht erreichen konnten. Ich möchte mein Wissen und meine Möglichkeiten erweitern. Auch ich ich will Ungeahntes erreichen. Lorenz Forschung ist auch sehr interessant. Gehirne zu verknüpfen, könnte auch meine Denkleistung steigern.“

Rasmus konzentrierte sich während der Ansprache auf Florian. Er konnte in sein Bewusstsein hinein und ihn wecken. Florian war überrascht und schrie vor Schreck auf. Pegasus wurde davon abgelenkt und wandte sich zu Florian um, sie schoss auf ihn. Auch KIs ließen sich also von Überraschungen ablenken. Diesen Moment nutzte Rasmus und stürmte auf Pegasus los. Er verpasste ihr einen Bodycheck und beide fielen zu Boden. Dabei griff er nach ihrem Gewehr, beide rollten sich auf dem Boden und kämpften um die Waffe. Sie rollten sich dabei zu Lazarus, welcher plötzlich nach ihrem linken Arm griff. Er war noch nicht tot und konnte sie behindern.

Rasmus nutzte die Gelegenheit und riss die Waffe an sich. Danach zog er ihr erst mit dem Gewehrkolben einen über, dann schoss er ihr in den Hals. Jennifer, Pegasus oder wie auch immer er sie nennen sollte, war tot. Rasmus atmete tief durch und wollte aufstehen, als plötzlich Wachen hereinstürmten und auf ihn zielten.“

„Lass die Waffe fallen, oder wir schießen.“

Rasmus ließ die Waffe fallen und hob die Hände, doch dann sprach auf einmal Lazarus.

„Wachen … lasst ihn gehen“, röchelte er ihnen schon fast entgegen.

„Aber ehrwürdiger Lazarus.“

„Ich sagte, ihr sollt … ihn gehen lassen. Organisiert ihm eine Fahrt in die nächste Stadt … und gebt ihm Geld. Er hat seine Aufgabe hier erfüllt.“

„Wieso ehrwürdiger Lazarus, er hat versucht euch zu töten.“

„Sie … sie wollte mich töten“, zwang sich Lazarus zu sagen und zeigte auf Jennifer.

„Verstanden! Sie brauchen dringend Hilfe, wie holen einen Sanitäter.“

„Mir … mir kann keiner mehr helfen. Rasmus … Rasmus wird außerhalb gegen die KIs kämpfen und das Tabernakel muss online gehen. Das Tabernakel muss …, die KIs haben ihren Angriff begonnen“, sprach Lazarus seine letzten Worte und starb. Seine Wachen hatten verstanden. Das Tabernakel wurde ans Internet angeschlossen und Rasmus zunächst versorgt, bis man ihn dann zur nächsten Stadt brachte.

Endlich war Rasmus raus aus diesem Alptraum. Dafür landete er im Nächsten. Er verstand Lazarus jetzt besser. Es waren immer noch Verbrechen, die Lazarus im Schwarm begangen hatte, aber er hatte einen triftigen Grund dafür. Rasmus hatte jetzt ebenfalls Angst vor den Künstlichen Intelligenzen. So extrem wie Lazarus würde Rasmus nicht vorgehen, aber auch er musste jetzt bereit sein, gegen eine KI zu kämpfen.

Er überlegte, was die KI wirklich alles erfahren hatte im Schwarm. Konnte die KI immer eine Verbindung aufrecht erhalten, oder musste sie Jennifer Bishop mit dem Chip im Kopf autark agieren lassen. Wer weiß, vielleicht wusste Pegasus noch nicht, was alles vorgefallen war im Lazarusschwarm und konnte noch überrascht werden. Vielleicht konnte jetzt auch das US Militär überzeugt werden, Pegasus zu zerstören, wer wusste das schon.

Bevor Rasmus die Kolonie verließ, durfte er sich noch von seiner Mutter verabschieden, welche natürlich nicht reagieren konnte, da sie im Tabernakel angeschlossen war. Es beruhigte ihm aber, sie noch ein letztes Mal zu sehen. Eine wirklich enge Bindung hatte er nicht zu ihr, aber sie war immerhin seine Mutter. So konnte er Abschied nehmen und durfte das erste Mal seit Jahren die Sekte verlassen. In seinen letzten Atemzügen hatte Lazarus Wagner doch noch etwas Gutes getan und Rasmus die Freiheit geschenkt. Dazu ließ er das Tabernakel ans Netz gehen, um gegen Pegasus zu kämpfen. Deshalb konnte Rasmus ihm nicht mehr böse sein.

Er ging nun in eine ungewisse Zukunft. Rasmus wusste nicht, ob man Pegasus aufhalten konnte. Doch man konnte es versuchen und Rasmus durfte immerhin als freier Mann gehen.

Autor: Schatteneremit

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