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DER SCHWARZE KUSS

oder wie die Gothicszene entstand.... ;-)

05. Mai 2019

Hinter Anjas Stirn summte und brummte es. Ihr Kopf fühlte sich an, als zerquetschte eine Eisenplatte ganz gemächlich aber präzise ihre Schädeldecke. Obendrein sah sie aus wie ein Todesengel, aber was will man erwarten nach so einer Nacht? Sie hatte ein bisschen zu viel getrunken. Nun vielleicht mehr als nur ein bisschen zu viel? Es war jedoch schon erstaunlich, dass sie derartig verkatert war, denn als geübte Trinkerin wusste Anja eigentlich genau, welche Stoffe sie meiden musste, um am nächsten Tag eben nicht zu leiden wie ein Hund. Sie war es also absolut nicht gewohnt, am Morgen danach so im Staub zu kriechen.

Auf dem Nachttisch lagen verstreut ein paar Fotos aus ihrem letzten Urlaub auf Teneriffa. Sie war eher der sonnengebräunte Typ mit einem leichten Karamellton auf der Haut das ganze Jahr. Schlechte Tage sah man ihr selten an und ein kühler Blondton in ihren halblangen Haaren bildete einen angenehmen Kontrast dazu. Auf den Fotos war sie tiefbraun und ihre Haare waren vom Sonnenlicht ausgeblichen.

Es war der 05.Mai 2019 und sie gab alles an diesem Morgen, um diese lästige Sache in den Griff zu kriegen: kühlende Handtücher legte sie sich auf die Stirn, viel klares kaltes Wasser trank sie und am Ende waren es Schmerzmittel, die Anja mit zitternden Händen einwarf. Nichts half und viel schlimmer war, sie konnte sich an kaum etwas erinnern. Was war gestern Nacht geschehen? Hatte ihr jemand etwas ins Glas getan?

Stroboskopischen Effekten gleich blitzten kurze Bildsequenzen vor ihrem inneren Auge auf; jeder Blitz ein Funkenflug aus Schmerzen: eine tanzende Menge im Halbdunkel, die durch Lichteffekte zuckend erhellt wurde und wieder ins Dunkel zurückfiel. Und sie sah ein Gesicht in der Menge, bei dessen Anblick ihr Herz schneller schlug, so dass es fast schon schmerzte. Alle tanzten ausgelassen, waren bunt und leicht bekleidet. Doch jene Gestalt inmitten der rastlosen Gäste war auffällig anders. Sie trug ein schwarzes Jackett mit vielen Silberknöpfen, ein schwarzes Hemd, hochgeschlossen, und verharrte regungslos, als befände sie sich in einer anderen Zeitebene. Eigentlich war alles an dieser Person schwarz, selbst die Augen und die Lippen, nur die Haut war bleich wie der Mond und schien ebenso sanft zu leuchten.

Sie schaufelte sich im Badezimmer kaltes Wasser ins Gesicht und blickte anschließend in das nasse verwirrte Gesicht im Spiegel. War sie das? So bleich, so verschüchtert irgendwie, nichts übrig von dem selbstbewussten Ausdruck, den sie sonst zur Schau trug. Anja zog Grimassen bei dem Versuch, ihren alten Gesichtsausdruck wiederzufinden. Sie beschloss, sich schlafen zu legen, dem Körper die Chance zu geben, sich zu regenerieren, dann würde ihre Welt schon wieder ins Gleichgewicht kommen.

Etwa nach einer Stunde unruhigen Schlummers klingelte es an der Wohnungstür. Benommen schlurfte Anja zur Tür, während ihr dabei erst bewusst wurde, dass noch alle Vorhänge und Jalousien geschlossen waren, sie also noch gar nicht hinausgeblickt hatte, um zu sehen, wie der Tag draußen aussah, ob die Sonne schien oder ob es regnete, und es war ihr auch egal. Es fühlte sich alles falsch an und dann diese tiefe dunkle Leere, als fehle ein ganz wichtiger Bestandteil ihrer selbst, den jemand oder etwas einfach unbemerkt gestohlen hatte.

Yvette stand vor der Tür. Anja konnte ihre füllige Gestalt durch den Spion sehen und ihre typische Körperhaltung, wenn sie wartete. Die linke Hand ruhte an ihrem kräftigen Hals, das rechte Bein war dabei leicht nach vorn geschoben, ihr feuerrotes Haar glänzte und während Anja ihre Freundin so beäugte, wunderte sie sich über diese detaillierte Betrachtungsweise. Sie nahm eine zarte Falte auf Yvettes Stirn wahr, einen winzigen dunklen Punkt in ihrer grünen Iris und einen Leberfleck unter dem Ohrläppchen. War der neu? Sie kannten sich seit Jahren, sie liebten sich, eine Frauenfreundschaft eben, aber Anja achtete eigentlich nicht mehr auf die Besonderheiten ihrer Freundin, sie waren vertraut und auf gewisse liebevolle Art selbstverständlich. Es schien Anja fast, als betrachtete sie diese Person zum ersten Mal. Seltsam. Sie schüttelte den Kopf, als könne sie damit die Betrachtung schneller beenden und ihre Gedanken woanders hinlenken. Yvette rief inzwischen bereits Ihren Namen: „Anja, bist du da? Ich höre dich doch. Mach auf, Süße.“ Einen kurzen Augenblick überlegte Anja, genau das nicht zu tun, aber irgendwas Vertrautes in ihr drinnen flüsterte: „Nun mach schon auf….“

Sie umarmten einander und tauschten die üblichen Floskeln aus über die gemeinsamen Erlebnisse der gestrigen Nacht, allerdings war es dieses Mal etwas einseitiger, weil Anja noch immer kein nennenswertes Erinnerungsvermögen hatte. „Sag mal, wer war denn diese ungewöhnliche Gestalt, mit der du später einfach verschwunden bist? Ich wusste gar nicht, dass du auf alte Männer stehst“ Ein Lachen begleitete Yvettes Worte, aber es klang seltsam rau und verlegen. Alte Männer? Selbst wenn Anja sie hätte einweihen wollen, sie wusste so gut wie nichts mehr davon. Anja beschloss, ihre Freundin irgendwann auszufragen, aber in ihrem derzeitigen Zustand war ihr einfach nicht danach. Obwohl die Neugierde sie innerlich auffraß, saß sie hinter einem unsichtbaren Vorhang, der sie von ihrem bisherigen Leben zu trennen schien. „Wieso ist es eigentlich so verdammt dunkel hier?“ rief Yvette aus und riss die ersten Vorhänge zurück. Staub wirbelte auf, er tanzte munter und glitzernd in den Sonnenstrahlen, die durchs Fenster drangen. Sie zerschnitten das angenehme Halbdunkel messerscharf und Anjas Kopfschmerzen kehrten zurück. Ja, sie waren nach dem Schlummer etwas zurückgegangen und kamen nun blitzschnell wieder hervorgeschossen. „Süße, du siehst echt bescheiden aus. Wenn ich überlege, dass du sonst eigentlich trinkfester bist als mein Ex-Mann und am morgen danach meist beneidenswert ungetrübt strahlst wie ein Frühlingsmorgen…“ Sie schaute Anja noch eine Zeit lang besorgt an, plapperte dann aber munter drauflos und Anja ließ sich treiben in diesem Fluss aus Worten, an andere Ufer spülen, die ihr Vertrautheit schenkten und doch eigenartig fremd auf sie wirkten. Dieses Treffen nahm sie wahr wie ein fernes Ereignis zweier fremder Menschen, als wäre sie gar nicht selbst beteiligt gewesen.

07. Mai 2019

Ihr schmeckte das Frühstück nicht. Und Anja war wahrlich immer ein Frühstücksmensch gewesen. Wenn die erste Tasse Kaffee schmeckte und das Frühstücksei die richtige Konsistenz hatte, dann war der Tag für sie schon mal gut gestartet. Keinen Bissen bekam sie hinunter. Sie erhob sich vom Küchenstuhl und musste sich kurz im Spülbecken übergeben. Ihre Kopfschmerzen hatten zwar inzwischen nachgelassen, aber sie war licht- und geräuschempfindlich. Sie rief in der Firma an, um sich krank zu melden. Anschließend kämmte sie ihr Haar, putzte sich die Zähne und starrte dabei entrückt in den Spiegel. War sie diese Gestalt, die dort recht übertrieben mit der Zahnbürste zu Werke ging, bis sie Zahnfleischbluten bekam? Anja war noch immer so bleich, als hätte sie seit Jahren keinen Fuß mehr vor die Tür gesetzt. Und was war das im Waschbecken? Schwarze Tropfen? Nicht sofort realisierte sie, dass ihr Blut ungewöhnlich dunkel war. Schwarz wäre vielleicht etwas übertrieben, mehr ein ganz tief dunkles Blau mit einem Stich ins Lila. Sie bemerkte auch, dass die Adern an ihren Schläfen recht deutlich durch die Haut schimmerten. Dasselbe Phänomen bemerkte Anja an den Unterarmen, als sie ihre Ärmel hochschob, bevor sie sich vorbeugte, um den Mund auszuspülen. Da blitzte es in ihrem Kopf und die Bilder durchströmten sie, noch bevor Anja sich wieder vollständig aufgerichtet hatte. Jemand hielt ihre Hand, (vielleicht in einer anderen Dimension? Oder war es wirklich ihre Erinnerung?), sie war sehr feingliedrig für eine Männerhand, aber erschreckend kalt. Anja sah also nicht nur, sie fühlte das Geschehene erneut. Die schwarzgekleidete Gestalt war groß und hager und zog sie sanft aber bestimmt durch die tanzende Menge. Dann wurde vorübergehend alles Dunkel in ihrem Kopf. Draußen vor der Tür des Clubs war es für eine Mainacht recht kühl und Anja sehnte sich nach Wärme, nach etwas unbestimmten, etwas magischem, dass diese hagere Gestalt vor ihr verlockend und unablässig ausstrahlte. Anja hatte eigentlich bis dahin kaum ihr Gesicht gesehen. Da drehte sie sich um, jene fremde Person, und für einen Moment, war Anja nicht sicher, ob es ein Mann oder eine Frau war, dessen Hand sie noch immer festhielt. Diese androgyne Erscheinung war nicht unbedingt schön zu nennen, aber unglaublich faszinierend anzusehen. Die Iris war lila, nicht schwarz wie zuvor gedacht, und es war letztendlich nur ein einziger Kuss, der Anja fortzog aus der Realität in eine unbekannte Ebene, ein Kuss, der nach Unendlichkeit schmeckte, nach Tod und Leben zugleich, nach Feuer und Eis. Und wieder Dunkelheit. Als Anja erwachte, lag sie auf den Fliesen vor dem Waschbecken. Sie trank ein paar große Schlucke Wasser und zog sich an, fest entschlossen, beim Arzt nicht nur eine Krankmeldung zu bekommen, sondern eine gründliche Untersuchung anzustreben. Doch was, wenn dort bei der Blutabnahme die ungewöhnliche Farbe ihres Lebenselexiers auffiel? Sie kehrte zurück in die Küche und schnitt sich in den linken Zeigefinger. Blut tropfte in das Spülbecken, lilaschwarz war es, was nun nicht mehr überraschte. Sie suchte nach einem Pflaster und klappte ihr Laptop auf, das noch auf dem Küchentisch stand, und begann zu googeln: es gab Echsen mit grünem Blut und Tintenfische und anderes Getier mit blauem Blut. Das war, was sie dazu fand. Anja ging nicht zum Arzt, sie legte sich schlafen. Sie träumte von einem Kuss, der sie in den Abgrund zog, ihr tiefe Angst bereitete, aber auch mehr als nur einen wohligen Schauer auslöste und ein Gefühl durchdrang sie, das ihr die absolute Gewissheit schenkte, dass, wenn der erste Schmerz vergangen sein würde, eine andere Welt auf sie wartete, die es zu erobern galt.

10. Mai 2019

Sie hatte seit Tagen nichts gegessen. Eigentlich hatte Anja Zeit ihres Lebens eine rundliche Figur gehabt und daher war ihr Kleiderschrank gefüllt mit Textilien in Größe 44. Alles was sie jetzt aus dem Schrank hervorzog, hing an ihr herab. „Probieren Sie es aus, meine Damen und Herren, ein Kuss und wir garantieren Ihnen einen schnellen und unaufhörlichen Gewichtsverlust“ hörte sie eine ironische Stimme in ihrem Kopf sagen. Eigentlich sollte sie sich freuen. Hatte sie genau das nicht immer gewollt? Schlank sein?

11. Mai 2019

Anjas Chef rief an, denn er hatte keine Krankmeldung bekommen. Er drohte mit der Kündigung. Sie hielt das Smartphone ans Ohr gepresst und raufte sich das noch ungekämmte Haar. Strähnen fielen zu Boden, hell und leuchtend lagen sie auf dem anthrazitfarbenen Teppichboden.

12. Mai 2019

Es klingelte an der Haustür. Die Vorhänge waren zugezogen und Anja stand im Flur ihrer Wohnung. Wie lange hatte sie dort gestanden und vor sich hingestarrt? Sie war barfuß und um ihre Füße herum lag ihre blonden Haare, hell wie ein Weizenfeld im Mondlicht. Ihr kahler Kopf tat nicht mehr weh. Sie kannte keine Schmerzen mehr und keinen Hunger, nur Einsamkeit. Es klingelte erneut an der Tür und sie vernahm eine Stimme, irgendwo dort draußen, ganz leise, hinter den Nebeln.

14. Mai 2019

Welche Verzweiflung hatte sie empfunden über den kahlen Schädel! Immer wieder hatte sie mit ihren knochigen Fingern drüber gestrichen, mechanisch, wie ein Wesen bei dem nur ein Schritt fehlte, für immer den Verstand zu verlieren. Dabei wäre ihr fast ein Detail entgangen während ihrer Metamorphose (eine beruhigende Stimme in ihr drinnen hatte seit gestern begonnen, dieses Wort zu flüstern: Metamorphose…. Metamorphose….): sie hatte eine makellose Haut bekommen, alle Narben waren verschwunden. (Es waren zwei gewesen: eine am Bauch durch einen operativen Eingriff und eine unterhalb des Knies, durch einen Unfall als Kind). Alle Leberflecken verblassten, während jedoch die dunkle Farbe ihres Blutes immer deutlicher durch die Haut schimmerte. Was würde aus ihr werden? Es war inzwischen ein ausgiebiges tägliches Ritual, alle Veränderungen im Schlafzimmer vor dem großen Spiegel zu registrieren und nach weiteren zu suchen.

15. Mai 2019

Anja erwachte und ihr Kopf juckte stark. Sie wunderte sich über diese Empfindung, denn Schmerz spürte sie schließlich von Tag zu Tag weniger. So musste sie aufpassen, als sie anfing, sich an den juckenden Stellen zu kratzen, dass sie nicht übertrieb und es zu bluten begann. Es dauerte nur wenige Sekunden bis sie begriff, dass ihr Schädel nicht mehr kahl war, dass ihr Haar anscheinend in der vergangenen Nacht nachgewachsen war. Anja sprang aus dem Bett und rannte zum Spiegel: schwarz war ihr Haar wie Rabenfedern, noch recht kurz war es und sah ein wenig verschnitten aus, als wäre jemand ab und an mit der Schere abgerutscht oder einfach achtlos ans Werk gegangen, aber es waren Haare. Wenn sie ehrlich war, passte die Farbe auch besser zu ihrem neuen blassen Teint.

17. Mai 2019

Oh, was hatte Anja diese Gothics immer gehasst. Wie konnte man so herumlaufen, sich dermaßen verunstalten? Hmh…nun ja, irgendwie sah sie nun genau wie einer aus und sie fand es inzwischen toll. Fühlte sich zunehmend wohler. Das Haar wuchs weiter. Es war nicht unbedingt glänzend und gesund, eher so stumpf, als sei sie in einen Pudertopf gefallen. Oder war es der Staub, aus dem sich ihr altes Ich vom Boden aus wieder ins Leben zurück gekämpft hatte? Das tägliche Ritual des Betrachtens im großen Spiegel ergab heute folgendes: ihre Lippen waren schwarz, sie hatte ordentlich mit dem Waschlappen drüber geschrubbt, aber sie blieben schwarz. Auch ihre Fingernägel waren schwarz geworden. Sie hatte ordentlich Nagellackentfernung vergeudet, doch ihre Nägel blieben ebenfalls schwarz wie eine mondlose Nacht.

18. Mai 2019

Das Telefon klingelte. Es war nicht das erste Mal in den letzten zwei Wochen. Sie hatte es nur einfach ignoriert. Nun, da es ihr jeden Tag besser ging, beschloss sie, das Gespräch anzunehmen. „Ja?“ „Endlich, ich wollte schon die Polizei informieren. Was ist denn los mit dir? Du öffnest nicht die Tür und nimmst das Telefon nicht ab. Nur dieser Brief im Treppenhaus vor deiner Wohnung hat mich davon abgehalten, eine Vermisstenanzeige aufzugeben.“ Es war Yvette mit einer deutlich gestressten Stimme. „Können wir uns sehen? Morgen?“ Anja zögerte. Was würde Yvette sagen und denken bei ihrem Anblick. Und was für einen Brief meinte sie? „Okay, komm mich übermorgen besuchen. Dann erzähl ich dir alles….Nur nicht so früh am Tag,“ hörte Anja sich sagen mit einer Stimme, die ihr gar ganz fremd vorkam. Wann hatte sie zuletzt gesprochen? „Und bring ein Geschenk mit. Ich habe Geburtstag.“ Yvette schien verwirrt und fragte nach. „Bist du’s, Anja?“ Etwas genervt erwiderte Anja, wer es denn sonst sein sollte. Yvette legte auf, nachdem sie kurz noch „Bis dann.“ geflüstert hatte. Geburtstag? Yvette verstand die Welt nicht mehr, beschloss aber trotzdem ein Geschenk mitzubringen, einfach wegen der Wiedersehensfreude. Den Inhalt des im Gesprächs erwähnten Briefes hatte sie ganz vergessen.

19. Mai 2019

Anja duschte, wusch sich das Haar, setzte sich an die Nähmaschine, die eigentlich seit ihrem Kauf vor einigen Jahren, verstaubt in der Ecke gestanden hatte, und nähte sich ein komplett neues Outfit, aus den wenigen dunklen Klamotten, die ihr viel zu groß geworden waren. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Sie verließ in ihren neuen Klamotten das Haus mit dem Wunsch, sich neu einzukleiden. Sie plünderte ihr Bankkonto, viel war nicht mehr drauf, aber es würde reichen für’s erste. Sie bemerkte, dass die Passanten sie alle anstarrten, aber es war ihr gleichgültig. Hin und wieder hatte sie das Gefühl, von einzelnen Personen die Gedanken lesen zu können. Ein leises Flüstern, dass zu ihr durchdrang, es fühlte sich aber so gewöhnlich an, dass sie dieses Summen ignorierte, sofern die Personen, aus dessen Innern es kam, sie nicht sonderlich interessierten. Nach ihrer Einkaufstour kehrte sie erschöpft nach Haus zurück. Sie hatte sich gesund gefühlt, als sie am Vormittag die Wohnung verlassen hatte. Das Tageslicht hatte sie zwar gestört und geblendet, sie bildete sich sogar ein, dass es ihre Haut austrocknete und dabei ein leichtes Brennen zu verspüren gewesen war. Mehr aber auch nicht. Sie probierte ihren neuen schwarzen Hosenanzug an und brach dann vor dem Schlafzimmerspiegel zusammen.

20.Mai 2019

Sie hatte Kopfschmerzen als sie erwachte. Es war 11 Uhr vormittags und sie hatte außerdem unendlichen Durst. In der Küche trank sie ordentlich viel Wasser und begab sich ins Badezimmer. Mit Yvette hatte sie keine genaue Uhrzeit abgemacht. Sie wollte sich zurechtmachen, damit sie nicht in diesem Zustand von ihr überrascht wurde. Der kleine Spiegel über dem Waschbecken log nie, auch heute war er gnadenlos. Wo war der Porzellanteint geblieben? Was war mit den vollen schwarzen Lippen passiert? Sie sah Altersflecken und Falten, die ihr gänzlich neu waren. Ihre Haut war rissig und trocken. Beim Versuch ihr schwarzes Haar zu bürsten, war ihr vorne rechts eine ganze Partie verloren gegangen, sie war einfach zu Boden gefallen. Und was hatte sie sich dabei gedacht? Diese Person hatte keine Ähnlichkeit mehr mit Anja, der Freundin von Yvette. Was würde passieren, wenn sie die Tür öffnete? Und da klingelte es auch schon an der Haustür. Ohne zu überlegen schritt Anja zur Wohnungstür und öffnete. Sie spürte dabei förmlich, wie eine Kraft aus ihr herausbrach, eine Energie, die alles durchströmte und sie wusste einfach, dass Yvette, in ihr etwas sah, eine Täuschung, die der Spiegel im Bad niemals geduldet hätte. Ihre Freundin hatte Pralinen mitgebracht und einen Strauß Lilien als „Geburtstagsgeschenk“. Anja nahm ihre Hand und zog sie sanft aber bestimmt ins Wohnzimmer. Sie sprachen kaum etwas und alle Fragen, die Yvette vielleicht hatte stellen wollen, waren vergessen. Denn das nächste, was sie fühlte, waren schwarze Lippen auf den ihren, pulsierend lebendig und schaurig blutleer, fremd und vertraut, kalt und brennend heiß, so dass es sie fortzog in einen Nebel, aus dem sie nicht mehr als dieselbe Person zurückkehren würde. Sie versank darin. Und Anja? Sie fühlte sich wie neugeboren…..

21. Mai 2019

Anja sprang munter aus dem Bett. Zufrieden betrachtete sie ihre schwarzen vollen Lippen und ihre makellose Haut. Auf dem Weg zum Badezimmer sah sie flüchtig eine Gestalt in der Ecke kauern. Ach ja, Yvette. „Nun darum kümmere ich mich später. Heute Nacht möchte ich ausgehen. Es wird mal wieder Zeit, unter Leute zu gehen.“ flüsterte sie heiser.

Sie zog ihren neuen Anzug an und schritt hinaus ins schmerzvolle Licht. Im Flur saß Yvette, mit leerem Blick und einem zerknülltes Blatt Papier in der Hand:

„Liebste Yvette,

es ist, als hätt’ mir jemand dunkles Leben geschenkt

und damit den Vorhang zur übrigen Welt gesenkt,

mir die Seele geraubt und durch etwas ersetzt,

das größer ist, mit allem vernetzt,

ein dunkles Auge, das alles sieht,

was außerhalb des Lichts geschieht.

Schon bald werd’ ich etwas anderes sein

Drum bitte, komm nicht zu mir herein….

In Freundschaft

Anja“

 

Draußen auf der Straße verspürte Anja zum ersten Mal seit dem 05. Mai 2019 so etwas wie Hunger, aber es war ganz gewiss kein Appetit auf Pizza oder Pasta. Was sie nicht bemerkte? Jene dunkle Gestalt im Hauseingang gegenüber, die langsam aus dem Schatten hervor trat und ihr unauffällig folgte….

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