
Der Weggefährte
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Das schwarze Gefieder des Rabens funkelte unter dem Dämmerlicht der Sonne, während das Tier auf seinem Thron aus verdorrten Ästen saß, und die scheinbar leblose Umgebung mit schief gelegtem Kopf betrachtete.
Er sah die Menschen, die sich von Angst getrieben in ihren heruntergekommenen Hütten verschanzt hatten, und dort halb verhungerten; manchmal sogar von ihren Verwandten und Freunden kosteten. Er erblickte ihre Furcht, die so allgegenwärtig war, wie die Dunkelheit, wenn die Sonne untergeht, und labte sich freudig darin, ohne je auch nur eine einzige Feder zu rühren. Er erkannte, dass sie fliehen wollten, und es dennoch nicht wagten, ihre „sicheren“ Heime zu verlassen, obwohl den unendlichem Gebieter kein Objekt der Welt davon abhalten konnte, zu entscheiden, ob sie sterben würden, oder nicht.
Er wusste, dass sie wussten, was geschah, wenn man ihn auf dem ältesten Baum eines Dorfes entdeckte. Er war auch daran gewöhnt, wie sie auf ihn reagierten.
Das war alles mehr als gewöhnlich für die schwarz-gefiederte Kreatur. Schon lange tat er dasselbe immer wieder, und auch ihr wutentbrannter Anblick schüchterte ihn nicht ein. Ungewöhnlich war nur eine einzige Person, die unter dem Baum saß, und schon seit geraumer Zeit ein selbsterfundenes Wiegelied sang. Sie beschlagnahmte seine volle Aufmerksamkeit, und er empfand beinahe eine Zuneigung zu dem mutigem Kind.
Ihre Augen weiteten sich, das Geschoss prallte an ihrer mit Beulen übersäten Haut ab. Das harte Objekt hinterließ einen flammenden, roten Fleck auf ihrem Arm, und die neunjährige wurde zum ersten Mal von der süßen Angst erfasst, die der Rabe suchte. Doch er rührte sich nicht. Er sah nur mit seinem schiefgelegtem Kopf zu, und wartete.
Die Menschen stürmten nun aus ihren „Festungen“ und ließen ihre Rage an der Jungfer aus. Steine trafen sie, Verfaultes wurde nach ihr geworfen, man spuckte ihr ins Gesicht. Jemand rammte ihr ein Messer ins Bein. Sie schrie. Die anderen fuhren fort. Das Mädchen begann zu weinen. Sie hatte sich mit ihrem eigentlichem Schicksal abgefunden, doch das war weitaus schlimmer. Leute beschimpften sie, brüllten sie an. Machten eine Unschuldige für ihr eigenes Versagen schuldig. Im Hintergrund murmelte ein Pfarrer Gebete an den Gott, der sie scheinbar verlassen hatte. Alles war durcheinander, bis…
Jemand schüttete Öl über die Kleine, welche nun panisch begann zu wimmern. Jeder war von Angst geblendet, und frohlockte, während sie in sich zusammensank. Sie ebneten den Weg für ihren selbsternannten Henker, und betrachteten, wie er einen Bündel Heu in Brannt steckte.
Dann wurde eine Fackel geworfen. Und sie verfehlte ihr Ziel nicht.
Das Mädchen schrie ihre Höllenqualen in die Welt hinaus, während die zischenden Flammen an ihr leckten, und ihre Zöpfe verkohlten. Das sanfte Lied von vorhin nunmehr ein Wimmern, das langsam auf ihren Lippen verstarb. Die Beulen platzen auf, Eiter drang heraus. Alle Leute nahmen größeren Abstand, und betrachteten das Schauspiel.
Und als die Freundin des Weggefährten den letzten Atemzug tätigte, kehrte Ruhe ein.
Gespenstische Ruhe.
Die Krähe blieb. Warum tat sie das? Seine Freundin war gestorben? Der Ansatz des Übels beseitigt! Die Menschen waren gerettet. Sie mussten nicht mehr in Furcht leben…
Dann krisch eine Frau, und deutete auf den Mann neben ihr, auf dessen Körper kleine Beulen entstanden.
Panik flammte auf.
Jemand riss dem neuen Wirt die Kehle auf. Es half nichts, der nächste klagte Schmerzen, und wurde niedergerissen. Daraufhin begann eine Metzelei. Freunde schlugen einander die Köpfe ein, Mütter bohrten ihre Zähne in die Hälse ihrer Söhne, Töchter schlugen ihre Väter mit allem, das sie finden konnten. Das letzte Gebet des Pfarrers erstarb auf seinen Lippen, als er erkannte, dass er der letzte war. Da legte er seinen heimlichen Revolver, den er in diesen unruhigen Zeiten immer bei sich getragen hatte, an seine Schläfe, und drückte ab; in der Hoffnung, dass Gott nicht alle von ihnen verlassen hatte.
Der Haufen begann zu Verwesen. Blut und Gedärme prangten an jeder Ecke. Keiner atmete mehr. In der Mitte brannten die Überreste des Mädchens.
Das schwarze Gefieder des Rabens funkelte unter dem Dämmerlicht des Scheiterhaufens, während das Tier auf seinem Thron aus verdorrten Ästen saß, und die nun wirklich leblose Umgebung mit schief gelegtem Kopf betrachtete. Er ließ seinen Ruf erklingen, spannte die majestätischen Flügel langsam, und flog routinemäßig davon, weiter zur nächsten Stadt. Weiter zum nächsten Chaos.
Auch dort würde man ihn nicht gerne sehen, obwohl er selbst nicht der Tod war.
Nein…