
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Die Anderen
I.
Ich möchte euch unter anderen von meinem Freund erzählen. Er war für mich derjenige, der
immer da war. Er mochte es in meiner Nähe zu sein. Die Blicke anderer Personen
kümmerten ihn kaum, wenn er mit mir durch die Straßen unserer Heimatstadt
schlenderte. Es sei hier bemerkt, dass wir eine gleichgeschlechtliche
Männerliebe auslebten und mein Freund war jemand, der sich einen Dreck um
andere Gedanken scherte. Manchmal hatte ich sogar den Eindruck, dass er es
regelrecht genoss andere Menschen zu schockieren. Ich hingegen war eher der schüchterne und zurückhaltende Typ
und war immer der Meinung, dass man nicht so freizügig sich in der
Öffentlichkeit zeigen sollte. Mein Freund zog mich zeitweise immer damit auf,
dass ich doch mehr wagen sollte und ich nicht so scheu Fremden gegenüber sein
sollte. Es hatte seinen Grund, warum ich eher introvertiert war und meist fremde
Leute mied. Insgeheim hatte er aber Recht gehabt. Ich war schon etwas zu
schüchtern und ging selten Risiken ein. Meist waren mir sogar die Leute in der
U-Bahn unangenehm, wenn ich jeden Morgen damit zur Universität fahren musste. Ihre
Blicke – die mich streng musterten. Ihr Getuschel hinter vorgehaltener Hand.
Sie kannten solche Typen wie mich einfach nicht. Sie fürchteten das, was ich in
ihrer Meinung nach war. Die Furcht in ihren Augen war mir immer bewusst und
eigentlich konnte ich die Menschen, die mich anstarrten auch ein wenig
verstehen. Doch ich sollte wohl meine Geschichte mit den Anfängen beginnen. Es waren schreckliche Zeiten für mich und
meinen Zeitgenossen, die jetzt froh waren, mit dem Leben davongekommen zu sein.
Mein jetziger Freund war nicht mein einziger Freund. Ich hatte
vor ihm schon einmal ein Anderen mein Herz geschenkt. Doch mein damaliger
Lebensgefährte zog es vor sich von einer Autobahnbrücke in den Tod zu stürzen.
Ich konnte es nicht verhindern. Ich war zu spät bei ihm. Das einzige was ich
noch bewusst wahrnahm war der dumpfe Aufprall in der Schlucht unterhalb der Brücke;
danach versank ich in einer tiefen Trauer.
Ich fing von diesem Tage an, mich selbst zu isolieren. Ich
wollte keinen Menschen mehr sprechen. Selbst meine Eltern, die mich jeden Tag
versuchten zu erreichen, mied ich. Keine
Telefonate, Mails oder Gespräche wollte ich führen. Rückblickend muss ich schon
sagen, dass dies ein Fehler war. Ich wusste es damals aber nicht besser und
nachdem diese Sache über die Menschheit hereinbrach, lag meine bekannte Welt
vollkommen in Trümmern.
Zuerst erwischte es den Nachbarsjungen. Er war kaum jünger als
ich, das heißt so fünfzehn oder sechszehn Jahre alt. Er wurde von seinem
eigenen Hund gebissen. Man brachte ihn schnell zum Arzt, doch es war schon zu
spät. Er starb noch auf dem Weg zum Behandlungszimmer. Ich kann mich noch ganz
gut an die traurigen Gesichter seiner Eltern erinnern, wie sie vollkommen
niedergeschlagen und ratlos vom Arzt zurückkehrten. Es war sehr ungewöhnlich
gewesen. Warum war dieser junge so schnell verstorben? Der Hund wurde unter
großen Anstrengungen eingesperrt und später eingeschläfert. Dabei gelang es dem
Tier noch zwei weitere, diesmal erwachsene Personen, zu beißen. Ich weiß nicht
mehr was mit denen danach passierte, doch feststand, dass dieser Hund eine
regelrechte Bestie geworden war. Wenn ich mir das ganze genauer überlegte, hätte man dem Tier noch helfen können, wenn
sie das Mittel schon damals zur Verfügung gehabt hätten. Doch ich schweife vom
eigentlichen Thema ab.
Man verfrachtete den toten Jungen in die Pathologie des
örtlichen Krankenhauses. Ein paar Tage später war seine Leiche verschwunden.
Sie war einfach weg. Keiner wusste genau was passiert war. Man suchte das ganze
Hospital ab, doch man fand keine Spur von ihm. Seltsam war auch, dass kurze
Zeit später einige Leute, in meiner Stadt, merkwürdige Verhaltensweisen an den
Tag legten. Es fing zunächst in unmittelbarer Nähe des Krankenhauses an. Man
sah Menschen die sich nur noch unbeholfen, gar schlurfend fortbewegten. Ihre
Haut war seltsam bleich und ihre Augen starrten ins Leere. Von offizieller
Seite vermutete man einen neuartigen Virus, der höchst aggressiv war. Die „Infizierten“,
ich will sie mal so nennen, waren äußerst grimmig gewesen. Es war so, als wenn
wir wahrhaftig die Anfänge einer Zombieapokalypse miterlebten. Immer mehr
Menschen verhielten sich so merkwürdig. Es war regelrecht beängstigend, um
nicht zu sagen erschreckend.
Inmitten dieses ganzen Szenarios war ich noch immer mit
meiner Trauer über den Verlust meines Freundes beschäftigt. Wenngleich ich die
Nachrichten verfolgte und immer fortwährend es mit der Angst zu tun bekam,
konnte ich es dennoch nicht verhindern, dass ich eines Tages gedankenverloren
durch den Wald spazieren ging und einem dieser Infizierten in die Arme lief!
Warum ich das Risiko auf mich nahm alleine durch den Wald zu laufen, konnte ich
nicht mehr sagen, vielleicht hoffte ich auch, meinem Leben ein Ende zu setzen,
vielleicht wollte ich auch einfach nur das, was mit mir letzten Endes geschehen
war.
Ich konnte nur seine leeren Augen und die bleiche Haut
erkennen, bevor ich den schrecklichen Schmerz eines kräftigen Bisses verspürte.
Ich drängte den Fremden ab. Er ließ aber nicht ab von mir. Meine Schreie
machten ihn nur noch aggressiver. Ich trat ihn in den Magen und er taumelte
zurück und fiel mit dem Kopf auf einen Stein. Zum Glück regte er sich danach
nicht mehr. Was zum Teufel war das?! Ich ertastete meine Wunde. Sie war an der
rechten Schulter. Es schmerzte höllisch. Was würde jetzt passieren? – schoss es
mir durch den Kopf. Würde ich auch zu einer Abnormität werden? Würde ich ebenso
wie dieser Typ enden, der nun reglos vor mir lag?
Es war schon eine beschissene Zeit gewesen. Ich wollte damals
nicht so Enden wie die meisten Infizierten. Diese hatte man zusammengetrieben,
wie eine Herde wilder Büffel und isolierte sie vom Rest der Welt. So wollte ich
nicht enden. Ich wollte keine bleiche Haut haben. Ich wollte kein Zombie
werden! Ich wollte leben, so wie alle anderen auch. Ich verfluchte meine
Selbstmordgedanken ich bereute es in den Wald gegangen zu sein. Es musste doch
einen weiteren Weg geben… ich…. danach folgten Schatten, dunkle Schatten. Ich
verlor mein Bewusstsein.
So als wenn man aus einer Narkose erwachte, konnte ich mich
nicht genau daran erinnern, überhaupt geschlafen zu haben. Es war wie eine neue
Geburt. Ich lag auf einen kalten, stählernen Tisch. Eine helle Lampe, die mir
direkt ins Gesicht schien, blendete mich, sodass ich Mühe hatte meine Umgebung
genauer zu erkennen. Ich hörte eine
ruhige Stimme, die mich fragte: „wie fühlst Du dich?“ – Ich konnte nur zögerlich
antworten. Mehr als ein lauteres Röcheln konnte ich nicht hervorbringen. Die
Stimme – sie war weiblich kam näher und rief etwas einer anderen Person im
Raume zu. „Doktor, er ist… wach!“ Schritte folgten. Ich spürte einen kalten
Gegenstand auf meiner Brust. Nach einigen Sekunden sprach eine tiefe
Männerstimme: „Kaum Puls – das war zu erwarten. Schwester dimmen Sie bitte das
Licht“ Das Licht wurde schwächer und ich konnte allmählich Konturen von
Gesichtern erkennen. Ein älterer Herr mit weißem Kittel sah mich besorgt an.
„Willkommen zurück Philipp. Ich bin froh, dass wir es bei dir auch geschafft
haben.“
Ich blinzelte und verstand in diesem Moment nichts. Was hatte
man geschafft? Wo war ich? Was war passiert? Der Arzt zog mein Kinn runter und
leuchtete mir mit einer Bleistiftlampe in den Hals. „Zähne und Zunge noch gut
erhalten. Keine großen Veränderungen. Nur die Haut bekommen wir leider nicht
mehr so hin wie vorher.“ Ich konnte nur zuhören. Meine Stimme war noch nicht
zurückgekehrt. Wovon sprach er? „Denken Sie die Augen können sich wieder
normalisieren, Doktor?“ Der Mediziner runzelte die Stirn und bemühte sich
ehrlich zu antworten. „Ich bin mir nicht sicher. Das Serum hat zwar seinen
Verstand gerettet, doch Haut und Augen bleiben wahrscheinlich so, wie sie jetzt
sind. Ich fürchte er wird Kontaktlinsen tragen müssen, wenn er da draußen nicht
auffallen möchte.“
Zum ersten Mal konnte ich ein Wort hervorbringen: „Was?!“ Der
Arzt erhob sich und trat näher an mein Gesicht. „Phillip – ich weiß dies ist
alles schwer zu begreifen. Doch Du bist einer derjenigen, die wir von ihren „Infizierten“-Dasein
befreien konnten. Nur ungefähr die Hälfte aller Menschen, die von dieser
„Seuche“ befallen waren, überlebten diese Prozedur.“
Ich versuchte mich aufzusetzen, doch wurde von der Schwester
sanft nach unten gedrückt. Der Doktor fuhr weiter fort: „Zwar ist es uns
gelungen den Verstand der Menschen wieder zurückzubringen, doch ihre physischen
Merkmale konnten wir leider nicht umkehren. Ich denke du wirst da auf Makeup
und Kontaktlinsen zurückgreifen müssen.“
Ich spürte das meine Stimme immer kräftiger wurde und so
konnte ich mich wieder halbwegs artikulieren: „Geben sie mir bitte einen
Spiegel.“ „Willst du das wirklich sehen mein Junge?“ fragte der Doktor besorgt.
„ja – ich muss es sehen“, antwortete ich etwas zögerlich.
Die Schwester ging ein wenig abseits vom Tisch und drückte
mir kurze Zeit später einen ovalen Gegenstand in die Hand. Ich ergriff dieses
Objekt und drehte es herum. Anfangs erschauderte ich über mein neues Aussehen.
Es hatte nur noch von der Grundform was Menschliches an sich. Zwei Augen,
Haare, einen Mund und Nase – alles war noch an der richtigen Stelle. Mein
hageres Aussehen hatte ich immer noch. Das war ich, zweifellos. Doch was
erschreckend war, war die Tatsache, dass ich in zwei hellgraue Pupillen
starrte. Die Haut war fade und nahezu weiß. Verstärkt wurde diese schreckliche
Szenerie dadurch, dass meine Augenränder merklich dunkler waren, als der Rest
meines Gesichtes. Ein Gesicht wie aus einem Horrorfilm. Fragend blickte ich den
Arzt an, der mir behutsam den Spiegel aus der Hand nahm.
Ich erfuhr im späteren Gespräch, dass die Seuche sich über
den gesamten Erdball ausgebreitet hatte. Millionen und aber Millionen Menschen
waren infiziert worden. Zum späteren Zeitpunkt räumte die Regierung ein, dass
ein Kampfstoff freigesetzt worden war, der durch das bloße Einatmen aufgenommen
werden konnte und somit sich eine Mutation in Bewegung setzte. Eigentlich
wirkte dieser Stoff lediglich bei Tieren gewisser Größe, konnte aber durch
Speichelübertragung in die Blutbahn gelangen und auch den menschlichen
Organismus angreifen. Die Folge war ein rascher Tod des Infizierten und dessen
baldige „Wiederbelebung“ in Form eines gewissenlosen und aggressiven Killers.
Grob konnte man sagen, dass es sich um Zombies handelte. Da man den Stoff, der
dies alles ausgelöst hatte kannte, konnte man schon bald ein Gegenmittel
erstellen und den Infizierten verabreichen. Somit hatte man den ehemaligen
„Zombies“ ein würdevolles und akzeptables Leben ermöglicht.
Ich war einer dieser ehemaligen Infizierten – ein Untoter –
ein Zombie. Mensch zwar, aber anders. Gerade einmal neunzehn Jahre alt und am
Anfang meines Studiums. Jung und schon gestorben. Doch ich wollte ja von meinem
Freund erzählen. Ich lachte dabei immer innerlich auf, wenn ich an ihn denken
musste. Es war nämlich so, dass die Menschheit nun in einer zwei
Klassen-Gesellschaft lebte. Auf der einen Seite waren die „normalen“ Menschen
und auf der anderen Seite waren „die Anderen“ – man nennt uns nur noch so… die
Anderen. Dementsprechend gab es Stadtviertel und Bars, wo nur Zombies
verkehrten. Es waren auch viele Jugendliche darunter, die alle weiße Haut
hatten und hellgraue Augen. Manchmal färbten sich die Leute ihre Haut, um nicht
ganz so schrecklich auszusehen. Doch wenn du einmal in die Augen eines Untoten
geblickt hattest, dann erkanntest Du auf Anhieb, wer zu deiner Sippe gehörte
und wer nicht.
Eben in einem dieser Nachtclubs habe ich ihn kennengelernt.
Er war vielleicht ein wenig älter als ich. Doch wir verstanden uns prächtig.
Mein Freund war immer der Meinung, dass wir die neue Art von Mensch wären. Er
schwärmte oft davon, dass die Welt nur noch aus unserer Gattung bestehen würde.
Dabei stammten wir alle vom gleichen Ursprung ab. In gewisser Weiße war er ein
richtiger Rassist gewesen. Ich bin eben noch immer zurückhaltend, wenn es darum
ging.
Die letzte Station vor meinem Ziel. Ich hatte mich auf einem
Fahrgastsessel gesetzt und schon sind alle Leute um mich herum aufgestanden und
zogen es dann doch lieber vor, den Rest der Fahrt im Stehen zu verbringen. Missgünstige Blicke. Verachtende Blicke. Ich
wollte mich nicht mehr verstecken. Ja ich war anders, als die meisten in dieser
U-Bahn. Ich hatte bleiche Haut, hellgraue „leere“ Augen und ich war schon
einmal tot gewesen. Mein Freund hatte Recht – ich sollte vielleicht mehr aus
mir herauskommen. Mehr freizügig sein. Die Tatsache das ich mich zum ersten Mal
ungeschminkt vor die Tür gewagt hatte, würde ihn überraschen. Er würde mich
sicher schon auf dem Universitätsgelände erwarten. Dann konnten wir wieder Hand
in Hand über den Platz schlendern. Er hatte zwar nur noch eine Hand, doch dies
konnte man übersehen, solange er meine ewige Bisswunde an meiner rechten
Schulter übersehen konnte, war alles ok. Oh wie schön das Leben nach dem Tode
sein konnte. Ich konnte mir schon vorstellen, warum uns die anderen Menschen
fürchteten. Niemand wusste genau, ob die Wirkung des Serums für ewig anhielt.
Deswegen zogen es die meisten von uns vor, unter sich zu bleiben, zum Schutze
der anderen Leute. Manchmal – aber wirklich nur manchmal hatte ich das Gefühl,
dass mein Freund wieder Lust auf Menschenfleisch bekam.
II.
Wir spazierten schon eine gewisse
Weile um den Campus herum, als mein Freund mich etwas fragte, was meine
innersten Befürchtungen bestätigte:
„Phillip? – hast du manchmal auch diese Träume?“
Zunächst konnte ich nicht richtig
erfassen, was er mit „Träume“ meinte. Dabei fiel mir ein, dass manche Zombies Erinnerungen
an ihre „blutrünstige“ Zeit hatten, wo sie andere Menschen töteten. Es waren
doch eher Flashbacks an eine Zeit, die schon längst vergangen war. Ich
erwiderte seinen fragenden Blick. Bemühte mich ruhig zu bleiben, denn ich wusste,
oder eher ahnte, worauf mein Freund hinauswollte.
„Thomas… Du meinst die
Erinnerungen an die Zeit vor dem Serum? An eine Periode der Apokalypse? Das ist
nicht mehr! Verstehst Du?“
„Ich weiß – doch ich habe Angst
davor. Angst das es wieder ausbrechen könnte und ich dann von diesen anderen
Menschen kalt und ohne Reue erschossen werde. Vielleicht noch schlimmeres?!
Eingesperrt sein, wie ein wildes Tier, was von Menschen begafft wird. Ich habe
mehr als nur Erinnerungen. Ich male mir das ganze weiter aus und habe einfach
Angst Dich und alle meine anderen Freunde zu verlieren; weil wir anders sind.“
Es war das erste Mal, dass ich
Thomas so reden hörte. Sonst erzählte er nur verachtend über die noch lebenden
Menschen, die uns wie eine Krankheit behandelten und deren Ausrottung wohl
besser wäre. Manchmal konnte ich seinen Hass regelrecht spüren und bekam selbst
negative Empfindungen, je mehr ich von seinen Ansichten erfuhr.
„Wenn es dich beruhigt,“
unterbrach ich die Pause, „dann kann ich dir versichern, dass dies niemals
geschehen wird. Sie können uns nicht einfach so einsperren. Wir haben auch
Rechte und die unterscheiden sich nicht von denen, die für die lebenden
Menschen sind. Das Serum hatte uns gerettet. Wir sind nun ein Teil dieser Welt.
Ich habe auch von anderer Seite gehört, dass sich Zombies mit lebenden sogar
gepaart haben, ob da nun Nachkommen entstehen können weiß ich nicht, aber es
ist doch schon ein…“
„Hör auf damit Phillip!“,
unterbrach mich mein Freund schroff. Ihm war anzumerken, dass er sich seiner
Emotionen nicht ganz sicher war. Dennoch sah ich wieder den Zorn in seinem
bleichen Gesicht.
„Entschuldige, Thomas. Ich versuche
lediglich etwas Positives aus der ganzen Sache zu ziehen.“
„Das war mir nicht entgangen. Du
willst immer die Anderen verstehen. Die Anderen, die uns Zombies noch nicht
einmal erlauben, dass wir in Restaurants gehen können, wann WIR es wollen. Die
uns Vorschriften machen, wie und wann wir uns frei bewegen dürfen! Du musst
immer etwas Positives darin sehen – weißt Du wie lächerlich das ist?!“, die
Tränen standen in seinen Augen und er wendete sich von mir ab. War es schlimmer
geworden? In diesem Moment wünschte ich mir, dass ich ihn irgendwie helfen
könnte. Doch ich war momentan ebenso überfordert mit all dem, was uns
wiederfahren war.
Wollte gerade damit beginnen ihn
gut zuzureden, um wenigstens auf andere Gedanken zu kommen, als drei Studenten
um die Häuserwand gebogen kamen und uns sofort erblickten. Es waren normale
Menschen, kaum älter als wir. Ich kannte sie nur flüchtig, denn sie waren in
anderen Semestern unterwegs. Der eine blonde Typ, dessen wuchtige Erscheinung
am imposantesten war, rief etwas durch und durch Verachtenswertes uns entgegen.
Seine angebliche Freundin im Schlepptau und einen kleinen jüngeren Typen mit
Brille, der breit grinsend, dennoch nicht minder boshaft in meine Augen sah. Es
war eindeutig, dass die drei auf Stress aus waren:
„Hey Mehlgesicht! Alles klar bei
euch?“, fing der Blonde an über den Platz zu rufen.
„Hey Boris – lass die beiden
doch. Habe keinen Bock auf Zoff“, mischte sich seine Freundin ein, doch es war
schon zu spät. Boris – so hieß der große Blonde, hatte sich demonstrativ vor
meinem Freund aufgebaut und tippte dabei dessen Schulter an.
„Na was ist?! Hörst du nicht
richtig? Ihr Dreckszombies habt wohl auch vergessen, wie man auf eine Frage zu
antworten hat oder wie?“
„Jetzt hör auf! Was glaubst Du
eigentlich wer Du bist!“, entfuhr es mir mit Nachdruck. Ich fing an meinen
Freund und dessen Verachtung für die Lebenden nachzuempfinden. Bei einem
solchen Typen wie diesen Boris, viel mir dies auch nicht sonderlich schwer.
„Hast Du gehört Richie? Die
kleine Zombieschwuchtel möchte gerne mitmischen!“, spottete der blonde Hüne und
drängte mich beiseite, dessen Freund sprang auf mich zu und versetzte mir einen
Schlag ins Gesicht. Ich taumelte einige Schritte zurück, fing mich aber wieder
und war im Begriff einen Gegenangriff durchzuführen. In diesem Moment hörte ich
die Stimme meines Freundes, der wutentbrannt auf Richie zustürmte.
„Wage es ja nicht meinen Freund
noch einmal so zu berühren du verschissene Menschenbrut! Ich mache dich fertig!“
Richie schien überrumpelt,
jedenfalls machte er keine Anstalten den Schlag meines Freundes auszuweichen.
Die Brillenschlange fiel zu Boden und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den
Bauch. Ein leises Röcheln entging dessen Lippen.
„Da wird jemand endlich wach!
Jetzt bin ich dran!“, Boris versetze Thomas einen kräftigen Tritt in dessen
Rücken und mein Freund stöhnte auf und ging, ebenso wie Richie, zu Boden.
Boris trat nach und Thomas schrie
auf. Ich versuchte auf Boris loszugehen, wurde aber von dessen Freundin mit
einem Elektroschocker getroffen. Dieses Teil verursachte bei mir eine Art
Lähmungszustand, denn meine Beine versagten ihren Dienst. Ich konnte nur noch
Beobachten, was Boris mit meinem Freund anstellte. Ich konnte Thomas nicht
helfen.
„Thomas!! Nein! Lass ihn in Ruhe!“
Auch wenn ich mir wenig davon
erhoffte, dass dieses blonde Arschloch darauf hören würde, so wünschte ich mir,
dass ein Wunder dennoch geschehen würde.
„Aha – also haben Zombies wie Du
also auch Namen.“, fing Boris mit ironischen Unterton an zu reden. „..deine
Sorte ist dafür verantwortlich, dass meine halbe Familie ausgelöscht wurde. Du
und deines gleichen sind nur Abschaum und sollten aus dieser Welt verschwinden.
Schlimm genug, dass ihr an Schulen zugelassen seid, aber dich hier auf dem
Campus anzutreffen, Tag für Tag widert mich regelrecht an. Das gilt auch ebenso
für deinen kleinen Freund hier.“
Ein sardonisches Lächeln zierte
nun das Gesicht des großen Blonden, bevor er einen weiteren Tritt in die Seite
meines Freundes vollführte. Thomas keuchte und spuckte etwas Blut.
„Du bist der Grund dafür…“,
erwiderte mein Freund mit blutenden Lippen. „warum wir euch nicht ausstehen
können. Du bist der Grund dafür warum wir nicht miteinander auskommen können!“
Mit diesen Worten ergriff Thomas
ein Bein von Boris und biss mit aller Kraft in dessen Wade. Ein Schrei war zu
hören, der von den Häuserwänden abprallte. Jetzt konnte man auch weitere
Menschen und Zombies erblicken, die in die Richtung des Geschehens sahen. Ihre
anfänglich fragenden Blicke verwandelten sich zu nacktem Entsetzen.
„Verdammter scheiß Zombie! – Du hast
mich gebissen! Leute ER hat mich gebissen! – Das Serum verliert offenbar seine
Wirkung!“
Mit einem übertriebenen weiteren
Schrei, der mehr als nur schlecht geschauspielert war, hielt sich Boris das
blutende Bein krampfhaft fest. Dieses Schwein hatte es doch tatsächlich
geschafft, die gesamte Aufmerksamkeit des Campus auf sich zu ziehen.
„Was soll das für eine Show
werden.? Du hast uns doch angegriffen!“, rief ich voller Verzweiflung. Die
Schockstarre ließ langsam nach und ich konnte mich wiederaufrichten. Das erste
was ich tat, war zu meinem verletzten Freund zu rennen.
„Thomas! Was ist mit dir?“, er
röchelte und sah mir starr in die Augen. „Es geht. Habe nur Schmerzen am
Rücken.“, weiteres Blut wurde ausgespuckt. Ich war mir nicht mehr sicher, ob
dies das Blut von Boris war, oder sein eigenes.
„Ich.. ich habe genau gesehen.
Der Zombie hat meinen Freund angefallen!“, rief das Mädchen in die vor Neugier gaffende
Menge.
„Hört mir jemand überhaupt noch
zu!? Die haben uns angegriffen!“, während ich diesen Satz ausgesprochen hatte,
hörte ich schon die Sirenen der örtlichen Polizei. Sie würden den Vorfall
prüfen und, so hoffte ich, zum einem gerechten Urteil kommen.
Die Beamten kamen auf uns zu.
Wenig später kamen noch Sanitäter hinzu, die meinen Freund und Boris
untersuchten. Thomas hatte es nicht gerade schwer erwischt. Er hatte einige
Prellungen erlitten. Das Blut was er ausspuckte stammte von seiner angebissenen
Unterlippe. Doch was es mit den blonden Schlägertypen auf sich hatte, war schon
schwerwiegender. Damit dieser nicht vom Zombievirus befallen würde, musste man
dessen Unterbein amputieren. Ein weiterer Grund und Denkzettel für ihn uns
Zombies zu hassen.
Meine Hoffnungen auf ein wenig
mehr Gerechtigkeit wurden zerstört, als ich erfahren hatte, dass man meinen
Freund einsperren ließ. Nur zur Beobachtung, so hieß es. Er fiel einen lebenden
Menschen an. Man war sich nicht sicher, ob es sich nun doch noch um einen
Rückfall handelte oder nicht. Zumindest konnte ich ihn in seiner Zelle
besuchen, wenngleich die Beamten Bedenken geäußert hatten, dass Thomas
gefährlich sei und ich, auch wenn ich zu seines Gleichen gehören würde, mich
vorsehen sollte. Sie haben mir alle nie richtig zugehört. Warum sollten Sie
auch? Das Wort von Boris Freundin und diesen dubiosen Richie standen gegen mein
Wort. Wen würde man da wohl eher glauben? Einem Untoten oder einem Lebenden? Diese
Welt war alles andere als gerecht. Es war eine Welt, wo die Lebenden sehr
selbstgefällig waren und alles, was sie nicht verstehen konnten, als schlecht
verurteilten.
Ein Metallhalsband an einer Kette
angebracht. Seine eine Hand und Füße ebenfalls an dicken Stahlketten gefesselt.
Wie einen tollwütigen Hund hatten Sie meinen Freund in eine möglichst dunkle
Zelle gesperrt. Es war ein Elend ihn so anzusehen. Als er mein Eindringen
bemerkte, sah er auf und fing an zu lächeln. Es war ein verkrampftes Lächeln,
nicht wirklich von Freude geprägt.
„Phillip. Ich bin froh dich zu
sehen.“
„Mein Gott Thomas. Was hat man
mit dir gemacht? Wie konnten sie dich nur so dermaßen behandeln?“
„Ich habe es dir ja gesagt.
Erinnerst Du dich noch an meine Angst? Ich hatte dir gesagt, dass sie mich wie
ein wildes Tier einsperren könnten. Das was ich am meisten befürchtete, ist nun
eingetroffen. Mein Albtraum wurde zur Realität.“
Ich berührte seine Schulter und
er neigte seinen Kopf so gut es ging. Ich ertastete sanft seine bleiche Wange,
die mit einer Träne besudelt wurde. Es brach mir das Herz, ihn so zu sehen.
Sein Oberkörper war nackt. Er hatte lediglich eine zerrissene Jeanshose an. Vor
ihm war eine Art Napf, wo täglich das Essen serviert wurde. Er lebte wie ein
heruntergekommener Straßenköter, der alles andere als ungefährlich war.
„Philip, denke immer daran was
ich dir gesagt hatte. Wir sind nicht wie DIE! Sie gehören einer aussterbenden
Spezies an. Wenn sie alle sterben, werden sie so wie wir. Aber vorher sind sie
unsere Feinde. Verstehst Du das?“, ich fing an zu überlegen. Die Aggressivität
der Lebenden gegenüber uns. Meine nicht beachtete Aussage. Die Beamten die sich
nur widerwillig meiner widmeten. Die ungerechte Inhaftierung meines Freundes.
Die Lebenden waren bestialisch! Sie waren verachtenswert! Unwürdig behandelten
sie meinen besten Freund. Ich beugte mich zu Thomas rüber und flüsterte ihm
folgendes ins Ohr:
„Ich verstehe dich, mein Freund – und Du kannst mir glauben, wenn ich dir sage, dass ich auch wieder Hunger auf Menschenfleisch bekomme.“, jetzt war das Grinsen im Gesicht meines Freundes nicht mehr gespielt und ich konnte wahre Freude in dessen Gesichtszügen erkennen. Als der Wärter die Zelle betrat, um das Ende der Besuchszeit anzukündigen. Sagte ich gelassen zu ihm: „Bereit – wenn Sie es auch sind…“
ENDE