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Die Christmette

Bald sollte dieses elende Jahr endlich vorüber sein. Du weißt sicher aus eigener Erfahrung, dass manche Jahre besser sind, als andere. Manche sind aber leider auch schlechter als andere und dieses Jahr verlief für mich desaströs.

Erst hatte ich meinen Job, wegen der krisenbedingt schwierigen wirtschaftlichen Lage verloren, dann wurde ich betrogen, weshalb ich meine Beziehung beendete. Aber das Schlimmste sollte noch folgen: Meine Eltern hatten einen Autounfall und verloren dabei ihre Leben. Ein entgegenkommendes Fahrzeug war aus ungeklärten Umständen auf die Gegenfahrbahn geraten und war frontal und ungebremst in unser Familienauto gerast. Sie hatten keine Chance. Dieser Schicksalsschlag hatte mich ganz schön aus der Bahn geworfen, musste ich mir eingestehen.

Als etwas Zeit vergangen war, kam ich wieder besser zurecht und meisterte die Tücken des Lebens wieder besser. Doch ich hatte nicht daran gedacht, was Ende des Jahres passieren würde. Die erste Adventszeit ohne meine Familie war grauenhaft. Keine gemeinsamen Fernsehabende, keine Schneewanderungen, kein Weihnachtsgebäck, dass man direkt neben dem Adventskranz in einer geselligen Runde verputzte. Nichts. Ich war ganz allein. Manchmal war die Trauer so groß, dass ich mich in den Schlaf weinte.

Diese Einsamkeit sollte dann an den Feiertagen in ihren Höhepunkt und dem Maximum der inneren Leere gipfeln. Um diese negativen Gefühle zu vermeiden, nahm ich mir vor, die Tage einfach wie stinknormale Tage zu verbringen. So verbrachte ich den Heiligen Abend mit einem Film und einer Pizza auf dem Sofa. Doch die köstliche Pizza war irgendwann aufgegessen und mein TV-Gerät zeigte den Abspann.

Was nun, fragte ich mich und mich überkam ein Gefühl der Langeweile. Ich beschloss einen kleinen Abendspaziergang anzutreten, streifte meinen dicken Mantel über, zog die warmen Stiefel an und verließ das Haus.

Durch den grauen Schneematsch bahnte ich mir den Weg Richtung Innenstadt. Die Straßen waren menschenleer. Die Häuser, an denen ich vorüber ging, waren festlich geschmückt und waren von zahlreichen Lichtern erhellt. An einem Einfamilienhaus mit großem Erker blieb ich einen Moment lang stehen und blickte in das hellerleuchtete Innere.

Ich sah in ein Esszimmer, indem eine große Familie gemeinsam Weihnachtslieder sang. Die Kinder strahlten über ihre süßen Gesichter und hielten stolz ihre neuen Spielsachen in ihren kleinen Händen. So ähnlich hatten auch meine Weihnachtsfeiern früher ausgesehen und ich hätte mich in diesem Augenblick gerne dazugesellt um dieses warme, nostalgische Gefühl auch nur für einen kleinen Moment wieder spüren zu können.

Ich ging weiter und versuchte die vielen geschmückten Häuser mit den vielen glücklichen Menschen so gut es ging zu ignorieren. Auch die wohlriechende Abluft, die mir von der Küche einer Doppelhaushälfte aus entgegenstieg, ließ ich links liegen und wanderte weiter durch den Schnee.

Es wurde langsam richtig kalt, als ich den Marktplatz erreichte und die Kälte kroch in meinen Mantel. Jetzt müsste ich schnell umkehren und nach Hause laufen, sonst würde ich mich wohl noch verkühlen.

Während ich im Kopf die schnellste Route zurück durchging, hörte ich Orgelmusik aus der Kirche spielen. Ich blickte in Richtung des Gotteshauses, welches majestätisch inmitten des Marktplatzes thronte und mit zahlreichen gotischen Elementen verziert war. Im Inneren brannte ein fahles Licht.

Ein Gottesdienst zu dieser späten Stunde, fragte ich mich, ich könnte ja hineingehen und mich etwas aufwärmen. Ich bewegte mich dorthin und vernahm die Orgelmusik jetzt ganz deutlich. Vielleicht würde ich dort ja sogar einen sympathischen Menschen treffen und mich nett unterhalten können.

Als ich den Griff der schweren Holztüre griff, überlegte ich wie ich möglichst leise und ohne die Messe zu stören eintreten könnte. Dann zog ich kräftig an der knarzenden Tür, sodass sie sich einen schmalen Spalt öffnete, durch den das helle Licht aus dem Inneren hinaus auf das feuchte Kopfsteinpflaster fiel. Geschwind zwängte ich mich durch die Ritze hinein ins Kirchenschiff.

Die Veranstaltung war schon im vollen Gange: Während der Pfarrer vorne am Altar stand und predigte, saß die Gemeinde in den gut gefüllten Reihen und lauschte aufmerksam seinen Worten.

Ohne, dass mich jemand groß bemerkte, schritt ich zur nächstgelegenen Sitzbank und nahm Platz neben einem alten Ehepaar, welches mich gar nicht beachtete und sich voll und ganz auf den Priester konzentrierte.

Der Geistliche erzählte die Weihnachtsgeschichte, sprach von Jesus Christus und wie sich das christliche Fest in den heutigen Zeiten immer mehr von seinem religiösen Ursprung loslöste.

Als er mit seinen Ausführungen zu Ende war, stimmte er „Stille Nacht” an und die Gemeinde stieg lauthals mit ein. Die Lichter wurden gelöscht, sodass einzig ein paar brennende Kerzen für die einzige Lichtquelle sorgten.

Mein Blick wanderte im schwachen Kerzenschein durch die Sitzbänke, wo ich die einzelnen Gläubigen in Augenschein nahm. Ich konnte kein Gesicht wiedererkennen. Ich hatte wirklich niemanden hier in der Kirche schon einmal gesehen.

Plötzlich erblickte ich doch bekannte Gesichter und ich erstarrte zu Eis. Ein paar Reihen vor mir saßen meine Eltern. Ich blickte meiner Mutter direkt ins Gesicht und sie lächelte mir zu! Sie trug ihre langen, blonden Haare offen, ihr Gesicht war festlich geschminkt. Sie drehte sich zu meinem Vater, der neben ihr saß und lauthals mitsang, und tippte ihm auf die Schulter. Fragend kehrte er sich zu ihr, während sie ihm beim Arm packte und mit der anderen Hand in meine Richtung zeigte.

Jetzt schien er mich bemerkt zu haben, lächelte mich ebenso an und winkte mir sogar zu.

Ich fühlte in diesem Moment ein Gefühl, welches ich schon eine Ewigkeit nicht mehr empfunden und es schon fast gänzlich vergessen hatte: Geborgenheit.

Wie war das möglich, fragte ich mich und erhob mich von meinem Sitzplatz in der Absicht zu meinen Eltern nach vorne zu kommen.

„Schlafet in himmlischer Ruh!”, das waren die letzten Worte des Weihnachtslieds und die letzte Zeile wurde noch einmal besonders laut von den Anwesenden geschmettert. Dann waren die Kerzen abgebrannt und mit ihnen erlosch auch die letzte verbliebene Lichtquelle. Auch die Orgel, welche das Lied mit sanften Klängen begleitet hatte, war nun verstummt. Durch den Mondschein, der durch die hohen Kirchenfenster fiel, konnte ich sehen, dass all die Menschen, augenblicklich verschwunden waren. Die Sitzbänke waren wie leergefegt. Ich blickte zu der Reihe, in der ich eben noch meine Eltern hatte sitzen sehen, aber dort saß nun keine Menschenseele mehr.

Ich war jetzt ganz allein in der Kirche und da wurde mir klar, dass ich einem Gottesdienst der Toten beigewohnt haben musste.

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