EigenartigesKurz

Die dunkle Ecke

Anfangs war der Raum voller Leben. Ein helles Licht erstrahlte in dem Raum, der von allen Menschen bevölkert wurde.

Jeder führte fröhlich Gespräche. Ich genoss die angenehme Stimmung und stand etwas abseits in einer Ecke. So hätte es auf ewig bleiben können.

Ein Mann und eine Frau, die sich gerade noch unterhalten hatten, unterbrachen plötzlich ihr Gespräch. Sie drehten sich zu mir und gingen auf mich zu. “Warum sprichst du nicht mit jemandem hier?”, fragte der Mann. Ich fühlte mich etwas überrumpelt, doch versuchte freundlich zu antworten. “Ich habe lediglich die entspannende Atmosphäre hier genossen, mehr nicht.” Die Frau kniff ihre Augen zusammen. “Ich glaube, du willst dich absetzten, denkst wohl, du bist etwas Besseres? Unmöglich!”, keifte sie mir entgegen.

Ich konnte mich gar nicht weiter verteidigen, sie hatte sich schon ihre Meinung gebildet.

Dann geschah alles so unglaublich schnell, und doch erinnere ich mich noch an jeden einzelnen Moment, als sei es wie in Zeitlupe vorübergegangen.

Eine andere Gruppe versuchte, mich zu verteidigen. “Lasst ihn doch in der Ecke sein, wenn er das möchte.” Das provozierte natürlich die anderen sehr. “Was mischt ihr euch denn hier ein? Das ist unsere Sache!”

Dann, oh Gott, dann ging es los. Die Aggression in ihren Gesichtern wurde größer, die Augen weiteten sich, die Körper schwitzten. Dann gingen sie wie die Wilden aufeinander los. Das waren keine Menschen mehr. Es waren Bestien.

Sie haben einander gebissen und sich gegenseitig die Augen ausgekratzt. Dabei hatten sie mich völlig vergessen. Die Ursache, warum es überhaupt zu all dem gekommen war. Sie warfen sich nun alle in einen unübersichtlichen Haufen, es wurde geschrien, gekämpft und schließlich gemordet.

Ich konnte mir das Grauen nicht länger ansehen. Die Axt, die an der Seite stand, kam mir gelegen. Ich wollte nicht länger mit diesen Menschen zusammenleben.

Ich ging in meine Ecke in der ich noch vor nicht langer Zeit friedlich saß und ich schwang die Axt zu Boden.

Mit einem Schlag habe ich ein Loch unter meinen Füßen verursacht. Die Menschenmenge nahm es nicht zur Kenntnis. Sie fuhren fort, sich gegenseitig zu zerfleischen. Dann schwang ich die Axt erneut. Immer und immer wieder. Bis ich meine Ecke vollständig vom Rest des Raumes getrennt hatte. Inzwischen klaffte unter mir ein leerer schwarzer Raum, aus dem ein dumpfes Dröhnen erklang.

Immer weiter entfernte sich meine Ecke von der Horde wilder Menschen, die mittlerweile völlig ausgelaugt wirkten und sich reichlich dezimiert hatten. Schließlich waren sie aus meinem Blickfeld verschwunden.

So trieb ich nun in einer weiten Leere und kauerte in meiner dunklen Ecke. Ich war vollkommen allein – bis ans Ende meiner Tage wird sich dies auch nicht mehr ändern.

 

 

 

 

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