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Die Geschichte des Robert Elm

Part I

Die Lichter der Skyline von Seattle entflammen als die Nacht über die Stadt hineinfällt und diese zum Leben erweckt. In einer heruntergekommenen Bar unter dem sanften Brummen der fluorenszierenden Deckenleuchten sitzt ein einsamer Mann, in seiner zittrigen Hand ein Glas Whiskey haltend.

Dieser Mann ist ein Rätsel. Er erscheint jeden Abend um 10 Uhr im “Spade” und verlässt es kurz vor dem Morgengrauen. Er bestellt immer wieder das Gleiche. Ein großes Glas irischen Whiskey.  Etwas anderes als “Das übliche…” oder ein gelegentliches Schnauben oder Geflüstere verlässt nie seinen Mund. Er ist wie ein Schatten. Für die meisten Leute ist er nicht mehr als ein Obdachloser, den das Glück vor langer Zeit verlassen hat, weswegen er, wie schon viele vor ihm, zur Flasche gegriffen hat. Für jene, die ich jedoch kennen, ist er Robert Elm, ein Mann, der eine Geschichte zu erzählen hat.

Die Nacht war durchwachsen von Schneeregen. Das gewöhnlich lebhafte “Spade” war deshalb menschenleer, bis auf Robert. Er saß auf seinem üblichen Platz. Der hintere linke Tisch, mit dem Gesicht zur Wand gedreht und über seinen Drink geneigt, in völliger Stille, ausgenommen das Brummen der Lampen und das Trommeln des Barkeepers auf der metallenen Kasse. 

Über die Jahre die Elm nun schon mit der untergehenden Sonne hierher geschwemmt wurde, war der Barkeeper Neugierig geworden, was diesen Mann dazu bewegte. Auch wenn er den anderen interessierten Kunden die übliche “er hat seinen Job verloren” oder “er will nur ein wenig abschalten” Ausrede erzählt hatte wusste er tief in seinem Herzen, dass mehr hinter dem Whiskey-Liebenden Schatten stecken musste. Heute Nacht würde es anders sein; der Barkeeper biss sich auf seine Unterlippe, holte tief Luft und ging auf seinen Stammkunden zu.

Der Barkeeper stützte sich mit der Hand auf dem Tisch ab und fragte in seiner freundlichsten Manier: “Na? Wie geht’s?” Robert schrak auf, als hätte er einen Schuss gehört. Langsam hob er seinen Kopf und schaute dem Barkeeper mit seinen großen, grauen Augen ins Gesicht. Er besaß einen beunruhigenden und mächtigen Blick, der die Luft in solch einer Art Schnitt, die der Barkeeper noch nie zuvor gesehen hatte. 

Sein Mund öffnete sich langsam als er grummelte: “Gut… und Ihnen?” Der Barkeeper war erstaunt. Er hatte nicht mehr als das übliche leise Gegrummel des alten Kauzes erwartet aber wurde von einer Frage begrüßt die erschreckend normal war.

“Mir… mir geht’s gut…” antwortete der Barkeeper. “Also, Mister… Das wollt’ ich Sie schon ‘ne ganz schön lange Zeit fragen aber…” Elm zog langsam seine Brauen hoch, gespannt, was nun folgen würde. “Warum kommen Sie immer hier her?” 

Der Trunkenbold kicherte und fragte im Gegenzug. “Warum interessiert es Sie was ein alter Mann wie ich mit seiner Zeit anstellt?”

“Weil,” sagte der Barkeeper mit einem verwirrten Gesichtsausdruck “Sie kommen seit zwölf Jahren jede Nacht zur gleichen Zeit in diese Bar und ich höre Sie gerade zum ersten Mal sprechen… Ich denke das ist Grund genug für mich zu fragen.” Der alte Mann brach in Gelächter aus, das fast eine volle Minute andauerte.

Schließlich beruhigte er sich wieder und fragte. “SIe wollten wissen… warum ich nicht geredet habe?”

“Ja!” rief der Barkeeper. “Das ist ein Rätsel, welches ich bereits seit Jahren zu lösen versuche!”

Robert setzte seinen Drink ab und sagte, “Nun denn mein Freund… in Wirklichkeit…. habe ich nur darauf gewartet, dass Sie mir diese Frage stellen und jetzt, da wir diesen Stein aus dem Weg geräumt haben nehmen Sie doch bitte Platz.” Der Barkeeper nickte und setzte sich seiner neuen Bekanntschaft gegenüber. Mit einem Blick der puren Faszination fragte er:

“Moment, lassen Sie mich das klarstellen. Sie haben in zwölf Jahren nie ein Wort mit jemandem in dieser Bar ein Wort getauscht. weil Sie darauf gewartet haben, dass jemand auf Sie zukommt?”

“Yep…” kam die pregnante Antwort und nach einem kurzen Lacher fragt er weiter:

“Nun, Sir, was haben sie denn all die Jahre erzählen wollen?”

Robert Elm sah dem Barkeeper direkt in die Augen und sagte: “Meine Geschichte natürlich.” Der Barkeeper gab eine fragende Geste von sich und der alte Mann sprach weiter ohne seinen Blick von ihm abzuwenden: “Die Geschichte, wie ich hier endete, die Geschichte wie ich nur knapp dem Tod selbst entkommen bin und… nun, da niemand sonst hier ist, Sir, sind Sie der erste seit vielen Jahren, der meine Geschichte zu hören bekommt. Machen Sie sich auf etwas gefasst!” Das Gesicht des alten Mannes wurde von einem Lächeln durchzogen.


“Na dann, lassen Sie hören!” sagte der Barkeeper und Robert kicherte erneut.


“Das wollte ich hören! Schnapp dir einen Drink und mach es dir bequem, das kann ein Weilchen dauern!”

Und so begann Robert Elm seine Geschichte.

“Das alles begann im November 1962. Ich lebte in einer kleinen Stadt im ländlichen Iowa. Damals kannte jeder noch jeden und wir waren wie eine große Familie. Es war ein sicherer Ort, deswegen lies sich meine Familie dort nieder, auch wenn es nur ein karges Stück Farmland war. Meine ganze Jugend lang war ich hinter einem Mädchen namens Elizabeth her. Ich kann sie mir gerade bildlich vorstellen. Mit der Zeit wurde unsere Beziehung immer stärker. Nach der High School kauften wir das Haus ihres Onkels in der vierten Straße und lernten langsam zusammen zu wohnen, da wir vorhatten zu heiraten. Es war anstrengend um es milde auszudrücken. Als ich noch ein Jungspund war hatte ich ein hitziges Temperament, welches nur stärker wurde als wir uns näher kamen. 

Ich erinnere mich an einen ganz bestimmten Tag, als sie mir beichtete, dass sie einen Unfall mit dem Ford meines Vaters hatte. Ich… ich schlug ihr mit dem Deckel eines Mülleimers quer durchs Gesicht. Ich habe nichts in meinem Leben mehr bereut als das. Es war noch nicht einmal ihre Schuld. Für den nächsten Monat kam ich jeden Morgen in die Küche und sah den blassroten Fleck auf ihrem Gesicht. Sofort wurde mir schlecht und keiner von uns verlor ein Wort.. Es war ein Wunder, dass sie mich nicht verließ. 

Eines Nachts zerbrach dann alles. Ich kann mich nicht erinnern warum aber sie setzte mich am Straßenrand aus und sagte: “Finde den Weg nach Hause selbst, Arschloch!” Mir wurde ganz eng in der Brust als sie davonfuhr und ich fing an die leere Landstraße entlangzulaufen.

Ich bin mir unsicher, wie ich so vom Weg abkommen konnte aber nach einer Stunde voll von hysterischem Herumgefluche fand ich mich inmitten eines Kornfeldes wieder,  das an die Straße in die Stadt und aus ihr hinaus grenzte. Da war ich nun, weinte bitterlich, riss die Kornähren mit meinen baren Fäusten aus dem Boden und schrie “Elizabeth” und “Es tut mir leid” so laut ich nur konnte. Nur die Vögel und gelegentlich auch eine Vogelscheuche schenkten mir gehör. Stundenlang stolperte ich ziellos umher, schreiend, weinend über das, was ich meiner Geliebten angetan hatte, bis ich mich schließlich auf einem dürren Feld einen Moment lang ausruhte, um wieder zu Atem zu kommen und um mir eine Entschuldigung zu überlegen, die ich ihr bei meiner Heimkehr vorbeten könnte. 

Nachdem ich nach potenziellem Ärger ausschau gehalten hatte legte ich meinen Kopf auf die weiche Erde, um meine Augen für einen Moment auszuruhen. Einige Stunden wonnigen, tränenlosen Schlafes vergingen, bevor ich durch ein Rascheln aufgeweckt wurde. Mein Herz sank mir in die Hose und ein kalter Schauer lief meinen Rücken hinunter. Ich sprang auf und drehte mich um. Eine gigantische Figur, gehüllt in eine schwarze Robe lief durch das Feld auf mich zu. Der Mann schien über den Boden zu schweben, obwohl seine Füße sichtbar waren und er auch menschlich aussah. Er hatte blasse, faltige Hände. Als er mich erreicht hatte senkte er seinen verhüllten Kopf zu Boden und sprach in einem trockenen, monotonen Ton zu mir.

“Guten Abend, Reisender.”

Ich klopfte mir die Erde von der Kleidung und fragte erstaunt: “Wer sind Sie?”

Er antwortete: “Nur ein Mann auf dem Weg zu einem Meeting.”

Ich sah ihn verblüfft an. “Hier?” fragte ich.

Er sah mich an und sagte, “Ich wähle gerne die  Route durch die Landschaft. Hier ist es wesentlich friedlicher als bei dem Gehetzte und Gedränge an den Straßen. Nun, was ich mich frage ist, wer bist du und was machst du hier?” Wenn ich so zurückblicke bin ich erstaunt wie bereitwillig ich ihm so viel von mir anvertraute.

“Mein Name ist Robert,” sagte ich verlegen. “Meine Freundin hat mich hier in der Nähe aus dem Wagen geschmissen. Wir haben uns gestritten und ich habe sie geschlagen… und sie hat geweint und… und… “ Mir kamen wieder Tränen in die Augen.


“Kein weiteres Wort, mein Freund.” sagte der Mann und winkte ab.  “Ich mache dir ein Angebot, du kommst mit mir und nimmst an meinem Meeting teil. Meine Freunde und ich werden dich wieder aufheitern und morgen früh begleiten wir dich nach Hause. Na, wie hört sich das an?”

Ein Lächeln zog sich über mein Gesicht und ich dankte der verhüllten Figur. Ich streckte meinen Arm aus um ihm für seine Gastfreundschaft die Hand zu schütteln aber wich zurück und meinte, es gäbe nichts, wofür man ihm Danken müsse.

Zusammen machten wir uns auf den Weg durch den Rest des Feldes in den Wald. Während wir voranschritten hatte ich mehr Zeit meinen neuen Freund zu betrachten. Er war ein Titan eines Mannes, um es milde auszudrücken. Mit Händen, doppelt so groß wie die meinen. Fast schon in die Bäume übergehend überragte er mich, mit seinen weit über 2 Metern. 

Er bewegte sich mit erstaunlicher Wendigkeit, für einen Mann seiner Größe und wich den Ästen und Sträuchern fast schon im Lauftempo aus. Ich musste beinahe doppelt so schnell wie gewöhnlich laufen, um mit ihm mithalten zu können. Seine Robe schimmerte immer noch, auch wenn der Mond nun nicht mehr sichtbar war. Seltsamerweise war es egal wie schnell er lief, seine Kapuze verdeckte stets sein Gesicht. Um die Stille zu brechen startete ich eine Konversation. 

“Also… wie heißt du eigentlich?” fragte ich.

Der Mann sah zu Boden und antwortete: “Du kannst mich Lombard nennen, das ist nur einer meiner vielen Spitznamen.”

“Okay Lombard, wer sind diese Freunde von dir und was ist das für ein Meeting und… wo gehen wir überhaupt hin?”

Nur ein Meeting, mein Freund, gehalten hier in den Wäldern mit ein paar guten Bekannten von mir. Du musst dir keine Sorgen darüber machen, Robert. Stell es dir mehr wie eine Party vor. Es wird deinen Kopf etwas von deinem Kummer befreien.”

In diesem Moment realisierte ich, dass ich gegen alles verstieß, was mir die Gesellschaft in meinem Leben beigebracht hatte. Ich wurde auf einem Feld aufgefunden und entschied mich dazu mit einem seltsamen, vermummten Mann mitzugehen, um seine Freunde im Wald zu treffen. Ein gebrochenes Herz kann die Leute wirklich zu verzweifelten Taten führen…

Es dauerte nicht lange, bis wir ein Licht in der Ferne erspähten. Als wir näher kamen verwandelte sich das Licht in einen Kreis aus Fackeln, die um eine runde Lichtung mit Tischen und Stühlen darauf aufgestellt wurden. Ein Altar, verziert mit einem roten Tuch, stand in der Mitte davon. An jedem Tisch saß eine Gruppe von Leuten, die wie Lombard gekleidet waren. Manche von ihnen hatten jedoch ihre Kapuze unten und zeigten ihr Gesicht. 

“Da wären wir!” sagte Lombard voller Freude. “Setz’ dich zu den anderen und genehmige dir selbst einen Drink und etwas zu Essen, die Feierlichkeiten werden schon bald beginnen.”

Ich ging zu einer der weniger gesprächigen Gruppen hinüber und setzte mich. Soweit ich mich erinnern kann war dort  auch der einzige freie Platz. Neben mir saß ein altes Paar und ein junger Mann mit hochgestellter Kapuze. Als ich sie danach fragte, warum sie hier seien bekam ich eine mehr als unbefriedigende Antwort. Das Paar fing an zu lachen, als hätte ich ihnen den Witz des Jahres erzählt und der vermummte Mann grunzte etwas Unverständliches.  Da ich mit meinen Sitznachbarn nicht viel anfangen konnte entschied ich mich das Essen auszuprobieren. Gelegentlich stand ein Korb mit Brot auf den Tischen und es gab Fleisch in allen Variationen. 

Da ich noch ein paar Stunden bevor das hier alles begann, ein füllendes Mahl in der Stadt hatte war ich nicht gerade am Verhungern, deshalb gab ich dem Wein eine Chance, der in kleinen Kelchen an jedem Platz stand. Ich nippte daran, doch bereute es auf der Stelle. Mir wurde schwindelig und ich sah alle möglichen Farben, während ich fast an meiner eigenen Zunge erstickte. Die alte Frau erzählte mir, dass es nach dem dritten Glas aufhören würde weh zu tun und begann herzhaft zu lachen. Nach etwa fünf Minuten lies der Effekt des Getränks nach und ich kippte bereitwillig den Rest auf den Boden… ich nahm nicht an, jemand würde davon mitbekommen. Plötzlich erklang eine Glocke und die Anwesenden erhoben sich im Einklang von ihren Sitzen und gingen auf die Mitte der Lichtung zu. Lombard kam auf seinem Weg zu mir gelaufen. 


“Wie gefallen dir unsere Speisen und Getränke? Und wie sind die Gäste?” fragte er.

Ich schwieg über meine unangenehmen Erfahrungen am Tisch und sagte: “Alles super! Ich habe mich wieder ein wenig beruhigt. Was kommt als nächstes?”

“Exzellent, mein Freund! Ich bin mir sicher du wirst dich schon bald wieder mit ihr vertragen und ich bin froh dir eine Hilfe gewesen zu sein, aber nun haben wir ein paar Dinge zu erledigen.”

Plötzlich standen wir inmitten des Kreises der verhüllten Gäste, alle mit gefalteten Händen. Lombard befahl mir mich in die Mitte  zu setzen. Als ich mich weigern wollte sagte er mir, es wäre bloß eine Formalität, damit die Gruppe mich für diese Nacht unter ihnen akzeptierte. Ich kniete nieder und Lombard nahmen seinem Platz an dem purpurnen Altar ein. 

Ich sah mich um. Die in Roben gekleideten Menschen um mich herum stießen alle einen seltsamen, gesummten Ton aus, der stieg und fiel, als die Minuten vergingen. Ich blickte hinauf zu meinem gigantischen Freund, der sich inzwischen zur Mitte des Zirkels gedreht hatte und, zu meinem Erstaunen seine Kapuze abgenommen hatte, um mir einen Blick zu ermöglichen, den ich niemals vergessen würde. Auf Lombards langen, breiten Schultern saß der Kopf einer Ziege. Rabenschwarz, bis auf einen weißen Streifen zwischen seinen blassgrünen Augen und mit zwei gewundenen, elfenbeinfarbenden Hörnern, die sich hinter seine Ohren drehten. Dieses Ding, das vor mir stand, hielt seine Hand in die Höhe, und das Summen stoppte abrupt.

Lombards sah hinauf in den Himmel und rief in die Nacht hinein. “Brüder und Schwestern des schwarzen Zirkels! Ich stelle euch vor: “Der Bleiche!”

Die Gruppe fing an lautstark zu jubeln.

“In dieser Nacht werden wir der Pein ein Ende bereiten! Und eine Ära des Frieden wird über unseren Orden hereinbrechen!”

Der junge Mann, der zuvor neben mir gesessen hatte lief auf den Redner zu.

“Meine Lordschaft,” flüsterte er, während er sich auf ein Knie niedersenkte. “Ich durfte ein Zeuge davon werden, dass er den Bereiniger nicht angenommen hat. Wir können nicht fortfahren, bis er es getan hat.” Er schritt zurück zu seinem Platz und nahm seine Stellung wieder ein. 

“Ist dies so?” sagte Lombard fragend. “Nun denn! Es tut mir leid euch warten zu lassen, meine Kinder aber das Sakrament muss warten!”

Der Zirkel antwortete mit Gebrüll und Buh-Rufen auf Lombards Aussage. Ein großer Mann zog eine geschwungene Klinge aus seiner Robe und lief auf mich zu. Ich versuchte aufzustehen, doch wie aus dem Nichts wurde ich von Jemandem zurück auf meine Knie gezwungen. 

“Für die Liebe von Sekra! Ich habe mein gesamtes Leben auf diesen Moment gewartet!” rief der Mann, während er mit dem Messer in seiner Hand herumspielte.

“Aufhören, du Narr! Das wirst du bereuen!” brüllte Lombard und ergriff den Arm des Mannes. 

Die letzte Erinnerung, die ich noch von dieser Nacht habe ist, wie sich die gigantische Gestalt von Lombard den verhüllten Mann griff und beide vor mir auf dem Boden landeten. In dem Handgemenge erwischte mich der Messergriff des Mannes zwischen den Augen und ich verlor das Bewusstsein. 

 

Part II

Ich wachte in einem kleinen, dürftig eingerichteten Raum mit weißen Wänden und dunkelbraunem Parkettboden auf. Basierend auf dem, was ich sah schätze ich das Gebäude wurde im späten 19. Jahrhundert errichtet. Ich versuchte meinen Kopf vom Kissen zu heben, doch wurde von einem lähmenden Schmerz an meiner Stirn begrüßt, wo mich der Messergriff bei der Zeremonie im Wald getroffen hatte. Meine Beine schmerzten und fühlten sich an, als wären sie in Zement gegossen. Es ließ mich erschaudern, dass ich keine Ahnung davon hatte, weshalb ich nicht mehr dort war, wo ihn ohnmächtig wurde. Ich konnte von draußen gedämpfte Stimmen hören und meine Tür öffnete sich. Der Widderköpfige Lombard stappte in den Raum und schloss die Tür hinter sich. 


“Guten Morgen, mein Gast!” begrüßte er mich. “Ich nehme an dir hat das kleine Nickerchen gut getan.”


“Ja…” antwortete ich. “Vor allem, nachdem mir einer deiner Freunde fast die Nase gebrochen hat!”


“Du musst dir keine Sorgen um ihn machen, mein Freund. Seine törichte Aktion hat ihn seinen Platz in dem Orden gekostet,” sagte er in einem beruhigenden Ton. 

Lombard setzte sich neben mich auf das Bett und ich zog instinktiv meine Beine an mich. 

“Nur die Ruhe, mein Freund. Ich bin sehr wohl ein Mensch und das ist nur eine Maske, nicht mehr:”

“Was ist mit dem Rest? Der Hokuspokus, über den ihr geredet habt, der Widderkopf, der ‘Schwarze Zirkel’!? Ich will Antworten, sofort.”

“Ah, du hast das Recht beunruhigt zu sein. Das alles wird dir erklärt werden. Lass mich ganz von vorne beginnen…” er rückte ein Stück, um mich besser ansehen zu können. “Im späten 19. Jahrhundert, haben zwei Vettern eine Stadt, nicht weit von hier, gegründet. Es war eine kleine landwirtschaftliche Gemeinde, sehr wohlhabend und wohl gedeihend, bis das Fieber sie übermannte. Viele starben, eingeschlossen die Tochter des Bürgermeisters. In einem letzten verzweifelten Versuch schloss sich die Gemeinde näher zusammen und kämpfte gemeinsam gegen die Krankheit. Sie brannten die Stadt nieder und errichteten ein neues Bauernhaus für den Bürgermeister. Das Haus, in dem du jetzt gerade sitzt. Der Plan war erfolgreich. Mit dem gesamten medizinischen Personal am gleichen Ort war es viel einfacher die Kranken zu behandeln und schon bald wurde das Fieber ausgelöscht. Die Gemeinde verblieb als eine große Familie in diesem Haus, bis zum heutigen Tage und ich bin ihr Patriarch.

Der Ziegenkopf / Widderkopf symbolisiert die einzige Spezies an Vieh, die uns in dieser dunklen Zeit mit Trank und Speisen versorgte und, zu deiner Information, er ist permanent auf meinem Kopf befestigt. Wir nannten uns selbst den schwarzen Zirkel in Erinnerung an den schwarzen Tisch im Speisesaal, an dem wir uns versammelten und Geschichten erzählten, um uns gegenseitige Hoffnung zu geben. Das Ereignis, dessen Mittelpunkt du warst, ist bekannt als Neophytes Sakrament. Wir geben unseren Neulingen kleine Mengen Halluzinogene und fordern sie so heraus uns ihr wahres Ich zu offenbaren. So können wir feststellen, ob sie vertrauenswürdig sind. Ich war ein starker Gegner des Sakraments aber ich wurde von den Anderen unter Druck gesetzt und hatte keine Wahl. Die Worte, die wir benutzten waren einfach, um unsere Auseinandersetzung zu verbergen, die wir aufgrund des fehlenden Vertrauens in unserem Orden haben. Und wegen der Taten von Alabaster… ich entschuldige mich aufrichtig dafür.”

Lombard erhob seinen massiven Körper und sprach mich direkt an. “Nun denn, ich bin Valentin Ambrosius Lombard der Zweite, mit nichts zu verbergen, zu deinen Diensten.”

Selbstverständlich war ich überrumpelt von der Fülle an Informationen, die mir vermittelt wurde.

Bevor ich antworten konnte fragte Lombard, “Irgendwelche Fragen?”

Ich schüttelte meinen Kopf, gerade als eine Frau in seinem simplen braunen Gewand in den Raum kaum, sich auf ein Knie sacken ließ und flach sagte: “Sie werden auf der Krankenstation benötigt, mein Gebieter.”

Lombard drehte sich zu ihr und sagte, “Ich werde sobald ich kann dort sein, Alice. Ist Stephen wieder in den Drescher gekommen?”

“Nein” lachte sie, ihre Augen immer auf den Boden fixiert. “Pier hat Silvia wieder geärgert. Diesmal hat sie es nicht gefallen lassen und zurückgeschlagen. Die beiden werden dort auf dich warten.”

Der Anführer gab ein herzliches Lachen von sich. “Dieser Pier! Fast so ein Unruhestifter wie ich, als ich noch ein Kind war!” Er drehte sich zu mir zurück. “Ich werde später wiederkommen und mich mit dir unterhalten, mein Freund. Ich muss mich zuerst um diese Angelegenheit kümmern. Ruhe dich in der Zwischenzeit noch ein wenig aus.”

Beide, Lombard und die Frau, liefen aus dem Raum und schlossen die Tür hinter ihnen. Sie hinterließen nichts als Stille. Mein Kopf fühlte sich schwer an und ich entschied dem Rat meines neuen Freundes Gehör zu schenken und mich noch ein wenig auszuruhen.

Ich erwachte dem Lichteinfall nach zu urteilen früh am Morgen und sah Lombard bereits am Tisch in der Ecke meines Raumes sitzen.

“Guten Morgen, mein Freund!” sagte er fröhlich. “Komm! Setz’ dich, genehmige dir selbst ein nahrhaftes Frühstück!” Er stand von seinem Stuhl auf und eine Platte mit Würstchen, Brot und einem Glas Saft wurde hinter ihm sichtbar. Ich war in der Lage mich selbst aus dem Bett zu hieven. Meine Beine schmerzten immer noch und meine Knie waren steif aber ich humpelte hinüber zum Tisch und setzte mich. Ich probierte mein Frühstück.

“Sammle deine Kraft… du wirst sie später noch brauchen, ich habe es vom Zirkel genehmigt bekommen… Ich werde dir gegen drei eine Tour durch das Haus und die Umgebung geben. Versuche deine Beine bis dahin wieder beweglich zu bekommen.”

Lombard winkte nur kurz, bevor er den Raum geschwind verließ.  Ich hatte mein seltsam schmeckendes Mahl nach wenigen Minuten verzehrt und verbrachte den Rest der verbleibenden Zeit damit, meine müden Beine auszustrecken und aus dem Fenster zu schauen. Der ganze Tag der Bettruhe und der Kampf gegen, was auch immer mich am Boden festgehalten hatte, hatte sie ungemein geschwächt. Felder, die an einen dichten Wald angrenzten erstreckten sich vor mir. Ein einziger Feldweg, der mit Fakeln versehen wurde führte zum Hauseingang. Ich vermutete irgendwo dort im Wald waren der Esstisch und der Altar und dahinter das Feld, in dem mir Lombard begegnet war. Und irgendwo dorthinter war Elizabeth. Zuhause. Ich seufzte.

“Bereit?”

Ich erschrak, als Lombard die Stille brach. Die Zeit war schneller vergangen als erwartet. 

“Komm… folge mir, Freund.”

Ich ging unwohlen Schrittes mit ihm durch eine Halle mit einem Gemälde eines anderen widderköpfigen Mannes. Ein riesiger Kronleuchter erhellte den Raum und an den Seiten war eine Tür nach der anderen. 

“Hier ist der erste Stock. Er wird für die Verpflegung unserer Mitglieder genutzt. Der Raum in dem du wohnst ist das Gästezimmer. Er wird nur selten genutzt. Von ihm aus hat man einen guten Blick auf die Eingangshalle, die wir später besichtigen werden.”

“Bist du das da auf dem Bild?” fragte ich.

“Ha! Nein, das ist der Gründer des Zirkels, mein Urgroßvater, Ambrosius Garret Lombard. Ein großartiger Mann! Ich wünschte, ich hätte ihn persönlich kennengelernt.” 

“Also hat er das ganze Widderkopf-Ding losgetreten.” Lachte ich unsicher. 

Wir gingen hinab, durch die Eingangshalle, den Wohnraum und ein Sitzzimmer. Ich lauschte Lombards Geschichten, wie er den Kindern im Winter Märchen an der Feuerstelle erzählte und von dem alten Mann, der ein Meister im Spielen des alten Flügels im Wohnraum war. Ich fragte ihn über die Doppeltür am Ende der Eingangshalle aber bekam nur die Antwort, dass ich dort nicht hinein dürfte, da ich noch keine ausreichende Berechtigung hatte. Wir gingen nach draußen und erkundeten das Grundstück.

Von außen war das Haus gigantisch. Es war eindeutig eine Art altes Bauernhaus. Wir gingen links um das Haus herum zu drei weiteren Gebäuden. Ich fragte Lombard wofür diese gut wären. Er sagte eines von ihnen wäre ihre Kapelle, die nun aber baufällig und deswegen unbenutzt war, das daneben ihr Schulgebäude und das etwas kleineres Betongebäude wurde als Lagerraum genutzt. Ich nickte bloß und wir liefen weiter.

In einem Moment der Stille fragte ich: “Nun, was genau ist eigentlich dein Job hier?”

Lombard stoppt um über meine Frage nachzudenken. “Ich bin das Oberhaupt dieses Ordens, mein Freund. Ich bin viele Ding… Richter, Rektor, Vater, Doktor. Viele Dinge eben.”

Wir gingen zurück zu meinem Zimmer und Lombard erklärte mir, dass ich mich nun, da ich das Gelände besser kannte, frei darauf bewegen durfte. Allerdings nur am Tag, in der Nacht war es mir nicht erlaubt, mein Zimmer zu verlassen. Da die Sonne bereits fast hinter den Baumkronen verschwunden war ging ich also ins Bett. 

Die nächsten Tage verbrachte ich damit mich besser mit der Umgebung vertraut zu machen. Nachdem ich mit ein paar Anhängern von Lombards Ordern gesprochen hatte, fiel mir eine Art Muster in ihrer Verhaltensweise auf. Sie alle brachen niemals den Augenkontakt und sprachen sehr ruhig. Egal wie alt sie waren, sie fanden stets einen cleveren Weg meine Fragen zu umgehen, besonders jene, in denen es um Lombard, den Betonbau oder die Aktivitäten in der Haupthalle ging. Da mir schnell bewusst wurde, dass ich so keine Antworten finden würde änderte ich meine Strategie. Ich machte mich auf zu dem Gebäude, was etwa ein Fußballfeld entfernt vom Haus lag und untersuchte es genauer. Der Bau hatte keinerlei Fenster und bloß eine einzige Metalltür, an der ein Vorhängeschloss hing. Vorerst konnte ich hier wohl keine Hinweise sammeln.

Einige Wochen vergeblichen Untersuchens vergingen, bevor ich endlich wieder vollends gesund war. Ich konnte fühlen, dass meine Stärke zurückgekehrt war und begann den Morgen mit einem Workout. 

“Oh… da ist jemand wieder auf seinen Beinen…” sagte er trocken.

“Yep, fühle mich ziemlich gut.” antwortete ich.

Lombard schritt durch den Raum. “Ich nehme an du willst bald wieder nach Hause gehen…” seuftze er.

Ich stand auf und sah den Titan an. “Ja, schätze schon… Ich vermisse Elizabeth und ich muss es irgendwie wieder gut machen.”


“Gut, gut…” Lombard stoppte. “Robert, wenn du nur noch eine Woche bleiben könntest… Es fühlt sich inzwischen an, als wärst du ein Mitglied unserer Familie und… Wir würde gerne diesen Sonntag ein Abscheidsritual für dich halten… um tschüss zu sagen… Du warst einer der nettesten Besucher in einer langen Zeit.”

Ich lief näher auf ihn zu und sah ihm tief in die Augen, so wie er es schon oft bei mir getan hatte. “Es wäre mir eine Ehre, mein Freund.”

In jener Nacht, kurz vor Sonnenuntergang, kam Lombard ein weiteres Mal auf mein Zimmer. Diesmal sprach er in einem wesentlich ernsteren Ton und meine Körperhaltung lies ihn noch imposanter als sonst aussehen. “Robert, wir bereiten ein Abschiedsritual für deine Wenigkeit vor und ich verlange, dass du die Vorbereitungen unter keinen Umständen störst. Bitte bleibe in diesem Raum, bis ich wiederkehre. Es ist nur eine Art Generalprobe; Wir wollen doch nicht  die Überraschungen ruinieren.” Ich nickte ihm zu und versuchte die plötzliche Veränderung in seinem Auftreten zu ignorieren. Er verließ geschwind den Raum. 

Ich war nie wirklich ehrlich zu meinem Gastgeber. Jedem Akt der Gastfreundschaft stand ein Ereignis oder eine Sache gegenüber, die mich mit Misstrauen erfüllte. Auf der einen Seite versorgte mich Lombard  mit Essen und ich sah, wie er liebevoll die Kinder unterrichtete, auf der anderen Seite gab es Dinge wie den Betonbau oder das seltsame Ritual als ich an diesem Ort ankam. Die Freundlichkeit der Mitglieder wurde überschattet von ihrer beunruhigenden Art zu Sprechen und ihren starren Blicken. Alles in mir schrie danach wegzulaufen aber mir war klar, dass ich nicht weit kommen würde. Diese ganzen Mysterien brachten meine Neugier jedoch beinahe zum Überkochen und dieser Nacht traf ich eine Entscheidung. Alsbald es Still im Haus wurde zog ich meine schweren Arbeitsstiefel aus, öffnete leise die Tür und schritt nach draußen in die Dunkelheit. 

In meiner Kindheit war ich unzählige Bäume hochgeklettert, es war also nicht besonders schwierig die Wände der großen Halle hinaufzukommen. Nachdem ich die Treppen hinabgestiegen und durch das Foyer aus der Eingangtür gegangen war rannte ich zur Rückseite der Halle und begann meinen Aufstieg. Zu meinem Glück war die Ziegelsteinwand schon ziemlich mitgenommen und hatte einige Lücken, die exzellente Haltegriffe waren. Es dauerte nicht lange, bis ich auf dem Dach stand. Aus dem Innenraum konnte ich das gleiche Summen vernehmen, dass ich bereits bei meiner Ankunft gehört hatte. Verzweifelt suchte ich nach einem Eingang und ich fand eine Dachluke, an der eine Leiter befestigt war, die in eine Art offenen Dachboden führte. Ich versteckte mich hinter einigen alten Kisten, damit ich verdeckt alles beobachten konnte. Ein Grinsen überzog mein Gesicht. Nun würde ich die ganze Wahrheit erfahren. 

Das Summen der vermummten Gottesanbeter verstummte und der monströse Lombard betrat die Bühne. Er stand hinter einem mir leider sehr bekannten Altar. Er hob seine Hand wie in der Nacht, als ich hier her kam und sprach mit voller Stimme. 

“Brüder und Schwestern des schwarzen Zirkels! Ich habe euch erneut hier versammeln lassen um zu Sekra zu beten. Und um die Anwesenheit des Bleichen zu feiern, dessen Leben am kommenden Sonntag sein ehrenwertes Ende nehmen soll!” Die Menge jubelte mit Zustimmung.” Meine Freunde, ich entschuldige mich aus tiefstem Herzen für die… Unterbrechung…ein paar Wochen zuvor”, grummenlte Lombard.

Ein Schwall der Buh-Rufe brach über die Halle hinein.  “Nun, meine Kinder! Ich habe eine Art… Anhörung veranlasst; um euch allen zu zeigen wie wir mit Leuten umgehen, die eine Page für unsere Gemeinschaft darstellen. Ich präsentiere euch den Mann, der für die Verzögerung verantwortlich ist, Bruder Alabaster!” Jeder der Anwesenden brüllte vor Freude in den Raum, als der Mann mit verbundenen Augen, nackt bis auf ein Leinentuch und mit einigen seltsamen Tattoos auf seinem ledierten Körper in den Raum und zu dem Altar gezerrt wurde. Ich fühlte mein Abendessen in mir emporsteigen. 

Drei Männer in roten Umhängen befestigten die Arme und Beine des Mannes auf dem Altar und Lombard reichte in eine Kiste hinter ihm. Alabaster schluchzte vor Angst und seine Bitten verwandelten sich in unverständliches Geschreie, als man die Fesseln festzog.  Einer der Männer in rot stopfte ihm ein Stück Stoff in den Mund und er verstummte. Lombard drehte sich wieder zum Publikum und hob einen schimmernden Dolch über seinen Kopf. 

“Hier und jetzt! Wir geben dir ein Opfer, allmächtige Sekra! Eine Opfergabe aus Fleisch und Blut!” Alabaster war hysterisch und der Altar glänzte vor Schweiß. Aus seinem Mund lief Blut und versuchte trotz des Tuches darin immer weiter zu schreien. Die Zuschauer wurden ganz still und erwarteten mit Spannung den folgenden Akt. Manche leckten sich die Lippen und in ihrer aller Augen war Blutrünstigkeit zu erkennen.

“Nun! Für den Stolz unserer Mutter gibt er sein Leben.” Lombard entnahm das Tuch aus Alabasters Mund und er ließ einen Schrei los, der so laut war, ich hätte ihn auch von meinem Zimmer aus hören können.

“Hife–!” Das Tuch wurde ihm wieder in den Mund gestopft und man schlug ihm quer durchs Gesicht. Erneut zog Lombard das Tuch hinaus und diesmal schrie er: “Für den Stolz unserer Mutter, ich gebe mein Leben!!”

Ohne zu zögern rammte Lombard die Klinge in den Torso des Manner und seine schmerzerfüllten Schreie erfüllten den Raum. Lombard machte einen langen Schnitt den Bauch entlang. Ich konnte selbst außer meiner Position die Knochen brechen und das Fleisch reißen hören, während Alabaster weiterhin schrie. Die Wunde war zu einer Blutfontäne geworden und Lombards Hände wurden komplett darin getränkt. Lombard warf das Messer auf die Seite. Dann senkte er seine Hände in die Wunde und riss sie einige Male nach oben, bis er schließlich Alabasters Leber in den Händen hielt. Ich musste mich beinahe übergeben. Lombard hielt das tropfende Organ über seinem Kopf und rief: “Für den Stolz der Sekra!” Er stopfte sich den großen Klumpen Fleisch in seinen Mund als wäre er ein wildes Biest geworden und die Zuschauer jubelten ihm zu. Die drei Männer in rot banden den Leichnam los und schleppten ihn in einen Nebenraum. Ich war wie eingefroren, starr vor Angst, während meine Gefühle für meinen scheinbar freundlichen Gastgeber in Stücke zerbrachen. Bevor ich verarbeiten konnte was gerade passiert war sprach Lombard bereits weiter: “Niemand wird unserem Gast hiervon erzählen. Ich werde sogleich nachsehen, wie es unserem Freund ergeht.” kicherte er, während die Meute sich vor Lachen kaum halten konnte.

Ich war vom Dach verschwunden noch bevor Lombard die Bühne verlassen hatte. 

Part III

 

Ich konnte meinen eigenen Herzschlag hören, als ich zurück aufs Dach kletterte und mich an der Ziegelsteinwand nach unten hangelte. Die letzten paar Meter sprang ich hinunter und rollte mich auf der Wiese ab. Ich holte mir lediglich ein paar Schrammen. Zurück um das Haus und die Treppe hinauf eilte ich in mein Zimmer, gerade als ich hörte wie sich die Haupthalle öffnete. Ich konnte Lombards donnernde Schritte vernehmen, wie er die Treppe hinaufstieg und geradewegs auf mein Zimmer zulief. Die Tür öffnete sich und meine Augen trafen die des Giganten. 

“Es freut mich zu sehen, dass dein Abend entspannt war, Freund.”

Ich zuckte mit den Schultern und sagte: “Ich hatte schon bessere Abende. Ich habe einen wirklich seltsamen Traum gehabt, der hat mich etwas fertig gemacht… Wie verlief denn euer Ritual?” Ich stelle mich so gut es ging dumm.

Lombard nickte: “Alles lief wie erwartet. Der Rat erwartet mit Spannung die Feierlichkeiten am Sonntag. Bis dahin genieße deine Ruhe, Freund.” Ich konnte einige eilig weggewischte Blutflecken an seiner Maske erkennen. 

Lombard schloss die Tür und ich konnte hören, wie der Rest der Kultmitglieder in die Eingangshalle lief. Auf meinem Bett sitzend wägte ich meine Situation ab. Ich war noch eine ganze Woche an diesem gottverlassenen Ort gefangen, bis sie mich schließlich töten würden… Eine Woche, in der ich herausfinden musste, was hier wirklich vor sich ging. Eine Woche, um meine Flucht zu planen. 

Am nächsten Morgen erwachte ich schon früh und eilte in die Bibliothek. Ich dachte dort würde ich am ehesten Informationen finden. Die Bibliothek hatte eine Tonne an Büchern. Alles von “Krieg und Frieden” bis zu “Pat de Hase”. Ich schlich durch die unendlichen Gänge von Regalen und erreichte das Ende des Raumes. Alles was im letzten, staubigen Regal stand war ein altes Buch mit einem Ledereinband. Nichts daran schien sonderlich interessant zu sein, bis ich den Titel erspähte. “Das Buch von Sekra” Da ich den mysteriösen Namen seit letzter Nacht nicht vergessen hatte klemmte ich mir das Buch unter den Arm und verließ die Bibliothek unbemerkt.

Ich setzte mich an den Tisch in meinem Zimmer und schlug den antik wirkenden Schinken auf. Vor meinen Augen offenbarte sich eine Wand aus alt-englischem Text. Auch wenn ich gut mit der englischen Sprache vertraut war, fiel es mir dennoch schwer das Geschriebene zu verstehen und ich stolperte nur langsam durch die Kapitel der Sagen und Opfergaben. Ich fand nicht viel unter dem unbedeutenden Kauderwelsch. Nur ein paar Zeremonien, von denen mir vielleicht eine handvoll etwas sagte. Eine davon beschrieb den Akt,  wie der Kopf eines Widders auf dem eines Menschen befestigt wird und eine volle Seite zeige eine schlanke Frau auf einem Thron sitzend, deren Mund mit Blut befleckt war.  Darunter stand: “Sekra, die Heilige”. Ich brachte das Buch zurück und entschied mich, mich weiter auf dem Grundstück umzusehen. 

Da ich keinen Weg seh, wie ich das Vorhängeschloss des Betonbunkers zerstören konnte, machte ich mich stattdessen auf zur Kapelle. Die Tür schwang einfach genug auf und in dem Gebäude waren Türme von alten Boxen und Möbelstücken. Ich wühlte mich sicherlich eine Stunde durch den Haufen verrottenden Holzes und fand rein gar nichts von Interesse. Das Schulgebäude nebenan brachte ähnliche Resultate. Ein paar Tische standen in einfachen Reihen vor einem etwas größeren Pult mit einem Namensschild auf dem “Master Lombard” stand. An der Wand hing bloß eine Tafel, sonst nichts. Geschlagen ging ich aus dem Gebäude hinaus und mir fiel augenblicklich etwas ins Auge. Das Vorhängeschloss des Betonbaus… lag im Gras vor der Tür. Mein Herz machte einen Sprung und ich sprintete in Richtung des Gebäudes. Meine Hand ging bereits zum Türgriff als die Tür plötzlich aufgestoßen wurde. Heraus kam ein kleiner, dicklicher Mann, der die Tür eilig hinter sich verschloss. Er bemerkte mich und stellte sich mit dem Rücken vor die verschlossene Tür. Er sprach:

“Oh nein nein nein nein, da dürfen Sie nicht rein. Das ist kein Ort für Außenseiter! Geh zurück Junge! Geh zurück auf dein Zimmer, sonst rufe ich den Meister!” 

Ich seufzte und machte mich niedergeschlagen auf den Rückweg. Trotz meines Missmutes schlief ich an diesem Abend schnell ein. 

In den folgenden Tagen konnte ich meinen Verstand langsam schwinden fühlen als ich mich mehr und mehr mit meinem Schicksal anzufreunden begann. Ich verbrachte die meiste Zeit im Bett, verweigerte mein Essen und versuchte mir möglichst viele schöne Erlebnisse noch einmal in den Kopf zu rufen, bevor ich am Sonntag meinem unausweichlichen Tod gegenüberstehen würde. In meiner Zeit an diesem Ort hatte ich des öfteren Leute in den Wald laufen sehen, doch sie wurden immer fast augenblicklich von Männern und roten Umhängen verfolgt. Deshalb rannte ich nicht einfach davon. Ich fürchtete mit mir würde das selbe passieren. Es war Samstagnacht als ich mich noch einmal intensiver mit meiner Situation auseinandersetzte. Meine Hände fest ineinander gefaltet überlegte ich, wie ich diesen Wahnsinn womöglich doch überleben konnte. Bis ich meine Augen endgültig für den Tag schloss hatte ich mir noch einmal ein mentales Bild des Gebäudekomplexes ins Gedächtnis gerufen und meine optimale Fluchroute geplant. Ich hoffte auf das Beste.

Ich wachte spät am Sonntagnachmittag auf. Es mag ungewöhnlich klingen aber das Wissen über meinen unausweichlichen Tod hatte mich im Bett gehalten. Lombard kam gegen 6 Uhr auf mein Zimmer. 

“Bist du bereit zu gehen, mein Freund? Wir sind dabei die letzten Vorbereitungen für die Feierlichkeiten zu treffen. Sobald du soweit sein solltest gehe bitte zu dem großen Gemälde im zweiten Stock. Schiebe es auf die Seite und du wirst eine kleine Treppe entdecken. Diese Stufen führen in meine Kammer. Ich muss die letzten Schliffe für deinen Abschied persönlich vorbereiten.” Ich nickte still als er langsam die Tür schloss. Für einen Moment saß ich still da und ging meinen Plan erneut durch. Ich schwitzte und atmete schwer, doch ich traf eine Entscheidung. Ich zerbrach einen der Stifte aus der Schublade und ließ ihn in meinen rechten Stiefel gleiten. 

Ich folgte den Anweisungen Lombards und stieg die versteckten Stufen hinter dem Gemälde hinauf. Dahinter lag ein großer, runder Raum. Die komplette Wand war mit Bücherregalen vollgestellt und in der Mitte stand ein großer Tisch. Darauf lagen einige Stapel Papier und eine Schreibmaschine. Durch die gläserne Decke schien Mondlicht hinein und gab dem ganzen einen schaurigen Eindruck. Lombard begrüßte mich mit einem herzhaften Lachen. Er befahl mir, mich bis auf meine Hose zu entkleiden und ich zeigte mich kooperativ und beugte mich unauffällig in seine Richtung, als ich begann meine Schuhe aufzuknoten. Als ich kurz hinter mich spähte konnte ich Lombard seine Vorfreude förmlich aus dem Gesicht lesen. Ich grinste und schob vorsichtig den Stift aus meinem Schuh. Dann, ohne zu zögern drehte ich mich um und rammte den Stift mit all meiner Kraft in Lombards Bauch. Lombard krümmte sich und ließ sich auf seine Knie sacken. Ich konnte das Blut in seiner Kehle gurgeln hören und griff nach der Schreibmaschine, zog sie über den Tisch und schleuderte sie dann mit voller Wucht sein Gesicht. Der Gigant ging ohnmächtig zu Boden und lag mit seinem Gesicht in einer kleinen Pfütze seines eigenen Blutes. 

Ich war bereits drauf und dran die Flucht zu ergreifen, als ich hinter mir ein leises Lachen vernehmen konnte. Ich drehte mich um und sah, wie sich der Gigant langsam aufrichtete. Seine Maske war verbogen und voller Blut. 

“Du, mein Freund… bist klüger als die üblichen Seelen, die wir hier her verschleppen.” krächzte er. 

Ich knirschte mit den Zähnen, “Ich werde gehen! Ich weiß was ihr letzte Woche getan habt, ich habe zugesehen! Und nun verrate mir, was hier wirklich vor sich geht!”

Lombard kicherte, “Wie du wünschst. Was ich dir über unsere Geschichte erzählt habe ist in der Tat so geschehen, jedoch habe ich ein paar Dinge verschwiegen, um dich interessiert zu halten. Die Zwei Vettern, die diese Stadt gegründet haben stehen uns in der Tat näher als du denken magst. Einer von ihnen war mein Urgroßvater und der andere… war deiner. Unsere Medizin verlor schon bald seine Wirksamkeit gegen das große Fieber und mein Vorfahre, der große Visionär, der er war wendete sich an… andere Mittel. Er fand ein altes Buch auf seiner Reise durch das Land; damit hast du dich inzwischen ja auch Bekanntschaft gemacht. Dieses Buch beschreibt, wie man zu der antiken Göttin Sekra betet. Im Austausch für ein Menschenleben würde Sekra ein anderes retten. Schon bald fingen wir an ihre göttliche Macht zu unseren Gunsten zu nutzen. Wir retteten unsere Gemeinde. Jedoch verließ dein Urgroßvater, der sich durch seine Moral der Realität gegenüber verschloss, unser Dorf. Kurz vor der Geburt seines Kindes legte er ein Gelübde zu Dialus ab, dem Bruder und das polare Gegenstück der glorreichen Sekra. Er ist der Gott der Moral und Gerechtigkeit. Durch dieses Gelübde wurde seine Blutlinie für immer dazu verdammt unseren Orden auszulöschen. Diese ganze Martyrium diente dem Zweck das einzige Menschenleben zu enden, das uns gefährlich werden konnte und dessen Blutlinie ein für alle Mal zu vernichten!”

Ich schüttelte ungläubig meinen Kopf und fragte. “Also… also war das alles geplant? Wie viel hier von war Teil eures Plans? WIe lange schon habt ihr versucht mich zu euch zu locken?”

“Ich werde in einem Moment darauf zurückkommen aber hier ist ein Geheimnis, dass dir wirklich gefallen wird… Normarlerweise könnte deines Blutes jedes unserer Mitglieder, selbst mit einer solch dunklen Aura wie die meine, mit einer einfachen Berührung zu Boden zwingen. Das war mir bewusst, als ich mit dir in Kontakt trat. Jedoch habe ich dir diese Macht entzogen, denn es gibt eine Sache, die keine Kräfte schwinden lässt: Menschliches Fleisch und Blut.” Be dieser Aussage durchfuhr ein Schock meinen Körper. Er begann noch lauter zu lachen. “Das ist richtig, mein Freund! Ich habe persönlich dafür gesorgt, dass du deine tägliche Portion Mensch mit deinem Essen bekommen hast. Du hattest nicht die leiseste Ahnung! Oh, deine Vorfahren würde so stolz auf dich sein!”

Er wusste nicht, dass ich seit Tagen hungerte. 

Ich tat einen Schritt auf ihn zu und ergriff sein Handgelenk. Ich drückte so fest ich konnte zu und es fühlte sich an als würde ich auf rohes Fleisch drücken. Der Gigant schrie auf, als Fetzen seines verflüssigten Fleisches auf den Boden auf den Boden tropften. Scheinbar hatte ich etwas meiner Kraft zurückgewonnen. Ich drückte weiterhin zu und spürte das Knacken der Knochen und das Reißen der Sehnen in meinen Fingern. Dann zog ich kräftig an seinem Arm und hielt Lombards abgetrennte Hand in der meinen. Er fiel erneut winselnd zu Boden.

Lombard hielt seinen blutigen Stumpf. “Ich verstehe, du warst mir einen Schritt voraus, cleverer Mann der du bist. Aber keine Sorge, du wirst diesen Ort niemals lebend verlassen, dafür werde ich sorgen!” 

Ich schrie ihm ins Gesicht, “Du wirst mich niemals töten, du Monster! Sobald ich hier verschwunden bin nehme ich Elizabeth und wir werden so weit von der Stadt wegziehen, wie wir nur können. Ihr werdet niemals in der Lage sein uns zu finden.”

Lombards lachte heiser “Du wirst niemals sicher sein, mein Freund… Selbst wenn du dich geborgen fühlen solltest, wir werden immer da sein. Wir werden dich beobachten. Wir vergessen niemals. Nicht einmal mit deinem Mädchen wirst du sicher sein. Warte bis du ihre Geschichte hörst. Wie du sicherlich bemerkt hast verwandelten sich deine Gefühle ihr gegenüber mit der Zeit. Du solltest wissen, dass wir uns ihrer angenommen haben und sie als eine Art Schlüsselfigur für unsere Zwecke nutzten. Wir brachten sie dazu deine im Blut verankerten Instinkte zu wecken und dich uns so geradewegs in die Arme laufen zu lassen. Sie war so ein naives Mädchen… was ein Dummerchen… hübsch war sie…”

Das wars. 

Ich warf mich erneut auf Lombard und drückte meinen Fuß auf seine Brust. Ich packte ihn fest an der Hörnern und begann zu ziehen. Lombard schrie vor Schmerzen, als sich die Nähte nach und nach lösten. Der Titan versuchte mich mit seinem gesunden Arm und seinem Stumpf wegzudrücken aber jeder Kontakt mit meiner Haut resultierte nur in weiteren Schmerzen für ihn. Mit einem letzten kräftigen Zug löste sich auch die letzte Naht und ich warf die Kopfbedeckung hinüber zur Wand, wo ihre Zähne zersplitterten und sie in einer Blutlache lag. 

Lombard krümmte sich auf dem Boden zusammen und ich rannte zur Tür. Sein verunstaltetes Gesicht zuckte, während er mir folgende Worte zurief. “Ich schwöre es, Robert Elm! Du wirst dem Zorn des schwarzen Zirkels niemals entkommen, du wirst durch meine Hand sterben!” 

Ich lachte zurück: “Das werden wir ja sehen, mein Freund!” Eilig sprintete ich die Treppen hinunter und verließ das stille Haus. 

Mein Beine schmerzten von dem Kampf aber ich versuchte es zu ignorieren und rannte so schnell ich konnte über das Feld. Als ich an der großen Halle vorbeikam konnte ich hinter mir Schreie des Terrors vernehmen. Ich kicherte über die Reaktion, die ich verursacht hatte. 

“Ich werde dieses… Ding niemals wieder sehen.” sprach ich zu mir selbst. Ich eilte zum Betonbau am Rande des Grundstücks. Ich dachte mir jetzt wäre der perfekte Zeitpunkt zu erforschen, was es damit auf sich hatte. Auf halber Strecke durch das Feld sah ich die Männer in roten Umhängen, die mit Fackeln in den Händen die Suche nach mir eröffnet hatten. Ich legte einen Zahn zu. Ich war in der Lage die unverschlossene Tür zu erreichen, während der Suchtrupp den Stall und den Werkzeugschuppen nach mir durchforstete. Meinen kurzen Moment der Sicherheit wahrnehmend stemmte ich die Tür auf und schlüpfte hinein. Der Raum war spärlich beleuchtet von einer einzigen Glühbirne, die lose von der Decke hing. Einige Fässer standen an den Wänden und in den Ecken. Eine Werkbank stand an der Wand am anderen Ende des Raumes, neben einer weiteren großen Metalltür.

Gerade in dem Moment, als ich den Raum untersuchen wollte, hörte ich Schritte auf der anderen Seite der Tür und mein Herz setzte für einen Schlag aus. Ich musste mich schnell in einem der Fässer verstecken. Ich schob den Deckel zur Seite und wurde von einem furchtbaren Gestank begrüßt, der mich unkontrolliert würgen ließ. Ausweglos ließ ich mich in den glibbrigen warmen Schleim gleiten und hielt meine Luft an. Alsbald ich bis zum Hals untergetaucht war konnte ich den alten Mann von vorhin den Raum betreten sehen. Er trug einen Leichnam auf seiner Schulter. Er trat an die Werkbank und warf den Toten mit einem geübten Schwung darauf. Zu meinem Entsetzten begann er dann mit einer großen Auswahl an Messern und Werkzeugen an dem Körper herumzuschneiden. Er schien bereits sehr geübt darin zu sein solche Operationen auszuführen. Die Eingangstür öffnete sich und der Suchtrupp stand davor. Sie fragten den Mann, ob er mich hier irgendwo gesehen hatte doch er verneinte, und nach ein paar kurzen Blicken durch den Raum verschwanden die Männer wieder. Ich tauchte wieder etwas auf und versuchte weiterhin so gut es ging meine Luft anzuhalten. Ich zog immer nur kleine Happen Luft durch den Mund ein, um dem Gestank zu entgehen und hielt völlig still, um meine Position nicht zu verraten. Plötzlich fing der Mann an der Werkbank an mit sich selbst zu reden.

“Oh ja, du wirst einen schönen Braten geben, ja das wirst du!” Er kicherte leise. Ich würgte erneut, der Gestank und der Schock waren zu viel. Jetzt hatte ich die Aufmerksamkeit des Mannes erregt. Ich musste mich beeilen und einen Zug machen. Ich schob den Deckel des Fasses beiseite, stieg hinaus, griff den Deckel und rannte so schnell ich kannte auf den Mann zu und rammte ihm die Kante davon an die Schläfen. Er fiel mit einem dumpfen Schlag zu Boden. Schnell entnahm ich ihm das Messer aus der Hand und rannte in Richtung der Tür. Da ich unter der Glühbirne entlang lief nutzte ich den Moment und sah an mir herunter. Mein Magen verkrampfte sich als ich sah, dass meine Kleidung in eine dicke Schicht aus Blut und Gedärmen gehüllt war. Ich zog eine gigantische Blutlache hinter mir her. Das Gefühl mich übergeben müssen zurückhaltend, schob ich die Tür auf und ein dunkler Tunnel kam zum Vorschein. Eine solch natürlich Struktur hatte ich schon lange nicht mehr gesehen. Es herrschte Totenstille, bis auf das Tropfen des Blutes von meiner Kleidung. Irgendwo hinter mir ertönte ein Schrei und ich fing an zu rennen. Ich hielt meinen Atem erneut an und ignorierte das klaustrophobische Gefühl das der enge Tunnel mir gab. 

Der schier endlose Tunnel bog schließlich in einen kerzenbeleuchteten Raum ab. Er war vielleicht 5 Meter lang und hatte eine gewölbte Decke, ich hatte jedoch wenig Zeit mich darin umzusehen, denn als ich ihn betrat sah ich einen Mann der Suchtrupps mit dem Rücken zu mir stehen. Er hielt eine Schrotflinte in der Hand. Mir wurde klar, dass ich hier und jetzt sterben würde doch zu meiner Verwunderung schien er mich gar nicht bemerkt zu haben. Das war meine Chance. Ich holte aus und rammte ihm das gestohlene Messer in den Hinterkopf. Er gab ein kurzes Stöhnen von sich und sank zu Boden, wo er bewegungslos lag. Ich ließ das Messer in seinem Schädel stecken und nahm stattdessen seine Waffe mit. 

“Das sieht doch schon viel besser aus,” murmelte ich, als ich sie über meine Schulter schwang. Auf dem Boden, über den sich nun das Blut der Wache ergossen hatte, erblickte ich eine kleine metallene Luke. Da ich keinen anderen Ausgang sah und mir der Suchtrupp auf den Fersen war stieg ich hinunter und kam in einer kleinen Nische im Wald, in der Nähe eines Teiches heraus. Nahe der Leiter standen einige Plastikeimer voll Schuhen, Rucksäcken und anderen Dingen. Dies mussten die Wertsachen der Leute gewesen sein, die die kannibalistisch orientierte Sekte nicht mehr benötigte. Bei diesem Anblick durchfuhr mich ein unwohles Gefühl doch es wurde auf der Stelle verdrängt, als ich etwas glitzerndes ein paar Meter weiter sah. Fahrräder! Ich atmete auf, griff mir das am neusten aussehende der Räder und fuhr so schnell es meine Beine erlaubten in die Dunkelheit des Waldes hinein. 

Nach einigen Stunden und ein paar Müsliriegeln, die ich in dem Rucksack, den ich mitgenommen hatte, gefunden hatte erreichte ich endlich in der Stadt. Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass meine Freunde und Bekannten erstaunt über meine Rückkehr waren. Ich wusste allerdings, dass ich nicht anhalten und mich mit ihnen unterhalten konnte. Ich kam an unserem Haus an. Elizabeth rannte auf mich zu. Ich sah sie nicht einmal an. Ich ging hinein, packte das nötigste zusammen und stieg in mein Auto, ohne Elizabeth, die mich mit Fragen löcherte, Aufmerksamkeit zu schenken. Sie sah mich leidvoll an, doch ich wusste, dass sie es nur stellte. Als sich unsere Blicke kreuzten sah ich ihn ihren Augen, dass sie bereits alle Antworten zu ihren Fragen wusste. Ich legte den Rückwärtsgang ein und fuhr davon. Ich sah diese Stadt nie wieder. Ich sah Elizabeth nie wieder. 

Viele Jahre vergingen. Ich zog von Stadt zu Stadt, doch immer wieder fanden sie mich. Sie haben mich immer gefunden. So viele Jahre schon renne ich davon, doch ich bezweifle, dass ich ihnen jemals entkommen werde. Für die letzten 12 Jahre war dies hier mein sicherer Rückzugsort, doch ich fürchte auch das wird bald ein Ende haben. Ich bin zu alt, um noch davonzurennen mein Freund… einfach zu alt…

Der Barkeeper starrte Robert fasziniert an, “Also haben sie deswegen in Einsamkeit gelebt?”


“Ja. Ich nahm an, je mehr ich für mich behalten würde, desto sicherer würde ich sein.”

Der Barkeeper stotterte, “Und… das Trinken… die Opfergabe… die, die Leber… ist das warum?”

Der Geschichtenerzähler lachte, “Ha, Ja, wenn sie mich finden und sich an mir nähren wollen, sollen sie daran ersticken!” 

Der Barkeeper lachte etwas beunruhigt und der alte Mann bemerkte, dass der Mond bereits tief stand und klopfte sich den Staub von der Hose. 

“Ich werde nun gehen… Die Sonne wird bald aufgehen… Es war eine wahre Erleichterung diese Geschichte endlich mit jemandem teilen zu können.”

Der Barkeeper lächelte “Es war auch eine Freude sie zu hören. Haben Sie eine gute Bettruhe, Mr Elm.” Robert nickte und verließ den Laden. Er nahm die U-Bahn nach Hause, wie jede Nacht und rieb seine Hände, um die Kälte fern zu halten. Nach der kurzen Fahrt stieg er das Treppenhaus hinauf in seine Wohnung. Er atmete tief durch und öffnete die Tür. Nachdem er seinen Mantel und seinen Schal aufgehängt setzte er sich in seinen Sessel nahe der Tür, die er verschlossen hatte und sah aus dem Fenster in die Ferne. Ihm fiel etwas ins Auge. Es war eine gigantische Figur mit blassem Gesicht und einem verrückten, verstümmelten Grinsen. Robert Elm saß bewegungslos da und starrte das Wesen an. Das Ding sprach zu ihm, in seinem gequälten, teuflischen Ton…

“Guten Abend, mein Freund.”

 

Original: https://creepypasta.fandom.com/wiki/The_Tale_of_Robert_Elm
von G1pringle

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