EigenartigesKurzOrtschaften

Die Insel

Es war ein Wunsch, ein Entkommen, ein Ausflug, ein Boot, mit dem ich spontan auf eine Insel fuhr. Schwarz angestrichen, ein paar wenige Menschen waren mit mir an Bord, und leicht rumplig blieb das Gefährt am Kiesstrand hängen, ich trat sofort auf den festen Boden, wollte kontrollieren, ob ich meinen Rucksack bei mir hatte, als mir einfiel, dass ich nichts bei mir hatte. Frei? Es ging ein kühler Wind und ich ging den einzigen Weg, der vor mir lag, entlang. Rundum waren Wiesen, doch an seinem Ende stand das einzige Gebäude der Insel, eine kleine Kapelle, die sich trotz ihrer Größe und eigentlichen Unscheinbarkeit optisch zur Herrscherin dieses Landstücks aufspielte. Ich ging bis zu ihrem Eingang, warf eines kurzen Blick in ihr ebenso schlichtes Inneres und entschied mich nach kurzem Überlegen dagegen, einzutreten.

Lieber wollte ich mir den Rest der Insel ansehen, und ging nun in die Richtung des zweiten Ortes hier, der auffiel: Ein künstlich angelegter Teich befand sich unweit von der Kapelle, ein viereckiges Betonbecken, das ursprünglich vielleicht einem anderen Zweck gedient hatte, aber mir fiel kein passender ein. Jetzt schwammen ein paar Seerosen an seiner Oberfläche und bei näherem Herantreten konnte ich einige Fische im trüben Wasser erkennen. Ich atmete den charakteristischen Teichgeruch, der mich an meine Kindheit erinnerte, überhaupt ein typischer Kindheitsgeruch war, tief ein, nahm aber auch einen stechenden, gammligen Stich wahr. Um mich blickend stellte ich fest, dass weit und breit keine Menschen waren, als wäre seit Jahrhunderten niemand hier gewesen. Das konnte nicht sein – aber gleichzeitig bekam ich den Eindruck, dass nichts nicht sein konnte und ich nicht so überheblich sein sollte, zu glauben, das zu wissen. Es waren Ideen von meiner Vergangenheit, von emotional prägenden Minuten, mehr war es nicht, die mich einnahmen, während meine Erinnerung daran, wie ich an diesen Ort gelangt war, verschwamm, oder ich kein Interesse dafür aufbringen konnte. War das Demenz? Nein. Die Gedanken wurden unterbrochen, als ich am Rand des Teichs einen kleinen, bräunlichen Salamander erblickte, meine Hand in seine Richtung streckte und gegen Beton stieß – das Tier war verschwunden, ohne dass ich es sich bewegen sah. Gut, die Sachen stimmten nicht so, wie sie waren. Als hätte sich etwas verschoben, verwoben, der unangenehme Geruch wurde dominanter.

Ich beschloss, das Gebäude zu umrunden, in jene Richtung zu gehen, die ich noch nicht durchforscht hatte. Mittlerweile war mir übel und meine Kehle trocken, mein Kopf heiß und meine Hände eiskalt. Die Ohren schmerzten vom beständigen Wind und die Augen tränten. Ich merkte, dass ich mich dem dritten Fixpunkt der Insel näherte, als ich auf einem Plätzchen, das zuvor von der Kapelle bedeckt worden war, einige Steine erblickte. Gleich blieb ich stehen – Grabsteine? Das war mein erster Gedanke, der sich nicht mehr verdrängen ließ, obwohl es sehr untypische Grabsteine wären, sollten es welche sein, dachte ich mir. Der Gestank wurde noch intensiver, und vielleicht war es auch er, der mich an den Tod denken ließ. Meine Schuhe drückten mich und mein Kopf dröhnte, langsam vermischten sich die Eindrücke schneller. Der Teich war nicht mehr zu riechen, keine Erinnerung. Hinter den Steinen, sicher von Menschen gemacht, die ungeordnet aus der lockeren braunen Erde stachen, waren natürliche Felsen, gegen die die Brandung hörbar, aber im Sturm untergehend schlug. Meine Hände waren bläulich, meine Haut überall trocken, nur auf der Stirn stand Schweiß, und ich weinte nicht mehr nur des Windes wegen. Ich ging näher an die Steine heran, die in hellen Beigetönen gehalten waren, und konnte tatsächlich ein paar eingravierte Zahlen erkennen. Meist vier Ziffern, aber kaum Jahreszahlen – sie erstreckten sich von 315 bis 2335. Es könnten Uhrzeiten sein, dieser Einfall schien mir passend, aber auch abstoßend, vielleicht gerade deshalb passend. Ich versuchte, durch den Mund zu atmen, fühlte mich aber so, als würde ich ersticken, und stellte wieder auf die Nase um, die Übelkeit wollte sowieso nicht weichen. Das Gesicht nass und in Schmerzen zusammengezogen, musste ich mich nahe der Steine auf den Boden setzen, und fragte mich, warum es auf den Friedhöfen, auf denen ich früher gewesen war, nie nach Tod gerochen hatte. Die Leichen waren verschlossen und vergraben, aber dafür viele, und Erde roch auch nicht gut. War es verrottendes Fleisch, das nach Tod roch, oder der Tod selbst? Ich stützte mich mit einer Hand auf den feuchten Boden, als ich wahrnahm, wie dieser vibrierte, schnell intensiver wurde, bebte, und mir wurde schlagartig klar, dass das das andockende Boot war: Das ergab keinen Sinn und tat es trotzdem, und es sollte uns zurückholen, mich aber nicht. Das war undenkbar, ich konnte die Augen nicht offen halten. Ich spürte, wie das Beben wieder nachließ, und hörte eine Stimme, die nicht mit mir sprach. Eine Frauenstimme, scheinbar am Telefon, die aufgebracht, schnell, ernst, unappetitlich ernst, schwer und gestresst etwas beschrieb. Wörter konnte ich keine verstehen, aber mein Name wurde einmal und dann nie wieder genannt.

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3 Kommentare

  1. Uhh etwas verschachtelt und komplexe Schreibweise…
    Komme grade aus dem Studio. Die Vertonung davon kommt heute auf SchattenZirkus 😀

    Nur so als Frage: Was ist wirklich passiert ?

    Ich hatte gedacht das Boot und die Insel und weil er seine Tasche nicht mitnehmen konnte: Es geht um Styx und die Überfahrt.
    Liege ich damit richtig ? Kindheitserinnerungen könnten das Abspielen des Lebens sein..

    Nur die Verbindung zur Gesamten Insel versteh ich glaube ich nicht gänzlich.

    1. Ist meine erste Pasta und ich hoffe, der Schreibstil ist nicht zu eigenwillig … 😅 Habe bewusst relativ viel Interpretationsraum gelassen, aber deine Deutung passt schon so und die Insel steht für eine Art Isolation

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