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Die Silbermünze

Es war vor einigen Jahren. Ich war rüber ins Nachbardorf gelaufen, denn dort wurde Kirchweih gefeiert. Ich verbrachte einige gesellige Stunden in guter Gesellschaft bei Leckereien vom Grill und einigen Gläsern Bier. Ich lernte viele neue Leute kennen und es entwickelten sich schnell die interessantesten Gespräche. So merkte ich gar nicht, wie schnell die Zeit verstrich. Dies wurde mir erst klar, als sich der Platz langsam leerte, die Verkaufsstände abgebaut wurden und die Musik aufgehört hatte zu spielen.

Es war auch schon dunkel geworden, denn die Nacht war längst angebrochen. Ich trank mein letztes Glas aus, verabschiedete mich und sah mich nach einem vertrauten Gesicht um, in der Hoffnung noch eine Mitfahrgelegenheit in meinen Wohnort zu erhaschen. Aber es waren kaum noch Menschen da und die wenigen Anwesenden, schienen alle von hier zu kommen.

Ich fluchte und trat also den Heimweg an. Es waren nur wenige Kilometer und ich würde sicher in etwa einer Stunde schon zuhause im warmen Bett liegen.

Nach einer Weile – ich musste schon grob die Hälfte meiner Reise hinter mich gebracht haben – durchschritt ich ein kleines Waldstück. Es war durch den Schein des Vollmonds der ansonsten sternenklaren Nacht ausreichend wenn auch spärlich ausgeleuchtet, aber ein wenig mulmig war mir schon.

Als ich mich sputete, den Forstabschnitt schnell hinter mich zu bringen, erblickte ich zu meiner Rechten einen fahlen Lichtschein zwischen den Baumstämmen. Die Quelle dieses Scheins ging vom Boden auf und schien sich in meine Richtung zu bewegen.

Wie erstarrt, blieb ich stehen und blickte durch die Bäume hindurch auf die Erscheinung, die ich nicht zuordnen konnte. Dann erkannte ich die Umrisse einer leuchtenden Gestalt. Ich weiß bis heute nicht genau, was es war, aber ich glaube es war etwas, dass die meisten Menschen wohl als einen Geist beschreiben würden.

Mir gefror das Blut in den Adern und ich fürchtete mich sehr, auch wenn das Gespenst sich unauffällig verhielt und mir scheinbar wohlwollend begegnete. Ich wollte losrennen, aber meine Beine versagten mir den Dienst, ich wollte schreien, aber aus meiner Kehle brachte ich keinen einzigen Laut hervor.

Nun war die geisterhafte Erscheinung direkt vor mir, wo sie langsam auf der Stelle hin und her schwebte. Ich konnte die schemenhafte Gesichtszüge eines alten Mannes erkennen.

Der Geist sprach zu mir: „Sei gegrüßt mein Freund! Hab keine Angst, denn ich will dir kein Leid zufügen. Ich bitte dich nur um einen Gefallen: Geh und zünde im Dom eine Wachskerze für mein Seelenheil an. Lass sie abbrennen und ehe die Flamme erlischt, wird sie dreimal aufflammen. Dieser Taler soll dein Lohn sein!”

Die Gestalt aus Licht reichte mir eine Münze. Sie schien sehr alt zu sein. Ich löste mich aus meiner Verkrampfung und nahm die Münze an mich, die im Mondschein silbern schimmerte. Dann verschwand das mysteriöse Wesen wieder in den Tiefen des Waldes.

Ich rannte jetzt schnell nach Hause, das ich auch bald erreicht hatte. Dort angekommen fiel ich hundemüde in mein Bett und schlief direkt ein.

Als ich am Morgen erwachte, kamen mir die Ereignisse aus der Nacht wieder in den Sinn. Hatte ich mir das alles nur eingebildet, fragte ich mich. Ich musste wohl ein Bier zu viel getrunken haben. Ich hatte mich schon wieder beruhigt und die ganze Sache als Unfug abgetan, als mir doch noch eine Idee zur Überprüfung meiner Erinnerung kam.

Schnell stieg ich aus meinem Bett auf und hob meine Hose, die ich am Vortag getragen hatte, auf. Ich prüfte die Hosentaschen und fand die eigenartige Münze. Sie war rund, etwas größer als ein Zwei-Euro-Stück und schien aus Silber gefertigt worden zu sein. Sie war reichlich verziert mit einem Halbmond auf der einen und fremdartigen Schriftzeichen auf der anderen Seite.

War es also doch wahr und ich hatte es mir nicht eingebildet?

Noch am selben Tag fuhr ich in die Stadt und betrat den Dom, so wie es mir der Geist aus dem Waldstück aufgetragen hatte. Das mächtige Kirchenschiff war komplett leer und ich war dort ganz allein. Ich nahm eine Kerze, stellte sie an einer dafür vorgesehenen Stelle ab und entzündete ihren Docht mit meinem Feuerzeug.

Ich beobachtete die Kerze eine ganze Weile bis das Wachs von den Flammen verzerrt war und sie auszugehen drohte. Doch ehe die Kerze gänzlich abgebrannt war, fuhr die Flamme noch dreimal empor, ganz wie es das Wesen vorhergesagt hatte.

Ich freute mich, dass der Geist nun endlich die Erlösung und seine ewige Ruhe gefunden hatte und verließ, mit einem Grinsen im Gesicht, die Kathedrale.

Die Silbermünze habe ich heute noch und ich trage sie stets bei mir. Ich bin mir sicher, dass sie mir schon häufig Glück gebracht hat.

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