ClassicEigenartigesExperimenteKreaturenMittelPlottwitst

Die Tür im Hinterkopf

Wie gut kennt man jemanden? Einen alten Freund den man seit Jahren nicht mehr gesehen hat? Ich dachte, ich kannte Viktor. Damals saß er in der Schule immer abseits von all den anderen. Ich hatte ihn damals angesprochen und habe mich damit selbst zum Außenseiter gemacht. Jeder mied Viktor. Ich konnte nicht verstehen warum.

Nach einiger Zeit musste Viktor wegziehen. Das war damals schwer für mich. Ich hatte diesen seltsamen ruhigen Kerl in mein Herz geschlossen.

Die Zeit verging und nach Jahren, wie das dann oft so ist, hatte ich Viktor vergessen. Ich hatte einen soliden Bürojob bekommen und führte ein durchschnittliches Leben alleine in einer kleinen bescheiden Wohnung.

Es war alles langweilige Gewohnheit geworden. In dem kleinen Städtchen, in dem ich wohnte, war es eher trostlos. Umso mehr wurde ich hellhörig, als  mysteriöse Gerüchte herumgingen.

Ein Fremder wäre gesichtet worden. Er war wohl groß und schlank und trug einen alten Hut. Diese Gerüchte verbreiteten sich in der Stadt unglaublich schnell. Irgendetwas musste dran sein.

Eines Abends nach sehr langweiliger Arbeit, zog es mich nach langer Zeit in eine Bar. Eine der wenigen die hier existierten. Sie war dunkel und nicht sonderlich einladend. Doch es verwirrten sich immer Menschen darin.

Ich saß an dem Tresen, als ein Mann mit einem Hut hereinkam. Ich machte große Augen. Es war der Mann, von dem alle sprachen. Dann staunte ich nicht schlecht, als ich ihn erkannte. Es war Viktor.

Er ging gezielt auf mich zu. “Pascal, stimmt’s?”, sagte er knapp. Ich nickte. Es war merkwürdig ihn nach so langer Zeit wieder zu sehen. Er hatte sich sichtlich verändert. Wir kamen aber schnell ins Gespräch. Ich fragte:”Wo warst du all die Jahre. Du siehst so anders aus. Jeder hat hier über deine mysteriöse Erscheinung gesprochen.”

“Ach Pascal, wenn du wüsstest. Ich dachte nach meinem Umzug könnte ich ein erfolgreiches Leben führen, doch ich hatte keines. Es reichte nur für Aushilfsjobs. Da stieß ich eines Tages auf eine Anzeige. Sie bewarb ein ganz neues Forschungsprojekt und lockten mit einer Menge Geld. Ich überlegte nicht lange und nahm an dieser Forschung teil. Nun bin ich ein anderer Mensch. “,  erzählte er völlig fasziniert.

” Was war das denn für eine Forschung? “, fragte ich neugierig.” Ich möchte es dir gerne zeigen. Es ist nicht zu erklären. “, flüsterte Viktor mysteriös.

Etwas skeptisch, aber sehr interessiert, lud ich Viktor in meine kleine Wohnung ein. Er verhielt sich die ganze Zeit merkwürdig und richtete immer wieder seinen Hut. Bei mir angekommen, setzte sich Viktor hin.

” Du wirst mir jetzt nicht glauben, was ich sagen werde. Ich tue es einfach.”, sagte er. Er nahm seinen Hut ab. Aus seinem Hinterkopf kam ein helles Leuchten. Es war leicht bläulich. Ich starrte in das Licht. “Was… ist..das?”, brachte ich nur sehr langsam heraus. Ich war wie eine Katze die einen Vogel anstarrte. “Das ist eine Tür. Ein Eingang zu meinen Gedanken. Ich wollte es zuerst auch nicht glauben, aber nach den Experimenten, die so an mir durchgeführt haben, sah ich es mit meinen eigenen Augen.” , sagte Viktor.

Ich musste ihm glauben. Es war etwas, dass ich noch nie zuvor gesehen hatte. Warum sollte Viktor mich anlügen?

Dann fragte er mich : “Möchtest du meine Gedanken sehen? Du musst nur näher kommen.” Ich konnte gar nicht mehr antworten, sondern ging einfach immer näher. Das Licht war so fremd, so unwirklich. Ein Tor in eine andere Welt, in Viktors Gedanken.

Erst sah ich nur das Licht. Es blendet mich. Doch dann wurde es schlagartig viel dunkler. Für einen Moment sahen meine Augen lauter Lichtblitze.

Als sich meine Augen an den etwas düsteren Himm gewöhnt hatten, schaute ich mich um. War ich tatsächlich in Viktor Gedanken? Es fühlte sich wie ein Traum an, den an sehr intensiv erlebt.

Der Untergrund auf dem ich stand, fühlte sich nicht fest an. Ich schaute nach unten. Es war eine glibberige Masse und sah aus wie Muskelgewebe. Mir gab es ein komisches Gefühl.

Langsam ging ich voran und vor mir erstrecken sich Wände links und rechts. Doch diese bewegten sich. Als ich näher kam stellte ich erschreckende fest. Es waren die Oberkörper von Menschen, die ihre Arme nach mir streckten. Sie gaben gequälte Schreie von sich. Ich wich ihren Griffen aus und rannte schnell weiter.

Das waren Viktor Gedanken?! Das wurde mir in diesem Moment bewusst. Es war alles so finster und überall lauerte nur Leid. Ich hörte beim weiterlaufen das Weinen von Kindern.

Sichtlich verwirrt, unsicher und ängstlich, bewegte ich mich weiter voran. Es war ruhig geworden und ich atmete gerade tief durch, als sich vor mir der Boden bewegte.

Plötzlich tat sich ein Loch vor mir auf und daraus sprang ein widerliche Wesen. Es hatte keine Augen, einen Mund voller spitzer Zähne und bewegte sich auf vier Beinen auf mich zu. Ich rannte. Ich schrie: “Hilfe! Viktor, lass ich raus! Ich will raus!”.

Die Kreatur hatte mich fast eingeholt. Ich rannte durch diesen Albtraum, so schnell ich konnte.

Dann sah ich wieder das blaue Licht. Es leuchtete sehr hell. Als es aufhörte, saß ich wieder in meiner Wohnung und Viktor schaute mich besorgt an.

Ich schrie ihn an: ” Was war das, zur Hölle? Wie krank bist du eigentlich?!” Ich war völlig außer mir.

Viktor war ruhig und sagte dann : ” Es waren nicht meine Gedanken.”

” Was sagst du da? Wie meinst du das?”, fragte ich verständnislos. “Ich habe dir nicht die ganze Wahrheit gesagt. Das Tor in meinem Kopf ist der Zugang zu anderen Gedanken, wie ein Portal. Ich wollte es an dir austesten.”, sagte er erschöpft.

Ich konnte es nicht fassen. Es war zu viel für mich. Viktors Lüge und der Fakt, dass diese grausigen Bilder meine tiefsten Gedanken waren.

Ich bat Viktor zu gehen. Wir hatten danach keinen Kontakt mehr.

Am Anfang meiner Geschichte hatte ich die Frage gestellt : Wie gut kennt man jemanden? Jetzt muss ich die Frage etwas korrigieren. Wie gut kennt man sich selbst?

 

Bewertung: 5 / 5. Anzahl Bewertungen: 1

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Überprüfen Sie auch
Schließen
Schaltfläche "Zurück zum Anfang"