EigenartigesGeisteskrankheitKreaturenLangMordNSFWOrtschaftenÜbersetzungen

Die Voids — Teil 1

Der schwärzeste Tag im Leben eines Gefängniswärters

Wer ist die abscheulichste und widerlichste Person, die dir in den Sinn kommt?

Jeffrey Dahmer? Ted Bundy? Oder sind es doch der alltägliche Abschaum, der sich in unserer Gesellschaft wimmelt? Pädophile, Vergewaltiger, Psychopathen und Narzissten, von denen es genug auf dieser Erde gab und ihr unheilvolles Treiben seelenruhig und gewissenlos ausführen.

Kennt ihr die eine Person in eurem Leben, die wahrscheinlich zu eurem erbittertsten Todfeind und Rivalen geworden ist, weil ihr unterschiedliche Meinungen und Ansichten vertretet, und alles, was ihr wollt, ist, dass dieser besagte Feind in den Boden gestampft wird? Nun, man mag nicht mit ihnen auskommen, doch sie waren das mildere Übel, dem man noch begegnen könnte. 

Selbstverständlich kann man für jeden von ihnen oder auch für jeden anderen seine eigenen Argumente anführen.

Und doch haben alle diese Persönlichkeiten eines gemeinsam. Sie sind Menschen.

Lächerliche Gestalten, die versuchen, sich wie Monster zu benehmen, entweder aufgrund hochtrabender, absurder Ideale oder aus einem Urtrieb heraus, sich gegen die Gesellschaft als Ganzes aufzulehnen. Es ist ein ziemlich bizarres Phänomen. Dennoch ist keiner dieser zugegebenermaßen kranken Menschen wirklich in den Abgrund gestürzt. Vielmehr haben sie in ihn hinab gestarrt. Sie haben ihre Füße hineingehalten. Aber keiner von ihnen hatte den Sprung als Ganzes gewagt. Trotz ihrer Bemühungen waren sie nicht in der Lage, sich von ihrer angeborenen Menschlichkeit zu trennen.

Aber das ist auch gut so. Denn so waren sie relativ leicht zu Fall zu bringen.

Leider gibt es hin und wieder auch “besondere” Fälle. In unseren Kreisen nennen wir diese Individuen “die Leerraummenschen” oder einfach die ” Voids”. Individuen, die so weit gegangen sind, dass man sie kaum noch als Menschen bezeichnen könnte.

Die Ursache für solche Wesenheiten? Nun, ich weiß es nicht. Das tut niemand wirklich. Womöglich wurden sie mit diesem latenten Potenzial geboren. Vielleicht haben sie eine obskure, übernatürliche Transformation durchgemacht. Oder es sind missglückte Experimente. Außerirdische von einem anderen Planeten. Scheiße, vielleicht sind sie buchstäblich Dämonen aus der Hölle, die von irgendeinem Idioten hergebracht wurden, der ein beschissenes Ritual durchführen musste. Wer zum Teufel weiß das schon? Das einzige Detail, das zählt, ist die Tatsache, dass sie existieren. Und mit ihnen umzugehen, ist mehr als beschissen.

Sicherlich kennt ihr das Konzept der “Hochsicherheitsgefängnisse”.

Orte, an die Drogenbosse, Terroristen, Serienmörder usw. geschickt werden. Einrichtungen, in denen das Schlimmste der Menschheit eingesperrt werden soll.

Verglichen mit den Gefängnissen, in denen die Voids untergebracht sind, sind diese ein Witz. An zwei nicht näher bezeichneten Koordinaten, die im Untergrund einer winzigen Insel irgendwo tief im Atlantik gebaut wurden, befindet sich ein Gefängnis, das mit nichts vergleichbar ist, das man sich vorstellen könnte.

Wir nennen es einfach “Die Schlucht”. Ein Zuchthaus für das reine, ungezügelte Böse. Ein Kollektiv des Übels, das die Menschheit mit Sicherheit in ein paar Monaten auslöschen würde, wenn man es zuließe, dass es in der Welt zügellos um sich greift.

Ich möchte dies noch ein wenig mehr betonen. Die Personen, die dort festgehalten werden müssen, sind nicht nur “kriminell geisteskrank”. Sie sind in krimineller Hinsicht absolut außerhalb des Universums und vollkommen geisteskrank.

Selbstverständlich wisst ihr von all dem nichts. Wieso solltet ihr? Die Regierung würde wahrscheinlich eher 1000 Kinder opfern, als einer Person, die nicht über eine ausreichend hohe Zugangsberechtigung verfügt, auch nur ein einziges Detail über diesen Ort zu verraten.

Aber das ist nun einmal so.

Vor meiner Ankunft gab es genau 32, die dort eingesperrt waren. Bis auf zwei weitere, die immer noch aktiv durch den brasilianischen Untergrund, beziehungsweise die russische Tundra gejagt wurden, waren das so ziemlich alle auf der Welt. Zumindest nahmen wir an, dass dies alle waren. Man kann heutzutage nicht mehr sicher sein.

Jede Arrestzelle war bestens gesichert und speziell dafür ausgelegt, die jeweilige Void, die sie festhielt, in Schach zu halten und zu kontrollieren. Wenn es ihnen gelang zu entkommen, warteten in einer größeren Kammer acht mit Gatling-Gewehren, Klingen, Granaten und Raketen bewaffnete Drohnen auf sie. Sollten sie es schaffen, diese zu durchdringen, müssten 20 Wachen in technisierten Schutzanzügen eingreifen.

Allerdings war jedem klar, wie sinnlos dieses Protokoll war. Diese Wachen würden innerhalb von Sekunden abgeschlachtet werden, unabhängig von der Void, mit der sie es zu tun hatten. Wenn sie wirklich geschickt sind, vielleicht in wenigen Minuten. Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht ganz sicher, warum wir regulären Wachen überhaupt hier stationiert sind. Bürokratie, nehme ich an? Wer weiß, was sich die Regierung dabei denkt.

Sollte die Situation jemals zu drastisch werden, dann gab es eigentlich nur eine machbare Gegenmaßnahme. Ein letzter Ausweg, sozusagen. Die höheren Stellen müssten etwas einberufen, das als ” Spezialeinheit Void Nova Hammer”, kurz SEVNH, bekannt ist. Ich habe sie noch nie in Aktion gesehen, und ich weiß auch nicht viel über sie. Aber das will ich auch gar nicht. Falls ihr sie jemals persönlich zu Gesicht bekommt, bedeutet das, euch steht ein schlechter, schlechter Tag bevor.

Warum gebe ich also all diese streng geheimen Informationen preis, die mich entweder umbringen oder für den Rest meines kurzen Lebens in das tiefste Loch werfen würden, das man sich vorstellen kann? Nun… ich schätze, dass es eine 90%ige Chance gibt, dass ich am Ende des heutigen Tages sterben werde. Und selbst wenn ich aus diesem Fiasko herauskomme, wird mein Leben nie mehr dasselbe sein.

Also scheiß drauf. Dann mal los.

Mein Tag fing mehr oder weniger normal an.

Ich gehörte zu einer Einheit, die jemanden namens Jim Heninger bewachte. Nun, das war sein richtiger Name. Er weckt keine großen Ängste, oder? Deswegen musste er seinen Namen ändern.

Da er früher ein gestörter Chirurg oder so war, nannten wir ihn den Chirurgen. Sehr kreativ, ich weiß.

Mit einer Größe von 1,71 Metern und 61 Kilogramm sah er nicht gerade bedrohlich oder einschüchternd aus aus. Wenn du dich jedoch jemals in einem Raum mit ihm wiederfindest… egal wie groß und stark du warst… wird er dich sezieren. Die größte Gefahr, die von ihm ausging, ist die Tatsache, dass er sich scheinbar willentlich teleportieren konnte. In der einen Sekunde starrte man in seine dunklen, leblosen Augen, und nach einem Blinzeln verschwand er in einer Wolke aus schwarzem Dunst, nur um einem dann direkt im Nacken zu sitzen. Deshalb mussten immer mindestens zehn Augenpaare auf seinen Bildschirm gerichtet sein. Es gab keinen Weg daran vorbei. Wenn er unbeobachtet war, würde er entkommen.

Außerdem war er so gut wie unbesiegbar. Egal, wie viele Kugeln du ihm in den Kopf jagst oder wie viele Klingen du ihm in die Brust stichst, dieser Kerl will einfach nicht aufgeben. Und wenn ihm einmal ein Skalpell in die Hände fällt… oh Mann.

Er war natürlich nur einer von 32 Insassen, und verhältnismäßig… auf der zahmeren Seite.

Davon abgesehen, endete meine Wachschicht ohne jegliche Zwischenfälle. Routinekram. Im Anschluss daran ging ich mit meinem Kumpel Fred in den Pausenraum. Unsere Gespräche waren meist ziemlich trocken, aber wenigstens konnte ich mit ihm reden. Mit den anderen Wärtern kam man nur schwer aus. Sie waren alle… auf die eine oder andere Weise eigenartig. Jedenfalls war das Mittagessen normalerweise der angenehmste Teil eines Arbeitstages in der Schlucht.

Was ich allerdings nicht hören wollte, war der verdammte Alarm und die ohrenbetäubende, sich wiederholende automatische Stimme, die das Wort “BREACH” ausstieß, als ich gerade mein Chili aus der Mikrowelle nehmen wollte. Ein Ausbruch.

Ich konnte sehen, wie Freds Gesicht angesichts der Unruhe zusammensackte. “Das soll wohl ein Scherz sein”, murmelte er.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nur ein kleines Vorkommnis erlebt, und das war der Chirurg. Ich schätze, keiner von uns beiden hatte an diesem Tag wirklich aufgepasst. Er hatte es in einem gestohlenen Boot etwa 13 Kilometer vor die Küste geschafft und insgesamt 145 Tote in seinem Schlepptau gehabt. Es dauerte drei volle Tage, um ihn zurückzuholen, und weitere vier Wochen, um den Schaden zu beheben, den er an der Infrastruktur angerichtet hatte.

Und das alles nur wegen eines einzigen Gefangenen. Hätten wir es mit drei oder mehr zu tun gehabt, dann hätten unsere gemeinsamen Bemühungen als Wächter nicht die geringste Chance gehabt.

Es gab in der gesamten Geschichte der Schlucht nur einen einzigen größeren Ausbruch, bei dem acht Voids fast gleichzeitig ausbrachen. Dies war offenbar auch das einzige Mal, dass die SEVNH eingreifen musste. Das war alles vor etwa 12 Jahren, lange bevor ich selbst Wächter wurde. Und die Folgen davon? Dazu habe ich keine ausreichende Befugnis, um das zu erfahren. Aber ich bin bereit zu wetten, dass es kein Spaß war.

Es gab ein Verfahren bei Verstößen. Es handelte sich um ein umfangreiches Dokument, in dem genau beschrieben wurde, was wir zu tun hatten und wohin wir uns zu wenden hatten. Ich hatte es schon mal gelesen, und es ist verdammter Müll. Im Wesentlichen basierte es auf der Idee, dass wir Kanonenfutter waren und dass wir verpflichtet waren, alles zu tun, um die Gefangenen in Schach zu halten. Würde jemand die Prozedur wirklich befolgen, wäre er sofort tot.

“Was zum Teufel sollen wir denn tun?”, fragte jemand aus dem Hintergrund und blickte ratlos in die Gesichter seiner Kollegen.

Er bekam allerdings nur Achselzucken als Antwort. Abgesehen von Sawson, jedenfalls.

Ich hasste Sawson abgrundtief. Dieser Typ schien zu glauben, sein Leben sei ein Actionfilm und er der unbesiegbare Hauptprotagonist.

“Seid ihr Schlappschwänze oder was?”, schrie er lauthals und mit einem dämlichen Grinsen auf dem Gesicht. “Wir kriegen nie was zu tun, verdammt! Also los jetzt!”

Ehe ihn jemand aufhalten konnte, hob er sein Gewehr auf und schwang die Tür auf, wie der riesige Vollidiot, der er war.

Da der Alarm schrillte, konnten wir kaum etwas von dem hören, was draußen in den Gängen vor sich ging. Aus diesem Grund waren wir alle ziemlich geschockt, als wir Morgi, den Corgi, draußen stehen sahen.

Stellt euch einen Typen vor, der in einem schmutzigen, gigantischen, unheimlichen Hundekostüm herumläuft. Und jetzt stellt euch vor, dass dieser Typ über zwei Meter groß ist und eine Stimme hat, die gleichzeitig tief, rau und etwas kinderhaft war.

Das war Morgi der Corgi für euch.

Ich sah, wie der Mut aus Sawsons Gesicht wich, als er die Abscheulichkeit in Person sah. Bisher hatten wir ihn immer nur durch einen Bildschirm gesehen.

Sein Kopf drehte sich langsam zu uns in den Raum, während ein Paar manischer Augen von unten nach oben blickten und ich eine Art Hundegebell aus seinem Mund erkannte. Verdammt, dieser Kerl dachte wirklich, er sei ein gottverdammter Köter. 

Ich habe es immer gehasst, wenn Menschen versuchten, Hunde zu imitieren. Aber das von Morgi zu hören, war etwas anderes und wesentlich schlimmer. Ich wusste es besser. 

Bevor Sawson auch nur den Finger auf den Abzug legen konnte, wurde sein Kopf zu Brei zermatscht. Morgi stürzte sich auf andere Wachen und zerquetschte mühelos Gliedmaßen mit seinen übergroßen “Pfoten“. Er rannte abwechselnd auf seinen Füßen herum oder kroch auf allen Vieren. Das Letzte, was ich sah, bevor ich aus dem Pausenraum rannte, war Morgi, der die verbleibenden, entsetzten Agenten zwang, mit einem herrenlosen Arm mit ihm Fangen zu spielen.

Aber natürlich war es nicht so, als ob ich irgendwohin entkommen könnte, wo es besser wäre. Der gesamte Laden war in heller Aufregung. Die Einsatzleiter versuchten frenetisch, eine Art Verstärkungstruppe zusammenzustellen.

Ich konnte nicht verstehen, warum sie so verblendet waren.

Sollten wir Wachen knallhart sein? Scheiße, ja. Aufgrund unserer Fähigkeiten im Einsatz wurden wir aus dem Pool der CIA-Agenten und des Militärs ausgewählt, um an diesem gottverlassenen Ort eingesetzt zu werden. Wenn wir es mit einer illegalen Miliz, Terroristen oder Ähnlichem zu tun hatten, werden wir sie fertigmachen.

Aber womit wir nicht fertig wurden… waren Angelegenheiten, die eigentlich gar nicht existieren dürften.

Wenn wir uns ” Monster” und “Slasher”-Filme ansehen, wissen wir, dass es sich dabei um Fiktion handelt. Eine Art visuelle Katharsis für unsere angeborene Faszination für das Dunkle und Düstere. Es sollte nicht real sein, und wir wüssten nicht, wie wir uns verhalten sollten, wenn wir es direkt vor unseren Augen sehen. Noch nicht einmal wir sogenannten “Elite”-Agenten. Wie gesagt, ich bin mir nicht sicher, warum sie sich überhaupt die Mühe gemacht haben, Wachen in der Schlucht zu postieren.

Das waren die Gedanken, die mir durch den Kopf gingen, als ich durch die höllenartigen Gänge stürmte. Irgendwann stieß ich auf eine Gruppe von Wachen, die über ein Geländer lugten. Schockierenderweise schienen sie nicht im Geringsten besorgt zu sein.

“Was zum Teufel glotzt ihr so?”, fragte ich sie.

Ein Wachmann, den ich als Fenton erkannte, wandte sich zu mir um und schmunzelte.

“Das kann ja heiter werden.” grinste er und gab mir ein Zeichen, nach unten zu schauen.

Da ich nicht einmal wusste, wohin ich ging, bemerkte ich nicht, dass ich auf die Ebene direkt über dem Kraftsportraum geraten war.

Es war ein weitläufiger Fitnessraum mit einer Fülle der besten Geräte, die man bekommen konnte. Aber es gab einen Wächter, der sie am meisten benutzte… Branko Petrovic.

Ein serbisch-amerikanischer Mann, der mit seiner übergroßen Statur keinen verdammten Sinn ergibt. Als ich ihn das erste Mal traf, war er nicht größer als 1,80 Meter. Jetzt ist er etwa 2,50 Meter groß. Ich bin mir nicht ganz sicher, welche bizarren Experimente sie an ihm durchgeführt haben, aber sie haben es auf jeden Fall übertrieben.

Ungeachtet des Alarms war er gerade dabei, eine scheinbar unvorstellbare Menge an Gewichten zu stemmen, als einer der entkommenen Voids auf dem Fußboden des Kraftraumes herumspazierte.

Es war Luze, 1,88 Meter groß, 93 kg schwer. Wie die anderen Gefangenen war auch dieser Mann ein völliges Rätsel. Sein größtenteils nackter Körper war vergleichbar mit dem eines Bodybuilders, abgesehen von den Hunderten von Narben, die seine Haut zierten.

Das Befremdlichste an seiner Ästhetik war die Tatsache, dass er nur eine Gesichtshälfte besaß. Die andere Hälfte bestand aus seinem entblößten Schädel, durch dessen Kopfknochen eine Art roter, elektrischer Strom floss. Dieser Strom floss ebenfalls durch seine Hände, die es ihm ermöglichten, jedes organische Material, das er berührte, wild unter Strom zu setzen und es in kürzester Zeit in einen Haufen dampfenden, schwarzen Brei zu verwandeln.

Ich schätze, meine Kollegen hatten sich nicht die Mühe gemacht, etwas über die Gefangenen zu lesen, die sie bewachten, denn Branko hatte nie eine Chance. Es war egal, ob man Luze in Sachen Stärke überlegen war. Eine Berührung und schon war man verloren. Der einzige praktikable Weg, ihn auszuschalten, war der Einsatz von Fernkampfwaffen. Und selbst dann… war diese Aufgabe leichter gesagt als getan.

Branko grunzte wie der dumme Fleischklops, der er war, schnappte sich eine olympische Gewichtsplatte und schleuderte sie wie ein Frisbee nach Luze. Die Platte traf ihn und schien seine Rippen zu zertrümmern. Aber das genügte bei weitem nicht, um ihn zu Fall zu bringen. Kaum war er nach vorne gestürmt, war der “Kampf” schon entschieden. Branko versuchte, ihn zu packen, ein Fehler, der so schrecklich war, dass sein ganzer Körper zu zucken begann, als seine Haut mit den Fingerspitzen von Luze in Berührung kam.

Die Elektrizität breitete sich in seinem riesigen Körper aus und bewirkte, dass seine Vitalfunktionen innerhalb von Sekunden ausfielen. Im Handumdrehen war er nur noch ein Häufchen verbranntes Fleisch auf dem Boden. Er hatte nicht einmal Zeit, zu schreien. Die Gesichter meiner fassungslosen Kollegen fielen in sich zusammen, als sie Zeuge dessen wurden, was sie vermutlich für ein unglaubliches Resultat hielten.

Idioten, das waren sie. Aber um ehrlich zu sein, war ich auch ein Idiot, dass ich mir überhaupt die Mühe gemacht hatte, zu bleiben. Nicht lange danach ertönte das Geräusch von knackenden Knochen und schweren Schritten von einem angrenzenden Durchgang.

Wie der Rest der Agenten richtete sich auch mein Blick auf das, was mit Sicherheit eine weitere Bedrohung darstellte. Die verschlossene Metalltür zum Korridor war plötzlich von der anderen Seite verbeult. Eine verdammt große Delle, wohlgemerkt. Es brauchte nur einen weiteren Schlag, um sie komplett aus den Angeln zu heben.

Mit einer Größe von 1,98 Metern und 110 Kilogramm und einem Schwall von Blut, Eingeweiden und Gliedmaßen kam der umgangssprachlich als “WireHead” bezeichnete Killer aus einem Slasher-Film an.

Passend zu seinem Namen war sein gesamter Kopf, mit Ausnahme eines einzigen Auges, mit rostigem Stacheldraht umwickelt. Er trug eine heruntergekommene, alte Lederjacke und Jeans mit einer großen Quaste auf dem Kopf, wie ein High School-Delinquent aus den 80ern.

Das Hauptaugenmerk aller lag auf der Waffe in seinen Händen – einem großen, eisernen Schläger, der mit demselben Stacheldraht umwickelt war wie sein Kopf. Wenn man nicht durch den Aufprall starb, was sehr unwahrscheinlich ist, würde die anschließende Infektion einen mit Sicherheit erwischen.

Und fragt uns nicht, warum wir ihm die Waffe nicht abgenommen haben, als wir ihn in Gewahrsam nahmen. Das haben wir. Aber irgendwie… irgendwie… hat er sie zurückbekommen. Dafür kann man wirklich nichts.

Was geht hier vor, verdammt noch mal? Ich dachte nach. Es gab Ausbrüche, sicher. Aber es schien, als ob jeder einzelne verdammte Void irgendwie entkommen war. Wie ist das nur möglich?

Auf jeden Fall konnte ich es mir im Moment nicht leisten, tiefer darüber nachzudenken.

Als WireHead anfing, die verwirrten Agenten, die ihm im Weg standen, niederzumähen, stellte ich fest, dass ich versehentlich Blickkontakt mit Luze von unten hatte.

Beinahe hätte ich einen Herzinfarkt bekommen, als ich begann, mich durch die Menge zu drängen. Obgleich ich mir implizit sicher war, dass kein anderer Ort in der Schlucht viel sicherer gewesen wäre, trieb mich mein Kampf-oder-Flucht-Reflex immer noch vorwärts, weg von der unmittelbaren Bedrohung.

Es war irgendwie komisch. Ich hatte so viele Erfahrungen mit Leben und Tod gemacht, dass meine Reaktion auf das Adrenalin, das durch meine Adern floss, abgestumpft war. Nun, heute wurde es auf jeden Fall gestärkt.

Wahrscheinlich habe ich nicht genug auf meine Umgebung geachtet, denn gerade als ich eine Treppe hinaufsteigen wollte, spürte ich, wie ein überdimensionaler Arm gegen meine Brust schlug und mich dabei umwarf. Ich sah auf und erblickte einen anderen Wachmann – Cade, der auf mich herabstarrte.

Sicher, ich war froh, dass es keiner der Voids war, aber Cade war auch nicht viel angenehmer.

“Warum rennst du denn weg?”, grinste er mich selbstgefällig an. “Das ist ein verheerender Massenausbruch, nicht wahr? Warum machen wir nicht unseren Job und beheben ihn?”

“Ach, verpiss dich doch!” Ich spuckte ihn an, bevor ich versuchte, mich vorbeizudrücken. Ohne Erfolg. Er packte mich am Kragen und schleuderte mich gegen eine Wand. Er hatte eindeutig den Gewichtsvorteil.

Trotzdem habe ich nicht den Nahkampf geübt, nur um von einem Arschloch in die Pfanne gehauen zu werden. Ich rammte meinen Ellbogen auf sein Handgelenk, wodurch sich sein Griff lockerte. Ich ließ einen Kniestoß in den Magen folgen und versuchte anschließend, seinen Hals zu treffen.

Aber dann fing er mein Handgelenk mitten im Schlag ab.

“Gut gemacht!”, sagte er in einem unausstehlich sarkastischen Ton.

Er nahm seine Handfläche und rammte sie gegen mein Kinn, sodass ich fast ohnmächtig wurde. In der Zwischenzeit kam WireHead immer näher.

“Wir müssen das wohl ein andermal aufgreifen”, sagte er. ” Einer muss ja hier arbeiten.”

Ich hatte keine Ahnung, was er sich dabei dachte, es mit einem der Voids aufzunehmen, aber ich wollte seine Wahnvorstellungen nicht mit eigenen Augen sehen. Noch immer unter Schmerzen von seinem Schlag mit der Handfläche zog ich mich hoch und rannte weiter, während die Geräusche des Gemetzels um mich herum immer lauter wurden.

Aber es gab ein schwerwiegendes Problem. Ich hatte keine Ahnung, wohin ich gehen sollte.

Die Ausgänge würden sicherlich von innen versperrt sein.

Besaßen wir eine Art Schutzraum? 

Nein. Natürlich hatten wir keinen. Wir waren völlig entbehrlich. Man erwartete zu 100 %, dass wir diese Dinger mit aller Härte bekämpften, obwohl es auf unserer Seite keine verdammte Chance auf einen Sieg gab.

Es gab nur eines, was ich hier tun konnte. Überleben, bis die SEVNH auftauchte. Das war natürlich keine Garantie für eine Begnadigung, aber meine Möglichkeiten waren gering.

Dennoch geschah etwas ziemlich Überraschendes. Inmitten der Kakofonie der frenetischen Befehle unserer Vorgesetzten schlich sich eine vertraute Stimme durch mein Funkgerät.

“Hey … Jason … bist du … am Leben?”

Es war Fred. Ich griff nach meinem Funkgerät und entkoppelte seine Übertragung.

“Ja. Wo bist du, Kumpel?”

“Block C. Ich hatte Glück und habe etwas Seltsames gefunden. Es könnte uns retten. Komm schon!”

Offenbar gab es dort nicht viele Informationen. Aber es war besser, als ziellos herumzulaufen. Glücklicherweise war Block C relativ in der Nähe, sodass ich es schaffen konnte, ohne auf einen weiteren Void zu stoßen.

Dort angekommen, herrschte jedoch noch immer das gleiche Chaos wie zuvor. Ich schwenkte meinen Kopf herum und versuchte, Fred zu erspähen. Ich brüllte in mein Funkgerät, aber seine Antwort wurde von allem um mich herum übertönt. Während ich suchte, spürte ich einen verblüffenden, unheimlichen Druck, der mir das Gefühl gab, im Beton unter mir zu versinken. Die verursachende Quelle brauchte ich wohl kaum zu erraten.

Es war Dyaxek – der wohl größte Brocken in diesem Gefängnis, mit einer Gewichtsklasse, die sogar mir fremd war. 

Dyaxek war vom Aussehen her mit etwas vergleichbar, das man während einer Schlafparalyse in irgendeiner Ecke des eigenen Zimmers sehen würde. Eine hünenhafte, facettenlose Gestalt, die ein weites schwarzes Gewand trug, das in beunruhigenden Bewegungen zuckte, wenn er ging. 

Ich war mir nicht sicher, wie er eigentlich Menschen tötete, wohlgemerkt. Sobald jemand in seine Nähe kam, blieb derjenige auf der Stelle stehen und begann aus den Augen zu bluten. Und dann… verharrten sie einfach für immer in diesem Zustand.

Das war natürlich nichts, worauf ich mich freute. Als ich nach vorne blickte, konnte ich sehen, wie einige unglückliche Wachen bereits in seiner Todeszone gefangen waren. Um ein ähnliches Schicksal zu vermeiden, wandte ich mich in die entgegengesetzte Richtung und begann zu rennen.

Und dann hätte ich mir fast in die Hose gemacht.

Ungefähr drei Meter entfernt stand der Untote Nazi – 1,73 Meter, 65 Kilogramm.

Schon sein Name verriet alles. Der Mann trug eine schmutzige und zerfledderte SS-Uniform und eine rissige Gasmaske, die sein Gesicht bedeckte. In der einen Hand hielt er sein unverkennbares Kampfmesser 42, das auf unerklärliche Weise nicht zu brechen war, ganz gleich, was wir damit anstellten. In der anderen Hand hielt er einen Flammenwerferschlauch, der mit einem massiven Tank auf seinem Rücken verbunden war und eine Art glühend heiße, schwarze Flamme versprühte, die angeblich unvorstellbare Schmerzen verursachte, wenn man mit ihr in Berührung kam.

Man könnte sagen, ich steckte zwischen einem Felsen und einem steinigen Weg fest. Der einzige andere Ausweg war der Sprung über das Geländer vor mir, auf eine Masse von sich windenden Körpern, 15 Meter unter mir.

Ehe ich darüber sinnierte, einfach meine Gebete zu sprechen, spürte ich, dass eine Hand von der Seite her an meinem Ärmel zupfte und mir einen weiteren Herzinfarkt bescherte. Aber diesmal… war es eine gute Nachricht. Ausnahmsweise. Ich schaute hinüber und sah, wie Fred seinen Kopf aus einer Art versteckter Tür in der Mauer steckte.

“Lass uns verdammt nochmal verschwinden!”, flüsterte er, bevor er mich hineinzog.

Er schloss die Tür hinter sich und ließ uns in völlige Dunkelheit eintauchen.

“Was zum Teufel ist das für ein Ort?”, fragte ich, kaum eine detaillierte Antwort erwartend.

Fred beleuchtete sein Gesicht mit der Taschenlampe seines Handys.

“Kann ich dir nicht sagen. Aber es ist irgendwie ziemlich abgefahren.”

Ich konnte hören, wie der Nazi auf dem Korridor begann, seinen Flammenwerfer zu versprühen. Ich fragte mich plötzlich, ob Dyaxeks “Macht” auch auf andere Voids übertragbar war oder nicht. Auf jeden Fall war es besser, nicht in ihrer Nähe zu sein, und so folgte ich Fred.

Er brachte mich durch eine Art versteckten Gang. Der Weg war ziemlich lang – vielleicht 8 Minuten – und ich befand mich schließlich in einer Art Überwachungs-/Kontrollraum.

Zwar war es immer noch dunkel, aber eine Reihe von Monitoren spendete genug Licht, um sich problemlos darin zurechtzufinden. Das Seltsame ist jedoch, dass der Raum ziemlich ungeordnet aussah. Unwahrscheinlich, dass er von den höheren Rängen genutzt wurde. Die Bildschirme standen verstreut herum und waren durch ein Wirrwarr von Kabeln mit mehreren Steckdosen verbunden, die im ganzen Raum verteilt waren. Außerdem gab es nur einen Stuhl.

“Ich glaube, das ist nicht zu erklären.”, sagte ich.

“Schau dir das an. Was zum Teufel haben wir da gerade gefunden?” Fred deutete zum Monitor hin.

Ich folgte dem Hinweis und ließ meinen Blick zu den Bildschirmen schweifen.

Was ich sah, hätte ich in jedem anderen Szenario für normal gehalten. Jeder Monitor zeigte einen anderen Teil des Gefängnisses, und alle stellten das totale Gemetzel dar, das sich draußen abspielte. Die Wachen wurden in Stücke gerissen. Einige versuchten zu kämpfen. Die meisten rannten. Aber was sie alle gemeinsam hatten, war die Tatsache, dass sie alle von den Voids ausgelöscht wurden.

Ich konnte sehen, wie der Chirurg jemandem eine erzwungene Lobotomie verpasste und dabei höllisch grinste. Gleichzeitig kaute Morgi auf einem abgetrennten Kopf herum wie auf einem Spielzeug.

Aber dann entdeckte ich etwas Interessantes auf einem Monitor darunter.

Es waren WireHead und Luze, die sich gegenseitig anstarrten. In diesem Moment wurde mir eine ziemlich offensichtliche Erkenntnis zuteil.

Die Voids hatten natürlich nicht nur vor, die Wachen zu töten. Sie hatten es auch auf die anderen abgesehen. Das hätte von Anfang an klar sein müssen. Ich grinste und spürte, wie sich eine Art obskure Hoffnung in mein Innerstes schlich.

Diese Hoffnung wurde nur noch verstärkt, als ich sah, wie der Nazi Dyaxek mit einer unerbittlichen Welle schwarzer Flammen übergoss, sodass dieser sich nur mit Mühe vorwärts bewegen konnte.

Ich schätze, diese Bastarde können schließlich doch verletzt werden. 

Doch natürlich war meine Hoffnung nur von kurzer Dauer.

Ich hatte nicht vor, mir etwas vorzumachen. Selbst wenn am Ende nur ein Void übrig bleiben sollte, bedeutet das nur, dass es der stärkste von allen sein wird. Und wir können nicht ewig hier drin bleiben.

Zu diesem Zeitpunkt ist meine Zukunft bestenfalls ungewiss. Vielleicht habe ich Glück. Wahrscheinlich nicht.

Aber in der Zwischenzeit werde ich die Show wohl genießen. Und sehen, wie die Dinge sich ergeben.

 

ORIGINAL

Bewertung: 0 / 5. Anzahl Bewertungen: 0

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"