EigenartigesLang

(Don‘t) let me go

Prolog: Bleib bei mir!

„Ich liebe dich.“ Sag es nochmal. „Ich liebe dich, als wärst du mein zweites Leben.“ Bitte beweise es mir. „Ich werde es dir bis in alle Unendlichkeit beweisen. Ich werde dir zeigen, dass du mich verdient hast. Ich werde dir zeigen, dass du das Leben verdient hast!“ Deine Stimme ist so laut. Bitte… Hör auf zu schreien. Ich hasse es, wenn man mich anschreit. Ich wurde bereits so oft angeschrien. Hör auf zu schreien. Ich mache alles was du willst, aber bitte, bitte, bitte hör auf zu schreien!

Eine Hand strich mir sanft über meine Wange, während ich spürte, wie jemand meinen Kopf auf seinen Schoß legte.

„Sieh mich an“, flehte eine männliche Stimme. „Sieh mich an!“, schrie sie nunmehr. Doch es war kein Schrei, welcher aus purer Wut seinen inneren Inferno entzünden würde. Es war Pein. Dieser Schrei war so voller Pein, dass es fast mein Herz zerbrach. Aber nur fast. Wie es sich wohl anhören oder anfühlen würde, wenn es just in diesem Moment in abertausende Teile zerspringt? Würde ich daran sterben? Werde ich daran sterben? Ich will bereits jetzt sterben. Lass mich einfach daran sterben, bitte…

Um mich herum war es so dunkel. Und es war so kalt. Warum war es nur so kalt? Ich wollte ihn sehen. Ich wollte  den Mann sehen, der mich hielt. Bitte! Bitte lasst mich ihn sehen! Oh, wie gerne würde ich nur sein Gesicht sehen. Bitte Gott, lass mich ein allerletztes Mal sein Gesicht sehen. Nur ein allerletztes Mal. Um mehr bitte ich dich nicht.

Ein scharfer Schmerz breitete sich über meine linke Wange aus. Hatte er mich geschlagen? Die Dauer dieser schnellen Pein dauerte nur Sekunden an, doch es war genug Zeit, sodass das nachträglichen Brennen erst nach einer gefühlten Ewigkeit versiegte. Wieso hatte er mich geschlagen? Dachte er, dass er mich so, aus meinem ewigen Schlaf holen könnte?

„Bitte…“, hauchte er tonlos in mein Ohr. Ich konnte eine Träne auf meiner Wange spüren. War es seine? War es meine? Wer von uns weinte? „Mach deine Augen auf. Ich will das du mir noch ein letztes Mal ins Gesicht siehst. Nur ein letztes Mal. Ich will, dass du siehst, was ich alles für uns geopfert habe. Bitte! Ich flehe dich an, mach deine verdammten Augen auf Sophie!“

So sehr, wollte ich ihm etwas entgegnen. So sehr, wollte ich, dass er mir verzeiht. Es ist nicht deine Schuld! Ich war einfach zu schwach, obwohl ich all die Jahre so stark für dich sein wollte. Ich wollte es wirklich, ich wollte, dass du siehst, wie viel ich kämpfe. Ich wollte, dass du mich lieben kannst, wie ich dich liebte. Mit dir war ich eins, mit dir war ich vollkommen. Meine leere Hülle verschwand. Ich habe wieder einmal gelernt, ich selbst zu sein.

Doch ich konnte es nicht. Ich spürte, wie ich meinen Mund öffnete, jedoch entlockte nicht ein einziger Ton meiner Kehle. Immer und immer und immer wieder, versuchte ich es. Immer und immer und immer wieder, schrie ich. Doch er hörte mich nicht. Mein Partner hörte mich nicht.

Wieder spürte ich seine große, raue doch warme Hand. Er strich mir sanft durch die Haare, derweil für ein erneutes Mal eine einzelne Träne meine bleiche Haut benetzte. Früher hatte er sich immer solche Sorgen um mich gemacht. ‚Du musst mehr rausgehen’, war seine Antwort auf mein blasses Erscheinungsbild. ‚Die Sonne wird dir gut tun. Warmer Sonnenschein ist gut für das traurige Gemüt.‘ Warum habe ich damals nicht auf dich gehört? Du meintest es nur gut. Du hast so sehr versucht mir zu helfen, dass kein Wort und kein materieller Gegenstand auf der Welt eine Genugtuung für die Dankbarkeit wären, welche ich erst jetzt, in meinem letzten Atemzug realisiere. Ich war eine verflucht undankbare Schlampe.

Wenn es deine Liebe nicht war, die ich verdient habe, müssen es deine Sorgen, Zweifel und die Machtlosigkeit gewesen sein, die mein Herz erfüllen sollten. Erinnerst du dich noch? Weißt du noch, wie sehr ich dich anschrie, wann immer meine Dämonen die überhand über mich gewonnen hatten? Und weißt du noch, wie ich um mein Leben kämpfte?

1. Kapitel: Siehst du nicht, was ich alles für dich tue?

Glas zersplitterte. Regnete mit einem leisen klirren auf die Fliesen hinab, als wären es Abermillionen kostbare Diamanten. Es hatte mich nur knapp verfehlt. Nur knapp. Hättest du anstelle des Weinglases ein Messer verwendet oder eine Pistole, so würdest du mit absoluter Sicherheit dein beabsichtigtes Ziel erreicht haben. Doch du bist gnädig mit mir. Oder hast Mitleid. Oder etwas anderes in dir hält dich davon ab, mir einen Gnadenstoß zu verpassen. Dabei, wäre ich nicht mal wütend, wenn du es tun würdest. Ich würde meine Arme wie Engelsflügel ausbreiten und mich fallen lassen. Jene Flügel, die dich all die Jahre so sehr beschützt hatten; ich würde es nicht einmal wagen sie im Fall auszubreiten, um zu überleben. Wenn es das ist, was du so sehr wolltest, dann sei es so. Ich will, dass du glücklich bist. Ich will, dass du in deinem Leben Glück (und nichts als das Glück) verspürst. Denn, du hast es verdient.

Und wenn es bedeutet, dass du mich sterben sehen willst, dann tu es. Lass mich fallen. Lass mich los. Versuch bitte nicht, mich aufzuhalten. Halte meine Hand nicht fest, lass einfach los. Nein, nicht weinen, meine Liebe. Du sollst in den letzten Momenten, indem du einem Menschen in die Augen blickst, nicht weinen. Wenn du das tust, gibst du ihm nur ein schlechtes Gewissen. So wie mir. Bitte hör auf zu weinen und lass mich gehen. Ich will, dass du glücklich bist und das du kämpft, hörst du?

Ein scharfer Schlag riss mich aus meinen tobenden Gedanken. Mein Blick fiel gleichgültig auf dein Gesicht. Mittlerweile machte es mir nichts mehr aus. Mittlerweile, kannte ich deine Art mit mir umzugehen. Aber… Wenn ich das jetzt aushalte – nur noch ein bisschen, nur noch etwas – dann wird es dir besser gehen. Es wird nie perfekt. Es wird nie so vollkommen, wie ich es mir Wünsche, aber… es wird besser. Weißt du wie lange, wir bereits zusammen sind? Weißt du noch, wie viele Blicke ich ertragen musste, wann immer irrelevante Passanten meine Narben und blauen Flecke im Gesicht sahen? Auch wenn sie es nicht aussprachen, wusste ich sofort was sie dachten: Wie kann sich ein Mann nur von seiner Frau schlagen lassen? Wird der Typ etwa von seinem Weib fertiggemacht? Hah! Was ein verdammter Waschlappen!

Ich musste nicht einmal Gedankenlesen können, um zu verstehen, was sie dachten. Seit ich dich kenne, habe ich gelernt die Emotionen, Gedanken und das Verhalten anderer in ihrer Mimik, Gestik und in ihren Augen zu sehen. Selbst dich konnte ich nach einer Weile lesen. Ich konnte dich so gut verstehen, dass ich ernsthaft glaubte dir helfen zu können, doch… Irgendwann fingst du an dich zu verändern. Von jetzt auf gleich warst du so zurückgezogen und verschlossen. Meine Wärme, meine Nähe, meine Liebe – all das hattest du vor meinen Augen weggeworfen. Alles was du wolltest, war deine Ruhe. Es ging so weit, dass du selbst die Arbeit verweigert hattest. Du hattest dich so oft krankgeschrieben, dass mich eines Tages dein Arbeitgeber anrief. Er wollte wissen, was nur los mit dir war und warum du dich so lange hast nicht sehen lassen. Dein Chef erklärte, dass er sich allmählich Sorgen machte und nicht wusste, ob er sich deine dauerhaften Krankschreibungen für den Betrieb leisten konnte. Jedoch, war ich genauso ratlos und unbeholfen wie er.

Alles, was ich tat, während ich bei deiner Arbeit für dich versuchte deine Lage zu erklären, war immer nach dir zu sehen. Den Rücken zu mir gewandt und den Kopf samt des gesamten Körpers in deiner dicken Wolldecke gehüllt, schliefst du nur noch. In den nächsten Tagen und Wochen häufte sich dein Schlaf so sehr, dass ich langsam Angst um dich bekam. Jedoch, war dein zunehmender Schlaf nicht das einzige Problem, mit welchem wir bald darauf zu kämpfen hatten.

Du hattest aufgehört zu essen. Du hattest deinen Teller, den ich dir brachte nie angerührt. Nein, es lag nicht daran was ich dir gab. Du weißt, dass ich mir immer so viel Mühe gab bei der Zubereitung deiner Lieblingsspeisen. Und sie hatten dir immer gefallen. Egal was ich kochte, du mochtest den Duft, welcher sogleich den Raum einhüllte, kaum hatte ich dir das Frühstück auf einen Tisch serviert.

Du mochtest den Geschmack der weichen Salzkartoffeln zusammen mit dem Schweinebraten, den ich immer sorgsam durchkochte, da du es einmal nicht mochtest, als ich ihn nur im Medium zubereitete. Du hast mir damals gesagt, dass du dieses hellrosa Fleisch verabscheust, weil du Angst hattest du könntest dadurch Parasiten bekommen. Natürlich musste ich innerlich lachen, als ich deine Sorge zu Ohren bekam. Dennoch versuchte ich gelassen zu bleiben und dir zu versichern, dass du definitiv keinen Schaden davon tragen würdest, wenn du nur halbrohes Fleisch essen würdest. Jedoch bliebst du hartnäckig und bestandest darauf, dass das Fleisch immer gut durch sein musste, aus diesem Grund fing ich immer an sorgfältig darauf zu achten, dass ich alles richtig machte. Manchmal machte ich mich fast verrückt, aus Sorge dir irgendetwas zu servieren, was nicht deinen genauen Vorstellungen oder Wünschen entsprach (denn es kostete mich bei meinem letzten Fehlschlag zwei Fingerkuppen). Aber ich war dir nicht böse. Ich konnte dir nie böse sein. Wer wäre ich denn, würde ich meinen Frust an dir auslassen? Ich wollte dir zeigen, dass ich dich liebte. Ich wollte dir so sehr beweisen, wie viel du mir bedeutetest und was ich alles für dich aufgeben würde. Mein letztes Hemd. Du würdest mein letztes Hemd bekommen, wenn du es wollen würdest!

„Meine Liebste“, begann ich meine Begrüßung zu dir immer. Du mochtest es, wenn ich dir immer sagte, was du für mich warst. „Geht es dir nicht gut? Möchtest du nichts essen? Soll ich einen Arzt holen?“, kaum hatte ich diese drei Fragen in den Raum gestellt, bereute ich sie sofort. Sie waren unüberlegt. Sie waren nicht sorgsam. Denn, du hast es gehasst, wann immer ich dich direkt mit Fragen und meinen Sorgen überschüttete. Du mochtest es nie, wann immer ich meine Sorgen dir gegenüber äußerte oder dich zu etwas drängte, was du nicht wolltest. „Oh Gott! Nein tut mir leid! Tut mir so unendlich leid! Ich wollte dich nicht drängen zum Arzt zu gehen, wenn du nicht willst! Du musst es nicht tun, okay? Es war nur ein Vorschlag! Nur ein Vorschlag!“, versuchte ich verzweifelt zumindest einer meiner Fragen zu revidieren, in der Hoffnung du mögest mir verzeihen, doch… Alles entwickelte sich anders, als ich in den nächsten Tagen und Nächten erhofft hatte. Am Ende dieses Tages erntete ich nicht mehr von dir, als einen eiskalten, rücksichtslosen Blick, dessen Ansehen mich mit absoluter Sicherheit ins Jenseits befördert hätten, wären Blicke tödlich.

Während ich zu Anfang deiner Depression die Erlaubnis erhielt, bei dir schlafen zu können, um dich in kalten Nächten zu wärmen und an einsamen Tagen bei dir zu sein – du solltest wissen, dass ich für dich da war. Du solltest wissen, dass ich dich liebte. Du solltest wissen, dass ich dich so liebte, wie du mich liebtest auch wenn du es mir im Moment nicht zeigen konntest – sorgte jener Vorfall, welcher aufgrund meiner absoluten Unüberlegtheit zustande kam dafür, dass ich keine andere Möglichkeit besaß, als tagein, tagaus auf der Couch zu verbringen. Die Tür fiel an jenem Abend, als du mich aus unserem gemeinsamen Schlafzimmer verbannt hattest, mit einem lauten Knall ins Schloss. Nur Sekunden danach hörte ich, wie das Einrasten des Riegels signalisierte, dass du die Tür zusätzlich abgeschlossen hattest, um vollkommen sicherzugehen, dass ich es auch nicht einmal wagen würde zu dir zu kommen. Für die ersten Tage hielt ich es selbst für richtig, Abstand von dir zu nehmen. Ich dachte mir, etwas Ruhe könnte uns beiden nicht schaden. Selbst, wenn es mich so sehr schmerzte und ich insgeheim hoffte, dass du mir eines Tages wieder erlauben würdest zurück zu dir zu kommen. Zurück in deinen Armen zu liegen, mich so eng wie möglich an dich zu schmiegen (ich würde dir nicht wehtun. Ich würde die nie wehtun) und dir immer wieder zu zuflüstern wie sehr ich dich liebe – mehr wollte ich nicht.

Doch die anfängliche Hoffnung, welche ich besaß wurde mit jedem einzelnem Tag immer kleiner. Manchmal fragte ich mich fast schon, wie es sein konnte, dass ich überhaupt soetwas wie Hoffnung besaß? Egal, was ich auch tat, du fingst an mich mit jedem Groll der in deinem Herzen wütete, für alles mögliche zu bestrafen. Auch wenn ich wusste, dass du niemals einen tatsächlichen Groll gegen mich hegen würdest. Dafür liebtest du mich zu sehr, nicht wahr?

Oft hatte ich solche Sorge, dass ich dir nicht gut genug war. Das du etwas an mir nicht mochtest oder das du dich nach etwas mehr als mir sehntest. Meine Sorgen und meine Ängste du könntest mich mit jedem einzelnem Wort, dass du mir entgegen schriest jeden Moment für immer verlassen, waren seit Beginn deiner „Veränderung“ immer ein immenser Teil von mir. Jeder Blick, jede Geste und jede Mimik, welche du mir gegenüber tatest, ließ mein Herz förmlich in die Hose rutschen. Angst. Nackte Angst durchflutete meinen Körper, sie umschloss meine Seele und meinen Verstand. Ich sah rot. Ich schrie nach Hilfe. Ich schrie um Vergebung, flehte regelrecht, dass du mir verzeihen magst, doch… all das was meine Seele aus Angst hinausschrie… kam selbstverständlich tonlos über meine Lippen. Die einzigen Anzeichen, welche repräsentierten, wie ich mich fühlte, zeigten sich von Außen: Meine Hände zitterten, meine Stirn wurde von leichtem Angstschweiß benetzt und meine Atmung ging flach und schnell. Ich fühlte mich, als würde mich jeden Moment das Schlimmste treffen, was mein kaputter Geist sich nur vorstellen konnte. Eine Wucht. Eine Wucht aus halsbrecherischen Worten, welche wie Dolche aus Eis mein Herz durchbohrten, fiel auf mich herab. Sekündlich, wie stürmischer Regen, prasselten deine Worte nieder. Einer schmerzhafter als der andere:

„Liebst du mich überhaupt?!“, der Zorn, welcher in deiner Stimme bebte war kaum zu überhören. Wie um alles in der Welt konntest du denn nur denken, dass ich dich nicht liebte? Habe ich es dir denn nicht schon bewiesen gehabt? Soll ich es dir nochmal beweisen? Jetzt und hier? Meine Arme legten sich nahezu automatisch um deinen schlanken – mittlerweile besorgniserregend schlanken – Oberkörper. Ich hielt dich fest. So fest, dass ich beinahe Angst hatte, dass du in meinen Armen zerbrechen würdest wie unbezahlbares Porzellan, würde ich es nur ein Mal wagen, dich wieder loszulassen. Du hast mich weiter angeschrien. Machtest mir mit Stichen, die einem kalten Dolch ähnelten, klar wie sehr dich mich hasstest; wie wenig wert ich in deinen Augen war. „Du bist ein Monster!“, schriest du unter Tränen. Sanft strich ich dir über deine langen, dicken haselnussbraunen Haare: „Ich weiß. Ich bin ein Monster. Sei wütend auf mich. Das ist okay. Es ist alles okay. Lass deine Wut raus“, flüsterte ich in dein Ohr, derweil ich dir einen Kuss auf deine Wange drückte. Sie war feucht. Von deinen heißen, verzweifelten Tränen, welche unaufhörlich deinem Gesicht entlang kullerten. Deine Fassade, die du so sehr zum Schutz vor deinem Herzen errichtet hattest, fing langsam an zu bröckeln. So war es immer. Immer und auch nur auf diese Weise, konnte ich deine emotionalen Schutzmauern Stück für Stück auseinanderreißen.

Ich war dir nicht böse, dass du diese Mauern errichtet hattest. Keines Wegs. Nicht ein einziges Mal. Ich liebte dich immer noch sehr. Und mit jeder Minute deiner tosenden Wut umso mehr. Selbst wenn deine Worte mich verletzten und mein Herz beinah drohte auszusetzen, so versuchte ich für dich stark zu sein. Ich musste dir zeigen, dass du stärker warst als deine Angst, das du sanfter warst als deine Wut und das du glücklicher warst als deine Trauer. Aber manchmal, war es so schwer für dich zu kämpfen. Manchmal war es wirklich alles andere als leicht. Ich selbst war an manchen Tagen an meine emotionale Grenze gekommen. Ich hatte nicht nur mein eigenes, sondern auch deine unzähligen „Päckchen“, wie man es im Volksmund sagen würde, getragen. Diese ganze Last hatte zu Folge, dass ich dich manchmal schlug. Nicht gewaltsam, nicht so, dass du sichtbare schwere Wunden davon tragen würdest – dennoch konnte ich im Glanz deiner Augen sehen, dass du jedes Mal kurz davor warst in Tränen ausbrechen würdest, wann immer meine Seele nur noch „STOP!“, schrie und meine Hand meine geistige Überlastung in Form eines einzelnen, scharfen Knalls (Haut auf Haut) repräsentierte. Doch nicht heute. Heute würde ich dich nicht schlagen. Heute, würde ich dich in meinen Armen halten und weinen lassen. So viel du willst, so sehr du willst. Hauptsache, deine Pein würde zumindest für einen Moment in der kalten Dunkelheit der anbrechenden Nacht verschwinden.

Mein Körper zitterte so sehr. Ich hatte solche Angst. Ich hatte eine ungeheure Angst dich auch nur noch für eine Sekunde loszulassen. „Bleib bei mir“, flüsterte ich kaum merklich ins Nichts hinein, „geh nicht weg. Bleib bei mir. Lass mich nicht los. Lass mich nie mehr los.“ Ich schluckte, um selbst meine eignen Tränen fortzutreiben.

Tage, Wochen und schlussendlich auch Monate vergingen, nach deinem letzten Zusammenbruch. Du warst auf dem Weg der Besserung. Ich konnte dich gelegentlich lächeln sehen. Ich hörte dich nachts manchmal kichern, wenn du im Begriff warst einzuschlafen, jedoch tobende Gedanken dich wachhielten. Ich lächelte mit dir. Ich kicherte mit dir. Ich war glücklich wenn du es warst. Inzwischen warst du soweit aus deiner Depression herausgekommen, dass du auch wieder zur Arbeit gegangen bist. Es war alles gut. Zum ersten Mal seit langem, war zwischen uns endlich alles wieder in Ordnung und nahm seinen gewohnten Lauf. Und in jeder einzelnen Sekunde, in der ich dich wieder aufblühten sah – meine wunderschöne Rose – wuchs die Liebe zu dir umso stärker, umso mehr.

Du wusstest, dass ich dich brauchte. Du wusstest, dass ich ohne dich selbst nicht leben könnte. Ich war wie besessen von dir, du warst wie eine Droge für mich! Du warst mein Lebensinhalt! Als wir uns damals in einem kleinen Café, in welchem ich als Kellner während meines Kunststudiums arbeitete, hatte mich dein Ansehen sofort in deinen Bann. Ich sah dich und nur dich und NIEMAND anderen! Beim besten Willen, konnte ich mir nie erklären, wieso ich so wahnsinnig fixiert auf dich war, dennoch hattest du es mir einfach angetan. Vielleicht lag es dem Fakt nahe, dass mein Herz etliche Narben trug. Narben, die mit deinen vermutlich nie vergleichbar gewesen wären, jedoch: Viele Menschen wurden bis zuletzt enttäuscht, nicht wahr? Viele Menschen kannten das bittere Gefühl der Einsamkeit und die verlockende Süße des ewigen Beisamenseins, habe ich nicht Recht? Möglicherweise war auch dies eine Motivation für mich gewesen dich näher kennenzulernen. Ich wollte das Süße schmecken und die ewige Bitterkeit ein für alle Mal hinunterschlucken.

Aber, als ich dachte ich für diese wohltuende Süße für immer schmecken und kosten können… Offenbartest du mir, dass auch das Schöne und Vollkommene auf dieser Welt (diese ewige Süße von der ich so sehr träumte) vergänglich war. Von jetzt auf gleich war sie für immer vergänglich gewesen und ich fragte mich: Was hatte ich übersehen? Was hatte ich falsch gemacht? Warum hast du geschwiegen und nie etwas gesagt… Sophie?

Du weißt, ich war immer für dich da. Ich bat dich nur um eines: Bitte, rede mit mir. Friss es nicht in dich hinein, schluck es nicht runter! Wir hätten es gemeinsam geschafft…

Letztes Kapitel: Es tut mir leid, dass ich nie „Auf Wiedersehen“ sagte

Nur langsam manifestierte sich in dieser endlosen Dunkelheit – nach einer gefühlten Ewigkeit, dessen Ende ich bereits gar nicht erdacht hatte – ein Bild vor mir. Eine Person. Ich sah jemanden. Doch meine Augen konnten jene Person nur sehr schwach ausmachen. Nur schemenhaft erkannte ich, wie jener Mensch sich zu mir umdrehte. Langsamen Schrittes, so als hätte ich unendliche Angst davor, dass er sich jeden Moment in Luft auflösen würde, ging ich in seine Richtung. Mein Blick war die gesamte Zeit über auf ihn fixiert. Sein anfänglicher Schatten nahm immer und immer mehr Gestalt an. Ein menschliches Gesicht mit Gesichtszügen, welche mir nur all zu sehr bekannt vorkamen. Sein Lächeln war warm. Seine Augen… seine Augen strahlten in dem wunderschönsten blau, dass ich je in meinem Leben gesehen hatte. Es war so klar und so hell, dass es beinahe Kristallen glich. „Damian?“, ich konnte hören wie meine Stimme zitterte. „Bist das wirklich du?“, um meiner eigenen Frage gleich eine Antwort zu geben, setzte sich meine Hand wie von selbst in Bewegung. Ich wollte seine Wange berühren, seine Augen näher betrachten. Er musste es sein. Es bestand kein Zweifel, doch…

„Nicht!“, zischte mein Gegenüber wütend. „Wenn du versuchst mir nah zu kommen, bist du gezwungen mit mir in der Ewigkeit zu verdammen! Ist es das, was du willst?!“ Kaum hatte mein Gesprächspartner jene Frage geäußert, zerbrach im selben Moment etwas in mir, was mir ein für alle Mal den Rest gab. Frustriert und aus purer Wut, welche sich durch meine Adern frass und mein Herz umso stärker zum Hämmern brachte, schlug ich auf ihn ein. Doch alles was meine Fäuste konfrontierte, war Glas. Ähnlich einer unsichtbaren Wand, wurde der vorhandene Widerstand erst in Form einzelner Risse bemerkbar, welche sich in feinen, dünnen Linien in etlichen Richtungen darstellten. Fast sahen sie aus wie Adern, mit ihren minimalen Verzweigungen. „HÖR AUF!“, schrie Damian mich an. „Diese Wand trennt uns beide absichtlich voneinander. Du bist noch nicht so weit. Deswegen kannst du nicht zu mir. Wenn du die Wand jetzt mit Gewalt durchbrichst, wird ein gewaltiger Sog dafür sorgen, dass du mit mir – und all die anderen welche im Jenseits mit mir leben – für immer hier verweilst, verstehst du das nicht?!“ Seine Stimme war so scharf und laut. Ich hasste es, wenn man mich anschrie. Ich hasste es, wenn man wütend auf mich wurde. Verstand er nicht, warum ich hier war? Verstand er nicht, warum ich diesen Weg gewählt hatte?

Kraftlos ließ ich mich zu Boden sinken, während ich meine beide Händen nunmehr schwach gegen das unsichtbare Glas drückte. „Du fehlst mir“, flüsterte ich, darum bemüht, dass meine Stimme endlich aufhören würde zu zittern. „Du fehlst mir so sehr, Bruderherz“, schluchzte ich weiter und schaute ihm in sein Gesicht. Ich hatte mit allem gerechnet, was sein Gesicht zeichnen würde: Hass, Verachtung, Kälte, Ignoranz. Jedoch zeichnete er zu meiner Verwunderung keiner dieser Emotionen aus. Im Gegenteil, ich sah in seinem blassen Antlitz nichts weiter als pures Mitleid. „Sophie“, seine Stimme klang so sanft, fast schmerzerfüllt. Vermutlich wegen den bitteren Schuldgefühlen, die ihn überkamen, da er wusste, dass ich es nicht aushielt, wenn man mich anschrie. Vater hatte so oft geschrien. Er hatte mich immer und immer wieder angeschrien. Egal was ich tat, in seinen Augen war ich ein Fehler. Eine Missgeburt. Manchmal hörte ich seine Worte noch so klar, als hätte er sie kaum vor einer Sekunde ausgesprochen: „Wenn ich könnte, hätte ich deine Mutter regelrecht zur Abtreibung gezwungen, als sie mir erzählte, dass sie mit dir schwanger war. Nein, noch besser: Ich hätte die Abtreibung am liebsten selbst an ihr ausgeführt. Doch… Sie wollte dich Göre so sehr behalten. Sie flehte fast, dass sie dich zur Welt bringen dürfe. Ich ging ihrem Wunsch nur nach, weil ich so sehr liebte. Aber für dich hatte ich nie einen Platz in meinem Herzen. Stattdessen… bist du sicher für andere Sachen perfekt zu haben, nicht wahr?“

„Du hattest nie geschrien. Ich habe dich nie schreien hören“, erklärte mein Bruder mir. „Dennoch habe ich mich gefragt, wie du all das hast all die Jahre aushalten können. Ich konnte es mir nicht länger mitansehen. Ich musste dich da rausholen.“ Mein Zittern nahm nunmehr überhand über meinen gesamten Körper. Ich kniff die Augen zusammen, während ich wimmernd gegen diese widerwärtigen Erinnerungen kämpfte. Ich spürte sein Gewicht auf mir, den brennenden Schmerz in meinem Körper und in meiner Seele. Ich schmeckte seine Lippen. Sie schmeckten nach kaltem Rauch oder billigem Alkohol. Bei der Erinnerung daran musste ich mich fast übergeben. Dennoch, damit nicht genug, roch ich seinen Schweiß und den widerwärtigen, kalten Rauch oder die Alkoholfahne aus seinem Mund, je nach dem was er von beidem an dem Abend zu sich genommen hatte. An manchen Abenden war es sogar beides.

Ich hörte seine Stimme, wie er zu mir sagte, dass ich so ein gutes Mädchen war und das ich meine Aufgabe toll machte (trotz des brennenden und unbeschreiblichen Schmerzes). Danach war ich kaum noch im Stande etwas zu tun oder mich gar von der Stelle zu bewegen. Die Wunden würden grauenvolle Narben hinterlassen. Narben, die auf ewig dazu verdammt waren mich an diese Zeit zu erinnern – selbst ungewollt.

Mein Vater war nicht dumm gewesen. Er hatte es geschafft meine Mutter perfekt zu manipulieren, indem er ihr immer wieder weismachte, dass ich von der Treppe gestürzt sei, wann immer sie einen blauen Fleck am Arm sah, wann immer der Ärmel meines weiten Pullovers versehentlich hochrutschte. Jedoch war es nur für eine gewisse Weile so gewesen. Irgendwann hörten die Schmerzen auf, irgendwann verheilten all die Verletzungen. Dennoch, schmerzte es in meiner Seele umso stärker.

„Kannst du dich noch dran erinnern, wie ich dich in jener Nacht in einer Ecke kauernd unter der Dusche im Badezimmer gefunden hatte? Dort habe ich dich zum ersten Mal weinen hören. Es klang so schmerzerfüllt, so wehklagend“, erinnerte sich mein Bruder an jenen Abend zurück. Ich nickte nur stumm, während ich weiter mit meinen Tränen kämpfte. Mir war so kalt. So kalt, dass ich befürchtete jeden Moment einen feinen Reif über meinen Körper zu bilden. Auch Damian sah, wie sehr ich mit der Kälte zu kämpfen hatte und bat mich weiter durchzuhalten. „Ich weiß, Erinnerungen können wehtun. Sehr sogar. Aber ich bitte dich daran zurückzuerinnern, was an jenem Abend geschah. Bitte“, flehte er fast, „erinnere dich für mich zurück, Schwesterchen“, bat er, derweil seine Augen die meinen fixierten. Ich konnte in ihnen so viel Verzweiflung und Angst sehen und das stille Betteln, ich müsse noch etwas aushalten. Nicht mehr viel, dann habe ich es geschafft.

Ich kniff die Augen zusammen und biss mir auf die Lippen. Die brennende Pein welche sich weiter und weiter über meine Haut ausbreitete wurde immer unerträglicher, doch trotzalledem, atmete ich einige Male tief ein und aus, um mich besser auf die Erinnerung zu konzentrieren:

Ich zuckte zusammen, als ich sah, wie jemand die Tür zum Badezimmer öffnete. Ich hatte das Licht absichtlich ausgelassen, damit er mich hier nicht so schnell sehen würde. Zu meinem Glück war bereits einer der kälteren Monate hereingebrochen, sodass es zu Abend schnell dunkel wurde. Ich erinnere mich daran, wie mein Körper zitterte. Weniger deswegen, weil das kalte Wasser der Dusche auf mich herabprasselte, sondern vielmehr, weil meine Seele ihren absoluten Tiefpunkt erreicht hatte. Es grenzte fast an ein Wunder, dass ich diese Folter über Monate hinweg bis jetzt überlebt hatte. Doch ich hatte Angst. Ich hatte solche Angst zu sterben. Eines Morgens einfach nicht mehr aufzuwachen. Ich war um jeden Atemzug den ich noch machte froh. Ich weinte jeden Morgen, als ich meine Augen aufschlagen konnte. Ich war um jede einzelne Sekunde dankbar, in der ich mein Herz schlagen hörte. Und dennoch… war ich der Belastungsprobe allmählich nicht mehr gewachsen.

Die Tür öffnete sich leise und vorsichtig. So als ob jemand – außer mir – ebenfalls wahnsinnige Sorge darum hatte, dass jemand anderes hier in diesem abgedunkelten Raum zu erwarten war. Ein Monster, dass uns regelrecht in Stücke reißen würde. Langsam, qualvoll, würde es unsere Gliedmaßen herausreißen, das Fleisch essen, unser Blut trinken und uns in unsere unschuldigen Augen schauen, welche vor unermesslicher Furcht erstarrt wären. Es würde in unsere zerbrochene Seele hineinblicken, sie bis ins Detail begutachten, als wäre sie ein seltener, wertvoller Schatz. Und wenn es das tat, wenn es sich satt gesehen hätte, dann… würde es dafür sorge tragen, dass wir all die scheußlichen Erinnerungen – all meine Erinnerungen – nie wieder vor unserem inneren Auge zu Gesicht bekommen. Ich würde nie wieder gezwungen sein, sehen zu müssen, was mein Geist für immer als Kern bei sich aufgenommen hatte. Diesen schwarzen, triefenden Kern, welcher sich über meine schönen Erinnerungen lappte und alles helle und wunderschöne in sich aufzog und einen Film von schwarzer Täuschung hinterließ, der alles in eine undurchsichtige Lüge verwandelte. In etwas, was nie so passiert war und nie hätte passieren dürfen. Aber ich bräuchte mich indem Moment, indem das Monster den letzten, minimalen Funken in meinen Augen sehen würde, nie um diese unberechenbare Täuschung zu sorgen. Denn, nach dem Tod bleibt nur das als Erinnerung zurück, was einen für immer und ewig geprägt hat.

„Sophie?“, drang eine flüsternde Stimme in die augenblickliche Stille, welche sofort eintrat, nachdem ich den Duschkopf unter einem leisen quietschen zugedreht hatte, hinein. Diese Stimme… sie gehörte nicht ihm. Sie gehörte nicht meinem Vater. Sie gehörte meinem kleinen Bruder! „Damian?“, setzte ich zur Gegenfrage an, doch ehe ich eine Antwort bekam, fiel die hölzerne Tür ins Schloss und der Schein einer schwach leuchtenden Taschenlampe, gab mir – anstelle von ihm selbst – die Antwort. Unter dem bläulich-künstlichem Licht konnte ich seine müden Augen ausmachen. Er so fertig aus. So kaputt. Es liegt an mir, dachte ich den Tränen nahe. Es muss an mir liegen, anders kann es nicht sein! Er sieht die blauen und grünen Flecken, die Handabdrücke… Er sieht was unser Vater mit mir angestellt hat!

Beschämt drehte ich mich von ihm weg. Auch wenn es hieß, dass mein Rücken keine Besserung bot, wollte ich nicht, dass er mein Gesicht sah oder meine Brust. Die Stille zwischen uns dehnte sich wie Kaugummi. Je mehr Sekunden vergingen, desto erdrückender wurde sie. Beinahe bekam ich das Gefühl, meine Kehle würde sich zuschnüren und mir die Luft zum Atmen nehmen. Etwas weiches, warmes umhüllte meinen zitternden Körper. Es war ein Handtuch, dass Damian von der Heizung hervorgeholt hatte, an welcher es immer zum trocknen hing. „Du bist so… mager“, begann er langsam zu sprechen. Er hatte gezögert, als würde er nach den richtigen Worten suchen, die mein Herz durch die bittere Wahrheit nicht weiter zum schmerzen bringen würden. Ich schwieg. Was hätte ich denn dazu anderes sagen sollen? Es abzustreiten, würde nichts bringen. Wie sollte ich denn diese unzähligen Verletzungen und mein dünnes (zu dünnes) Erscheinungsbild schon rechtfertigen? Neben der wärme des Handtuchs spürte ich nunmehr eine feste Umarmung. Sie war geradeso fest, dass sie mich hätte halten können, würde ich zu fallen drohen.

Das nächste, woran ich mich erinnere, war wie Damian und ich uns auf den Weg in einen nahegelegenen See machten. Dort wollten wir uns zwischenzeitlich in ein altes Ferienhaus vor unserem Vater verstecken. Nur für ein paar Tage. Nur so lange wir uns etwas haben einfallen lassen. Dieses Ferienhaus gehörte unserer Familie. Allerdings wurde es über die Jahre hinweg so selten genutzt, dass im fahlen Mondlicht die modrige Holzfassade ihr Aussehen vage zu erkennen gab. Stellenweise waren die roten Ziegelsteine mit hochgewachsenen Ranken bedeckt. Das Haus stand nicht direkt am Seeufer. Um dort hinzugelangen, musste man ein ganzes Stück tiefer in den Wald, entlang einer Lichtung in welcher es versteckt lag, um einen hohen aufkommenden Besuch fremder Wanderer zu vermeiden.

Unser Vorhaben wurde jedoch jeher unterbrochen. „WO WOLLT IHR BEIDEN MISSGEBILDETEN KREATUREN HIN?“, dieser Klang… Ich erschauderte unter dieser bebenden Stimme. Woher wusste er, wo wir uns befanden? Wie hatte er mitbekommen, dass wir das Haus verlassen hatten? Ich dachte der gewaltsame Akt den er  zuvor an mir ausgeübt hatte, war lange genug gewesen, sodass er jetzt schlafen würde! Ruckartig drehten wir uns zu dem Brüllen dieses Monsters um, selbst wenn wir beide erahnen konnten, wem es zu zuordnen war. Das fahle Licht des Mondes, versetzte dem wahnsinnigen Ausdruck auf Vaters Antlitz einen bitteren Beigeschmack, welcher vor purer Paranoia nur so trotzte.

„Lauf zum Haus, schnell!“, schrie Damian, während ich mir seine Forderung kein zweites Mal habe sagen lassen. Doch kaum war ich beinahe unter den dichten Bäumen verschwunden, sah ich mit an, wie Vater auf meinen Bruder losstürmte (er war für sein hohes Alter erstaunlich sportlich, da er in seiner früheren Zeit als Soldat bei der Army gearbeitet hatte) und ihn wie ein gieriges Raubtier zu Boden riss, sodass er auf seinem Rücken lag. Schemenhaft erkennte ich, wie Damians Arm einen ungesunden Winkel durch die Hilfe meines Vaters einnahm.

Einer der schmerzerfülltesten Schreie, welche ich je zu Ohren bekommen hatte, bestätigte meine Annahme, dass Vater Damians Arm gebrochen haben musste.

Nackte Panik erfüllte meinen Körper mit Adrenalin. So viel Adrenalin, dass es absolut gereicht hätte mich in diese Hütte zu flüchten und die Türen mit dem Schlüssel in meiner Hosentasche zu verschließen. Dennoch ließ mein Herz nicht zu, dass ich meinen Bruder – die einzige Person die begriffen hatte, was sich wirklich zwischen mir und unserem Vater abspielte. Mutter hatte Vaters Lügen immer geglaubt. Sie hatte das alles nicht einmal hinterfragt. Nicht ein einziges Mal, hatte sie sich gewundert, was hier vorsichgeht – diesem Tyrann überlassen würde. Er würde durch seine Hände sterben!

„Hör auf! Papa hör auf!“, schrie ich ihn an, während ich auf ihn zu rannte. In diesem Moment war er gerade dabei seinem einzigen Sohn die Leviten zu lesen, indem er kontinuierlich auf ihn einprügelte. Bei Damian angekommen, sah ich wie das Blut schwach glänzend entlang seiner Mundwinkel lief, als er versuchte zu sprechen. Für einen Moment hatte Dad aufgehört auf ihn einzuprügeln. Ich wusste nicht wieso, denn ich hatte Angst, dass blanker Wahnsinn in meine Seele hineinschauen würde, würde ich es auch nur für eine Sekunde lang wagen, zu ihm aufzuschauen.

Die aufgeplatzten Lippen meines Bruders bewegten sich, doch seine Stimme war so leise, so gebrochen, dass ich gar nicht verstand, was er mir zu sagen versuchte. Sein rechtes Auge war Blutunterlaufen, seine Hände waren warm vom klebrigen Blut, während er meine nahm und mich etwas zu sich herabzog: „Lass mich… hier…“, keuchte er angestrengt. Ich schüttelte den Kopf. „Nein, nein!“, weigerte ich mich konsequent über seine Worte. „Ich lass dich nicht hier!“, murmelte ich heiser, „ich lasse dich nicht all-“ „Verschwinde von ihm!“, vernahm ich nunmehr die herrische Stimme meines Vaters. Kurz darauf, zog er mich von ihm weg, hob ihn hoch und trug ihn zum See. Trauer und ekelerregende Panik lähmten meinen anfänglichen Adrenalin Schub so sehr, dass ich nicht anders konnte, als hilflos dabei zu sehen, was als nächstes passierte. Ich hatte solche Angst etwas zu sagen, da ich nicht wusste wie Dad reagieren würde. Ich hatte Panik, dass wenn ich auch nur einmal protestieren würde und aus Verzweiflung um mich schlagen würde, mein Vater mich gemeinsam mit meinem Bruder in den von einzelnen Eisflächen versehenen See hineinwerfen würde. Unter der Kälte nebst dem Fakt, dass meine frischen Wunden meine Schmerzrezeptoren anregen würden, wäre es nahezu unmöglich gewesen, mich und meinen Bruder da rauszuholen, denn: Damian konnte nicht schwimmen. Seit er einmal als Kleinkind fast ertrunken war, fürchtete er sich vor dem Wasser zu sehr, als das er je im Stande gewesen war, sich wieder ins Wasser zu trauen. Meine Augen weiteten sich vor Angst und gleichzeitigem Realismus, als mir allmählich klar wurde, dass meine geistige Vorstellung der bitteren Realität entsprach.

Ich hörte ihn schreien. Ich hörte meinen Bruder aus Leibeskräften schreien, ich sah ihn um sich schlagen. Ich hörte, wie er mit gebrochener Stimme anfing zu flehen, bat so sehr um Verzeihung. „Es tut mir leid, Papa! Es tut mir leid! Ich gehe mit Sophie nach Hause, okay? Ich gehe mit dir zusammen nach Hause, aber bitte, bitte wirf mich nicht ins Wasser! Bitte, bitte, BITTE!“ Doch Vater ignorierte jedes Flehen, jedes schmerzerfüllte Schreien und jede noch so schwache, windende Bewegung, welche Damian tat, um seinem Griff zu entkommen. Achtlos, wie ein verängstigtes, schwer verletztes Tier, warf er meinen Bruder in den eiskalten See. Seine qualvollen Hilfeschreie, waren das letzte was ich zu hören bekam. Mit den Armen strampelnd wie ein Kleinkind, dass sich zu sehr zu schwimmen fürchtete, versuchte er dem tiefschwarzem Wasser in dieser grauenvollen Nacht zu entkommen. Unmittelbare Ohnmacht hatte mich just in diesem Augenblick gefangen, an welchem sich der See zum letzten Mal plätschernd regte.

Die letzten Jahre meines Lebens hatte ich damit verbracht im Stillen vor mich hinzuvegetieren. Nachdem rauskam, dass mein Vater seinen einzigen Sohn getötet hatte, wurde er wegen Mordes zur lebenslanger Haft verurteilt. Von dort an lebte ich – nach mehrmaliger Bitte und entsprechenden Beweisen, die unterstützten, dass meine Mutter sich gut um uns (mich und meinen Bruder) gekümmert hatte an das Gericht – mit meiner Mutter bei ihren Eltern. Wir alle versuchten nach mehreren Monaten der Trauer und Depressionen unser Leben weiter fortzuführen. Wir alle, bis auf mich. Ich bewunderte meine Mutter dafür, wie stark sie war. Ich bewunderte sie dafür, wie sie sich überhaupt trauen konnte (als Einzige) meinen Vater relativ regelmäßig im Gefängnis zu besuchen. Als ich sie fragte, warum sie das tat, erklärte sie mir, dass sie das nur mache um eine Antwort auf all ihre Fragen zu erhalten. Auch wenn sie insgeheim wusste, dass sie nie welche erhalten würde: „Ihm tut es sicher leid. Ihn muss die Reue, die er empfindet förmlich ersticken“, hatte sie mir eines Tages hoffnungsvoll erklärt, während sie sich allen Ernstes dieses Bild vor ihren Augen malte. Dieses lächerliche Bild, dass alle Menschen vor Augen haben, wenn sie der Wahrheit nicht entgegenblicken wollen: Sie stellen sich vor, wie ihr Leben (wie ein Spiegel) in abertausende Scherben zerspringt. Dennoch sammeln sie diese Scherben auf, vollkommen gleich, wie klein diese scharfkantigen Bruchstücke auch sein mögen, völlig egal wie oft oder wie tief sie sich an den Scherben auch schneiden mögen, sie würden es immer und immer wieder versuchen, in der inständigen Hoffnung irgendwann, irgendwie und irgendwo ihr Leben (den Spiegel) wieder zusammensetzen zu können. Die Risse, die auf dem fertigen Spiegel zu sehen sein werden, werden ihre Narben sein, die sie für immer zu tragen haben, ganz egal wie sehr sie versuchen würden mit etlichen Mitteln diese wegzubekommen. Sie bleiben. Sie bleiben für immer. Und selbst wenn das gröbste verheilt ist, wird man bei genauerem hinsehen immer noch Rückstände erkennen, die sie auf ewig begleiten werden.

Weitere Jahre meines Lebens vergingen. Inzwischen war ich für das College, dass ich besuchen wollte um Literatur zu studieren, weit genug entfernt von meiner Mutter und meiner Oma weggezogen, um mir dieses verzweifelt-hoffnungsvolle Gesicht meiner Mutter nicht mehr antun zu müssen. In den Jahren in denen ich bei ihr gelebt hatte, während ich mein Highschoolabschluss absolvierte, hatte sie nicht einmal aufgehört an ihren Mann zu denken. Irgendetwas in ihr, weigerte sich konsequent zu akzeptieren, wer ihr einst geliebter Ehemann wirklich war. Selbst wenn ich einerseits froh war, als der Tag kam, an dem ich meine Familie verlassen würde, hieß es nicht, dass ich in der Zeit meines Studiums nicht weiterhin versucht hatte meiner Mutter die Augen zu öffnen, selbst als ich sie in den Ferien oder gelegentlich an den Wochenenden besucht hatte, machte sie keinerlei Anstalten mir zu zuhören und meiner eindringlichen Bitte diesen Tyrann nicht zu besuchen entgegenzukommen.

Obgleich ich sie liebte und ihr so gut es ging half die Wahrheit mit ihren Augen zu sehen, war ich eines Tages am Ende meiner Kräfte angelangt und konnte sie um Gotteswillen nicht mehr unterstützen.

Nach erfolgreichem Abschluss meines Studiums, hatte ich das große Glück von einem Verlag, welcher meine Kurzgeschichten und Gedichte und sogar eines meiner Romane auf einer kostenlosen Website gesehen hatte und somit auf mich und mein Können aufmerksam wurde, unter Vertrag genommen zu werden. Mein Erfolg stieg mit der Zeit so weit an, dass ich selbst meine erste Vorlesung und im Anschluss auch meine erste Autogrammstunde abgab. Dort lernte ich auch Liam kennen, meinen jetzigen Freund. Wenngleich ich mir geschworen hatte niemanden aus meinem – nur sehr mager vorhandenen – Freundeskreis oder gar eine wildfremde Person näher kennenzulernen als es an einer einfachen Bekanntschaft kommen würde, war es bei Liam anders. Seine tiefgrünen Augen, welchen nahezu Smaragden glichen, strahlten eine angenehme Ruhe in mir aus, wann immer ich mich sichtbar unwohl fühlte oder Angst hatte. Um es mit einfachen Worten zu sagen: Ich fühlte mich unsagbar geborgen.

„Liam ist ein wunderbarer Mensch. Ich habe ihn gesehen, als ich neben dir stand. Hast du nicht an dem Tag ein unangenehmes, kurzes Schaudern gespürt? Ich vermisse dich sehr, große Schwester“, erklärte mein verstorbener Bruder. Sein Blick lag mittlerweile ruhig auf mir. Ich hatte mich erinnert. Ich hatte den Schmerz und die Angst ein erneutes Mal Revue passieren lassen, nachdem ich dachte ich hätte ihn so gut wie nur möglich versteckt. Ich nickte kaum merklich. Er hatte Recht, ich hatte an jenem Tag ein Schaudern gespürt. Aber wer hätte erahnen können, dass der Grund dafür hinter einem Geist liegt? „Sophie…“, setzte Damian an, „sieh mich an. Ich will das du mir an die Augen siehst“, forderte er mich auf. Was für viele ein leichtes sein sollte, ergab sich für mich als schwierig. Sehr, sehr schwierig. Ich konnte nicht. So sehr ich auch versuchte meinen Kopf zu heben und ihm in die Augen zu schauen – es ging nicht. Es war als würde mich eine unsichtbare Kraft davon abhalten seiner Forderung folge zu leisten. Ich hatte ihn in jener Nacht sterben lassen. Aus Angst und Hilflosigkeit. Ich war seine Mörderin! Stille erdrückte uns beide so sehr, dass ich allmählich das Gefühl bekam unter ihr zu ersticken. Dann hörte ich etwas, mit einem fast von purem Zorn getränktem Unterton und einer zeitgleich der Gleichgültigkeit nahekommenden Tonlage, was ich nie für möglich gehalten hätte: „Ja… Du bist schuld. Du bist schuld an meinem Tod.“

Urplötzlich, hörte ich Glas in meinen Ohren bedrohlich klirren. Erschrocken erhob ich – fast schon in einer automatisierten Bewegung – meinen Kopf. Das Glas!, schrie ich in Gedanken, er hatte es durchbrochen! „Lass mich nicht hier, lass mich nicht zurück!“, brüllte er in einem undefinierbaren Ton, welcher fernab dem eines Menschen glich. „SCHWESTER!“, schrie er aus voller Lunge. Seine zu anfänglich sanfte und menschliche Stimme, hatte nun mehr den Klang eines teuflischen Dämonen angenommen, dessen Existenz niemand zu glauben wagte. „SIEHST DU NICHT, WAS DU MIR HIER ANTUST? MERKST DU NICHT, DASS ICH HIER IM JENSEITS SCHLIMMER LEIDE, ALS DU ES JE IN ALL DEN JAHREN UNTER VATERS ZORN TATEST?!“, schrie er weiter. Selbst seine Augen hatten sich von seinem ursprünglichen kristallklarem blau verabschiedet, derweil an dessen Stelle sich ein stechendes goldgelb hineingemischt hatte, dessen Intensität durch ein mythisches Leuchten untermalt wurde. Seine bleiche Haut hatte überall blutige Risse entwickelt, welche den Anschein erweckten, sie wäre unter einem undefinierbaren Druck aufgeplatzt. Ruckartig stand ich auf und rannte davon. Versuchte verzweifelt einen Ausweg zu finden, fernab der sich nunmehr aufdrängenden Masse, welche sich links und rechts von meinem Bruder platzierten und gewaltsam versuchten die glässerne Mauer vor ihnen zu zerstören. Ihre Haut war aufgeplatzt, ihre Augen in ein leuchtendes goldgelb getaucht – sie waren restlos verlassene Seelen gewesen wie er. Streuten im ewigen Jenseits umher. Nicht bereit den Himmel oder die Hölle zu betreten.

„Holt sie euch!“, knurrte Damian so laut, dass ich ihn trotz der Entfernung, die ich mittlerweile zurückgelegt hatte, hören konnte. Doch dauerte es nicht lang, bis mich ein starker Sog dazu zwang zurück zu ihnen geschleudert zu werden; diesen ruhelose Seelen! Um dem Sog zu entkommen, versuchte ich einen Schritt vor den nächsten zu setzen und suchte derweil hilflos nach einem greifbaren Gegenstand, um mich irgendwo festhalten zu können, jedoch war meine Suche vollkommen aussichtslos. Auch mein Körper, hielt es nicht mehr lange aus auch nur eine Minute länger gegen diesen stürmischen Wind anzukämpfen.

Ich schloss meine Augen und breitete meine Arme aus. „Werde ich endlich fliegen können? Werde ich endlich frei sein können?“, flüsterte ich in den tosenden Wind hinein, ungeachtet dessen, dass ich mich direkt in ihre Arme begab. In die Arme meines Bruders und seinen Freunden.

Das letzte, was ich hörte, ehe auch meine Haut unter enormer, explosiver Pein aufzuplatzen begann, waren Worte, dessen Bedeutung ich über all die grausamen Jahre vollständig vergessen hatte: „Ich liebe dich, Sophie.“ Diese Stimme. Sie gehörte Liam. Eine Träne kullerte entlang meiner linken Wange. Doch war es weniger des Schmerzes wegen, sondern mehr aufgrund einer Erkenntnis, die ich in diesem absolutem und endgültigem Augenblick nie wieder gutmachen konnte:

Ich hatte mich nie bei ihm für meine Tat entschuldigt. Es tut mir so unendlich leid, Liam. Kannst du mir verzeihen? Ich werde über dich wachen. Tag und Nacht. Das verspreche ich dir!

Original
Autor: BlackRose16

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