GeisteskrankheitKurz ( 5 - 10 Minuten )

Ein Auszug aus dem Zusammenbruch des menschlichen Verstandes

Kapitel 1

Eines Tages erblickte ich das Innere meiner selbst und erfuhr seine Komplexität und seine Verwirrtheit in einem abnormen Ausmaße, welches mich brachte zu erschaudern ob der Abstrusität, deren weiter Abgrund sich mir gähnend auftuend zu Gesichte warf.

Ich war versucht, das letzte Stück der mir verbleibenden Sinnhaftigkeit, der Reste meiner intellektuellen Geordnetheit vollends fahren zu lassen, um einzutauchen in die verschwommene Welt der ekstatisch umherwogenden Gedankengewirre, derer abertausende meinen zerschellten Geist im Moment seines Splitterns zu erbrechen begann und abzugleiten zugunsten der Entschlüsselung meines Seins in Sphären, die meine Augen nie gekannt, deren kakofonische Klänge mein sterbliches Ohr nie vernommen und deren süß-bittere, deren scharf-saure Aromen mein Mund niemals geschmeckt und meine Nase nie gerochen hatten.

Doch etwas zerrte an meiner Seele, etwas, das mich zurückhielt in der zerbröckelnden Wirklichkeitsillusion und mich aus meiner sich ins Nichts ergießenden Gedankenflut zu reißen, ihm gelang und so erstarrte ich in verlöschender Erkenntnis und sah, dass zu sehen ich verlernt hatte. Mein Auge wollte sich weigern, zu sehen, was war und zu vergessen, was Illusion gewesen sein musste. Das verklingende Piano Diaboli, das mein Ohr zu umspinnen begonnen gehabt hatte, echote noch immer antiphonal in meinem Verstande auf und ab und langsam zerrte das Rucken mich zurück in das, was sich mir als wirkliches Sein aufzudrängen versuchte. Immer weiter und immer weiter wurde ich aus meinem ekstatischen Traumzustand, meiner lieblich süßen Trance unsanft herausgerissen, bis ich schließlich in der Welt, die zu kennen ich hasste, erwachend in eintönigen Schlaf verfiel.

 

„Du immer mit deinen Gedankenspielereien“, murrte meine ältere Schwester, die neben mir saß.

„Ich versuche seit zehn Minuten, mich mit dir zu unterhalten, aber du hörst mir nicht mal zu, du unverbesserlicher Tagträumer.“

Ich schaute sie mit einer Mischung aus Verwirrung, Verärgerung und Unterwürfigkeit an. Ich sah immer zu ihr auf, doch verstehen konnte ich sie nie.

„Woran hast du gerade gedacht, Brüderchen?“, fragte sie interessiert und nun etwas sanfter.

„Ich weiß es nicht“, musste ich wahrheitsgemäß zugeben.

„Ich war ganz kurz vor irgendetwas, aber ich habe keine Ahnung, worauf ich hinauswollte. Es fühlte sich fremd an, aber nicht unbekannt. Ich verstehe selber nicht, was gerade mit mir passiert ist.“

Sie schaute mich eine Weile lang nachdenklich an.

„Seltsam“, murmelte sie dann, mehr zu sich selbst als zu mir. „Ich hätte nicht gedacht, dass du dafür schon bereit bist.“

„Bereit? Wofür, Schwesterherz? Wofür soll ich bereit sein?“

Sie schüttelte den Kopf. „Frag nicht, kleiner Bruder. Lass es einfach geschehen. Lass es in dich hinein, damit du aus dir heraus kannst. Es fühlt sich gut an, sich zu verlieren, oder? Es ist angenehm, nicht wahr?“

Verlegen nickte ich.

„Doch sei vorsichtig. Es kann passieren, dass du dich nach der Reise nicht mehr zurückfindest.“

Wieder nickte ich und fragte: „Ich muss aufpassen, dass ich den Weg immer wiederfinde? Ihn nicht verliere?“

Doch meine Schwester schüttelte den Kopf und sagte mit hohler Stimme: „Nein, im Gegenteil. Wenn du den Weg wiederfindest, hast du es falsch gemacht. Du sollst verschwinden in deiner Fantasie, dann findest du, was wirklich real ist. Ich kann dir helfen, wenn du willst.“

Nachdenklich nickte ich endlich. Ich wollte, dass sie mir half, in diesen Zustand zurückzukehren. Ich wollte zurück zur Ekstase, denn ich erkannte in diesem Moment, dass die Ekstase die Vollendung der Existenz darstellte.

„Schließ die Augen, kleiner Bruder.“ Ich tat, was sie befahl und schloss meine Augen. Ich spürte, wie die Arme meiner Schwester meinen Körper umschlossen und ihr Duft mir in die Nase stieg.

Ich spürte, wie sie mir eine weiche, zarte Hand auf den Mund legte und mich knebelte. Ich spürte, wie sie mir mit derselben Hand die Nase zuhielt.

Ich spürte, wie sie mir ihre Hände auf die Ohren drückte, um mich taub zu machen.

Ich spürte, wie ihre sachten Hände meine Hand- und Fußknöchel umschlossen und mich fesselten.

Ich spürte die zarte, liebevolle Berührung ihrer Finger auf jedem Zentimeter meiner Haut, die unter ihren Händen wie elektrisch zu prickeln begann.

Ich spürte, wie sich ihre Hand langsam und weich um meinen Hals schloss und mir Sekunde für Sekunde betäubend die Luft nahm. Mit jedem Atemzug, den ich nicht tat, sank ich mehr und mehr in die Gefühllosigkeit ab.

All meiner Sinne beraubt, da mein Tastsinn durch den Sauerstoffmangel betäubt wurde, trieb ich nun erneut in der Endlosigkeit des Nichtseins herum und die teuflische Musik erfüllte meinen Geist, die irisierenden Farben zuckten flackernd in schattenhaften Reflexen durch meinen offenliegenden Verstand und ein unbestimmtes Gefühl der Vollkommenheit machte mich glücklich, während mein sterbender Körper in seiner verachtenswert lächerlichen Schwäche sich, meinen Geist befreiend von selbigem löste und mir die absolute Ekstase der übermenschlichen Freiheit bescherte.

Ich wusste den Weg, auf dem ich gekommen abgebrochen, das Tor zurück zur Welt, die nicht real war, wenngleich sie es vorgab, verloren und einen Weg sich mir eröffnend, der mich in die Endlosigkeit, die endgültige Befreiung führte.

Als ich sterbend erstmals zu leben begann, sah ich ein letztes Bild aus meiner illusorischen Scheinwelt. Ich blickte auf die engelsgleiche Erscheinung des Mädchens, das meinen toten Körper in den Armen hielt und mir zum Abschied einen Kuss auf die Lippen drückte.

 

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3 Kommentare

  1. Das hier ist der erst Teil einer Reihe, die vermutlich noch ein Weilchen dauern wird. Sie ist nicht das Werk eines einzelnen Autors, sondern eines Autorenkollektives unter dem Pseudonym “Nils Olafson”. Jedes Kapitel ist von einem der Autoren verfasst und gemeinschaftlich überarbeitet worden. Die Autoren werden nicht genannt, sondern unter dem erwähnten Pseudonym zusammengefasst. Das ist mit allen Beteiligten so abgesprochen.

  2. Ich habe mich um ein Bild gekümmert und um die Absätze eingefügt, das erleichtert den Lesefluss ein wenig

    Leider ist die Geschichte ein kleines bisschen wirr, nicht, weil ich einige Begriffe und deren Zusammenhänge nicht verstehe,
    sondern weil schlichtweg Wortreihen, Zeitformen oder Wörter benutzt wurden, die den Sinn der Geschichte entnehmen
    Zum Beispiel: “Ich wusste den Weg, auf dem ich gekommen abgebrochen, das Tor zurück zur Welt, die nicht real war, wenngleich sie es vorgab, verloren und einen Weg sich mir eröffnend, der mich in die Endlosigkeit, die endgültige Befreiung führte.”

    Ich verstehe nicht, was man mir hier sagen will und es wirkt so, als hätte jemand versucht, exotische Satzpartikel zu benutzen, ohne überhaupt deren Zusammenhang zu verstehen

    Die Dialoge finde ich dafür in Ordnung. Ich hoffe trotzdem, der Autor arbeitet ein bisschen an sich selbst, da er auf einem guten Weg ist,
    aber ein Meister ist ja bekanntlich noch nie vom Himmel gefallen ;D

    Da war es erstmal mit der kleinen Kritik von mir

    1. Danke für deine Kritik, ich muss dir hier nur leider sagen, dass die seltsame Satzstellung in beispielsweis diesem Satz (Stellvertretend für den Rest des Kapitels) tatsächlich keine Unwissenheit oder Ungeschicktheit, sondern ein stilistisches Mittel ist. Der Autor hätte (was dasselbe bedeutet) schreiben können :”Ich wusste, dass der Weg auf dem ich gekommen war, abgebrochen war und ich das Tor zu der Welt, die nicht real war, obwohl sie so tat, verloren hatte. Nun lag ein Weg vor mir, der mich in die Endlosigkeit oder zur endgültigen Befreiung führen würde.” Die Verwendung veralteter Sprachformen (wie zum Beispiel das Weglassen des Hilfsverbs hinter “gekommen” und die dadurch entstehende befremdliche Konstellation zweier finiter Verbformen direkt hintereinander) sollen beim Leser ein Gefühl von Außerweltlichkeit oder Surrealismus (und damit logischerweise eine gewisse Verwirrung) erzeugen.

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