KreaturenKurz

Ein schwarzer Hirsch

Ein Klingeln ertönt durch das ganze Haus. Alte Holzdielen knarzen unter meinen Füßen, als ich mich auf den Weg zur Haustür mache. Genervt reiße ich sie auf, nur um das vor lauter Anstrengung rote Gesicht eines jungen Mannes vor mir zu sehen. Sein Atem ist schwer und unregelmäßig. Ich werfe einen skeptischen Blick zu ihm hinüber, während er immer noch verzweifelt nach Luft schnappt. So vergehen einige unangenehme Sekunden, bis er die ersten panische Worte herausringt: »Sie … Sie müssen mir helfen! Mein Freund und ich …«, er holt mitten im Satz tief Luft »…sind im Wald spazieren gegangen, als er plötzlich gestolpert ist und sein Bein verstaucht hat. Können Sie mit mir kommen?« Hastig ziehe ich mir meine Schuhe und eine dicke Jacke an, während mir mehrere Fragen aus dem Mund brabbeln: »Verdammt! Hat er sich ernst verletzt?! Haben Sie schon den Rettungsdienst informiert?! Wo befindet er sich jetzt!?«.

Der junge Mann legt eine Hand auf meine Schulter und ruft mir zu »Beruhigen Sie sich! Es ist jetzt nicht so schlimm! Ich brauche Sie nur, um ihn zu meinem Auto zu tragen.« Ich zucke unter seinem Griff zusammen. »Wir sollten ihn trotzdem nicht allzu lange warten lassen. Wie weit ist er von hier weg? Haben Sie jetzt die Rettung angerufen, oder nicht?«. »Nur 15 Minuten von hier entfernt«, entgegnet er mir entspannt. Ich warte geduldig auf eine weitere Antwort, während ich mir mein Handy und meine Hausschlüssel schnappe, aber er bleibt stumm. Ich trete aus meinem Hause und verschließe die Haustür hinter mir, während ich meine Frage, energischer als zuvor, wiederhole: »Nun? Haben Sie ihn jetzt informiert?«. Ich starre in die emotionslosen Augen des Mannes.

Obwohl das Wetter draußen schön ist, schmerzt mein Gesicht vor lauter Kälte. Der Mann scheint zu meiner Frage keine passende Antwort zu finden, bis er endlich zu mir spricht: »Nein, ich habe niemanden angerufen. Ich habe es nicht für notwendig gehalten, die Bergrettung zu kontaktieren.« Ich runzle meine Stirn und will schon protestieren, zögere aber. Vielleicht hat er recht. Wenn sein Freund nur eine leichte Verstauchung hat, dann würden unsere beiden Kräfte wahrscheinlich reichen, um ihn in seinen Wagen zu schleppen. Der junge Mann winkt mir mit seiner Hand zu und spricht gelassen zu mir: »Folge mir. Ich zeige Ihnen, wo er liegt.«

Wir gehen fünf Minuten einen schmalen Waldweg entlang. Der steile Pfad bringt mich schnell ins Schnaufen und dass er teils vereist ist, macht es auch nicht einfacher. Wir zwei reden unterwegs wenig und um ehrlich zu sein, will ich mit ihm nicht in ein Gespräch geraten. Er verhält sich schon die ganze Zeit eigenartig. Man würde davon ausgehen, dass er vor lauter Sorge panisch oder wenigstens beunruhigt wäre, aber er zeigt keine Emotionen. Sein Blick ist nach vorne gerichtet und sein Atem bleibt rhythmisch. Er scheint nicht einmal die extreme Kälte zu spüren.

Der Wald selbst sieht magisch und bezaubernd aus. Schnee glitzert auf den Ästen der Nadelbäume und kleine Schneeflocken geben allem eine mystische Atmosphäre. Trotzdem fühle ich mich nicht willkommen. Mir kommt es so vor, dass in dieser Gegend keine Lebewesen erwünscht sind. Normalerweise sind Singvögel zu hören, selbst neben meinem Haus, aber hier scheint alles verstummt zu sein. Und die Anwesenheit dieses Mannes beruhigt mich auch nicht. Warum hat er genau mich um Hilfe gebeten? Es gibt Häuser, die näher an diesem Waldweg stehen und es gibt auch keinen Grund, warum er dort abgewiesen werden sollte. Aber bevor ich mich weiter mit besorgniserregenden Gedanken paranoid machen kann, bleibt der Mann ruckartig stehen.

Sein Atem bildet kleine Eiskristalle, als er undeutliche Worte vor sich hin nuschelt. Ich keuche zu ihm rüber: »Was sagst du? Sind wir schon da?«. Mein Blick schweift über die gefrorene Gegend. Es gibt keine Anzeichen von seinem Freund. Mein Misstrauen wächst jede Sekunde. Plötzlich spricht der junge Mann vor mir mit einer ehrfürchtigen Stimme: »Hier ist es. Ist dieses Tier nicht prachtvoll? Ein Wunder der Natur.« Ich runzle die Stirn, nicht allzu sicher, worüber er redet. Schnee knistert unter meinen Schritten, als ich zögernd neben ihn trete. Zuerst konnte ich zwischen den Fichten und Lärchen nichts erkennen, dennoch konnte ich eine weitere Präsenz spüren. Das Gefühl, dass wir beobachtet werden, wächst in mir und damit auch die Panik. Verzweifelt sehe ich den Mann neben mir an und will ihn schon fragen, was los sei, aber als ich sein verträumtes Gesicht erblicke, schnürt sich meine Kehle zu. Seine Augen weiten sich und sein Mund hat sich zu einem verstörenden Lächeln verzogen, das von einem Ohr bis zum anderen reicht. Im Augenwinkel bemerke ich, wie sich etwas bewegt. Mit erhoben Fäusten drehe ich mich, gerate aber in eine Art Schockstarre, als ich es erblicke.

Ein Gefühl von Wärme und Freude überströmt mich, als ich den schwarzen Hirsch vor mir sehe. Ich kann nicht anders, als dieses wunderbare Wesen zu verehren. Ich habe in meinen ganzen Leben noch nie so ein wunderschönes Tier gesehen. Die Welt um mich verschwimmt und das einzig klare bleibt dieser stolze Hirsch.

Doch der Hirsch sieht hungrig aus. Ich muss ihn unbedingt füttern. Er darf nicht verhungern. Er darf nicht sterben. Hoffnung breitet sich in mir aus, als ich an den Mann, der mich herbrachte, denke. Eine tiefe Entschlossenheit durchströmt meinen Körper und ich trete einen Schritt näher an den Mann neben mir, denn Blick nicht abwendend von dieser Kreatur. Die roten Augen des Tieres flimmern stark, während sie jeden Schritt, den ich ausführe, beobachten. Sein Blick hält mich in eine Trance, aber ich werde abgelenkt, als eine warme Flüssigkeit um meine Hände fließt.

Widerwillig breche ich den Augenkontakt ab und starre auf die schlaffe, in meinen Armen liegende Leiche. Ich quetsche die Augen des Mannes in seinen Schädel, bis sie vollends in seinen Augenhöhlen verschwinden. Meine Hände werden in Blut getränkt. Sein Kopf ist immer noch zu dem Hirsch gedreht, als ob er dieses Wesen auch nach dem Tod bewundert. Sein Lächeln verschwindet nicht und seine braunen Haarsträhnen kleben mit fast schwarzem Blut zusammen. Der Schock holt mich aus der Hypnose und ich ziehe meine Daumen mit einem schmatzenden Geräusch aus dem klebrigen Kopf.

Wie ein Fernseher, der den Sender wechselt, sehe ich jetzt den wahren Terror hinter dem ach so schönen Schleier. Mehrere verstümmelte Leichen bestücken den Boden rund um mich herum und färben den Schnee in einem dunklen Rot. Der Kadaver einer Frau lehnt an einem Baum, den Darm aus ihrem Bauch lugend und direkt vor mir liegt ein männlicher Leichnam mit aufgerissenem Brustkorb, der mir zugrinst. Wie konnte ich das nur übersehen?

Mit zittrigem Atem drehe ich meinen Kopf wieder, um den Hirsch zu begutachten, doch die Magie, die dieses Wesen begehrenswert machte, ist verschwunden. Galle versucht sich einen weg aus meiner Mund zu bahnen. Ganze Fellstücke fehlen von seinem mageren Körper und stellenweise lugt Fleisch heraus. Auf seinem Kopf sind Stücke von seinem Schädel zu sehen und das Geweih ist teilweise abgebrochen. Mit einem grauenvoll menschlichen Lächeln tretet dieses Ungeheuer näher, seine roten Augen auf mich fixiert.

Ich kann hören, wie Knochen brechen, als es sich behutsam nähert. Seine Bewegungen sehen so falsch aus, wie sie nur sein könnten. Seine Beine drehen sich in jede mögliche Richtung und sein Hals scheint das Gewicht des Kopfes nicht stützen zu können. Ich will schreien, weglaufen, wenigstens etwas unternehmen, doch ich bin nicht fähig mich zu bewegen, denn plötzlich verschwimmt die Umgebung um mich herum und das einzig klare bleibt dieser wunderschöne Hirsch vor mir. Ein Lächeln breitet sich auf mein taubes Gesicht aus, während sich meine Augen weiten.

Eine sanfte, tiefe Stimme spricht in meinen Kopf zu mir. Die Worte klingen klar und deutlich in meinen Gedanken wieder. Ich nicke dem Hirsch eindringlich zu und drehe mich in die entgegengesetzte Richtung um. Ich stapfe wie auf Wolken durch den Schnee. Den ganzen Weg zum Talboden ist ein Kichern und Glucksen von mir zu hören. Der Wald um mich wirkt mit jedem Schritt, den ich mache, schöner und magischer als zuvor. Der Schnee glitzert in der Sonne und Eiszapfen, die von Ästen hängen, blitzen mir zu, während kleine Schneeflocken von den Bäumen fallen. Für mehrere Minuten laufe ich durch diese Traumwelt, bis ich außer Atem vor einem fremden Haus stehe.

Mein Lächeln erschlafft und meine Miene wird ernster. Ich klopfe kräftig an der Tür und warte geduldig. Schritte sind von der anderen Seite zu hören, als die Tür rasch aufgeht. Ein etwas älterer Mann sieht mich verwirrt an und fragt: »Was gibt’s?« Ich fühle eine Art Euphorie in mich aufsteigen, versuche aber, es zu unterdrücken. Ich antworte nach einigen unangenehmen Sekunden so seriös wie möglich: »Ich brauche Ihre Hilfe. Mein Freund hat sich beim Wandern das Bein verstaucht.«


 


 

Original
Autor:HGMM

Bewertung: 5 / 5. Anzahl Bewertungen: 1

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Überprüfen Sie auch
Schließen
Schaltfläche "Zurück zum Anfang"