
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Mir, in meinem eigenen Kopf gefangen, schwirrt der Kopf. Zu viel strömt auf mich ein, und am liebsten würde ich einfach „abschalten“ und alles um mich herum ignorieren. Dass ich das nicht kann, liegt auf der Hand, immerhin steht das Schicksal der Menschheit auf dem Spiel.
„Und wäre es wirklich so schlimm, wenn die Menschheit unterjocht würde?“, meldet sich eine Stimme. Ich kann nicht ausmachen, ob sie von dem Mädchen, dem unheimlichen Mann oder aus dem Kopf innerhalb meines Kopfes kommt. Es ist auch unwichtig. Wichtig ist nur, dass die Stimme durchaus einen Punkt anspricht, der nicht von der Hand zu weisen ist.
Für einen Moment stelle ich mir das vor. Keine Kriege mehr, keine Umweltverschmutzung, nur noch das Gesetz der Natur. Vor meinem inneren Auge sehe ich Großstädte, die langsam von der Tier- und Pflanzenwelt zurückerobert werden. Ich sehe Rudel von Wölfen durch den nun wilden Central Park laufen, auf der Jagd nach Rehen. Ich sehe Schwärme von Krähen, die auf dem Eiffelturm nisten, völlig sicher und ungestört. Stelle mir den Vorplatz vom Vatikan vor, wie dieser zu einem kleinen See geworden ist, in dem Fische ihr Zuhause gefunden haben und Reiher an dessen Ufer auf der Suche nach Nahrung entlangstolzieren.
Und dann fällt mir ein, dass das alles nie geschehen wird, weil SIE ja da sein werden. Was werden SIE aus dem Planeten machen? Ein Höllenszenario nach Bosch? Werden SIE wie Heuschrecken über die Erde herfallen, bis nichts mehr da ist, und sich dann einem anderen Planeten zuwenden?
„Ich kann das nicht zulassen!“, sage, nein, schreie ich nun förmlich heraus. Die Worte hallen in meinem -seinem – Kopf wider, erzeugen ein dröhnendes Echo und ich hoffe, dass dieser verdammte Varas davon eine Migräne bekommt.
Mo klatscht zustimmend in die Hände, während mich Actucia wie vom Donner gerührt anstarrt. „Tu das nicht…“, sagt sie mit schwacher Stimme, aber Mo schiebt sich an ihr vorbei und legt mir seinen Arm um die Schulter. „Lass mal, Kleine, unser Wegener hier hat noch Großes vor sich. Dann schieß mal los, wie willst du das Ende der Welt verhindern?“
„Zuerst einmal muss ich hier raus“, sage ich, wie um es mir selbst zu bestätigen. Als ich das sage, wird mir auch auf einmal klar, wie ich das anstellen muss. Mit einem Satz löse ich mich aus Mos Arm und springe auf die Leinwand zu. Ich stemme mich dagegen und merke, dass die Membran leicht nachgibt. Also übe ich mehr Druck aus und noch mehr. Ich versuche mich mit meinem Körpergewicht und meinem gesamten Willen durch die Membran zu drücken. Hinter mir beginnt Actucia zu schreien: „Das ist der falsche Weg. Du wirst alles verderben, tu das nicht!“
Doch bevor das Geschrei zu einer Ablenkung für mich werden kann, springt Mo ein. Aus den Augenwinkeln kann ich sehen, wie er sie zu Boden ringt. Ihr Schreien wird zu einem Keuchen, begleitet von Stöhnen, welches unglaubliche Schmerzen ausdrückt. Ich kann jedoch nicht sehen, was Mo ihr antut, und in diesem Augenblick ist es mir auch egal. Ich muss hier raus und ich werde hier auch rauskommen.
Erneut nehme ich Anlauf und schmeiße mich mit der Schulter gegen die Leinwand. Immer und immer wieder, meine Angriffe auf dieses verhasste Stück Membran kommen nun in immer kleineren Abständen. Dann beginne ich mit meinen Fingern die Wand zu traktieren, versuche mich hineinzubohren, diese Trennwand aufzureißen. Actucia weint und stöhnt unter Schmerzen, als wäre sie es, die ich da attackiere. Mo hat sich wie zum Schutz auf sie gelegt, hält sie mit seinem Gewicht am Boden fest. Auch er schreit, aber es ist ein Triumphgeheul. Diese Kakophonie macht es mir schwer, einen klaren Gedanken zu fassen, aber eigentlich ist das auch nicht nötig. Raus! Nur raus, schreit alles in mir.
Und dann geschieht es. Zwei meiner Finger bleiben plötzlich in der Membran stecken. Wie aus einem Reflex heraus nehme ich einen heraus und stecke den Zeigefinger meiner anderen Hand in die Lücke. Ich beginne zu reißen, das Loch zu erweitern. Ich keuche vor Anstrengung, aber mein Wille ist nun in keinster Weise mehr von meinem Vorhaben abzubringen.
Durch den Spalt dringt gleißendes Licht. Geblendet wende ich meine Augen ab, lasse aber keinen Moment von meiner Tätigkeit ab. Bald schon wird der Spalt groß genug sein, dass ich mich hindurchzwängen kann.
„Bitte…“, höre ich das Flehen des kleinen Mädchens. Doch der Rest des Satzes geht im irrsinnigen Lachen von Mo unter:“ Er gehorcht nur seiner Natur. „Mach weiter so, mein Junge!“ Hier spielt alles verrückt. Inmitten dieser sowieso schon völlig verrückten Umgebung scheint der Wahnsinn dennoch keine Grenzen zu kennen. Und er ist ansteckend.
Als ich meinen Mund öffne, weil mich Mos Lachen so unglaublich ansteckt, stelle ich fest, dass mir die Luft zum Atmen fehlt. Entsetzt wende ich mich um, schaue, ob es den beiden anderen auch so geht. Aber da ist niemand. Nur das Weinen von Actrucia ist noch zu hören. Ich ringe um Luft. Meine Lungen brennen vor Verlangen, aber hier gibt es nichts, womit ich es befriedigen könnte. Nun ist Eile geboten. Ich muss hier raus, bevor ich ersticke. Ich drehe mich wieder um, will mich gerade durch den Spalt zwängen, als mich etwas festhält. Es ist Actucia, die ihre Arme um meinen Bauch schlingt.
Mit Entsetzen sehe ich, dass dort, wo ihre Beine auf dem Boden liegen müssten, eine Art Schlauch ist. Sie ähnelt entfernt einer Naga, halb Mensch, halb Schlange, und ihr Griff ist eisern. „Lass mich nicht alleine, Bruder“, fleht sie und blickt mich mit großen, tränenerfüllten Augen an. Ich schüttele nur den Kopf, versuche mich aus ihrem Griff zu winden. Mir bleiben allenfalls noch Sekunden, bis mir die Luft ausgeht. Wenn ich jetzt bleibe, werde ich sterben. Nein, ich muss hier raus. Mit einem Ruck befreie ich mich aus ihrem Griff. Sie macht keine Anstalten, ihn zu erneuern. Stattdessen liegt sie nun auf dem Boden, zusammengekauert, und heult. Heult das herzzerreißendste Schluchzen, das ich je gehört habe. Es heißt: jetzt oder nie. Ich stecke meinen Kopf durch die klaffende Wunde in der Leinwand – und kann atmen.
„Es ist soweit!“ Mit einem Ruck wird mein Körper ins Freie befördert. Ich liege in den Armen einer wunderschönen Frau, die mich an meine Roxanne erinnert. Aber das nehme ich kaum wahr, denn meine Lungen kreischen vor Glück, als sie endlich frischen Sauerstoff atmen dürfen, und ich gebe ihrem Drang, dieses Glücksgefühl der gesamten Welt mitzuteilen nach. Ich schreie aus voller Kehle, obwohl mir alles wehtut und mich das Licht immer noch blendet. Die Arme, die mich halten, wickeln mich liebevoll in wohlig warme Tücher. Ich fühle mich geliebt und umsorgt – und muss an Actucia denken.
Der Schmerz überfällt mich wie eine Springflut. Ich habe sie zurückgelassen. Bruder hat sie mich genannt, und ich spüre, dass es die Wahrheit war. Habe sie verlassen, und nun liegt sie da in der Dunkelheit, allein. Mein Herz scheint zu zerspringen bei diesem Gedanken, und Tränen brechen aus meinen noch immer schmerzenden Augen hervor. Es sind Tränen der Wut, der Pein, aber auch Tränen der Erleichterung. Ich habe es geschafft, ich bin draußen. Nun kann ich Varas und seine Brut aufhalten. Doch zuerst einmal muss ich Kraft sammeln. Ich schließe die Augen und erholsamer Schlaf umfängt mich, zieht mich hinab ins traumlose Dahingleiten.
„Und so beginnt ein neuer Kreislauf.“ Mo steht neben Actucia, die nun wieder ihre normale Gestalt hat. „Auch wenn ich sagen muss, dass es mir um die Kleine leid tut. Wir werden doch bestimmt einen anderen Platz für sie finden oder?“
Das Mädchen lächelt: „Diese Seele hat es hinter sich. Sie hat ihren Frieden gefunden. Sie ist nun bei mir. Du gewinnst eben nicht immer, alter Mann.“ Ihr Grinsen ist frei von Schadenfreude, es drückt echtes Glück und Zufriedenheit aus. Auch Mo lächelt jetzt, jedoch ist sein Grinsen ein wenig süffisant. „Wie dem auch sei. Für Wegener beginnt nun ein neues Leben.“
Und in der Tat tut es das. Während ich schlafe, drückt meine Mutter mich an ihre Brust. Sie hält mich zärtlich, beschützend, mit unendlicher Zuneigung. Als die Minuten gehen, fällt ein Schatten auf ihr in Liebe gehülltes Gesicht. Es ist der Schatten von „es könnte sein“, der sich in ihre Gedanken stiehlt. Sie weiß nichts von Varas, aber sie weiß von der Grausamkeit der Menschen. Sie weiß auch, dass sie ihren Sohn nicht vor allem beschützen kann. Varas ist der lauernde Schatten dessen, was passieren KANN. Der liebe Onkel, der Süßigkeiten verspricht, wenn man mit ihm geht. Die Klassenkameraden, die einen hänseln und schlagen, weil man vielleicht anders ist. Der Freund, der eine total abgefahrene, neue Droge anschleppt. Der verzweifelte Irre, der in der Gasse darauf wartet, dass ein reicher, erfolgreicher Schnösel die Blutgier seines Messers befriedigt.
All das ist Varas. Aber ist da vielleicht sogar mehr?