
Einer dieser Tage
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Ich
wache auf. Der raue Stoff der Bettdecke kratzt über meine Haut. Es ist wohl
wieder einer dieser Tage. Immer noch verkatert drehe ich den Kopf. Ach ja
stimmt, ich habe keinen Wecker. Ich brauche keinen. Ich habe die Routine. Mit
brummendem Schädel versuche ich mich aufzurichten. Ohne Erfolg. Verdammt, ich
bin noch nicht mal 40. Schlussendlich schaffe ich es doch. Klirrend fallen die
Bierflaschen zu Boden, als ich die Decke zurückschlage. Ich schwinge mich zur
Bettkante und schaue mich um. Verschwommen erkenne ich in dem winzigen Raum
meinen Kleiderschrank. Nun, viel befindet sich nicht in ihm. Einige löchrige
T-Shirts und Hosen. Mehr kann ich mir nicht leisten. Mein Blick fällt auf die
billige Lampe in der Ecke. Funktioniert sie überhaupt? Die zerschlissenen
Vorhänge erinnern mich an meinen Kater. Hach Felix, du warst so ein treuer
Begleiter. Warum bist du an jenem Tag auf die Strasse gelaufen?
Ihr
fragt euch jetzt, wie ich meinen Lebensunterhalt bestreite. Nun, ich bin das, was
die Menschen Abschaum nannten. Ich lebe vom Staat… oder so. Von euren
Steuergeldern, ohne etwas zurückzugeben. Ihr denkt jetzt, dass das nicht viel
ist? Ist es auch nicht. Das Bett habe ich mir aus ein paar Brettern selbst
zusammengezimmert. Ich hatte eine Tischlerlehre. „Hatte“ beschreibt es ziemlich
genau. Es gab einen Unfall. Ein guter Kumpel verlor das Gleichgewicht. Dabei
sollte er nur einige Bretter zusägen. Ich erschien wochenlang nicht zur Arbeit.
Anfangs hatte mein Chef noch Verständnis, aber mit der Zeit verlor er die
Geduld. Ich flog. Mit wem rede ich überhaupt? Ist ja auch egal. Ihr wollt meine
Geschichte hören? Nicht? Nun, da ihr schon mal da seid, könnt ihr ja auch bleiben.
Meine Elte…verdammt, ihr sollt still sein, wenn ich etwas sage! Ich trete gegen
das Bett.
Weitere
Flaschen kullern zu Boden. Nie könnt ihr still sein. Haltet die Klappe! Tut mir
leid. Ich hole tief Luft. Der Geruch nach kaltem Schweiss und Alkohol dringt
mir in die Nase. Schwankend erhebe ich mich und gehe zum Fenster. Das blöde
Ding klemmt schon wieder. Mit einem Ruck reisse ich es auf. Allerdings habe ich
nicht mit dem Rückstoss gerechnet. Ich falle, direkt in den Berg von
Glasflaschen. Das splitternde Geräusch dringt an mein Hirn. Seid doch endlich
leise! Vorsichtig taste ich meinen Hinterkopf ab. Huu, Glück gehabt. Nur ein
paar kleine Schnitte. Die glitschige Flüssigkeit wische ich an der Matratze ab.
Ich muss sie demnächst sowieso Mal waschen. Langsam rapple ich mich auf. Der
stickige Luftzug, der von draussen herein kommt, tut gut. Gewagt
lehne ich mich aus dem Fenster. 26 Meter unter mir befindet sich nur gehärteter
Beton. Einige morsche Bäume und vertrocknete Sträucher sollten ihm etwas Fröhliches
verleihen, doch sie lassen ihn nur noch trostloser wirken. Wie wäre es, wenn
ich mich einfach auf ihn fallen lassen würde? Jetzt gleich? Keiner würde es
merken. Meine Nachbaren…welche Nachbaren? Hier wohnt schon ewig keiner mehr.
Glaube ich zumindest. Jedenfalls habe ich auf dem Weg zur Tankstelle nie
jemanden gesehen. Das bisschen Geld, das ich habe, liegt am ersten Montag im
Monat in einem der vielen Briefkästen. Ich wohne, oder eher hause in einer
Gegend, die ihr Reichen als Ghetto abstempeln würdet. Es gibt insgesamt acht
Blocks. A bis H. Ich lebe in Block F. Er ist der, der bis jetzt am besten
erhalten ist. Wie lange er das noch sein wird, weiss ich allerdings nicht.
Ich
habe nicht wirklich Kontakt zu Menschen. Nur zum Tankwart. Er lächelt immer,
wenn er mich sieht. Ich lege dann meine acht Kästen Bier und etwas zu essen auf
den Tresen. Immer acht, nicht einen mehr oder weniger. Wenn er sie gescannt hat
und das Gerätchen den Preis anzeigt, lächelt er erneut. Das heisst so viel wie:
Danke für ihren Einkauf. Wenn er das Geld unter dem Tresen verstaut hat, packe
ich meine Sachen in den Einkaufswagen. Er dient mir als Transportmittel.
Bezahlt und verstaut werfe ich an der Tür immer einen Blick zurück. Er nickt
dann, so als Bestätigung, dass ich gehen darf. Er ist kein Mann vieler Worte.
Eigentlich spricht er überhaupt nicht. Aber das ist egal. Von mir zu dir. Wer
bist du denn? Ein reicher Schnösel? Oder ein Penner von unter der Brücke? Wie?
Du willst es mir nicht sagen? Das finde ich aber sehr unhöflich. Meine Mutter
hat mich sehr gut erzogen, weißt du. Sie legte immer grossen Wert auf Respekt
und Ordnung. Ok, eigentlich war das gelogen. Sie war immer stockbesoffen. Ich
war froh, wenn sie bei irgendeinem Typen war, der sie durchnimmt. So hatte ich
wenigstens meine Ruhe. Aber dein Vater, was ist mit dem, fragst du mich. Hmm,
mal überlegen. Ne, tut mir leid, hab ich vergessen. Meine Schwester hat immer
dafür gesorgt, dass ich genug esse und trinke. Ich mochte sie sehr gerne. Sie
hat mir auch dabei geholfen, eine Ausbildung zu finden.
Ich
hatte nicht wirklich einen Schulabschluss. Ich war eher ein Schullabschuss. Hihi,
lustig, oder? Na ja, das Übliche halt. Kiffen, saufen, Leute zusammenschlagen
für ein wenig Geld und weitersaufen. Meine Lehrer, das waren die Typen mit Brille,
die einen anschreien, oder? Ja, ja genau die. Die haben mir immer gesagt, ich
würde nie was erreichen. Ich hab ihnen dann immer irgendwas entgegen geschrien.
Irgendwann hab ich dann aufgehört ins Schulgebäude zu gehen. Hat auch nicht
wirklich jemanden interessiert. Hab dann mit den coolen Kids draussen geraucht.
Apropos rauchen, wo sind meine Zigaretten? Ach ja, auf der Kommode. Die hat
auch schon bessere Tage gesehen. Genüsslich zünde ich mir eine an. Tief ziehe
ich den Rauch in meine Lunge. Ha, das tut gut. Scheiss auf die ganzen Ärzte.
Wollen eh nur dein Geld. Wo war ich? Ach ja. Hab
dann irgendwann gemerkt, dass es ganz ohne Job auch nicht geht. Bisschen
gekellnert, bisschen gekifft. Mal da ein kleiner Raub, mal da ein paar Handys.
Die alten Damen aber waren am lukrativsten. Voll gehängt mit Schmuck. Wie ein
Weihnachtsbaum. Weihnachten war keine schöne Zeit. Da war meine Mutter meistens
zuhause. Alle Typen hatten plötzlich Frau und Kinder, um die sie sich kümmern
mussten. Scheisskerle. Interessierte sie doch sonst auch nicht. Meine Schwester
war immer bei ihrem „Freund“. Eines Tages, ich glaube es war mein 17tes
Weihnachten, kam sie nicht wieder von ihrem „Freund“. Meiner Mutter fiel es
nicht auf. Mir schon. Es ist nicht so, dass ich stundenlang geheult hätte. Ihr
kennt das doch. Ihr habt einen Hamster, oder Meerschweinchen, oder sonst
irgendeins von diesen nervigen Viechern. Eines Tages stirbt es, ihr seid ein
paar Tage traurig, und zwei Wochen später habt ihr es wieder vergessen. So ging
es mir auch.
Habt
ihr genug gehört? Nicht? Na gut, aber gebt mir ein paar Minuten. Ich gehe vom
Fenster zurück und schliesse es. Ist eh viel zu kalt. Ich habe immer noch
Kopfschmerzen. Vielleicht vertreibt eine Dusche auch die nervigen Stimmen. Das
an mein Schlafzimmer angrenzende Bad ist genauso verdreckt wie der Rest der
Wohnung. Schimmel hat sich breit gemacht und diverse kleine Tierchen kriechen
an den Wänden und der Decke. Naserümpfend steige ich in die Duschkabine. Ups,
die Kleider sollte ich vielleicht ausziehen, obwohl sie auch mal eine Wäsche
verdient hätten. Ich drehe den Hahn auf. In der Erwartung auf eine entspannende
Dusche fängt meine Haut an zu kribbeln. Oder ist es eines der Tierchen, das
sich seinen Weg zu mir gebannt hat? Ein einzelner Wassertropfen fällt auf meine
verfilzten Haare. Funktioniert der Dreck schon wieder nicht? Das ist schon das
dritte Mal diese Woche. Welchen Tag haben wir überhaupt? Ich glaube, es ist ein
Sonntag, sicher bin ich mir allerdings nicht. Wahrscheinlich ist es einer
dieser Tage, an denen alles schief läuft. Ja, ja das wird es sein. Ich
könnte wieder ins Bett gehen. Aber ich hab Hunger. Ich werde erstmal etwas
essen. Frustriert steige ich aus der Kabine. In einem plötzlichen Anfall trete
ich gegen die Scheibe der Dusche. Sie zerbricht. Nicht schon wieder! Jetzt muss
ich den…wie hiess noch gleich der Typ, der Duschen repariert? Stimmt, ich habe
gar kein Telefon. Es würde mir sowieso nichts bringen. Ich stolpere in die
Küche. In der Hoffnung, dass ein wenig Musik die Kopfschmerzen vertreiben
würde, schalte ich das Radio an. Nach einigen Minuten des Suchens, finde ich
schliesslich eine funktionierende Frequenz. Glück gehabt. Ich nehme mir ein
Brötchen aus dem Brotkorb, schneide den Schimmel weg und beginne es mit Butter
zu beschmieren. Während ich dies tue, hallt aus dem billigen Lautsprecher ein
mir allzu bekannter Liedfetzen: „Ich hab den Tod mal auf nem Trip getroffen und
den Hurensohn unter den Tisch gesoffen.“ Welch bittere Ironie. Damals haben wir
uns immer über den Typen lustig gemacht, der es gesungen hat. Heute bin ich
genau in dieser Lage. Ich höre das Lied der Nostalgie wegen noch zu Ende und
schalte das Radio danach aus. Während ich im Vorratsschrank nach einem noch
essbaren Belag suche, kommen Erinnerungen an meine selbst gegründete Familie hoch.
Wie alt war ich da? Hmm, nicht älter als 25. Glaube ich.
Ich
hatte gerade einen Job als Türsteher gefunden, als ich sie eines Abends durch
unsere Strasse taumeln sah. Das war an sich nichts Besonderes, es liefen
ständig Schnapsleichen vorbei. Unsere Strasse lebte vom Alkohol. Und von den
Frauen. Und von den Drogen. Und von den Schlägern. Ähh, nennen wir unsere
Strasse einfach Ghetto. Klingt das gut? Also, ich sah sie, anscheinend sturzbetrunken
durch unser Ghetto taumeln. Aus einem mir unerfindlichen Grund schaute ich sie
mir genauer an. War es ihre teure Kleidung? Ihr diamantener Ring? Oder war es
die dicke Wölbung an ihrer Hose, welche eine pralle Brieftasche versprach? Nein,
eigentlich nichts von alledem. Ich ging zu ihr herüber. „Miss, kann ich ihnen
helfen?“ Sie lallte mir etwas ins Ohr, das ich nicht verstand. Bei genauerem Hinsehen
erkannte ich, dass sie noch relativ jung sein musste. So etwa mein Alter.
„Entschuldigung, ich habe sie nicht verstanden.“ Damals war ich sehr höflich.
Warum auch immer. Sie murmelte erneut etwas, was ich als „Ich hab mich
verlaufen“ identifizieren konnte. Wahrscheinlich war sie von Freunden abgefüllt
und dann vergessen worden. Ich war zwar kriminell, hatte aber trotzdem ein
Herz. „Hatte.“ Schon wieder dieses Wort. Man kann mich sehr gut mit „hatte“ in
Verbindung bringen. Alles was ich bin, war einmal. Damals hatte ich noch ein
Leben. Damals hatte jeder noch ein Leben. Nicht jedes war gut, aber immerhin
ein Leben. Mein Leben war zwar nicht schön, aber es beinhaltete noch Dinge, die
ein Leben zu einem solchen machten: Sex, Freunde und etwas Richtiges zu essen.
Ich
ziehe eine Dose aus dem Schrank und schaue hinein. Ein weisser Flaum hat sich
auf dem Inhalt breit gemacht. Ich stelle sie zurück und suche weiter. Sie hatte
mir damals noch verraten können, wo sie wohnt. Wohl erzogen, wie ich war, hatte
ich sie nach Hause begleitet. Sie wohnte in einer der Gegenden, die ich sonst nur
aus dem alten Röhrenfernseher kannte. Ihre Eltern waren mir unglaublich
dankbar. Geld gaben sie mir trotzdem keines. Geizige Bastarde. Natürlich hatte
ich mir meine Belohnung schon geholt. Den Ring verkaufte ich teuer und das
restliche Geld versteckte ich. Zwei Wochen später war sie wieder da. Inzwischen
wusste ich ja, wo sie wohnte.
Es
wurde immer häufiger un…habe ich nicht gesagt, ihr sollt die Fresse halten,
wenn ich etwas am Erzählen bin? Wie, was fragst du? Es interessiert mich einen
Scheissdreck, was du fragen willst! Unterbrich mich nicht! Ich brauch ne
Zigarette. Wütend
wende ich mich vom Schrank ab und suche meine Glimmstängel. Gefunden! Ein Käfer
kriecht darauf herum. Schmeckt nach Sand. Nächstes Mal sollte ich ihn
vielleicht braten. Immer noch wütend, zünde ich mir zitternd eine Marlboro an.
Ist die einzige Marke, die man noch bekommt. Nicht gut, aber besser als nichts.
Na, jedenfalls kam sie jetzt immer öfter. Und sie war nicht immer komplett
dicht. Falls ihr jetzt eine bewegende Liebesgeschichte hören wollt, vergesst
es. Der Begriff „Familie“ von vorhin war ein wenig unglücklich gewählt.
Es
ging etwa ein halbes Jahr, dann war sie schwanger. Ich habe sie gebeten es
abzutreiben – na gut, eventuell habe ich es etwas direkter formuliert, aber sie
hat es trotzdem bekommen. Es tut mir bis heute leid, was ich getan habe.
Zumindest ein bisschen. Okay, ich will ehrlich zu euch sein. Sie war ein
Spielzeug. Und jedes Spielzeug ist irgendwann abgenutzt. Und wenn es kaputt
ist, muss man es entsorgen. Einen Monat später hatte ich ein neues. Meine nächste
„Familie“ hielt allerdings nicht viel länger. Ich mochte Menschen noch nie
gerne, was zwar paradox ist, da ich selber einer bin, aber egal. Als ich noch zur
Schule ging oder mich zumindest dort aufhielt, war es noch ganz okay. Aber mit
der Zeit wurde es schlimmer. Menschen sind Abschaum. Du bist Abschaum. Was?
Schau mich nicht so an! Du bist für das verantwortlich, was geschehen ist. Ja
gut, vorher war es nicht wirklich besser, aber du weisst, was ich meine. Meine
Katze? Woher weisst du von ihr? Ich hab es dir erzählt? Hör auf zu lügen, du
Stück Scheisse. Wütend schlage ich gegen den Schrank. Immer und immer wieder.
Ich
weiss nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Der Schrank liegt in Trümmern, der
vielleicht essbare Inhalt liegt überall verstreut und meine Arme und Hände sind
mit Glasscherben gespickt. Die leeren Zigarettenschachteln bilden einen dekorativen
Turm. Vorsichtig
ziehe ich mir die Scherben aus der Haut. Erinnert mich an einen Film, hab aber
vergessen, welcher. Die Sonne steht tief am Himmel. Ich denke, es ist später
Nachmittag. Ich könnte die Zeitung lesen. Ach verdammt, blöde Angewohnheit, es
gibt schon lange keine Zeitung mehr. Früher gab es eine. Aber das war bevor die
Bomben fielen. Vielleicht ist das Funksignal stark genug für einen
Fernsehsender. Ich schlurfe ins Wohnzimmer und lasse mich auf die zerfetzte
Couch fallen. Mir fehlt meine Katze. Er hat mich verstanden. Er war für mich
ein allwissendes Wesen. Er hat sich um mich gesorgt. Er war der Einzige, der
jemals wirklich für mich da war. Niemand hat sonst mit mir geredet. Könnte aber
auch daran gelegen haben, dass es niemanden mehr gab. Ich
suche die Fernbedienung. Wo hab ich sie denn hingelegt? Ach ja, neben den
Fernseher. Wie immer. Ich brauche meine Routine. Es ist einfacher, dieses
„Leben“ zu ertragen, wenn sich jeder Tag gleich abspielt. Müde zappe ich durch
die Sender. Überall nur weisses Rauschen. Zwischendurch taucht eine Puppenshow
auf. Irgendwas mit Piraten oder so. Ich hasse Puppen. Schlussendlich gebe ich
auf. Ich gehe zum Kühlschrank und hole mir den ersten Kasten Bier. Mit Schrecken
stelle ich fest, dass fast keines mehr da ist. Ich hoffe, morgen kommt das
Geld. Wie gerne würde ich jetzt Felix’ Fell unter meiner Hand spüren. Seinen
kleinen Kopf in meiner Handfläche. Über das struppige Rückenfell gleiten. Und
Felix würde schnurren und sanft meine Hand ablecken. Warum nur, Felix? Warum
bist du an jenem Tag auf das Dach geklettert? Man sagt, eine Katze würde immer
auf den Beinen landen. Aber wenn diese Beine einen Fall von 36 Metern
ausgleichen müssen, nutzt ihnen das wenig. Ich öffne die erste Flasche und
stürze sie in einem Zug hinunter.
Der
Abend vergeht und die leeren Flaschen stapeln sich. Die gute Routine. Sie macht
alles so viel einfacher. Ich sitze auf meiner Couch und höre den Stimmen zu. Zu
Anfang haben sie mich genervt, aber mit der Zeit habe ich gelernt ihnen
zuzuhören. Sie erzählen wunderbare Geschichten. Sie singen mit hellen Stimmen
bezaubernde Lieder. Aber am schönsten ist es, wenn sie mit mir reden. Wir plaudern
dann über Dinge wie zu…oh, du schon wieder…was willst du? Meine Geschichte zu Ende
hören? Warum? Sie interessiert dich doch sowieso nicht. Ich bin nicht in der
Stimmung dafür. Du kennst doch die Routine. Du darfst erst morgen früh wieder
kommen. … Geh endlich! … Mann, verpiss dich! Ich will dich nicht sehen. Bitte
geh jetzt! Du störst die Routine! Ausser
mir vor Wut werfe ich eine Bierflasche nach ihm. Er soll endlich gehen. Er
könnte meine sorgsam aufgebaute Existenz einfach so vernichten. Er gehört nicht
hierher. Zumindest nicht jetzt. Ich werfe weitere Flaschen nach ihm, doch er
bleibt stehen. Ich will dich nicht sehen! Hau ab! Wutentbrannt renne ich ihm
entgegen. Doch er bleibt wie angefroren stehen. Langsam bekomme ich Angst. Er
gehört hier nicht her. Alles gerät ins Bröckeln. Angsterfüllt renne ich ins
Schlafzimmer. Panisch durchsuche ich den kleinen Medizinkoffer unter dem Bett.
Es muss hier sein! Es muss einfach. Es muss, es muss, es muss. Überglücklich
ziehe ich einen kleinen Beutel heraus. Darin befinden sich zwei farbige
Tabletten. Ich schlucke sie ohne Wasser. Sofort merke ich, wie ich ruhiger
werde. Meine Nerven entspannen sich. Mein Kopf wird kühl. Nicht nur mein Kopf.
Es ist verdammt kalt hier drin. Ich schliesse das Fenster und lege mich aufs
Bett. Ich glaube, dass noch ein paar Bier übrig sein müssten. Und ich habe Glück.
Zufrieden trinke ich mich in den Schlaf.
Ein knarrendes
Geräusch weckt mich. Wohl eher ein Poltern. Benebelt richte ich mich auf. Meine
Augen gewöhnen sich relativ schnell an die Dunkelheit. Nein, nicht du schon
wieder! Warum redest du mit mir? Das ist gegen die Routine. Du sagst mir, dass
ich gehen soll? Wohin denn? Nach draussen? Bist du wahnsinnig? Du sagst mir,
dass es schon geklingelt hat? Dass das Geld schon da ist? Nein, das kann nicht
sein. Es ist immer noch dunkel draussen. Nein! Ich werde die Routine nicht
brechen. Was sagst du da? Es gibt eine neue Routine? Aber das ist nicht nötig.
Bist du sicher? Du lügst! Hör auf! Ich weiss nicht, ob ich dir glauben kann. Na
gut. Ich vertraue dir. Bitte begleite mich. Hey! Hey wo willst du hin? Nein,
lass mich nicht allein! Bitte komm zurück! Bitte! Tränenüberströmt renne ich
zur Tür. Wo ist der Schlüssel? Wo ist der gottverdammte Schlüssel? Am
Schlüsselbrett. Ja,
da muss er sein. Huh, gefunden. Zitternd versuche ich aufzuschliessen. Keine
Chance. Ich humple zurück ins Schlafzimmer und durchsuche den Koffer erneut.
Mehrere Spritzen fallen mir in die Hände. Nadeln brechen und diverse
Flüssigkeiten werden in meine Blutbahnen gepumpt, doch das ist mir egal. Ich
muss die Routine befolgen. Es hilft nicht viel, aber immerhin bin ich jetzt
ruhig genug, um die Tür zu öffnen.
Es
dauert eine Weile, bis ich die 18 Stockwerke hinuntergehastet bin. Ich stürme
durch das Foyer und die zerbrochene Eingangstür. Vor mir ragen hunderte
Briefkästen empor. Ich fange an sie zu durchsuchen. Ich weiss nicht, wie lange
es dauert, bis ich den braunen Umschlag finde. Mein Zeitgefühl hab ich schon
vor langem verloren. Überglücklich reisse ich den Umschlag auf. Es ist weniger
als sonst. Eine neue Routine? Heisst das, dass die Preise des Tankwarts
gesunken sind? Ich schnappe mir den verbeulten Einkaufswagen und schiebe ihn
rennend über den brüchigen Asphalt. An der Tankstelle angekommen entspanne ich
mich. Langsam rolle ich durch die Regale und packe mein übliches Zeug ein. Als
ich einen Blick zur Kasse werfe, erstarre ich. Jegliche Luft entweicht aus
meinen Lungen. Der Tankwart ist weg. Der Tankwart ist verschwunden. Wie kann
das sein? Wie kann er die Routine brechen. Du hast mich angelogen. Es gab nie
eine neue Routine. Es gab immer nur die eine. Und ich habe sie gebrochen. Ich
habe einen Fehler begangen. Tränen rollen über meine eingefallenen Wangen.
Eine
lange Zeit stehe ich so da. Langsam begreife ich. Du wolltest mir helfen.
Wolltest mich aus diesem Wahnsinn befreien. Es gab nie einen Tankwart. Es wird
nie einen geben. Er hat nie existiert. Du wolltest mir einen Weg zeigen. Einen
Weg raus. Raus aus den Abgründen. Ich habe dich verflucht. Habe dich beleidigt.
Bitte verzeih mir. Ich danke dir. Ich werde dir auf ewig dankbar sein. Du hast
mir gezeigt, dass es auch anders geht. Du hast mir gezeigt, wie es wirklich
ist. Du hast mir gezeigt, wofür es sich zu leben lohnt. Hast mir gezeigt, was
ein Leben überhaupt ist. Du hast mir die Erkenntnis gebracht. Du hast mir die Glückseligkeit
gebracht. Ich weiss jetzt, was wichtig ist. Familie. Felix. Ich werde meinen
treuen Freund suchen. Ich werde ihn finden. „Oh Felix, oh Felix, oh Felix.“ Das
singe ich vor mich hin, während ich mir mit einer Rasierklinge die
Pulsschlagadern durchschneide. „Oh Felix, oh Felix.“
Ich
wache auf. Der raue Stoff der Bettdecke kratzt über meine Haut. Es ist wohl
wieder einer dieser Tage. Immer noch verkatert drehe ich den Kopf. Ach ja,
stimmt ja, ich habe keinen Wecker. Ich brauche keinen. Ich habe die Routine.
Aufnahme Start: Dr. Browinski. Projekt:
Human Isolation. Tag 967. Subjekt zeigt kein verändertes Verhalten. Experiment
wird fortgesetzt. Aufnahme Ende.