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Hell Water

Fürchtest du das Bluten des Meeres?

Noch heute erinnere ich mich an den Tag, als ich das arktische Meer bluten sah. Immer wenn ich meine Augen schließe, erblicke ich ihn, als hätte sich die Erinnerung auf der Innenseite meiner Augenlider festgefressen und eingebrannt. Zudem sind die Lichter, die Farben, die Gerüche – die Schreie – schmerzhaft plastisch und eindringlich, als würde ich mich immer noch dort befinden. Angeblich kursiert im Internet eine Audioaufnahme davon. Ob sie echt ist, kann ich nicht sagen, da ich nicht den Mut hatte, danach zu suchen. Dennoch bezweifle ich, dass sie auch nur annähernd echt ist. 

Das Projekt war von Anfang an zum Scheitern verurteilt, denn es war von vornherein auf eine unmoralische Vorgehensweise angelegt. Auch wenn ich diese Erkenntnis besaß, wollte ich sie aus offensichtlichen finanziellen Gründen ignorieren. Nicht ein Tag vergeht, an dem ich meine Entscheidung nicht bereue. 

Der Klimawandel hatte dies alles möglich gemacht. Durch die Wärme aufbrechende und zersplitternde Gletscher, die zerschmelzen, ermöglichen uns den Zugang zu riesigen Kohlenwasserstoffvorkommen, die noch vor einem Jahrzehnt völlig unzugänglich gewesen wären. Als sich herausstellte, dass die globale Erwärmung die Gewässer der Arktis schiffbar machte, entbrannte zwischen den multinationalen Konzernen ein Wettlauf darüber, wer das meiste Öl fördern konnte. Ist das nicht die schwärzeste Ironie, von der man jemals gehört hat? Diese Konzerne bezahlen Millionen an Propagandisten, um die Existenz des Klimawandels zu leugnen, um dann im Gegenzug die Chancen, die der Klimawandel bietet, zu nutzen, um ihre eigenen schmierigen Taschen zu füllen. Es ist widerlich.

Aber ich habe wohl kein Recht, darüber zu verbittert zu sein, schließlich war ich nur ein weiteres Rädchen im Getriebe. Eines, das bereitwillig seinen Platz in der Konstruktion einnahm. In gewisser Weise war alles, was ich dort durchgemacht habe, eine göttliche Strafe für meinen Anteil an all dem.

Es geschah in der Dämmerung, und zwar während einer wunderschönen letzten Sonnenstunde. Die rote Sonne versank hinter dem Horizont und verwandelte das ruhige Wasser in flüssigen Rost. Ich lehnte mich mit den Ellbogen an das mattgelbe Geländer des Bohrturms, der gerade nach Westen in den Drillraum ragte, und sog die Schönheit des Abends in mich auf. Ein kühler Wind wehte von der Meeresoberfläche herab und ließ mich unter den vielen Schichten heller und warmer Kleidung, die ich um mich geschlungen hatte, angenehm frösteln.

Es handelte sich um die außergewöhnlichste Bohrinsel, die je gebaut wurde, und zwar nicht nur wegen ihres Standorts, sondern auch, weil sie die tiefste der Welt sein sollte. Sie wurde über einem Gebiet errichtet, das nach unseren umfangreichen seismischen Untersuchungen das größte Reservoir der Welt zu sein schien. Östlich davon ragte ein großer, verwundeter Gletscher auf, dessen schneebedeckte Eisplatten, die in den Gewässern zwischen dem eisigen Giganten und der Bohrinsel trieben, auf das Tauwetter hindeuteten, das diese Bohrarbeiten möglich gemacht hatte. 

Die Installation war nicht leicht gewesen, denn um so tief zu bohren, war eine Präzision erforderlich, die einige der besten Minen der Welt erschöpft hatte. Doch die Arbeiten schritten gut voran, wenn auch ein wenig langsam. Die Plattform war sicher, und der Bohrturm, die mächtige zentrale Stützkonstruktion, hatte das Pfeilrohr ins Wasser abgelassen. Nach einem langsamen und mühsamen Abstieg versenkte der Bohrer seine mittleren Zähne im Meeresboden und begann, sich seinen Weg zum Reservoir zu bahnen, während wir Schmiermittel in das Bohrgestänge pumpten, um es am Laufen zu halten. Alles verlief reibungslos, so reibungslos, wie man es bei einer solchen Arbeit erwarten kann. 

Doch plötzlich liefen die Dinge schief. Schrecklich, schrecklich schief.

Als einer der wenigen, die außerhalb der Schicht nicht in den Quartieren waren, war ich der Erste, der es bemerkte. Eine schlagartige Verfinsterung des Wassers rund um die Bohrinsel. Für einen Moment schien es, als würde der Schatten von etwas Riesigem aus der Tiefe aufsteigen – etwas Lebendigem. 

Ich blinzelte.

Nein, das war es nicht. Nein.

Es war eine wogende Flüssigkeit, die wie eine Wolke aufstieg. Schnell durchdrang die Substanz die Oberfläche und begann sich in einem ungefähren Kreis um die Plattform auszubreiten. 

Mein Herz setzte einen Schlag aus. 

Sie war leuchtend rot, dickflüssig und schimmerte wie Blut im sterbenden Licht der Sonne. Ich schüttelte den Kopf.

Nein, so durfte ich das nicht auffassen. Es konnte nicht wirklich Blut sein.

Mit hämmerndem Herzen griff ich nach dem Funkgerät an meinem Gürtel, um eine Warnung auszusenden. Ich hatte keine Gelegenheit dazu, denn im nächsten Moment gab der Bohrturm ein schreckliches Grollen von sich. Mit Entsetzen sah ich, wie sich die riesige Metallkonstruktion, die das Bohrrohr hielt, zu biegen begann. Nach innen und nach unten, wie eine Aluminiumdose, die von der Oberfläche her zusammengepresst wird. Es war, als würde etwas tief in der Meereskruste von unten an dem Bohrgestänge ziehen, sodass der Bohrturm unter dem Druck nachgab.

Ein weiteres metallisches Stöhnen, verbunden mit Schreien der Angst und Panik. Die Alarme begannen zu schrillen, und Männer in orangefarbenen Overalls und Schutzhelmen verließen eilig ihre Arbeitsplätze und versuchten herauszufinden, was passiert war. Ich machte mich auf den Weg zu den Treppen am anderen Ende der Rampe. Meine Beine zitterten, mein Herz pulsierte im Rhythmus der Alarme. Ich versuchte, nicht zur Seite zu schauen, denn irgendetwas an dieser blutähnlichen Flüssigkeit, die sich um die Plattform zog, machte mir schreckliche Angst. Ich wollte nicht darüber nachdenken, was es mit dem, was auf der Plattform geschah, zu tun haben könnte. 

Ich hatte den kleinen Treppenabsatz erreicht, als der Bohrturm ein letztes Mal kreischte und mit dem ohrenbetäubenden Krachen von Metall auf Metall zerbrach. Es war wie Glockengeläut. Riesige Glocken, Dutzende auf einmal. Dicke Stahlträger lösten sich von der Brücke und krachten auf die Plattform hinunter, während sich die Metalldrähte, die mit dem Bohrgestänge verbunden waren, in rasantem Tempo abzuspulen begannen. Einige Männer rannten in Deckung, andere, die sich in der Nähe der Hebevorrichtung befanden, versuchten erfolglos, das Bohrrohr daran zu hindern, auf den Meeresboden gesogen zu werden, selbst als die zerbrochenen Träger um sie herum zusammenbrachen.

Ich stolperte und fiel auf meinen Hintern, und meine Hände versuchten, sich nach hinten zu drücken, um diesem Alptraum zu entkommen. Als ich die Mitte des Ganges erreichte, zog ich die Knie an die Brust, umklammerte mit den Händen meinen Schutzhelm und kauerte mich auf den Boden.

Alarme dröhnten.

Träger stürzten herab.

Männer haben geschrien.

Eine Ewigkeit verging. Dann trat wie aus dem Nichts eine beinahe schockierende Ruhe auf der Plattform ein. Zitternd steckte ich meinen Kopf aus meinem Kokon. Alarme und Maschinen waren ausgeschaltet, die Überreste des zertrümmerten Bohrturms standen stumm da wie ein schmaler Eisenkäfig, dessen oberes Ende durchlöchert war. Zackige Metallstücke, die in alle erdenklichen Richtungen zeigten. Das Bohrgestänge war verschwunden, nicht eine Spur blieb zurück. Ich kniete mich hin und kroch zitternd zur Treppe zurück, während mir kalter Schweiß den Rücken herunterlief. Draußen auf dem Hauptbohrstockwerk schrie niemand mehr, niemand bewegte sich.

Angstvolle Blicke wurden gewechselt, eine Erkenntnis ging von einer Person zur nächsten. Wir waren gerade Zeuge von etwas Unnatürlichem, etwas Unfassbarem geworden, und wir waren alle zu erschrocken, um darüber zu sprechen, damit wir es nicht wahr machten. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. Ich rappelte mich auf und schämte mich plötzlich, weil ich mich wie ein Feigling benommen hatte. 

Was für eine erbärmliche Darbietung. 

Diejenigen, die sich unter mir befanden, liefen kreuz und quer und versuchten zu verhindern, dass das Ganze in eine Katastrophe ausartete, während ich mich dort oben zusammenkauerte wie ein Baby. 

Tief durchatmend begann ich die Treppe hinunterzusteigen. Meine Stiefel klapperten auf den schmalen Metallstufen. Ich war schon mehr als die Hälfte der Treppe hinunter, als ein Donnergrollen über die Plattform schallte, ehe diese zu erzittern begann. Der metallene Boden bebte, die Glasfenster des Bohrraums klapperten gegen ihren Rahmen, gefolgt von einem tiefen und lang anhaltenden Ächzen, als würde die Bohrinsel selbst vor Schmerzen wimmern. 

Ich presste meinen Kiefer zusammen und schlang meine Arme fest um das Geländer. Dann wieder ein Geräusch. Das Tosen des Ozeans, der durch einen engen Tunnel rauschte. Meine Kinnlade fiel herunter, als in dem Loch, in dem sich zuvor das Bohrgestänge befand, die leuchtend rote Flüssigkeit, die ich um die Bohrinsel herum beobachtet hatte, wie Lava aus der Spitze eines Vulkankegels explodierte. Die dicke Flüssigkeitssäule stieg immer höher und höher, kletterte über den Bohrturm, wuchs noch weiter und brach dann in sich zusammen. Sie regnete auf den Boden des Bohrers und spritzte mir ins Gesicht. Ich wimmerte, als sich ein vertrauter Geschmack von Kupfer und Eisen auf meiner Zunge niederließ, und ich erkannte sofort, worum es sich handelte. 

Ich dachte, dass das nicht wahr sein konnte, es war ein Alptraum, aus dem ich nicht erwachen konnte. Auf dem Bohrplatz herrschte abermals Chaos, die Blutfontäne fiel mit solcher Wucht und Menge auf den Bohrturm zurück, dass dieser zu kippen begann. Die Männer schrien, rannten in Deckung – das Blut spritzte an ihren Stiefeln. Dann riss sich der Bohrturm von seinem Fundament los und stürzte in einem Funkenregen auf den Boden, wobei er gegen Büros, Maschinen und Schlammtanks prallte und ein Dutzend Brände auslöste.

Ich sah, wie Männer unter den herabfallenden Trägern zerdrückt wurden, von zackigen Metallbalken aufgespießt wurden. Dies war das Ende, wir würden sterben. Ich musste mir ein Schluchzen unterdrücken. 

Und dann kam es noch schlimmer, viel schlimmer. 

Dann nämlich fingen die Schreie an, mein Gott, diese Schreie. Ich war noch nie ein religiöser Mensch, habe nie an Gott oder das Übernatürliche geglaubt, nicht bevor ich diese Schreie gehört hatte. Denn als sie aus diesem Loch herausströmten, war mir klar, dass ich die Klänge der Hölle vernahm.

Sie ließen sich nicht einmal ansatzweise mit “Nägeln auf einer Tafel” beschreiben. Dieses Kreischen war schrill und laut, lauter als alles, was ich je gehört hatte, voller unvorstellbarer Qualen, Tausende und Abertausende von Stimmen überschäumten aufeinander und riefen um ihre verlorenen Seelen. Jeder Schrei hatte eine beängstigende musikalische Qualität, ein Missklang vereint zu einem unheiligen und gottlosen Lied, das immer höher und höher wurde, gleich einem Orchester, das ein Crescendo anstrebte, das niemals eintrat.

Mein Kopf schmerzte und die Haut unter meinen Ohren fühlte sich warm und feucht an. Mir wurde bewusst, dass ich aus meinen Ohren blutete. Eigentlich hätte ich schon vor Hunderten von Dezibel taub werden müssen, aber irgendetwas Widernatürliches schützte mein Hörvermögen, während es gleichzeitig in Fetzen gerissen wurde. Diese Widersprüchlichkeit drohte mich in den Wahnsinn zu treiben, meine Brust zog sich zusammen, als hätte man sie mit dicken Eisenbändern verschnürt, die langsam das Leben aus mir herauszwangen. Tränen brannten in meinen Augen, und mein Herz fühlte sich an, als würde es in einer Leere versinken.

Alles Glück war dahin, alles Licht der Welt verblasste, und alles, was noch übrig war, war der Schmerz. Eine Ewigkeit des Leidens in den tiefsten Eingeweiden der Hölle.

Ich drückte mir die Finger in die Ohren, aber das schien nicht zu helfen. Das Geschrei wurde nur noch lauter und sogar noch wütender, beleidigt bei dem Gedanken, dass ich versuchen würde, es auszublenden. Wahnsinnig vor Wut, Angst und Hoffnungslosigkeit knallte ich meinen Kopf gegen das Geländer – und zwar hart. Um mich herum wirbelte alles durcheinander, als Blut aus einer klaffenden Wunde auf meiner Stirn tropfte, aber der Drang, mir etwas anzutun, hatte nachgelassen.

Einigen der anderen war es nicht so gut ergangen wie mir. Ein Mann rannte über die Plattform, seine Stiefel spritzten in das Blut, bevor er sich von der Plattform ins Meer stürzte. Ein anderer, der in meiner Nähe saß, sackte gegen die Wand des Bohrraums, die Augen ausgekratzt, die Wangen blutverschmiert. 

Noch mehr Leichen bedeckten die Fläche, aber es gab auch einige, die noch lebendig waren. Einer von ihnen kniete nieder und starrte mit offenem Mund und leeren Augen in den Himmel, ein anderer, der sich zusammengerollt hatte wie ein Kleinkind und hysterisch schluchzte. So wie sie wollte ich nicht enden, denn ich wusste, dass die einzige Möglichkeit, das zu verhindern, darin bestand, die Schreie zu unterbinden. Im Laufschritt ging ich zum Exerzierraum und entdeckte weitere Leichen inmitten der Maschinen. Mein Blick schoss zu dem Tisch in der Ecke, auf dem ein Stapel Papiere lag, darüber ein weiterer Haufen, der von einer metallenen Büroklammer zusammengehalten wurde.

Mit zitternden Händen riss ich die Klammer heraus, glättete sie und rammte sie mir ins Ohr. Mein Schrei war eine Sekunde lang eins mit den Geräuschen, die aus diesem Loch drangen. Ich drückte die Klemme so weit ich konnte, bis der Schmerz mich bewusstlos zu machen drohte, bevor die Geräusche, die auf meine Ohren eindrangen, nachließen, unausgeglichen wurden. Ich wiederholte den Vorgang mit dem anderen Ohr, und diesmal hatte ich einen wirklichen, erhofften Blackout.

Als ich zu mir kam, war die Nacht hereingebrochen und hatte mir Frieden verschafft, der Kopf dröhnte wie ein Hammer gegen das Innere meines Schädels, doch meine Haut kribbelte vor Vergnügen, die Stille umgab mich wie die warme Umarmung einer Mutter. Tränen der Freude stachen mir in die Augen, keine Schreie, keine Geräusche, nur glückselige Stille. Nachdem ich die Stille einen Moment lang ausgekostet hatte, taumelte ich aus dem Raum. Der völlige Verlust des Gehörs hatte wie erwartet mein Gleichgewicht beeinträchtigt. Die Blutsäule, die in den Himmel ragte, hatte sich in das Loch zurückgezogen, und ich konnte deutlich sehen, wie die Feuer auf der Plattform wüteten, und ich spürte, wie die Hitze über mein Gesicht strömte.

Es war niemand mehr am Leben, jedenfalls keiner, den ich sehen konnte. Ich hatte keine Ahnung, wie es ausgehen würde, ob es das Feuer sein würde, das meine Existenz auslöschen würde, oder die Wellen, die mich vernichten sollten – doch ich wusste, dass das Ende kommen wird. Keine Hilfe würde mehr rechtzeitig eintreffen. Ich kniff die Augen zusammen und betete, dass ich diese Schreie nie wieder hören müsste. Dabei hätte ich doch die Augen offen halten sollen, sonst hätte ich den Rettungshubschrauber gesehen, der auf die Bohrinsel zuflog. Irgendjemand hatte um Hilfe gerufen, bevor er starb. 

Ein einzelner Lichtstrahl am dunkelsten Tag meines Lebens.

 

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