MittelMordSchockierendes EndeTod

I don´t like blind jokes

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Eine Kurzgeschichte von Mirko Morozin

Anmerkung: Dies ist eine freie Interpretation der Entstehungsgeschichte des Joker aus dem Batman-Universum mit einigen Anspielungen auf die Verfilmung von Tim Burton aus dem Jahr 1989, dem Comic „The Killing Joke“ und „The Dark Knight“.

Seine Schritte knarzen auf den
alten Treppenstufen der steilen Treppe, die nach oben in die Dunkelheit führt.

Sein Knie schmerzt ihm etwas, er hält sich mit einer Hand am schmutzigen
Geländer fest. In seinen Taschen klimpert es. Ein unbeschreibliches Sammelsurium
an verschiedensten Gegenständen befindet sich in den unzähligen Untiefen seines
Anzugs und seiner Hose. Rechnungen, Würfel, Krümel, Karten und Fusseln. Jede
Menge Fusseln. Und ein paar Münzen. Mühsam schleppt er sich nach oben. Jede
Stufe scheint steiler und kräftezehrender zu werden. Endlich oben angekommen
schnauft er leise. Dann atmet er rasselnd aus. Beim Geräusch seiner lädierten
Lunge lässt er ein schrilles Kichern ertönen, das grell nach unten durch das
Treppenhaus wandert und irgendwo da unten im schwarzen Loch verloren geht. Er
reibt sich die Brust. Es war eine harte und lange Nacht gewesen. Wieder einmal
mehr schlecht als recht. Mies. Ziemlich mies. Mit krachenden Gelenken
marschiert er auf eine Tür zu, unter deren Spalt ein fahles Licht scheint. Er
grinst müde beim Anblick des Lichts. Seine Hand, welche in einem violetten
Lederhandschuh steckt, wandert zum Messingknauf der schlichten Holztür, auf
dessen Oberfläche ein Schild den Namen des Bewohners verkündet: „Jack Napier“.
Der Mann starrt für wenige Sekunden mit saurer Miene auf das Schild, so, als
verabscheue er seinen eigenen Namen. Mit einem leisen Knurren öffnet er die
unversperrte Tür.

„Bin wieder zuhause, Liebling.“

Keine Antwort. Mit in Falten
gelegter Stirn schließt er die Tür hinter sich und schält sich aus seiner lila
Anzugsjacke, die er für gewöhnlich für seine Auftritte anzieht.

„Liebling? Bin
da.“

Wieder keine Reaktion. Im Wohnzimmer dudelt leise ein Radiosender. Der
Moderator berichtet gerade mit ernster Stimme über die kriminellen Zustände,
die in Gotham herrschen. Das übliche Chaos eben. Allmählich macht er sich
Sorgen. Er knöpft sich den Hemdkragen auf und wirft die Handschuhe auf das
Sofa.

„Schatz?“

Seine Stimme klingt nun ernsthaft besorgt. Normalerweise sitzt
sie immer da auf dem Stuhl in der kleinen Küche und löst Kreuzworträtsel. Doch
der Stuhl ist leer. So wie der Kühlschrank und fast alle Schränke in der
winzigen Küche oder im Rest der kargen Wohnung. Halt, nicht ganz. Der Mann kaut
sich vor Nervosität auf der Unterlippe herum, als er auf der Sitzfläche des
kleinen Holzstuhls ein Blatt Papier findet. Er erkennt sofort ihre feine und
grazile Handschrift. Sie hat allerdings nur das halbe Blatt mit ihrer
unverwechselbar zarten Schrift beschrieben. Die untere Hälfte ist nur mit einem
Lippenstiftkuss versehen. Mit pochendem Herzen lässt er sich auf den Stuhl
nieder und beginnt gierig ihre Zeilen zu lesen:

Mein
lieber Clown,

jedes
Stück geht mal zu Ende. Jede Aufführung hat mal eine Schlusspointe. Wenn es
erfolgreich ist, wird es wieder und wieder aufgeführt. Wenn Leute dafür zahlen
oder die Gags einfach nur gut sind. Dann ist der Clown glücklich, wenn er da
oben steht und den Lohn seiner Arbeit genießen kann. Lachende Menschen hören,
grinsende Gesichter sehen. Da oben auf der Bühne, durch die Schminke hindurch.
Im Schein der heißen Scheinwerfer. Weißt du noch, wie oft ich da unten gelacht
habe, als du deine Auftritte hattest? Gott, was hab ich mich amüsiert. Nicht
nur über deine tollen Witze, sondern auch über den tollen Mann, der sie erzählt
hat. Ich hab mich in dich verliebt. Sofort. Als ich den Leuten ihre Drinks
serviert habe in meinem kleinen albernen Dienstmädchen-Kostüm und du da oben
als Clown verkleidet die Leute unterhalten hast. Dieser bescheuerte lila Anzug,
die grünen Haare, die roten Lippen, der dämliche Hut. Stell dir mal vor! Ich
hab dich zum ersten Mal geschminkt gesehen und hab mich doch sofort in dich
verliebt. Das ist doch die verrückteste Kennenlern-Story aller Zeiten. Und du,
wie du mir immer freche Blicke zugeworfen hast, dich aber ewig nicht getraut,
hast mich anzusprechen. Mein Clown… oh du mein liebster Clown. Es hätte
unsere Zeit werden können, doch das Glück war uns nicht gegönnt. Deine
Auftritte wurden immer seltener, du wurdest immer stiller, immer trauriger.
Kein Gag saß mehr, dein Gesicht wurde zu einer eisernen Maske. Ich musste es
mitansehen. Schulden, die falschen Menschen um dich herum… Geldsorgen, die
Wohnung musste bezahlt werden, ich hab meinen Job verloren, du hast keine
Auftritte mehr gehabt. Und Verzweiflung trieb dich zu schlimmen Dingen. Du hast
dich mit den falschen Personen eingelassen, mein trauriger Clown. Sie brauchten
ein Kaninchen, dass die Drecksarbeit macht. Ich will dich mit meinen letzten
Worten nicht beleidigen oder schlechtmachen, nein, das will ich nicht. Du warst
und bist für immer meine größte Pointe, mein schönster Gag. Auch wenn das
Scheinwerferlicht gegen Ende immer schwächer wurde. Meines ist heute Abend
erloschen. Ich werde dich immer lieben. Jetzt und in alle Ewigkeit.

Du,
mein Clown mit den grünen Haaren und dem Herzen aus Gold. Ich hoffe, dass du
eines Tages dein Lachen wieder finden wirst. Dein Lächeln, in das ich mich
verliebt habe. In deine strahlenden Augen.

In
treuer Liebe, deine Prinzessin.

Er
liest den Brief gleich dreimal durch. Und bei jedem Mal zittern seine Hände
immer mehr, werden seine Augen immer feuchter und sein Verstand immer
benebelter. Plötzlich steht er abrupt auf, so schnell und hastig, dass der
Stuhl nach hinten kippt und die Lehne auf den gekachelten Boden aufschlägt.

„Schatz?“, brüllt er nun aus voller Kehle. „Was hast du getan?“

Diesen Satz schreit er mit tränenerstickter Stimme wieder und wieder, als er
die ganze Wohnung nach seiner Frau absucht. Doch nichts. Kein Anzeichen von
ihr. Gar nichts. Nur das übliche heillose Durcheinander aus Kartons, Schachteln
und der Illusion einer glücklichen Ehe. In der Küche bricht er schluchzend und
weinend auf dem Boden zusammen. Er weint bitterlich, die weiße Schminke
verläuft, die roten, nach oben geschminkten Lippen verziehen sich nach unten.
Als er plötzlich laute Polizeisirenen hört, fällt ihm auf, dass das
Küchenfenster offen steht.

„Nein, nein, nein, nein, nein…“

Ununterbrochen
murmelt er dieses Wort, als er auf die Fensterbank zu torkelt und sich kaum
traut nach unten zu blicken. Er stößt einen grellen und markerschütternden
Schrei aus, als er den seltsam deformierten Körper seiner Frau auf dem Boden
der Seitengasse neben den Müllcontainern liegen sieht. Ihre Beine stehen
unnatürlich vom Rest des zerschmetterten Körpers ab, ihre blonden gelockten
Haare bilden einen Kranz um ihren Kopf, so, als wäre es ein Heiligenschein. In
seiner grenzenlosen Verzweiflung bricht der Mann unter der Fensterbank
zusammen. Er schlägt mit dem Hinterkopf immer wieder gegen die Heizung.

„Klonk.
Klonk. Klonk.“

Immer wieder, immer fester. Bis sich ein blutiger Fleck auf dem
Heizkörper bildet und er ohnmächtig wird.

Als
er nach einigen Stunden wieder wach wird, kommt ihm die Realität so vor wie ein
schlimmer Alptraum und der schlimmste Alptraum so vor, wie die Realität.
Vollkommen ausdruckslos erhebt er sich langsam vom kalten Boden. Er hat rasende
Kopfschmerzen, ein Rinnsal Blut befindet sich an seinem Hinterkopf. Seine Beine
zittern, seine Augen pochen in den Höhlen. Er weiß, dass etwa zwanzig Meter
unter ihm seine große Liebe zerschmettert auf dem dreckigen Gossenboden liegt,
neben Dreck, Scheiße und Müll. Er weiß das. Er weiß auch, dass sie nie wieder
in der Küche sitzen wird und Kreuzworträtsel löst, wenn er von einem misslungenen
Auftritt heimkommt. Oder einer krummen Tour. Jetzt erst fällt ihm auf, wie
traurig ihr Blick war, wenn er heimkam. Jetzt erst. Viel zu spät. Jetzt liegt
sie da unten und er schlurft mechanisch ins Bad. Als er sein Spiegelbild im
verschmierten Glas sieht, erschrickt er sich selbst. Seine Augen sind rot, die
Schminke total verlaufen und verkrustet, Blut klebt in seinen Haaren und tiefe
Falten durchziehen sein eingefallenes Gesicht. In einer einzigen impulsiven
Bewegung schnellt seine Hand nach vorne und zerschlägt den Spiegel mit einem
schrillen Klirren in unzählige Teile.

Sofort beginnt seine zerschnittene Hand
zu bluten, doch es kümmert ihn nicht. Er bemerkt nicht einmal den brennenden
Schmerz. Die Scherben fallen polternd auf den Boden und ins Waschbecken. Sein
Kopf dröhnt. Er ist zum Bersten gefüllt und doch gleichzeitig unendlich leer.
Und jedes Mal, wenn er die Augen schließt, sieht er seine Frau da unten liegen.
Er schüttet energisch den Kopf. Nein, denkt er sich. Das ist nicht mehr meine
Frau. Das ist bloß noch eine zerschmetterte Erinnerung an die schönste Zeit
meines Lebens. Und sie ist vorbei. Endgültig. Wieder steigen heiße Tränen in
seine Augen. Dann starrt er lange Zeit apathisch in das mit Scherben gefüllte
Becken. Ohne nachzudenken greift er nach einer scharfen Scherbe. Er hält sie
sich vor die Nase. In diesen Moment muss er an einen Witz denken, den er so oft
auf der Bühne in der Bar gemacht hatte:

„Hey I don’t like blind jokes. I just
can’t see the point.“

Dann grinst er. Und während er grinst, steckt er sich die
Scherbe in den Mundwinkel und schneidet. Es brennt, es schmerzt unsäglich,
warmes Blut fließt an seiner Wange herab, doch je weiter er schneidet, desto
breiter muss er grinsen. Er beginnt zu lachen. Manisch und schrill. Blut sammelt
sich in seinem Mundraum. Er spuckt es aus. Der Scherbenhaufen im Waschbecken
färbt sich rot. Dann nimmt er sich den anderen Mundwinkel vor. Die freie Hand
krallt sich in den Rand es Waschbeckens, als er immer weiter schneidet. Die
Scherbe gleitet durch seine bebende Haut, er schmeckt sein Blut, vermischt mit
den salzigen Tränen seiner Trauer.

Und dann, als er so breit wie noch nie in
seinem Leben grinst, wirft er die blutverschmierte Scherbe gegen die Wand. Sie
zerschellt. Dabei lacht er.

„Hey, Scherben bringen Glück!“

Sein Gelächter
dröhnt durch die ganze Wohnung, wie von Sinnen hüpft er von einem Bein auf das
andere. Sein Gesicht fühlt sich seltsam frei an, so, als wäre seinem Lächeln
nun keine Grenzen mehr gesetzt. Im Wohnzimmer stürzt er sich auf die fast leere
Hausbar. Nur eine halbvolle Flasche Whisky steht noch darin. Als er sie in
einem Zug leert, denkt er dabei an einen uralten Witz:

„Häschen kommt in die
Zoohandlung, fragt: „Haddu Kater?“ Da sagt der Verkäufer:
„Selbstverständlich.“ Daraufhin das Häschen: „Muddu nicht so viel
saufen.“

Der heiße Alkohol läuft an den klaffenden Wunden an seinen entstellten
Wangen zum größten Teil einfach aus seinem Mund heraus, doch es stört ihn
nicht. Die leere Flasche schleudert er gegen ein gerahmtes Foto, das an der
Wand hängt. Es explodiert regelrecht. Das Foto, welches ihn und seine Frau
zeigt, als sie Arm in Arm vor einem altmodischen Karussell stehen, segelt
langsam und lautlos zu Boden. „Muddu nicht so viel saufen!“, witzelt er
kichernd vor sich hin, als er in seine lila Handschuhe schlüpft und sich das violette
Jackett um die Schultern würft. Immer wieder spuckt er dabei Blut auf den
Boden. Dann stolpert er in die Küche und nimmt ein Steakmesser aus der
Schublade und steckt es in die Innenseite seiner Anzugsjacke. Dabei summt er
fröhlich und heiter.

„Es wird Zeit, einen guten Freund zu besuchen. Schatz, ich
bin nicht vor dem Abendessen zuhause. Ich liebe dich und zieh bitte nicht mehr
so ein langes Gesicht!“

Mit grellem Geschrei reißt er die Haustür auf und wirft
sie krachend hinter sich in den Rahmen. Als er die Anwesenheit des
Namensschildes im Nacken spürt, dreht er sich mit zusammengekniffenen Augen um,
rammt die Spitze des Messers unter das Metall und wuchtet das Schild vom Holz.
Dann greift er feixend in die Tasche des Mantels, nimmt eine Joker Karte hervor
und befestigt sie am Nagel, an welchem ehemals sein Namensschild hing. Dann
tänzelt er fröhlich und unentwegt lachend die Stufen hinab. Kein Gelenk knarzt
mehr. Leichtfüßig springt er von Stufe zu Stufe. Mit jeder Stufe scheint er
mehr an Energie zu gewinnen. Sein schrilles Gelächter verstummt, je tiefer er ins
schwarze Loch dort unten vordringt. Dann ist es still. Totenstill.

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