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Imaginäre Freundin – Es ist nur in deinem Kopf

Mehrfach in meiner Kindheit fragte ich sie, was ihr an ihr peinlich ist, doch nie antwortete sie und wich meinen Fragen stets aus.
“Lass uns was Lustiges machen”, sagte sie dann. Doch was für mich lustig war, war für sie pure Langeweile. Sie wollte mehr Abenteuer erleben, da sie, so fand ich später heraus, nie die Gelegenheit dazu gehabt hat.
“Jona, hör auf mit die selbst zu reden und geh endlich ins Bett, sonst müssen wir dich hinterher noch weggeben, weil du für verrückt oder besessen erklärt wirst”, sagte mein Vater oft zu mir, wenn ich mich bis spät in die Nacht mit Emma, so heißt meine Freundin, unterhielt.
Ich hasste es, wenn mein Vater mich mit meinem Zweitnamen ansprach; ich hasste ihn! Immer war er faul und ließ meine Mutter und mich hart arbeiten. Seitdem er einen Arbeitsunfall in den Eisenmienen hatte, bei dem er ein Bein verlor, saß er den ganzen Tag nur auf dem klapprigen Holzstuhl, der in unserer viel zu kleinen Küche, in unserem viel zu kleinen Haus stand. Wenn man es überhaupt “Haus” nennen konnte. “Hütte” trifft es eher.
Mit den mageren 50 Kreuzern, das meine Mutter und ich verdienten konnten wir uns gerade so über Wasser halten, und das wenige Geld, das am Ende des Monats noch übrig war, versoff mein Vater.
Er war ständig angetrunken und wurde mit der Zeit immer aggressiver, bis er schließlich begann meine Mutter und anschließend mich zu schlagen. Wir seien Schuld an unserer Armut, unserem niederen Lebensstil, einfach allem.
Mehrfach schickte meine Mutter mich nach Draußen, um mit anderen Kindern zu spielen, damit ich sie nicht weinen sehen musste, doch ich wusste, was passierte, auch wenn ich es nicht sah, denn zu Überhören war es nicht.
Die anderen Kinder machten sich darüber lustig und sprachen hinter meinem Rücken davon, dass Vater Mutter eines Tages zu Tode prügeln würden…
Sie wussten ja nicht, wie recht sie hatten. Sie wussten nichts! Nichts über mich! Nichts über meine Familie! – Nichts über Emma!

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