Mittel

John war glücklich

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Die Geschichte

Jeder kennt das Gefühl etwas schon einmal erlebt zu haben. Einen Ort, einen Eindruck, man kommt sich so vor, als ob man ihn bereits kenne, obwohl der Verstand einem sagt, dass dies unmöglich sei. Und wenn man selbst dann in einer solchen Situation ist, dann können einen die Gedanken tagelang beschäftigen. War ich schon einmal dort? Wenn ja, wann? Die moderne Wissenschaft hat keine Erklärung für dieses Phänomen, welches wir Deja-Vu nennen. Die Einen sagen, es sei nur Einbildung, man hätte eine ähnliche Situation erlebt und überträgt die Erinnerung daran nun auf das neue Geschehen. Andere behaupten, die Erinnerung käme aus einem früheren Leben, Wissen, das in endlosen Schleifen seine Bahnen durch die Zeit zieht. Es gab einen Mann, dem dieses Gefühl nicht fremd war, den es durch seinen gesamten Alltag begleitete und allgegenwärtig war, egal was er tat.

Sein Name war John und das ist seine Geschichte.

John war glücklich, er lebte im 54. Stock eines Hochhauses, mitten im Herz der Großstadt, wo das Tageslicht trüb ist, vom Smog der zahllosen Autos. Er wohnte dort allein, denn für eine Beziehung hatte er keine Zeit und den Kontakt zu seiner Familie hatte er schon vor Ewigkeiten verloren. Sein Leben wurde bestimmt von seiner Arbeit, sechs Tage die Woche, elf Stunden am Tag, Urlaub brauchte er nicht und Überstunden machte er gerne. Er liebte seinen Job, denn er war alles was er hatte. Jeden Tag stand er zur gleichen Zeit auf, schnürte sich die gleiche, grau-blaue Krawatte und nahm die gleiche Straßenbahn zu seiner Arbeit. Dort angekommen, lief er über den kurzen Schotterweg aus weißem Kies, mit den beiden Birken an jeder Seite um das riesige Hauptgebäude durch die schimmernden, automatischen Schiebetüren zu betreten.

Durch die hohe Eingangshalle und in den dritten Aufzug links, Knopfdruck auf die leuchtende 36.OG. In seinem Stockwerk angekommen lief er durch ein Gewirr enger Gänge. Links, rechts, links, links, rechts. Gänge mit grauem Teppichboden und weißer Raufasertapete. Rechts, links, vorbei an dem kleinem Aufenthaltsraum, mit der Kaffeemaschine, wo er seine Mittagspausen verbrachte, links, links, rechts. Käme ein Besucher vorbei, so würde er sich wohl nie in diesem Labyrinth aus Gängen zurechtfinden, doch John kannte den Weg nur zu gut. Außerdem kam sowieso nie jemand zu Besuch. Auch seine Kollegen sah er nur selten auf dem Gang, und das war ihm egal, denn er kannte sie sowieso nicht. Schließlich kam er an die Türe mit der großen 461 darauf. Die 461, das war seine Nummer, seine Identität in der Firma, denn seinen Namen kannte hier fast niemand. Auch seinen Arbeitgeber hatte er noch nie gesehen, nach allem was er wusste, saß dieser 20 Stockwerke über ihm. Stockwerke, die er noch nie betreten hatte. Jedes von ihnen, voll mit engen Gängen und Büros mit gleicher Ausstattung. Manchmal hatte er sich gefragt, wie viele Menschen dort eigentlich arbeiteten, doch er wusste keine Antwort darauf und es ging ihn auch nichts an. Er war die 461, das zählte. In seinem Büro setzte er sich auf den blauen Bürostuhl mit der wackeligen Lehne und startete seinen Computer.

Er öffnete eine Tabelle sowie die Firmenkonsole und wartete. Nach kurzer Zeit erschienen Zahlen auf der Konsole, welche er in die Tabelle eintrug, von oben nach unten, eine Zahl nach der Anderen. 63728. 87642. 918273. Zahlen, deren Bedeutung und Sinn er nicht kannte, doch auch das war ihm egal. Es ging ihn schließlich nichts an, er schrieb die Zahlen in die Tabelle, das war sein Job. Um 13 Uhr war Mittagspause. Er ging in den Aufenthaltsraum, machte sich einen Kaffee und setzte sich in einen Sessel. Eine Stunde später stand er wieder auf, ging zurück in sein Büro und fuhr mit der Arbeit fort. Als seine Uhr ihm dann schließlich verriet, dass er Feierabend hatte, schaltete er seinen Rechner aus, schob den Stuhl ordentlich an seinen Schreibtisch und verließ das Büro. Wieder durch die endlosen Gänge, weiße Wände und Leuchtstoffröhren, per Aufzug ins Erdgeschoss, durch die Schiebetüren, über den weißen Kiesweg in die Straßenbahn und nach Hause. In seiner Wohnung angekommen, zog er seine Kleidung aus und hängte sie in den Schrank. Dann fiel er erschöpft in sein Bett. Ein Tag wie jeder andere, vorhersehbar, gewöhnlich. Doch John war glücklich.

Am nächsten Tag stand er zu seiner gewohnten Uhrzeit auf, schnürte seine blau-graue Krawatte und nahm seine Straßenbahn. Er überquerte den Schotterweg und betrat das Firmengebäude durch die Fronttür. Beim Durchqueren der Eingangshalle bemerkte er, dass etwas nicht so war wie sonst, doch er kam nicht darauf was ihn beschäftigte. Waren die Tische verschoben? Waren die Lichter aus? Nein. Alles schien wie immer. Er nahm den Aufzug, fuhr in sein Stockwerk und lief zu seinem Büro. Dort setzte er sich an den Schreibtisch, schaltete seinen Computer an und wartete auf Nummern, die er dokumentieren sollte, wie immer. Doch es kamen keine Nummern. Er wartete. Keine Nummern. John war verwirrt, das hatte es noch nie gegeben. Seitdem er in der Firma arbeitete kamen die Zahlen schon nach einigen Sekunden. Er wartete 5 Minuten, dann 10, den Blick starr auf den flimmernden Monitor vor sich gerichtet. Die Zahlen blieben aus. Das musste ein Fehler sein, dachte er sich, vielleicht waren die Systeme ausgefallen oder man hatte ihn schlichtweg vergessen. John entschloss sich, der Sache auf den Grund zu gehen. Vielleicht wussten ja seine Kollegen weiter. Seine Kollegen … In diesem Moment fiel ihm ein, was ihn schon vorhin im Erdgeschoss gestört hatte, es war merkwürdig ruhig.

Sonst war immer das Geklapper von Tastaturen und das Schleifen von Bürostühlen auf dem Boden zu hören, eindeutige Zeichen, dass in den Büros nebenan zahllose Menschen waren. Doch jetzt war es völlig still. Er trat auf den Gang und sah sich um. Keine Menschenseele zu sehen. Dann tat er etwas, das er noch nie getan hatte, er ging zu einer der anderen Türen, es war die mit der Nummer 458, und öffnete sie. Das Büro dahinter sah exakt so aus wie seines, auch der Computer lief, doch ansonsten war niemand zu sehen. John sah auf den Bildschirm des Rechners. Eine geöffnete Tabelle und eine Konsole, aber keine Zahlen. Er ging den Gang ein paar Meter hinab und öffnete Büro Nummer 449. Das Bild, das sich ihm bot war das Gleiche wie im letzten Raum, ein angeschalteter Computer, mit einer leeren Konsole, aber kein Mensch zu sehen. John setzte sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und stützte seinen Kopf mit beiden Händen ab. Das konnte doch nicht sein! Schon immer war auf seinen Beruf Verlass gewesen, warum heute nicht? Er versuchte logisch zu denken.

Denken. Einfach nachdenken. Vielleicht waren sie in einem Meeting, und er hatte es einfach nur verpasst. Das wäre logisch. Ja, es musste so sein. John setzte sich in Bewegung, Richtung Konferenzraum. Dabei kam er an weiteren Büros vorbei, doch auch aus ihnen war kein Laut zu vernehmen. Schließlich stand er vor seinem Ziel. Er drückte die kühle Milchglastür auf und musste nur einen kurzen Blick in den Raum werfen, dann hatte er Gewissheit. Auch hier war niemand. Ihm wurde schwindelig. Das durfte einfach nicht sein! Jetzt hatte John nur noch einen Gedanken. Er musste zu seinem Vorgesetzten. Der würde schließlich noch da sein, 20 Stockwerke weiter oben. Ihm schauderte, man hatte es ihm ausdrücklich verboten, irgendein Stockwerk zu betreten, außer jenem, in dem sein Büro lag. Er würde sofort gekündigt, so hieß es,wenn er sich nicht daran hielte. Aber jetzt musste er das Risiko eingehen.

Er musste einfach mit seinem Chef sprechen und fragen, was denn los sei. Er durchquerte einmal mehr die stereotypen weißen Gänge bis er zum Aufzug gelangte. Er ließ ihn per Tastendruck kommen und stieg dann ein. Sein Blick wanderte über die vielen Tasten mit den verschiedenen Nummern darauf. Er hatte noch nie auf eine Andere gedrückt als auf 36.OG und auf EG. Sein Finger schwebte über der Taste für den 56. Stock. Er würde seinen Beruf verlieren hatte man gesagt. Er hätte dann nichts mehr. Er berührte zaghaft den metallenen Knopf und drückte ihn herunter. Ein leises Klingen ertönte, dann fuhr der Aufzug nach oben. Schließlich hielt er an und die Türen fuhren zur Seite. John war verblüfft: Der Gang dahinter war anders als die anderen Gänge im Gebäude. Kein Teppichboden sondern nackter Beton. Auch die Wände waren grau und unverputzt, dicht unter der Decke verliefen Kabel und Neonröhren verbreiteten ihr fluoreszierendes Licht. Hier sollte sein Arbeitgeber sein? Er ging ein paar Schritte und sah sich um. An den Wänden waren nur stählerne Türen, ohne Griffe, aber am anderen Ende des Ganges stand eine von ihnen einen Spalt breit offen. Vorsichtig trat er an sie heran und spähte hindurch. Der Raum dahinter war nur schummrig beleuchtet, das einzige Licht kam von einer Reihe großer Bildschirme die an den Wänden hingen. Auf ihnen flimmerten Bilder. Bilder von Büros, die alle gleich aussahen, und über jedem Bild stand jeweils eine Nummer. 318. 401. 432. Waren das die Büros hier in der Firma? Dann fiel sein Blick auf den Bildschirm in der Mitte des Raums. Er zeigte nur ein Büro und die Nummer darüber kannte John zu gut. 461.

Plötzlich hörte er Schritte hinter sich auf dem Gang. Er drehte sich um. Dort stand ein Mann, mit einem weißen Kittel und einer dicken, halbmondförmigen Brille. In der Hand hielt er einen Gegenstand, den John nicht identifizieren konnte.

„Du hast dich nicht an die Regeln gehalten.“

Die Stimme des Mannes war kalt und schneidend.

„Wie oft wurde dir erklärt, dass du keines der anderen Stockwerke betreten sollst?“

Er musterte John abschätzig durch seine Brille. Dieser wusste nicht was er antworten sollte, stand einfach nur da, die Hand noch auf der Tür zum Raum mit den Monitoren.

„Warst du da drin? Ich dachte, man hätte dir oft genug erklärt, dass dich die Angelegenheiten anderer nichts angehen. Jetzt können wir alles abbrechen. Weil du dich nicht an die Regeln gehalten hast.“

John verstand nicht, wovon dieser Mann sprach.

„Es tut mir Leid.“, flüsterte er leise.

„Das sollte es auch.“, sagte der Mann, „wir werden jetzt neu starten, 461. Ich hatte gehofft, du wärst bereits ein Erfolg. Aber du bist zu selbstständig. Versuchen wir es eben noch einmal, irgendwann wird es schon noch funktionieren.“

Mit diesen Worten hob er die Hand mit dem Gegenstand und ein leises Klicken ertönte. John wollte weglaufen, aber er konnte sich nicht rühren. Eine sanfte Woge fuhr in ihn, wie ein warmer Wind der einem ins Ohr bläst. Plötzlich wurde er ruhig. Es würde alles gut werden. Er war in Sicherheit. Mit diesem Gedanken schlief er ein.

Dies ist die Geschichte von John.

John war glücklich, er lebte im 54. Stock eines Hochhauses, mitten im Herz der Großstadt, wo das Tageslicht trüb ist vom Smog der zahllosen Autos. Er wohnte dort allein, denn für eine Beziehung hatte er keine Zeit und den Kontakt zu seiner Familie hat er schon vor Ewigkeiten verloren. Sein Leben wurde bestimmt von seiner Arbeit, sechs Tage die Woche, elf Stunden am Tag, Urlaub brauchte er nicht und Überstunden machte er gerne. Er liebte seinen Job, denn er war alles was er hatte. Jeden Tag stand er zur gleichen Zeit auf, schnürte sich die gleiche, grau-blaue Krawatte und nahm die gleiche Straßenbahn zu seiner Arbeit. Dort angekommen, lief er über den kurzen Schotterweg aus weißem Kies, mit den beiden Birken an jeder Seite um das riesige Hauptgebäude durch die schimmernden, automatischen Schiebetüren zu betreten. In seinem Stockwerk angekommen lief er durch ein Gewirr enger Gänge. Links, rechts, links, links, rechts. Gänge mit grauem Teppichboden und weißer Raufasertapete. Rechts, links, vorbei an dem kleinem Aufenthaltsraum, mit der Kaffeemaschine, wo er seine Mittagspausen verbrachte, links, links, rechts. Käme ein Besucher vorbei, so würde er sich wohl nie in diesem Labyrinth aus Gängen zurechtfinden, doch John kannte den Weg nur zu gut. Außerdem kam sowieso nie jemand zu Besuch. Auch seine Kollegen sah er nur selten auf dem Gang, und das war ihm egal, denn er kannte sie sowieso nicht. Schließlich kam er an die Türe mit der großen 462 darauf. Die 462, das war seine Nummer, seine Identität in der Firma, denn seinen Namen kannte hier fast niemand. 

John liebte seine Arbeit und er war glücklich.

Bewertung: 0 / 5. Anzahl Bewertungen: 0

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Überprüfen Sie auch
Schließen
Schaltfläche "Zurück zum Anfang"