EigenartigesKurzOrtschaften

Kaltes Wispern

Teil 2

Dort war weder ein Hintergrundbild noch die Uhrzeit erkennbar. Aber dazu später mehr.

Ich schmiss das Handy weg und rannte los. Eine Kakofonie unnatürlicher Schreie begleitete meine Panikattacke. Verfickte Scheiße, was war hier los? Ich wollte weg. Ich wollte in die Zivilisation und ich wollte vergessen. Doch so lief es natürlich nicht. Ich stolperte und fiel der Länge nach hin. Mein Puls hämmerte so heftig von innen gegen meinen Körper, dass ich dachte, ich würde platzen.

Ich brauchte einen Moment, um den Schmerz in meinem Knie wegzuatmen. Keuchend lag ich auf dem feuchten Boden und stellte fest, dass ich am Ufer des Weihers lag. Shit. Ich befand mich mitten im Park. Die Schreie waren in der Unwirklichkeit verhallt. Mein Handy war vorerst weg, denn Dank des Nebels war eine Suche so gut wie unmöglich. Man konnte die Hand vor Augen kaum sehen, doch vernahm ich einen leichten Wellengang. In diesem Szenario mal eine erfreuliche Überraschung, da ich Teile meiner Umgebung nun wieder wahrzunehmen vermochte. Ich atmete noch einmal schwer ein und entließ einen feuchten Hauch aus meiner Kehle, der sich augenblicklich mit dem Nebel um mich herum verband.

Die Freude über meine offensichtlich bewältigte Wahrnehmungsstörung hielt nur kurz an. Denn keine Sekunde später hörte ich wieder diese Stimme. Dieses Mal konnte ich sie deutlicher wahrnehmen. Wenngleich es keine Worte waren, die sie mir flüsterte.

Wie üblich wurde es noch kälter und ich zog meine Jacke enger um meinen Leib. So langsam begann ich zu verstehen, dass sie mir etwas zu sagen versuchte. Ich spürte, wie die Stimme von mir wegwehte. Vorsichtig stand ich auf und begann dem Geräusch zu folgen. Ich stolperte dem Wispern nach und achtete darauf, nicht in den See zu rutschen oder mit dem Fuß umzuknicken.

An einer Stelle des Ufers verharrte die kalte Stimme. Während ich ihr gefolgt war, fiel mir mit der Zeit auf, dass sie sehr hoch und kindlich klang. Ganz fein. Vielleicht war sie nicht mit einer bösen Absicht hier. In was auch immer ich hier hineingeraten war, ich spürte, dass die Lösung nicht mehr fern war.

Die Stelle, an die mich die Stimme geführt hatte, lag an einem ruhigen Rand des Weihers, der von einigem Gebüsch und Wasserpflanzen zugewuchert war. Meine Sicht beschränkte sich nach wie vor auf wenige Zentimeter, dennoch vermochte ich das Stück des Parks zuzuweisen. An der Stelle hielt ich mich an manch heißen Sommertagen zum Entspannen auf, da sie nicht sofort einsichtig war und man hier seine Ruhe haben konnte. Das Wasser war dort sehr flach und gleichzeitig von meterhohem Schilfrohr durchzogen.

Ich vernahm nun kein Flüstern mehr, sondern spürte wieder diese unnatürliche Kälte. Sie durchdrang meinen gesamten Körper. Wind kam dazu, doch zog er nicht über unser Gebiet hinweg, sondern schien an einer Stelle zu verharren. Wie ein kleiner Zyklon. Sehr merkwürdig, das Schilf raschelte an einer Stelle, als bedeutete es mir, dort einmal genauer nachzusehen. Die Anspannung war kaum auszuhalten. Wollte ich des Rätsels Lösung überhaupt finden? Mein Gefühl sagte mir, neben der enormen Angst, die meinen Leib hinaufkroch, dass ich sowieso nicht mehr aus der Nummer herauskäme.

Ein übertriebenes Zittern durchfuhr mich und ich hatte das merkwürdige Gefühl, dass ich gleich eine schreckliche Entdeckung machen würde.

Meine Wahrnehmung sollte mich nicht täuschen. Peu à peu arbeitete ich mich vorwärts und schob das Schilf auseinander. Eine Stelle im Wasser war zusätzlich mit Seerosen überwuchert, der keinen Blick ins sowieso schon trübe Wasser zuließ. Die Kälte wurde mit jedem Zentimeter, den ich dem Ziel anscheinend näher zu kommen schien, unerträglicher. Meine Zähne schlugen aufeinander, während ich mich weiter vorwärts arbeitete. Das Wasser plätscherten gegen den Rand des Weihers.

Meine Gedanken überschlugen sich. Immer mehr Zweifel kamen mir. Lass es sein. Geh fort! Renn weg! Du wirst nichts Gutes finden. Lauf, lauf los! Doch hielt mich eine unsichtbare Kraft an Ort und Stelle und mich überkam das Gefühl, dass ich den Nebel und diese Phänomene nur loswerden würde, wenn ich weiterging. Nicht aufgeben. Immer weiter schlug ich mich durch das Dickicht am Ufer, bis ich an etwas Hartes stieß. Ich schluckte schwer und schaute nach unten. Dort schlugen sanft die Wellen an den Rand des Sees und gaben einen kleinen Blick auf das Wasser frei.

Zuerst konnte ich nicht erkennen, doch war mir nun so unmenschlich kalt, dass ich vermutlich das Ziel erreicht haben musste. Mit zitternden Händen schob ich etwas Grün zur Seite und stieß einen gellenden Schrei aus. Im Wasser konnte ich etwas spüren, was mir nicht fremd erschien. Ein Gefühl, welches fast jeder von uns kennt.

Zwischen meinen Fingern spürte ich Haare im eiskalten Wasser. Ich zog meine Hand zurück und taumelte nach hinten. Eine ruhige Atmung war mir zu dem Zeitpunkt nicht beschert worden. Hektisch zog sich meine Lunge zusammen und erschwerte mir die Atmung. Mich umhüllte erneut dieser kalte Hauch und die Schreie kamen erneut zurück. Ich hielt es kaum aus, doch schaffte ich es nicht, mich von dem Fleck fortzubewegen. Scheiße, verdammte. Wo war ich hier nur reingeraten? Und verfickt nochmal, was sollte ich denn jetzt tun? Denn mich beschlich das miese Gefühl, dass hier nicht einfach jemand seine Bürste gesäubert hatte. Fuck! Die Haare trieben nicht lose im Wasser. Nein, sie waren an etwas befestigt. Und so wie ich die menschliche Anatomie verstand, müsste am Haaransatz ein Schädel zu finden sein. Shit.

Mein Kopf war leer und gleichzeitig überfüllt mit Fragen, die mir hier wohl niemand so schnell würde beantworten können. Ich überlegte kurz und drehte mich nochmals Richtung Fundort.

Vorsichtig tastete ich nach den Haaren, an der Stelle, an der ich vorhin zurückgewichen war. Tatsächlich konnte ich etwas Kaltes, Hartes und Rundes erfühlen. Ich weiß nicht, was mich geritten haben mag, aber ich fühlte immer tiefer im Wasser und fand etwas weiter unten ein weiteres hartes Stück, was wohl die Schulter sein müsste. Ich spürte, dass der Körper mit etwas bedeckt war und zog an einem Stück Stoff. Plötzlich ging es ganz leicht und ich konnte ihn unter der Wasseroberfläche nach oben ziehen.

Oh verdammt.

Irgendwie bestätigte sich in dem Moment, was ich seit geraumer Zeit vermutete. Ich bugsierte eine Leiche an die Oberfläche. Und erschrak gewaltig als ich sah, dass sie das Erwachsenenalter niemals erreicht hatte. Oh, so eine verdammte Scheiße. Es war eine Kinderleiche, schwarze Haare lagen über dem nassen, teils verwesten Gesicht, welches in abartigen, blassen farbigen Schattierungen leuchtete. Teile der Haut waren so aufgeweicht, dass ich einen Blick an darunterliegende Schichten erhaschen konnte. Ich hätte mich beinahe umgedreht und gekotzt, konnte den Würgereiz aber unterdrücken.

Wieder wurde es verdammt kalt und windig und ein ohrenbetäubendes Gejaule setzte ein. Der Versuch, mich durch das Zuhalten meiner Ohren zu schützen, misslang. Was war denn nun los? Der Krach war kaum auszuhalten. Waren das die klagenden Schreie des Kindes? Dieser kleine Mensch war mir völlig unbekannt. Wieso wurde ich auserwählt, um den Leichnam zu finden? Ich studiere Kunstgeschichte und nicht Medizin oder Rechtswissenschaften oder dergleichen. Was sollte das ganze? Unter ohrenbetäubendem Krach hievte ich die Wasserleiche ans Ufer des Weihers. Die Polizei konnte ich momentan nicht rufen, da ich mein Handy an irgendeiner Stelle des Parks verloren hatte.

Ich ließ das Kind, ich konnte nicht erkennen, ob es ein Mädchen oder Junge war, im Schutze des Schilfes liegen und stand auf. Der Wind wurde wieder kräftiger. Offensichtlich forderte er mich auf, ihm zu folgen. Vorsichtig setzte ich mich in Bewegung. Kurzzeitig dachte ich, mein Trommelfell müsse des Lärms wegen platzen. Heftig pulsierende Kopfschmerzen kamen hinzu.

Ich taumelte mehr als ich lief, doch kam ich voran. Nach mir nicht abschätzbarer Zeit konnte ich Teile des Bodens identifizieren, auf dem ich ging. Aus lehmigem Untergrund wurde allmählich ein asphaltierter Weg. Ich war inzwischen außerhalb des Parks. Mir wurde nach einigen Sekunden des Orientierens klar, dass ich mich auf das Krankenhaus zubewegte. Warum wurde ich hierhin geleitet?

Die schmerzerzeugenden Schreie wurden schwächer, verstummten leider nicht. Die Umgebung lag weiterhin in beinahe undurchdringlichem Nebel. Ich stand vor der großen Eingangstür des Hauptgebäudes.  Von hinten merkte ich, wie mich Luft zur Tür schubste. Merkwürdig. Wieso das Krankenhaus? Dem Kind war eindeutig nicht mehr zu helfen.

Mir fiel auf, dass auch hier keine Menschenseele zu finden war. Wo verdammt nochmal war ich denn nur? Normal war hier nichts, ich wusste aber zu einhundert Prozent, dass ich wach war. Keine Autos oder Raucher, die in dem Rondell vor der Tür standen. Nichts. Nebel, Schreie und Unwirklichkeit bestimmten mein Sein.

Gut, es nutzte nichts. Weitermachen. Seufzend öffnete ich die Eingangstür und betrat das Foyer. Leer. Was sonst? …

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