MittelNSFW

Leo – Wie alles begann

„Och Mann, nich‘ schon wieder.“, seufzte er. Er kam gerade aus dem Schulgebäude heraus und trottete mit gesenktem Kopf in Richtung des Hauses seiner Eltern. Er hatte heute mal wieder eine Fünf bekommen. In Deutsch. Natürlich in Deutsch. Die Sprachen, Musik, Kunst und Ethik waren die einzigen Fächer, in denen er schlecht war, weil man in diesen nicht durch logisches Nachdenken gut sein konnte. Und in Deutsch und Englisch war es besonders schlimm, weil ihn das nicht einmal im Geringsten interessierte. Nicht, dass er die beiden Sprachen nicht beherrscht hätte, er war gebürtiger Deutscher und sprach für seine 9 Jahre auch gut Englisch, doch mehr aus Gefühl und Erfahrung, als nach dem Lehrbuch. Er glaubte nicht, dass diese Bücher wirklich etwas brachten. Doch das war letztendlich völlig egal, solange er nicht wenigstens bestand. Das war schon die dritte schlechte Note in Folge, wenn man eine Eins in Mathe außer Acht ließ. Niemand hätte das getan, Aber der Junge tat es dennoch. Ihm waren seine Noten in den Fächern egal, in denen er gut war. Die waren ja nicht das Problem. Auch seinem Vater war Mathematik egal. Der Junge glaubte insgeheim, dass seine glatte Eins im Sport der einzige Grund dafür war, dass er nicht geschlagen wurde. So wurde er nur für jede schlechte Note angeschrien. Er war seinem Vater nicht böse deswegen, doch trotzdem hatte er Angst, nachhause zu kommen. Wie immer nach einem Tag wie diesem ließ er sich viel Zeit auf dem Heimweg. Er schaute sich sein eigenes Spiegelbild in einem Schaufenster an und versuchte, sich jede Feinheit seines Gesichtes einzuprägen. Ein jungenhaftes, schlankes Gesicht, dennoch kindlich rund und mit weichen Konturen. Eine stupsige Nase, hohe Wangenknochen, schmale, roséfarbene Lippen und klare, tiefe, leicht mandelförmige Augen mit haselnussbrauner Iris. Seine etwas längeren ebenholzfarbenen Haare hingen ihm ins Gesicht und einige Strähnen verdeckten das rechte Auge teilweise. Hätte er gelächelt, wären kleine Grübchen auf seinen glatten Wangen entstanden. Aber er lächelte nicht. Gab es etwas an seinem Gesicht, was ihm gefiel? Er vertiefte sich in fast jeden Punkt, den er sich vorstellen konnte, aber wirklich schön? Die Freundin seines großen Bruders, sie war 17, hätte ihn wahrscheinlich wieder „niedlich“ genannt. Er konnte das nicht leiden, aber sie schien das wirklich so zu meinen. Er glaubte nicht einmal, dass sie ihn ärgern wollte, es klang jedes Mal ehrlich. Trotzdem konnte er es nicht leiden, „niedlich“ zu sein. Andererseits musste er zugeben, dass die Frisur, sowie die Tatsache, dass er gerade einen viel zu großen schwarz-weiß gestreiften Pulli und darunter ein Oversized-Shirt trug, dessen Ausschnitt ihm manchmal über die Schulter rutschte, nicht wirklich eine andere Aussage zuließen. Aus irgendeinem Grund blieb sein Blick an seiner linken Iris hängen. Er betrachtete das Muster, verlor sich beinahe darin. In diesem Moment glaubte der Junge, eine Bewegung im Augenwinkel wahrzunehmen. Nur ein flüchtiges Huschen, nichts wirklich Bemerkenswertes, doch sein Unterbewusstsein sagte ihm, dass es etwas zu bedeuten hatte. Im nächsten Augenblick war das Gefühl weg. Und noch einen Augenblick später, sah er nichts mehr. Und hörte nichts. Und konnte nichts sagen. Er spürte einen Schmerz am Kopf, einen pochenden Schmerz. Es dauerte einen Moment, bis sein Unterbewusstsein sich eingestand, dass er ohnmächtig war.

Er wachte auf und wusste nicht, wo er war. Hörte dieser Tag denn gar nicht mehr auf, Scheiße zu sein? Es war dunkel um ihn herum und er spürte, dass er auf einem Stuhl saß und aus irgendeinem Grund… seine Hände hinter seinem Rücken gefesselt waren… mit einem Strick, der unangenehm scheuerte. Hätte man sich nicht wenigstens die Mühe machen können, ein ordentliches Stück Kletterleine zu benutzen? Nein, ein altes Hanfseil genügte bestimmt. Er wollte fragen, was sich sein Entführer bei der ganzen Aktion eigentlich gedacht hatte, als ihm auffiel, dass sein Mund zugeklebt war. Mit Panzertape… Natürlich mit Panzertape. Insgeheim fragte der Junge sich, wie inkompetent man eigentlich vorgehen konnte, während man jemanden entführte, als ihm sein Unterbewusstsein schmerzlich bewusst machte, dass es allem Anschein nach funktioniert hatte, egal wie stümperhaft es ausgeführt war. Aus dem Nichts ging plötzlich das Licht an und blendete ihn. Der Junge schloss die Augen und drehte seinen Kopf instinktiv von der Lichtquelle an der Decke weg. Das Licht war weniger grell, als es im ersten Moment erschienen war und als der Junge die Augen öffnete und sich umsah bemerkte er, dass es von einer viel zu normal aussehenden Deckenlampe stammte. Er war alleine in einem recht kleinen Raum, sein Stuhl stand genau in der Mitte. Ansonsten war der Raum völlig leer. Die Wände waren ungefähr 1,60 Meter hoch gefliest und der obere Teil war mit alter, abblätternder weißer Farbe gestrichen, unter der ebenfalls weißer Putz zu sehen war. Auch der Boden war gefliest und beim Herunterschauen sah er, dass der Stuhl auf dem er saß am Boden verschraubt war. Nach einigen Sekunden schaute er geradeaus auf eine schmucklose weiße Holztür. Sie wirkte massiv und stabil. Und sehr, sehr alt. In einer seltsamen Widersinnlichkeit zum Aussehen des Raumes hingen darüber eine Art digitale Anzeige und eine sehr teuer aussehende Kamera mit einem Mikrofon. Diese Tür schien etwas in seinem Inneren auszulösen, denn auf einmal drängte sich ein bestimmtes Gefühl in sein Bewusstsein und trat an die Stelle der Benommenheit, der Rationalität und jedes anderen Gefühls. Es war Angst. Kalte, grausame, ungelenke Angst. Und nicht vor dieser Tür oder dem Raum, in dem er sich befand, sondern vor dem, was hinter dieser Tür war. Wer hatte ihn entführt und hier hergebracht? Und warum? Was würde man mit ihm anstellen? Er wollte nachhause. Er begann zu frieren und bemerkte, dass man ihm den warmen Pulli ausgezogen hatte und sein Shirt schon wieder über seine rechte Schulter gerutscht war. Wo war sein Pulli? Auch seine Schuhe und Socken waren verschwunden. Die Tür öffnete sich langsam und quietschend und jeder Herzschlag ließ die Angst noch weiter steigen. Durch die Öffnung drang kein Licht herein, sodass er nicht sehen konnte, was dahinter lag. Und es trat jemand herein. Ein großer, dünner Mann, der ein seltsames Kostüm trug, das aus schwarzem Gummi gemacht zu sein schien und aus einer engen Hose und einem langen, genauso engen Oberteil bestand. Darüber trug er ein Sport-Shirt und eine kurze Sporthose, ebenfalls in schwarz. Das Gesicht, und das war das Schlimmste, wurde von einer schwarzen Ledermaske verborgen. Über dem Mund befand sich ein geschlossener Reißverschluss, kurz darüber zwei Nasenlöcher und die Augen waren ausgespart. Er trug offenbar Kontaktlinsen oder so, denn seine Augen waren rot mit schlitzförmigen Pupillen, wie bei einer Schlange. Seine Hände waren frei, die Rechte hielt den Griff eines Aktenkoffers umschlossen, und auch er war barfuß. Die gesamte Erscheinung dieses Mannes machte dem Jungen Angst. Und seine Stimme machte es nicht besser. Der Mann schaute ihn einige Sekunden lang an. Dann konnte der Junge in seinen Augen erkennen, dass er offenbar lächelte und er sagte amüsiert: „Du bist ja endlich wach, mein Süßer. Die Leute warten schon auf dich.“ Mit diesen Worten deutete er auf die Kamera und wie auf ein Kommando ging die Anzeigetafel über der Tür an. Die Stimme seines Entführers hatte er noch nie gehört. In ihr lag eine Mischung aus Selbstsicherheit und Verachtung, die dem Jungen unmissverständlich deutlich machte, in welcher Art von Machtverhältnis sich dieser Mann zu ihm befand. Die Stimme klang jung, aber nicht kindlich – er mochte 20 sein, nicht viel jünger aber auch nicht viel älter. Dieser Mann kam jetzt auf ihn zu, ging vor dem Stuhl in die Knie, legte den Koffer vor ihm auf den Boden und stützte die Unterarme auf den Oberschenkeln ab. Er befand sich jetzt mit dem Jungen auf Augenhöhe und begann nun zu erklären: „Du fragst dich bestimmt, warum du hier bist, oder? Siehst du die Kamera?“ Er deutete wieder darauf und der Kleine nickte. „Die überträgt alles, was hier drin passiert live im Internet. Du bist in einem Red Room, Süßer. Weißt du, was das ist?“ Er schüttelte den Kopf. Wieso Red Room? Der Raum war doch weiß. Wieder schien der Entführer zu grinsen. „Das bedeutet, dass dich einige Menschen über diese Kamera beobachten. Sie können verschiedene Geldbeträge spenden und sich etwas wünschen, was ich mit dir machen soll. Und das mache ich dann auch, so läuft das Geschäft. Damit kann man einen Haufen Geld verdienen, weißt du? Also ich verdiene Geld damit, du hast eigentlich nichts davon.“, fügte er mit einem spöttischen Lachen hinzu. „Auf dem Bildschirm da steht immer, was die Spender gerade möchten.“ Er drehte sich zu der Kamera um, stand auf und breitete die Arme aus, wie ein Zirkusdirektor, der das Publikum begrüßt. Er sprach jetzt zu den Zuschauern: „Meine sehr verehrten Damen und Herren. Ich heiße Sie herzlich willkommen zu unserer Show. Ich bin Beelzebub, Ihr bescheidener Gastgeber, und heute habe ich einen ganz besonders bezaubernden kleinen Assistenten.“ Mit diesen Worten trat er zur Seite und wies mit der ausgestreckten linken Hand auf den Jungen. „Sie kennen die Regeln unseres kleinen Spieles, nicht wahr? Nun, ich werde Ihr Gedächtnis noch einmal etwas auffrischen. Sie können, für eine kleine Geldspende, einen Wunsch äußern, was mit unserem Kleinen hier passieren soll…“ Er war um den Stuhl herumgegangen und hielt jetzt das Gesicht des Jungen mit einer Hand auf die Kamera gerichtet. Der Mann war stärker, als er gedacht hatte. „…und ich werde diesen nach besten Kräften ausführen. Sie dürfen sich wünschen, was immer Sie wollen, Ihrer Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Die einzige Bedingung ist, dass Ihre Spende mindestens zehn Euro mehr betragen muss, als die ihres Vorgängers. Wir arbeiten mit glatten Zehnerbeträgen, das macht das Ganze übersichtlicher. Und ein heißer Tipp von mir: fangen Sie langsam an, dann hält er länger durch.“ Er ließ den Kleinen wieder los und rief, aufgedreht in die Hände klatschend: „Lassen Sie uns also beginnen.“ Fast sofort flackerte der Bildschirm kurz auf und es erschien der Text: „10€: Wer Junge? Knebel! Schreien hören.“ Der Mann, der sich als Beelzebub vorgestellt hatte kicherte. Dann ließ er den linken Zeigefinger ekelerregend knirschen, indem er ihn zuerst abspreizte und dann mit dem Daumen herunterdrückte, wandte sich halb dem gefesselten Jungen zu und feixte: „Na, na, mein Kleiner, wo sind denn deine Manieren. Du hast dich uns noch gar nicht vorgestellt.“ Er zog mit einem schmerzhaften Ruck das Klebeband vom Mund des Jungen und ließ es auf den Boden fallen. „Also, sag uns doch mal, wie du heißt.“, forderte er ihn auf. Mit angsterfüllt zitternder Stimme antwortete der Junge stotternd: „L…Le…L…Leo.“ Spottend äffte der Mann sein Stottern nach. „Ich heiße Leo.“, wiederholte er und gab sich alle Mühe, einen geraden Satz zu formulieren. „Na, das ist doch ein Wort.“, moderierte Beelzebub vergnügt. „Leo also. Und wie alt bist du, mein kleiner Leo?“ Er sprach den Namen ohne eine besondere Betonung oder Wichtung aus, aber so oft, dass es unangenehm wurde. „Ich bin 9 Jahre alt.“, gab er wahrheitsgemäß zu. „9? Wie niedlich, 9 zarte Jahre. Sag mal, Leo, wie weit kannst du denn zählen? Bis 100? Bis 1000?“ Der Junge fragte sich, was das für einen Unterschied machte. Für einen kurzen Moment flammte die pragmatische Gleichgültigkeit wieder auf und er antwortete kühl: „Eine Milliarde, Eine Billion, macht keinen Unterschied. Sind doch nur Zahlen.“ Tatsächlich schien der Mann kurz verblüfft, dann jedoch überspielte er geschickt: „Schlauer als du aussiehst, was? Nein, nein, 1000 reicht völlig aus. Ich möchte, dass du während wir uns hier miteinander beschäftigen, von 1000 an in Siebenerschritten herunterzählst. Schaffst du das?“ Stumm nickte er und dachte, er müsse einen Fehler gemacht haben. „Sehr gut, und für den Fall, dass du irgendwann bei 6 ankommst, fängt du einfach von vorne an.“ Für einige Sekunden war es totenstill. „Na komm schon, mein Junge, oder bist du plötzlich schüchtern geworden?“, forderte der Mann plötzlich und schlug ihn ins Gesicht. Es war nur eine schwache Backpfeife, doch es tat trotzdem weh. Sofort begann der Junge: „1000, 993, 986…“ „Na siehst du, geht doch.“, feixte Beelzebub. „Lass dir ruhig ein Bisschen Zeit, wir haben keine Eile.“ Über der Tür flackerte wieder die Anzeige und nun stand dort: „20€: Schläge härter!“ Es waren nur zwei simple Worte, doch sie ließen den Jungen auf seinem Stuhl zittern. Sein Gegenüber hingegen schien es sehr zu freuen. „Sieh nur, Leo. Es gefällt ihnen, sie wollen mehr.“ Mit diesen Worten ließ er wieder das Gelenk des Zeigefingers knirschen und schlug dann noch einmal zu, diesmal wesentlich stärker als vorher. Es klatschte laut und die Wange des Jungen begann zu pulsieren und wurde wahrscheinlich rot. Seine Augen fingen zu tränen an, doch noch konnte er sich zurückhalten. „979…“, sagte er mit bebender Stimme. Eine weitere Ohrfeige traf ihn, diesmal auf die andere Wange. „972…“ Er gab sich die größte Mühe, nicht weinen zu müssen. Ein erneutes Flackern, ein neuer Text: „30€: Schläge ganzer Körper.“ Leo biss die Zähne zusammen. Dieser Beelzebub, wie er sich nannte, war wirklich stark. „Huii“, freute sich dieser prompt. „Mach dich bereit, mein Kleiner, das wird lustig.“ Er stand jetzt schräg vor dem Stuhl und holte mit der geballten Faust zu einem Schlag aus. Der Junge erkannte gerade noch, was er tun musste und spannte seine Bauchmuskeln an, so fest er konnte, einen Sekundenbruchteil, bevor die Faust seines Entführers ihn unerbittlich in der Magengrube traf. Er schnappte nach Luft und beugte sich nach vorne, soweit die Fesseln es zuließen, da sah er die Faust schon auf sein Gesicht zurasen. Er schloss reflexhaft die Augen und spürte einen harten Schlag gegen die rechte Gesichtshälfte. Das würde wohl ein blaues Auge geben. Ein weiters Mal bohrte sich die Faust seines Peinigers in die Magengrube des Jungen und hätte er nicht gesessen wäre er wohl zusammengebrochen. „965…“ Einen weiteren Schlag gab es nicht, nur ein erneutes Knacken des Fingergelenkes. Es schien, dass Beelzebub seine Zuschauer dazu bewegen wollte, mehr Geld zu zahlen. Und tatsächlich, der Bildschirm flackerte wieder kurz und zeigte dann: „100€: Junge würgen. Nicht töten.“ Was sollte das heißen? Er wurde panisch. Er hasste es, Atemnot zu haben, wie die meisten anderen Menschen auch. Beelzebub ging um ihn herum, legte die Hände auf seine Schultern und zog ihn überraschend sachte in eine aufrechte Sitzhaltung. „Siehst du das, mein kleiner Leo?“, fragte er. „Kannst du sehen, was unser Gast möchte? Wir müssen seinen Wunsch erfüllen, kleiner Leo.“ Er kicherte bösartig. „Immerhin möchten sie dich noch leben lassen. Ich glaube“, wieder kicherte er wie wahnsinnig, „Ich glaube, sie mögen dich.“ Mit diesen Worten legte er die Hände von hinten um den schlanken Hals des Jungen. „958…“, keuchte er noch, als Beelzebub ihm die Kehle zudrückte. Der Junge schnappte röchelnd nach Luft, als die kräftigen Finger seines Peinigers sich immer fester um seinen Hals schlossen. Er fühlte, wie er erstickte, wie seine Lungen sich nicht mehr füllen wollten, weil der Zugang verweigert wurde, wie sein Sichtfeld langsam verschwamm und schließlich begann, schwarz zu werden. In diesem Moment jedoch löste sich der Schraubstockgriff des Fremden und wieder erhielt er eine schallende Ohrfeige. Er war sofort wieder wach und die seltsam frische Luft des Raumes füllte überwältigend seien Lungenflügel. Der frische Sauerstoff tat gut und er atmete schwer durch. Wieder gab es einen Schlag ins Gesicht, den er schon kaum noch spürte. Eindrücke überfluteten sein kindliches Gehirn und er war überfordert mit all seinen Emotionen. Nach einigen Sekunden herrschten jedoch Schmerz und Verzweiflung mit überwältigender Intensität vor. „951…“, flüsterte er, noch immer schwer atmend. „Ich bewundere dein Durchhaltevermögen, mein Süßer. Die meisten anderen Jungs in deinem Alter hätte ich jetzt wahrscheinlich schon ans Zählen erinnern müssen.“ Schon wieder gab sein Fingergelenk dieses widerliche knirschende Geräusch von sich, bevor er erneut seine Finger um Leos Hals schlang und zudrückte. Wieder dasselbe Gefühl wie vorhin. Er fühlte, wie ihn seine Sinne langsam verließen, das Einzige, was er noch spürte, war ein brennender Schmerz in der Lunge und ein pulsierender am Hals. Als sein Entführer ihn wieder aufatmen ließ, keuchte er außer Atem: „944…“ Beelzebub strich ihm mit einer widersinnig sanften Geste übers Haar und säuselte: „Du bist ein braver Junge, kleiner Leo. Du hast dich noch nich ein einziges Mal beschwert oder verzählt, du machst das wirklich gut.“ Ohne, dass er es wollte, ohne, dass er wusste warum, löste das Lob seines Peinigers ein warmes, dankbares Gefühl in ihm aus. Aus irgendeinem irrwitzigen Grund erweckten diese Worte das kaum bekannte Gefühl, das Anerkennung in ihm auslöste. Im nächsten Moment stieg die Wut darüber in ihm auf. Er wollte das nicht fühlen. Dieser Mann war nur hier, um ihm wehzutun. Er brauchte seine Anerkennung nicht. „937… 930…“ Es schien Beelzebub teils zu verunsichern, teils zu amüsieren, dass der Junge nicht reagierte. „Fahren wir also fort, meine Damen und Herren“, moderierte er aufgedreht in die Kamera. „Weitere Wünsche? Gibt es noch weitere Vorschläge? Kommen Sie schon, Sie können sich trauen. Niemand wird je erfahren, wofür sie hier spenden.“ Man konnte ein beinahe ein verschmitztes, herausforderndes Grinsen aus seiner Stimme heraushören und tatsächlich zeigte es Wirkung. Wieder flackerte der Bildschirm auf und nun zeigte er die verhängnisvolle Forderung: „300€: Werkzeug. Gesicht nicht.“ Was für Werkzeug? Was sollte das bedeuten? Der Junge wurde wieder von einer heftigen Welle der Angst erfasst, als sein Entführer aufgedreht lachend vor seinem Stuhl in die Knie ging und den Koffer öffnete, den er mit sich hineingebracht hatte. „Siehst du das, mein süßer kleiner Leo? Endlich haben sie sich zu fragen begonnen, was wohl Hübsches hier drinnen ist, bist du nicht auch schon gespannt?“, trällerte er fröhlich und zog eine Zange heraus, deren spitze metallische Enden ein seelenloses, eiskaltes Klicken von sich gaben, als Beelzebub das glänzende Stahlwerkzeug drohend vor den Augen des Jungen auf und zu schnappen ließ. Er begann, heftig zu zittern und bemühte sich nach allen ihm verbliebenen Kräften um eine feste Stimme, als er tonlos das Wort: „923…“, hervorbrachte. „Macht dieses hübsche kleine Spielzeug hier dich etwa nervös, mein Kleiner? Keine Sorge, es tut ein Bisschen weh, aber die Narben werden echt hübsch“, säuselte der Mann mit einer zuckersüßen, dennoch von Bosheit durchzogenen Stimme und man konnte an seinen Augen sehen, dass er abnorm breit grinste, während er das aussprach. Er stand auf, ging um den Stuhl des Jungen herum und setzte dann den kalten Stahl der Zange an seiner bebenden Unterlippe an. „916…“, hauchte er kaum hörbar, da er fürchtete, das scharfe Folterinstrument auch nur zu berühren, doch da riss Beelzebub es von seinem Gesicht weg und aus ihm brach heraus: „Ach stimmt ja, unser werter Gast hat uns ja gebeten, mit deinem süßen Gesichtchen noch ein Wenig zu warten. Was glaubst du, mein Junge? Was machen die Leute wohl gerade, während sie uns beiden hier zuschauen?“ „909…“ Beelzebub kicherte boshaft, öffnete die Zange und setzte die Spitzen ein Wenig über der rechten Schulter des Jungen an. Spöttisch und mit einem Hauch von Wahnsinn rief er: „Achtung, mein Kleiner, das könnte etwas wehtun“, und ließ mit diesen Worten das unbarmherzige Foltergerät zusammenschnappen. Ein greller Schmerz durchfuhr die Schulter des Jungen. Er war anders als die Schmerzen von Beelzebubs Schlägen oder dem Würgen. Es fühlte sich an, als habe man mit einer eiskalten messerscharfen Klaue ein Stück seiner Haut abgerissen. Der Junge schrie vor Schmerz auf: „902..!“ Tränen traten in seine Augen und seine Stimme zitterte, doch noch konnte er sich beherrschen. Ein zweites Mal durchfuhr ihn dieser stechende Schmerz, diesmal an seinem Oberarm. „Du wirst doch ein braver Junge sein, oder, kleiner Leo?“, säuselte sein Entführer in sein Ohr. Der Junge nickte und jetzt wurden seine Fesseln gelöst und der Mann presste den rechten Unterarm des Jungen mit seiner Linken auf die Armlehne des Stuhles, während er mit der Rechten noch immer die Zange hielt und diese jetzt wieder ansetzte. Immer und immer wieder ließ Beelzebub das Foltergerät zuschnappen und in regelmäßigen drei-Zentimeter-Abständen fraß dieses widerliche stählerne Monstrum sich seinen Arm herunter bis zur Spitze seines Mittelfingers. „895…, 888…“ Noch immer mit zitternder Stimme zählte er weiter. „881…“ Die Tränen liefen seine runden, roten Wangen herunter. „874…“ Er drehte seinen Kopf verzweifelt nach links, damit das salzige Wasser nicht in die Wunden tropfte und er seinen geschundenen Arm nicht sehen musste. „867…“ „Tapfer, tapfer, unser kleiner Leo, nicht wahr?“, moderierte sein Peiniger aufgedreht in die Kamera. Aus dem Augenwinkel sah der Junge wieder den Bildschirm flackern und nun zeigte dieser die Worte: „350€: Symbol, Brust.“ Symbol? Was sollte das nun wieder bedeuten? Beelzebub schien… zu quieken… wie ein kleiner Hund… oder ein Kindchen, das sich sehr über etwas freut. Dieser Typ war… einfach nur krank. „Siehst du das, mein Süßer? Darauf hab ich schon gewartet, das wird schön. Vielleicht bekomm ich jetzt endlich mal nen zünftigen Schrei aus dir raus.“ Er schien um einiges zu erfreut, als er sein sollte, während er im Koffer herumkramte und schließlich ein seltsames Gerät herauszog. Es sah ein Wenig aus wie ein sehr klobiger Lötkolben, doch statt einer Spitze hatte es ein flaches, rundes Stück Metall am Ende. Und es hatte kein Kabel. Beelzebub hielt das seltsame Werkzeug in Richtung der Kamera und erklärte: „Dies hier, meine Damen und Herren, ist eine Eigenkreation von mir. Sie wissen doch, wie man früher Rinder markiert hat, oder? Wenn ich diesen Knopf drücke, fließt ein starker Strom durch das Siegel am Ende und erhitzt es. Wenn ich das Siegel dann auf die Haut unseres kleinen Besuchers drücke, trägt er ab sofort mein persönliches Brandzeichen. Er ist dann wirklich meins“, kicherte er boshaft. „Und das Schönste daran ist: Es ist batteriebetrieben. Sie brauchen nicht einmal eine Steckdose dafür, nur drei gute, alte 9V-Blöcke.“ Nun drehte er sich zu dem Jungen um und hielt ihm das Siegel vor die Nase. Dieser wich reflexhaft davor zurück, soweit er konnte. Auf der Metallplatte war das Negativ eines stilisierten Teufelskopfes eingraviert, wie bei einem Stempel. „860…“, flüsterte der Junge, vor schierer Panik am ganzen Körper zitternd. „Was meinst du, kleiner Leo? Sollen wir unseren Gästen das Ganze nicht einmal vorführen?“ Weinend schüttelte er stumm den Kopf. Es war ihm egal, ob es etwas bringen würde, er wollte einfach nicht, dass der Mann ihm das antat. „Zierst du dich etwa, mein Hübscher?“, fragte dieser mit gespielter Bestürzung. „Komm schon, es dauert nicht lange. Zugegeben, es tut echt weh, aber du siehst es doch. Das ist es, was unseren verehrten Gästen gefällt.“ Wieder schüttelte er den Kopf. „Bitte… bitte nicht“, hauchte er, während sein Herz aus seiner Brust zu springen versuchte. „Bitte, tun Sie das nicht. Was hab ich Ihnen denn getan?“ Am liebsten wollte er schreien, doch aus seinem Mund kam nichts als ein ersticktes Flüstern. „Aber mein Süßer, das weißt du doch. Du hast mir gar nichts getan. Ich tue das nur, weil es mir Spaß macht, dir wehzutun. Und weil es anderen Spaß macht, mir dabei zuzusehen. So viel Spaß, dass sie sogar echt viel Geld dafür bezahlen. Allein unsere heutige Vorstellung hat schon 810€ eingebracht. Hast du schon mal so viel Geld auf einem Haufen gesehen, Leo?“ Er schüttelte den Kopf. „Siehst du? Ich würde dir ja sagen, dass es mir leid tut, was ich hier mit dir mache…“, mit diesen Worten richtete sich Beelzebub, der vor dem Stuhl in die Knie gegangen war, um auf einer Augenhöhe mit dem Jungen zu sein, wieder auf und rief nun höhnisch: „… Aber meine Mommy hat mir beigebracht, dass ich nicht lügen darf.“ Und mit einem morbiden Lachen drückte er jetzt auf den Knopf der Apparatur, der dafür sorgte, dass das Siegel heiß wurde. Nach wenigen Sekunden hatte die Metallplatte rot zu glühen begonnen. Der Mann ging wieder um den Stuhl des Jungen herum, zog mit der Rechten, die er um dessen Körper legte, das Shirt des Jungen über seine Brust herunter und drückten mit der Linken das glühende Eisen auf die Haut knapp unter seinem linken Schlüsselbein. Der Schmerz, den der Junge nun spürte, war mit nichts zu vergleichen, was er je zuvor gefühlt hatte. Es fühlte sich an, als würde sein Fleisch und seine Haut verbrennen und sein Blut zu kochen beginnen. Jetzt war seine Zurückhaltung endgültig dahin und er schrie vor Schmerz auf, so laut es nur. Er war selbst überrascht, wie laut seine Stimme sein konnte. Endlich, wahrscheinlich nach wenigen Sekunden, die sich jedoch wie Tage anfühlten, löste der Mann boshaft lachend den glühenden Stempel von seiner Haut. Der Junge schaute nach unten und sah ein dampfendes, brennendes und pulsierendes Brandmal direkt auf seiner Brust. „853…“, keuchte er. Er konnte sich nicht vorstellen, was dieser Kerl ihm noch antun wollte, um ihm noch mehr wehzutun. „846…, 839…“ „Tapferes kleines Bürschchen“, feixte Beelzebub. „Hat das weh getan?“ Der Junge reagierte nicht. Er konzentrierte sich mit aller Kraft darauf, nicht vor Schmerz ohnmächtig zu werden. „Ist das nicht betäubend, mein Junge? Raubt dir dieser Schmerz nicht den Verstand?“, fragte er drohend. Er durfte nicht ohnmächtig werden. Sein Körper wollte es. Sein Geist, sein Bewusstsein sehnte sich nach der Erlösung der Betäubung, doch er wusste, dass das sein Ende sein würde. „832…“ „Komm schon, mein Kleiner. Du willst doch sicher am liebsten ohnmächtig werden, oder? Dann tut dir nichts mehr weh, was ich dir antue. Nichts kümmert dich mehr, es ist alles ruhig… klingt das nicht schön?“, stichelte Beelzebub weiter. Als der Junge wieder nicht antwortete, sondern nur: „825…“, sagte, kichertet sein Entführer: „Gut so, braver Junge. Weißt du, warum ich dich zählen lasse?“ Er schüttelte den Kopf. „Naja, wenn du zählst hast du etwas, worauf du dich konzentrierst. Du klammerst dich verzweifelt an die Zahlen, um nicht wahnsinnig zu werden. Und so verlierst du auch nicht so einfach das Bewusstsein, damit unsere Gäste deine wundervollen Schreie noch weiter genießen können, ist das nicht toll?“ Aus irgendeinem Grund klang er wie ein kleines Kind, das sich über irgendetwas freute. Nein, er würde nicht aufhören, zu zählen. Er würde nicht in Ohnmacht fallen und sich einfach umbringen lassen. Neben den Gefühlen in seinem Inneren, der Panik, dem Schmerz, der Verzweiflung, stieg langsam eine weitere Emotion herauf, die ihn völlig einzunehmen drohte. Er kannte dieses Gefühl, doch er konnte es nicht richtig einordnen. Was war das? Was machte dieser Mann mit ihm… nein, aus ihm? Der Bildschirm über der Tür flackerte wieder und nun stand dort: „400€: Klinge, Arm. Blut.“. Beelzebub machte eine geschickte Pirouette, kicherte wieder sein bösartiges Kichern und ging dann erneut in die Knie, um in seinem Koffer herum zu graben. Nach einigen Sekunden zog er ein Messer heraus. Es war ein einschneidiges Kampfmesser mit ungefähr handlanger, schlanker Klinge und einem taktischen Griff aus schwarzem Kunststoff. Die Klinge war ebenfalls geschwärzt, bis auf die rasiermesserscharfe Schneide, die bedrohlich im Licht der Deckenlampe blitzte. Dieser Anblick jagte ihm zwar nicht solche Angst ein, wie das furchtbare Brandsiegel, aber dennoch liefen die Tränen weiterhin über seine Wangen und tropften auf seine Hose und sein Shirt. Doch neben der Angst drängte sich diese undefinierbare andere Empfindung immer weiter vor. Woher kannte er dieses Gefühl nur? Beelzebub stand jetzt wieder hinter ihm, packte mit der Linken den noch unversehrten linken Arm des Jungen und setzte das Messer, das er mit der Rechten festhielt, im unteren Drittel auf der Innenseite seines Unterarmes an. „818…“, zählte er ungerührt weiter. Der Mann schnitt langsam unter seinem Handgelenk entlang. Er spürte einen Schmerz, einen schneidenden, eisigen Schmerz, spürte, wie das Blut an seinem Arm herunterlief und auf den Boden tropfte. Er konnte es riechen, den metallischen Duft, der ihm so seltsam bekannt war und der von seinen beiden Armen provokativ zu ihm aufstieg. Doch der Schmerz wirkte gegen das Gefühl des brennenden Stahles auf seiner Haut beinahe nichtig. „811…“ Ein weiterer Schnitt… „804…“ Und noch einer. Und noch einer. „797…“ Mit jedem Schnitt, jeder neuen Wunde kümmerte es ihn weniger. Das andere Gefühl machte sich immer und immer mehr breit und ließ keinen Raum mehr für Schmerz. Die Angst war noch da. Der Wille, nicht zu sterben, regte sich noch immer in seinem Inneren, doch Schmerzen spürte er kaum noch. Wieder ein Flackern des Bildschirmes. Nun forderte die mitgefühlslose Anzeige: „450€: Klinge, Gesicht.“ Dieser Text versetzte dem Jungen erneut einen Stich in der Magengrube, denn obwohl es nicht wehtun würde, wollte er nicht, dass dieser widerliche Mann ihm das Gesicht zerschnitt. Beelzebub stieß einen ekelerregend erfreuten Laut aus und ließ den Arm des Jungen los. Jetzt packte er mit der linken Hand stattdessen Leos Gesicht von unten am Kinn und zwang ihn, in die Kamera zu sehen. „790…“, presste er mit Mühe heraus. Sein Peiniger kicherte ausgelassen, setzte die Klinge, die noch immer scharf war wie der Wind auf einem Berg an einem kalten Wintertag, ein kleines Stück links von der Nase des Jungen an und verpasste ihm einen filigranen Schnitt unter dem linken Auge entlang. Es fühlte sich fast genauso an, wie die vorherigen Schnitte, doch nun spürte der Junge gar keinen Schmerz mehr. Warmes, dickflüssiges Blut lief an seinem Gesicht herunter wie Tränen und als die Flüssigkeit sich seinem Mund nährte, presste er die Lippen so fest er konnte zusammen. Der Geruch widerte ihn an und er wollte sein Blut nicht schmecken. Mit offensichtlicher Belustigung beobachte Beelzebub das Ganze einige Sekunden lang, dann sagte er neckisch: „Zier dich doch nicht so, mein kleiner Leo. Es schmeckt gut, glaub mir.“ Mit diesen Worten schob er die Lippen des Jungen gewaltsam mit seinem Daumen auseinander und einige Tropfen des Blutes gelangten in seinen Mund. Es schmeckte ekelhaft. Metallisch und unnatürlich. „Schau doch, mein Kleiner.“, feixte der Mann weiter. Dann öffnete er langsam den Reißverschluss seiner Maske. Was sollte das werden? Die Angst wurde wieder stärker. Im nächsten Moment spürte er eine warme, feuchte und raue Zunge, die über sein Gesicht fuhr. Genüsslich leckte Beelzebub das Blut von der Wange des kleinen Jungen. Die Angst war schlagartig verschwunden und an ihrer Stelle machte sich ein unermesslicher Ekel breit. Er wollte das nicht spüren. Er wollte nicht, dass dieser widerwärtige Kerl ihn berührte, egal wie. Er fühlte sich furchtbar, wollte am liebsten schreien, doch er bekam nichts heraus. „Mhh…“, machte Beelzebub und leckte sich die Lippen. „Immer wieder ein Fest. Ich kann überhaupt nicht verstehen, warum dir das nicht schmeckt.“ Das unbeschreibliche Gefühl flammte kurz auf, so heftig, dass es alles andere überdeckte. „783…“, sagte er ungerührt, doch was er dachte war etwas anderes. „Lass mich deins kosten, vielleicht schmeckt das besser.“ Er erschrak über seine eigenen Gedanken. Woher kam dieser gehässige Satz in seinem Hirn? Er hatte noch nie so etwas seltsames gedacht und er wollte das auch nicht. Jetzt, da dieses befremdliche, seltsame Gefühl wieder weg war, fühlte es sich falsch an. Er verdrängte diesen Gedanken mit Gewalt aus seinem Geist. „776…“ Noch immer lief das Blut ihm übers Gesicht und tropfte auf sein Shirt. Auch von seinen Armen tropfte es auf den Boden. Wenn die Blutung nicht bald gestoppt würde, würde er wohl echte Probleme bekommen, selbst wenn er diesen ekelhaften Folterknecht loswerden könnte. Er spürte, wie sein Körper schwächer wurde. Leiser und mit weniger fester Stimme als zuvor sagte er: „769… 762…“ Beelzebub schien das alles um einiges mehr Spaß zu machen, als angebracht gewesen wäre und er hüpfte kichernd um den Stuhl des Jungen herum. „755…“ „Na, mein Kleiner?“, feixte der Mann, „Geht dir langsam das Blut aus? Sind ja nur ein paar Literchen, nicht wahr?“ Er versuchte, sich das Wasser aus den Augen zu wischen, doch es wurde nicht wirklich besser. Durch einen Schleier aus Blut und Tränen hindurch sah er erneut den Bildschirm flackern und nun verlangte die Mattscheibe mit kalter Gleichgültigkeit: „1000€: töte Junge!“ Das war sein Todesurteil. Er wusste, dass es nun mit ihm vorbei sein würde. Wieder stiegen ihm Tränen in die Augen. Tränen der Angst. Die nackte Panik breitete sich in ihm aus und drohte ihn zu ertränken. Er wollte nicht sterben. Er wollte am Leben bleiben. Egal, was in seinem Leben passierte, egal wie sehr die Leute ihm wehtun würden und egal, wieviel noch schieflaufen würde, er wollte nicht sterben. Beelzebub trat wieder vor ihn und ging in die Knie. Er schaute ihn durch die Augenschlitze seiner Maske bösartig an. Das Messer hatte er noch immer in der rechten Hand, hielt es jedoch nicht wirklich fest. Er schien sich seiner selbst viel zu sicher zu sein. „Hast du das gesehen, Kleiner? Scheint, als hätten sie genug von dir.“ Der Junge reagierte nicht. Er klammerte sich mit all seinen Sinnen an die Zahl: „748…“ Aus irgendeinem Grund machte das Beelzebub offenbar wütend. „Ist dir klar, was das heißt? Ich werde dich jetzt töten Leo, das hast du doch verstanden, oder?“ Wieder weigerte der Junge sich, auch nur irgendein Anzeichen davon erkennen zu lassen, dass er den Mann überhaupt gehört hatte. Dieser regte sich jetzt sichtlich auf: „Himmel Junge, ist dir das echt so egal? Du tust doch nur so hart, um mich zu verunsichern.“ Ironischer Weise schien er tatsächlich verunsichert. Er vernachlässigte das Messer in seiner Hand. „Ich will dich betteln sehen, du kleines Stück Scheiße!“, schrei er jetzt und wirkte dabei wesentlich unkontrollierter, als zuvor. Dadurch wich die Angst vollkommen aus dem Körper des Jungen. Er fürchtete sich nicht vor jemandem, der sich noch nicht einmal selbst unter Kontrolle hatte. Das undefinierbare Gefühl begann langsam, ihn auszufüllen. „Ich will dich um dein Leben betteln sehen, verflucht nochmal!“, schrie Beelzebub und seine Stimme überschlug sich einige Male. Er packte den noch immer schweigenden Jungen mit seiner linken Hand an der geschundenen rechten Schulter, zerrte ihn vom Stuhl herunter und zwang ihn auf die Knie. „Willst du sterben, Junge? Los, sag schon!“ Wider Erwarten ließ er das Messer jetzt sogar fallen. Das lief besser, als es sich irgendein Teil des Jungen jemals zu träumen gewagt hätte. Jetzt nahm das fremde und doch vertraute Gefühl seinen gesamten Geist ein und nichts anderes fand mehr Platz, als der eine Gedanke, der Gedanke an den Plan, den sein Unterbewusstsein während er seine Mauer der Ignoranz aufgezogen hatte, zu schmieden begonnen und in der Sekunde, in der er auf die Knie fiel fertiggestellt hatte. Von Beelzebub, der sich eben paranoid zur Kamera umdrehte, unbemerkt, hob er die Klinge auf und versteckte sie zwischen seinen Beinen, während er die Hände in einer scheinbar unterwürfigen Pose zwischen die Oberschenkel gesteckt hielt. Der Mann packte ihn wieder an der Kehle und drückte sie zusammen. „Na, wie gefällt dir das, du kleines Scheusal? Wie fühlt es sich an, zu wissen, dass mein Gesicht das letzte ist, was du sehen wirst?“ Mit diesen Worten griff er sich an den Hinterkopf, öffnete von der Kamera ungesehen die Maske und ließ sie auf den Boden fallen. Ein jungenhaftes Gesicht mit dem leichten Anflug eines Bartes und einem Schopf verstrubbelter strohblonder kurzer Haare, kleinen Ohren und schmalen Lippen kam zum Vorschein. Beelzebub musste einige Zeit mit Boxen oder etwas ähnlichem zugebracht haben, denn seine Nase war, wie bei einem alten Boxer, wohl mindestens einmal gebrochen und schief zusammengewachsen. Der Junge kümmerte sich nicht um das Gesicht seines Entführers. Er umklammerte das Messer zwischen seinen Schenkeln mit aller Kraft, die ihm noch blieb. Er durfte es auf keinen Fall fallen lassen. „Sag schon, Kind. Wie fühlt es sich an, zu sterben?“ Der Junge keuchte so gut er konnte: „Ich stehe ziemlich neben mir. Ich verblute, ich glaube, mir geht die Zeit aus.“ Er bemühte sich, verängstigt zu klingen, wenngleich Angst ihm in diesem Moment ferner lag, als in jedem anderen Augenblick seines Lebens. „Oh Gott…“, hauchte er mit seiner erstickenden Stimme. „Ich will nicht sterben.“ Offenbar gefiel dem blonden jungen Mann dieses Eingeständnis, denn er lockerte seinen Griff ein wenig. „Siehst du? Das war alles, was ich hören wollte. Aber du wirst sterben, Kleiner.“, kicherte er jetzt wieder wahnsinnig. „Sag es mir, mein süßer Leo. Wie fühlt sich der Tod an?“ Eiskalt und jetzt wieder mit fester Stimme sagte der Junge: „Sag du es mir.“ Mit diesen Worten rammte er, da er seinen Körper nicht erreichen konnte, die scharfe Klinge in Beelzebubs linken Arm. Dieser schrie vor Schmerz und Entsetzen auf und ließ von ihm ab. Jetzt gab es kein Halten mehr. Er stürzte sich wie wild auf seinen Entführer, der sich mit den Armen zu schützen versuchte. Wieder und wieder stach und hieb er auf die Gliedmaßen des Mannes ein. Dessen Blut mischte sich auf dem Boden mit dem des Jungen und er schrei und kreischte jetzt unkontrolliert. Als der Junge ihm schließlich die Klinge in den Bauch rammte, gelang es Beelzebub, ihn von sich wegzustoßen. Der Junge rappelte sich mit aller Kraft auf und stand nun vor seinem Peiniger. Er starrte auf ihn herab und in seinen Augen blitzte die Entschlossenheit, es jetzt zu beenden. Das Shirt und die Hose des Mannes sogen sich mit seinem Blut voll, während dieser panisch beide Hände auf seine offene Bauchwunde presset: „Scheiße Junge, was stimmt nicht mit dir? Du bringst mich noch um, du Idiot.“ Kalt sagte der Kleine: „Ja, ich weiß. Jetzt sag du mir, wie sich sterben anfühlt, du Stück Dreck. Du kannst es ja nicht mal mit einem Kind aufnehmen, du Versager. Jetzt verrecke endlich.“ Dieser Satz, so grausam er ohnehin schon war, wirkte aus dem Mund eines Neunjährigen so surreal, so furchtbar, dass der Angesprochene wieder unartikuliert schrie. Leo ging auf ihn zu und sagte: „Ich will dich betteln hören, Arschloch.“ Damit stieß er ihm erneut das Messer in den Bauch, wieder und wieder. „NEIN!“, schrie der Mann und Tränen traten ihm in die Augen. „BITTE, NEIN! HÖR AUF DAMIT DU IDIOT! HÖR AUF, ICH STERBE. ICH STERBE, LASS DAS!“ Er heulte ungezügelt, wie ein kleines Kind. Noch ein letzter Stich, dann trat der Junge zurück. „Ich sterbe… Ich will nicht sterben.“, röchelte er. „Mama… Mama, hilf mir! Mein Bauch tut weh, Mama.“ Beelzebub schluchzte am Boden liegend, während sich eine Blutlache unter ihm ausbreitete und sein blondes Haar langsam tief rot färbte. Tränen rannen sein Gesicht herunter. „Mama, bitte hilf mir… Mama.“ Wieder und wieder rief er schluchzend nach seiner Mutter, als er langsam sein Leben aushauchte. Dem Jungen versetzte es einem Stich. Seine Mutter hätte ihm nicht geholfen. Er war ihr so egal, wie er es nur hätte sein können. Sie hasste ihn nicht, zumindest glaubte er das, aber er war ihr einfach vollkommen egal. Auch seine Augen füllten sich mit Wasser. „Du?“, sprach er mit hohler Stimme. „Liebt dich deine Mama?“ Er schien ihn nicht richtig verstanden zu haben. Im Sterben verzerrte sich allem Anschein nach seine Wahrnehmung. Er streckte dem Jungen kraftlos die linke Hand entgegen, als suche er nach Halt. „Mama? Mama, bist du das?“ Er war wie ein kleiner Junge, der sich beim Hinfallen das Knie aufgeschlagen hatte. „Bitte Mama, mein Bauch tut so weh. Ich… ich war ein böser Junge, ich weiß. Es tut mir so leid, Mama. Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr. Bitte hilf mir. Bitte hilf mir, Mama, ich bin doch dein kleiner Junge. Ich bin doch dein kleiner Jonas, bitte hilf mir, Mama.“ Mit diesen Worten sackte er schließlich in sich zusammen und hauchte das letzte Bisschen Leben aus. Der Junge ließ das Messer fallen, stieg abwesend über die blutige Leiche seines Folterers und drückte die Klinke der weißen Tür herunter. Quietschend öffnete sie sich und gab den Blick auf einen kurzen, schmucklosen Flur im Stil der 70er Jahre frei. Es ging kein weiterer Raum oder Gang von diesem Flur ab, nur am anderen Ende befand sich eine schwere Tür, die der, welche er eben geöffnet hatte, sehr ähnlich sah. Nur die Farbe war anders. Diese Tür war in einem gedeckten Braunton gestrichen. Immer schwächer werdend schleppte der Junge sich auf den Ausgang zu und klammerte sich schließlich an die Klinke, während er sich daran hochzog und gegen die Tür lehnte. Diese wurde heruntergedrückt und die Tür öffnete sich nach außen. Noch bevor er das helle, warme Tageslicht wahrnahm, das vor dem Gebäude herrschte, stürzte er kraftlos auf einen gepflasterten Gehweg. seine Sicht verschwamm und das letzte, was er hörte war ein erschrockener Schrei einer jungen Frau. Die Stimme erinnerte ihn, wenngleich sie wesentlich anders klang, an die Freundin seines Bruders. Er schloss die Augen und es wurde schwarz um ihn. Und still.

Er wachte auf. Alles um ihn herum war weiß, doch das Licht, welches den Raum erhellte, war nicht das kalte Leuchten der Deckenlampe aus dem Red Room. Es waren die warmen Sonnenstrahlen, die durch das Fenster auf die Decke seines Krankenhausbettes schienen und ihn angenehm wärmten. Er dachte an Beelzebubs letzte Worte. Egal, wie sein Name gewesen war, oder was er ihm angetan hatte, aber er war ein Mensch gewesen. Ein Mensch genau wie er. Mit einer Mutter, die er geliebt hatte. Lebte sie noch? Wie würde sie reagieren, wenn sie vom Tod ihres Sohnes, ihres „kleinen Jungen“ erfuhr? Es war Leo zunehmen egal, wie er erstaunt feststellte. Beelzebub war ein widerliches Monster gewesen. Sollte seine Mutter doch zur Hölle fahren. Dort würden die beiden sich vielleicht wiedersehen. Die Tür öffnete sich und er drehte den Kopf in Richtung des Eingangs. Eine Frau trat herein, die er nicht kannte. Eine Schwester hinter ihr sagte: „Kleiner? Deine Mutter ist hier. Sie wollte dich gerne sehen.“ Seine Mutter? Wollte seine Mutter wirklich mit ihm sprechen? Wo war sie? Er erwartete, dass sie gleich eintreten würde, doch die Schwester schloss die Tür mit den Worten: „Ich lass euch beide mal alleine.“ Die andere Frau trat an sein Bett, zog einen Stuhl heran und setzte sich neben ihn. „Guten Tag, mein Junge. Ich hoffe, es geht dir… gut. Den Umständen entsprechend.“ Ihre Stimme war warm und sanft, wie die einer Mutter, die ihr geliebtes Kind wiedersieht. Doch sie war nicht seine Mutter. Ihr Gesicht war etwas älter und hatte weichere, freundlichere Konturen. Ihre Augen und ihr Mund bildeten ein sanftes, liebevolles Lächeln, von dem ein Gefühl von Sicherheit ausging. Ihre langen, goldblonden Haare, die ihr über die Schultern herabfielen, glänzten fast im Sonnenlicht. „Du bist nicht meine Mutter.“, flüsterte der Junge benommen, ohne auf die Begrüßung einzugehen. Sie legte den Kopf etwas schief, lächelte ihn verständnisvoll an und strich ihm mit der Rechten sachte über die rechte Wange. „Nein, das bin ich nicht. Ich bin… ich war seine Mutter.“ Ein Schock durchfuhr den Jungen, doch die Frau beruhigte ihn. „Keine Sorge, ich bin dir nicht böse. Ich weiß, dass er dir keine Wahl gelassen hat. Was Jonas dir angetan hat war… abscheulich und unverzeihlich, das weiß ich. Aber bitte verstehe, dass ich traurig bin.“ Das Wasser stiegen in ihre klaren blauen Augen. „Er war so ein… so ein wundervolles Kind, weißt du. Es tut mir so unendlich leid, was er dir angetan hat, mein Junge, aber… aber ich habe ihn geliebt, weißt du. Ich… ich musste einfach nach dir sehen, musste erfahren, ob es dir gut geht. Ich hätte es mir niemals verzeihen können, wenn er dich… naja, du weißt schon… Ich glaube, ich bin schuld, dass er so… so geworden ist. Ich hätte mehr auf ihn achten sollen. Ich war ihm keine gute Mutter, weißt du. Es tut mir so unendlich leid, mein Junge…“ Sie senkte den Kopf und die Tränen liefen ihr jetzt leise übers Gesicht und tropften auf das blütenweiße Bettzeug. Leo hatte… Mitleid mit ihr. Nicht mit Beelzebub, aber mit dieser Frau. Mit dieser Frau, die so gebrochen wirkte… „Seine letzten Worte…“, begann er und sie schaute zu ihm auf. Er musste sich räuspern und fuhr dann fort: „Seine letzten Worte waren… er hat gesagt, dass er Sie liebt. Er hat nach Ihnen gerufen und…“ Seine Stimme brach ab. Sie nahm seine Hand, schaute ihm ins Gesicht und fragte: „Was hat er gesagt?“ Ihre Stimme zitterte ein Wenig. „Er sagte: ‚Es tut mir so leid, Mama. Ich lieb dich. Ich liebe dich so sehr.‘“ Den Rest dessen, was Beelzebub gesagt hatte ließ er mit Absicht weg. Er wollte die Frau nicht daran erinnern, was ihr Sohn getan hatte. Sie schluchzte leise: „Das… das hat er mir nie gesagt… Er hat nie gesagt, dass er mich liebt.“ Jetzt weinte sie wirklich und legte ihren Arm um den Jungen. Sie drückte ihn an sich, fest, aber dennoch liebevoll. „Ich danke dir, mein Kleiner. Du bist ein guter Junge.“ Er dachte daran, dass auch er seiner Mutter das noch nie gesagt hatte. In diesem Moment entschloss er sich fest, dass dies die ersten Worte ans sie sein würden, wenn er sie wiedersah. Ihm war egal, ob es auf taube Ohren stoßen würde, dachte er.

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4 Kommentare

  1. Hab das schon vor einer Zeit geschrieben. Wollte ich eigentlich selbst vertonen und bei mir veröffentlichen, aber hab dann nach ca. 4 Stunden Hochladen schmerzlich erfahren, dass ich als unverifizierter YouTube-Account nichts über 15 Minuten veröffentlichen kann… Deshalb hab ich’s jetzt hier online gestellt, falls da jemand Interesse hat, der es vielleicht wirklich kann… Meine Audioversion war echt peinlich XD.

  2. Ich hab ne Frage, die mir wichtig ist. Ich komme mit Websites wie dieser nicht wirklich gut zurecht und sitze regelmäßig da, wie der Ochs vorm neuen Tor. In diesem Fall geht es darum, dass ich gerne zwei meiner Beiträge (Die beiden Teile der “Engel”-Reihe, die ich bisher veröffentlicht habe) wieder löschen möchte. Leider weiß ich nicht, wie das geht. Das, was am nächsten herankommt, ist “In den Papierkorb verschieben” und dazu fehlt mir die Berechtigung. Wäre lieb, wenn mir da jemand helfen könnte 🙂

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