
Liebendesrosa
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Vorheriger Teil: Hoffnungsvolleslila
Die Intensität und Dauer des Kusses hinterließ bei den
beiden Liebenden ein brennendes, unkontrollierbares Verlangen, sodass
Vincent sich endgültig gezwungen sah, sich seiner Gebieterin bis zum aufkommenden
Höhepunkt sowohl im Geiste als auch in beidseitiger, immaterieller
Form vollkommen zu entledigen. Vincent hörte seine Königin im Rausch der Liebe
und der Begierde seinen Namen schreien, worauf er mit einer aufsteigenden
Liebkosung reagierte, die immer weiter zum Schoß Reginas wanderte und ihren
hüllenlosen Geist in stöhnende und freudig zuckende Laute versetzte. Je mehr er
zur Freude seiner Königin ihre Begierde anstachelte, desto schwächer schien seine
Bindung zu May und seiner Seele zu werden. Alles, was ihm sein manipulierter
Geist lediglich befahl, war es dieser Schönheit von Frau die Lust und Liebe
zu geben, nach der sie nunmehr ächzte. Mit einem heißen Gebrüll, entstanden aus
warmen Schmerz und lodernder Hingabe vernebelte sie den Verstand ihres
Seelenwächters: verlockte ihn zu der unausweichlichen Tat mit einem letzten,
brennenden Kuss (vermacht durch die hungrigen, liebenden Zungen beiderseits) sich ihr von
Anfang bis ans Existenzende ihrer Tage hinzugeben und sie mit jedweder Freude und
Lust zu beglücken, wann immer ihr der Sinn danach stand. „Meine Gebieterin…“,
flüsterte ihr Knecht mit flachem Atem und emotional rasendem Herzen seine
begonnene Phrase, dessen Ende er nie finden sollte. „Shhh… mein
Liebster,“, unterbrach Regina mit einem liebevollen, nahezu mütterlichen Blick
den Versuch Vincents ein Wort zu erheben. „Du solltest ruhen. Ich bin
außerordentlich stolz auf dich, du hast deine Aufgabe mehr als erfüllt.“ „Und
bist auch deinen letzten, festen Gedanken um May und diesen Jungen
losgeworden“, flüsterte die Herrin ihren hinzugefügten Satz in sich hinein,
während sie sich des Blickes Vincents abwandte. Sie spürte wie jener eifrig
nickte, als lege sie mit jener unausgesprochenen Vermutung zu 100% richtig.
Wieder wandte sie sich ihm zu, um ihn in ihre Arme zu nehmen. Müde von dem
heißen Akt der Liebe und dem Kampf um seine Emotionen, verfiel die Herrin
Animarums vollends in einen traumlosen Schlaf. Einzig und allein begleitet von
den aufgehenden Sonnenstrahlen, welche am anderen Ende der Welt den Morgen
aller Sterblichen verkündete.
~
„Mutter, wie lange müssen wir uns noch auf die Suche
begeben?“, klagte Caroline unter der aufkommenden Müdigkeit und war bemüht ein Gähnen zu unterdrücken. Für May selbst war die Müdigkeit kein Problem,
zumal sie bereits etwas länger im Reich der Seelen arbeitete und sich ihre hüllenlose Gestalt langsam
an die hier handelnden Umstände gewöhnt hatte. Dennoch verleiteten die wenigen,
glänzenden Sonnenstrahlen zum Gehen, wenn sie denn nicht entdeckt werden
wollten. Als wären jene Strahlen ein Wiederruf im Verstand von May, rezitierte
sie plötzlich vor ihren Augen, was Regina ihr einst über ihren Gatten
erzählt hatte: Sein unnatürliches Aussehen sei der Grund seiner Jagd nach ihm
und die schlussendliche Tötung gewesen. Begleitend von jener Phrase, die wie
ein nie mehr enden wollendes Echo über Mays Gehirn wiederhallte, erschien ihr
in einer ausgesprochen unglaubwürdigen und doch seltsam realen Form, das Abbild
eines jungen Mannes, wie er mit zerrissenem Hemd und offener, blutender Brust
die unübersehbaren Qualen seines Leidens hinausschrie, im Einklang mit dem
wütendem Grölen einiger Sterblicher, die nebst des Feuers voller Gier und
schäumendem Hass ihre Mistgabeln in seinen Oberkörper hineinstachen. May schauderte es bei
jener Vorstellung und sie zwang sich sofort an was anderes zu denken. An was schöneres,
an die Zeit mit… Vincent. Kaum hatte sie jenen Namen – wenn auch ungewollt – im
Stillen ausgesprochen, überkam sie eine unbeschreibliche Welle gepaart mit
süßlicher Pein und dem gleichzeitigen Wunsch ihn wiederzusehen. Jene Woge war
mit solch einer Wucht über ihre Emotion hereingebrochen, dass sie selbst den
erneuten Tränen aus heißem Teer nahe war, doch in Angesicht ihrer Tochter zu
weinen und den Wunsch nach ihrer Liebe in die Sterblichenwelt hinauszuschreien,
erschien letzten Endes auch ihr viel zu suspekt vorzukommen, als dass sie
tatsächlich den Versuch gewagt hätte.
Ungeachtet der Zeit – welche vollkommen unbeeindruckt von der Furcht der beiden,
von Menschen entdeckt und getötet zu werden, voranschritt – betrachtete May eine
Weile lang ihre Seele, die sie am heutigen Tage befreit hatte. In ihren Armen
glitzerte unter den immer heller werdenden Sonnenstrahlen, der Geist eines
jungen Mannes, welcher es fast in Betracht gezogen hatte, der Welt ein letztes
Mal entgegenzublicken, bis er sich dann vom Rande eines alten Betriebsgebäudes
in die Tiefe hatte stürzen lassen. Jene Seele schlief nun ihren Armen, während
Caroline das Innerste eines noch kleinen jungen Mädchens – einige Jahre jünger
als sie selbst es war – huckepack trug. Diese Form des Transportes war die
einzige gewesen, die beide als bestmögliche Lösung sahen. Selbstverständlich
gab es Seelenwächter, die ihren Fang auch einfach durch das Portal schicken
konnten, so wie sie selbst durch das Portal gehen würden, doch eben jene
Eigenschaft war ausgesprochen selten und nur die Weisesten von all jenen
konnten sie erlernen. „In unserem Reich gibt es genau drei die eben jene Gabe
besitzen“, erklärte Amanda May einst, als sie beide über eine gute Taktik im
puncto „Der Fang neuer Seelen“ sprachen. „Zwei von ihnen sind selbst hier in
diesem Zimmer, May. Ihre Namen sind Luisa und Eva. Doch denke nicht einmal
dran, sie um Hilfe zu fragen. Obwohl wir uns mit ihnen ein Zimmer teilen sind
sie nur selten hier und leben und lernen vielmehr unter sich“, erklärte Amanda
weiter, während sie leicht verträumt aus dem Fenster schaute. „Sag…“, begann
sie auf einmal nach einer unendlichen Weile des Schweigens. „Kannst du dich noch an dieses
Gefühl zu Lebzeiten erinnern?“, fragte jene plötzlich, doch wandte sie ihren
Blick immer noch nicht vom Fenster ab.
„Welches Gefühl?“,
fragte May mit einer starken Betonung eben jenes letzten Wortes, als wüsste sie
nicht, was Amanda damit meinte. „Du weißt schon…“, begann jene zögernd. Unbeholfen
dessen, wie sie es ihrer Freundin nur erklären soll. „Man sagt es soll sich
warm anfühlen. Warm… manchmal auch heiß, verstehst du?“ Doch die
Seelenwächterin entgegnete der versuchten Erläuterung ihrer Freundin mit einem
gebliebenen Ausdruck der Verwirrung. „Ich rede von Liebe, May!“, rief sie schließlich (den Kopf nun wieder May
zugewandt) jedoch unbeabsichtigt wütend zu klingen. „Ich…“, fuhr sie fort, doch
kaum hatte sie nur ein Wort erhoben, erstarb ihre Stimme und ein heiseres
Schluchzen erfüllte den Raum mit der wiederhallenden Erkenntnis, dass sie jeden
Moment in bittere Tränen ausbrechen könnte, die ihre graue Haut in ein
undurchdringliches Schwarz verwandeln würden. Behutsam, um ihre Freundin nicht
in ihrer Woge aus gepeinigten Emotionen zu unterbrechen, stand die junge
Seelenwächterin auf und umarmte sie vorsichtig, während sie ihren Kopf auf ihre
Schulter stützte und mit geschlossenen Augen die Szenerie samt ihres Grauens, mit eigenen Augen ansah:
In Amandas Erinnerung
sah May, wie jene sich auf einer dreckigen Straße liegend, vor scheinbaren
Schmerzen krümmte. Selbst wenn es bei näherer Betrachtung nicht so aussah, als
würde sie jene Pein unter einer erkennbaren Wunde erleiden, konnte man ihr die
salzigen Tränen, welche im dämmrigen Licht so sehr glänzten wie feine
Kristalle, ansehen, dass sie unter etwas schwerem litt, was ihr Herz
angegriffen haben musste.
Eine gefühlte Ewigkeit verging im selben, unaufhörlichem
Schema gepaart aus unkontrollierbaren Zuckungen und dem stätigen Schluchzen,
welches immer mehr zu einem herzzerreißenden Weinen anwuchs, als sich plötzlich
in mitten der mittlerweile immer mehr verdunkelten Straße eine Gestalt in Form
eines Schattens zeigte und sich unmittelbar auf das weinende, im Dreck
liegende Mädchen zu bewegte. „Steh auf!“, forderte jenes Wesen die Sterbliche in einer tiefen,
doch verzerrten Stimmlage auf. Als jene mit seinem Ton nicht den gewünschten
Erfolg erzielte, zog er sie unsanft hoch und packte sie mit einer Hand am Kinn.
May konnte – wenn auch nur leicht – spüren, wie die zuckende Pein vom Kinn aus
über die ohnehin schon strapazierten Nerven von Amanda ausging. „Kyle… bitte
nicht!“, piepste das weinende Mädchen, nicht in der Lage ihre gebrochene Stimme
oder gar ihr verquollenes Gesicht vor ihrem Peiniger zu verstecken. „Dein
Jammern kannst du dir fürs Krankenhaus sparen, du fette Bitch!“, schrie er
getrieben voll Wut und trat sie gleich mehrere Male gegen den Bauch. Auch jenen
explosiven Schmerz konnte May nun verspüren, weshalb sie sich (so wie auch Amanda) am Boden kniend zusammenkrümmte, im schweren Versuch einen Schmerzensschrei zu unterdrücken. „Hör auf! Du bist doch mein Bruder!“,
schrie sie, während sie vergebens drum bemüht war sich gegen seine Tritte und –
nun auch Schläge – zu wehren. „Was soll ich für dich sein, Schlampe? Dein
Bruder?!“, brüllte er sie nunmehr an. Die kochende Wut schlug wie ein Feuer auf
seine Emotionen ein, legte jegliches rationales Denken lahm. Einzig und allein
sein unerklärlicher Hass lenkte seine Taten. „SAG MIR, WIE KANN ICH IN DEINEN
AUGEN DEIN BRUDER SEIN, WENN DU SCHLAMPE SCHON
IMMER, DIEJENIGE WARST, DIE NIE WUSSTE WO IHR KOPF STAND UND IMMER NUR
SCHEIßE LABERTE, UM LETZTEN ENDES DIE EHE UNSERER ELTERN ZU ZERSTÖREN!!!
SCHÄMST DU DICH DENN NICHT DAFÜR?!“, gellte er aus vollem Leibe seine
Anschuldigungen gegenüber seiner Schwester hinaus, während er jene unachtsam wie ein Stück Dreck
gegen den kalten, harten Straßenboden warf und sie zusätzlich anspuckte. „Du
bist nichts weiter als ein dummes Stück Dreck und du verdienst es auch so
behandelt zu werden“, meinte er mit nunmehr heiserer Stimme und verließ
schweigend seine einst geliebte Schwester, dennoch darauf achtend nicht einen
Blick zurückzuwerfen.
„Mein Bruder war nicht immer so… gemein zu mir“, ertönte
die raue Stimme der älteren Seelenwächterin neben May. „Nur nach einer gewissen Zeit fing seine Liebe zu mir an, immer weniger zu werden. Doch auch wenn die Liebe zu
ihm mit jedem Tag aus mir unerklärlichen Gründen immer weniger wurde, hätte
ich nie gedacht, dass dieser eine Fehler, welchen ich damals begangen hatte, mein
Leben für immer verändern würde…“ Erneut herrschte Schweigen und May war
gewillt ihre Lippen zum Reden zu bewegen, als ihr Gegenüber weiter fortfuhr: „Unser
Vater war ein Trinker. Nahezu jeden Abend kam er sturzbetrunken nach Hause und
roch nach Alkohol und fremdem Parfüm. Meine Mutter hatte schon lange über eine
Vermutung, doch nie hatte sie sich getraut auch nur ein Wort zu sagen, aus Angst ihren Mann zu verlieren und am Ende auf der Straße zu
landen. Denn du musst wissen, dass mein Vater seit meiner Geburt alleine
versuchte uns über Wasser zu halten. Selbstverständlich war mein älterer Bruder
groß genug ebenfalls arbeiten zu gehen, doch du musst wissen, dass er überaus
faul war und nie einsah, weshalb er das Geld nach Hause bringen sollte, wenn es doch
bereits einen Mann gab, der es tat. Entgegen allen meinen Vorstellungen,
waren meine Eltern damit Einverstanden, dass er die restliche Zeit seines
Lebens vor dem Fernseher oder vor seiner heißgeliebten Konsole verbrachte.
Vielleicht war es auch einfach dem Fakt zu zuschulden, dass er mit seinen miserablen
Noten es höchstwahrscheinlich nie geschafft hätte, sich eine vernünftige Arbeit
zu suchen, die unsere Haushaltskasse um einiges aufgebessert hätte“, kurz
schluckte sie bei der schmerzhaften Erinnerung wie sehr ihre Familie unter dem
knappen Verdienst ihres Vaters zu leiden hatte.
„Die Jahre vergingen und unsere Familie drohte immer mehr
durch verschiedene Dispute zu zerbrechen. Eines Tages, als meine Mutter außer
Haus war, um etwas wichtiges zu erledigen und mein Bruder sowieso mit seinen
Freunden von Kneipe zu Kneipe lief, kam ich von der Schule nach Hause, als ich
ein lustvolles Stöhnen seitens einer Frau vernahm. Leise schlich ich die Treppe
hoch, wohl wissend, was mich erwarten würde und öffnete unsere alte Holztür
so weit, wie sich ein quietschen vermeiden ließ. Und dann sah ich meinen Vater
in seinem Ehebett mit einer anderen Frau. Es war aber nicht dieser Anblick,
welcher mich zum nächstbesten – ja du könntest selbst sagen unüberlegten –
Handeln aufforderte, sondern der bloße Denkinhalt darüber, dass mein Erzeuger
sich nicht nur mehrere Male mit anderen, fremden Frauen getroffen hatte, ferner
stetig mit jeder, die er irgendwo
gefunden hatte. So entschloss ich mich dafür ein Foto als Beweis zu machen und
es Mum zu zeigen. Endlich sollte sie die Augen aufmachen und aufhören in Tagträumereien
und billigen Wünschen zu leben! Die Realität war schließlich nie so, wie man sie sich am meisten
wünscht!“, vernahm May die stechenden, doch wahren Worte Amandas, während sie
sah, wie sich ihre Hände in Fäuste ballten.
„Doch wollte ich ihr das Foto nicht sofort zeigen, sondern
etwas warten. Ich kann mir selbst nicht erklären warum, jedoch sah ich eine
perfekte Gelegenheit der Offenbarung darin, wenn auch ihr Mann und ihr Sohn
dabei waren. So bat ich meine Familie eines Abends nach dem Essen noch etwas zu
warten, bevor sie gingen, denn wie es bei uns üblich war, lebte jeder in seiner
eigenen Welt und verfolgte seine eigenen Ziele. Sprechen taten wir zu Tisch
äußerst selten. Aber dieses eine Mal war meine letzte Möglichkeit alles zu
ändern. Zum Guten wie ich es
zumindest gehofft hatte. Ich weiß noch ganz genau, wie fragend und irritiert
sie mich ansahen, als ich mein Handy herausholte und nach dem Bild unter meiner
Galerie suchte: „Jetzt ist nicht die Zeit
uns deine Katzenfotos zu zeigen, Ami.“, hatte mein Vater mir mit einem
böswilligen Blick klargemacht, doch ließ ich mir seine verhassten Kommentare
nicht zu Herzen nehmen, nein heute nicht. Alles was ich tat war über seine
Naivität zu grinsen und zeigte ihm und dem Rest das Foto. Sie alle starrten
vollkommen fassungslos zunächst auf den hellen Bildschirm und dann wieder auf
mich, dann wieder auf den Bildschirm und dann wieder auf mich…“ Amanda grinste
vergnügt über die Vorstellung jenes Szenarios, als wäre ihr ein Streich
geglückt, den sie Jahre oder Monate zuvor geplant hatte. „Mein Vater schrie
mich an. Völlig außer sich. Er schrie mich an, dass ich ein verdammtes
Miststück sei und dass ich schuld an all dem sei, was noch folgen würde. Zu
diesem Zeitpunkt jedoch hatte ich nicht gewusst, dass er die Zerrissenheit unserer
Familie meinte. Meine Mutter weinte stark, die Hände ins Tränennasse Gesicht
vergraben und mein Bruder billigte mich eines wutentbrannten Blickes, ehe er
aufstand und sich in sein Zimmer verzog. Und so nahm alles seinen Lauf. Meine
Eltern gerieten noch in derselben Nacht in einen lautstarken Disput, während
mein Bruder mit laut aufgedrehter Musik versucht war, die Beleidigungen und das
Klirren von Geschirr zu übertönen und ich lag allein in meinem Bett, die Augen
weit aufgerissen, nicht im Stande auch nur ein Auge zu zu machen, immer in
Erinnerung an die Worte meines verhassten Vaters: „Deine dumme, behinderte und äußerst unachtsame Tat wird seine Folgen nachsichziehen.
Und es werden garantiert keine guten sein, glaub mir…“ Heute wünschte ich
mir, ich hätte diese Tat nie begangen, zwar wäre mir bewusst gewesen, dass es
früher oder später aufgeflogen wäre, was mein Erzeuger damals tat, doch
immerhin hätte ich mich selbst dafür nicht hassen brauchen und nicht unter der
Tyrannei meines Bruders zu leiden. Meine Mutter bekam zwar mit, wie ihr
eigener Sohn mich beleidigte oder behandelte, aber zu tief saß der Schmerz in
ihrem Herzen, als sie erkannte, dass nicht alles so werden würde, wie sie sich
erträumt hatte. Sie war sehr schwach und ausgemagert. Aß kaum was oder setzte gar ein Fuß vor die Tür. Einige Jahre später, lag sie
alleine im Sterbebett, als ich sie besuchte, denn zu der Zeit war ich gemeinsam mit meinem Bruder in eine Wohnung gezogen. Ich konnte und wollte ihn nicht alleine auf der Straße leben lassen, denn schließlich war er mein Bruder und nebst meiner sterbenden Mutter, dass letzte Familienmitglied, dass ich noch hatte. All die anderen waren entweder verstorben oder wohnten zu weit weg. Das erste Mal seit langem sah ich
ein Lächeln auf ihrem Gesicht, während ich ihre zittrige Hand berührte. Ihre
matten, doch frohen Augen strahlten Dankbarkeit aus. Dankbarkeit, die sie im Hinblick
auf die vergangenen Jahre, in denen alles noch im Schatten des Verborgenen
gespielt hatte, hätte nie ausstrahlen können, wäre ich nicht da gewesen und
hätte ihr die bittere doch notwendige Wahrheit offenbart.
Nach ihrem Tod war
ich diejenige, die sich nebst meinem Studiums um einen Job kümmern musste und
um den gesamten Haushalt. Dennoch wurde mir all das mit der Zeit zu viel und
ich schlich mich eines Nachts davon… nachdem mein Bruder mich beinahe zu Tode
geprügelt hatte“, mit einem Finger deutete sie auf die nahezu leblose Leiche
ihrerselbst, „wurde ich wie du und all die anderen die hier leben zur Seele.
Gebracht wurde ich von Louisa der ich damals (neben nun auch dir) meine
Geschichte anvertraut hatte.“ Nachdem Amanda ihre Erzählung beendet hatte,
verschwamm ihre Memoarie. Zähflüssig wie ein frisch gemaltes Bildnis, zerfloss
das einzelne Geschehnis, welches noch vor wenigen Minuten wie eingefroren vor
den beiden existierte, ineinander und verlief in den nachtblauen Himmel
hinein, der nach und nach ihre Umgebung in ein einzelnes, helles weiß zu verwandeln
schien.
Ihren Kopf von Mays Schulter erhoben, sah sie sie mit
verweinten Augen an. Einige, bereits getrocknete Tränen, wischte die junge
Seelenwächterin ihrer Freundin mit einer Hand fort, derweil sie sie anlächelte
und gleich darauf fest in die Arme nahm, um ihr mit ganzem Herzen zu symbolisieren,
dass sie für Amanda da war. „Ich hoffe du verstehst nun“, schniefte das
verletzte Mädchen. „Ich habe nie richtige Liebe kennengelernt, nicht einmal von
meiner Familie.“ Ohne ein Wort zu sagen, nickte May lediglich. Manche Menschen verstehen sich am besten
durch begleitendes Schweigen, rekapitulierte May in Gedanken ihre
Zuversicht gegenüber des Schweigens, doch dabei betrachtete sie sich selbst
nicht einmal als ein Wesen zu dem so ein Spruch nicht gepasst hätte, denn ganz
gleich, wie verschieden eine Seele oder Seelenwächter zu einem Menschen auch
war: Sie beide hatten Emotionen. Emotionen, die sich durch gute als auch
schlechte Zeiten lenkten, doch warum sah es nur die Herrin nicht so? War ihr
Hass so ungesättigt allein von der verbliebenen Erinnerung an ihren Mann, dass
sie in den Sterblichen nichts anderes als Feinde sah?
„Mama?“, ertönte die lieblich-kindliche Stimme ihrer Tochter, die
einen nunmehr nervösen Eindruck aufwies. Ein Blick in den fernen Horizont
genügte, um sich die Frage nach dem Warum zu sparen: Die Sonne stand beinahe am
höchsten Punkt! „Schnell, komm Caroline!“, forderte May sie auf und sie beide
liefen in eine – zu ihrem eigenen Glück – nicht weit entfernte Gasse hinein, in
welcher die Seelenwächterin soeben ein Portal eröffnete und in eben jenes
hindurchschreiten wollte, als sich eine graue Hand nach ihr und ihrem Kind
verzehrte…
Nächster Teil: Zerstörerischesperlgrau