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Tausendundein Tod

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Eins

Pause, denkst du seufzend, während du dich in deinem Stuhl zurücklehnst, kurz die Augen schließt, zu entspannen versuchst. Es gelingt dir nicht. In deinem Schädel wummert es, deine Finger trippeln rastlos auf den Lehnen, vor deinen Lidern flimmern Blitze, Eindrücke der letzten Stunden, die dich auch noch im Schlaf heimsuchen und beschäftigen werden.

Pause?, denkst du erneut, bissig dieses Mal, regelrecht verbittert.

Pause?! Du möchtest wütend werden, willst einmal voll aufdrehen, ausklinken, alles rauslassen, es in die Welt hinausbrüllen, deinen Gefühlen Luft machen, deiner Frustration und Erschöpfung.

Nichts dergleichen geschieht. Reglos bleibst du sitzen, mit schmerzendem Schädel, unsteten Gliedern und einem ewig brennenden Bildschirmlicht, dass dir selbst dann noch vor Augen hängt, wenn diese sich in ihre gnädige Dunkelheit zurückzuziehen versuchen.

Für dich gibt es keine Pause, niemals. Arbeit steht an der Tagesordnung, Arbeit bestimmt dein Leben, sowohl das, mit dem du dein Geld verdienst als auch dein Privates, weil du strenggenommen überhaupt keine Privatsphäre hast. Immerzu abrufbereit, immerzu am Grübeln über diese und jene Problematik, immerzu leistest du zu wenig, nie ist es genug, nie zufriedenstellend, immerzu gibt es etwas auszusetzen, was bedeutet sich wieder hinter das Reißbrett zu setzen, von Neuem zu beginnen.

Immerzu Arbeit. Nimmermehr Pausieren.

Du reißt die Augen auf, welche sogleich geblendet werden. Das gleißende Grell brennt sich durch deine Augäpfel direkt in dein Hirn hinein, wo es sich bestrebt zeigt, selbiges zu schmoren. Murrend wendest du dich ab, erhebst dich ächzend aus deinem unbequemen Stuhl, machst einen wankenden Schritt nach vorne. Dein Kreislauf entscheidet, noch einen Moment sitzen zu bleiben, weswegen du dich am Tisch festhalten musst, um nicht vornüber zu kippen.

Plötzlich schlägt dein Puls schneller und ein leichtes Engegefühl legt sich um deine Brust. Du verharrst still, atmest ruhig oder versuchst es zumindest. Schweiß steht dir auf der Stirn, als ob du einen Marathon gelaufen wärst. Dein Kopf rast vor Schmerzen, Übelkeit macht sich in dir breit, du willst dich zurückfallen lassen, greifst bei dem Versuch nach der Lehne zu tasten jedoch ins Leere. Erneut wankst du, schaffst es gerade noch aufrecht stehen zu bleiben. Was ist bloß los mit dir?

Die Enge wird immer schlimmer, es gesellt sich ein unangenehmes Gefühl dazu, welches von der Brust aus bis zu deinem Arm strahlt. Das Empfinden wird schnell intensiver, unerträglich. Vor Schmerz verzieht sich dein Gesicht zu einer Grimasse der Pein.

Nein!, denkst du schwach, als du endlich erkennst was mit deinem müde gewordenen Körper geschieht.

Der Puls rast immer schneller, die Atmung wird schwerer, der Schmerz zu einer infernalischen Höllenqual. Ein tonnenschwerer Anker ist dir auf die Brust geworfen worden, er zerdrückt dich, während er dir mehr und mehr die Luft aus den Lungen presst.

Schließlich schaffst du es mit letzter Kraft, das brennende Gefäß, dass sich dein Leib nennt, zurück auf seinen Platz zu hieven. Zeit zum Durchatmen verschaffte es dir jedoch nicht, ganz im Gegenteil, die Sandkörner verrinnen rasend schnell durch das zerbrechliche Stundenglas.

Du weißt, wenn du nicht bald etwas unternimmst, ist es vorbei. Beinahe wünschst du dir… Doch deine Instinkte treiben dich dazu an, den Mund aufzureißen, um nach Hilfe zu rufen, obgleich dein Bewusstsein dir zuschreit, dass es niemanden gibt der dich hören könnte. Alle die dir je etwas bedeutet haben, sind durch das allseits präsente Monster der Arbeitswut verprellt worden. Du bist allein, stirbst allein.

Es macht sowieso keinen Unterschied, denn alles was deine Kehle noch hervorbringt, ist ein kläglicher letzter Laut, der der sinnbildlich für dein ganzes, erbärmliches, nichtssagendes Leben steht, das nichts bewirkt, niemanden bewegt hat.

Dein Kopf fällt zurück, die Schmerzen dimmen dahin, ihnen folgt dein Denken und Fühlen, dein gesamtes Sein. Mit leerer werdendem Blick starrst du dem Licht deines Bildschirms entgegen. Ein Tunnel bildet sich darum, als Finsternis ihn langsam umrahmt.

Das letzte Bild, dass dir durch den Verstand zuckt, ist die Vorstellung, wie du den Arm hebst und einen Mittelfinger direkt vor die kleine Kameralinse hältst, über die du täglich mit deinen Kollegen und Vorgesetzten kommuniziert hast. Niemand würde es sehen, weil sie ausgeschaltet ist, niemand wird es je sehen, weil du stirbst, aber die reine Idee davon, amüsiert dich, solange, bis dich nichts mehr amüsiert oder auf irgendeine andere Art berührt.

Zwei

Du schreist, schreist so laut es dir mit dem festgezurrten Knebel in deinem Mund möglich ist. Nur gedämpfte Laute dringen hindurch. Irgendwo, ganz weit hinten in deinem Bewusstsein, ist dir klar, dass es vergebens ist, dass du dir deine Kräfte einteilen solltest, doch die Panik hält dich fest in ihrem Griff, sie lässt nicht zu, das rationale Gedanken weit genug nach vorne dringen, um dich von ihrer bestechenden Logik zu überzeugen. Aus diesem Grund zerrst du auch ohne Unterlass an den Fesseln, mit denen deine Hände hinter deinen Rücken und an einem Stuhl gebunden worden sind. Gleichsam verhält es sich mit deinen Beinen. Du scheuerst dir die Haut blutig, die schwachen Signale deiner Nerven, erreichen dich kaum.

Indes stehen deine Peiniger gelassen vor dir, schauen regungslos auf dich herab, scheinen auf etwas oder jemanden zu warten. Im dämmrigen Licht des schallisolierten Kellers, wirken sie wie Wachsfiguren. Dem Anschein nach harmlos, versetzen sie den Betrachter bei längerem Hinsehen doch mit wachsendem Unwohlsein.

Du empfindest kein Unwohlsein. Du empfindest nackte, unverwässerte Angst. Allen voran, weil du eine sehr genaue Vorstellung davon hast, weswegen du hier bist, weswegen man dich mitten in der Nacht aus deiner Wohnung verschleppt und hierhergebracht hat. Sie werden ein Exempel statuieren, das Lamm zur Schlachtbank führen, um die verbleibenden Schäfchen daran zu erinnern, wer der Hirte und wer das Nutztier ist.

Der Hirte betritt den Raum nur wenige Augenblicke später. Er ist unscheinbar. Ein untersetzter, kleiner Mann, der mehr in die Breite als in die Höhe geht. Sein Gesicht ist weder schön noch hässlich, es weist keinerlei Merkmale auf, an denen das Auge haften bleibt. Er lächelt nicht – tut er nie – noch zeigt er sonst irgendeine erkennbares, emotionales Anzeichen. Seinem Tagesgeschäft geht er so leidenschaftslos nach, wie ein Fluss seine Bahnen zieht: Beständig, sich seinen Weg unablässig suchend, lässt er sich von nichts und niemandem aufhalten oder aus der Ruhe bringen.

Er betrachtet dich nur für einen Wimpernschlag, wobei er den Eindruck macht, einen Stein oder ein beliebiges anderes lebloses Objekt zu mustern. Er empfindet dir gegenüber nichts, weder Zuneigung noch Groll.

Irgendwie macht dieser Umstand die Angelegenheit noch unerträglicher für dich. Du wirst schlicht sterben, weil du da bist, weil du existierst, nicht, weil du einen Fehler begangen oder jemanden verärgert hättest. Nichts was du in all den Jahren, deines bald endenden Lebens getan hast, hätte verhindern können, dass du heute hier landest.

Eine einsame Träne der Verzweiflung rinnt deine Wange hinab, niemand nimmt davon Kenntnis.

Der Besuch des Hirten ist nicht von langer Dauer. Er sieht sich nur kurz um, stellt sicher, dass alles nach seiner Vorstellung abläuft. Nachdem dies erledigt ist, wendet er sich einer der Wachsfiguren zu, nickt knapp und entschwindet dann wieder in die Dunkelheit eines weiter weggelegenen Kellerabschnitts.

Danach geht alles sehr schnell, obschon es dir wie eine Ewigkeit vorkommt.

Die Männer geraten in Bewegung, als ob jemand einen Schalter umgelegt hätte, der die Maschinen zum Leben erweckt. Genauso verhalten sie sich auch, wie ein Uhrwerk, dessen Räder, Schrauben, Schnallen und Riegel in absoluter Perfektion aufeinander abgestimmt, ihre Arbeit verrichten.

Routiniert wird eine deiner Hände losgebunden, nur um an der Stuhllehne wieder festgezurrt zu werden. Jeden Versuch der Wehr, unterbindet die zuständige Figur, die während der Erfüllung ihrer Pflicht keine Miene verzieht. Jemand anderes bereitet einige Werkzeuge vor, ein dritter medizinische Utensilien.

Deine Atmung geht immer schneller, die Augen quellen aus ihren Höhlen heraus, du zerrst und ziehst und kämpfst mit allen Mitteln gegen das Kommende an. Vergebens. Deine Fesseln rühren sich keinen Zentimeter, sie graben sich nur tiefer in dein Fleisch hinein. Dein Kiefer schmerzt, weil du deine Zähne in den Knebel bohrst, die Anstrengung lässt dein Gesicht rot anlaufen, du glühst förmlich.

Ein einzelnes Geräusch lässt dich erstarren. Das Umlegen eines Schalters, das Aktivieren eines kleinen, handlichen Geräts. Du erkennst es sofort, kalter Schweiß trieft dir aus jeder Pore, ein Zittern beginnt deinem Körper durchzurütteln. Du schreist wieder, schreist dir die Seele aus dem Leib, eine Handlung die ebenso wenig Früchte trägt, wie die zuvor. Deine Peiniger kennen kein Mitleid, werden nicht aufhören, auch wenn du noch so sehr bettelst und jammerst und flehst.

Jemand kommt an deine Seite. Er packt deine fixierte Hand, genaugenommen den Zeigefinger dieser und streckt ihn gerade. Du kämpfst dagegen an, versuchst ihn wieder zu krümmen, eine Faust zu ballen. Vergeblich, der Mann ist zu stark.

Ein zweiter kommt heran, das Gerät betriebsbreit in seinen mörderischen Klauen, funkelt höhnisch in dem spärlichen Licht. Es ist entzückt über die Aufgabe, die ihm heute zuteilwird.

Du möchtest den Träger darauf hinweisen, dass die Maschine nicht zur Nagelpflege geeignet ist. Ein Gedanke, der dich irre auflachen lässt, während deine Augen Wasser in Strömen bluten.

Als das salzige Nass deine Lippen berührt, vergeht dir jedes Lachen. Es wird ersetzt durch ein Kreischen, dessen Quelle nicht klar definiert werden kann. Entspringt es deiner Kehle, die sich vor Elend in den nächsten Minuten restlos verausgaben wird? Oder aus der Maschine, die ohne Unterlass schuftet? Vielleicht doch von deiner Fingerkuppe, die schon bald ein blutiges Gemetzel ist und dessen schon bald herausragender Knochen von dem Schleifgerät weiter penetriert wird?

Womöglich ist es eine Mischung aus allem. Dir ist es ohnehin einerlei, deine Welt besteht nur noch aus Rot. Aus dem Lebenssaft, der durch den ganzen Raum spritzt und aus dem glühenden Feuerball, der dir vor Augen steht und dein gesamtes Bewusstsein einnimmt.

Die Folter dauert Stunden an. Am Ende dieser, wobei deine Wunden zwischendurch immer wieder notdürftig versorgt werden, sind von deinen Fingern nur noch blutige Stümpfe übrig. Bevor man sie dir abnimmt, um sie als mahnende Trophäen zu präsentieren, zeigen deine Foltermeister in letzter Sekunde doch noch Gnade.

Einer von ihnen zückt eine Schusswaffe und richtet sie auf deine Schläfe, du merkst es kaum. Dein Kopf hängt schlaf herunter, das Kinn ruht auf der Brust, du atmest schwach, bist kein denkendes Wesen mehr, nur noch ein Klumpen Leid.

Erst als etwas Eisigkaltes deine Schulter berührt, hart und unnachgiebig, wobei ein Schauder durch deinen gesamten Körper geht, wachst du ein letztes Mal aus deiner Trance auf und begreifst; begreifst eine fundamentale Wahrheit, ehe ein donnernder Knall alles, auch dein plötzliches Verstehen und deine Erleichterung darüber, restlos auslöscht.

Einhundert und zweiunddreißig

Du bist einer unter vielen. Du bist viele unter einzelnen.

Du bist eine Frau mittleren Alters, die hastig die Rolltreppe hinaufsprintet, um in letzter Sekunde noch ihren Zug zu bekommen. Du bist spät dran, hättest schon vor einer guten halben Stunde an deinem Arbeitsplatz sitzen müssen. Die Nacht war lang, eines deiner drei Kinder hat plötzlich Fieber bekommen und musste rund um die Uhr betreut werden.

Du bist der Junge, der ungeduldig und höllisch nervös am Bahnsteig auf seine Verabredung wartet. Ihr habt euch über die sozialen Medien kennengelernt und bisher sehr gut verstanden, jedoch nie persönlich getroffen. Heute wollt ihr dies endlich nachholen. Natürlich bist du viel zu früh aufgeschlagen, weswegen du nun unablässig das über dir hängende Zählwerk anstarrst, dessen Zeiger sich so lange immer quälend langsamer bewegen, bis sie vollkommen stillzustehen scheinen. Es ist neun Uhr siebenundfünfzig.

Du bist ein alter Mann, der verzweifelt seine Geliebte sucht. Ihr seid auf einer dieser Partys, die sie so gerne besucht, gefüllt mit Menschen, die sie nur flüchtig kennt, die mit ihrem Reichtum voreinander prahlen und den neuesten Klatsch und Tratsch austauschen, wobei am Ende des Tages nicht ein gehaltvolles Wort die Wände des Hauses gefüllt haben wird. Genervt drehst du deine Runden, suchst jeden Winkel ab und fragst jeden der vielen Gäste, die du nicht kennst und die für eine dieser hochtrabenden Veranstaltungen zumeist völlig fehlgekleidet, allen voran aber desinteressiert scheinen, einer höflich formulierten Frage eine Antwort beikommen zu lassen.

Als einer von ihnen dir plötzlich hinterherruft, verdrehst du die Augen. Du erkennst die Stimme, kannst sie aber keinem Namen zuordnen. So oder so, deine Reaktion spricht Bände über die Meinung, die du über diese Person hast. Als der Mann dich erreicht, faselt er irgendetwas davon, dass du doch nicht einfach weglaufen könntest, dass ihr einen Zug zu bekommen hättet und bald wieder zu Hause sein würdet. Du schimpfst ihn einen Idioten und erntest dafür lediglich einen halb bemitleidenden, halb resignierenden Blick.

Du bist jeder einzelne dieser Menschen und zeitgleich noch vielmehr. Ein paar Dutzend von ihnen.

Die Uhr schlägt eine Minute weiter, dann zwei. Als sie zur vollen zehnten Stunde ausruft, geschieht es.

Es beginnt mit einem einzigen lauten, ohrenbetäubendem Knall. Eine explosive Entladung, Druck und Hitze breiten sich rasend schnell aus, zertrümmern, verbrennen und zerfetzen Architektur und Körper gleichermaßen. Ihr folgt das Getöse von stürzendem Geröll, welches durch panische und schmerzerfüllte Schreie untermalt wird. Die, die noch die Gelegenheit dazu haben, erstarren in Schock oder nehmen die Beine in die Hand. Es ist einerlei, denn der ersten Detonation folgt eine zweite, eine dritte, eine vierte und eine fünfte, alle halbminütig verzögert, für eine effektive Vernichtung, da sie an potenziellen Fluchtorten, in entsprechenden Entfernungen zur ersten Bombe platziert wurden.

Nunmehr bist du ein sterbendes und von rasender Angst erfülltes Kollektiv. Überall um dich herum hörst du das Bröckeln, das Schmettern, das Geschrei, das Klagen, Weinen, Rufen, Scheppern, Splittern, Klatschen, Donnern und Grollen.

Körper prallen gegeneinander, Fleisch rammt auf massiven Stahl, Beton trifft auf splitternde Knochen.

Deine Gedanken an das Zuspätkommen, sind in einem gleißenden Licht ausgelöscht worden. Es hat dich nicht direkt erreicht, doch die Hitze und dessen Einatmen hat gereicht, dir die Gesichtshaut und die Atemwege wegzubrennen. Du leidest nicht lange, da ein Stahlträger deine röchelnde Lunge und alles was darum liegt zermalmt und dich in die ewige Finsternis schickt.

Ein ähnliches Schicksal erwartet dich, als der Zeitmesser, den du voll nagender Ungeduld angestarrt hast, sich aus seiner Verankerung löst und dir den Schädel einschlägt, ehe du unter weiteren Trümmern begraben wirst.

Als er erste Knall ertönt, bist du irritiert. Warum hat dir niemand gesagt, dass das hier eine Silvester-Feier ist? Das „Happy New Year!“, erstirbt auf deinen Lippen als du rüpelhaft umgestoßen wirst, wobei du dir, wie durch ein Wunder, nichts brichst und auch sonst keine ernsten Verletzungen davonträgst. Gerade als du dich lauthals beschweren willst, treibt dir ein plötzliches Gewicht auf deinem Rücken die Luft aus den Lungen. Du ächzt, hörst irgendetwas in deinem Inneren brechen, bekommst aber keine Gelegenheit dazu, diesem näher nachzugehen, da dem ersten Tritt viele weitere folgen.

Panische Massen stolpern, trampeln und treten über dich hinweg. Du fühlst ihr Gewicht und ihre Schläge an Beinen, Armen, dem Oberkörper, deinem Gesäß und auf dem Schädel, kurz, überall. Du ziehst dir Prellungen, einige Brüche und schon bald innere Blutungen zu, während dein Jammern und Flehen, dass sie aufhören mögen, im allgemeinen Tumult vollständig untergeht. So hast du dir den Jahreswechsel nicht vorgestellt. Wärst du doch nur zu Hause geblieben, statt ständig auf diese dämlichen Partys mitzugehen. Früher hast du immer gewitzelt, dass dich die heiteren, schwafelnden Gesellschaften eines Tages noch mal ins Grab bringen würden. Jetzt ist dir nicht mehr zu Lachen zumute.

Ein weiteres Wunder ereilt dich, da nicht nur das Getrampel auf deinem Leib erstirbt, sondern auch die folgenden Detonationen dich noch nicht umgebracht haben. Kein Grund zur Freude, denn dein geschundener Körper hält nicht mehr lange durch. Du röchelst, blutest aus mehreren Wunden, sowohl außen als auch innen und kannst keinen Finger krumm machen.

Als jemand neben dich tritt, sich zu dir herunterbeugt und dir seine schlanke, knochige Hand reicht, willst du lachen, aufgrund der Verzweiflung darüber, dass du jede noch so ehrlich gemeinte, dargereichte helfende Hand, selbst jetzt nicht mehr greifen kannst, wo dein Leben davon abhängt. Doch das musst du auch gar nicht, denn im nächsten Augenblick empfängt dich auch schon die ewige Stille und das Antlitz einer Frau, die diesen Weg schon zehn Jahre vor dir beschritten hat.

Mit einem Lächeln auf den Lippen, schickst du eine Danksagung und ein Gebet gen Himmel, dass dieser doch bitte nicht erfüllt sei, von drögen Feierlichkeiten, die dir in der Ewigkeit des Nachlebens den letzten Funken Verstand rauben würden.

Du bist diese drei Personen und jede weitere, die in diesen Minuten bis Stunden des Terrors ihr Leben lässt.

Du bist solche, die ein schnelles Ende, entweder durch Verbrennen oder Erschlagen finden. Sie leiden nicht lange, ihre zu Weilen weit verteilten verkohlten und zerschmetterten Überreste sind kaum noch als menschliche Wesen zu identifizieren.

Du bist solche, die die Explosionen und Einstürze überleben, dann aber an den Folgen ihrer vielseitigen Verletzungen dahinscheiden, allen voran aufgrund von zu hohem Blutverlust. Massive Teile der Infrastruktur, die ihnen die Schädeldecken brechen, scharfkantige oder dünne Stahlteile, die sich mühelos durch Fleisch bohren, genauso wie Projektile in Form von Glassplittern, die die Haut zerschneiden und sie in Fetzen an den Leibern herunterhängen lassen.

Und du bist solche, die noch einen weiten Weg vor sich haben, die noch stundenlang, mit nur leichten Verletzungen oder gar unversehrt leiden, weil sie verschüttet wurden und sie nicht schnell genug erreicht werden können. Sie erliegen ebenfalls ihren Wunden, aber auch Sauerstoffmangel oder Schockzuständen.

Du bist selbst solche, die gerettet werden, aber nach Stunden oder der Tagen des Kämpfens trotzdem aufgeben, die die Qual nicht mehr ertragen oder nicht vergessen wollen, welches Schicksal ihnen auserkoren worden ist, die sich lieber in die unendliche Finsternis stürzen, als mit den Erinnerungen fortbestehen zu müssen.

Am Ende bist du die Gesamtheit von einhundert und dreißig Menschen, die in Folge eines Anschlags auf einen Bahnhof verstorben sind. Du kennst die Gründe nicht, hinterfragst den Sinn oder Unsinn dieses Umstandes nicht. Du stirbst einfach, wieder und immer wieder.

Eintausend

Du bist einer unter nahezu eintausend. Du bist nahezu eintausend unter einzelnen. Du bist eine im Sterben liegende Stadt.

Du bist Kranker, du bist Pfleger, du bist Soldat.

Du bist Mann, Frau und Kind.

Du bist Teil einer Krisensituation. Eine Seuche grassiert, sie rafft die Menschen schneller dahin, als ihr Zustand erkannt werden kann. Du bist einer, der seine Diagnose rechtzeitig erhalten hat. Dennoch ist dein Schicksal, zusammen mit dem Dutzender, wenn nicht Hunderter weiterer, besiegelt, die zusammen mit dir in einem großen Saal des Krankenhauses eingepfercht auf ihren Betten liegen und vor sich hinvegetieren.

Man erklärt dir, dass es keine Medikamente mehr gebe und dass die Lieferkette aufgrund der anhaltenden Gefechte brachliegt. Aus der Ferne meinst du, das weit herüberschallende, wohlvertraute Geräusch eines automatischen Gewehrs zu vernehmen. Das Geräusch regt nichts in dir an, du hast dich daran gewöhnt, es ist zum Teil deines Alltags geworden.

Du wirst notdürftig versorgt, fühlst dich wie ein Kleinkind, dass unfähig ist, sich um sich selbst zu kümmern. Du bist schlapp, nein, vielmehr vollkommen ausgelaugt. Jede Regung, die du aus eigener Kraft bewältigen sollst, ist zu viel. Du verspürst quälenden Hunger, kannst jedoch nichts bei dir behalten, selbst das wenige Wasser, dass dir zugemutet wird, das gerade genügt deine Lippen zu benetzen, lässt deinen Magen rebellieren. Ein Tropf kann dir nicht gelegt werden, die wenigen die noch da sind, werden für die Fälle benötigt, für die Hoffnung auf Heilung besteht.

Der Pfleger der regelmäßig nach dir sieht, dir gut zuredet und mit einem kühlen Lappen versucht, das Fieber, wenn schon nicht zu senken, dann doch wenigstens stabil zu halten, sieht trotz des Lächelns, das er zu jeder Minute präsentiert, todmüde aus. Er gleicht eher einer wandelnden, bleichen Leiche, denn einem menschlichen Wesen. Im Delirium hast du ihn tatsächlich schon mit einem solchen Schreckgespenst verwechselt, erinnerst dich im Gegensatz zu ihm aber nicht mehr daran. Wie auch? Dein Denken wird von dem Feuer, das in deinem Körper wütet, fast vollständig überlagert und verzehrt.

Es frisst sich durch deine Eingeweide, kocht doch von innen heraus. Die Frage ist nicht, ob, sondern woran du zuerst stirbst. An Organversagen oder Dehydration.

Draußen ertönt eine Detonation, weder du noch sonst jemand im Raum zuckt zusammen. Nicht einmal die Kinder beginnen mehr zu kreischen. Es ist Tagesordnung, genauso wie die gelegentlichen Schusswechsel, die alle paar Stunden aus allen Winkeln der Stadt zu vernehmen sind. Anders als bei den Bomben, die gezielt Menschenleben auslöschen sollen, handelt es sich hierbei jedoch meist nur um Warnschüsse, obgleich diese trotzdem oft genug verletzen oder gar töten, wenn sie nicht ernstgenommen oder aufsteigende Rebellionen zerschlagen werden.

Als der ersten, eine zweite, deutlich lautere und kraftvollere Explosion folgt, gerät doch Bewegung in den Saal. Die Wucht ist stark genug, die Fenster des Krankenhauses zum Vibrieren zu bringen und ihm folgt der Lärm eines oder mehrerer einstürzender Gebäude. Die Kakophonie wird gleich darauf mit Gekreisch und deren Verstummen, kurz nach unzähligen Schüssen aus allen Richtungen ergänzt, bevor massive, dichte Staubwolken sich ausbreiten und die Sicht nach draußen unmöglich machen.

Nunmehr geraten die Leute doch in Panik. Etwas bahnt sich an, etwas Großes. Das wird kein kleines Intermezzo, zwischen Splittergruppen sich bekriegender Parteien, sondern ein Vernichtungsschlag.

Die nächsten Schüsse die fallen klingen deutlich näher, ebenso die Schreie und gebrüllten Befehle. Du würdest gerne Angst aufgrund des sich nähernden Endes verspüren, doch selbst dazu fehlt dir die Energie. Resigniert beobachtest du, was um dich herum geschieht.

Es dauert nur Minuten. Minuten, in denen innerhalb des Saals einige die Flucht ergriffen haben, die meisten von ihnen Pfleger und Ärzte, aber auch einige der Kranken, die noch stark genug dafür sind. Übrig bleiben die, die ans Bett gefesselt sind, die sich nicht bewegen können oder wollen.

Dein Pfleger steht irrwitzigerweise immer noch neben dir. Ob aus Schock oder Pflichtbewusstsein, vermagst du nicht zu sagen. Es spielt auch keine Rolle, denn kurz darauf wird eine Tür donnernd aufgestoßen und feindliche Soldaten dringen ein. Ihr Gewehrfeuer schallt von den Wänden wieder. Kugeln durchlöchern und zerfetzen menschliches Fleisch, sie lassen Knochen zerbersten, verteilen Blut und Innereien überall da, wo ihre Flugbahn sie hintreibt.

Du stöhnst laut auf, als einer dieser toten Körper auf dich fällt. Es ist der Mann, der sich in den letzten Tagen um dich gekümmert hat. Jetzt kann er endlos schlafen, während sein noch warmer Leichnam, dich mit seinem aus mehreren Wunden austretenden Lebenssaft besudelt. Übelkeit breitet sich in dir aus, doch dein Magen beinhaltet nichts, was er hochwürgen könnte.

Die Soldaten ziehen an den Betten vorbei, sie schenken den Kranken keine Beachtung. Als sie ignorant an dir vorbeirennen, verspürst du keinerlei Angst und auch keine Erleichterung, dafür aber brennenden Zorn über deren Missachtung der Sterbenden. Du möchtest sie anschreien, sie sollen es gefälligst zu Ende bringen, sollen euch die Gnade eines schnellen Todes zukommen lassen, statt euch hier elendig verreckend zurückzulassen. Alles was du hervorbringst, ist ein Hauchen, dass nicht einmal ein Wort zu formen im Stande ist.

Du fluchst innerlich, verzweifelst, weinst, ohne eine Träne zu vergießen, weil dein Körper kaum mehr Flüssigkeit in sich trägt. Die Last des Toten auf dir, drückt dir die Luftzufuhr ab, gerade so viel um dir das Atmen noch schwerer als ohnehin schon zu machen, aber nicht genug, um dich zeitnah umzubringen. Du versuchst alle dir verbleibende Kraft zu nehmen und ihn von dir herunterzuwerfen. Es gelingt dir nicht, du bekommst die Arme kein Stück hoch.

So liegst du da, sterbend, siechend, nutzlose Biomasse, die in ihren eigenen Säften badet und auf ihren Verwesungsprozess wartet, während der Mann, der dich bis hierhin begleitet und dich umsorgt hat, dich, auf dir liegend, aus leeren Augen, die in kratertiefen Ringen liegen, anstarrt. Sein Mund ist halb geöffnet, was ihm einen dümmlichen Ausdruck verleiht, als verstünde er nicht, was mit ihm geschehen ist oder als wolle er schreien, nur dass sein Klagelaut ihm im Hals stecken geblieben ist.

Den Strebenden um dich herum, geht es nicht besser. Denen außerhalb dieser Mauern, ein wenig, da sie ihren Tod weitaus schneller finden, obgleich nicht wenige von ihnen ebenfalls leiden. Von Kugeln durchsiebt sterben sie unter Schmerzen, weil ihre Lungenflügel penetriert wurden und sie in ihrem Blut ertrinken oder es ihre Eingeweide erwischt hat und ihre eigene, austretende Magensäure sie langsam zersetzt.

Nicht, dass es dich kümmern würde. Dein Tod dauert noch Stunden an, er zerrt dich einmal mehr hinab ins Delirium, in wirre Träumereien und entsetzliche Fantasien, während dein Körper einem Backofen gleich, sich selbst ausbrennt.

Kurz bevor es mit dir zu Ende geht, steht dir eine Vision vor Augen, die dich nicht in Schrecken, sondern in Frieden versetzt. Eine schattenhafte, großgewachsene, schlanke Gestalt hat sich am Fußende deines Bettes aufgebaut. Du kannst kein Gesicht erkennen und auch sonst keine klaren Körperkonturen. Je länger du sie betrachtest, desto mehr weicht die unerträgliche Hitze. Sie wird durch eisige Kälte ersetzt.

Dir fröstelt nur für Sekunden, denn deine Lider beginnen zu flimmern, fallen schließlich zu und öffnen sich nie wieder.

Eintausend und eins

Wieder befindet du dich in einem Krankenhaus, dieses Mal wird es jedoch von den Lebenden beherrscht. Kraftvoll sind sie, mit dem Wunsch beseelt, noch viele Jahre lang auf Erden zu wandeln. Es soll ihnen gewährt werden, den meisten jedenfalls.

Du hast gerade erst das Licht der Welt erblickt, wurdest aus der behüteten Wärme gerissen und in die grausame Kälte geschickt, in eine Sphäre, so unendlich groß und weit, von scheinbarer Endlosigkeit, die du kaum begreifen kannst und nie gänzlich begreifen wirst.

Es ist furchtbar in sie hineingestoßen zu werden, keine Wahl zu haben. Außerhalb von allem dir bekannten, ist alles zu gigantisch, zu grell, zu laut. Es ist dir zu viel, alles viel zu viel und das schlimmste: Du verstehst es nicht. Da sind diese Riesen um dich herum, die dich hin und herreichen, die dich einwickeln, die dich schaukeln, die besorgte Fragen austauschen, dich genauer betrachten, an dir herumtasten. Du hast keinerlei Verständnis dafür und erst recht keine Worte. Alles ist neu, alles ist zu viel.

Das Gerede schwillt an, es wird erregter, leichte Hysterie bricht aus, die das Potenzial in sich trägt, zu einer ausgewachsenen Panik anzuwachsen. Es stört dich, ist dir unangenehm, so wie alles in dieser neuen, grausigen Weite. Das Bedürfnis diese Empfindungen kundzutun, macht sich in dir breit, doch statt zu plärren und zu quäken und zu schreien, entspringt deiner schmalen Brust kein Ton. Das dies den Grund für die allgemeine Sorge darstellt, ist dir nicht klar und es kümmert dich auch nicht. Du willst nur in Ruhe gelassen werden.

Die Kälte wird immer unerträglicher, du möchtest zurück in die Wärme oder weiter, zu einer anderen, angenehmeren Ebene, möchtest diesen ärgerlichen Zwischenstopp hinter dir lassen.

Ein weiterer Riese gerät in den Sichtfeld. Er überragt die anderen ein Stück weit, ist komplett in Schwarz gekleidet und trägt einen bodenlangen Stab mit sich, an dessen oberen Ende sich eine gekrümmte, dünne Metallplatte befindet. Der Griff wird von einer fleischlosen Hand umschlossen.

Wenn auch sonst nicht viel, so verstehst du doch dies: Das Wesen, dass da vor dir steht, ist die Quelle der Kälte, die dich quält. Doch so beißend sie auch sein mag, so sehr verspricht sie eine Form von Geborgenheit, von Ruhe und Frieden.

Die schwarze Gestalt hebt seine freie Hand, streckt die knochigen Finger nach dir aus. Du bist bereit, so bereit du in deinem noch sehr jungen Alter eben sein kannst.

Dann geschieht etwas unerwartetes. Die Knochenhand erstarrt mitten in der Bewegung. Ein weiteres, fremdartiges Wesen tritt an seine Seite. Wie das erste, scheinen die umstehenden Riesen, es in ihrer Geschäftigkeit nicht zu bemerken. Der Neuankömmling trägt einen grauen Mantel, dessen Kapuze ihm tief ins Gesicht hängt. Er betrachtet den anderen und schüttelt kaum merklich den Kopf, was dazu führt, dass der erste Besucher wortlos von dannen zieht.

Der Graue wendet sich dir zu. Er ist das genaue Gegenteil des Gerippes, strahlt förmlich vor Energie und Kraft. Als nunmehr er seine Finger näher an dich heranbringt, spürst du ein elektrisierendes Kribbeln. Er berührt dich noch nicht einmal, da erfüllt eine Welle seiner Macht dich schon so sehr, dass sie dich dazu zwingt deine Lungen um einen kräftigen, gesunden Schrei zu bemühen.

Augenblicklich macht sich Erleichterung um dich breit und du wirst endlich zurück zu dem Quell der Wärme geführt. Wenn sie dich auch nicht länger vollkommen umschließen kann, so begrüßt du sie doch und gewöhnst dich sogleich an sie. Die Vertrautheit macht das Ungemütliche der kalten, grausamen Welt, in die du geworfen wurdest, ein wenig, nein, ein ganzes Stück weit erträglicher.

Dein Weg wird steinig und bestückt mit Herausforderungen, manche härter als du glaubst, sie ertragen zu können. Wenigstens bekommst du die Chance, dich ihnen zu stellen und sie zu meistern oder an ihnen zu zerbrechen, eine Gelegenheit, die du einzig der Gnade höherer Wesen zu verdanken hast.

Doch alles hat seinen Preis und kein Preis ist höher als der, der für ein gerettetes Leben zu zahlen ist.

Du liegst in deinem Bett, wartest auf das Unausweichliche. Eigentlich ist deine Zeit noch nicht gekommen, doch als die Temperatur in deinem Zimmer um ein paar Grad fällt und der Schnitter sich plötzlich vor dir aufbaut, bist du nicht traurig darüber.

Dein Leben hat lange genug angedauert, du hast dich sämtlichen Herausforderungen gestellt, hast steinige Wege gemeistert, bist die höchsten Gipfel hinaufgestiegen und sie genauso oft hinabgestürzt. Du hast jubiliert und getrauert, hast gefeiert und bereut, hast Glück und Leid in gleichem Maße erlebt.

Du bist bereit und teilst dies dem Gevatter allein durch deinen Blick mit. Er streckt seine knochige Hand nach dir aus, du nimmst das Angebot bereitwillig an und entschwindest.

Null

Du bist zu Hause oder zumindest an einem Ort, der sich so schimpft. Es ist ein unbeständiger Raum, irgendwo zwischen allem Existierenden gelegen, dessen Zutritt allein dir gebührt und der nach deinem Willen geformt wird.

Just in diesem Moment, besteht er nicht vielmehr als aus kahlen, dunklen Wänden, welche von spärlichem Licht bestrahlt werden. Ein einzelner Spiegel ziert einen der Wände, er ist direkt vor dir platziert, so dass du deine magere, knochige Gestalt in ihrer vollen Größe betrachten kannst. Die Hände eines Gerippes werfen die tief sitzende Kapuze zurück, wodurch ein kahler, hautloser, grinsender Schädel zum Vorschein kommt. Obwohl die Augenhöhlen leer sind, ruht ein Funkeln darin, welches von deinem grimmigen Leben zeugt.

Minutenlang betrachtest du dich selbst, regungslos, ohne Rückschlüsse auf deine Gedanken- oder Gefühlswelt zuzulassen, schlicht, weil da nichts dergleichen ist, nicht in dieser Form deines Seins zumindest.

Für eine Sekunde drehst du den Kopf zur Seite, wendest den Blick von der Personifizierung des Todes ab. Als du wieder hinschaust, ist nichts mehr von dem knochigen Gerüst übrig, stattdessen schaut dich eine junge Frau an. Sie ist schmächtig, etwas kleiner als der Gevatter, jedoch ähnlich blass. Auch ist die Mimik der Frau ähnlich ausdrucksstark wie die des Todes, nämlich überhaupt nicht. Aus gleichgültigen Augen betrachtest du dich und die Veränderung, die das Leben als Manifestation des Übergangs mit sich bringt. Schließlich sackst du leicht zusammen, es war ein anstrengender Tag, was dir als Entschuldigung nicht genügt. Du musst stets wachsam sein, kannst dir keinerlei Schwäche erlauben.

Und dennoch, die vielen Tode stecken dir noch immer tief in den Knochen. Du hast sie gespürt, jeden einzelnen von ihnen, wie sie natürlich und unnatürlich dahingerafft wurden. Krankheit, Verfall, Feuer, Beton, Stahl, Stress, Gram, Hass und viele weitere Aspekte haben ihren Tribut gezollt und dich viele, viele Male den Schmerz des Ablebens durchmachen lassen.

Wie Prometheus, der von den Göttern für sein Vergehen gestraft wurde, stirbst du jeden Tag. Doch im Gegensatz zu ihm, der ihm in routinierter Regelmäßigkeit die sich stetig regenerierende Leber von einem Adler herausgerissen und verschlungen wird, stirbst du täglich statt nur einem, tausende und abertausende Tode. Dennoch würdest du nie davon abweichen, denn im Gegensatz zu den Sterblichen, die du mit dir nimmst, würde dein Tod nicht die Ewigkeit im Nachleben sondern das Vergessen bedeuten. Statt irgendwann in den Kreislauf deines Bruders Äther – der alles umgebenden Energie, aus der jeder Aspekt des Kosmos entspringt – zurückzukehren, würde deine Existenz einfach aus den Geschichtsbüchern getilgt werden, auf das jemand anderes deinen Platz einnimmt.

Sie sind dort draußen, die Unwissenden, die sich eine glorreiche Zukunft und das ewige Leben von deinem Posten versprechen. So hast du auch einst gedacht, den Tot herausgefordert und ihn in einem fairen Kampf niedergestreckt. Heute weißt du es besser, heute bist du dir deines Fehlers bewusst, doch zum Bereuen ist es nun zu spät. Du kannst nur weiter machen, kannst die Toten geleiten, ihre unsterblichen Seelen von ihren zerbrechlichen Hüllen trennen und dabei wieder und wieder und immer wieder ihr Sterben am eigenen Leib erfahren.

Allerdings, es ist immer noch besser als dem Nichts anheimzufallen, nicht wahr? Du verziehst schmerzerfüllt die Miene, da hatte jemand einen besonders elenden Abgang. Sie gehen auch dann hinüber, wenn du nicht bei ihnen bist, allein deine Existenz genügt, um deinen Einfluss in allen Sphären der Lebenden wirken zu lassen. Da es jedoch gelegentlich solche gibt, die sich mit aller Gewalt an ihr Sein klammern, bist du gezwungen zumindest einen Teil von ihnen persönlich in Empfang zu nehmen.

Ein ferner Ruf, den allein du vernehmen kannst, vermittelt dir, dass ein erneutes Massensterben ansteht. Ein derartiges Ereignis erfordert zumeist deine Anwesenheit, weswegen du erneut deine Haut abwirfst, das Fleisch von deinen Knochen rutschen lässt und die Form eines Gerippes annimmst, welches lediglich von ihrer schwarzen Kluft ummantelt wird.

Du ziehst aus, die Sterbenden auf ihren vorbestimmten Weg zu führen. In ihren letzten Minuten und Stunden gesellst du dich zu ihnen, verweilst nicht nur an ihrer Seite, sondern wirst ein Teil von ihnen, wodurch ihre Seele sich an dich haftet und du die Fähigkeit erlangst, sie von ihren sterblichen Gefäßen zu reißen.

Du bist der Tot.

Du bist der Fußgänger, der dem roten Ampellicht ignorant gegenübersteht, die letzten Worte, die du vernimmst, sind die eines kleinen Jungen, der dich, wie von der Mutter gelernt, ein Arschloch schimpft.

Du bist ein Ruheliebender, suchst verfallene, verwaiste Gebäude auf, um deren Stille mit deiner Stimme zu füllen. Ein unbedachter Schritt bringt dich in eine ausweglose Situation. Eines deiner Beine ist zertrümmert, der Mangel an Nahrung und Wasser bringt dich langsam um.

Du bist frühzeitig unter die Erde gebracht worden. Das enge Gefängnis raubt dir sprichwörtlich den Atem und schließlich dein Leben.

Du bist diese und hunderte, tausende, millionenfache weitere Personen. Tag ein Tag aus sterben sie wie die Fliegen und genauso viele werden neugeboren. Ein ewiger Kreislauf, der ohne dich kollabieren würde. In ferner Zukunft wirst du ersetzt werden. Ein würdiger Herausforderer wird siegreich aus dem Gefecht mit dir hervorgehen, wird deine Zermürbung der Jahrhunderte andauernden Schmerzen ausnutzen, dich in einem Moment der Schwäche erwischen und in die Vergessenheit verbannen.

Bis dahin jedoch, wirst du fortfahren, wirst die Lebenden mit dir nehmen, ohne einen Unterschied zu machen oder über sie zu richten. Sie alle erfahren die gleiche, faire und wertfreie Behandlung durch dich. Sie alle sterben.

Eines fernen oder nahen Tages wirst auch Du, nunmehr mit der Gewissheit, dass Sie bei dir sein und deinen Schmerz mit dir teilen wird, dahinscheiden.

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