
Schuldbekenntnis Wolkentief – Zweiter Akt
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
ZWEITER AKT
ERSTE SZENE
Kerkerzelle der drei Gefangenen.Sie sitzen im Halbkreis, dem Publikum zugewandt, und diskutieren lebhaft.
—
Johann, August und Wilhelm
JOHANN:
(zu Wilhelm) Also glaubt Ihr wirklich, ich sei ein Soldat? Ich solle jemand sein, der mit Säbel und Gewehr in blutdurchtränkte Kriege stürmt? Alles daran wirkt mir so fremd und nicht zu mir gehörig
WILHELM:
Doch doch, eindeutig! Blickt doch nur auf eure Kleidung, so marineblau und golddurchdrungen … die weiße Hose, mit glänzenden Stiefeln … zwar zerschlissen und abgenutzt, doch trotzdem prachtvoll, selbst im Zwielicht dieser Zelle! Zwar seid ihr unbewaffnet und tragt keinerlei Insignien, doch zweifelsohne seid ihr ein Soldat!
JOHANN:
(blickt auf seine Kleidung) Nun, Ihr sagt das so einfach, allein über mein Exterieur urteilend, ohne zu wissen, ohne auch nur einen Anschein davon zu haben, was für ein Mensch sich unter schweren Schichten des Vergessens in meinem Kopf verbirgt. Es könnte ein verwegener Soldat sein, einer mit Ehre und Pflichtbewusstsein, treu bis in den Tod und fern darüber hinaus. Oder aber auch einer mit faulem Gemüte, ein nichtsnutziger Trinker, der bald an jedem Tage vom Feldwebel gescholten wird. Womöglich bin ich einer der beiden. Vielleicht bin ich keiner der beiden und schnitt nur einem von ihnen die Kehle durch und nahm dessen Kleidung. Vielleicht bin ich ja gerade deswegen hier. Mörder verrotten schließlich meistens in tiefer Dunkelheit.
AUGUST:
(tonlos) Nun, ein treuer und rechtschaffender Soldat würde keine Verbrechen begehen. Und wer keine Verbrechen begeht, der erwacht nicht einfach eines Tages zwischen Schimmel und Gitterstäben. Ihr hingegen seid es Johann. In euren düsteren Worten könnte durchaus Wahrheit liegen. Grundlos dürftet Ihr hier nicht gefangen sein.
WILHELM:
Ihr doch ebensowenig. Unser aller Vergangenheit scheint nicht gerade von Gottesfurcht und Gutbürgerlichkeit geprägt zu sein, schließlich teilen wir allesamt das gleiche Los. Womöglich sind wir alle Mörder, Ihr eingeschlossen.
AUGUST:
(spöttisch) Alle drei also … somit auch Ihr? Ein wahrlich weltfremder Krüppel, der sich eines Mordes fähig glaubt … (erheitert durch seine eigene Spöttelei)
WILHELM:
(zischend) An eurer Stelle würde ich mich mit den Spötteleien hüten. Meine Arme sind recht kräftig, und dürften keinerlei Schwierigkeiten damit haben, euer letztes Abendmahl aus eurem Wanst emporzuprügeln. Davor rettet euch auch nicht euer schwarzes Kleiderlein.
AUGUST:
(wendet sich beschämt und empört zugleich von Wilhelm ab)
JOHANN:
Euer Stolz ist bewundernswert Wilhelm, doch auch töricht. Uns gemeinsam blutig zu prügeln hat nur den selben Sinn, wie ihn eine Rosine im Gewehrlauf hat; nämlich gar keinen. Ich weiß zwar nicht, welche Hindernisse wir noch werden überwinden müssen … Folter, Einsamkeit oder auch einfach das Verhungern … doch ich denke, wir sollten-
WILHELM:
Heda, still! Es kommt jemand! Ich höre Schritte!
AUGUST:
Was, tatsächlich? Oh ja, jetzt höre ich sie auch. Und murmelnde Stimmen aus der Ferne …
JOHANN:
Sie kommen immer näher! Die Stimmen werden lauter, ich hör ihre Stiefel knartschen!
ZWEITE SZENE
Friedrich, Agrippa, Johann, August und Wilhelm
FRIEDRICH:
(öffnet die Tür und tritt vorsichtig in die Zelle ein, schaut sich fragend um und betrachtet die Gefangenen; ein kurzer Moment der Stille, beide Parteien sind gleichermaßen ungewiss)
(irritiert) Verzeiht, meine Herren … doch mir ist noch unklar … wie ich mich mit euch zu verfahren habe und was genau von mir verlangt wird … ich werde –
AGRIPPA:
Aus dem Weg ihr Madendreck! (stößt Friedrich zur Seite und zu Boden) Ihr tätet gut daran, eure höfische Etikette abzulegen und mit diesem Abschaum nicht wie mit dem Baron zu reden! (schreitet imposant auf die drei Gefangenen zu)
JOHANN, AUGUST, WILHELM:
(weichen vor dem aufbrausenden Agrippa zurück)
AGRIPPA:
(spöttisch) Einen guten Abend meine Herren Gefangenen! Ich hoffe doch sehr, ihr habt in der Dunkelheit dieser Kavernen bereits einen Freund gefunden … so schnell wird sie euch nämlich nicht wieder verlassen! (sinistres Gelächter)
JOHANN:
Wer seid ihr, und was ist das hier für ein Ort? Und was habt ihr mit unseren ausgeleerten Seelen vor? Wir wissen weder von unserer Vergangenheit, noch können wir uns in die Zukunft denken … wir sind nichts als ungewiss, Stunde um Stunde in dieser feuchtkalten Finsternis, und warten auf nichts sehnsüchtiger als die Erkenntnis, das Wissen um unsere momentane Lage.
AGRIPPA:
(freudig) Tatsächlich? Wie wunderbar … mein Braurezept hat funktioniert, und meine Studien werden auf eine höhere Stufe emporgehoben. Sagt mir, Morituri, ist euer gesamter Verstand geleert? Wie ein Fluss ohne Wasser und ein Berg ohne Höhe? Ist nichts geblieben außer den standkräftigsten Erinnerungen an das Laufen, das Sprechen und das Klagen?
JOHANN:
Ich erinnere mich an gar nichts, außer einigen sinnlosen Fetzen. Wie der Bedeutung des Soldaten, oder dem Wesen Gottes im Himmel. Doch an nichts Anderes, nein. Wieso fragt ihr uns so silberzüngig? Habt etwa ihr unser grausames Schicksal zu verantworten? Seid Ihr etwa der Ertränker unser dreier Erinnerung?
AGRIPPA:
(belustigt) Womöglich. Vielleicht bin ich es, der euer Erinnerungsvermögen hinfortspülte wie ein Strom einen zerfallenden Ast … vielleicht bin ich aber auch nur der bescheidene Kerkermeister, und der Urspung eurer Amnesie steht direkt neben mir. (packt Friedrich am Kragen und schleudert ihn vor die Gefangenen)
FRIEDRICH:
O ihr Elendes … so glaubt ihm kein Wort, ich habe nichts mit eurer verschollenen Erinnerung zu schaffen. Ich bin nur ein einfacher Diener des Barons von Wolkentief, der in die Kavernen hinabgerufen wurde, um dem selbstberauschten Kerkermeister Einhalt zu gebieten, während er euch Gefangenen durch die letzten Stufen eures Lebens führen soll …
AGRIPPA:
Also bisher seid Ihr darin aber bedeutend gescheitert werter Friedrich. Mir Einhalt gebieten, pfah, das hier ist mein Reich, mein alleiniges Herrschaftsgebiet, und niemand außer mir gebietet hier darüber, wie ich mit Gefangenen zu verfahren habe. Insbesondere kein in edle Gewandung gezwängter Popanz aus den obersten Etagen.
FRIEDRICH:
(grimmig) Wir werden sehen, Agrippa … wir werden sehen …
AGRIPPA:
(sich von Friedrich abwendend) Nun allerdings zu euch dreien besonderen Gefangenen. Ihr seid eingesperrt in den unterirdischen Kavernen, weit unterhalb des großen Schlosses unseres Herren Baron Randolf von Wolkentief. Über uns liegt der Kerker für das reguläre Diebes- und Räubergesindel, unter uns liegt eure Zukunft. Und bei uns liegt die letzte Rast für die schlimmsten Delinquenten des Herrschaftsbereiches der Feste Wolkentief. Und, o wunder, ihr seid ein Teil von letzteren. Und auch, wenn ihr euch nicht mehr entsinnen könnt, habt ihr allesamt finstere und grausame Dinge vollbracht, die nur durch in Agonie vergossenes Blut vergolten werden können … (zückt einen blutverkrusteten Dolch und spielt etwas damit herum)
JOHANN, AUGUST, WILHELM:
(weichen erneut vor Agrippa zurück)
AUGUST:
Also ist es wirklich eine Strafe für unser vergangenes Handeln … der Vorhof des Fegefeuers … göttliche Marter für unsere irdischen Verbrechen …
AGRIPPA:
(erheitert) Wenn Ihr so wollt, könnte man es durchaus als Solches beschreiben. Marter, Strafe und Verzweiflung sind die unheilige Dreifaltigkeit dieser altehrwürdigen Todeskavernen, und jeder ihrer Gäste fährt nach einem kurzen Aufenthalt direkt in die Hölle hinab. Doch genug davon. Wir wollen die Behandlung mit dem Knochenlosen beginnen … sein Name dürfte Wilhelm Entze sein.
WILHELM:
(robbt zu Agrippa und Friedrich) Das ist dann wohl meine Wenigkeit … außer meinem Vornamen und meiner Beeinträchtigung ist mir nichts im Gedächtnis verblieben.
AGRIPPA:
Gut. Ihr seid des mehrfachen Mordes an einer wohlhabenden Familie und der schweren Verletzung Dutzender angeklagt. Ich befinde Euch hier und jetzt für schuldig, und habe das Strafmaß bereits festgelegt. Es wird auf dem Fuße vollstreckt, in den unteren Höhlen der Kavernen. Folgt uns.
WILHELM:
(verwirrt und panisch) Ich soll ein Mörder sein, ein tatsächlicher Mörder? Nein, das kann nicht stimmen, niemals wäre ich dazu fähig. Es muss sich um einen großen Irrtum handeln, so schaut mich doch an. Mit zwei kraft- und knochenlosen Beinen kann doch niemand soviele Menschen auf die Fähre schicken, ich glaube es einfach nicht! Wo ist mein Prozess … hatte ich überhaupt einen? Wer hat mich verurteilt, und wurde ich es überhaupt? Lasst mich in Frieden! (weicht vor Agrippa zurück)
AGRIPPA:
(süffisant) Nun, das ist bemerkenswert. Wie klein und lamoryant ein so brutaler Mensch doch sein kann, wenn ihm das Gespenst der Ungewissheit durch die Seele tänzelt … wie erwartungsvoll so ein Mensch ohne Erinnerungsvermögen doch an meinen Vergebungswillen ist, wenn er sich keiner Schuld bewusst ist … doch schützt es vor der Strafe nicht! Kommt, ihr elender Abschaum, und tragt eure Bestrafung wie ein Mann!
WILHELM:
(in Panik) Nein nein, das glaube ich nicht … ihr lügt mich an, ich kann es spüren … doch auch nicht bestätigen … ich weiß nicht was ich getan habe, und weiß auch nicht, was ich verdient habe, doch dies hier ist es bestimmt nicht! (versucht zu fliehen)
AGRIPPA:
(tritt Wilhelm gegen den Kopf und schaltet ihn für einen kurzen Moment aus) Wie es scheint möchte der uneinsichtige Schmutz eine Sonderbehandlung … wie gut, dass ich für Reuelose immer das passende Werkzeug zur Hand habe (gibt Friedrich einen harten Stab aus Metall) Prügelt ihn, bis er mit uns kommt oder das Bewusstsein verliert!
FRIEDRICH:
(irritiert) Was … ich soll …
AGRIPPA:
Ja los, so schlagt doch zu! Ihr seid nicht allein zum Observieren hier!
FRIEDRICH:
(hin- und hergerissen den Stab in seiner Hand wiegend) Ich weiß nicht, ob ich das kann … oder ob es richtig ist …
AGRIPPA:
(zornig) Entweder ihr schlagt jetzt zu, oder ich werde Euch in Stücke prügeln, bis ihr vor Schmerzen sogar Kinder fressen würdet, wenn ich es befähle! Schlagt zu ihr elender Wurm!
FRIEDRICH:
(schaut abwechselnd und ungewiss auf den Stab, Wilhelm und Agrippa, bis ihn doch schließlich die Angst überwindet und er auf den sich gerade aufrichtenden Wilhelm einprügelt, bis dieser matt atmend liegen bleibt)
JOHANN, AUGUST:
(betrachten mit Schrecken den geschundenen Wilhelm und weichen noch weiter vor Agrippa und Friedrich zurück)
AGRIPPA:
(entnervt) Na endlich … nun los, schnappt euch seine Hände und zieht ihn hinter euch her. Wir haben für ihn ein ganz besonderes Ziel (dunkles Lachen) das wird ein böses Erwachen geben. So los doch Friedrich, bewegt Euch!
FRIEDRICH:
(lässt, im Schrecken über sich selbst, die Eisenstange fallen, und starrt den blutigen Wilhelm auf dem Boden an)
AGRIPPA:
Heda, hört ihr überhaupt zu? (gibt Friedrich eine Ohrfeige)
FRIEDRICH:
(noch immer geschockt) Ja … ja, natürlich (gibt Agrippa die Eisenstange zurück und zieht Wilhelm von der Bühne)
AGRIPPA:
(zu Johann und August) Nun bleibt wohl nichts weiter zu tun als einen Guten Tag zu wünschen. Wenn wir mit dem werten Wilhelm fertig sind, werden wir mit einem von euch beiden weitermachen … ich wäre euch sehr verbunden, kooperativer zu sein als der närrische Wilhelm hier. Was ansonsten passiert, könnt ihr euch ja nunmehro in den buntesten Farben ausmalen und wie ein Märchendichter darüber fabulieren … viel Vergnügen in der Dunkelheit! (lacht sadistisch und verlässt die Kerkerzelle, die Tür krachend hinter sich schließend)
DRITTE SZENE
Johann und August
JOHANN, AUGUST;
(verharren für einen Moment an ihrer Position, sind geschockt, werfen sich gegenseitig irritierte Blicke zu und versuchen gerade zu verstehen, was gerade vor ihren Augen geschehen ist. Atmen schnell, rasende Blicke, sie sinken auf den Boden herab)
JOHANN:
(geschockt und schnell atmend) Was nun … was nun war denn das?
AUGUST:
(überwältigt) Ich … weiß es nicht. Augenscheinlich handelt es sich bei Wilhelm tatsächlich um einen Mörder, und der einzige Sinn unseres Aufenthalts scheint das Leiden zu sein, jeder nacheinander. Zuerst Wilhelm, dann einer von uns beiden und zum Schluss der Letzte, der noch übrigbleibt. Es ist wohl wahrlich wie der grässliche Mann sagte, und wie ich es mir schon dachte: Dies hier ist die letzte Rast vor dem Abstieg in die Hölle, und der Herr hat uns verlassen …
JOHANN:
Doch seit wann nennt sich der Teufel Baron von Wolkentief und schickt einen so … merkwürdigen Mann wie den Diener in diese Höhlen hinab, wenn doch dieser gräuliche Kerkermeister schon vollkommen ausreicht, um uns im Geiste wie im Körper zu martern? Seit wann sind sich die Diener des Teufels uneinig, und seit wann zögern sie? Verzeiht mir, doch eurem Spintisieren über Himmelreich und Höllentief kann ich nicht zustimmen … es muss jemand Irdisches sein, ein weltlicher Herrscher, der uns hier unten gefangen hält …
AUGUST:
Ihr klammert euch viel zu sehr an die Welt, und könnt noch nicht verstehen, dass wir bereits vollkommen verloren sind, weil wir in die grausamen Fänge des Teufels geraten sind. Wilhelm war ein Mörder, und nun muss er den Preis dafür bezahlen. Und so erfüllt sich unser aller schrecklichste Vorahnung: Wir alle sind Verbrecher, grausame Sünder, Feinde Gottes, und erwarten hier in Pein der Ungewissheit unsere Bestrafung …
JOHANN:
Glaubt was Ihr wollt, aber eure Teufelsmalerei lehne ich ab. Trotz allem jedoch habt ihr mit dem Ausspruch recht, dass wir wohl wirklich allesamt Verbrecher sind. Sie sagten, Wilhelm habe eine ganze Familie ermordet und dutzende von Menschen schwer verwundet, und das habe er sogar trotz seiner gelähmten Beine fertiggebracht … ich vermag es gar nicht, mir auszumalen, aus welchem Grunde Ihr und Ich hier sind. Wieviel Blut klebt wohl an unseren Händen, oder wie viele Schicksale endeten abrupt durch das Schwingen unserer Fäuste … und am wichtigsten: Wie hoch wohl wird das Strafmaß sein, wie schmerzhaft die Marter, mit dem wir unsere Untaten sühnen sollen?
AUGUST:
Mein werter Johann … ich glaube diese Antwort kann uns einzig und allein die Zeit geben. Was passiert, nachdem wir von den beiden Teufelsdienern abgeholt werden, liegt noch in der ungewissen Zukunft. Und ich glaube kaum, dass wir Wilhelm jemals wieder in einem Stücke sehen werden. Der Schlund wird ihn gerade jetzt mit Haut und Haar verschlingen … so wie es auch zu späterer Stunde unser Schicksal sein wird. (wendet resigniert den Blick ab und scheint sich in Gedanken zu verlieren).
JOHANN:
(geht zur Zellentür und sucht die Tür nach Öffnungsmöglichkeiten ab) Nichts mehr zu sehen, und ihre Fackel haben sie mit sich genommen. Keine Spur vom Wohin, und nicht einmal ein Hauch vom Warum. Wie lange sie Wilhelm wohl malträtieren müssen, bis er einknickt? Wie lange werden sie wohl kräftig quälen, bis es ihnen zur Genüge scheint? Wie lange werde ich wohl warten müssen? Stunden? Tage? Monate, Jahre sogar? Ist das Warten vielleicht Teil der Marter?O weh uns allen … so Gott will, möge er uns helfen. Und sollte selbst Gott uns verlassen haben, so bleibt nur noch auf die Gnade des Meisters zu hoffen …
AUGUST:
(aus der Ecke) Gott hat uns bereits verlassen, Ihr müsst es euch nicht schönreden. Und auf die Gnade des Meisters zu hoffen wäre der naiven Hoffnung gleich, dem Tode zu entkommen. Gnade und Mitgefühl sind Eigenschaften des Herrn, unseres Gottes … nicht aber seines finsteren Gegenspielers, dem stetig hungernden und nach Seelen lechzenden Mephistopheles … wir sind Letzterem ausgeliefert, und können dabei nur auf Letzteres vertrauen … nämlich auf unseren baldigen schmerzhaften Hinabstieg in die Hölle.
JOHANN:
Wisst Ihr, je öfter Ihr von der Hölle und unserer Verdammtheit sprecht, umso mehr werde ich dazu verführt, auch daran zu glauben; schließlich ist es eine einfache Erklärung für unsere Situation, und ihr scheint euch mit der in Stein gemeißelten Folter auch bereits bestens arrangiert zu haben. Doch es widerstrebt mir zutiefst, mich mit solch rabenschwarzen Aussichten zufriedenzugeben, mein Geist wehrt sich mit allen Mitteln dagegen. Und solange er das tut, bin ich mir gewiss, noch am Leben zu sein. Vielleicht solltet Ihr das auch einmal versuchen … dann können wir vielleicht gemeinsam daran arbeiten, diesem Gefängnis zu entfliehen, solange wir noch die Zeit dafür haben!
AUGUST:
Eine vergeudete Liebesmüh. Ihr solltet eure Kräfte für die Folterknechte sparen, und Euch nicht für eine Unmöglichkeit verausgaben.
JOHANN:
Ach seid doch still ihr lebensmüder Pfaffe. Ich habe kein großes Interesse daran, hier zwischen Blut und Stein zerrieben und gequält zu werden, und das noch für Taten, an die ich keinerlei Erinnerung habe. Ich hege nicht den Wunsch, in einer nassen Höhle das Zeitliche zu segnen … aber für Euch ist es ja scheinbar die Erfüllung eures Schicksals. Nur zu, viel Spaß beim Totentanz, ich versuche weiterhin mein Glück bei der Flucht!
AUGUST:
Und genau da liegt der große Unterschied zwischen eurer Verblendung und meiner Klarsicht: Ihr seid so sehr davon überzeugt, dem Vorhof der Hölle entkommen zu können, dass Ihr euch einredet, noch am Leben zu sein, obwohl Ihr es nicht seid. Wie ein Hund, der unbedingt einmal König werden will. Ich hingegen habe es verstanden und hingenommen; Ihr seid ebenso tot wie ich es bin; Ihr müsst es bloß noch anerkennen, um es auch wirklich verstehen zu können.
JOHANN:
Nun schweigt endlich, Todessüchtiger, und haltet eure Zunge im Zaum. Ich muss mich konzentrieren, und brauche dabei keine religiösen Phantasmen von einem gedächtnislosen alten Sermonisten! (wendet sich ab und werkelt an der Tür herum)
AUGUST:
Gut gut, so will ich schweigen … früher oder später werdet Ihr es ohnehin verstehen müssen. (legt sich auf sein Bett und dreht sich auf die Seite)
VIERTE SZENE
Karger Korridor. Hintergrund aus grob behauenem Stein..
—
Friedrich, Agrippa und bewusstloser Wilhelm
AGRIPPA:
(gehend) Friedrich, Ihr seid zu zögerlich. In den Momenten eures Zögerns hätte uns der Gefangene attackieren oder entfliehen können … und ja, wenn von Angst und Verzweiflung berauscht vermögen es selbst die Knochenlosen , schneller zu rasen als die prächtigsten Warmblüter seiner Majestät . Unterschätzt niemals die Kräfte eines in die Ecke getriebenen Tieres … insbesondere nicht ihren itzo alleinig instinktiven Willen. Durch ihren Kopf dröhnt nichts als ein Fluchtverlangen, und ihr Körper wird mit aller Kraft dafür kämpfen. In solchen Momenten kann man, mit gespitztem Ohr, das Herz der Gefangenen lautstark schlagen hören … ein monotones Trommelspiel, doch voller Kraft und Willensstärke … meist ist es allerdings nichts als vergebliches Aufbäumen! (lacht spöttisch)
FRIEDRICH:
(den bewusstlosen Wilhelm hinter sich herziehend) Die Philosophie eines leidenssüchtigen Kerkermeisters … welchen Sinn hat diese Grausamkeit, diese Grässlichkeit?
AGRIPPA:
Gefangene ihren Taten gerecht zu behandeln ist nunmal nicht das Malen eines königlichen Portaits, ist kein gesittetes Treffen zu Tee und Süßigkeit, kein großmütterliches Deckchenstricken … es ist allein die gebündelte Widerspiegelung ihrer Taten auf ihren eigenen gebrechlichen Körper, es ist stellvertretende Vergeltung für die Opfer.
FRIEDRICH:
Ist nicht der Tod allein Bestrafung genug für diese Menschen? Ist nicht eine ausgeblasene Lebenskerze das schlimmste Schicksal, welches einem Menschen widerfahren kann? Warum habt ihr diese drei Männer nicht sofort an Ort und Stelle hingerichtet? Es hätte so viel von dem erspart, dessen ich bisher Zeuge war und noch weiterhin sein werde …
AGRIPPA:
(mürrisch, bleibt stehen) Ihr seid ein Weichling Friedrich. Eine Hinrichtung ist kaum eine Bestrafung, mehr ist sie eine direkte Erlösung. Ein gezielter Klingenschlag, ein rollender Kopf, und jegliche Strafe ist vorüber. Weder Reue noch Vergeltung wird dadurch erzielt, den Tätern ihre Untaten nicht bewusst gemacht … dieser Mann hier, den Ihr gerade wie einen nassen Sack hinter Euch herschleift und so wehmütig bemitleidet, hat im vollsten Bewusstsein am hellichten Tage zwei liebende Eltern sowie den Bruder der Mutter brutal abgeschlachtet, und die zahlreichen Kinder allesamt grotesk verstümmelt, teils bis hin zur Unkenntlichkeit. Kinder, Friedrich, Kinder! Und das nur, weil er es verabscheute, im Dienste ebendieser Familie zu stehen. Sie gaben ihm die Möglichkeit zur Arbeit, zum Broterwerb, trotz seiner massiven Einschränkungen, und so dankte er seinen Gönnern … mit zerschlissenen Hälsen, zerborstenen Schädeln und malträtierten Kindern … wollt ihr wahrlich so einen Mann verteidigen und ihm die gerechte Strafe für seine Verbrechen verwehren. Falls ja, seid Ihr noch dümmer, als ich es je hätte erträumen können …
FRIEDRICH:
(bleibt ebenfall stehen, überrascht, und einsichtig) Ein Familienmörder und Kinderschlitzer sagt Ihr? So hinterrücks und ungerechtfertigt auch noch dazu … nun gut, keine Strafe ist vergeltend genug für solch eine Schandtat; vielleicht hat er wirklich solch eine brutale Behandlung verdient.
AGRIPPA:
Wie wundervoll, dass Ihr mir folgen könnt und mich versteht. Und bei solchen Männern dürft Ihr niemals eine wichtige Regel vergessen: Für sie gibt es keinerlei Mitleid, sie haben jegliches Recht darauf willentlich von sich fortgestoßen. Hört nicht auf ihr Wehklagen, ihre rührenden Geschichten und Hirngespinste … dieser hier wollte es partout nicht wahrhaben, ein gräulicher Mörder zu sein, und versuchte uns einen Gedächtnisverlust vorzuspielen, pfah, es ist stets dieselbe alte Leier. Das Einzige, was für mich zählt, sind Taten. Und solcherlei Bluttaten können allein mit Blut vergolten werden … doch auf die langsamste, quälendste und marterndste Weise, die uns möglich ist. Und genau das werde ich durchführen. Wie aktiv Ihr dabei sein wollt, steht noch etwas in den Sternen.
FRIEDRICH:
Pardon, wie meinen? In den Sternen? Der Baron übertrug mir die Aufgabe, mit gemeinsam mit Euch diesen Gefangenen anzunehmen … und so langsam begreife ich auch, was er damit meinte. Immer noch erschließt sich mir nicht der Grund dafür, weshalb er gerade mich dafür erwählte, doch wer weiß … der Baron wird seine Gründe haben. (euphorisch) Ich werde diese Unmenschen gemeinsam mit Euch der gerechten Strafe zuführen, und meinerseitigen Schläge mit der Eisenstange werden ein Nichts im Gegensatz dazu sein, was ich in diesen dunklen Kavernen noch tun werde!
AGRIPPA:
Kühn, und genau richtig mein werter Friedrich Granthelm. Doch macht Euch keine Illusionen, Ihr werdet höchstens meine Befehle ausführen … schließlich bin ich hier der Mann vom Fach, und Ihr bisher nur ein euphorischer Knilch. Ihr werdet euren Spaß haben, keine Angst. Schließlich kann auch der Mann Freude an der Reitkunst finden, der keine Zügel in der Hand hält, richtig?
FRIEDRICH:
(beleidigt und grimmig) Ich denke, Ihr habt Recht. Fürs Erste werde ich mich Euch in Fragen der Folter Euch unterordnen.
AGRIPPA:
(selbstzufrieden) Gut! Warum denn nicht gleich so von Anfang an? Dann nehmt erneut die Hände dieser bewusstlosen Kreatur in die eurigen, und zieht ihn hinter mir her, damit wir flugs damit beginnen können, einen gerechten Ausgleich zu schaffen! (stolziert vorwärts und von der Bühne ab)
FRIEDRICH:
(zum Publikum und für sich allein) Oh warte nur, du eigensüchtiger Schinder du … dich werde ich bezeiten noch Mores lehren, bis dir die Überheblichkeit im Rachen stecken bleibt und du jämmerlich daran erstickst. Wahrlich, nicht lange werde ich der Knecht eines narzisstischen Folterknechtes sein … (murmelt fluchend vor sich hin und geht, mit Wilhelm im Schlepptau, von der Bühne ab)
FÜNFTE SZENE
Verwahrloste Kerkerzelle. Verrostete Ketten im Hintergrund, zerbrochene Stühle und ein entzweigebrochenes Bett links und rechts, Gitter an den Außenrändern (schräg dem Publikum zugewandt)
—
Friedrich, Agrippa und Wilhelm
FRIEDRICH + W, AGRIPPA:
(treten von der linken Seite auf die Bühne)
AGRIPPA:
So, nun könnt ihr ihn da liegen lassen. Sein Weg und eure Plackerei enden hier.
FRIEDRICH:
Na endlich! (wirft Wilhelms Hände von sich fort und lässt ihn auf dem Boden liegen) Und … was tun wir jetzt?
AGRIPPA:
Wir, mein Lieber? Weniger als Ihr vermutet. Wir werden zuerst diese elende Ausgeburt aus ihrem stumpfen Dornröschenschlaf befreien, und danach das Zepter an jemand Anderen übergeben. Holt den Eimer von dort, er dürfte voller Wasser sein. (zeigt auf einen Holzeimer an der Wand)
FRIEDRICH:
(spöttisch, im Gehen) Wir übertragen jemand Anderem die Aufgabe der Vergeltung? Wahrlich, so hätte ich bei all eurer Überheblichkeit niemals von Euch gedacht. Ich ging davon aus, Ihr führtet hier alle Bestrafungen durch mit eigener Faust? O wie falsch ich doch lag … kommen uns etwa gleich ein paar verbuckelte Folterknechte entgegen? (stellt den Eimer vor Agrippas Füße)
AGRIPPA:
(bedrohlich) Es sind kühne Worte, die Ihr sprecht. Sie muten so seltsam an, aus dem Mund eines weißgepuderten Gesichtes auf einem blauverhüllten Körper … ein Popanz, gefallen aus der höchsten Lage Wolkentiefens Etagere … der mich, blauäugig wie grünschnablig, für meine Methoden verspotten will? Überlegt euch gut, wie stark eure Faust und wie fest euer Geist … womöglich verleitet Ihr mich noch dazu, euch beide zu zerfetzen. Und bedenkt dabei stetig, wie weich eure schneeweiße Haut ist … (schlitzt Friedrich mit einem Messer die Wange auf)
FRIEDRICH:
(geschockt, sich die Wunde haltend) Ihr Elender … Ihr Elender …
AGRIPPA:
(gehässig) Vergesst nicht, wo euer Platz ist. Vor einigen Minuten hattet Ihr es euch darin doch schon so bequem gemacht … nun geht. Geht schonmal vor die Tür, das Spektakel beginnt in wenigen Augenblicken!
FRIEDRICH:
(torkelt verwundet aus der Zelle und geht somit von der Bühne ab)
AGRIPPA:
Eine Made ohnegleichen … (nimmt sich den Eimer und entleert den eiskalten Inhalt aus Wasser, Urin und Fäkalien über Wilhelm, der daraufhin erschrocken erwacht) Wacht auf Ihr Wurm!
WILHELM:
(benommen) Was … o nein … wo bin ich hier …
AGRIPPA:
(künstlich pathetisch) Am Schrein der Vergeltung, an der letzten und endgültigen Etappe eurer verwirkten Lebensreise. Ihr werdet schon bald verstehen, keine Angst. (finsteres Gelächter, begibt sich in Richtung Ausgang)
WILHELM:
(verzweifelt) Hey … so wartet doch … was soll das hier … so lasst mich doch gehen! Nichts weiß ich mehr, ich habe nichts getan! Ihr elendes Monster!
AGRIPPA:
(spöttisch) Klug ist, wer sich in Momenten des Schreiens im Schweigen übt. Leise überlebt Ihr womöglich etwas länger … sofern sie Euch nichts bereits schon entdeckt hat (lauthalsiges dunkles Gelächter, geht von der Bühne ab)
WILHELM:
Wer … wer hat mich gefunden? Wer ist noch hier? Was wollt Ihr denn nur von mir? He, Ihr dreckiger Hund, so antwortet mir! Antwortet mir! (verzweifeltes Schreien im Descrescendo)
SECHSTE SZENE
Wilhelm, Hedwig, Folteropfer
WILHELM:
(kauert schaudernd auf dem Boden, versucht sich zu verbergen)
HEDWIG:
(fiepsig singend, aus der Dunkelheit) Es zittert das Fleisch … es rasselt der Wind
Es malmet der Stein … es schallet der Schmerz …
WILHELM:
Wer … wer ist da? Zeigt Euch … ich kann Euch hören!
HEDWIG:
… es zischet die Peitsch‘ …. es klaget das Kind … es fließet das Blut und raset das Herz …
WILHELM:
(verängstigt, weicht zurück)
HEDWIG:
(humpelt langsam aus der Dunkehlheit und starrt Wilhelm mit brennenden Augen an; murmelnd vor sich hin)
WILHELM:
(weicht weiter zurück und hält seine Hände schützend vor sich)
HEDWIG:
(wird immer schneller, bis sie direkt vor Wilhelm steht und ihn ungläubig anstarrt) Und ich dachte ich hätte euer Gesicht vergessen …
WILHELM
(überrascht) Ihr … Ihr kennt mich?
HEDWIG:
(Gekünstelt schmeichelnd) Aber natürlich … wie könnte ich denn so jemanden vergessen? Einen so starken Mann, mit der Kraft eines Ochsen … soviel habe ich von Euch betrachten können … so vielem wohnte ich als stumme Zeugin bei … o wie viel doch meine Augen sahen und mein Herz verspürte …
WILHELM:
Tatsächlich? Woher kennt Ihr mich? Wisst Ihr mehr über mich? Und wer überhaupt seid Ihr? Warum seid Ihr hier?
HEDWIG:
Ich? Düstere Züge des Schicksal banden meine bescheidene Existenz vor einiger Zeit an diesen finsteren Ort … doch die hiesige Folterei, das zähe Tränenscheiden, haben meine Erinnerung und meinen Geist stark vertrübt. Versuche ich mich zu erinnern, ist es wie mit der Hand nach dem Nebel zu greifen … alles wirkt nah, doch liegt in Wirklichkeit in weiter Ferne … zu weit ist es schon hinfortgetrieben, als das es jemals wieder greifbar wäre … in meinem Kopf verbleiben nur noch vereinzelte Fetzen von Erinnerung … doch darüber nachzudenken, schmerzt. Ich kann Euch nur sagen, dass mein Name Hedwig lautet … der Rest ist nur ein trüber dunkler Teich.
WILHELM:
Nun denn, Hedwig, mein Name ist Wilhelm, und auch ich kann mich an kaum etwas erinnern. Scheinbar teilen alle Insassen dieses Kerkers das selbe Los.
HEDWIG:
Amnesie ist unter uns Gefangenen durchaus verbreitet … außer unserem Namen und der stetigen Folter wissen wir allesamt von nichts. (beginnt zu singen)
Es zittert das Fleisch, es rasselt der Wind
Es malmet der Stein, es schallet der Schmerz
Es zischet die Peitsch‘, es klaget das Kind
Es fließet das Blut und raset das Herz
HEDWIG, FOLTEROPFER:
/: Wir tragen die Ketten zu unserer Zier
Verloren die Lichter der einstigen Zeit
Gebunden an Folter, das quälende Leid
Denn alle gemartert werden wir hier
Denn alle gemartert werden wir hier :/
WILHELM:
(irritiert von den vielen anderen Stimmen und krabbelt unruhig durch die Zelle)
HEDWIG:
Es knirschet das Holz, es tropfet das Moos
Es wachet der Stab, es schreiet der Traum
Es wandelt die Angst, es schaudert der Schoß
Es rauschet das Ohr und beißet der Raum
HEDWIG, FOLTEROPFER:
/: Wir tragen die Ketten zu unserer Zier
Verloren die Lichter der einstigen Zeit
Gebunden an Folter, das quälende Leid
Denn alle gemartert werden wir hier
Denn alle gemartert werden wir hier :/
HEDWIG:
Es kriechet der Wurm, es triefet die Deck‘
Es naget die Furcht, es jammert die Not
Es klirret der Dolch, es miefet der Dreck
Es dröhnet der Kopf und singet der Tod
HEDWIG, FOLTEROPFER
/: Wir tragen die Ketten zu unserer Zier
Verloren die Lichter der einstigen Zeit
Gebunden an Folter, das quälende Leid
Denn alle gemartert werden wir hier
Denn alle gemartert werden wir hier :/
HEDWIG:
Wahrlich schlimm ist unser dunkles Schicksal. Das Unwissen über den Grund unserer Gefangeneschaft nagt schlimmer als jedes Ungetier … welch Schandtat solle denn ich verrichtet haben, als junges Mädel von ungefähren fünfzehn Jahren? Zählt es denn schon als Verbrechen, ein Zeuge von Blut und Grausamkeit zu sein? Bestraft das Gesetz etwa all jene, die hilflos die Ausweidung ihrer Geliebten betrachten müssen? Ist es etwa eine Schandtat, ein Opfer zu sein?
WILHELM:
(irritiert) Was meint Ihr? Erinnert ihr Euch doch an etwas?
HEDWIG:
Tatsächlich. Womöglich war ich nicht ganz ehrlich zu Euch. Aber das wart Ihr gegenüber mir ebensowenig. Denn Ihr seid euch vollkommen über die Gründe eures Aufenthaltes bewusst.
WILHELM:
(ängstlich) Nein, mitnichten! Ich weiß von gar nichts, mein Kopf ist leerer als eine zerschlagene Weinampore …
HEDWIG:
(bedrohlich) Ach, so hört doch mit euren Trügereien auf, Wilhelm. Ihr wisst, was Ihr getan habt … was Ihr mir angetan habt … und euer stetiges Leugnen hebt euer Strafmaß nur in ungeahnte Höhen hinauf.
WILHELM:
(verängstigt, verzweifelt) Nein, nein, dass kann nicht sein … dieser düstere Kerkermeister, der leidenssüchtige Teufel, hat Euch mit Lügen gefüttert … und mit mir versuchte er es ebenso, versuchte mich in die Reue zu treiben … doch ich weiß, ich spüre, dass ich nichts getan habe … wie denn sollte ich solcherlei Schandtaten mit zwei lahmen Beinen vollbringen?
HEDWIG:
Auch mir ist unklar, wie Ihr es vollbringen konntet … und auch ich traue Agrippa kein Wort. Dieser blutbefleckte Leidensknecht tut nichts, ohne Schmerzen zu verursachen. Seine Worte schneiden wie seine Klingen, und sein Geschrei brennt wie seine Eisen …
WILHELM:
(verzweifelt) Ja, ja genau! Zu seinem Amusement versucht uns dieses Monster in einen Kampf zu ziehen … glaubt nicht seinen Lügen, ebenso wie ich ihnen nicht glaube!
HEDWIG:
(finster, bedrohlich) Ihr seid ein verzweifelter Mann Wilhelm … ein sich im eigenen Dreck wälzender Wurm, um jeden Preis versuchend, seiner Bestrafung zu entgehen … Agrippa kann mir ruhig Lügen über Lügen durch die Seele jagen … doch um Euch zu verachten, bedarf es solcher nicht einmal. Eine der letzten Wahrheiten, die noch durch meinen Kopfe spukt, ist eure blutzerfressene Fratze über den Leichen meiner Eltern … ich glaubte, sie vergessen zu haben … doch eure kümmerliche Visage, wimmernd liegend zu meinen Füßen, sofort kam die brennende Erinnerung zurück. Und Ihr wisst doch sicherlich, wie es sich mit dem Feuer verhält: Löscht man es nicht, wird es alles zerstören. (hebt einen spitzen Stein vom Boden auf)
WILHELM:
(verzweifelt, hechtet in Richtung Tür) Nein, nein, Ihr versteht es nicht! Ihr müsst mir glauben, das hier ist doch alles nur ein sinistres Todesspielchen, zur Unterhaltung dieses verfluchten Kerkermeisters! Haltet ein, haltet ein, ich flehe Euch an!
HEDWIG:
(kehliges Gelächter) Einhalten? Ihr fleht? O, welch Wendung … als würde die Vergangenheit in die Zukunft gespiegelt werden. Nun stehe ich über Euch, mit der Macht über Blut und Vergeltung, und Ihr windet euch am Boden wie eine Made im Kadaver … o, ich werde mich erlösen … (geht weiter auf Wilhelm zu)
FOLTEROPFER:
Vergeltung, Vergeltung, Vergeltung, Vergeltung!
WILHELM:
(kratzt in Verzweiflung an der Tür) Nein … nein .. nein …
HEDWIG:
(kommt näher)
Wir tragen die Ketten zu unserer Zier
Verloren die Lichter der einstigen Zeit
Gebunden an Folter, das quälende Leid
FOLTEROPFER:
Vergeltung, Vergeltung, Vergeltung, Vergeltung!
HEDWIG:
(schlägt zu und beginnt blutrauschartig, Wilhelm das Blut aus dem Körper zu schlagen)
(sadistisch fröhlich) Denn alle gemartert werden wir hier
Denn alle gemartert werden wir hie
FOLTEROPFER:
Denn alle gemartert werden wir hier
Denn alle gemartert werden wir hier
HEDWIG, FOLTEROPFER:
(schlägt weiter unaufhörlich auf Wilhelm ein)
/: Denn alle gemartert werden wir hier :/ (6x)
HEDWIG:
(hört grinsend auf, nachdem Wilhelm sich nicht mehr bewegt) Wie belebend doch Vergeltung ist! Wie sehr das Blut doch Körper und Seele belebt! (Manisches Gelächter)
(hält plötzlich inne) Doch wird mich dieses Blutopfer wirklich von allem befreien? Von diesen Ketten, diesen Wunden, dieser Folterei? Von diesen dunklen Wänden und triefenden Stäben? Wird der Herr dieses Kerkers mich nun gehen lassen oder mich bis ins höhere Alter hier verrotten lassen? (lautes Schluchzen) Nein, wird er nicht! Nun habe ich jemanden getötet, und er wird es als Vorwurf nutzen, um mich bis in alle Ewigkeit in diesen gottverlassenen Kavernen martern zu können! O weh mir, auch mit Händen voller gerechtem Blut bin ich verdammt, bin ich verflucht … (lauthalses Schluchzen, wütende Schreie; läuft ziellos und überfordert durch die Zelle, bis sie sich schlussendlich etwas beruhigt und den spitzen Stein wieder aufhebt)
Nun, womöglich wird mich allein dies befreien. (schneidet sich unter Qualen die Kehle durch und fällt leblos zu Boden)
SIEBENTE SZENE
Studierzimmer des Barons
—
Baron und ein Diener mit Violine
DIENER:
(spielt Beethovens „Ode an die Freude“ auf der Violine)
BARON:
(ist sichtlich entzückt und schmiegt sich der Melodie an)
DIENER:
(beendet sein Spiel und verbeugt sich vor dem Baron)
BARON:
(Applaus) Bravo, bravo mein Lieber! Welch galantes Spiel! Welch filigranes Fingerspiel! Eine Freude, euch Virtuosen ein Ohr zu leihen!
DIENER:
Vielen Dank mein Herr. Soll ich noch etwas Anderes für Euch spielen?
BARON:
Sehr gern. Doch kein bekanntes Stück wünsche ich zu hören … lasst mich Zeuge werden eurer Kreativität. Improvisiert mir ein kleines Stück, schmückt dieses Zimmer mit bis dato unbekannten Klängen. Zeigt mir die Kraft, die in diesen wendig Fingern und diesem hellen Geiste steckt. Womöglich inspiriert es mich beim Schreiben meines Buches zu wundervoller Wortmagie … wer weiß? Beginnt!
DIENER:
(überlegt kurz, beginnt daraufhin, auf der Violine zu improvisieren)
BARON:
(setzt sich an seinen Schreibtisch, kramt Papier, Feder sowie Tinte heraus und beginnt damit, auf dem Papier zu schreiben)
Titel: Über die Natur des Menschengeschlechtes
Die Natur des Menschen ist schlichtweg diejenige, die nicht in Ewigkeitsklauseln festgehalten oder in eiserne Gesetze gegossen werden kann. Sie ist unbeständig, nicht an allzeit gültige Prinzipien wie das Himmelreich, die Vernunft oder den Tieren inhärente Triebe gebunden … sie hat keine feste Gestalt, sondern gerade ist es ihre Gestalt, sich allen äußeren Einflüssen anzupassen, so wie sich die Suppe in der Schüssel rundet, das Metall in der Gussform zum Schwerte wird oder das Fleisch im Kopftopf die Röte verliert. Die Natur schafft sich selbst, indem sie sich den äußeren Bedingungen anpasst. Die Tochter einer Dirne kann nichts als eine Dirne werden; sind ihr doch alle anderen Wege durch ihre Herkunft versperrt, ungeachtet dessen, wie vernünftig sie doch sein möge. Diese Anpassung menschlicher Natur, des menschlichen Bewusstseins, ist die Grundlage für unser Überleben; denn es ermöglichte dem Menschengeschlecht, alle Situationen, alle kommenden Gefahren zu überwinden, ohne unverändert vom Zahn der Zeit zernagt zu werden. Einige sehr geistreiche Franzosen des vergangenen Jahrhunderts bezeichneten diese Art des Denkens als Materialismus.
Ich als Gelehrter stehe in Gänze auf der Seite dieser Herren. Meine Forschungen innerhalb dieses Feldes werden durch Experimente unterstützt, die ich persönlich mit Probanden durchführe. Ich untersuche dabei den Anpassungsgrad menschlichen Bewusstseins auf individueller Ebene im Kontext einer für den Probanden vollkommen ungewissen Situation.
DIENER:
(hört mit dem Spielen auf, da er bemerkt, dass sein Herr in das Schreiben vertieft ist)
BARON:
Dabei greife ich auf einige Techniken zurück, die …. (grimmig) he, Musikus, weshalb schweigt eure Violine? Habe ich Euch etwa befohlen aufzuhören? Nun los, spielt weiter! Sie war doch sehr schön, eure Stehgreifspielerei, und ich wünsche, mehr davon zu hören!
DIENER:
Jawohl, mein Herr (spielt weiter auf der Violine)
BARON:
(versucht weiter zu schreiben, hat jedoch scheinbar den Faden verloren und legt das Dokument zur Seite.) Schönen Dank, nun habe ich meine Inspiration und Schaffenskraft der vorigen Minuten verloren … doch vielleicht kehrt sie ja gleich wieder. Los Musikus, lauter! (lehnt sich nachdenklich in seinen Stuhl zurück)
ACHTE SZENE
Karger Korridor
—
Friedrich und Agrippa
FRIEDRICH:
(hält grummelnd seinen Ärmel gegen seine Wange, um die Blutung zu stoppen)
AGRIPPA:
(sanftes Lachen, erheitert) O, welch ein Spektakel! Nichts geht doch darüber, ein Zeuge zweier Todgeweihten zu sein, die eigenständig, im Strudel von Vergeltung wie Verzweiflung, ihrer beiden Leben Lichter löschen. Tränentriefendes Theaterspiel ist ein Nichts gegen die Ausdruckskraft menschlicher Todeskämpfe … gegen die letzten fruchtlosen Auflehnungen gegen das bereits in Stein gemeißelte Schicksal … der letzte Schuss eines sterbenden Soldaten, der nichts mehr zu vollbringen vermag als in der Luft zu vergehen und ungehört im Winde zu verhallen.
FRIEDRICH:
(weiterhin grummelnd) Wahrhaft große Worte für einen totgeprügelten Lahmen und ein freitotes Mädel. Ich habe den Eindruck, Ihr solltet Euch womöglich einmal von diesen finsteren Kerkern abwenden … bei eurer unnatürlichen Freude während dieser Darbietung könnte man Euch direkt als einen Wahnsinnigen bezeichnen …
AGRIPPA:
(genervt) Ist es Wahnsinn, seiner Arbeit gewissenhaft nachzugehen und in ihr aufzublühen? Zeugt es von Mondsüchtigkeit, wenn ein Bauer immer eifrig seinen Acker pflügt und sich stets gut um seine Tiere kümmert? Ist der Gelehrte verrückt, der massenweise Bücher liest, um seine eigenen Arbeiten voranzubringen? Ist jener Soldat dem Wahn verfallen, der seine Befehle gut befolgt und in Zeiten der Knappheit die Ration mit seinen Kameraden teilt? Sind sie es?
FRIEDRICH:
Nein, selbstredend nicht. Doch handelt es sich bei euren Ausführungen nicht um Folterknechte und Kerkermeister, die eine Freude am Leid ihrer Gefangenen entwickelt zu haben scheinen. Eine Freude, die sie dazu verführt, weit über das gesetzte Maß an Bestrafung hinaus noch härter zu bestrafen. Eine Freude daran, die Gefangenen noch tiefer stürrzen zu lassen als sie es selber jemals könnten. Dieses Mädchen, ihr Name war Hedwig … war nicht der einzige Sinn ihrer Gefangenschaft, ihr beizeiten Wilhelm zum Töten vor die Füße zu werfen? Dieses hättet Ihr doch durchaus ohne die Gefangenschaft organisieren können. Und ohne die Folterungen an ihrem doch so jungen Körper, an die sie sich so unwillig zu erinnern schien … mir erscheint es alles als unnötig. Der einzige Sinn dahinter scheint mir die Freude zu sein, die ihr dabei empfindet, noch mehr Seelen in eurem feuchten Kerker zu zermartern. Agrippa, ihr seid krank. Womöglich sollte ich dem Baron von Wolkentief einmal etwas über eure hiesige Arbeit berichten …
AGRIPPA:
(beleidigt) So nun beschimpft Ihr mich, Laufbursche Friedrich Granthelm? Meine Arbeit ist die Bestrafung, und ich führe sie stets gewissenhaft und nach allen Gesetzen der Vergeltung aus. Seid nur versichert, dass keine der Handlungen, die sich innerhalb meines kleinen Reiches hier abspielen, dem Baron unbekannt sind. Beginnt ja nicht daran zu glauben, unterhalb der Mauern seiner Feste braue sich ein Trunk aus Wahnsinn und Leiden zusammen, dessen er weder durch Aug noch Ohr habhaft werden könne. Ich bin kein kranker Folterknecht, der alle Zügel fallenließ und seinen untersten Trieben die Gittertüren des Kerkers öffnete … ich handle mit mehr System und Absprache, als Ihr vielleicht glauben wollt.
FRIEDRICH:
(überrascht) Der Baron weiß von alledem? Und billigt eure leidenssüchtigen Spielereien, die über jegliches Maß von Züchtigung und Bestrafung hinausgehen? Ihr habt recht, ich will es nicht glauben, und werde es auch nicht. Ihr könnt mir viel erzählen, doch dies werde ich Euch nicht abkaufen. Der Baron ist ein gerechter und rechtschaffender Mann, niemand, dem derartitge Praktiken wie hier genehm wären. Bestrafung hin oder her, doch dies … nein, solch düstren Charakter traue ich dem werten Baron nicht zu.
AGRIPPA:
(gleichgültig) Glaubt, was Ihr für richtig haltet, ihr Diener aus den höchsten Kammern. Doch seid versichert, dass ich Euch bisher noch kein einziges Mal belogen habe. Alles, was ich über diese Gefangenen weiß, habe ich vom Baron höchstselbst erfahren. In Nacht und Nebel kamen sie hierher, und ich, mit ein paar Knechten, verlud sie in die hinterste Zelle, auf Anordnung des Barons. Er selbst stieg einige Stunden später hinab, um sich zu vergewissern, ob auch alles nach seinen Wünschen abgelaufen ist. Und während seiner Begutachtung erzählte er mir alles über diese Gefangenen … das Warum, das Wie, das Wo … und am Wichtigsten: das Wohin.
FRIEDRICH:
(ungläubig) Nein nein, Ihr versucht nur, mir Lügen aufzutischen. Mein Herr würde doch so etwas niemals billigen! Und im Übrigen habt Ihr mich doch schon belogen; oder ist Euch euer ekelhaftes Scherzelein mit dem Wein voller Notdurft bereits schon entfallen?
AGRIPPA:
(kichernd) Ach ja, ich entsinne mich. Aber dabei habe ich Euch doch nicht belogen; ich sagte Euch, dass es Wein ist, den Ihr trinken sollt. Und das stimmte auch. Lediglich schwieg ich über die besondere Beilage eures Kerkertrunkes. Niemals log ich Euch vollkommen an; allein ließ ich weg ein kleines Detail … zu meiner, wie ich zugeben muss, persönlichen Belustigung. Euer Anfall von Verabscheuung war höchst amüsant, nicht nur für mich; die Wachen haben auch herzlich über euer kleines blümerantes Tänzchen gelacht. Ebenso hat es mich amüsiert, wie es gerade euer naiver Verstand und die aus ihm geformten Worte tun. Seid versichert, Ihr werdet mir schon noch glauben, keine Angst.
FRIEDRICH:
Ach, so seid doch still, und hört auf mich zu triezen. Ich sagte bereits, dass ich Euch dabei nicht traue, und dabei bleibt es. Eure Spötteleien ändern daran rein gar nichts; sie machen mich höchstens noch zorniger als ich es ohnehin schon bin. Seid froh, dass ihr so dick bewaffnet seid und ich Euch nicht schon an die Gurgel gegangen bin …
AGRIPPA:
(spöttisch) Na, will es mir drohen? Will mir der parfümierte Bückling mit gepuderter Perücke und aalglatter Haut etwa Gewalt androhen? O, Ihr amüsiert mich, ihr nichtsahnender Naivling. Doch ich gebe Euch einen Rat: hebt Euch euren Zorn besser für die Behandlung der Gefangenen auf … dort wird er mehr bewirken als wenn er nur in Euch herumbrodelte wie Großmütterchens Eintopf. Meinethalben könnt ihr gerne wütend auf mich sein und herumgranteln wie Ihr lustig seid. Es wird Euch nur nicht mehr bringen als einen roten Kopf und ein angestrengtes Bullenschnaufen. Und nun los, eilt Euch! Wir haben noch zwei weitere Gefangene in der Zelle sitzen, die unserer Zuwendung bedürfen! (lacht hämisch, greift Friedrich beim Arm und geht mit ihm von der Bühne ab).
– ENDE DES ZWEITEN AKTES –
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