
Der hinter den Toren nicht mehr wiederkehrt
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
„Einst nannten sie ihn Dragul Miraguis. Er war der Hexenmeister aus der schwarzen Wüste. Dort, wo sich die drei dunklen Planeten mit dem Horizont vereinen. Er galt als dies verfluchte Balg, und sie fürchteten ihn. Fürchten ihn auch jetzt noch; denn schrecklich ist das Wort seiner Verkündung. Sein bloßer Atem bringet Stürme zum Toben und Ozeane zum Bersten. Und so schwer und so unheilvoll ward sein Wandern, dass selbst Stein unter seinem Fuße wie Sand zerfällt. Es sogar die Himmelskugeln ins Ungewisse zieht, Planet für Planet. Unter dem unaussprechlichen Male seit jeher heimgesucht, seine Dienerschaft unkenntlich. Keinem ist bekannt, welch verbotene Zeilen er aus den Künsten äonenalter Niedertracht schöpfet, was das Weltenall selbst mit Unheil überschattet. So beschloss ein Bündnis aller Hexenhäupter: „Dragul Miraguis, du seist hiermit verbannt! Im Limbus der ewigen Dimensionen!“ Und es verschlang ihn im Schlund des bodenlosen Abgrunds. Doch mit Nichten würde er für immer dort bleiben, eines Tages wird sich der Eine von Neuem erheben, und er werde wieder unter den Welten wandeln.“ ~Aus einer altertümlichen Stele
1
Fred Hillford betrachtete den Schlüssel am getrübtem Fenster, während er über dessen Bedeutung sinnierte. Er musste vor um die 2000 Jahren aus Bronze und Silber gegossen worden sein, doch konnte seine Prägung keiner der damaligen Kulturen zugeordnet werden, was ihn in ein mysteriöses Licht rückte. Um den 17 Zentimeter langen Schlüsselhalm wanden sich menschenähnliche Fingerknöchel, die sich zuerst in eine spiralförmige Reite erstreckten, dann am Knauf endeten; dabei wirkte das Objekt auf eine kosmische Weise so, als schlummere darin ein böswilliges Eigenleben, das jeden Augenblick zu hinterlistigem Bewusstsein gelangen könnte.
Das Bibliothekszimmer, indem er sich gerade befand, war ein Hort der Literatur. Die Regale aus geschwungenem Eichenholz waren mit unzähligen Büchern ausgestattet. In den Zugfächern lagerten die unterschiedlichsten Manuskripte: Von überlieferten Keilschriften antiker Zivilisationen über Sichtungen der verborgenen Insel Iyh-h’rir bis hin zu obskuren Sammlungen aus dem Okkulten und altertümlicher Dämonologie; all jene Archivierungen stammen noch aus der Zeit, in der der Archäologe Charles Greyhound seinen Arbeiten nachgegangen war und sogar für das American Journal of Archaeology publizierte. Durch seinen Fund eines merkwürdigen Massengrabes, das im Zusammenhang eines uralten mysteriösen Zirkels steht, der zu Zeiten Karthagos existiert haben muss und unter anderem Petroglyphen hinterließ, auf denen große Menschen aneinandergereiht Torbögen durchschreiten sowie bestimmte Opfergaben praktizieren, um angeblich zwischen den Welten wandeln zu können, machte sich Greyhound einen Namen in der Welt der Altertumsforschung.
Dieser Umstand machte sein damaliges Verschwinden nur umso seltsamer und rätselhafter.
Greyhound, der eigentliche Hauseigentümer, machte Hillford vor einem Jahr ein gutes Angebot als Hausverwalter, der, so Greyhound: Doch gleich einziehen und nun hier wohnen solle. Zumindest so lange, bis er von seiner Forschungsreise im nächsten Jahr wiederkäme – für den aus ärmlichen Verhältnissen stammenden jungen Mann, der sich ohnehin nach Wohnmöglichkeiten umsah, war dieser Vorschlag absolut spektakulär. Später verschwand Greyhound inmitten irgendwo auf hoher See und wurde seitdem für tot erklärt.
Als schaumige Wellen jenes Schiffswrack (einige Seemeilen westlich von Greyhounds eigentlichem Ziel einer anderen Ruinenstätte) bis an eine abgelegene Küste getragen hatten, wo es erst drei Monate später von berberischen Fischern entdeckt werden würde, fehlte jedwede Spur der gesamten Besatzung. Es war, als wären allesamt in den Ozean, in den Tot, gesprungen.
Wären wir noch im Zeitalter, als man druidische Magie hinter der Beigabe von Zinn zu auf Tausend Grad erhitztem Kupfer, was Bronze ergab, vermutete, lautete die erste Erklärung wohl; die Götter der Meere hätten die Mannschaft als Tribut eingefordert.
Was einzig hinter umgestoßenen Fässern gefunden wurde, war das Schiffslogbuch eines Besatzungsmitglieds. Darin waren merkwürdige Dinge festgehalten worden, unter anderem sonderbare Bemerkungen über Greyhound… Wie er beispielsweise Tag für Tag regungslos am selben Tisch saß, sich von den Besatzungsmitgliedern vermehrt abschottete, oder geheimtuerisch diverse Dinge in seinem eigenen Logbuch festhielt, von dem ebenso jede Spur fehlte. Auf der Tischplatte, an der Greyhound gesessen hatte, fand man noch getrocknete Blutspritzer, die scharfkantig endeten und auf den Verlust einer gewissen Hand hindeuteten…
Welch finsteren Kräfte das Schiff auch immer derart zugerichtet hatte und an die Küste trieb… es muss weitaus tragischer gewesen sein als die Flucht Prinzessin Elissas vor ihrem machtgierigen Bruder König Pygmalion, was später zum Gründungsmythos Karthagos beitragen würde.
Nachdem er sich vom schwarzen Meeresgrund abschweifender Gedanken zurück zur Oberfläche des wachen Bewusstseins hat treiben lassen, legte Fred den Schlüssel zurück in die Schublade. Er war eigentlich nie auf diese Weise von Neugier getrieben, dass er wie ein Balg mit zu viel Freizeit jeglichen Rätseln auf den Grund gehen musste, die in einem alt viktorianischen Anwesen schlummerten.
Das Rätsel um den Schlüssel jedoch klammerte sich regelrecht an dessen Gedanken fest und lies nicht mehr von ihm ab; wie ein Kalmar von seiner Beute in der Tiefsee.
Allem voran immer dann, wenn man eigentlich nie sonderlich tiefgründig darüber nachdenken wollte und es im Haus gänzlich still wurde, schienen das Anwesen und alles drumherum umso williger zu werden, deren verborgensten Geheimnisse aus dem Inneren preiszugeben (fast schon aufzudrängen), dessen Fundamente bis heute zwischen Würmern, Erde, Fossilien, Gestein und Knochen verwurzelt sind und die bis ins Erdreich des 18. Jahrhunderts zurückreichen.
2
Hillford war herüber zum Ahnenfriedhof gelaufen. Dort angekommen, hatte ihm eine innere Stimme angewiesen, das Mausoleum zu betreten, was er auch tat.
Er trat ein paar Stufen herunter und hielt die Öllaterne voran. Das schaukelnde Laternenlicht drang die um sich greifenden Schatten in ihre Winkel und Löcher zurück, aus denen sie ghulisch gekrochen kamen. Dieser Ort war alles andere als einladend, doch stieg er immer weiter die modrig feucht riechende Gruft hinab, fast schon so, als rufe eine Art von Transzendenz nach ihm.
Unten angekommen, huschten bereits die Ratten umher, ehe er unter das Grabgewölbe trat, das ihn weiter hinein bis zum Steingrab führen würde. Bedächtig schritt er dem Grab entgegen.
Eine längliche Ader begann an dessen Stirn zu pochen, als er den Deckel unter überhasteten Atemzügen zur Seite schob; gerade soviel, dass Arm und Schulter hineinpassten…
Und so stieß er nicht etwa auf Knochen – er entdeckte jenen Schlüssel, der ihm nicht bloß Kopfzerbrechen bereiten, sondern es ihn später zutiefst bereuen lassen würde, ihn jemals an sich genommen zu haben.
Der nächste Tagesanbruch war von einem miesepetrigen Wolkenhimmel überschattet. Ebenso geisterte eine frohlockende Kälte durch die Atmosphäre, und die Tropfen vom Morgentau, die an den Blättern hafteten, fühlten sich an diesem Tag nicht natürlich an. Wenn man sie mit den Fingerkuppen berührte, zogen sie befremdliche Fäden. Aber das war noch nicht alles: Als er um die Ecke des Gartens gelaufen kam, merkte Fred etwas im hinteren Gras liegen. Er trat näher heran: Es war ein Rabe.
Der Rabe machte gerade seine letzten Atemzüge. Worauf sich seine Federn ein letztes Mal sträubten, ehe er sich überhaupt nicht mehr rührte. Zumindest fast nicht mehr rührte, denn sein Schnabel hingegen schien sich noch zu bewegen.
Die seltsamen Bewegungen gingen allerdings nicht vom gefiederten Tier aus.
Stirn runzelnd bemerkte er, wie sich etwas aus dem Schnabel zwang. Stück für Stück kam es hervorgekrochen.
Es war eine gewöhnliche Raupe, die sich aus dem Schnabel befreite. Der Anblick war skurril gewesen. Mal auf einen toten Vogel zu stoßen, war wiederum nichts allzu Ungewöhnliches… Und als fände er dort die Antworten, nach denen er suchte, blickte er einmal verdutzt um sich.
Dann und wie auf Knopfdruck drang ein Rumoren durch den Himmel. Tröpfelnder Regen suchte den Schulterschluss. Nun blickte er das Gesicht verziehend in den trüben Himmel, ließ den toten Raben liegen und ging zurück ins Anwesen.
Er blickte noch einmal durch das beträufelte Fenster, hinter dem sich depressive Dunstschwaden vermehrt zu erheben beginnen, die sich wie Geister von Maskentänzern aus dem 17. Jahrhundert einsam und melancholisch durch den Regen bewegten, derweil körniges Saatgut zu dieser Jahreszeit durch überhastete Winden teils an der Fassade vorbeiflogen, sie teils beschossen.
Am Morgen danach machte der Hausverwalter einen durchaus mitgenommenen Eindruck. Grausige Bilder hätten ihn im Schlaftraum befallen, über die ganze Nacht hindurch. Das berichtete er mir am Frühstückstisch. Er berichtete mir von verzerrten Fratzen oder Kreaturen, oder dass er einen Ozean überflogen hätte, später eine schleierhafte Landzunge aus Vulkangestein oder dunklem Sand erspähen konnte. Diese seien ihm zwar befremdlich, doch äußerst real vorgekommen. Albträume hätte er schon immer. Doch so intensiv wie in letzter Zeit wären sie lange nicht mehr gewesen.
Als er vom Fliegen sprach, erinnerte ich mich daran, wie ich selbst einmal das Mittelmeer überflogen hatte, dessen Bequemlichkeit sehr zu wünschen übrig blieb.
Es war in einer Junkers F 13, zusammen mit Charles.
„Ich erinnere mich gut daran, als er mich mit zu einer Ausgrabungsstätte in brütender Hitze in der staubtrockenen Wüste Nordafrikas schleppte. Eigentlich viel zu viel für einen einfachen Hausdiener wie mich. Doch Charles war die Art von Mensch, die andere nur allzu gut in dessen Vorhaben hineinziehen konnte, als auch hatte er schon immer ein Talent für wortkarge Überredungskünste.
Über den wolkenfreien Nachmittag zog die Sonne wie ein glühendes Auge über uns hinweg, während die angebundenen Esel manchmal grunzten oder sie unruhig auf der Stelle traten und sich die scharrenden Orientalen gegenseitig ihre mir fremden Anweisungen zu warfen. Im Tagesverlauf legten die Grabungsarbeiter eine schmale Kammer frei; dessen Inhalt sich jedoch als nüchterner erwies, als es all der schweißtreibende Aufwand (meiner Meinung als Laie nach) gerechtfertigt hätte. Als er nichts als mit Geröll gefüllte Krüge weitergereicht bekam, ich der Prozedur wie ein Lehrling, Hand zu Rücken verschränkt, zugesehen hatte, erklärte er mir: »Da siehst du es, Michal. Grabungsarbeiten sind kein romantisches Orientabenteuer, wie es uns Film und Fernsehen gern verkaufen wollen.« Wenn man nicht gerade im Land der Pyramiden gräbt (worin aufgrund des Totenkults ausgegrabene Sarkophage aus der Mittel bis Oberschicht der alten Ägypter keine Seltenheit darstellen), wäre es als zugewiesener Archäologe oder Anthropologe leider nahezu alltäglich, sich mit nichts als Erde, Sand oder staubigen Boden die Hände schmutzig zu machen, ehe man auf etwas Bedeutsames stößt, so seine Erläuterung.“
Immer, wenn ich an diese Worte von Charles denken muss, schwingt etwas Ironisches bei: Denn nur wenige Tage danach stieß er auf jenen spektakulären Fund, der die Welt der Archäologie so erschüttern ließ und ins Staunen versetzte sowie im ganzen Land Schlagzeilen wie diese zutage förderte:
»Spektakulärer Fund – Bislang unentdeckte Gräber, menschliche Überreste und sagenumwobene Stele gefunden!«, »Archäologen entdecken unglaubliches – Stele des Miraguis-Kult freigelegt!«, oder »Wertvolle, karthagische Tafel eines Totenkults entdeckt – obskure Petroglyphen deuteten Ausgrabungsort!«
Nicht nur der Fund der ca. 2200 Jahre alten Stele, deren Status dem einer Reliquie am ehesten glich, sondern ebenso die Freilegung der Gräber, die der antike Kult für dessen Anhänger im Verborgenen angelegt hatte – in welchem ihre gut erhaltenen Knochenstrukturen gefunden wurden -, verhalfen Greyhound schließlich zum Durchbruch seiner Karriere, und zuvor belächelter Mythos hatte nun den schlagartigen Sprung zum echten Forschungsgegenstand vollzogen.
Ich muss noch einmal auf den Inhalt der Gräber zurückkommen: Ich sagte, die Überreste seien gut erhalten geblieben… und bis auf jeweils eine Ausnahme, bei der die Meinungen der Experten im Detail immer noch auseinander gehen, waren sie das auch. Insgesamt fand man dreizehn menschliche Skelette, und jedem einzelnen von ihnen fehlte immer mindestens eine Hand, die fein säuberlich durchtrennt worden sein musste. Anthropologen konnten der Echtheit positiv zustimmen.
Dies seien die letzten fehlenden Beweisstücke, um Charles Theorie eines geheimen Zirkels, der sich mit dunkler Magie befasste, Opfergaben in Form von Verstümmelung praktizierte und zu Karthago existierte, bestätigen zu können.
„Kurz bevor es den Einen in den Abgrund zog, da verließ ein mächtiger Fluch im Dunste dessen Lippen. Im unbeachtet Stillen. Ein Fluch zur Überwindung von Tod und Zerfall. Auf dass sich seine dunkle Seele zerteilen möge; des Gefieders des Raben gleich und dabei den tausendjährigen, kosmischen Schlaf überdauere. Niemals werde er aufhören, nach Tribut zu trachten. Niemals aufhören, vom unbeständigen Fleisch zu zehren, in unendlicher Tiefe von Raum und Zeit. Drei Schlüssel mögen gefunden werden. Drei Tore sollen es sein, die durchschritten werden. Die finstere Offenbarung soll wie die Stachelknospe in der Wüste verkündet werden, die zum neuen Erblühen findet.“
Dies waren die letzten Überlieferungen aus der Keilschrift der Stele, bevor Charles sich an Bord jenes Schiffes begab. Von dem er nie mehr wiederkehrte.
Am nächsten Tag brachte ich Hillford eine Tasse Tee ins Schreibzimmer. Dieser wälzte sich gerade am Pult durch diverse Manuskripte. Immer noch regnete es. Durch den trüben Wolkenhimmel am reflektierenden Fenster musste meine Haut noch leichenhafter aussehen, als ohnehin schon, und obgleich ich meine Gedanken für mich behielt; so wusste ich doch stets genau, zu welchem Zeitpunkt er am ehesten einen Tee bräuchte. Auf mich als alten Hausdiener konnte man sich verlassen. Auch wenn er mich manchmal so ansah, als hege er ein gewisses Misstrauen gegenüber dem, was er hinter meiner grauen Fassade zu sehen glaubte…
»Danke für den Tee.«, sagte Fred.
»Wohl bekomms Mr. Hillford.«, entgegnete ich.
Mein Fuß erreichte bereits die Türschwelle, da fragte er mich: »Haben Sie zufällig in letzter Zeit merkwürdige Dinge im Haus bemerkt, Michal?«
»Nicht, dass ich wüsste.«, gab ich zur Antwort.
Er fragte mich noch, ob ich vielleicht etwas über den Schlüssel wüsste, was ich ebenso verneinte.
Gedankenversunken und aus der heißen Tasse schlürfend, sah er zum Fenster hinaus, bis über die Regenschwaden, die sich wie ein Zelt über die gesamte Gartenbotanik gespannt hatten. An einer Stelle blieb sein Blick jedoch stehen, da er glaubte, eine Bewegung im Gestrüpp bemerkt zu haben… Plötzlich erhob sich eine schwarze Gestalt, die ihn direkt anstarrte. Sie war in eine pechschwarze Robe gehüllt, das Gesicht unkenntlich.
Hillford erschrak, sein Brustkorb hob und senkte sich. Die Gestalt trat einen sehr langen Schritt auf das Fenster zu. Ich sage deshalb sehr lang, weil es auf diese Entfernung berücksichtigt und im Bruchteil dieser Sekunde derart unscheinbar schnell vorzurücken, visuell und physikalisch so niemals zu erwarten wäre. Auf diese Weise drohte die Gestalt direkt durchs Fenster zu platzen. Fred bekam einen wilden Blick und wich im Arbeitszimmer entsetzt zurück, blindlings nach dem Brieföffner als mögliche Verteidigungswaffe tastend. Als er ihn schließlich fest im Griff hatte, wieder aus dem Fenster spähte, war dort draußen nur noch das Regenwetter.
»Ist alles in Ordnung bei Ihnen, Sir?«, fragte ich vor der Zimmertür.
»Ich habe ihre polterten Schritte gehört. Brauchen Sie Hilfe?«, fügte ich an.
»Ähm… Nein. Alles bestens. Gute Nacht, Michal.«, war die Antwort, während er noch einen halb prüfenden Blick nach draußen warf.
Als er sich wieder beruhigt und die Lage als gesichert einschätzte, sackte er ausgelaugt in seinem Sitz zusammen. Er schielte schließlich zum Regal herüber, wo er Stunden zuvor den Schlüssel abgelegt hatte.
3
Etwa eine Woche war vergangen, ohne nennenswerten Fortschritt um den Schlüssel. An einem Tag jedoch zog ein ziemliches Unwetter herauf, dass die ganze Welt mit Zwielicht zu überziehen schien. An diesem Tag wendeten sich die Dinge endlich zu unseren Gunsten. Und mit „uns“ meine ich sicherlich nicht Hillford, doch dazu später mehr…
Niemand hätte auch nur erahnen können, dass er endlich auf die Spur von dem kommen würde, was sich im Keller befindet… Oder besser gesagt; unterhalb des Kellers befindet, wenn auch erst nach einem kleinen Hinweis meinerseits. Wohin der Schacht durch die Felsspalte führte, der sich hinter einem staubigen Regal befand. Der Schacht, der die steinalte Wendeltreppe entlang zu unterirdischen Räumlichkeiten führen, die am hinteren Ende eines Ganges enden, wo ein massives Tor weiteren Zugang jedoch blockieren würde.
Der Anblick des Tores hinterließ in einem etwa das fremdartige Gefühl, als betrachte man eines der Höllengemälde von Hieronymus Bosch. Überwiegend aufgrund der Insignien; diese bestanden aus außerweltlichen Inschriften und unheiligen Zeichen, die die Oberfläche des Tores von oben bis unten verzierten.
Und was soll ich sagen? Was wäre der Lauf der Dinge, wenn sich das im Fels verbaute Schloss nicht als das passende Gegenstück zum Schlüssel entpuppen würde? Was wohl in ihm vorgehen musste, so kurz davor zu sein, das Geheimnis zu lüften?
Im selbigen Moment, als er das steinerne Schloss entriegelte, krachte ein Donner durch die tobenden Windböen des Unwetters draußen, das wie ein allumfassendes Pandämonium im Hintergrund brodelte und einem die Haare zu Berge stehen ließ.
Ein Brodeln drang durchs Felsmassiv, als sich jenes Tor innerhalb der Wand aufzutun begann. Hillford passierte es gleichauf, sich wieder in diesem Trance artigen Zustand befindend, wie als er den Schlüssel fand.
Zeitgleich schlug ein weiterer Donner auf der Erde ein, das dem Brüllen eines Ungeheuers glich.
Eine Art von „argwöhnischer Wissbegierde“ erfasste ihn, als er ehrfürchtig in ein trist beleuchtetes Kellergewölbe spähte. In der Mitte des Gewölbes (oder eher Verlies) stand ein Podest. Mit Thron, der seitens seiner Ausarbeitung der des Schlüssels ähnelte. Darauf saß ein unscheinbares, im Schatten verborgenes Ding mit leeren Augenhöhlen, die jeden Besucher auf Schritt und Tritt zu verfolgen schienen. Mit jedem seiner Schritte, die er fast schon geisterhaft Richtung Podest setzte, wurden die Umrisse des Geschöpfs nicht nur immer deutlicher, auch gab sich der Hausverwalter immer entsetzter, während er erkannte, was dort oben thronend und höhnisch auf ihn herabsah: Eine Mumie.
Sie war nicht größer als ein Kind. Ihr Ober und Unterkiefer schoben sich in unterschiedliche Richtungen, gleichzeitig schien irgendwas an ihr an einen Kokon, denn an einen ausgetrockneten Totenzustand zu erinnern. Die Mumie war im Gegensatz zum muffigen Verlies geruchsneutral, und ein Pentagramm spickte, das sich von gewöhnlichen Pentagrammen abhob, ihre ledrige Stirn. Außerdem schien sie an den Thron gekettet worden zu sein, als säße sie eine Strafe ab oder als wäre sie hier über Jahrhunderte vergessen worden.
Nicht zu lange in diese großen Augenhöhlen zu starren, die wie zwei Abgründe von bodenlosen Brunnen zurückstarrten.
Das war, was mehr und mehr einer beschwerlichen Aufgabe glich, da man schnell Gefahr laufen würde, sich schier vollständig in diesem seelenlosen Ausdruck zu verlieren; da dieser sein Gegenüber fast hypnotisch in dessen Bann ziehen konnte. Zunächst meinte er, eine kurze Bewegung der Fingerspitzen bemerkt zu haben, ganz schwach, kaum sichtbar… Doch begutachtete er die Mumie jetzt sogar noch akribischer, statt zaghafter zu werden, und als sich ihre Gesichtsprofile fast schon im Angesicht standen, geschah es so schnell, dass er es zunächst überhaupt nicht realisierte:
Einer der knochigen Finger zuckte plötzlich auf; was Hillford quer durch den Raum beförderte, mit aufprallendem Schädel an der steinigen Gewölbewand.
Im nächsten Moment bildete ihre Hand, und nur ihre Hand, eine Trichterform, die den strampelnden Hausverwalter anhob und in der Luft hielt, zeitgleich begann schwarzer Nebel zu zirkulieren, der ihn schlangenartig umrundete, einhüllte und irgendeinen Prozess in Gang setzte.
„Ich weiß noch genau, wie ich mich damals am Kamin zurücklehnte und eine Opernschallplatte von Wagners „Einzug in Walhall“ aufsetzte, um dieser unsäglichen Prozedur von dort unten möglichst fern zu sein.“
Unser Hausverwalter fing an zu schreien, als die Häutung einsetzte, was jeden Gesichtsmuskel wie Mund oder Augenring sowie sämtliche Bestandteile wie Adern, Organe und Sehnen bis auf die Knochen freilegte.
Schließlich hatte sich sein ganzer Organismus bis zur letzten Zelle zersetzt. Er endete als Ascheregen, den der thronende Organismus wiederum sich selbst einverleibte, wie magnetisch.
Sie wirkte zwar jetzt etwas weniger ausgedörrt, doch saß die Mumie nach wie vor so regungslos auf dem Podest wie auch schon zu Anfang beim Betreten des unterirdischen Raumes. Zumindest saß sie dort so lange, bis ein greller Blitz einschlug, der abschließend das ganze Kellergewölbe mit Licht flutete, worauf die Ketten klirrend und ungeöffnet auf dem Podest aufschlugen.
Dann war der Thron leer. Das ganze Verlies war leer. Überbleibsel gab es nicht. Es war das Ende des Fred Hillford.
Einzig das Tor blieb offen stehend zurück. Und seine Geheimnisse waren bis auf weiteres darin verborgen.
„Als ich mich zu einem anderen Zeitpunkt der Spurenbeseitigung im Anwesen widmete, da stieß ich übrigens auf dieses Tagebuch, das dem werten Herrn Hillford gehörte. Dachte mir, ich sollte es Ihnen nicht vorenthalten. Gerade die letzten Einträge dürften Sie interessieren. Ihnen wohnt noch ein gewisses „Nachglühen“ inne seitens seines nervlichen Dahinscheidens, und es hält seine letzten, wild-verwobenen Einblicke, teils mithilfe von unbewusster Traumreise, fest. Ich lese Ihnen einfach mal daraus vor…“
Eintrag 11. November, 1953
Ich bin am überlegen, ob ich nicht so langsam vom Anwesen abkehren und zu der Gesellschaft zurückkehren sollte, aus der ich entspringe. Denn irgendetwas lässt mich in letzter Zeit stutzig werden… Es ist ein dunkler Schatten, der mich beschleicht. Etwas Unbekanntes liegt in der Luft und in den Wänden. Wenn ich mitternächtlich zwischen den Vertäfelungen umherirre, kann ich es fühlen. Auch der alte Michal scheint etwas vor mir zu verschweigen. Manchmal sehe ich Dinge…
Eintrag 12. November, 1953
Ich weiß nicht, weshalb oder warum gerade jetzt. Doch musste ich heute Mittag an frühere Kindertage zurückdenken. Ich war wieder im Waisenhaus. Ich war wieder zwölf Jahre alt. Ordensschwester Mary platzierte ein weiteres Mal die Blumenvase neben das Krankenbett, als ich wieder zu mir kam… Gehirnerschütterung. Hieß es; nachdem ich bei der Apfelernte von der Leiter gestürzt war. Sonnenstrahlen erfüllten das Zimmer, während mir Schwester Mary sogleich eine ihrer berüchtigten Predigten hielt: „Wäre ich konzentriert und mit Disziplin zu Werke gegangen sowie die anderen Kinder, hätte mich der entgegenkommende Vogel auch nicht aus der Fassung geleitet, was mich zum Abstürzen brachte. Nur der Behutsamkeit Gottes sei mein Unfall als glimpflicher Ausgang zu verdanken, und ich sei nun mit mehr Achtsamkeit gesegnet worden.“
Das „mit mehr Achtsamkeit gesegnet“, scheint zumindest auf der Suche nach einer passenden Tür zum Schlüssel bis auf weiteres ausgesetzt zu sein…
Eintrag 13. November, 1953
Albträume plagten mich bereits früher, immer wieder. Doch diese Klarheit, die sie seit kurzem angenommen haben, habe ich so noch nicht erlebt. Es waren wahnwitzige und groteske Traumbilder… Ich träumte von Dingen wie Fratzen, die mich umkreisend beäugten, oder höllische Zerrbilder. Irgendwann schlug es mich in eine fremde Welt, als sei das Himmelszelt eine Glaskuppel, durch welche es mich schleuderte. Umgeben von geflügelten, amphibischen Kreaturen mit Glupschaugen und mehrfach überlappenden Mäulern fand ich mich wieder, die langsam in der Atmosphäre an mir vorbeiglitten; sich aber sonst nicht sonderlich für mich zu interessieren schienen.
Wie fremdgesteuert überflog ich den magentafarbenen Meeresspiegel. Bis ich irgendwann den Umriss einer kohlschwarzen, unendlich weiten Wüstenlandschaft ausmachen konnte.
Kurz vor dem Erreichen dieser wachte ich auf.
Eintrag 14. November, 1953
Es war einfach nur furchtbar! So etwas möchte ich kein zweites Mal träumen.
Ich erreichte die Landzunge. Es war eine dunkle Wüste, die ich überflog. Ferner hob sich ein Turm gespenstisch von der Horizontlinie ab.
Dann geschah es… So viel Grausamkeit und nicht mehr enden wollende Düsternis hatte ich noch niemals wahrgenommen. Das absolute Böse drang bis in jede Körperzelle. Und während ich um mich schlagend, plötzlich den schwarzen Sanddünen entgegenfiel, begann sich eine hasserfüllte Fratze mit titanischem Maul aus dem Sandboden zu erheben – sie drohte mich auf selbige Weise zu verschlingen, wie es wohl auch eine Gewitterfront mit dem Flugzeug täte, dem den Vernichtungskrieg erklärend.
Danach saß ich hellwach im Bett. Mit starrem Blick. Schwitzend, zitternd. Ich denke, die schlechte Bleiskizze nimmt nun immer mehr Form und Gewissheit an. Die Gewissheit, dass mit diesem Haus etwas falsch ist… seit ich den Schlüssel fand. Ich sollte das Anwesen möglichst bald verlassen.
Letzter Eintrag 15. November, 1953
Heute hatte ich eigentlich den Entschluss gefasst, den Schlüssel aufzugeben sowie meinen geplanten Auszug vorzubereiten. Die Behörden dürften mich ohnehin bald absägen, da Greyhound keinen Erben für sein Anwesen bestimmt hat und es somit wohl an die Stadt gehen wird. Das alles muss allerdings noch etwas warten… Denn wie es manchmal heißt: am Hebel der Wirklichkeit sitzt der Zufall und tut, was er will.
So machte ich in der Früh eine interessante Entdeckung im Keller, wo unter anderem einige Bücherregale, Spirituosen und alte Möbel lagerten. Michal hatte mich darum gebeten, einen Stapel Bücher zu den Regalen zu räumen, und dort fiel mir hinter dem Regal eine Rissspur in der Wand auf: Als ich es sogleich zur Seite schob, stand diesem ein höhlenartigen Durchgang gegenüber.
Ich werde mich gleich zur Erkundung aufmachen…
4
Die Opfergabe des Fred Hillford hatte keine zwanzig Minuten zurückgelegen (sein Opfer soll nicht umsonst gewesen sein), da erkannte ich bereits eine dunkle und große Silhouette vor der Eingangstür. Natürlich wusste ich sofort, wer es war.
»Willkommen Zurück, Master Greyhound.« Auch wenn ich froh war, ihn nach all der Zeit wiederzusehen, blieb ich, nachdem ich die Tür geöffnet hatte, dennoch so förmlich, wie ich es als Diener gelernt hatte. Ich stolzierte um ihn herum, betrachtete ihn etwas genauer; ehe ich mit einem Ruck den Kopfteil seiner Robe für ihn entledigte. Was sich darunter verbarg, war ein mit Adern durchsetztes, totenblasses und verzerrtes Gesicht, für dessen Unannehmlichkeit sich der gute Charles bereits im Voraus bei mir entschuldigt hatte (als wir vor mehr als drei Jahren an unserer Planung gefeilt und geschliffen hatten), da das schwarze Ritual gewisse „Nebenwirkungen“ hinter sich herziehen werden würde.
Unannehmlichkeiten fühlte ich jedoch keineswegs – im Gegenteil -: Meine Rolle in diesem Theater erfüllte mich mit Stolz. Auch wenn Charles so geistesabwesend sabbernd und mit gläsernen Pupillen zum Vollmond schielte, als hätte Luzifer höchstselbst seine Seele an sich gerissen oder er entspränge direkt dem Irrenhaus.
Wie dem auch sei… Er war wieder zurück. Endlich. Wir machten uns direkt auf den Weg, um den Ritus vervollständigen zu können.
Ihn durch die stillen Korridore führend, erzeugte das Schleifen seiner Robe auf den Dielen ein sandiges Geräusch. Seine Schritte hinter mir hingegen waren nicht zu hören, da bei ihm der Kontakt zwischen Boden und Füßen ausblieb, obgleich sie in diesem katatonischen Zustand ohnehin außer Frage stünden; bei dem seine kreischartige Grimasse weiterhin so ungerührt blieb, als hätte man ein Gähnen eingefroren.
»Ich hoffe, es hat Ihnen nicht allzu viel abverlangt, drei lange Jahre auf diese Weise in den Schatten zu wandeln, nachdem sie damals, vom Schiff aus, die Beschwörung des Schlüssels auf die Erde ausgeführt hatten. Als ich das Wrack derart verwüstet vorgefunden hatte, dachte ich zuerst, etwas sei schiefgelaufen. Dabei hat die Entität einfach nur einen höheren Tribut eingefordert, als wir es kalkuliert hatten, um die Zahnräder in Gang setzen zu können. Wie dem auch sei… «
Ich sprach weiter: »Unser Plan, Fred mit dem ersten Schlüssel zu konfrontieren, war ein voller Erfolg. Sie hatten den Burschen korrekt eingeschätzt. Nun müssen wir uns nur noch gedulden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch die restlichen beiden dunklen Tore gefunden und aufgeschlossen werden.«
Inzwischen verharrten wir vor der verstorbenen Lady Dian E. Greyhound. Oder besser gesagt vor ihrem Porträt, da wir das benötigten, was sich dahinter seit den letzten Jahren hinweg dort in einem Geheimfach befand. Ich bin der, der es damals vor allen anderen vom Schiffswrack geborgen hatte, auf Charles früherer Anweisung: Ein Hexenbuch, in welches er zuvor seine Seele sowie seine früheren Erinnerungen mit dessen Blut überschrieb, so wie es das schwarze Ritual vorsieht.
Ich hielt es ihm hin, worauf sich das Buch seiner Schwebe gesellte. Dort verblieb es auf Brusthöhe, von wo es sich von vorn bis hinten selbst durchblätterte, als stürmen Winde darüber. Und er schrie, als ob jeder Seitenschlag bei ihm höllische Qualen verursachte.
Danach schlug sich das Buch zu. Seine Augen begannen wie Glut aufzuleuchten, gleichzeitig hoben sich seine Arme auf religiöse Weise zur Seite hinweg.
Schließlich begann jenes höhere Wesen mit bebender Stimme zu sprechen:
»Wer ihr auch immer seid… es ist wahrlich beeindruckend, dass ihr es bis hierher geschafft habt… Endlich vermag ich nach so vielen Jahrtausenden wieder frei zu reden. Mein Name lautet Dragul Miraguis. Ich bin der, den sie unter anderem „das verfluchte Balg“ nannten. Einst herrschte ich in einem weit entfernten Sonnensystem. In einer weit entfernten Welt. Ich lebte in einem Turm in der schwarzen Wüste, wo sich die drei dunklen Planeten mit dem Horizont vereinen. Dies war das Reich, das mir allein zugesprochen war. Doch wurde ich von den Ältesten, den anderen Hexenhäuptern, von den anderen Welten betrogen. Zu groß war ihre Furcht vor meiner Wesenheit und vor meinem Tun… Sie versiegelten mich auf alle Zeit – mein einziger Halm, um meinem Geiste ein Überdauern der Äonen zu ermöglichen, war es, einen der verbotenen Flüche der schwarzen Magie auszusprechen –: die Seelenteilung durch die drei Tore der Wiedererweckung. Eine Formel, die der Flötenspieler Utarian einst auf seiner Flöte spielte, als er noch kein Wächter und das Universum noch jung war. Jene unheilvollen Töne, die er nicht mehr aus dem interstellaren Raum nehmen konnte; letztlich zu meiner Gunst. Ich bin euch zu tiefstem Dank verpflichtet und verneige hiermit mein Haupt gegenüber eurer Loyalität. Denn ihr seid nicht nur die Finder des Schlüssels, auch habt ihr das erste Tor erfolgreich geöffnet und mir ein Opfer gebracht. Eurer Hilfe ist es zu verdanken, dass sich mein Zustand, von in einem Verlies angekettet zu sein, nun zum Zustand der Inkubation wandeln konnte. So wie es die Metamorphose der Larve gedacht, bei der die Larve sich zum schützenden Kokon einhüllt, schläft, und eines Tages als Motte zum Monde aufblickt. So werde auch ich es ihr eines Tages gleichtun.
Sobald ich wieder im vollständigen Besitz meiner Macht gelangt bin, sollt ihr reichlich entlohnt werden. Über meine Feinde hingegen… werde ich unvorstellbaren Schrecken bringen. Wer mich verwehrt, soll vernichtet werden. Ihm soll dasselbe Schicksal zuteilwerden wie Alles, das sich mir bereits zuvor widersetzte: Sie sollen zu Ruß zerfallen, und unter meiner Wüste begraben werden. Nur wer mir treu ergeben ist, behält das Existenzrecht. Es ist meine Bestimmung, Herrscher über Zeit und Raum, Herrscher allen Lebens sowie Herrscher des gesamten Universums zu sein. Der erste Schritt ist vollzogen worden. Nur noch zwei weitere Schlüssel müssen gefunden werden, dessen Standort allein der Fluch bestimmen wird. Nur noch zwei weitere Tore, hinter denen ich regungslos lauern werde, auf dem Throne sitzend. Stufe für Stufe werde ich mich erneuern. Suchet ihr Lämmer und ihr werdet finden. Folgt den Vermittlern zwischen den Welten. Und blicket stets in die Tiefe des finstren stillen Alls. Erwartet dort mein Kommen als Prophet des Chaos, Prophet der Finsternis und Bringer aller Unterjochung.
Zwar mag mein Geist gleich wieder verstummen, da der fortwährende Schlaf wieder nach mir ruft… Trotzdem werde ich immer ganz in der Nähe sein… weiterhin werde ich euch aus den Schatten heraus beobachten… so, dass man sich vor mir niemals sicher fühlen wird… auf jetzt und auf alle Zeit… Nun denn… Gehabt euch wohl, ihr niederes Gewürm…«
Nach dieser Ansprache verschwand der dunkle Geist. Charles Verstand war wieder zurückgekehrt, worauf einige Wochen vergingen. Mein Gedächtnis war nicht mehr das jüngste gewesen, weswegen mir noch eine letzte Frage auf der Zunge brannte:
»Eine Sache müssen Sie mir noch verraten… Warum das ganze Unterfangen? Warum all der Aufwand? Was haben wir davon, dem dunkelsten Universalherrscher zur Auferstehung zu verhelfen?«
Charles antwortete: »Sehen Sie Michal… Wie weit wir auch in der Geschichte zurückblicken; seit Jahrtausenden zieht das Wesen des Menschen eine dicke Blutspur hinter sich her. Es mag fortschrittliche Zivilisationen geben, die ohne Kriege nie hätten entstehen können; doch geht es letzten Endes immer um Ressourcen, Vormachtstellungen und Überzeugungen.«
Es folgte eine Pause, als er seine nächsten Worte überlegte…
Weiter sprach er: »Wir schreiben nun das Jahr 1953; der große Krieg, die beiden Massenvernichtungsexplosionen über Fernost, all der Fanatismus: all dies liegt keine acht Jahre zurück, und es braucht keinen Historiker, um sagen zu können, dass der Entwicklungspfad des Menschen von Anfang an mit einem selbstzerstörerischen Dominoeffekt einhergehend, nur zum eigen-vorherbestimmten Ende führen wird.
Aufgrund dessen braucht es einen universalen Herrscher aus dem All. Einen echten Gott, der die Massen mit Angst und Schrecken kontrolliert. Andernfalls ist es um uns alle geschehen. Du und ich, Michal, wir sind die Erlöser!«
Und damit beantwortete er mir meine Frage.