
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Kapitel 1
Die erschöpften Augen des Thomas M. Walter
Grau, soviel kannte ich und hatte ich zuvor schon einmal gesehen. Doch gefühlt nicht in diesem Ausmaß. Grau war wohl alles, das ich an diesem Tag sehen konnte. Einem Thriller kubrickschen Ausmaßes gleich kam es mir fast vor. So wunderschön und doch so furchteinflößend war diese Landschaft. Also zumindest was man davon sehen konnte. Und das war nicht sehr viel.
Als er zu der Reise in den Süden antrat, wusste ich, dass es nicht schön werden würde. Ich wusste auch, dass ich meine Stadt so schnell nicht wiedersehen würde. Meine Frau würde mir nicht folgen. Unsere Ehe war sowieso nicht mehr von Liebe und Freude übersät. Eher hatte meine Arbeit uns entzweit. Meine Kinder mochten mit mir vielleicht noch reden wollen, doch ihre Mutter entzog sie mir förmlich. Aber ich sollte darüber nichts in meinem Tagebuch vermerken. Waren doch die Erinnerungen an das, was man mir genommen hatte, zu schmerzhaft. Ich sollte auch nicht von meinem Dienst und von meinen letzten Ausflügen in so manch einschlägiges Etablissement schreiben. Dieses Tagebuch sollte eher ein Neuanfang sein. Genauso wie meine Reise.
Ich hasste es, neu anzufangen. Ein komischer Satz, wenn man bedenkt, dass ich meine Karriere bei der Polizei in Frankfurt begonnen hatte und noch nie neu anfangen musste. Doch bereits dieses Gefühl, mein altes Gefilde zu verlassen. Mich an einen neuen Ort zu gewöhnen, mit neuen Menschen. Menschen, die ihre eigenen wohl komplett mir abgeneigten Lebensstile und Verhaltensweisen haben. Verhaltensweisen, welche mir vielleicht auch gar nicht gefallen mögen. Welche einfach nicht zu mir passen würden. So fühlte ich etwas, was mir bisher noch gänzlich neu war. Ich fühlte mich fremd oder, eher gesagt, unpassend. Und dazu gesellte sich dann noch eine große Portion Angst. Wie sollte ich mich in eine derartig andere Gesellschaft einfügen? Würde ich überhaupt mit der wohl etwas traditionelleren oder rabiateren Art der Menschen hier klarkommen? Vom kulturellen Unterschied zwischen Frankfurt und dem südlichen Bayern wollte ich gar nicht erst anfangen. All das vermischte sich zu einer Art kindlichen Angst. Einer Angst, die ich wohl zuletzt so als kleines Kind fühlte, als ich mitsamt einer Klasse voll Menschen, die mich ärgerten und hassten, eine Woche auf Klassenfahrt gehen musste, bevor ich mich wieder zu Hause in Mamas Schoß verstecken und ausweinen konnte.
Ich fühlte mich einfach schwach. Und ich dachte, dieses Gefühl nie wieder fühlen zu müssen. Doch es kam wieder. Ich hatte viele Ängste überwunden. Die Angst vor der Dunkelheit bei den nächtlichen Razzien im Bahnhofsviertel Frankfurts und den Verfolgungen bewaffneter Verdächtiger durch einschlägige Lokale und dunkle, enge Gassen, hinter deren Ecken sich jederzeit Gefahr befunden haben konnte. Oder meine Höhenangst. Doch das ich eine andere Geschichte. Und ich wollte ja nicht wieder mit den alten Kamellen von Räuber und Gendarm anfangen. Ich wollte mit diesem Buch neu anfangen und das tue ich hier auch.
Doch eine Sache sollte gesagt sein. Ich bin einerseits sehr aufgeregt und gespannt auf den neuen Ort, den ich hier kennenlernen werde. Andererseits bin ich auch etwas verunsichert. Die Menschen hier kennen mich zwar noch nicht, doch dürfte sich meine Geschichte vielleicht schon in die Reihen der Polizei dieses nicht gerade kleinen Kurortes herumgesprochen haben. Ich hoffe also, dass die Menschen nicht schon Geschichten über mich erzählen oder gar in ihren Köpfen bereits überzogene Profile über mich erstellen. Ich bin, wie bereits schon einmal erwähnt, aufgeregt, werde aber versuchen, den Antrittsbesuch in meiner neuen Heimat so professionell wie möglich hinter mich zu bringen.
Als man mir sagte, ich solle doch in den Süden wechseln, meinte man, ich solle doch einmal etwas für mich tun. Zur Ruhe kommen und alles vergessen. Dinge verarbeiten beziehungsweise versuchen, die Vergangenheit hinter mir zu lassen. Auch wenn ich meinem ehemaligen Vorgesetzten immer noch ins Gesicht schlagen möchte, finde ich, dass an dieser ganzen Sache doch wohl etwas dran ist. Ich sollte zumindest versuchen, mir das einfache Leben und die Ruhe des bayerischen Staatsdienstes, von welchem in Film und Fernsehen ja immer so viel berichtet wird, gutgehen lassen. Versuchen, die Vergangenheit etwas zu vergessen und nach vorne zu sehen.
Langsam öffnet sich der noch etwas dickere Nebel und gibt ein wenig mehr von der Landschaft frei. Es war irgendwie schön hier. Lange hatte die Fahrt gedauert, bis ich schließlich von Frankfurt über München mein Ziel erreicht hatte. Talberg am Inn. Ein etwas größerer Kurort, noch etwas entfernt von Bayerns atemberaubender Gebirgswelt und seinen Touristenhochburgen.
Talberg, dass kannte man im Volksmund eher weniger. Nur in seltenen Fällen zeugten kurspezifische Bücher beziehungsweise Journale oder auch mal Reisemagazine, welche sonst in eben diesen Büros ausliegen, auch in entfernten Mittel- oder sogar norddeutschen Gefilden von eben diesem Ort. Dem kleinen Kurbad mit seinem angeblich ach so heilsamen Schlamm und seinen heißen Quellen.
Es sollte für mich also höchstwahrscheinlich ein Abstellgleis sein. Ein Job als Polizist in einem Kurort, in dem sich allerhöchsten Menschen im höheren Alter, welche ihr Gebiss oder ihre Haftcreme verlegt haben, bei der Polizei melden. Viel Interessantes wird wohl die nächsten Jahre nicht passieren. Also lehnte ich mich in meinem Sitz etwas zurück. Die Sitze der Deutschen Bahn sind grundsätzlich sehr bequem. Nicht für jeden, doch für mich, der ein Kreuz besitzt, welches einiges aushält, fühlt es sich nicht schlecht an. Ich beobachte die immer besser werdende Sicht, da der Nebel im Tal am frühen Nachmittag wohl komplett aufzuziehen scheint, und entspanne ein wenig.
Es ist wohl das erste Mal in den letzten Monaten, dass ich ein wenig zur Ruhe komme. Zumindest versuche ich das, so gut es geht. Die letzten Wochen und Monate hatten mich einfach zu viel beschäftigt. Es war schwer, dann auch mal ein wenig runterzukommen. Der Zug zog sich weiter über den Talrand entlang abwärts Richtung Endstation. Talberg hatte bereits ein paar Jahre, nachdem in den 1930er Jahren die heißen Quellen und kurz darauf auch der heilsame Schlamm eben derer entdeckt worden war, einen eigenen Bahnhof bekommen, um Touristen bzw. Kurgäste, welche das Bad besuchen wollten, zu empfangen. Seitdem ist der Fremdenverkehr wohl die Haupteinnahmequelle des Ortes. Und dieser floriert, das sagte man mir vor meiner Abfahrt.
Ich drückte einen Knopf an meinem Sitz und lehnte mich entspannt zurück. Bald würde ich da sein. Vielleicht dauerte es nur noch eine halbe Stunde. Vielleicht noch etwas mehr. Der Nebel war an diesem Montag noch ziemlich dicht. Deshalb fuhr man etwas langsamer, um nicht am Ende von auf den Gleisen liegenden Baumstämmen oder Felsbrocken überrascht zu werden. Doch der dicke Nebel war normal zu dieser Jahreszeit. Es war gerade Herbst geworden. Der erste Frost setzte abends bzw. nachts ein. Im Oktober merkte man das bereits sehr schnell in diesem Tal. Doch der Touristenverkehr war trotzdem gegeben. Die heißen Quellen können ja fast ganzjährig genutzt werden. Und deshalb herrschte auch im Zug noch ein reges Treiben.
Ich sah von meinem Sitz halb liegend aus dem Fenster und beobachtete die Nebelschwaden bzw. die kleinen Fetzen an Aussicht, die es zu sehen gab. Schade, dass es gar so neblig war. Jack Torrance wäre wohl neidisch geworden gegenüber diesem Ausblick, wenn man ihn sehen könnte. Lange dachte ich nicht mehr nach. Meine Augen waren erschöpft und ich nickte, etwas noch in Gedanken schwärmend, ein.