
Die Augen eines Engels
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Keine Ahnung, wer mir das, was ich zu erzählen habe, glauben wird, doch, was mir widerfahren ist, muss ich einfach in die Welt hinausschreien.
Alles begann auf einem historischen Gemäuer, das etwa 80 Meter in die Tiefe ragte. Ich hatte eine weitreichende Aussicht über das Zittauer Gebirge, das ich an diesem Tag hindurch spaziert war. Durch die Schneedecke hatte sich das gesamte Gebirge in eine malerische Winterlandschaft verwandelt und die Kälte war klirrend. Beim Ausblick stand ich gefährlich nahe am Abgrund, war dabei tief in mich gekehrt.
»Na, was ist? Würdest du es wirklich tun? Würde ich …?«
Die Bruchsteinfundamente unter mir reichen bis ins 14. Jahrhundert zurück, als Kaiser Karl den Felsen zur Errichtung eines Klosters abtragen ließ. Dies tat er für die Mönche, die im engen Kontakt mit der Abtei Santo Spirito al Morrone in Sulmona standen. Gleichzeitiger Ursprung des Cölestinerordens. Der Berg diente zuerst als eine Burgfestung, das Kloster kam später hinzu. Archäologen haben die Ruinen nur geringfügig untersucht, sodass einige Rätsel um die Mönche und ihr Kloster stehen, wie beispielsweise nach innen verdrehte Torbögen oder rätselhafte Schriftstücke aus jener Zeit.
Den gleichen Pfaden folgend wie die Mönche in ihren zweiteiligen Kutten und den weißen Kreuzen, die bereits viele Jahrhunderte vor mir auf diesen wandelten, hatte sich wie eine melancholische Zeitreise angefühlt. Es sind schmale Felsgänge und steile Treppenwege, umgeben von einem Wirrwarr aus Felsspalten und geheimen Schleichwegen, wo die tiefgreifenden Schatten die Sicht versperren.
Zuvor, während meines Aufstiegs, peitschte ein eiskalter Schneewind durch die steinernen Flure, der das vom Schneefall freigelassene Geäst zum Wanken brachte, als würde der Geist des Klosterberges selbst mit einer riesigen Hand darüber streicheln. Überhaupt mussten unzählige Geister bei der Bebauung der mittelalterlichen Grundfesten beteiligt gewesen sein, und sicherlich konnten tausende Leidensgeschichten erzählt werden. Der heulende Wind hatte mir bei diesem Gedanken Gänsehaut beschert sowie mich enger in meinen Schal sowie Jackenkapuze verkriechen lassen.
Auf dem Plateau musste ich eine Verschnaufpause einlegen. Kleine Atemwölkchen hatte ich ausgestoßen, während ich durch einen gotischen Fensterrahmen, etwa in Menschengröße gebaut aus Granitstein, blickte.
Beim Gedanken an mein Leben wurde ich schwermütig. Trotzdem kletterte ich unnachgiebig weiter. Mein Ziel war der Vorsprung oberhalb. Ich wollte unbedingt einen Blick in die tiefe Schlucht werfen, um … Ja, warum eigentlich? Erhoffte ich mir Antworten? Wollte ich meinen Geist reinigen? War es nur der Aussicht wegen? Nichts von alldem. Stattdessen waren es wieder die üblichen Gedanken.
Oben angekommen, spähte ich einfach dumm in den Himmel. »Dein beschissenes Leben! Versager!«
Mein Traum, Historiker zu werden, zerplatzte wie eine fragile Seifenblase, durchlöchert von meinen unzureichenden schulischen Kenntnissen. Jegliche Liebesbeziehungen zerbrachen schon nach kürzester Zeit. Gedanken an meine Degradierung von einem geregelten Job in die erbarmungslose Welt der Zeitarbeit durchzogen meinen Kopf. Lohnkürzungen, Mietprobleme – eine endlose Spirale. Und dann die Erinnerungen an meine inzwischen verstorbene Mutter, die mir Halt gab, und meinen Vater, dessen Verstand durch eine Gehirnentzündung dahinschwand.
Kurzum hatte ich die Orientierung in meinem Leben verloren. Ich sah die Welt um mich herum wie durch ein Milchglas. Egal, was ich tun würde, später würde ich ohnehin wieder auf dem Couchsitz an einer Bierflasche nuckeln, ringend mit dem Gefühl, als würden sich Krallenhände hinterrücks um meinen Hals legen und zudrücken, während mich die gelb-stichige, teils abgenutzte Tapetenwand mit dem hässlichen Blumenmuster beobachtete und dabei höhnisch kicherte.
Auch wenn dieser Ort ein altes Kloster war, habe ich meinen Glauben bereits vor langer Zeit verloren. Meine Zweifel im Leben waren allgegenwärtig. Würde ich dort unten etwas spüren? Hätte das Leid dann ein Ende?
Urplötzlich schoss ein glühender Schweif durch den Himmel.
Etwas landete nicht weit von mir entfernt im Schnee. Bereits vom Weiten sah ich Rauch aus einer Lücke aufsteigen.
Neugierig kletterte ich von der Mauer herunter und schlenderte auf dem Plateau zwischen den Ruinen umher, die sich wahllos wie bucklige Riesen aus dem Schnee erhoben, bis an die abgeflachte Stelle, wo ich den Einschlag vermutete.
Es war kein Meteoritenstück, wie ich es zunächst vermutete. Vielmehr überraschte mich, was dort im geschmolzenen Schnee lag: ein Auge.
Das Auge war zu dreiviertel von einem goldenen festen Mantel, der sich in einen kantigen Ring aus eingravierten und unbekannten Schriftzeichen umhüllte, umgeben.
Zuerst berührte ich es mit den Handschuhen, um mich nicht daran zu verbrennen, aber es schien bereits abgekühlt. Als ich es dann mit den Fingern berührte, spürte ich … einen Impuls in meinem Kopf. Allerdings so schwach, so kurz, dass es auch nur Einbildung gewesen sein konnte.
Das Objekt war so geheimnisvoll, so faszinierend, dass ich es rasch einsteckte.
Als sich der Wanderparkplatz wieder meiner Sichtweite näherte, stieg ich ins Auto und fuhr so schnell wie möglich zurück zur nächstgelegenen Kleinstadt, in der ich wohnte. Ich hatte das Gefühl, meinen Fund schnellstmöglich verwahren zu müssen.
…
»Bist wohl hungrig, mein alter Kollege, was?«
Zurück in meiner bescheidenen 45 Quadratmeter Wohnung, schmiegte sich Flocke, mein gestreifter Kater, um meine Beine. »So, hier ist deine heutige Ration.«
Nachdem ich den Futternapf gefüllt hatte, ich das Goldauge genauer untersucht hatte, verstaute ich es in einem Schuhkarton. Vielleicht hatte es einen hohen Goldwert? Dann suchte mich augenblicklich die Müdigkeit heim. Mit müden Knochen schmiss ich mich auf die knarzende Matratze, wo sich Flocke fünf Minuten später neben mir zu einem Ball zusammenrollte. Langsam dämmerte ich dahin.
Zuerst war die Sicht verschwommen. Langsam nahmen die Umrisse um mich herum Form und Farbe an. Ich fühlte Laub, Wurzeln und Erde unter mir, dann stand ich auf und bemerkte, von Moos bedeckten Bäumen umringt zu sein, an denen sich Schlingpflanzen labten und sich Sonnenstrahlen durch die Baumkronen kämpften. Die Blätter waren stattlich, die Blüten boten ein unglaubliches Farbspektrum. Der Duft von süßem Nektar, der von den Bäumen floss, an denen die schmackhaftesten und exotischsten Früchte hingen, war betäubend, und die Vegetation könnte je kein Künstler der Welt zur Leinwand bringen. Gleiches galt für die vielen Schmetterlinge und sonstige Artenvielfalt, die hüpfte, kroch und flog. Eine solche Umgebung hatte ich noch nie gesehen, und ich habe keine Ahnung, wie es mich hier her verschlagen hatte.
Ich wanderte so lange durchs Dickicht bis zu einem geeigneten Aussichtspunkt. Im Hintergrund erstreckte sich ein Wellen schlagendes Meer aus Wäldern, und eine antike unbekannte Stätte erhob sich aus der Ferne mit mediterranen Säulen, Hallen, Terrassen und Podesten so großflächig wie die Hafenstadt Piräus aus dem alten Griechenland. Plötzlich befand ich mich in einer dieser Hallen. An der Decke befand sich ein gigantisches Mosaik mit geflügelten Wesen. An den Wänden waren verschiedene Reliefs davon, wie sie kopfüber herunterhingen, sowie fremdartige Hieroglyphen. Das handwerkliche Geschick dahinter ließ mich irgendwie mulmig zumute werden.
In einer Viereckformation um eine große Knospe herum – sie schien schlummernd auf ihr bevorstehendes Erblühen zu warten – standen vier Brunnen mit sprudelndem Wasser.
Wie fremdgesteuert legte ich meine Hand auf die Knospe. Und als ich dies tat, die Knospe duftete nach Bienenwachs, Lavendel, Zimt und Zitrone, begann sich diese langsam zu öffnen – indessen der vorherige Duft sofort in einen Verwesungsgeruch umschlug, der aus dem Inneren der Blume zu kommen schien.
Ich warf einen Blick hinein und erkannte mich selbst mit meinem Kater im Arm. Wir beide waren bis aufs Gerippe ausgezehrt worden. Kein Leben mehr in uns.
Stunden später, Gott sei Dank erwachte ich aus diesem Albtraum, schlug ich die Decke zur Seite, um meine Blase zu entleeren. Ich war erleichtert, dass Flocke wie immer dalag. In der Küche füllte ich mir ein Glas mit Wasser. Als ich mich daran nippend umdrehte, bemerkte ich, dass Flocke mir in die Küche gefolgt war. »Na Kumpel, hattest du auch so einen merkwürdigen Traum wie ich?« Ein Miauen war die Antwort.
Der scheußliche Traum war zwar vorbei. Aber scheinbar bloß zum Austausch eines neuen Albtraumes, der schon bald in der Realität eintreten würde. Denn als ich ins Schlafzimmer zurückkehrte, ich einen Blick in den Schuhkarton geworfen hatte, überkam mich Sprachlosigkeit. Ein Augenpaar starrte mich direkt an. Nein, viel mehr war es ein halbes Gesicht, das in der Box lungerte. Es hatte schmale, fleischlich-rote Ränder an den scheinbar unterentwickelten Übergängen. Erschrocken schloss ich den Deckel.
Eine Zeit lang wagte ich keinen Blick in den Schuhkarton und widmete meine Aufmerksamkeit vorerst dem tristen Tagesgeschehen.
Es folgten ein, zwei weitere Nächte merkwürdiger Träume. Das Kratzen vom Wind an den Giebeln sowie ein schwaches Hin und Her Poltern um ca. 1:00 Uhr Nachts waren, was mich in dieser Nacht aufweckte und dem ich schlaftrunken und argwöhnisch nachgegangen bin. Ich erahnte nichts Gutes im Schuhkarton. Ich hob den Deckel hoch. Schloss ihn wieder. Entsetzen. Ich erkannte nicht viel im Karton, aber was ich erkannte, war die schemenhafte Form eines Kopfes mit langen Haaren und das Gefühl, von diesem angestarrt worden zu sein, … hätte ich das Auge lieber auf dem Klosterberg lassen sollen? Was geschah hier?
Es waren inzwischen ein oder zwei Wochen nach Weihnachten (ich feierte allein mit meinem Kater), als mich abermals bizarre Träume aus dem Schlaf rissen. Dann bemerkte ich etwas: Zunächst sah ich sie nur verschwommen, jedoch nachdem ich meine Augen gerieben hatte, ich den leeren Schuhkarton auf dem Boden bemerkte, blickte ich in die Augen einer fremden Person in meinem Schlafzimmer.
Zuerst jagte sie mir einen enormen Schrecken ein, doch dieser schlug in Verblüffung um. Am Fenster, im hellen Mondschein, stand ein Mädchen mit Flügeln. War ich etwa doch nicht wach? War das wieder ein Traum?
Es war nackt und von solch überwältigender Schönheit und Anmut, wie ich es kaum zu beschreiben vermochte. Die Haare waren seidig-hellblond, gelockt und lang, was mich an ein Gemälde aus der Renaissance erinnerte. Ihre Augen leuchteten mystisch, die Wimpern lang und hell.
Auf keinen Fall konnte sie von irdischer Abstimmung sein. Es musste sich um einen waschechten Engel handeln, der mir zugesandt worden ist.
Vorsichtig erhob ich mich, woraufhin sie sich auf mich zubewegte, ihre Augen nicht von mir wendend vor mir stehen blieb und ihre Hand auf meine Wange legte. Mit monotoner, dennoch sanfter Stimme, sagte sie: »Willst du mich nicht berühren?«
Ich tat, was sie sagte, allein schon, um der Vorstellung eines Schlaftraumes zu entsagen. Ihre Haut war zart und aschfahlen. Dann wieder jener kurze Impuls.
»Mein Name ist Haniel. Ich kenne deine tiefsten Wünsche und Sehnsüchte. Hier bin ich nun …«, sagte sie liebevoll.
Meine Hand glitt langsam über die Wölbung ihrer weichen, perfekt geformten Brüste. Fuhr dann sacht über ihre Brustwarze. Weiter herunter bis unterhalb ihres Bauchnabels und schließlich noch etwas tiefer … Etwas an ihr entzog mir jeden klaren Gedanken und versetzte mich in einen berauschenden Gefühlszustand, sodass meine Lippen die des Engelsmädchens berührten.
Flocke sprang fauchend von der Matratze auf, wo er sich sonst immer sein Plätzchen suchte und tippelte verstört davon. Normalerweise war Flocke immer menschenfreundlich, auch Fremden gegenüber. Es verwunderte mich.
Zum Schluss hatte ich sie zu meinem Schlafplatz herüber geleitet, wo wir die Nacht gemeinsam verbrachten.
…
Langsam drang diffuses Licht durch die halb geschlossenen Fensterläden hinter den vergilbten Gardinen meines Schlafzimmers, dessen Einrichtung sich auf einen maroden Kleiderschrank und einen angerissenen Teppich begrenzte.
»Sag mal, wie ist das alles überhaupt möglich? Zuerst als Auge vom Himmel zu fallen und jetzt neben mir zu liegen, ist für mich immer noch nicht greifbar.«
Das war meine erste Frage, als wir nebeneinanderliegend wach wurden.
»Mein Vater hat mich entsandt, um in einer anderen Umgebung wie ein Samenkorn zu keimen und meiner selbst zu finden«, erklärte sie.
»Okay, und … woher kommst du?«
»Ich komme von einem Ort, wo die Sterne tot sind. Wo vor langer Zeit alles erblühte, wie es keine Feder zu beschreiben vermag, wo Säulen den Himmel berührten.«
Ihre Antworten waren rätselhaft, aber stellten mich auch zufrieden.
Ich konnte das alles immer noch nicht verarbeiten, und doch war ich irgendwie glücklich. Ich machte ein paar schlechte Witze, um eine Gefühlsregung aus ihrer Mimik zu entlocken – erfolglos.
Jedenfalls erhob ich mich aus dem Bett, zog mich an, zeigte ihr die Dusche und wie sie das Wasser auf warm oder kalt stellen konnte.
Nachdem ich den Engel in ein knielanges T-Shirt von mir gesteckt hatte (ein paar Nummern zu groß für sie), mit einem Donald Duck-Logo darauf, sie in meine kleine Küche zum Esstisch führte, suchte Flocke zum zweiten Mal das Weite.
Ich habe ihr ein Sandwich zubereitet, mein Lieblingssandwich mit Schinken und Tomaten und platzierte es vor ihrer Nase auf ihrer zugewiesenen Seite des Tisches.
Ich erwartete irgendeine Reaktion, aber sie hatte das Sandwich nicht angerührt, stattdessen waren ihre Engelsaugen auf mich gerichtet.
Ich fragte: »Bist du nicht hungrig … oder lass mich raten Vegetarier?«
»Vater sagte, ich solle vom Leiblichen nach meiner Ankunft zerren, so wie es einst aus der Erde selbst geformt; wie Lehm zu Fleische und Wasser zu Blute; dann wieder zur Erde werde.«
Unklar ihre Antwort einzuordnen, sagte ich bloß, »meine Vorräte im Kühlschrank sind zwar überschaubar, aber ich schaue mal, ob ich dir was Anderes zubereiten …-« Mein Satz wurde abgeschnitten, da es plötzlich an der Tür klingelte.
Ich schritt aus der Küche, schlenderte in meinen gestreiften Socken durch den schmalen Flur (wo mir an der Ecke der Kommode ein Spinnennetz ins Auge fiel und mich daran erinnerte die Stube dringend abzustauben) und öffnete verdutzt die Tür, da ich keinen Besuch erwartet hatte. Ich kannte nur eine Person, deren Kinn so markant und spitz zulief, als wäre sie eine lebensechte Karikatur: Es war Dietmar ein alter Bekannter.
Besuch konnte ich in diesem Moment eigentlich überhaupt nicht gebrauchen, da ich mit wichtigeren Dingen beschäftigt war, auch wenn wir gelegentlich etwas tranken.
Zuerst wollte ich deren Begegnung verhindern, doch befand sich Dietmar bereits in der Küche, wo das Morgenlicht die knittrige Tischdecke erhellte, das durchs milchige Küchenfenster einfiel. Dort, wo sie saß. Sein Mund öffnete und schloss sich in unregelmäßigen Abständen. Ich trat neben die beiden und überlegte mir eine Notlüge.
»Das ist … Hanna. Wir haben uns erst kürzlich kennengelernt …« Da ich ‚Haniel‘ als zu fantastisch empfand, überlegte ich mir einen Spitznamen.
Dietmars Antwort kam prompt: »Mensch! Da hast du dir aber Eine klargemacht«, wobei er mir erstaunt auf die Schulter klopfte, »du scheinst mir um einiges voraus zu sein!« Seltsamerweise schenkte er den Flügelansätzen keine Aufmerksamkeit, als ob diese nicht sichtbar wären.
Dietmar war immer auf Zack und ließ nichts anbrennen. Das spiegelte sich auch im Vorschlag wider den winterlichen Jahrmarkt zu besuchen, der geöffnet hatte.
Ich zögerte einen Moment, bevor ich sagte: »Ich habe eigentlich vor, das Haus aufzuräumen und ein paar Dinge zu erledigen. Der Jahrmarkt klingt verlockend, aber ich sollte mich um die Wohnung kümmern …«
Dietmar ließ sich nicht entmutigen und setzte sein charmantes Lächeln auf. »Komm schon, Jonas! Ein bisschen Ablenkung wird dir guttun. Das Haus wird nicht weglaufen. Du kannst morgen aufräumen.“
Ich überlegte kurz und … warum eigentlich nicht? Ich könnte ihr ein wenig unsere Gepflogenheiten zeigen. Hanna saß einfach nur da und schaute uns an. Dietmar näherte sich ihr leise und meinte: »Komm schon, Hanna, es wird dir gefallen! Der Jahrmarkt wird eine willkommene Abwechslung sein.“
Nach apathischem Zögern schien uns Hanna zu begleiten, und wir drei machten sich auf den Weg zu dem festlich geschmückten Jahrmarkt.
Auf dem Jahrmarkt erlebten wir viele aufregende Dinge. Dietmar war kaum zu bremsen und stürzte sich von einer Achterbahn auf die nächste, während ich still beobachtend neben ihm herging. Dietmar verhielt sich kindisch und wollte unbedingt mit ihr einige Attraktionen aufsuchen. Aber Hanna hatte stets diesen regungslosen Gesichtsausdruck, als ob sie ihn und die ganzen Attraktionen gar nicht wahrnehmen würde.
Trotz des anfänglichen Zögerns brachten wir die Zeit auf dem Jahrmarkt zu Ende – jeder auf seine eigene Weise. Nach einigen Stunden kehrten wir schließlich zu meiner Wohnung zurück, wo wir am Küchentisch den Tag ausklingen ließen.
Ich unterhielt mich noch etwas mit Dietmar. Kurz darauf klingelte das Telefon.
Ich ließ die beiden kurzerhand alleine, um in die Stube zu springen und abzunehmen. Es war mein Vermieter, der wissen wollte, wann mein Zahlungsnachtrag einging, der überfällig sei. Zehn Minuten verbrachte ich also am Hörer mit Erklärungen und Versprechungen, die sich in Wendungen, Phrasen und einer schlechten Funkverbindung verfingen …
Wir waren kurz vor einer Einigung und davor, das Telefonat zu beenden, als ich einen Schrei von Dietmar als auch ein Rumpeln von Möbeln aus der Küche vernahm.
Sofort legte ich auf, um nachzusehen …
Dietmar verharrte in einer Ecke, wo er sich verstört und mit schmerzverzerrtem Gesicht den Nacken hielt.
Hanna lag auf dem Küchenboden, und ein Stuhl lag umgestoßen. Sie dort liegen zu sehen, ließ mich sofort Rot sehen! Der Gedanke, dass sie sich verletzt haben könnte, war für mich unerträglich.
»Raus mit dir! Sofort!« Ich packte Dietmar am Kragen und drängte ihn ohne Not aus der Wohnung. Sein verwirrter Gesichtsausdruck glich dem eines von der Polizei Falsch-Verdächtigten.
»Alter! Sie hat mich plötzlich angegriffen! Ich musste sie von mir …-« Ich schlug ihm die Tür vor der Nase zu, da ich keine Ausreden hören wollte. Vor der Tür vernahm ich noch stumpf von ihm, dass hier etwas nicht stimme, und ich mich in Acht nehmen solle. Und so weiter und sofort … Als ob mein Engel so etwas tun würde. ‚Ja, ich sah Dietmar zwar am Nacken bluten, aber das konnte auch von allem Möglichen stammen. Vielleicht sogar selbst zugefügt? Um sich womöglich selbst an sie heranzumachen!‘
So verrückt es sich auch anhörte, aber so dachte ich zu jener Zeit.
Nachdem ich mich um ihr Wohlbefinden vergewissert hatte, dass ihr der Idiot nichts angetan hat, war die Sache für mich erledigt. Am nächsten Tag nahm ich die vielen Bierdosen, alten Pizzakartons und sonstigen Müll ins Visier, der sich innerhalb der letzten Monate in meiner Wohnung angestaut hat. Ich zog mir also Handschuhe über, holte gleich mehrere Plastikbeutel hervor, holte Lappen und Reinigungsmittel und putzte. Denn mein schäbiger Wohnzustand war dem eines Engels nicht würdig. Am Ende stapelten sich draußen bei den Mülltonnen ganze sieben Müllsäcke, die ich stolz zusammengetragen hatte. Ich war hoch beflügelt wie lange nicht mehr.
Später musste ich über den Nachmittag zur Arbeit, wobei sie mich wie ein fremdartiges Kunstwerk ansah, was mich aber nicht sonderlich störte. Ich schloss also ab und verließ die Wohnung.
Beim Verpacken und Verladen verschiedener Kartons in der Lagerhalle sprach mich Georg, ein Kollege, auf meine neue motivierte Art und dass ich wie ausgewechselt wäre an, worauf er neugierig wissen wollte, ob mir etwas Positives widerfahren sei, auf das sich meine neue positive Einstellung bezog.
Ich antwortete ihm schlicht, dass es da jemanden gäbe, mit dem ich zusammengezogen sei und dass mir dieser Umstand neue Energie verliehen hatte. Georg dachte sich seinen Teil, worauf seine Mundwinkel ein Lächeln bildeten. Davon, dass zuerst ein Auge vom Himmel fiel – dass dieses bizarre Ereignis ausschlaggebend für die Veränderung in meinem Leben gewesen war -, erzählte ich ihm natürlich nicht. Nichtsdestotrotz konnte ich euphorisch und mit gutem Gewissen in die Zukunft blicken.
Nur durch den Engel verstand ich nun um die Wichtigkeit eines verantwortungsbewussten Daseins. Wenn ich mich nicht um jenes Geschöpf, das mir der Himmel zugesandt, kümmerte, … wer würde es sonst tun? Ich fing sogar allmählich damit an, unsere Begegnung als eine Aufgabe, ein Geschenk Gottes anzunehmen. Für sie zu sorgen, könnte mein neuer Lebensinhalt werden. Der Trost, den ich im Alkohol suchte, könnte endlich Vergangenheit sein.
Vielleicht war dies sogar der Sinn des menschlichen Daseins? „Kümmere dich um einen anderen Menschen, und der triste Alltag wird Goldwert,“ so in etwa.
…
Nach der Arbeit tunkte die im Horizont verschwindende Wintersonne sämtliche Alt- oder Neubauten, Straßen und Kirchturmspitzen ins Zwielicht, und die Temperaturen waren nun etwas abgesackt. Ich beschloss beim Discounter anzuhalten, da die Lebensmittel zur Neige gingen und ich für meinen Gast ein besseres Nahrungsangebot beschaffen wollte, da Engel anscheinend ziemlich wählerisch sind.
Als ich mit den vollen Einkaufstüten durch die Tür meiner Wohnung schritt, wunderte ich mich darüber, dass kein Licht brannte. Bevor ich die Wohnung verlassen hatte, waren die Lichter noch an, auch der Fernseher lief. Ich betätigte den Lichtschalter. Mich überkam zusätzlich durch die ohrenbetäubende Stille das seltsames Gefühl, als ob mich etwas Böses erwartete; zumal ich eine rötliche Spur am Boden erblickte … was aussah … wie Blut? Ich folgte der Spur, die mich tiefer in die Wohnung führte … und bei dem, was ich dann erblickte, ließ ich die Einkaufstüten auf den Boden fallen, Kartoffeln und Tomaten kullerten auf dem Boden herum.
Mir wurde übel, ich rang nach Luft und glitt zitternd zu Boden. Mit kaum richtig hervorgebrachten Worten, »w-was ist hier passiert …«, schaute ich an Hanna an, die mit blutverschmierten Mund sowie Oberkörper ruhig dagesessen hatte.
Flocke war bloß noch eine Hälfte, lag in seinem eigenen Blut und dessen Innereien ragten aus dem leblosen Oberkörper.
Ich packte sie zuerst am Arm, zog sie ruppig zu mir hoch und wollte wissen: »WAS HAST DU GETAN?!«
Doch dann trafen mich wieder ihre Engelsaugen. Woraufhin ich meinen Griff von ihr lockerte, losließ und mich augenblicklich beruhigt hatte. Doch wieso? Es war Flocke … Mein geliebter Flocke!
Am nächsten Tag wollte ich ihn vergraben. Der Schneeregen hatte den Boden aufgeweicht, sodass meine Gummistiefel beinahe verschluckt wurden. Hanna beobachtete mich regungslos vom oberen Fenster aus, wie ich unter Tränen Spatenstich für Spatenstich die Grube für Flocke ausgehoben hatte. Wäre er ein Mensch gewesen, wäre er 52 Jahre alt geworden. Ich hatte den Kater beim Verlassen des Elternhauses mitgenommen, da er mir gegenüber am zutraulichsten war. Letztlich verabschiedete ich mich von ihm. Musste mich von ihm verabschieden, da sich die Erdkugel nun mal ohne Rücksicht auf Verluste weiterdreht.
Als ich mit der Schaufel zurückkehrte, erwartete mich Hanna an der Türschwelle, wobei sie mir nochmals liebevoll die Hand auf die Wange legen wollte. Zum ersten Mal wies ich sie ab und schritt an ihr vorbei. Der Tag endete mit zwei Aspirin.
Der nächste Arbeitstag war nervenzehrend. Einige Streitgespräche und die Gewissheit, dass ich keinen Napf mehr zu füllen hatte, setzte mir ziemlich zu.
Als ich nach der Arbeit nach Hause zurückkehrte, fiel mein Blick auf den hässlich dekorierten Tannenbaum im Garten der Nachbarin, immer nach der Weihnachtszeit warf sie ihn sozusagen aus der Wohnung, nachdem er seinen Zweck erfüllt hatte, was mir jedes Jahr zuvor ein schiefes Lächeln entlockte. Dieses Jahr aber blieb meine Laune so starr und kalt wie der Wolkenhimmel.
Mich überkam zum zweiten Mal ein beklemmendes Gefühl, als ich meine Wohnungstür öffnete.
»Hanna? Wo bist Du?« rief ich, während ich alles abklapperte. Mir schlug eine erlahmende Stille entgegen. Ich wurde sichtlich nervös, als ich bemerkte, dass der Engel, der mir bis jetzt immer Gesellschaft leistete, fort war. Ich durchsuchte jeden Raum, rief ihren Namen. Nichts.
Ich stürmte auf die Straße heraus, bis zum Ende der einsam verschneiten Altbauten – überall, wo sie sein könnte, in der Hoffnung, sie wiederzufinden. Mein Herz pochte und der Gedanke, sie verloren zu haben – zurück in den Boden des einsamen Lebens gestampft zu werden – ließ mich verzweifeln. Ich rief laut ihren Namen, doch ich bekam sie nirgends zu Gesicht. Ich pochte auf jeden Hinweis, auf die kleinste Bewegung meines Umfelds. Wo war sie nur abgeblieben?
War ich gestern zu brutal zu ihr, als ich sie am Arm hochgezogen hatte? Aber wer könnte mir meine Reaktion auch verdenken bei dem, was mit meinem Kater passiert ist …? Ich konnte es nicht sagen.
Plötzlich bog die Nachbarin, eine ältere Dame namens Frau Schneider, um die Ecke. In Begleitung führte sie Hanna an der Hand. Mein Herzschlag beruhigte sich wieder, als ich sah, dass es ihr gut ging. Ich atmete tief durch. Erleichterung überflutete mich.
»Ist alles in Ordnung, Herr Nachbar?«, fragte Frau Schneider mit einem besorgten Lächeln.
Ich konnte nur nicken, unfähig, Worte zu finden. Stattdessen ging ich auf sie zu und nahm ihre Hand entgegen. »Danke, Frau Schneider. Wo war sie denn?« fragte ich die alte Dame.
Frau Schneider erklärte ruhig, dass sie sie nur ein paar Häuser weiter aufgegriffen habe, als sie selbst einen Spaziergang machte, dabei ein umherwanderndes Mädchen bemerkte, das orientierungslos wirkte. Sie verbrachten etwas Zeit miteinander. Frau Schneider (auch sie schien Hannas Flügel zu übersehen) fragte mich, ob das meine Freundin sei, die bei mir wohnte. Dabei antwortete ich mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Verlegenheit: »Ja, ist sie. Tut mir ausgesprochen leid, falls wir Ihnen Umstände bereitet haben.“
»Unsinn, ist doch nicht die Rede wert«, antwortete sie.
Frau Schneider wanderte in ihre Wohnung zurück. Ich blieb mit Hanna noch einen Augenblick stehen, indes ich sie fragte, weshalb sie gedacht hatte, auf Wanderschaften zu gehen, und ihre Antwort, wie hätte es anders sein sollen, »Vater sagte, schaue Dich auf Erden gut um, betrachte ihre Verhaltensweisen, und ziehe daraus neue Erkenntnis«, war abermals rätselhaft wie die Moai Köpfe auf der Osterinsel.
Es war inzwischen abends, wir lagen unter der Bettdecke. Der Fernseher flimmerte und brabbelte in Sichtweite. Ich hatte (obwohl ich dem Rauchen eigentlich entsagte) eine Kippe im Mund. Sperma rann an ihren Innenschenkeln herunter, und ich betrachtete gerade ihre Federn. Im Vergleich zu einem Schwan oder einer Gans waren ihre Federn länger, verwachsener und dichter angeordnet, liefen außerdem anders zu. Überdies fiel mir auf, dass die Flügel eindeutig größer erschienen. Seit dem Tod meines Katers hatte ich bereits das Gefühl, dass sie gewachsen sind.
Nachdem ich das Interesse an ihren Federn verloren hatte, schaltete ich gelangweilt mit der Fernbedienung durch jegliche Fernsehsender, stoppte aber wieder, da mich weiterhin die Frage beschäftigte: »Warum hast du Flocke so etwas Schreckliches angetan?«
Die Antwort war: »Vater sagte, ist die Zeit die richtige, so nimm dir; doch nimm dir nur davon, wo die Lebenskraft zuvor innegewohnt.«
»… Wer ist eigentlich dein Vater?«
»Die Antwort darauf wirst du erfahren, wenn die Zeit dafür gekommen ist.«
Ihre Antworten waren schwierig einzuordnen, weshalb ich für einen Moment nachdenklich und zugleich erwartungsvoll zu ihr herüberblickte, dann aber wieder meine Aufmerksamkeit dem Fernsehbild schenkte. Dort lief gerade ein in einer Basilika spielender Werbespot über ein Waschmittel, das jedwede Schmutzwäsche in ein »himmlisch-strahlendes« Weiß verwandeln soll, was mich auf eine Idee brachte.
»Weißt du was?«, fragte ich. »Lass uns morgen in die Kirche gehen und für Flocke beten.«
»Jeder deiner Wünsche ist mir recht. Lass uns gemeinsam der fernen Welt näherkommen.«
»Was meinst du damit?«, fragte ich sie.
»Morgen wirst du es sehen …«
»Okay … Morgen also.«
…
Ich hatte ein Gotteshaus lange nicht mehr aufgesucht, aber dachte ich mir, trotz der Sache mit Flocke – trotz den bedrohlichen Wolken, die unserer Beziehung überschatteten -, dass ich zur Dankbarkeit verpflichtet sei, weil mich ein Engel ersucht hat, mit dessen Hilfe ich nichtsdestotrotz mein Leben zurück ins Positive umkrempeln konnte.
Die Kirchentür knarrte leise, als wir gemeinsam die widerhallende Räumlichkeit betraten. Das gedämpfte Licht der Kerzen tauchte den Raum in eine warme, sanfte Atmosphäre, während der Pfarrer, ein freundlicher Mann mit einem milden Lächeln zwischen den Bänken umherwanderte, eine Bibel fest in den Händen haltend.
Hanna und ich, der Pfarrer schien wie Dietmar und Frau Schneider blind gegenüber ihren Flügeln zu sein, ließen uns auf den Sitzbänken nieder. Nach einer Schweigeminute hallten meine leisen Worte des Gebets durch den Raum. Aber in einem Augenblick der Unachtsamkeit fiel mir beim Herumtasten das Fehlen meiner Autoschlüssel auf, die noch in meinem alten Dacia Logan steckten. Ich erklärte Hanna, dass ich kurz nachsehen würde, ob die Schlüssel noch im Wagen steckten.
Ich stapfte durch den Schnee bis zum Vordersitz, wo tatsächlich noch der Schlüssel neben dem Lenkrad gesteckt hatte, ich zog ihn heraus und schloss ab.
Dann kehrte ich durchs Narthex zurück, wunderte ich mich plötzlich über Hannas Platzwechsel von der Sitzbank zum Altar und dass sie mir auf dem Boden sitzend den Rücken zudrehte. Auch war der Pfarrer plötzlich außer Sichtweite.
Als ich mit bedächtigen Schritten auf sie zuging, überkam mich ein ganz übles Gefühl in der Magengegend, und ich vernahm seltsames Schmatzen … Ich erblickte dann den Pfarrer. Er lag direkt hinter ihr. Zappelte dabei wie eine Marionette, was ein sich wiederholendes Klappern auf dem Boden erzeugte. Als sie von ihm abließ, lag er bloß noch leblos da.
Als sie sich auf einmal verändert zu mir herumdrehte, wurde ich kreidebleich im Gesicht. Wie paralysiert stand ich da, als sie ein breites Grinsen voller nadelförmiger Reißzähne entblößte. Ihre Augen wurden zu Schlangenaugen mit einem goldenen Farbstich. Und überall haftete Blut; auf dem Podest, den Wänden, dem Boden und ihrem Mund.
Was mir aber so richtig das Blut in den Adern gefrieren ließ, war, was mit dem Pfarrer passiert ist. Das Schlingen, das Schmatzen, die Zähne, das Fleisch, … ich taumelte nach hinten, als ich das Geschehnis realisierte … Ich fand gerade so Halt an einer der Sitzbänke. Um meinen Kopf drehte sich alles. Es war einfach grauenhaft.
Der Pfarrer hatte kein Gesicht mehr. Es war weg. Es erinnerte an den »Zaunkönig«, das zweite Todesopfer aus dem Film »Cube«, dessen Gesicht durch Säure zerfressen worden war. Die Bibel lag verlassen auf dem Boden.
Die Flügel wurden wieder größer – diesmal habe ich es deutlich erkannt -, und die Ansätze hatten sich schwarz gefärbt. Die Schwingen erreichten nun eine Spannweite von mindestens vier oder fünf Metern. Innerhalb ihrer Flügel blinzelten unzählige Augen zwischen ihren Federn hindurch, die mich allesamt anstarrten.
»Du kommst gerade richtig«, ihre Stimme brannte sich in mein Gehör. »Du sollst erfahren, wer mein Vater ist, Liebling! Mein Vater lebt, wo die eintausend toten Sterne wachen und deren Lichter in der unendlich weiten Finsternis erglühen! Mein Vater hat mehr Augen als alle Ophanim zusammen. Und er hat sich dem Licht dieses Kosmos bereits vor Jahrtausenden bemächtigt; hat es längst verschlungen! So wie er euch alle verschlingen und ein Blutfest über diese Welt bringen wird, wie es keine Zeile, kein Buch und kein Prophet jemals in Worte zu fassen vermag! Er wird sich schon bald hinter den Sternen heraus erheben …«
Mit einem Augenblick der Entfesselung bereitete der Dämon seine Schwingen aus, ein unheiliges Spektakel, das das Deckenmosaik in tausend Teile zerschmetterte. Mit dem toten Pfarrer in den Klauen stieg sie empor durch die finstere Nacht gen Himmel. Der enorme Druck des Auftriebs brachte ein großes Wandkruzifix sowie mehrere Kunstgegenstände zu Fall, dabei regneten vereinzelte Federn von der Decke, von denen mir eine zu Füßen landete; ich hob sie nicht auf.
Mit ihrem Verschwinden verschwand ebenso das nicht zu greifende Gefühl des Starrens in ihre Augen, und ich denke als auch heute noch darüber nach, was ich da nur für einem Wesen begegnet war …
Was zurückblieb, war ein düsteres Kapitel in den Annalen des Ortes und ein grausames Geheimnis über das Verschwinden eines Pfarrers, der nie wieder gesehen wurde.
Rückblickend gesagt, behielt ich meinen ins Positive gewandelten Lebensstil trotz der furchtbaren Ereignisse. Inzwischen habe ich einen besser bezahlten Job, und auch habe ich mich wieder mit Dietmar versöhnt. Zwar war dies alles traumatisierend, doch ich bin ihr – oder dem Wesen – auch irgendwo dankbar, da ich mir seitdem einen neuen Lebenswillen aneignete.
Ich denke noch oft an sie und vermisse sogar unsere gemeinsame Zeit, so seltsam es auch klingen mag. Vergesse ich manchmal, des Abends, die Jalousien herunterzuziehen, beschleicht mich oft das Gefühl, eine Spiegelung vor dem Fenster zu erkennen …
Diese spitzen Zähne, … das Grinsen … und die gesammelten Dinge in den Armen, die sehr an Menschenknochen erinnern.
Ich bin mir nicht sicher … sollte ich sie wieder hereinlassen?
Erstens: Interessante Geschichte. Vor allem der Anfang hat mir sehr gefallen. Hat mich sogar verleitet über den Engel Haniel zu lesen.
Zweitens: „Keine Ahnung, wer mir das, was ich zu erzählen habe, glauben wird, doch, was mir widerfahren ist, muss ich einfach in die Welt hinausschreien.“
Hat dieser Satz wirklich so viele Beistriche? Kommt mir ziemlich anstrengend zum Lesen vor, kenne mich aber in Grammatik nicht gut genug aus xd
Freut mich, dass du der Story etwas abgewinnen konntest.
Zum 2. Punkt: Ich lasse meine Beiträge vor dem Upload immer von einer Rechtschreibe-KI auf korrekte Kommata überprüfen. Anscheinend ist es richtig – wenn auch zugegebenermaßen etwas umständlich ausgedrückt. ^^
Das mit der KI ist eine gute Idee. Muss ich vielleicht auch mal anwenden.
Wenn die Beistrichsetzung stimmt, dann hab ich auch nichts auszusetzen, obwohl ich andauernd ins Stottern komme. Hoch lebe die deutsche Grammatik haha