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Na 34

Ich hatte nie einen konkreten Traumberuf, immer nur temporäre Wünsche die aber nie lange anhielten. Doch so wie jeder kam ich irgendwann in das Alter, in dem ich mich entscheiden musste, womit ich, zumindest vorerst, meinen Lebensunterhalt finanzieren möchte.

Ich hatte eine schulische Ausbildung zum Sozialassistenten abgebrochen und die Wahl mich entweder am Abitur zu versuchen oder eine Ausbildung zu beginnen. Da es aber mein großer Wunsch war von zu Hause auszuziehen und auf eigenen Beinen zu stehen, kam eigentlich nur die Ausbildung infrage. Aufgrund meines Interesses an Geschichte bewarb ich mich dann zum sogenannten Fachangestellten für Medien und Informationsdienste im Fachbereich Archiv, was einfach ausgedrückt so viel wie der Archivar im mittleren Dienst ist.

Ich wurde nach tatsächlich nicht allzu langer Bewerbungsphase von einer Universität angenommen und sollte in der dortigen Bibliothek im Archiv arbeiten, was für mich von der ersten Minute an sehr gut klang. Und tatsächlich liebte ich meine Arbeit dort über alles. Ich konnte in der Vergangenheit von großen und nicht ganz so großen Persönlichkeiten stöbern und nahm sogar einen unterstützenden Part in der Forschung ein, was für einen Nerd wie mich eine große Ehre darstellte.

Doch all meine Liebe zu meiner Ausbildung sollte sich heute in pure Furcht davor verwandeln.

Wir schreiben Dienstag, wie jede Woche an diesem Tag ist mein Ausbilder im Home-Office und ich somit allein im Büro. Tatsächlich fand ich das immer ziemlich cool. Ich konnte einfach ein wenig was abarbeiten und mich dann die restliche Zeit damit beschäftigen, die Bestände zu durchsuchen. Dabei kam auch immer sehr interessantes Zeug zum Vorschein, wie zum Beispiel ein Brief der Zeitschrift Playboy an einen Philosophen, in dem sie ihn um seine Meinung zu einer Thematik baten.

Ich hatte bereits einige Aufgaben erledigt und war nun dazu entschlossen mir über unsere Bestandsliste einen Nachlass herauszusuchen, den ich noch nicht kannte. Für alle, die mit dem Begriff Nachlass nicht unbedingt etwas anfangen können; ein Nachlass sind meist Dokumente, manchmal aber auch Bücher und Skulpturen verstorbener Intellektueller die uns von den Nachlassverwaltern zur professionellen Verwahrung anvertraut worden waren. Ich öffnete also unsere Excel-Tabelle in der die Bestände, zusammen mit ihrem Standort verzeichnet waren und scrollte ein wenig durch. Die meisten kannte ich bereits, zum Beispiel den von Brooke Dunn, es waren aber auch ein paar dabei die mir nichts sagten. Ich war gerade in einem Fluss aus scrollen und Lesen gefangen, als mir etwas auffiel, dass mich stutzig werden ließ. Es gab einen Na 34.

Seit ich hier angefangen hatte, gab es diesen Bestand seltsamerweise nicht. Es gab zwar einen Nachlass 33 und auch einen 35, aber 34 hatte es nicht gegeben. Mein Ausbilder hatte mir erklärt es habe mal einen gegeben, aber der wurde den Angehörigen zurückgegeben und seitdem habe mein keine neuen Nachlässe mit dieser Signatur versehen.

Auch seltsam war, dass dort kein Name stand, da stand einfach nur „N.N.“, was für so viel stand wie, dass dieser Bestand noch benannt werden müsse. Verwunderung machte sich in mir breit, wurde aber relativ schnell von Neugierde korrumpiert und so notierte ich mir schnell den Standort und verließ mein Büro. Ein großer Fehler, wie ich später merken sollte.

Na 34 befand sich angeblich im sogenannten Keller. Offiziell hieß der Bereich zwar offenes Magazin, aber aufgrund seiner Lage im ersten Untergeschoss und der dort herrschenden Atmosphäre hatte sich bei einigen Mitarbeitern der Begriff Keller durchgesetzt.

Ich kam mittels Fahrstuhls unten an und schloss die schwere Brandschutztür die hinab in den Keller führte auf. Mir kam direkt die kalte, dünne Luft entgegen die dort für die Archivalien und Bücher wirken musste und ein Grinsen übermannte meine Lippen. Ich liebte den Keller. Auch wenn es ziemlich unheimlich war dort zu arbeiten, freute ich mich meistens darauf. Man war eigentlich fast immer allein in dem großen Raum, der mit Myriaden Regalen in einzelne Gänge unterteilt wurde. Einige Büros lagen hier zwar auch, aber entweder waren sie nie besetzt oder die Leute, die dort arbeiteten, sperrten sich ein, denn man konnte schon von Hochbetrieb sprechen, wenn man zwei Personen in der Stunde antreffen konnte.

Langsam ging ich die lange Treppe hinab und lauschte dem lauten Echo meiner Schritte, in dem ich immer versuchte einen Rhythmus zu erkennen. Unten angekommen schaute ich erneut auf meine Notiz und steuerte dann die dort niedergeschriebene Regalreihe 13 an.

Dort angekommen fand ich die vier Kartons, auf denen Na 34 zu stehen schien und ging in die Hocke, um den untersten von ihnen herauszuziehen. Doch in dem Moment, in dem ich ihn berührte hörte ich eine hohe, kratzige Stimme: „Fass das nicht an!“, hinter mir sagen.

Ich verlor das Gleichgewicht in meiner Position, fing mich mit den Händen auf und schaute mich mit panisch aufgerissenen Augen um. Da war niemand. Ich konnte mich für mehrere Minuten nicht mehr bewegen. Gänsehaut hatte mich übermannt und sämtliche meiner Glieder waren stocksteif.

Nachdem der Schock abgeklungen war, rappelte ich mich auf und griff erneut nach dem Karton. Diesmal passierte, von einer leichteren Gänsehaut mal abgesehen, glücklicherweise aber nichts. Mit dem Karton in der Hand verließ ich den Gang und zog mir einen der Rollwägen, die überall im Keller verteilt standen, heran. Dort stellte ich den Karton ab und hob den Deckel herunter. Augenblicklich strömte mir ein faulender Geruch entgegen und ich musste mich kurz abwenden, um mich nicht zu übergeben.

Nachdem sich der Geruch aus dem Karton einigermaßen mit der kühlen Luft des Kellers verbunden hatte, warf ich einen erneuten Blick in den Karton und fand das, was ich erwartet hatte. Darin lagen einige Papiere, manche zusammengeheftet und manche nur lose darin liegend. Aber eins hatten sie alle gemeinsam, ich konnte sie nicht lesen. Ich holt einige raus, um auch die Blätter zu überprüfen, die ich auf den ersten Blick nicht sehen konnte, doch fand auf ihnen allen die gleichen, seltsamen Schriftzeichen.

Ich hatte mich schonmal mit alten Schriftarten auseinandergesetzt und konnte die meisten auch sehr gut zuordnen, aber diese hier kannte ich nicht. Sie bestanden alle aus Strichen auf denen, an unterschiedlichen Stellen kleine Kreise aufgemalt wurden. Verdutzt blätterte ich alle sorgfältig durch, doch war danach genauso schlau wie vorher. Ich fotografierte eines der Blätter, für spätere Recherche ab bevor ich den Deckel wieder aufsetzte und den Karton an seinen ursprünglichen Platz zurückbrachte.

In der Hoffnung aus ihm mehr Informationen rausziehen zu können, hob ich den nächsten Karton aus dem Regal und richtete mich wieder auf. Doch in dem Moment, in dem ich das Ende des Ganges anpeilte, sah ich von dort aus einen Schatten wegrennen. Wie angewurzelt blieb ich kurz stehen und bemerkte, dass ich vor Schreck den Karton hab fallen lassen. Ich entschied mich ihn nicht gleich aufzuheben, sondern erst gucken zu gehen, ob da wirklich jemand war oder ich mir vor lauter Paranoia wegen der Stimme kurz vorher, mittlerweile Sachen einbildete.

Ich verließ den Gang und widmete mich der Richtung, in die der Schatten gerannt war. Erst jetzt fiel mir auf, dass es kälter geworden war, ich zitterte sogar ein wenig. Zudem war die Beleuchtung dunkler geworden, was vereinzelt zwar schon bei einigen der Neonröhren passiert war, doch nie alle zusammen wie jetzt.

Meinen schweren Atem unterdrückend schlich ich durch den breiten Hauptgang, an den die schmäleren Reihen der Regale angrenzten und schaute hektisch immer erst links und dann rechts, ob sich jemand in einem Gang befand. Es dauerte einige Minuten bis ich am Ende des Raumes angelangt war. Selbst mit meiner üblichen Geschwindigkeit brauchte ich gut drei bis fünf Minuten aber nun war ich geschlichen, was bestimmt zehn Minuten in Anspruch genommen hatte. Doch abgesehen davon, dass ich ziemlich langsam und ängstlich gelaufen war, war meine einzige Erkenntnis, dass sich hier niemand befand.

Ein wenig über meine Paranoia amüsiert lief ich zurück zu meinem Gang, um dort nun den Karton aufzuheben. Als ich ankam aber, lag der Karton zwar noch da wo ich ihn hab fallen lassen, aber keinesfalls so wie ich ihn hab fallen lassen. Ursprünglich lag er einfach, mit der Unterseite nach unten und dem Deckel noch obendrauf, auf dem Boden. So wie er im Regal gestanden hatte. Doch jetzt lag er zwar mit der Unterseite nach unten, doch mit dem Deckel zurückgeklappt vor mir und ich konnte den Inhalt sehen. Er ließ mir das Blut in den Adern gefrieren, lähmte meinen ganzen Körper und brachte die Gänsehaut und Panik stärker zurück als je zuvor. In dem Karton stand eine Hand. Sie stand, auf dem Handgelenk gestützt dort und ließ langsam einen Finger nach dem anderen in die Handfläche sinken.

Gerade war der Mittelfinger komplett gesenkt, als ich mich wieder anfangen konnte zu bewegen und die ersten Schritte nach hinten machte. Doch ich war nicht schnell genug. Der Daumen hatte sich als letzter Finger über den anderen niedergelassen, als ich ein lautes Einatmen hinter meinem linken Ohr vernahm.

In dem Moment wusste ich nicht was geschah. Ich wurde mit einer enormen Kraft nach hinten gezogen und hielt erst an, als ich an die Wand des Kellers knallte. Langsam wurde der Raum um mich herum schwarz aber bevor ich das Bewusstsein komplett verlor, sah ich noch einen Mann vor mir stehen. Er war vielleicht um die 1,80 m groß, trug einen lila Anzug mit Zylinder und ein Monokel. Das war aber auch schon alles, was ich noch sehen konnte, bevor ich in einen festen Schlaf fiel.

Mit starken Kopfschmerzen, bei denen ich mir wünschte, ich würde gar nicht erst zu Bewusstsein kommen, kam ich wieder zu mir. Ich fasste mir an den Kopf und bemerkte, dass es hinten etwas feucht und klebrig war. Als ich meine Hand anschaute bestätigte sich mein Verdacht. Der Aufprall was so stark gewesen, dass ich eine tiefe Wunde bekommen hatte. Ich rappelte mich qualvoll auf und musste mich an den Regalen um mich herum festhalten um nicht wieder abzusacken.

Mich an den Regalen entlanghangelnd, verließ ich den Gang und stütze mich im breiten Hauptgang an eine große Säule die, zusammen mit einigen anderen die Decke trug. Von dort aus bekam ich auch einen guten Blick in den Gang, in dem Na 34 gelagert wurde und ich bemerkte, dass die einzelne Kiste nicht mehr auf dem Boden lag. Vielmehr lagen jetzt alle Kisten außerhalb des Regals, gestapelt auf dem Boden. An dem Karton, der in der Mitte des Turms war, hing ein Zettel, auf dem irgendetwas in derselben, seltsamen Schrift stand wie auf den Zetteln im ersten Karton. Das einzige, dass in einer zwar sehr krakeligen, aber für mich lesbaren Schrift darauf stand, war ein Textabschnitt in der Mitte in dem: „Erinnert euch!“, stand

Ich fragte mich erst gar nicht was das zu bedeuten hatte. Ich machte mich auf meinen langen, schmerzvollen Weg nach draußen. Zu meinem Pech hatte die Treppe kein Geländer, denn somit musste ich mich an die Wand gepresst hoch schleifen. Mit aller, mir noch verbleibender Kraft stemmte ich die schwere Brandschutztür auf und torkelte die restlichen Meter zum Aufzug. Hastig drückte ich den Knopf zum Rufen des Fahrstuhls mehrere Male und stieg erleichtert ein.

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis der Aufzug, nach Drücken des Knopfes in die Etage meines Büros, ansetzte. Ich fuhr wenige Sekunden bis er wieder stehen blieb und ich mich endlich in Sicherheit wog. Doch was ich sah als sich die Tür öffnete, trieb mich wieder eiskaltes Grauen in jeden Winkel meines Körpers…

Ich war zurück im Keller.

 

Original

Autor: Classix Creepypasta (mein anderer Account auf der Fandom-Seite)

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