LangOrtschaften

Nobody Lived in Flat Number 6

Niemand lebte in Wohnung Nummer 6.
Soweit wir wussten, stand die Wohnung leer.

Es war Oktober 1992, meine Frau und ich waren vor fast zwei Monaten umgezogen.

Wir hatten Wohnung Nummer 5 gekauft und waren ziemlich zufrieden damit,
es war ein ordentliches,
gemütliches und kleines Apartment mit einer Küche,
einem Schlaf- und Badezimmer und einem Raum,
der als Wohn- und Esszimmer diente.

Ich muss wohl nicht erwähnen,
dass es billig gewesen war und nur zehn Minuten vom Bahnhof entfernt lag.

Sicher, die Tapete war etwas verstaubt und die Einrichtung der Küche hatte etwas aus den 70er Jahren, aber mit ein paar neuen Anstrichen und dem ein oder anderen Ausflug ins Möbelgeschäft würden wir das schon hinbekommen.

Die kleine Nachbarschaft außerhalb von London war ebenfalls attraktiv. Es war diese Art von idyllischen und vorstädtischen Orten, in denen es genug Verkehr gab, um sicher zu sein, dass man nicht mitten im Nirgendwo lebte, aber dennoch gerade so viel, dass man ruhig einschlafen konnte. Die Hauptstraße hatte ebenfalls alles Wichtige – eine Apotheke, einen Optiker, einen Zahnarzt und einen Tesco-Supermarkt.

Auf jeden Fall hatten wir uns gegen Ende der zwei Monate schon gut eingelebt
und hatten große Erwartungen in unserem neuen Leben in England.

Wisst ihr, wir kommen eigentlich aus den Staaten,
aber neben der Tatsache,
dass die Engländer genau in derselben Sprache reden wie die Amerikaner,
war die Lebensweise dort vollkommen fremd für uns.

Es war unser zuhause, wenn auch noch nicht komplett.

Das Wetter war auch so ein Problem – keine Enttäuschung,
denn wir hatten schon vorher viele Warnungen über die Wolken und den Regen erhalten,
die den Himmel über England im Herbst und auch sonst im größten Teil des restlichen Jahres füllten.

Aber vielleicht sollte ich jetzt doch wieder zurück zu unserer Wohnung kommen.
Unsere Wohnung war Nummer 5 von insgesamt sechs Wohnungen,
welche zu einem sauberen Apartmentblock gehörte,
den man ‚Gretel Cottage‘ nannte.

Er lag in der Mitte einer Straße die sich aus einer Mischung aus Einzelhäusern,
Wohnblocks und sogar einigen Gasthäusern zusammensetzte.

‚Gretel Cottage‘ hatte drei Etagen:
im Erdgeschoss führte der Flur zu Wohnung 1 auf der einen und zu Wohnung 2 auf der anderen Seite.

Im ersten Stock teilten sich Wohnung 3 und 4 den Platz und ebenso teilte sich Wohnung 5 das zweite Stockwerk mit – na ja, Wohnung 6.
Es gab keine weiteren Etagen.

In unserer ersten Woche hatten wir uns die Zeit genommen,
uns mit den anderen Hausbewohnern bekanntzumachen –
oder viel eher hatten sie sich die Zeit genommen um nach oben zu kommen
und uns zu begrüßen.

Sie waren alle sehr freundlich, zumindest größtenteils.

Es gab eine Miss Miggins in Nummer 4, einen Mr. Smith in Nummer 3,
eine Französin in Nummer 1 und einen anderen Kerl in Nummer 2.

Bemerkenswert ist, dass nicht einer von ihnen jünger als 65 sein konnte.

Ich war 24 und meine Frau 25.
Ja, ich glaube wir unterschieden uns ziemlich von unseren Nachbarn.

Es schien, als würden sie nie ihre Wohnungen verlassen,
außer für Einkäufe,
und das taten sie sehr selten.

Wir gingen fast jeden Tag aus.

Fast noch bemerkenswerter ist,
dass nicht einer von ihnen allein lebte – verwitwet oder geschieden.

Ich glaube, dass es eine einsame Zeit ist, alt zu sein – du hast das Gefühl,
dass niemand mit dir reden will,
du fühlst dich von den Menschen entfernt, die du liebst.

Damals, in unserem Apartment in Ohio,
waren buchstäblich alle unserer Nachbarn junge Paare oder Familien gewesen.

Es war dort immer sehr laut:
wir hörten Kinderschuhe durch den Flur poltern und eine Menge an Erwachsenen- und Kinderlachen.

Manchmal hörten wir sogar Streitereien oder Eltern,
die ihre Kinder ausschimpften – und natürlich bedeutete das eine Menge lautes Geschrei.

Aber wir waren umgeben von Leben und Jugend und dieser Ort wirkte heller und fröhlicher.

‚Gretel Cottage‘ war anders.
Es war nett und ruhig – so ruhig, dass es sich manchmal leblos anfühlte.

Wahrscheinlich trug das trostlose Wetter seinen Teil dazu bei,
aber die fehlenden Geräusche verliehen dem Gebäude ein subtiles,
einsames Gefühl.

Auf eine bestimmte Art war das traurig. Genau genommen war es sogar ein bisschen unheimlich.

Die gute Sache war,
dass wir mehr Zeit außerhalb als innerhalb der Wohnung verbrachten.

 

Wir beide arbeiteten von 9 bis 17 Uhr im Büro in der Innenstadt und kamen gegen 19 Uhr nach Hause.

An den Wochenenden gingen wir so ziemlich den ganzen Tag lang
an beiden Tagen aus
und kamen zwischen 18 Uhr und Mitternacht zurück.

Wenn wir zuhause waren schauten wir entweder fern,
aßen zu Abend oder schalteten einfach ab.

Manchmal gingen wir ins Fitnessstudio.
Manchmal ins Kino.
Manchmal saßen wir einfach da und redeten und redeten und redeten.
Ich gebe zu, wir hatten eine gute Zeit.

Und dann war da Wohnung 6.

Es gab nicht wirklich etwas Bemerkenswertes bei dieser Wohnung – sie hatte eine Tür aus Eichenholz, ein Vordach wie alle anderen Wohnungen auch,
mit einem Türklopfer,
einer Klingel und einer braunen Türmatte.

In der Mitte war eine ‚6‘ aus Messing mit Nägeln angebracht.
Niemand hatte die Tür geöffnet,
um uns zu begrüßen und nach einer Woche,
in der wir nichts und niemanden hatten herein oder herausgehen sehen,
gingen wir davon aus, dass die Wohnung leer stand.

Und was sollte daran schon falsch sein?
Nichts, richtig?
Na ja – ich weiß, es klingt kindisch,
wenn ein Mann meines Alters das sagt,
aber da war etwas Merkwürdiges an dieser leeren Wohnung.

Ich bin mir sicher,
dass jeder irgendwann mal ein Haus ohne Bewohner in seiner Straße hat oder hatte
und ich würde wetten,
dass jeder ab und zu Gänsehaut bekommt,
wenn er am Abend an diesem Haus vorbeiläuft.
Kommt schon – gebt es zu, leere, verlassene Häuser sind unheimlich.

Nun, mit Wohnung 6 war es anders – schlimmer.
Jeden Tag und jede Nacht war die leere Wohnung praktisch an unserer Türschwelle.

Wenn wir die Eingangstür öffneten, um die Wohnung am Morgen zu verlassen,
wartete diese ominöse Tür drohend auf uns.

Wenn wir nach Hause kamen,
drehten wir den Schlüssel im Schloss, wissend, dass die gefürchtete Tür hinter uns war.

Unsere Einbildungskraft würde sich fragen „Was liegt hinter dieser Tür?“ und
„Was, wenn sie sich jetzt öffnen und etwas herauskommen würde?“

Na schön, das ist ein wenig übertrieben. Es war nicht wirklich so schlimm – nur ein bisschen komisch, das ist alles.

Und ich schäme mich, das sagen zu müssen,
aber wenn ich sage „wir“ und „uns“, dann müsste ich eigentlich „ich“ und „mir“ sagen,
weil, um ehrlich zu sein,
meine Frau fühlte sich nicht halb so unwohl, wenn es um Wohnung 6 ging.

Ja – ja, ich weiß.
Es ist peinlich, ich bin ein schreckhafter, nervöser Waschlappen – das gebe ich zu.

Wir hatten unsere Jugend unterschiedlich verbracht:
sie ist ausgegangen und sah alle Horrorfilme, die sie konnte,
während ich gerade so viele gesehen hatte,
um die gruselige Seite meines Verstandes in Schwung zu bringen,
aber nicht genügend, um meine Fantasie dämpfen zu können.

Wir gingen immer noch ab und zu aus,
um einen Horrorfilm zu sehen,
aber ich war niemals der,
der es vorschlug.

Jetzt, wo ich euch mehr als genug Hintergrundwissen
über mich und mein Leben im Moment gegeben habe und ihr eine grobe Idee habt,
was für ein mutiger Mann ich bin,
sollte ich mich wahrscheinlich beeilen und euch erzählen,
welche Dinge im späten Oktober 1992 passiert sind.

Es passierte nichts wirklich komisches,
bis der Postbote am Montag kam.

Ich erinnere mich, dass ich gerade am Tisch saß, einen Teller mit halb-gegessenem Rührei und einer Tasse Tee vor mir, während ich die BBC News schaute.

Ich hörte das Rascheln von Papier,
das durch den Briefschlitz geschoben wurde und das dumpfe Zuschlagen,
als die Klappe wieder nach unten fiel.

Meine Frau kam kurz darauf mit zwei Briefen zurück.

Einer von ihnen sei Werbung, erklärte sie von einer Versicherungsgesellschaft und der andere eine Rechnung.

Sie ließ beide Briefe auf dem Tisch zurück und wir wandten uns wieder unserem Frühstück und den Nachrichten zu. So weit, so gut.

Ein paar Minuten später räumten wir auf,
schalteten den Fernseher aus und gingen nach draußen.

Etwas traf mich, als wir die Tür hinter und verschlossen hatten.

Es traf mich innerhalb einer Sekunde – ein Umschlag lag auf der Türmatte von Wohnung Nummer 6.

Meine Augen suchten die Tür ab und ich bemerkte, dass es keinen Briefschlitz gab –
oder viel eher,
dass er Schlitz mit Brettern vernagelt worden war.

Ich musste meine Frau gar nicht erst auf den Umschlag aufmerksam machen –
man konnte es gar nicht verfehlen,
ein ansehnliches,
weißes Rechteck,
etwas gelblich an den Ecken,
das unauffällig auf der Türmatte lag.

Sie zog verwirrt die Stirn in Falten,
schaute den Umschlag eine Weile neugierig an und machte dann Anstalten, darauf zuzugehen und ihn sich genauer anzuschauen.

Ich hielt sie aus irgendeinem Grund sofort am Arm fest.

„Was ist?“, fragte sie,
noch überraschter von meiner Reaktion als von dem Umschlag.

„Tu das nicht“, begann ich,
räusperte mich und ließ sie genauso wenig los,
wie ich den Brief aus den Augen ließ, „lass ihn liegen.“

Sie schaute mich mit einer Art mitleidigem Lächeln an,
schüttelte den Kopf und sagte mir, dass ich mich albern benehmen würde –
aber sie hörte auf mich, zum Glück.

Ich seufzte und dankte ihr;
ich wollte nur nicht, dass sie diesem Brief zu nahe kam,
es fühlte sich nicht richtig an.

Auf der Arbeit bekam ich einen seltsamen Anruf während meiner Mittagspause.

Ich hatte gerade mein Räucherlachs-Sandwich zu Ende gegessen und war dabei,
in einen Keks zu beißen,
als mein Telefon begann zu klingeln.

Es kam nicht unerwartet oder so,
denn ich bekam ständig Anrufe von Kollegen während ich auf der Arbeit war.

Aber das war kein Kollege – so viel stand fest.

„Hallo? Wer ist da?“, fragte ich deutlich,
aber alles was ich hören konnte,
war ein brüchiges Zischen,
das man im Hintergrund hören konnte.

„Hallo? Hallo?“, fragte ich.

Dann, das schwöre ich,
hörte ich ein Lachen – eine Art fröhliches Kichern,
so als wäre das hier ein Teenager-Streich.

Aber ich war mir nicht sicher,
ob das hier ein Teenager war, das Kichern klang so alt – irgendwie merkwürdig.

Es kam mir alles sehr merkwürdig vor,
also legte ich auf und überprüfte die Nummer.

Seltsamerweise war die Nummer der von unserer Wohnung ziemlich ähnlich,
nur zwei Ziffern waren anders.

„Ich vermute, es könnte ein Nachbar sein – vielleicht der Makler“,
sagte ich zu mir selbst,
aber sicher war ich mir trotzdem nicht.

Der Makler hätte mich nicht so ausgelacht.

Dann geschah noch etwas Merkwürdiges.
Ich kam vor meiner Frau nach Hause und drehte gerade den Schlüssel im Schloss,
als mich etwas dazu brachte,
mich noch einmal umzudrehen.

Der Umschlag auf der Türmatte von Nummer 6 – er war verschwunden.

Ich starrte die Tür eine Weile intensiv an
und es kam mir so vor, als würde sie zurück starren.

Meine Vorstellungskraft brachte mich dazu,
Angst zu bekommen und ich öffnete so schnell ich konnte meine eigene Wohnungstür und schloss sie hinter mir.

Ich erinnere mich,
dass ich etwas verängstigt war und hoffte,
dass meine Frau so schnell wie möglich nach Hause kam.

Irgendetwas wegen dem verschwundenen Brief ließ mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen – jemand lebte in Wohnung Nummer 6 und sie kamen heraus,
um den Umschlag aufzuheben,
als ich nicht da gewesen war.

Ich schaltete den Fernseher an und machte mir eine Tasse Tee,
setzte mich und grübelte mehr vor mich hin,
als dass ich wirklich auf den Bildschirm schaute,
während ich darauf wartete,
dass meine Frau zurückkam.

Als sie zurück gekommen war sagte ich ihr,
dass sie einen Augenblick in der Wohnung warten sollte,
während ich draußen etwas überprüfte.

Es war eine sehr abrupte und nicht erklärte Aufforderung,
aber sie wartete,
während ich die Stufen hinunterrannte und aus dem Gebäude lief, um die Fenster von Wohnung Nummer 6 zu überprüfen.

Ich sah,
dass die Vorhänge zugezogen waren
und die Scheiben hätten schon seit Jahren eine ordentliche Reinigung vertragen.

Als ich zurück zur Wohnung lief,
war auch meiner Frau die Abwesenheit des Briefes aufgefallen.

 

Sie stand in unserem Türrahmen und zeigte auf die Fußmatte von Wohnung 6.
„Hast du gesehen-?“
„Ja, ich weiß“, unterbrach ich sie,
„es ist jemand da – ich bin mir ziemlich sicher, dass da jemand ist.“

Sie trat auf die Tür von Nummer 6 zu und war im Begriff zu klingeln,
als ich ihr zurief: „Mach das nicht!“

„Was ist los mit dir?“
Sie schaute mich mit einem leicht genervten Blick an und hob dann die Hand,
um zu klingeln.

„Bitte mach das nicht – es gefällt mir nicht!“,
protestierte ich wie ein Kind.

„Ich verstehe dich manchmal wirklich nicht“,
sie schüttelte den Kopf.

„Das ist dämlich – ich werde klingeln.“
Und das tat sie dann.

Wir warteten ab, sie ganz ruhig und dazu bereit,
zu grüßen, wer auch immer die Tür öffnen würde und ich, angespannt und nicht sicher, ob ich die Bewohner treffen wollte.

Wie ich es bereits halb erwartet hatte, antwortete niemand und es rührte sich auch nichts im Inneren.

Wenn dieser ganze Umschlag-Zwischenfall nicht stattgefunden hätte,
würden wir immer noch glauben, dass die Wohnung leer stand.

„Was zur Hölle!
Da ist niemand drin – ich vermute, dass sie ausgegangen sind”,
nahm meine Frau in ihrem Realismus und ihrer Art, sich immer an Tatsachen zu halten, an. „Ausgegangen?“, widersprach ich. „Sie sind noch nie ausgegangen, seit wir hier sind.

Da ist jemand drin, schön und gut, aber es ist eine Art von antisozialem Freak.

Entweder das, oder sie sind gestorben, kurz nachdem sie den Brief aufgehoben hatten!“ Ich weiß nicht wieso ich das letzte gesagt hatte, aber es brachte mich noch mehr zum Überschnappen.

„Vielleicht, Matt”, begann meine Frau,
als wir uns zurück auf den Weg in unsere eigene Wohnung machten und sie das Licht im Wohnzimmer anschaltete,
“vielleicht ist niemand da und der Hausmeister hat ihn einfach aufgehoben,
als ihn niemand mitgenommen hat.“

Ich war nicht zu hundert Prozent überzeugt,
aber ich gab mich damit zufrieden –
mir gefiel diese Erklärung weitaus besser,
also beließen wir es dabei und aßen zu Abend.

„Oh, übrigens“, begann meine Frau später, als wir ins Bett gingen,
„hast du heute so gegen zwei Uhr einen Anruf bekommen?“ –
„Ja – einen merkwürdigen, mit einem lachenden Typen?“
„Ja… so einen hab ich auch bekommen.“ –
Wirklich? Was glaubst du, wer es war?
Nicht viele haben unsere Nummer, weißt du.”

“Ich bin mir nicht sicher.

Ich dachte, es wären vielleicht die Kinder des Immobilienmaklers gewesen, die uns einen Streich spielen wollten –
die Nummer hatten sie womöglich vom Handy ihres Vaters.“

Ich stimmte ihr zu,
aber ich konnte dennoch nicht aufhören, darüber nachzudenken,
bis ich schließlich einschlief.

Ich träumte von Wohnung 6, diese Nacht träumte ich,
dass ich die Tür zur Wohnung öffnen würde, allerdings nur Finsternis sehen konnte.

Ich träumte,
dass ich hinein lauschte
und dann hörte ich dasselbe kichernde Lachen irgendwo aus der Dunkelheit kommen.

Am Dienstagabend kam ich nach Hause und stellte fest,
dass ich meine Schlüssel vergessen hatte
und mein Handy-Akku leer war.

Ihr könnt euch vorstellen,
wie frustriert ich war,
als ich feststellte,
dass meine Frau noch nicht da war
und ich auf dem Treppenabsatz sitzend warten musste,
bis sie kam und die Tür öffnete.

Ihr könnt euch wohl ebenfalls vorstellen,
wie die Angst in mir wuchs,
als sie auch nach einer Stunde nach der gewöhnlichen Zeit noch nicht da war
und ich sie nicht anrufen konnte.

Und ich wette,
ihr könnt euch auch vorstellen,
wie unruhig ich war,
als ich im Flur saß,
keine drei Meter von der Tür zu Wohnung 6 entfernt.

Wisst ihr, wenn man allein und verwundbar ist,
jederzeit erschreckt werden kann,
dann scheint es so, als würde man an genau die Dinge denken,
die man lieber umgehen würde,
wenn man angespannt ist.

 

 

 

Der Traum von letzter Nacht beispielsweise,
spielte sich immer wieder in meinem Gedächtnis ab
und ich dachte,
dass die Tür zu Nummer 6 jeden Augenblick aufspringen
und etwas herauskommen
und mich sehen würde und ich würde es dann auch sehen.

Dann hörte ich das Telefon im Inneren unseres Apartments klingeln,
eindeutig meine Frau,
die versuchte, mich zu erreichen – sie erwartete,
dass ich bereits zu Hause war.

Ich war froh, dass es ihr gut ging
und dazu in der Lage war, mich anzurufen,
aber es machte mich nervös,
dass sie möglicherweise wegen mir ebenfalls besorgt sein könnte.

Dann schaute ich wieder zur Tür von Wohnung Nummer 6 und ich könnte schwören,
dass ich ein „Klick“ gehört hatte,
ein winziger Laut,
der irgendwo aus dem Inneren des Apartments gekommen war.

Ich runzelte die Stirn und hörte nochmal genau hin,
hörte aber sonst nichts.

Danach ging ich nach draußen,
um dem gefürchteten Flur für eine Weile zu entkommen –
sie war noch immer nicht zurück und es war halb zehn.

Starker Regen hatte begonnen und trieb mich dazu,
wieder reinzugehen und hoch zum Treppenabsatz.

Ich zog es schon fast in Erwägung einen Nachbarn darum zu bitten,
mir ein Telefon zur Verfügung zu stellen um sie anzurufen (ja, um diese Uhrzeit),
aber zu meiner großen Erleichterung,
etwas nach zehn Uhr,
kam sie die Stufen hoch und war etwas überrumpelt,
mich auf dem Absatz außerhalb der Tür vorzufinden.

„Gott sei Dank,
ich habe mir schon Sorgen um dich gemacht, wo bist du gewesen?“

Ich stand auf, redete schnell und schnappte dann nach Luft.

____________________________-

Ein Kollege hat angeboten,
mich nach Hause zu fahren –
aber der Verkehr war grauenvoll da draußen.

Ich hab versucht dich anzurufen, aber dein Handy ist leer, hab ich Recht?
Was ist mit dir? Warum bist du nicht drinnen?“

Ich erklärte ihr entschuldigend,
dass ich meine Schlüssel heute Morgen in der Wohnung vergessen haben musste.

Sie seufzte, schloss die Tür auf und wir traten ein.

Während ich nach meinen Schlüsseln suchte
(merkwürdigerweise hingen sie nicht am Schlüsselhaken),
machte meine Frau die Lichter an
und ich hörte sie am Anrufbeantworter nach Luft schnappen.

„Sieh mal, wie viele verpasste Anrufe hier stehen!“

„Ja – du hast mich mehrmals versucht anzurufen“, erzählte ich ihr.

„Ich habe dich nur zweimal auf dem Haustelefon angerufen – hier sind sechs verpasste Anrufe und – warte mal.

Komm her.“ „Was ist los?“

Ich beeilte mich um zu sehen,
was den besorgten Gesichtsausdruck bei ihr ausgelöst hatte.

Ich schaute auf die Nummern der verpassten Anrufe: zwei davon waren die Nummer des Handys meiner Frau und die anderen vier Nummern waren alle dieselbe.

„Es ist dieselbe Nummer wie die von diesen merkwürdigen Scherzanrufen,
die wir gestern bekommen haben.“
Sie schien jetzt noch mehr irritiert als auch nervös.

„Verdammte Kinder!“

Sie entfernte die verpassten Anrufe
und wir gingen ohne Abendessen zu Bett
(es war ein wenig zu spät und wir waren beide erschöpft).
Ich fand niemals diese vermissten Schlüssel.

Mittwoch war schlimmer.
Ich erhielt mehrere Anrufe von dieser Nummer,
aber die raue, unfreundliche Stimme am anderen Ende sagte nun auch etwas.

Ich war geschockt – fast schon eingeschüchtert – von dem, was ich hörte.
Die Stimme sagte die abscheulichsten Dinge, redete über Vergewaltigung, Mord und verwendete so ziemlich jedes Fluchwort das es gab.

Die Sache,
die mich wirklich an den Anrufen erschreckte war,
wie viel die Person am anderen Ende über uns zu wissen schien –
er wusste meinen Namen,
den meiner Frau und dass wir aus den Staaten kamen,
als er uns als „dreckige Amis“ bezeichnete,
mehr als nur einmal.

Ich nahm mir vor, diesen Kerl zu melden und als ich im Bus nach Hause saß,
blockierte ich seine Nummer.

Es gab für eine Weile Frieden.

Und dann – als ich dachte,
ich würde nie wieder etwas von diesem gemeinen, lästigen Hurensohn hören,
klingelte mein Handy wieder.

 

Ich war verwundert zu sehen, dass es dieselbe gottverdammte Nummer war, aber dann realisierte ich, dass es nicht jene Nummer war.

Es war UNSERE Nummer.

Irgendjemand rief mich von zu Hause aus an.

Ich nahm den Anruf an und fragte verzweifelt,
ob das da meine Frau am anderen Ende war.

Dieses ominöse, knisternde Geräusch folgte,
dann dasselbe, spöttische, kichernde Lachen.

Es dauerte einige Sekunden,
bis ich begriff, wie ernst die Situation war und als ich das endlich tat,
übergab ich mich fast vor lauter Angst.

Ich sprang aus dem Bus,
sprintete nach Hause,
stürmte die Treppenstufen hinauf und kam im Flur mit reinem, totalem Terror an.

Die Tür zu Nummer 5 war auf.

„Oh mein Gott!“, rief ich und schwankte etwas,
als ich in meine Wohnung stürzte,
um den Eindringling zu erwischen.

Es war niemand da, als ich nachschaute,
also stürzte ich aus Nummer 5 und brach die Tür zu Nummer 6 mit Gewalt auf.

Zur Hölle –
ich wäre da reingegangen und hätte dem Ding dort gezeigt,
was ich mit den Leuten mache,
die sich mit mir anlegen,
aber dann sah ich den kahlen,
leeren,
spärlich beleuchteten Flur hinter der Tür
und ich konnte mich nicht dazu bewegen,
einzutreten.

Ich war ein Feigling, ich brach zusammen und wurde ohnmächtig.

Die Polizei durchsuchte Wohnung Nummer 6 sehr gründlich als sie hier ankam
und schaute sich auch in unserer Wohnung um,
als ich und meine Frau am Treppenabsatz standen und einfach nur in den Raum starrten.

Wir fühlten uns verwundet – als ob jemand absichtlich versucht hatte,
uns auf das Gefühl vorzubereiten,
dass wir hier nicht erwünscht wären.

Sie dachte sogar daran, auszuziehen, was ein sehr drastischer Schritt war –
ich kann es ihr aber nicht verdenken,
sie hatte auch einige dieser Anrufe erhalten.

Wir waren beruhigt,
wenn nicht sogar ein bisschen frustriert,
als die Polizei behauptete,
dass sie in keiner der beiden Wohnungen jemanden gefunden hatten.

 

 

 

Interessanterweise war Wohnung 6 doch leer –
wir schauten uns selbst darin um und fanden absolut keine Spuren,
die darauf hindeuteten,
dass hier irgendjemand lebte.

Es gab auch kein Telefon in Wohnung 6,
also konnte, wer auch immer uns angerufen hatte,
nicht von dort aus angerufen haben.

Weitere Untersuchungen zeigten,
dass der Umschlag eigentlich für Ms Miggins in Nummer 4 bestimmt gewesen war
und dass sie nach oben gekommen war,
um zu überprüfen ob dort ein Brief für sie lag.

Ihr Sohn hatte ihn ihr geschickt,
in dem Glauben, dass sie in Nummer 6 leben würde.

Meine Ängste gegenüber Wohnung 6 waren ganz offensichtlich reine Paranoia gewesen –
in Wohnung 6 gab es nichts zu befürchten,
so schien es zumindest.

Was meine Schlüssel betraf,
sie wurden auf dem Treppenabsatz gefunden –
der Eindringling musste sie verloren haben,
als er sich aus dem Staub gemacht hatte.

Wir gaben der Polizei die Nummer,
die uns belästigt hatte
und sie beteuerten uns aufrichtig,
dass sie sich die Nummer ansehen würde und den Täter für den Einbruch belangen
und eine einstweilige Verfügung
wegen Telefonterror und Belästigung einreichen würden.

So beruhigt,
wie eine Person sein kann,
in deren Haus gerade eingebrochen worden war,
bedankten wir uns beide bei dem rotgesichtigen Inspektor und den vier Polizisten,
bevor wir ihnen eine gute Nacht wünschten und unsere Haustür schlossen.

Wir seufzten und fielen müde auf das Sofa und schauten für eine Weile fern – es war irgendeine Sitcom, „Fawlty Towers“ hieß sie glaube ich.

Wir bereiteten uns ein kleines Abendessen zu und saßen weiter vor dem Fernseher, lachten über die Stellen, die wir lustig fanden und sogar über die, die eigentlich gar nicht lustig waren.

Gegen halb 12 machten wir den Fernseher aus, wuschen ab und machten uns bettfertig.

Ich war dabei,
die Nachttischlampe auf meiner Seite auszuschalten,
während ich im Bett lag,
als meine Frau mich bat,
noch kurz zu warten.

Sie hatte ihr Handy in der Hand und eine Art Grinsen auf ihrem Gesicht.

„Warum lassen wir den Scherzanrufer nicht seine eigene Medizin schmecken?“,
schlug sie vor,
„er wird sicherlich nicht gern um diese Uhrzeit angerufen!“

„Klar, mach schon“, sagte ich.
Mir gefiel die Idee in dem Moment, als ich sie hörte.
„Was wirst du zu ihm sagen?“

 

„Ich weiß es nicht –
ich denke, ich mache ein paar unheimliche Geräusche oder sowas.
Irgendwas, um es ihm heimzuzahlen.“

„Klar, nur zu!“

Sie wählte die Nummer und wir kicherten schadenfroh als sie anrief.

Wir waren still für eine Weile und grinsten dämlich,
während sich die Verbindung aufbaute.

Dann ertönte ein Geräusch gefolgt von einem Poltern direkt unter uns
und wusch das Lächeln direkt aus unseren Gesichtern.

Ein Telefon begann unter unseren Bett zu klingeln.

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