CreepypastaMittel

Onkel Armin

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Mein Onkel Armin war ein seltsamer Mann. Alles an ihm war seltsam. Mein Vater sagte immer, die Seltsamkeit läge bei uns in der Familie, aber Armin übertraf jeden von uns in dieser Hinsicht.
Die Art wie er ging, die Art wie er sprach. Selbst die Form seines Körpers, mit Armen, die zu lang und Beinen, die zu kurz wirkten für den sackförmigen Rumpf auf den sich scheinbar ohne Hals sein riesiger, kantiger Kopf stützte.
Und sein Blick. Ich weiß nicht, wie ich diesen Blick beschreiben soll. Nicht direkt wütend, nicht direkt traurig. Irgendetwas zwischen enttäuscht und angeekelt. Und ein wenig erschrocken.
Als Baby weinte ich oft, wenn ich Onkel Armin sah. Ich weiß nicht, ob er mir das auch später noch übel nahm, jedenfalls hatte ich nie einen guten Draht zu ihm.
Genau genommen hatte den niemand, außer seiner Frau vielleicht. Nicht einmal mein Vater, sein Bruder, schien ihn wirklich zu verstehen, und es war wohl eher Pflichtgefühl als Zuneigung, dass wir Armin und seine Frau hin und wieder in ihrem Haus besuchten. Zumindest bis sie starb. Danach lud er uns nicht mehr ein und ich sah ihn bis zu seinem Tod vielleicht noch zwei oder drei Mal.

Ich verstand darum nicht, warum er gerade mir sein Haus und sämtliche seiner Besitztümer vererbt hatte.
Gut, seine nähere Familie war fort. Seine Frau war gestorben und Sophia, ihre gemeinsame Tochter, mit irgendeinem Jungen nach Südamerika durchgebrannt.
Das hatte Onkel Armin beim letzten oder vorletzten Mal erzählt, als ich ihn sah. Ich erinnere mich daran, weil es eines der wenigen Male war, dass er nach dem Tod seiner Frau überhaupt noch sprach.
So blieb neben meinem Vater wohl nur noch ich als Erbe übrig.

Nicht dass ich vorgehabt hätte, das Haus tatsächlich zu beziehen.
Das kleine, kauernde Gebäude, das von drei Seiten von Wald umgeben war, hatte mich schon als Kind abgeschreckt.
Es war mir immer wie ein Hexenhaus vorgekommen und als ich nun als Erwachsener davorstand, hatten die Jahre an diesem Eindruck kaum etwas verändert. Die Fassade, vor langer Zeit vielleicht einmal weiß, war bräunlich verfärbt und überseht von Moos und Flechten. Den schmutzigen Dachziegeln ging es kaum besser, nur dass sich auf ihnen auch noch bergeweise nasse Blätter und abgebrochene Zweige stapelten.
Fast wirkte es so, als wollte der Wald sich die von ihm geraubte Fläche zurückholen, die Lücke schließen, die das Haus in ihn gerissen hatte und ich bezweifelte, dass dieser Prozess erst nach Armins Tod begonnen hatte.
Ich war nicht sicher, ob man für Haus oder Grundstück überhaupt noch einen Preis erzielen konnte. Am Ende würden die nötigen Renovierungen oder der Abriss vermutlich mehr kosten, als irgendjemand zu zahlen bereit war. Doch darum würde ich mich ohnehin erst nach dem Entrümpeln kümmern können.


Ein Schwall warmer, übel riechender Luft schlug mir entgegen, als ich die niedrige Tür öffnete. Es erinnerte mich an den Moment, wenn man als Kind nach den Sommerferien eine vergessene Brotdose öffnete. Außer dass man Onkel Armin Leichnam herausgetragen hatte, war nichts in der Behausung verändert oder entfernt worden. Eine dicke Staubschicht bedeckte jede sichtbare Oberfläche und Spinnenweben hingen wie Vorhänge in den Türrahmen. Die Fenster starrten so vor Dreck, dass nur gedämpftes Licht hineinfiel und an waren an mehreren Stellen zerbrochen. Anstatt die Scheiben austauschen zu lassen, hatte Armin Pappe oder alte Zeitungen vor die Löcher geklebt.
Ich ging durch den Flur ins Wohnzimmer und stellte meinen Koffer neben das Sofa, dann suchte ich die Wände nach einem Lichtschalter ab, was sich als schwieriger als gedacht gestaltete, da es im ganzen Raum, vermutlich sogar im ganzen Haus, kaum eine freie Wand gab. Überall standen Regale voller Bücher, meist Sachbücher, mit Lücken für einige Familienfotos in staubigen Rahmen. Wo keine Regale standen, standen Vitrinen vor den gefließten Wänden, in denen Armin verschiedenste Gegenstände ausstellte, die er gesammelt hatte. Auch wenn das meiste davon mir wie wertloser Plunder vorkam hatte ich doch die leise Hoffnung, mit einigen der Stücke im Internet zumindest ein bisschen Geld machen zu können.

Meine erste und unangenehmste Aufgabe bestand im Ausräumen der Küche. Armin hatte den Zeitpunkt seines Ableben schlecht gewählt, denn er hatte bergeweise benutztes Geschirr stehen lassen und auch sein Kühlschrank war noch voller Lebensmittel und Tupperdosen mit Essensresten von denen die meisten einen dicken Pelzmantel trugen.
Es passierte das erste Mal beim Abwasch. Ich hatte gerade das Wasser angestellt, als ich ein seltsames kratzendes Geräusch hörte. Ich stellte das Wasser ab, doch das Geräusch war bereits verstummt. Ich ließ das Wasser wieder laufen, als neben dem Kratzen nun auch noch ein metallisches Klopfen ertönte, das auch nach dem Abdrehen noch mehrere Minuten anhielt.
Ich säufzte. Offenbar kam zu den vielen Mängeln des Hauses nun auch noch ein Schaden am Wasserboiler. Ich verfluchte mich dafür, das Erbe nicht abgelehnt zu haben, während ich zurück in das Wohnzimmer ging und mich auf das Sofa warf.
Mir schräg gegenüber stand der Sessel, in dem Onkel Armin seinen Herzinfarkt hatte. Es hätte wohl niemand bemerkt, hätte der Postbote nicht zufällig einen Blick durch das Fenster geworfen. Vielleicht wäre das Haus jahrelang unberührt geblieben, von Flechten überwuchert und unter Ästen begraben worden bis es ganz und gar im Wald versunken wäre und niemand sich mehr daran erinnert hätte, dass hier mal jemand gelebt hatte. Und vielleicht wäre es besser so gewesen.
In der Nacht hörte ich noch einige Male das dumpfe Klopfen aus der Küche.


Am nächsten Tag begann ich damit Onkel Armins Sammlungen durchzusehen. Es schien, als gäbe es kaum etwas Sammelbares, das er nicht gesammelt hätte.
Da war eine Vitrine mit alten Actionfiguren und eine mit antiken Tassen, die ich sorgsam in Zeitung eingewickelt in einen Karton packte, doch das meiste waren weniger nützliche Dinge wie eine Sammlung von Kronkorken von teils exotischen Biersorten oder Ein-Euro-Münzen aus verschiedenen Ländern Europas.
Aus einer der Vitrinen lachte mich ein Familienfoto an. Armin und seine Frau standen im Garten, Sophia, vielleicht dreizehn oder vierzehn, stand zwischen ihnen, und zumindest sie und ihre Mutter lächelten.
Sophia war ein hübsches Mädchen. Schon bevor ich überhaupt anfing mich für Mädchen zu interessieren, war mir aufgefallen, wie hübsch sie war. Das lag auch daran, dass sie glücklicherweise kein Gen ihres Vaters geerbt zu haben schien. Mit ihren langen, blonden Haaren, der spitzen Nase und den hellbraunen Augen stellte sie stattdessen fast einen jüngeren Klon ihrer Mutter dar.
Trotzdem hatten wir uns als Kinder nicht verstanden. Sophia war ein wildes Kind, eines dieser Kinder die den ganzen Tag draußen sind, Fußball spielen oder auf Bäume klettern und dazwischen schreien oder plappern wie ein Wasserfall.
Ich war eher still und in mich gekehrt. Ich war zufrieden, wenn ich ruhig in einer Ecke sitzen, malen oder ein Buch lesen konnte. Eine der wenigen Gemeinsamkeiten, die Armin und ich hatten.

Als ich zurück in das Wohnzimmer kam stieß mein Fuß gegen etwas hartes. Ein Buch war aus einem der Regale auf den muffigen Teppich gestürzt. Ich redete mir ein, dass ich es heruntergerissen haben musste, auch wenn ich mich beim besten Willen nicht erinnern konnte, wann oder wie. Ich hatte ein seltsames Gefühl, eine unheimliche Ahnung als ich das Buch zurück an seinen Platz stellte, doch ich schüttelte sie ab und wandte mich wieder meiner Arbeit zu.

Es war Abend geworden, als ich endlich die zwei Kartons mit dem, was ich für verkäuflich hielt, in meinen Wagen lud. Ich blieb einen Moment stehen und blickt hoch in die Baumkronen, durch die das rote Licht der Abendsonne schien. Die kühle Waldluft war eine angenehme Abwechslung zu dem stickigen Klima des Hauses. In einer leichten Brise rauschte das Laub der Bäume, irgendwo in der Ferne zwitscherte ein Vogel und ich nahm einige tiefe Atemzüge, bevor ich zurück in das Haus ging.


Mitten in der Nacht wurde ich unsanft aus dem Schlaf gerissen. Ich blinzelte gegen die Dunkelheit an, während mein halbwacher Verstand versuchte zu verstehen, was mich geweckt hatte. Da war ein Geräusch, ein lautes Geräusch wie ein Knall oder eher ein dumpfer Aufschlag. Aus der Küche hörte ich erneut das Klappern der Rohre.

Genervt stand ich auf, lief mit einer Taschenlampe in die Küche und versuchte das Klappern zu beheben, indem ich den Wasserhahn wiederholt auf- und zudrehte, als ein erneuter, dumpfer Aufschlag aus dem Wohnzimmer ertönte.

Ich stürmte zurück, hörte ein Knirschen, fühlte wie sich Scherben in meinen Fuß bohrten. Mit einem Schrei ging ich zu Boden und landete neben einer zerknitterten Sophia, die mich aus ihrem zersplitterten, blutverschmierten Bilderrahmen ansah. Um sie waren weitere Bilder, Bücher und Dinge verstreut, die mit Sicherheit davor nicht dort gelegen hatten.
Ein weiteres Poltern kam von dem Regal, von hinter dem Regal, vor dem ich gestern bereits das Buch gefunden hatte.
Ich rief einmal laut, ob jemand da wäre, dann lauschte ich an dem Regal, das wie zur Antwort wieder erschüttert wurde, während das Klappern aus der Küche erneut begann. Ich versuchte, das Regal von der Wand wegzuziehen und stellte gleichzeitig fest, dass es an dieser befestigt war und dass sich die Wand ein Stück weit nach innen bewegen ließ, bevor irgendein Widerstand im Innern es verhinderte. Das Klopfen aus der Küche wurde nun fast ekstatisch und auch wenn ich den Zusammenhang noch immer nicht verstand, wusste ich doch, dass ich irgendwie hinter das Regal kommen musste. Ich schob und zog, warf mich gegen das Regal und spürte, wie im Innern irgendetwas zu brechen begann. Ich nahm soviel Anlauf, wie mir der kleine Raum bot und rannte wieder und wieder gegen die Wand bis die Befestigung endlich brach und das Regal wie eine Tür zur Seite schwang.

Im hinter den Wandfliesen versteckten Türrahmen klaffte ein Loch, wo ich Teile des Schließmechanismus‘ herausgerissen hatte. Ein Gang mit unverputzen Backsteinwänden und brüchigen Betonstufen führte in undurchdringliche Dunkelheit hinab.
Das Klopfen war nun lauter als je zuvor und mir wurde klar, dass die Quelle hier unten liegen musste und dass es sich nicht um einen kaputten Boiler handelte.

Auf der Treppe verstreut lag ein Sammelsurium verschiedener Gegenstände, die mein Kopf noch zu keinem schlüssigen Gesamtbild zusammenfügen konnte: Bücher, Teller, ein Eimer, Taschentücher, eine Reitgerte und eine Nachttischlampe konnte ich im Schein der Taschenlampe ausmachen, während ein widerlicher Gestank zunehmend stärker wurde, der Geruch von Schweiß und menschlichen Exkrementen.
Der Gang mündete nahtlos in einen großen Kellerraum auf dessen kargem Betonboden weitere Gegenstände verstreut lagen. Ich ließ meine Taschenlampe über die Wände gleiten, an denen zwischen einer dicken Schicht aus Dämmmaterial mehrere Rohre verliefen, und erstarrte, als der Lichtkegel eine menschlichen Gestalt zum Vorschein brachte.

Es dauerte nur Sekunden, bis ich die junge Frau, die nackt und zitternd vor mir auf dem Bett lag, erkannte. Sie war zwar blass und abgemagert, doch die Jahre hatten Sophia kaum verändert. Es schien sie all ihre Kraft zu kosten, sich von dem fleckigen Bett auf dem sie lag, zu erheben und mir ihre linke Hand entgegenzustrecken, die einzige ihrer Extremitäten, die sie offenbar aus den rund um das Bettgestell angebrachten Handschellen hatte befreien können. Sie versuchte zu sprechen, doch ihre Stimme versagte durch den wochenlangen Mangel an Nahrung und Flüssigkeit.
Es war unschwer zu verstehen und doch unmöglich zu akzeptieren, was passiert war. Es hatte nie einen Jungen gegeben, mit dem Sophia durchgebrannt war und es war nicht seine Trauer, die Armin dazu brachte, niemanden mehr in sein Haus zu lassen. Es war die Angst, dass sein Geheimnis entdeckt werden würde. Sophia war seiner Frau wie aus dem Gesicht geschnitten. War ihm der Gedanke gleich nach ihrem Tod gekommen oder war er langsam in ihm gewachsen wie ein Geschwür? Hatte es einen Auslöser gegeben? Wollte sie ihn verlassen und er wollte es nicht akzeptieren?

Egal, wie es passiert war, er hatte Sophia gezwungen, den Platz seiner Frau einzunehmen. Ich wollte mir nicht ausmalen, wie lange sie hier bereits hier war und erst recht nicht, was Armin ihr in all der Zeit angetan haben musste.


Nach seinem plötzlichen Tod war Sophia dann allein gewesen, ohne jemanden der sie mit Nahrung und Wasser versorgte und durch die gedämmten Wände hatte sie niemand schreien gehört. Ich konnte mir kaum vorstellen, wie sie überhaupt so lange überlebt hatte. Als sie schließlich bemerkte, dass nach Wochen wieder Wasser durch die Rohre über ihr floss, wusste sie, dass jemand im Haus sein musste und versuchte auf sich aufmerksam zu machen, indem sie mit ihrer freien Hand dagegen schlug, bis ihre Kräfte schließlich nicht mehr ausreichten. Als ihr klar wurde, dass dies nicht ausreichen würde, versuchte sie die Gegenstände, die sie erreichen konnte, gegen die Tür ihres Verlieses zu werfen.


So hatte ich sie schließlich gefunden. Jetzt lag sie vor mir, sah mich mit flehendem Blick an, dann formten ihre Lippen das Wort: „Wasser“. Ich lief in die Küche hinauf, füllte ihr ein Glas ein und trug es wieder in den Keller. Sie ergriff es sofort mit ihrer freien Hand und leerte es mit gierigen Schlucken. Ich nahm ihr das Glas ab, verschränkte meine Finger mit ihren und sagte beruhigend: „Jetzt wird alles gut.“ Trotz allem was sie erlitten hatte, zwang sich ein Lächeln auf ihr hübsches Gesicht. „Es wird alles gut.“


Das Lächeln verschwand , als ich ihre Hand in Richtung des Bettpfostens drückte und die daran hängende offene Handschelle um ihr Handgelenk zuschnappen ließ. Da war keine Panik in ihrem Blick, nur kraftlose Enttäuschung. Sie versuchte nicht einmal sich zu wehren, als ich mich zu ihr legte und ihr einen Kuss auf ihre ausgetrockneten Lippen drückte.

Als ich den Keller wieder verließ, hatte ich zwei Dinge beschlossen: Dass mein Vater Recht gehabt hatte, was die Seltsamkeit in unserer Familie betraf und dass ich das Haus behalten würde.

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