KurzOrtschaften

Raum ohne Fenster

Als er sich mit seinen gealterten, faltigen Fingern durch den langen Bart fuhr, der ihm aus dem Gesicht floss, kam das Geräusch wieder. Nur dieses Mal war es lauter.

Da saß er, über den gebeizten Eichentisch gebeugt, der vor Jahren ohne jede Erklärung angekommen war. Es war gekommen, als er schlief; in einer Nacht war es weg und am nächsten Morgen wieder da. Wahrscheinlich von den Leuten da oben, schlussfolgerte er. Von dort hatte er alles. In diesem Raum ohne Fenster. Der einzige Raum, den er in seinen vierundachtzig Jahren auf dieser Erde je gekannt hatte.

Wieder hallte der Schall von den vier dicken Wänden seines Hauses wider. So sehr, dass die auf dem Tisch verstreuten Kerzen mit Leichtigkeit zitterten und ihr gelbes Kerzenlicht in den glasigen Augen des Mannes tanzte, der sie im Laufe der Jahre als Freunde kennengelernt hatte.

Ein plötzlicher Ruck warf ihn von seinem Sitz auf den schmutzigen Boden unter ihm. In einem wilden Gerangel wurde ihm schnell klar, dass sich dieser fensterlose Raum, sein Zimmer, bewegte. Gegenstände, die eine Ewigkeit lang unbenutzt geblieben waren, lagen nun im ganzen Raum verstreut, und die Kerzen selbst waren den stürmischen Kräften, die sie umwarfen, nicht gewachsen.

Er taumelte auf seine Füße. Instinktiv tastete er nach der Tischkante, um sich abzustützen, aber seine Hand traf nur auf Schmerzen in Form von heißem Wachs. Es scheuerte, aber nichts konnte seine Aufmerksamkeit von den Erschütterungen im Raum ablenken.

Ein weiterer Ruck, und er wurde erneut zu Boden geworfen. Aber anders als beim ersten Mal hielt ihn diese Kraft fest, und er hatte das Gefühl, dass er sich nach oben bewegte. Der Eichentisch wackelte auf seinen vier Beinen, bevor er dem geheimnisvollen Einfluss nachgab, und die letzte Kerze wurde gelöscht. Er fand sich in Dunkelheit gehüllt.

Und dann war es plötzlich nicht mehr dunkel. Die Decke wurde weggehoben, und darauf folgte ein helles Licht, heller als alles, was er je zuvor gesehen hatte. Die Menschen von oben, dachte er bei sich. Als sich seine Augen daran gewöhnten, wurde das helle Licht blau, und er konnte sehen, dass sich weiße Schwaden schnell über das blaue Firmament bewegten.

Und es wurde nur noch seltsamer. Zwei Männer, die ihm bis auf die jüngeren und breiteren Schultern sehr ähnlich sahen, griffen nach ihm, wobei jeder unter die Achseln des alten Mannes griff. Die Leute von oben. Sie trugen gelbe Plastikhüte und leuchtende Warnwesten. Er wurde in die Luft gehoben und auf eine hölzerne Plattform fallen gelassen, die neben seinem Zimmer stand. Nur dass es jetzt viel mehr zu sehen gab als nur die Enge seines Zimmers.

Er schien an einem Strand zu sein, oder zumindest dachte er das. Sein ganzes Leben lang hatte man ihm von solchen Orten erzählt, und das Wort Strand war das erste, das ihm in den Sinn kam. In allen Richtungen umringten Menschen jeden Alters das Gelände, mit Gesichtern voller Staunen und Hysterie. Zum ersten Mal eröffnete sich ihm eine neue Perspektive, die er sich in seinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können. Zum ersten Mal konnte er sein Zimmer als das sehen, was es wirklich war.

Es war eine Kiste, und der tiefen Vertiefung im angrenzenden Sand nach zu urteilen, schien sie dort seit Äonen begraben zu sein und nicht ein einziges Mal das Licht der Welt erblickt zu haben, bis sie vor wenigen Minuten gewaltsam entfernt wurde. Die Menge brüllte plötzlich auf, angefeuert von einer weiteren Person, die auf die Holzplattform neben dem alten Mann gesprungen war. Es war ein Mann mittleren Alters, der einen Nadelstreifenanzug und einen schwarzen Zylinder trug. Er sah aus wie ein geistesgestörter Rädelsführer.

“Herzlich willkommen”, rief er, “zur ersten menschlichen Zeitkapsel der Welt!”

Autor: Peter Bowman
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