ComputerKurzTod

Red Room

Ich war noch nie die Art von Mensch, die an das Paranormale glauben.

Ich habe genügend Geschichten gelesen und gehört, doch noch nie bin ich mit etwas in Berührung gekommen, was sich nicht rational erklären ließe.

Trotz allem bin ich wie besessen von alten Geistergeschichten, die es im Internet gibt, wie Sand am Meer. Vielleicht ist es der Wunsch nach etwas Unglaublichen, das mich an den Bildschirm fesselt. Etwas, was mich glauben lässt, dass es noch mehr auf dieser Welt gibt, als das was wir sehen können.

Und mit dieser Obsession bin ich nicht allein. Meinen besten Freund Tommy habe ich vor Jahren über ein Forum für Paranormales kennen gelernt. Damals hatte er behauptet, irgend so ein dummes Geisterspiel gespielt zu haben und damit geprahlt tatsächlich einen echten Geist fotografiert zu haben.

Das Foto, welches er allen im Internet als echt verkaufen wollte, zeigte seinen Badezimmerspiegel, in dem die groben umrisse eines Gesichtes zu erkennen waren. Als ich ihn darauf ansprach gab er schließlich zu, diesen Effekt mit etwas Vaseline gefaked zu haben. Von da an, waren wir beste Freunde. Wir lachten gemeinsam über die Menschen, die sich so einfach hineinlegen ließen und gründeten schon bald unser eigenes Forum für Übernatürliches.

Egal über was Tommy und ich reden, es läuft immer auf eines der beiden Themen hinaus: Geister oder Sex. Erzählt er mir nicht gerade von seinem letzten Frauenbesuch, dann schickt er mir Links zu Videos über Geister- und Dämonensichtungen, oder gibt mir ein Update über die neuste Verschwörungstheorie im Netz.

„Alter, ich bin da etwas auf der Spur.“, schreibt er mir wie aus dem Nichts über unseren Messenger, „Ich glaub, das könnte echt was sein!“

Ich seufze. Wenn Tommy „etwas auf der Spur“ war, dann lief diese Spur meistens ins Nichts.

Wo meine Welt als Realist aufhört, fängt Tommy’s erst an und so versucht er mir gut wöchentlich den Beweis zu liefern den es brauchte, um mich von der Existenz des Übernatürlichen zu überzeugen.

„Was ist es diesmal?“, schreibe ich zurück.

Wie jedes Wochenende sitze ich vor meinem Computer und vertreibe mir die Zeit mit online Spielen und Recherchen.

Tommy’s nächste Nachricht enthält nichts weiter als einen Link.

Ich verdrehe die Augen. Für so etwas bin ich heute nicht wirklich in Stimmung. Ich hatte einen echt beschissenen Tag auf der Arbeit hinter mir, und wünsche mir nichts sehnlicher, als einfach meinen Kopf ausschalten zu können.

„Schau ich mir morgen an.“, schreibe ich Tommy. Auf seine Antwort musse ich nicht einmal warten.

„Nein, jetzt. Vertrau mir.“, kommt es zurück, als ich meine Nachricht gerade abgeschickt hatte. So als hätte Tommy gewusst, dass ich ihn hatte warten lassen wollen. So als hätte er die Nachricht bereits geschrieben, bevor ich meine auch nur erdacht hatte.

Ich seufze. Gut, ich vertraue Tommy, doch ich kann schon jetzt sagen, dass was auch immer hinter diesem Link steckt, meine Zeit nicht wert sein kann.

Trotzdem klicke ich auf den Link, allein um Tommy eine Freude zu machen.

Mein Bildschirm verdunkelt sich.

„Na toll“, denke ich, „Wenn dieser Mistkerl mir einen Virus untergejubelt hat, werde ich ihn erwürgen.“

Der Bildschirm bleibt schwarz. Ich warte einige Minuten, doch das Bild auf dem Display verändert sich nicht.

„Was zur Hölle soll ich da bitte sehen? Da ist nichts.“, schreibe ich entnervt an Tommy, als sich auch nach 10 Minuten nichts tun will.

Tommy’s Antwort kommt wieder in genau dem Moment in dem ich meine Nachricht abgeschicke.

„Es tut mir leid.“

Jetzt bin ich nicht nur genervt, sondern auch verwirrt. Was tut ihm leid? Hatte dieser Idiot mir tatsächlich einen Virus weitergeleitet?

An diesem Abend erhalte ich keine weitere Benachrichtigung von Tommy. Weder im Messenger noch in unserem Forum und obwohl ich mir Sorgen mache – war es doch nicht seine Art einfach so von der Bildfläche zu verschwinden – gehe ich schließlich ins Bett. Morgen würde er bestimmt wieder auftauchen und sich darüber lustig machen, wie dumm ich doch war seinem blöden Link zu folgen.

Der LED-Wecker auf meinem Schreibtisch zeigt 3:33 als ich aus der Richtung meines Computers komische Geräusche vernehme. Es ist wie ein Rauschen, unterschwellig und doch penetrant. Und dann… *ping*

Eine… Nachricht? Ich hatte meinen Computer doch heruntergefahren.

„Verdammter Tommy mit seinem verdammten Virus. Was ist das für eine Scheiße?“, murmele ich zu mir selbst und schlage die Bettdecke zurück.

Mein Apartment ist klein und die Miete ein Wucher. Alles, was ein Mensch zum Leben braucht ist in einen Raum gestopft. Allein das Badezimmer ist vom Hauptbereich getrennt. Deswegen sehe ich sofort, dass der Bildschirm meines Computers eingeschalten ist, als ich grummelnd aus dem Bett steige.

Mein Startbildschirm taucht meine ganze Wohnung in sanftes, blaues Licht.

Ich setze mich vor dem Bildschirm auf meinen Schreibtischstuhl und wiederhole den Prozess zum Herunterfahren des Computers. Das Rauschen hört auf, der Bildschirm wird schwarz, und ich warte einige Minuten, bis ich wieder aufstehe und zum Bett zurück gehe. Ich möchte sicher gehen, dass der Computer diesmal auch wirklich aus ist.

Gerade als ich dem Gerät den Rücken zudrehe, beginnt das Rauschen von Neuem und das Licht des Bildschirmes zeigt mir das leere Bett, welches so warm und einladend aussieht, dass es mich beinahe verspottet.

Ich zucke zusammen.

„Was soll der Scheiß?“, denke ich und drehe mich so schnell herum, dass ich beinahe über meinen Stuhl stolpere.

Wieder sehe ich meinen Startbildschirm und setze mich. Wieso zum Teufel geht dieses Scheißding immer wieder an?

Tommy’s Virus muss dafür sorgen, dass das mit dem Herunterfahren nicht mehr so klappt wie es sollte.

Die Anzeige unten rechts zeigt die Uhrzeit. 3:45. Nicht gerade die beste Zeit, um einen Virenscan laufen zu lassen, aber was sollte ich sonst tun? Wach bin ich schließlich schon.

Ich klicke mich durch ein paar Ordner, doch bevor ich den Virenscan starten kann, wird der Bildschirm schwarz.

Doch diesmal bleibt er nicht schwarz. Nach wenigen Sekunden erscheint ein Pop-Up Fenster. Es schwebt beinahe unheilvoll inmitten der Schwärze und zeigt rote, krakelige Schrift auf schwarzem Untergrund.

„Magst du…“, fängt der Satz in Riesigen Buchstaben an, und wird immer kleiner, sodass ich den Rest des Satzes nicht mehr lesen kann. Es sieht aus, als hätte eine sehr zittrige Hand mit rotem Wachsmalstift auf meinen Bildschirm gekritzelt. Die Buchstaben überschneiden sich, drücken gegeneinander und gegen die Ränder des Pop-Up Fensters.

Mag ich… was? Ich kann den Scheiß nicht lesen.

Viele Male suche ich den Bildschirm vor mir ab, auf der Suche nach dem „x“ mit dem ich das Fenster schließen könnte, doch ich kann es nicht finden. Natürlich, es ist schließlich ein Virus. Ich soll es gar nicht schließen können.

Jetzt reicht es mir. Ich zögere noch einen Moment, starre auf das Fenster und versuche ein letztes Mal die Worte darin zu entziffern. Als ich es wieder nicht schaffe, lehne ich mich hinunter und ziehe prompt den Stecker.

Dunkelheit umhüllt mich, bevor ich mich überhaupt wieder aufsetzen kann.

Das Problem wäre also für heute gelöst. Ich kann mich auch morgen noch um diesen Virus kümmern. Verflucht seist du, Tommy.

Diesmal komme ich gar nicht dazu aufzustehen.

Der Bildschirm geht wieder an und zeigt das Fenster und den schwarzen Hintergrund.

Ich zucke zurück.

„Was zum… Das ist unmöglich, verdammt!“

Ungläubig lehne ich mich wieder herunter. Der Stecker liegt auf dem Boden. Dieser Computer hängt an keinem Stromnetzwerk mehr. Warum zum Teufel ist er dann an?

Der Realist in mir versucht mich zu beruhigen. Redet irgendwas von Reststrom und Stromkreisen und dem ganzen Scheiß. Tatsächlich hilft es, denn mein Herz schlägt jetzt nur noch halb so schnell wie zuvor.

Ein paar Sekunden vergehen, in denen ich nur ratlos auf das Display starre und überlege was zum Teufel ich jetzt machen sollte.

Mein Gehirn kommt nicht weit, denn ein neues Pop-Up Fenster erscheint.

Es zeigt immer noch die rote Schrift auf schwarzem Hintergrund, doch diesmal ist das ganze wenigstens leserlich.

„Magst du den Red Room?“

Den… was?

Ich hatte schon einmal von Red Rooms gehört. Das waren diese Folterkammern im DarkWeb, bei denen man Fremden Bitcoins zahlt, damit sie junge Mädchen foltern. Virtueller Torture-Porn sozusagen. Tommy und ich hatten schon oft über solche Red Rooms diskutiert. Die waren zwar nichts Paranormales, doch gibt es keinen wirklichen beweis für deren Existenz.

Doch irgendetwas sagt mir, dass mich hier kein Folter-Porno erwartete.

Das Pop-Up gibt mir das Gefühl, als würde es auf eine Antwort warten. Komisch, ich weiß, denn es gibt keinerlei Textfunktion, mit der ich antworten könnte.

Also warte ich. Ob auf ein weiteres Pop-Up, oder darauf, dass mein Computer nun doch endlich herunterfahren würde, weiß ich nicht. Denn so langsam hat dieser Virus mein Interesse geweckt.

Noch immer hat sich nichts getan. Ich habe es mit klicken und tippen versucht, aber… nichts.

„Was soll das für ein Raum sein?“, frage ich schließlich laut in mein Zimmer hinein. Ich habe nicht mit einer Reaktion gerechnet, denn auch mein Mikrofon sollte eigentlich nicht funktionieren, aber dieser Virus hatte ja schon einmal die Gesetze der Physik gebrochen.

Und tatsächlich verschwindet das Pop-Up, nachdem ich mit ihm gesprochen hatte.

Ich kann nicht anders als zu lachen. Natürlich bin ich immer noch genervt von diesem Virus der wahrscheinlich meinen Computer zerstören wird, aber so etwas sieht man nicht alle Tage.

Das nächste Fenster öffnet sich.

„Wie lange würde es dauern, zum nächsten Fluchtweg zu gelangen?“

Derselbe schwarze Hintergrund, doch die Schrift hatte sich verändert. Sie war zwar noch immer rot, aber diesmal äußerst ordentlich verfasst.

Das Rauschen, das anscheinend aus den Lautsprechern kommt, wird lauter.

Mein Lächeln erstirbt, als ich mich automatisch zur Seite drehe, um meine Haustür anzusehen. Warum will dieses Fenster das wissen?

Mein Herz schlägt nun wieder schneller. Es ist nur eine verdammte Nachricht in einem verdammten Pop-Up, warum habe ich denn Gänsehaut?

„Scheiße…“, denke ich mir als ich noch einmal zur Seite schaue.

„Circa… circa fünf Sekunden?“, sage ich, doch aus meinem Mund klingt es mehr wie eine Frage.

Das Pop-Up verschwindet und wird durch ein neues ersetzt.

„Angenommen du hättest keine Beine: Wie lange würde es dauern, zum nächsten Fluchtweg zu gelangen?“

Jetzt hatten sich auch meine Nackenhaare aufgestellt. Was für einen Scheiß hatte Tommy mir da auf den Rechner geschickt?

„Uhm… fuck… 30 Sekunden? Keine Ahnung, man!“, sage ich wieder. Meine Stimme zittert leicht.

„Angenommen du hättest weder Beine noch Arme: Wie lange würde es dauern, zum nächsten Fluchtweg zu gelangen?“

„Scheiße, wie soll das denn gehen? Gar nicht!“, antworte ich sofort.

Mein Herz klopft so sehr, dass ich das Blut in meinen Ohren rauschen höre. Oder ist es das Rauschen aus dem Computer…?

Diesmal dauert es einige Sekunden, bis sich das nächste Fenster öffnet.

„Angenommen der Notruf wird alarmiert: Wie lange würde es dauern, bis sie dich finden?“

Was soll das? Was sind das denn für Fragen?

„Zehn Minuten höchstens.“, sage ich. Gut, das war gelogen. Das nächste Krankenhaus ist eine gute halbe Stunde entfernt. Selbst mit Blaulicht und Sirene würde es der Krankenwagen nicht innerhalb von zehn Minuten hierher schaffen.

Ich warte darauf, dass das Fenster verschwindet und mir die nächste grausame Frage stellt, doch es passiert nichts. Ich warte gut fünf Minuten darauf, dass sich etwas ändert, doch das Fenster bleibt.

„Es würde… es würde 30 Minuten dauern?“ Es klingt wieder wie eine Frage.

Das Pop-Up verschwindet.

Kalter Schweiß bildet sich auf meiner Stirn. Woher weiß dieses Ding, dass ich gelogen habe? Hat mein Mikrofon irgendeine Art von Stimmerkennung? Ich kenne mich damit nicht aus, doch man kann doch bestimmt anhand der Stimmlage erkennen, dass ich lüge.

„Wer ist in deiner Wohnung?“

„Hier bin nur ich.“, antworte ich.

Das Fenster verschwindet nicht. Warum zur Hölle verschwindet es nicht?

„Das ist keine Lüge, ich lebe allein, verdammt!“. Ich schreie die Worte fast.

Das Fenster nimmt immer noch meinen Bildschirm ein. Ich brauche ein paar Sekunden, um mich zu beruhigen. Gut, dann muss ich eben etwas anderes probieren.

„Hier bin ich und… noch jemand?“

Es dauert einen Atemzug, bis das Pop-Up verschwindet. Das war also die richtige Antwort.

Jetzt fühlt es sich so an, als würde mein Herz einen Schlag aussetzen. Ich gebe es zu: Ich habe Angst. Das ist kein Virus.

Zitternd blicke ich mich um. Meine Augen brauchen einen Moment, bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnen, doch das Licht des Bildschirms hilft wenigstens dabei Umrisse auszumachen. Mein Bett ist ordentlich gemacht und auch meine Schranktüren sind noch immer vollständig geschlossen. Hier ist niemand. Ich bin allein.

Aber warte… wieso ist mein Bett gemacht? Ich bin doch gerade erst aufgestanden.

Bevor ich darüber nachdenken konnte, erreicht mich ein neues Pop-Up.

„Magst du den Red Room?“

Schon wieder diese dumme Frage.

„Ja!“, schreie ich, weil es sich so anfühlt, als wäre das die richtige Antwort, „Ja, ich mag diesen verschissenen Red Room. Ich liebe ihn, was nun?“

Es war die richtige Antwort, denn das Pop-Up verschwindet.

„Wie lang wird es dauern, bis du es an der Decke entdeckst?“

Mein Kopf schnellt nach oben.

Es lässt mir nicht einmal mehr die Zeit zu schreien.

Auszüge aus dem Polizeibericht zum Fall: 0231, Andrè Wellsky.

Detective Sanders äußert sich zum ersten Eindruck des Tatortes:

„Es war ein Blutbad. Ein fucking Blutbad. In meinen 30 Jahren bei der Kripo, habe ich noch nie so etwas gesehen. Ganz klarer Selbstmord. Der Junge sitzt mit aufgeschlitzten Pulsadern vor seinem Rechner. Haben wir natürlich untersucht. Der Typ hat sich in ganz komischen Kreisen bewegt.

Was ich denke? Das war ein verdammter Pakt zwischen ihm und seinem Kumpel Thomas Falder. Auf seinem Rechner haben wir hunderte von Nachrichten zwischen Wellsky und Falder gefunden. Wellsky hat ihn nur als „Tommy“ gekannt. Der hat sich auch die Handgelenke aufgeritzt, schon eine Woche vor Wellsky. Schade um den Jungen. Keine Anzeichen einer psychischen Vorerkrankung, aber der war ganz klar gestört. Hat seine ganzen Wände mit Blut vollgeschmiert. War anscheinend auch so ein Pakt-Ding, denn bei Falder fanden wir genau dasselbe vor.

Man weiß ja wie viel Blut ein Mensch hat, aber die beiden Typen mussten fast doppelt so viel in sich gehabt haben. Ich mein… da war wirklich alles voll. Die Wände, die Betten, die Schränke. Nur der Rechner… der war noch gut.

Scheiße, und dann waren die auch noch so jung.

Ich werde mir die Festplatten der beiden einmal genauer anschauen. Vielleicht finde ich da irgendetwas.

Fuck… dieses Bild bekomme ich bestimmt nie wieder aus dem Kopf, und ich habe ja schon so einiges gesehen.

Aber noch nie eine ganze Wohnung in Blut getränkt.

Alles rot da drin. Alles nur noch ein großes, rotes Zimmer.“ 

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