
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Der durchdringende Duft von Eisen und Rost stieg sofort mit brutaler
Macht in meine Nase als ich den ersten Schritt auf den, mit rostroten
Stahlplatten bedeckten Boden, dieser lang vergessenen Insel tat.
Vor vielen Jahrzehnten wurden hier in hunderten von Fabriken die
verschiedensten Dinge hergestellt: Angefangen von Pestiziden und
Düngemitteln, über Konserven, Medikamente und Plastikbehälter, bis hin
zu Stahl, Lebensmittelzusätzen und Lacken. Doch was auch immer die
Fabriken jeweils hergestellt hatten – eines hatten sie alle gemeinsam:
Sie waren regelrechte Dreckschleudern.
Selbst wenn damals noch recht wenig Interesse an Nachhaltigkeit oder
Umweltschutz bestand, hatten die beteiligten Firmen sich mit ihren Dreckschleudern in dieses Niemandsland im Meer, weitab von den
Ballungszentren, zurückziehen müssen. Sterbende Wälder und kranke Tiere
waren das eine. Aber kein Land der Welt konnte es verantworten, wenn
seine Bewohner zu zehntausenden an Lungenschäden starben. Das war weder
human noch wirtschaftlich.
Dass die Länder, die nach den Erzeugnissen dieser Fabriken gierten,
schlechte PR und die Wut ihrer Bürger fürchteten war aber nicht der
einzige Grund für die Firmen, ihre Fabriken auf diesem abgelegenen
Eiland anzusiedeln. Weitaus interessanter war der Umstand, dass die
Insel unbewohnt und keinem Land zugehörig war. Es war ein vollkommen
rechtsfreier – und steuerfreier – Raum, was die hohen Transportkosten zu
den Verbrauchern mehr als wettmachte, bedeutete es doch auch, dass es
keinerlei Kontrollen oder Regulationen gab.
Lediglich die hergestellten Produkte mussten den gewohnten
Qualitätsstandards der importierenden Länder genügen. Der
Herstellungsprozess aber unterlag keinen solchen Beschränkungen. So
konnte man auf jegliche Filter verzichten und musste nicht mal die
niedrigsten Sicherheitsstandards erfüllen. Die Schlote konnten ihren
öligen schwarzen, giftigen Rauch ungehindert in die Atmossphäre pumpen
und die flüssigen Giftabfälle wurden entweder in Fässer abgefüllt und
auf dem Meeresboden versenkt oder direkt über verschiedene Rohre in das
umliegende Meer gepumpt.
So dauerte es nicht lange, bis sämtliches Leben auf der Insel und aus
dem nahen Wasser verschwunden war. Trotz – oder gerade wegen – des
überwältigenden, chemischen Gestanks gab es keinen sterileren Ort auf
diesem Planeten. Natürlich ergab sich dadurch das Problem, dass die
Fabrikangestellten nun ebenfalls um ihre Gesundheit fürchten mussten.
Gerüchte über Fälle von Unfruchtbarkeit, verschiedenen Krebsarten,
Staublunge und vielen weiteren Krankheiten machten die Runde. Immer
weniger Menschen wollten sich dieser Gefahr aussetzen und der
Produktionsprozess drohte wegen des Mitarbeitermangels ins Stocken zu
geraten. So trafen sich Aktionäre der beteiligten Konzerne – die sich
selbstredend weitab von dieser Hölle aufhielten – zu einer
Krisensitzung, um zu besprechen, wie sich wieder neue Mitarbeiter
gewinnen lassen konnten.
Einige Vertreter schlugen ernsthaft vor, die Umweltbedingungen zu
verbessern und wenigstens ein Mindestmaß an Sicherheit zu gewährleisten.
Aber sie wurden überstimmt, was vor allem an den nackten Zahlen lag.
Die Umweltschäden zu beseitigen und die notwendigen Filter und
Sicherungssysteme einzurichten wäre sehr teuer geworden. Deshalb
entschied man sich für eine andere Lösung: Man verdoppelte die Gehälter
der Arbeiter, errichtete ihnen Luxuswohnungen und ein eigenes kleine
Vergnügungsviertel mit Kinos, Restaurants, Schwimmbädern,
Einkaufzszentren und sogar Bordellen. Gleichzeitig bekam jeder von ihnen
als zusätzlichen Bonus eine hohe Risiko-Lebensversicherung, die ihre
Familien im Todesfall absichern würde. Alles in allem war diesen Lösung
deutlich günstiger. Und sie funktionierte.
Trotz der Gesundheitsgefahr siedelten sich mehr und mehr Menschen in
der Arbeitersiedlung an und tauschten Geld und Vergnügungen gegen
Arbeitskraft und Lebensjahre. Nur wenige von ihnen wurden älter als
Vierzig und die meisten starben einen qualvollen Tod. Während immer
wieder neue Güter an die konsumgierigen Länder dieser Welt verschifft
wurden.
Dennoch funktionierte das Geschäftsmodell noch viele Jahre lang, bis
es den Betreibern – aufgrund der wachsenden Umweltbewegung und einer
immer kritischeren und vernetzteren Öffentlichkeit zu riskant wurde. Die
Fabriken schlossen ihre Pforten für immer und die Arbeiter verließen
ihre vergiftete Arbeitsstätte, um die letzten Jahre ihres Lebens in den
Intensivstationen ihrer Heimatländer zu verbringen. Die Fließbänder
standen still und die schwarzen Wolken der Schornsteine verschwanden,
auch wenn sich die hiesige Umwelt bis heute nicht von ihrer
Vergewaltigung erholt hat. Gleichzeitig begannen die Gezeiten und die
salzige Seeluft den Stahl- und Eisenkonstruktionen mehr und mehr
zuzusetzen und legten einen rostigen, roten Trauerschleier über das
Gelände.
An diesem Punkt der Geschichte beginnt meine Eigene. Ich bin Manfred
Druckmann, 39 Jahre alt und meines Zeichens Journalist und Historiker
und habe seit jeher ein Faible für die vergessenen Episoden der
wechselvollen Menschheitsgeschichte. Das ist auch der Grund, weshalb ich
mich auf diese verlassene Insel begeben habe, wo ich nun diese ganz
besondere Dokumentation drehen möchte. An meiner Seite ist mein treuer
Kameramann Jonas, der als Einziger sowohl verrückt als auch loyal genug
war, um mich auf dieses Abenteur zu begleiten. Wir sind keine richtigen
Freunde, aber nach jahrelanger Zusammenarbeit sind wir auch nicht weit
davon entfernt.
Den Rest der Welt haben wir mit dem kleinen Frachtkahn hinter uns
gelassen, der gerade am Horizont verschwindet und dessen Kapitän ich nur
gegen einen nicht eben geringen Geldbetrag zur Überfahrt bewegen
konnte. So schließt sich der Kreis. Wieder einmal war es Geld, das
einen Menschen überzeugen konnte, trotz Widerwillen hierher zu kommen.
Der Mann meinte, dass die Insel verflucht sei und damit hat er ja
auch irgendwie recht. Es ist ein unheimlicher und gefährlicher Ort,
selbst ohne Geister oder Dämonen. Zwar haben Messungen in der Gegend
ergeben, dass die Gesundheitsgefahren inzwischen soweit gesunken sind,
dass man hier einige Tage ohne nennenswerte Langzeitschäden verbringen
kann, aber dennoch ist es alles andere als ein Luftkurort. Andererseits
gab es auch Forscher, die sich trotz der Gefahren nach Tschernobyl oder
Fukushima wagten.
Außerdem hatte ich neben meinem beruflichen noch ein privates
Interesse. Mein Vater hat hier gearbeitet. Er gehörte zu den letzten,
die sich diesem Wahnsinn noch ausgesetzt haben und er ist nie wieder
zurückgekehrt. Ich hoffe, den ein oder anderen Hinweis auf meinen alten
Herren hier zu finden, auch wenn ich nicht weiß, ob er überhaupt noch
lebt. Meine Mutter war ohnehin der Meinung, dass er einfach mit einer
anderen Frau in irgendein Tropenparadies durchgebrannt ist. So oder so
werden wir das Beste aus diesem Aufenthalt machen und ich hoffe für uns,
dass der Kapitän uns wie versprochen in drei Tagen hier abholen wird.
Andernfalls sind wir geliefert.
Im Folgenden werde ich den Verlauf und die Ergebnisse meiner Reise protokollarisch festhalten.
Tag 1, 11.08.2017, 20:10 Uhr
Wir haben damit begonnen das Gelände zu erkunden. Was wir hier sehen
deckt sich hunderprozentig mit den Ergebnissen meiner Recherchen. Natur
gibt es auf dieser Insel nicht. Nicht einmal Moos oder Unkraut. Keine
Insekten oder Ratten. Es gibt nichts als tote Erde und rostige
Stahlplatten, zerrissene Zäune, zersplitterte Transportwege und die
kolossalen Gerippe der Fabriken. Von den Fabriken wollen wir uns vorerst
fernhalten. Wer weiß, was dort noch an Chemikalien lagert. Die Firmen
haben sich garantiert nicht um eine mustergültige Reinigung und
Entsorgung bemüht. Sie haben ja nicht mal die noch brauchbaren Teile der
Fabriken ausgeschlachtet. Trotzdem werden wir auch hier nach Hinweisen
suchen müssen. Vorerst aber gehen wir in Richtung der alten
Arbeitersiedlung. Die Sonne geht bald unter und wir brauchen einen
Schlafplatz.
Tag 1, 11.08.2017, 21:05 Uhr
Die Sonne ist nun bereits so rot wie der allgegenwärtige Rost. Ich
freue mich auf Abkühlung, denn die Hitze macht mir zu schaffen. Hier
ist es heiß wie in einem Backofen oder wie auf einer Kochplatte. All
das Metall und der heiße Stein. Die Sohlen unserer Stiefel haben zu schmelzen begonnen. Kein Witz. Und die Luft schmeckt seltsam. Ein wenig
scharf. Sie brennt in den Lungen und täuscht der Nase wechselnde Aromen
vor. Das Atmen fällt nicht leicht. Manchmal bringt eine Meeresbrise
frischen Sauerstoff, aber viel zu selten. Wir sollten wirklich nicht zu
lange hierbleiben.
Tag 1, 11.08.2017, 21:45 Uhr
Das letzte Licht verschwindet. Gerade rechtzeitig haben wir die
Arbeitersiedlung entdeckt. Sie sieht im Mondlicht aus wie ein Mund voll
abgebrochener Zähne. Sogar die Häuser sind aus Stahl und Eisen, nicht
aus Stein. Wer kommt auf so eine Idee? Tagsüber muss es da drin
unerträglich heiß sein. Wir haben ein Haus gefunden, das offensteht. Ob
mein Vater hier gewohnt hat? Das finden wir lieber morgen bei Tageslicht
heraus. Jetzt sind wir beide viel zu erschöpft. Innen war es sicher
einmal hübsch. Ein großzügiges Haus mit mehren Zimmern. Ein großer
Röhrenfernseher steht im Wohnzimmer. Wie alles hier ist er mit
Eisenstaub und Rost bedeckt. Die Couch davor ist feucht und stinkt.
Genauso wie auch das Bett. Zum Glück haben wir Schlafsäcke dabei. Es
kann nicht gesund sein dort zu liegen. Die Couch und die Matratzen der
beiden Betten sind so ziemlich das Einzige hier, dass nicht aus Metall
besteht. Ansonsten scheinen die hier einen ziemlichen Metallfimmel
gehabt zu haben. Schränke, Tische, Bettgestelle, Türen, Wände, der
Boden. Alles ist aus Metall. Zumeist aus Eisen und Stahl. Rostigem
Stahl.
Wir finden außerdem eine Metallplatte auf dem Metalltisch im
Arbeitszimmer. Jemand hat etwas darin eingeritzt. Wir wissen nicht was
es bedeutet, aber aus irgendeinem Grund macht es mir Angst. „Sie erheben
sich.“ steht dort. Insgesamt dreimal. Und das dritte Mal unterstrichen
und mit fünf Ausrufezeichen. Was soll das bedeuten? Vielleicht ein
Arbeiteraufstand? Aber davon hätte ich sicher bei meinen Recherchen
erfahren. Heute werden wir das Rätsel wohl nicht lösen. Wir sollten
lieber etwas Schlaf finden.
Tag 2, 12.08.2017, 01:31 Uhr
Diese Hitze. Selbst in der Nacht kühlt es hier kaum ab. Jonas hat
sich inzwischen nur mit Unterwäsche bekleidet einfach auf seinen
Schlafsack gelegt. Aber ich nicht. Ich möchte unbedingt, dass ein paar
Lagen Stoff zwischen mir und der Luft dieses Ortes sind. Es reicht ja
schon sie einatmen zu müssen. Selbst wenn sie nicht mehr so giftig ist
wie früher: Sie ist mir nicht geheuer. Sie kommt mir vor als wäre sie
nicht für Menschen geeignet. Nicht für sie gemacht. Und dann diese
Gerüche. Gerade waren da Erdbeeren, dann Schwefel und jetzt … Mandeln?
Ist das Blausäure? Ich hoffe nicht. Ansonsten sind wir am Arsch.
Tag 2, 12.08.2017, 03:43 Uhr
Anscheinend keine Blausäure. Ich fühle mich kaum anders als zuvor.
Jonas auch nicht. Dennoch finden wir keinen Schlaf. Denn da sind diese
Geräusche. Eindeutig reale Geräusche. Und das auf einer eigentlich
verlassenen Insel. Sollten hier wirklich noch immer Menschen ausharren?
Aber wie und warum sollten sie ein solches Geräusch erzeugen? Zuerst
haben wir es für einen Traum gehalten. Dann aber ließ es sich nicht mehr
leugnen: Ein schrilles, machinenhaftes Kreischen wie von den Bremsen
einer Eisenbahn. Und dann ein blechernes Donnern. Gleichmäßig und
dröhnend. Fast wie ein Puls. Es kommt von der nahen Fabrik. Da bin ich
mir sicher, und es hört nicht auf. An Schlaf ist kaum zu denken. Aber
wir sind beide total erschöpft. Wir müssen es zumindest versuchen.
Tag 2, 12.08.2017, 04:11 Uhr
Es geht nicht. Schlaf können wir hier vergessen. Es ist nicht nur die
Lautstärke, auch wenn die einen unter normalen Umständen schon um den
Schlaf gebracht hätte. Es ist vor allem die Angst. Irgendjemand ist auf
dieser Insel und hat uns bemerkt. Vielleicht nur ein paar störrische
Einsiedler, die sich dem Umzug verweigert haben aus falsch verstandener
Nostalgie. Solche Leute findet man in vielen eigentlich unbewohnbaren
Geisterstädten und Katastrophengebieten. Aber hier? Welche angenehmen
Erinnerungen sollte ein Mensch mit diesem Zentrum der Ausbeutung und
Gesundheitsgefährdung verbinden? So jemand musste einen ziemlichen
Dachschaden haben. Vielleicht sogar einen so massiven Dachschaden, dass
er Fremde mit rostigen Eisenstangen oder giftigen Chemikalien – von
denen hier mit Sicherheit immer noch welche in halb verrottetenden
Fässern lagern – töten würde. Oder auch einfach mit einer Schusswaffe.
Immerhin gab es hier einst einen konzerneigenen Sicherheitsdienst. Und
was ist, wenn es gleich mehrere sind? Es mag Paranoia sein, aber wir
sitzen hier auf einer vergessenen Insel mitten im Meer und umgeben von
noch immer giftigen Gewässern fest, während unsere Ohren von diesen
grauenhaften Geräuschen gefoltert werden. Da ist ein bisschen Paranoia
wohl erlaubt.
Wir müssen unbedingt erfahren, wie die Lage hier ist und wer diese
Geräusche verursacht. Jonas meint zwar, dass wir warten sollten, bis die
Sonne aufgeht und wenn ich an die Geräusche denke und and diese
Fabrikruine, die im Mondlicht wie ein bösartiges, untotes Gerippe auf
der Lauer zu liegen scheint, kann ich seinen Wunsch verstehen. Aber ich
führe an, dass wir ja Taschenlampen haben und das es tagsüber sogar noch
heisser sein wird, und letztlich kann ich ihn überzeugen. Der wahre
Grund ist aber, dass ich diese Ungewissheit nicht aushalte. Und irgendwo
tief in mir auch etwas wie Neugier.
Tag 2, 12.08.2017, 04:52 Uhr
Wir haben uns bis zum Eingangstor der Fabrik durchgeschlagen, was
nicht halb so einfach war wie gedacht. Zwar liegt der Eingang nicht
weit von der Siedlung entfernt, aber der Weg dahin ist das reinste
Minenfeld. Überall Schrott, Drahtstücke und schmierige, ölige
Pfützen und es grenzt an ein Wunder, dass wir es in der Dunkelheit heil
hierher geschafft haben. Aber dennoch sind wir hier. Das metallische
Kreischen, wie auch das gleichmäßige Donnern sind lauter geworden. Erst
dachten wir, dass wir den gefährlichen Weg durch oder über den Drahtzaun
nehmen müssten, aber zum Glück ist das Tor nur angelehnt. Zwar ist es
festgerostet aber als wir gemeinsam dagegen drücken gibt es letztlich
mit einem reißenden Geräusch nach. Wir schließen die Augen, um keinen
der Rostsplitter abzubekommen, aber Jonas zieht sich dennoch einen
Schnitt an der Wange zu. Immerhin kommen wir rein.
Tag 2, 12.08.2017, 05:13 Uhr
Das Gelände der Fabrik ist riesig. Was hier wohl hergestellt wurde?
Leider sind die meisten Hinweisschilder und Beschriftungen zugerostet
oder verwittert. Was ich erkennen kann sind Warnsymbole. „Hochgiftig“,
„Ätzend“, „Reizend“. Alles nicht sehr ermutigend. Die Luft schmeckt hier
bitterer und schärfer. Jonas hustet immer öfter. Auch mir brennt es in
den Lungen.
Tag 2, 12.08.2017, 05:24 Uhr
Wir haben die Quelle des Geräuschs ausgemacht. Sie kommt aus dem
Hauptgebäude. Das Haupttor ist verschlossen. Aber ein Seiteneingang ist
offen. Wir gehen rein. Irgendetwas zieht mich dorthin, bei aller
gebotenen Vorsicht. Als wäre ich Eisen und dort drinnen ein gewaltiger
Magnet.
Tag 2, 12.08.2017, 05:27 Uhr
Innen ist es Stockdunkel. Zum Glück haben die Taschenlampen genug
Saft. Die Wände sind voller Rost. Selbst die Luft scheint voller Rost zu
sein. Alles schmeckt nach Eisen. Es ist hier noch viel heißer als
Draussen und statt einer großen Fabrikhalle gibt es nur einen engen, verwinkelten Gang nach dem anderen. Zudem verzweigen und kreuzen
die Gänge sich noch alle paar Hundert Meter. Wir laufen ernsthaft Gefahr
uns zu verirren. Jonas besteht darauf umzukehren und wir haben einen
heftigen Streit. Aber ich kann ihn noch einmal überzeugen weiterzugehen.
Wahrscheinlich zum letzten Mal.
Tag 2, 12.08.2017, 05:36 Uhr
Unglaublich! Es klingt fantastisch, aber während wir durch die
verwirrenden Gänge geirrt sind, sind wir auf etwas gestoßen. Auf einen
halb verwitterten, grauen Arbeitsoverall. Und auf diesem Kleidungsstück
steht in blassen, roten Lettern: „Herbert Druckmann“. Als ich das las dachte ich kurz ich hätte den Verstand verloren. Ich
meine: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich in dem riesigen
Gelände ausgerechnet den Overall meines Vaters entdecke; noch
dazu wo es hier mehr als hundert Fabriken gibt? Und das es der Overall
meines Vater ist, daran habe ich keinen Zweifel. Natürlich sagt mir die
Logik, dass es auch jemand anderen mit diesem Namen geben kann, aber ich
weiß es einfach.
Mir ist fast als würde ich seine tiefe Stimme hören. Sogar seinen
Gesang, die Kinderlieder von damals und dann später diese Gespräche mit
mir und meiner Mutter am Küchentisch, ganz besonders an dem Tag an
dem ich ihn zum letzten Mal gesehen habe. Er hatte gerade ein paar
Wochen Urlaub gehabt, in denen er wie üblich zu uns gereist war und sah
wirklich schlecht aus. Aber er versuchte mit wahrem Feuereifer meine Mutter und mich zu überzeugen mit auf die Insel zu kommen. Dann
könne er uns häufiger sehen. Und außerdem gäbe es bestimmt auch Arbeit
für sie und irgendwann für mich.
Gut bezahlte Arbeit. Anständige Arbeit. Und nicht so eine
Zeitverschwendung wie die Schule oder das Studium, dass ich danach
ergreifen wollte. Aber ich hatte keine Lust auf einen Umzug und schon
gar nicht dorthin und auch meine Mutter war von seinem Vorschlag nicht
eben begeistert. Im Gegenteil: Sie versuchte sogar ihn davon zu
überzeugen diesen elenden Job aufzugeben. Und ich konnte sie gut
verstehen. Schon damals hatte er diesen seltsamen Ausschlag. Und er hat
schwarzen Schleim gehustet. Aber als er eingesehen hatte, dass er bei
uns auf Granit beisst (oder auf „Eisen beisst“ wie er es damals schon
immer gesagt hat. Er hatte ein Faible für Eisen entwickelt, wenn ich so
darüber nachdenke), ist er in sein Auto gestiegen und wir haben ihn nie
wieder gesehen.
Meine Mutter hat immer behauptet, dass er irgendwo eine andere Frau
hätte. Aber ich wusste es schon damals besser. Dieser Mann hatte keinen
Sinn mehr für sexuelle Reize. Für ihn gab es nur diesen Job. Diesen
verfluchten, selbstzerstörerischen Job. „Man muss das Eisen walzen“
waren die letzten Worte, die ich von ihm hörte. Er flüsterte sie mir
ins Ohr, kurz bevor er uns verlassen hat.
Genau. Jetzt erinnere ich mich wieder. Er hatte Eisen hergestellt,
nichts Chemisches. Und dennoch höre ich seine Stimme hier, in dieser
chemischen Fabrik. Aber das spielt eigentlich keine Rolle. Es ist seine
Stimme. Eindeutig seine Stimme.
Tag 2, 12.08.2017, 05:42 Uhr
Die Stimme wird immer lauter. Sie weist mir den Weg, bohrt sich durch
meinen Schädel in mein Gehirn und gräbt sich dort ein wie ein rostiger
Anker. Jonas scheint sie nicht zu hören. Er meint, ich fantasiere wegen
der Chemikalien und der Hitze. Aber das Kreischen und Pochen, das hört
er. Hört es, wie es immer lauter wird. Und er riecht die scharfe Luft.
Die heißer werdende, scharfe Luft.
Tag 2, 12.08.2017, 05:49 Uhr
Jonas will nicht mehr weiter. Er will hinaus und an der Küste
ausharren, bis das Schiff kommt. Falls es kommt. Alles Reden hilft
nichts. Aber ich habe ein Ass im Ärmel. Ein Ass aus Metall. Ein Erbstück
meines Vaters. Der Lauf der Waffe drückt sich in den Nacken meines
Kameramanns. Vor Schreck fällt die Kamera auf den rostigen Boden und
zersplittert. „Noch ein Opfer für den Rostmann“ denke ich mir und sage
es laut. Jonas meint, dass ich den Verstand verloren habe. Womöglich hat
er recht. Aber ich habe etwas Wichtigeres gefunden. Die Stimme meines
Vaters. Man muss das Eisen walzen. Man muss das Eisen walzen. Denn sie
erheben sich.
Tag 2, 12.08.2017, 06:08 Uhr
Wir husten immer heftiger. Meine Lungen brennen. Meine Haut brennt.
Jonas fleht und bettelt. Ich breche ein rostiges Stück Metall von einer
der Wände und schneide seine Zunge ab wie ein Stück von einer dünnen
Blutwurst. Die blutigen Reste fallen in den Staub. Er nuschelt danach
noch immer wütend und schmerzerfüllt. Aber das lässt sich besser
ertragen als seine Worte.
Bald ist es so weit. Draussen geht inzwischen sicher die Sonne auf.
Aber daher kommt die plötzliche Helligkeit nicht. Es ist das rötliche
Glühen von Metall.
Tag 2, 12.08.2017, 06:14 Uhr
Endlich. Ich habe meinen Vater gefunden. Und zwar lebend. Jonas tobt,
schreit und nuschelt als hätte er den Teufel gesehen. Und ich muss auch
zugeben, dass mein Vater sich ein wenig verändert hat. Er ist größer
geworden. Fast drei Meter groß und steht inmitten einer glühenden,
heissen Esse die sicher zehn mal zehn Meter groß ist. Sein Körper
besteht nicht mehr aus Fleisch. Jedenfalls nicht nur. In seiner Haut
stecken rostige Eisenstücke, die ein Teil von ihm geworden sind. Sie
haben sich in seine Muskeln und seine Knochen eingebaut und ragen
teilweise wie die Dornen auf den Schwänzen mancher Dinosaurier aus
seinem Körper heraus.
Aber sein Gesicht erkenne ich noch. Das ist mein Vater. Das ist er
ohne jeden Zweifel. „Vater!“ rufe ich, während mein Schweiß und ein Teil
meiner Tränenflüssigkeit in der Hitze verdampfen. Ich weiß nicht, ob er
mich erkennt, denn er antwortet nur tonlos und mit seiner tiefen,
brummigen Stimme: „Man muss das Eisen walzen“ während er mit bloßen
Händen flüssigen Stahl aus dem Becken schöpft und daraus flache Stücke
walzt, von denen bereits einige Dutzend auf einem großen Stapel liegen.
Einige von ihnen haben bereits Rost angesetzt. Um ihn herum stehen
kleinere Becken in denen ebenfalls Arbeiter stehen, die etwas kleiner
und gedrungener sind, aber ebenfalls wie eine Mischung aus Mensch und
lebendem Rost aussehen. Sie nehmen die Stahlplatten von dem Haufen, den
mein Vater angefertigt hat und schmelzen sie wieder ein. Das flüssige
Metall fliesst aus ihren Becken heraus über, breite Rinnen, direkt in
das Becken meines Vaters. Von Zeit zu Zeit rufen sie gemeinsam wie im
Chor und mit einem geisterhaften, metallischen Unterton in der Stimme:
„Das Eisen muss schmelzen.“
Gleichzeitig erkenne ich nun, woher die seltsamen Geräusche kamen.
Sie stammen nicht etwa von dem endlosen Arbeitskreislauf. Sie werden
von diesen Männern und Frauen selbst erzeugt. Der Herzschlag eines jeden
dieser „Stahlarbeiter“ klingt wie der regelmäßige Schlag eines Hammers
auf eine gewaltige Metallplatte und ihr Atem verursacht das Geräusch
aneinanderreibenden Metalls, dass wir aus der Ferne gehört haben.
Jonas ist fast wahnsinnig vor Angst, aber noch hält ihn der Lauf
meiner Pistole an Ort und Stelle. Plötzlich bemerke ich, dass es
hier noch weitere Becken gibt. Wie das Becken meines Vaters und seiner
Zuarbeiter sind sie rund und mit Flüssigkeiten gefüllt. Allerdings sind
diese Flüssigkeiten nicht von leuchtendem Gelb und Orange und strahlen
auch keine Hitze aus. Vielmehr sind sie weißlich, grünlich, bläulich
oder klar und verströmen einen scharfen, intensiven Duft: Chemikalien.
Auch diese Becken sind nicht leer. Vielmehr stehen in ihnen
deformierte, einstmals menschliche Gestalten. Viele von ihnen sind
blind, die Meisten haben keine Haare mehr. Alle aber haben sie
grässliche Hautausschläge und Verätzungen, schiefe Gesichter,
verkrüppelte Hände oder auch schlimmere Mutationen. Einer von ihnen
besitzt sogar ein riesiges Loch in seinem Schädel in dessen Innenseite
sich Zähne befinden. Einer hat ein Auge, welches fast die ganze Breite
seines Gesichts einnimmt. Anderen wachsen Zähne und Fingernägel auf
Armen, Beinen oder Brust und einer hat eine pechschwarze, dicke Zunge,
die bis auf den Boden hängt und die mit roten Warzen und Augäpfeln
übersät ist. Ständig fließen neue Chemikalien aus ihnen heraus und ich
begreife, dass sie den Stoff produzieren und sich gleichzeitig davon
ernähren. Sie sind lebende Perpetuum Mobiles.
Nur ein Becken ist leer. In ihm liegt die grüne Flüssigkeit still wie
in einem unberührten See. Langsam steigen die mutierten Gestalten aus
ihren Becken und kommen auf uns zu. „Sie erheben sich“, flüstere ich
und erinnere mich dabei an die Warnung oder besser an die Verheissung
aus der Arbeiterhütte, in der wir übernachtet hatten.
Mir kommt eine Idee. Ich packe Jonas grob an den Schultern und zerre
ihn mit mir. Er versucht noch einmal panisch sich zu befreien, besonders
als wir den mutierten Chemiearbeitern immer näher kommen. Aber ich bin
stärker. Die Kraft der Bestimmung.
“,u ‚anns ‚as ‚ich achen. ‚itte ‚ab ‚itleid“ nuschelt er flehend.
Aber schon nehmen ihn warzige, stinkende Hände mit zu vielen oder zu
wenigen Fingern in Empfang. Mich rühren sie nicht an. Es ist fast so als
würden sie wissen, was ich vorhabe.
„Man muss das Eisen walzen“ sagt mein Vater erneut und ich erkenne
die Schönheit seines Wahnsinns und die Einfachheit seiner Aufgabe. Ich
wünschte ich könnte schon zu ihm stoßen, aber dafür ist es noch zu früh
und vielleicht ist das auch nicht meine Aufgabe.
Endlich haben die „Chemiearbeiter“ es geschafft, Jonas in das freie
Becken zu werfen. Sofort wirft seine Haut Blasen. Er schreit vor
Schmerzen. Aber sehr bald schon wird das nicht mehr wichtig sein. Nicht
einmal für ihn.
„Man muss das Eisen walzen“ Stimme ich in das Mantra meines Vaters ein.
Tag 4, 12.08.2017, 07:15 Uhr .
Die frische Luft, die von der See herweht, fühlt sich mit einem Mal
so verkehrt an. Aber das ist kein Wunder. Als ich hier ankam, war ich
noch ein anderer Mann.
Ein Schiff erscheint am Horizont. Jonas und die anderen halten sich
versteckt. Jonas hat nun zwei Köpfe, wenn auch nur noch halb so viel
Intelligenz. Aber das ist nicht schlimm. Intelligenz ist nur eine Bürde.
Was man wirklich braucht, ist eine Aufgabe. Das wollte mein Vater mir
und meiner Mutter damals klar machen, aber wir waren zu taub um
zuzuhören. Zum Glück verstehen mein Vater und ich uns jetzt voll und
ganz. Auf eine Weise, auf die wir uns früher nie hätten verstehen
können.
Während das Schiff näher und näher kommt und bald an der Insel
anlegen wird, streichle ich das kalte Metall meiner Pistole und denke an
all die Fabrikarbeiter. An all die erwachten, erhobenen Chemie- und
Stahlarbeiter, die im Verborgenen auf ihre Gelegenheit warten. Jeder
braucht eine Aufgabe und meine kenne ich jetzt: Den Menschen da Draussen
dabei zu helfen, Ihre Aufgabe zu finden.
Denn es gibt noch viel zu viele leere Fabriken auf der Insel, und wie mein Vater sagen würde: „Man muss das Eisen walzen.“