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Schwimmen ins Licht – Die Sage der Sirenen

Still wogen die Wellen in der dämmernden Nacht. Still schweben die Stimmen über die dunstige Pracht. Der stechende Geruch des Salzes wirbt die sorglosen Tümmler aus den Schankstuben an den Strand heran. Laustarkes Johlen untermalt die torkelnden, stapfenden Schritte. Gelblichen Schein verbreiten die Ölfunzeln und der beißende Qualm aus Tabakpfeifen legt sich auf die Lungen. Hustend und röchelnd schieben sich die Gestalten Glas um Glas zu. Tiefer und tiefer scheinen ihre Blicke in den Flüssigkeiten zu versinken. Die ersten erheben sich und taumeln davon. Keiner weiß, wohin sie gehen. Keiner weiß, ob sie wiederkommen.
Am Ende wird auch der letzte aus der Stube geworfen.

Fahl bescheint das bläuliche Licht eines vollen Mondes seinen stattlichen Leib. Er ist der einzige, der heute Nacht mehr als nur das lustvolle Schnarchen und unruhige Japsen oder abstoßende Platschen von Exkrementen vernimmt. Wie das lästige Summen und Sirren einer kleinen Mücke quält es seine Ohren. Aber je länger er dem Missklang zuhört, je weicher scheinen die Töne zu werden. Zarte Klänge, wie der Gesang von Elfen oder Myriaden, vielleicht auch wie die selten zu vernehmenden Gesänge der Harfensaiten, schwingen in seinen Gehörgängen. Schweigend folgt er den rätselhaften Geräuschen.

Der Holzsteg, der zum Strand hinab führt, knarzt leicht. Doch er achtet nicht darauf, ebenso wenig achtet er auf das kribbelnde Gefühl des Sandes, der durch seine Zehen rieselt. Wann hat er seine Schuhe ausgezogen? Er erinnert sich nicht. Und es interessiert ihn auch nicht länger, denn das liebkosende Streicheln des Sandes lässt ihn vernehmlich aufseufzen. Ebenso wie der mittlerweile zu einem sanften, verführerischen Gesang abgeebbte Gesang seine Sinne seltsam leicht werden lässt. Verwirrt, aber gleichermaßen fasziniert gleitet sein Blick über den menschenleeren Strand. In der Brandung der rauschenden Wellenberge scheint ein Schatten zu hocken.

Neugierig gleitet er näher an die verschwommene Gestalt heran und schiebt ihre kaum zu erkennenden Konturen auf den übermäßigen Alkoholkonsum, dem er wieder einmal erlegen ist. Erst, als sich die Wolken wieder von dem Abbild des Mondes verzogen haben, tritt die geheimnisvolle Quelle der wunderschönen Melodie klar vor dem tintenschwarzen Scherenschnitt der See hervor. In seiner Vorstellung materialisiert sie sich. Ihr milchig weißes Fleisch, über das die samtschwarzen Haare wie ein zarter Umhang fließen. Ihr wohlgeformter, aber ebenso straffer Körper, der sich unter einem an der Taille eng gefassten, weinroten Kleid verbirgt. In seinen Gedanken ist er es, der sie sich nimmt und mit solcher Intensität liebt, dass ihr die Luft wegbleibt.

Tatsächlich sieht sie so aus, wie er es sich gewünscht hat. Ihre Augen schimmern blassblau und ihre Lippen sind aufreizend rot geschminkt. Sie lächelt ihm keusch zu, während ihr Gesang, der mittlerweile tief in sein Herz eingedrungen ist, ihn näher an sie heran treibt. Herausfordernd hebt sie eine Augenbraue und stürmt dann vor ihm davon. Ein wenig verärgert sieht er ihr zu, wie sie in die Wellenberge taucht, nur um dann und wann aufzutauchen und ihn lüstern anzufunkeln. Er hadert mit sich, denn obwohl sie wunderschön strahlt und ihn verzaubert, irgendetwas ist da, dass ihn stört. Dieser Zustand hält allerdings nicht lange an, denn wieder beginnt ihre Stimme über die düsteren Wellenkämme hinweg seine Ohren zu streicheln. Sein Verstand protestiert, als seine Füße die kühle Oberfläche des Wassers streifen.

Von ihrem lustvollen Gesang angelockt, treibt er weiter und weiter auf den Wellen hinaus. Stets auf der Suche nach ihrem dunklen Schopf. Schließlich jedoch spürt er, wie die Erschöpfung sich seiner bemächtigt. Schwimmstoß für Schwimmstoß gleitet er noch voran, doch schließlich fangen seine Muskeln an zu erlahmen. Ist er anfangs noch in der Lage, den Kopf oben zu halten, lässt er es bald geschehen, dass ihn das sanfte Spiel der Melodien von Wellenrauschen und ihrer engelsgleichen Stimme gleich eines Schlafliedes wiegt. Seine Hände sind das letzte, was in die grünliche Tiefe des Ozeans eintaucht. “Lass uns schwimmen… schwimmen ins Licht…” Er illusioniert ihr eine perfekte, vollmundige Stimme, die ihn dazu antreibt, tiefer zu gleiten. Während seine Lungen brennen wie gleißendes Feuer und seine Brust zu schmerzen beginnt aufgrund der Luftnot, trübt sich seine Sicht. Nebelschlieren legen sich auf seine Lider und er glaubt, ihre Augen zu sehen. Er halluziniert ihre vollen Lippen, die ihn unaufhörlich mit Küssen bedecken, bis ihn schließlich ein warmes Leuchten grüßt. Er glaubt noch, er kehre in die Schankstube zurück, als sein Herz ein letztes Mal stottert, ehe es ihn schließlich in die kühle Umarmung der endlos tiefen Düsternis des Ozeans übergibt…

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