
Wolfsjagd – Die (unvollendete) Geschichte eines Mörders (3)
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Hier geht’s zu den vorigen Kapiteln:
– Kapitel 1: Wolfsjagd (1) – Creepypasta-Wiki
– Kapitel 2: Wolfsjagd (2) – Creepypasta-Wiki
– Kapitel 3 –
Ein wenig irritiert und überrascht, mich bereits nach einem Tag des Fehlens wieder zu sehen, betrachteten mich viele der Kollegen mit verschiedenen, wenn auch leicht zu deutenden Blicken als ich die Wache betrat, wobei ich ihnen ansehen konnte, dass ein Teil von ihnen enttäuscht gewesen ist mich schon so schnell wieder zu sehen. Ich ignorierte sie, so wie ich es sonst auch immer tat, ebenso ihre Blicke und Tuscheleien, während ich mich zu meinem Schreibtisch aufmachte, auf dem sich Doktor Layhnes versprochener Untersuchungsbericht befand.
Mit einem frisch aufgebrühten Kaffee setzte ich mich an den Tisch, stellte die dampfende Tasse griffbereit neben den Bericht und nahm mir die Akte zur Hand, als ich hören konnte wie sich jemand näherte und neben mir stehen blieb. Auch ohne, dass ich den Blick hob, um nachzusehen um wen es sich dabei handelte, ahnte ich bereits wer die Person war, schließlich gibt es kaum, vielmehr keinen Kollegen, der sich freiwillig auch nur in die Nähe meines Tisches wagt, nachdem die ersten Gerüchte und Geschichten über mich die Runde gemacht haben. Und obwohl es zumeist nur ein oder zwei sind, die es dennoch tun, sind es zumeist die falschen. Und dieses Mal war es nicht anders.
Es handelte sich um Chief Superintendent Jarvis, ein eher unauffälliger, hagerer Mann Ende dreißig, der sich gerne groß und wichtig gibt, obwohl viele von uns trotz seines Dienstranges nicht viel auf ihn gaben – in vielerlei Hinsicht.
„Was tun Sie hier, Winter?“, fragte er mich mit seiner strengen Stimme, um Autorität und Abneigung mir gegenüber auszudrücken, wobei einzig allein seine Abneigung wirklich überzeugend war, während er vergeblich versuchte auch die Strenge und gleichzeitige Autorität des Superintendent entsprechend auszudrücken. Unbeeindruckt ließ ich meinen Blick weiterhin in die Akte gerichtet, dessen Bericht mit ihrer ersten Aussage ohne eine einzige Abweichung übereinstimmte, beziehungsweise die zunächst vermuteten Folgen der Verletzung bewahrheitete, während ich ihm ruhig und ohne eine Spur von Unsicherheit antwortete.
„Meine Arbeit … Sir.“ Egal wie oft ich so etwas getan habe oder noch tun muss, aber fällt es mir immer schwer jemanden wie ihn mit Sir anzusprechen, denn meiner Ansicht nach steht ihm eine solche Anrede nicht zu und ich bin sicherlich auch nicht die Einzige, die das denkt. Obwohl wir uns beide aus vielerlei Gründen nicht besonders gut verstehen, eigentlich vielmehr hassen und verachten, weiß ich wie er innerlich grinst und es genießt, wann immer ich ihn damit anrede, als brauche er das Gefühl wichtig und in der Hierarchie weit oben zu sein.
„Der Superintendent wollte Sie nach Ihrem Schwächeanfall die nächsten Tage hier nicht sehen, oder wollen Sie seine Anordnung abermals missachten, so wie damals?“ Ich spürte, wie es um uns herum stiller wurde, als ob die anderen Kollegen wissen wollten wie die Konfrontation dieses Mal zwischen uns ausgehen würde. Ich aber schaute weiterhin auf den Bericht Doktor Layhne’s als er mit der flachen Hand auf den Schreibtisch schlug, um darauf hinzuweisen, dass ich mit einem Vorgesetzten sprach und damit seine scheinbar bröckelnde Autorität wieder festigen wollte. „Verdammt nochmal, Winter! Legen Sie gefälligst die scheiß Akte weg und sehen mich an, wenn Ihr Vorgesetzter mit Ihnen spricht!“, fauchte er mich an, als ob er in seinem Stolz verletzt worden wäre oder vor versammelter Mannschaft zeigen musste, dass er hier das Sagen hatte, solange der Superintendent nicht anwesend war.
Ich schloss die Akte, legte sie beiseite und stand auf, sodass wir uns einander ansahen. Am liebsten hätte ich ihm meine Faust in seine Visage gedroschen und ihm gesagt, was ich von ihm als Vorgesetzten hielt, beherrschte mich allerdings. Zumindest für diesen Moment, denn hatte ich nicht das allzu große Verlangen mich erneut einem Disziplinarverfahren stellen zu müssen, um dann wieder für einige Tage oder für den Rest des gesamten Falles suspendiert zu werden, obwohl sicherlich viele meiner Kollegen darauf spekulierten oder sogar hofften. Vielleicht schlossen sie untereinander auch Wetten darauf ab, es wäre zumindest nicht das erste Mal, auch wenn ich es damals eher durch einen Zufall mitbekommen hatte und innerlich immer grinsen muss wenn ich es bin, die diese Wette gewinnt.
„Ich sollte Sie für Ihren Ungehorsam suspendieren lassen, Winter.“, meinte er mit aufgebrachter Stimme, wobei die Ader an seiner Schläfe hervor trat und deutlich zu sehen war wie sie pulsierte, wann immer er in Rage geriet, aber brachte mich das nur zum schmunzeln.
„Tun Sie sich keinen Zwang an.“ Meine recht ruhige Antwort überraschte ihn offensichtlich. „Sprechen Sie mit dem Superintendent oder direkt mit dem Commissioner und lassen mich suspendieren. Ihnen wird sicherlich ein Grund einfallen, es stehen ja genügend zur Auswahl.“ Ich trat einen Schritt näher an ihn heran, was, wie ich relativ schnell heraus gefunden hatte, ihn immer nervös macht, wenn sich ihm eine starke Frau auf eine solch enge Distanz nähert, da er mit so etwas nicht umgehen kann. „Aber solange dem nicht so ist, habe ich den Mord an einer Studentin aufzuklären, Sir.“ Ich nahm meine Jacke und ging an ihm vorbei.
„Wo wollen Sie hin?!“
„Zum Campus der Universität.“, antwortete ich schlicht, ohne mich umzudrehen. „Den Bericht erhalten Sie in Kürze.“
„Verdammt nochmal, Winter! Bewegen Sie ihren Arsch gefälligst wieder her!“, rief er mir hinterher, in der Hoffnung, dass ich stehen bleiben würde, aber noch während er fluchte verließ ich schon das Büro und ließ ihn einfach stehen – mehr brauchte ich nicht zu tun um ihn vor versammelter Mannschaft in seinem Stolz, seiner Autorität und Respekt zu verletzen und so stark zu verunsichern, dass er vermutlich alle anschnauzte sie sollen gefälligst ihrer Arbeit nachgehen und sich dann wieder in sein Büro verkroch.
Auf dem Weg zum Campus musste ich mich beherrschen meine noch immer angestaute Wut und den Wunsch, ihm bei unserer nächsten Begegnung die Fresse zu polieren, im Zaum zu halten. Denn auch wenn viele meiner Kollegen und ich uns nun gut oder gar nicht miteinander verstehen halten wir nicht viel von ihm und seinen Führungsqualitäten, die mehr darauf bedacht sind ihn gut dastehen zu lassen, als ob er die ganze Arbeit ohne die Kollegen geschafft hätte, von seiner widersprüchlichen Frauenfeindlichkeit, die er den Kolleginnen entgegen bringt, wenn sie sich ihm nicht unterordnen, ganz zu schweigen.
Er ist der Typ Polizist, bei dem seine Karriere und sein Ruf an erster Stelle stehen, ohne sich dafür besonders groß anstrengen zu müssen und dafür auch noch belohnt zu werden. Wie ich solche Typen verachte, egal ob es sich dabei um Männer oder Frauen handelt.
Wenige Minuten später erreichte ich den Campus der Universität.
Anders als die letzten Male wartete die Direktorin dieses Mal nicht am Eingang, um mich direkt in Empfang zu nehmen, ich erwartete es aber auch nicht wie manch anderer meiner Kollegen, schließlich hatte sie sich noch um andere Dinge zu kümmern. Ohne große Umwege machte ich mich direkt zum Wohnheim der Studentinnen auf, wo mich bereits ein Angehöriger der Campuspolizei erwartete.
„Sie müssen Sergeant Winter sein.“, begrüßte er mich und reichte mir die Hand. „Die Direktorin hatte uns benachrichtigt. Mein Name ist Rieux von der Campuspolizei.“ Ich ergriff seine Hand und schüttelte sie.
„Freut mich.“
„Man sagte uns, Sie wollen das Zimmer der ermordeten Studentin untersuchen.“
„Ich wurde bereits darüber aufgeklärt, dass sie den einzigen Schlüssel besaß, den wir bei ihr sichergestellt haben.“, erklärte ich ihm, bevor er mich darauf ansprechen konnte, dass es keinen Drittschlüssel gab. Gemeinsam mit dem Beamten betrat ich das Foyer des Gebäudes, welches mehr einer Lounge glich und wo sich einige wenige Studentinnen aufhielten, sei es alleine, paarweise oder in kleinen Gruppen und dabei miteinander redeten, aßen, lachten, lernten, lasen, schrieben, tippten oder sich anderweitig die Zeit vertrieben.
In der Mitte des Foyers nahe der außergewöhnlichen Treppenform, wo sich die beiden untersten Treppen keilförmig aufeinander zubewegten und auf halbem Wege eine Verbindungsplattform hielten, während sich von dort aus zwei weitere Treppen kelchförmig voneinander wegbewegten und nach oben führten, entdeckte ich eine Staffelei, auf der sich eine etwa ein Quadratmeter große Leinwand befand, vor der ich lediglich eine Person finden konnte. Den Blick gesenkt kniete sie sich nieder und legte einen Strauß blau gefärbter Blumen zu Füßen der Staffelei nieder, ehe sie noch einen Moment vor dem Bild inne hielt. Ich schaute mich indes ein wenig um und stellte fest, dass die übrigen Bewohnerinnen keine besonders große Anteilnahme am Tod ihrer Kommilitonin hatten.
„Den Studenten scheint der Tod einer von ihnen nicht besonders nahe zu gehen.“, entfuhr es mir ein wenig kalt und verärgert angesichts dessen, dass es nicht nur ihre Familie, sondern abgesehen von einigen wenigen Freunden, allen anderen ebenso völlig egal gewesen ist, als ob es keine Relevanz für sie hätte.
„Claire war für viele eine Außenstehende, die nicht wirklich irgendwo hinein passte, aber schien sie das auch nie wirklich zu wollen.“, klärte mich der Wachmann auf, wobei ich ein wenig überrascht war, dass er etwas über sie wusste.
„Sie kannten sie?“
„Ja.“, meinte er lächelnd. „Aufgrund ihrer Arbeit war sie immerzu die Letzte, die das Gebäude betrat, weshalb sie mich um einen Zweitschlüssel für das Wohnheim gebeten hatte, falls sie einmal länger arbeiten musste.“
„Haben Sie ihr einen gegeben?“
„Die Vorschriften erlaubten das nicht.“, widersprach er. „Aber wenn sie mir immer früh genug Bescheid gegeben hat, blieben ich oder einer der anderen Kollegen ein wenig länger und wartete, bis sie zurück war. Als Dank brachte sie immer etwas von ihrer Arbeit mit oder auch ein neues Buch, wenn man etwas zu lesen brauchte.“, erinnerte er sich erfreut. „Obwohl ich sie kaum kannte war sie dennoch ein wirklich außergewöhnliches Mädchen, was die Sache nur noch schlimmer macht.“ Ich konnte sein Bedauern und Mitgefühl nachvollziehen, während ich die Studentin beobachtete, die sich schweren Herzens von dem Bild abwandte und kurz stehen blieb, als sie mich und den Wachmann bemerkte.
Während des kurzen Momentes des Innehaltens nutzte ich die Möglichkeit und musterte sie ein wenig. Genauso wie Claire konnte sie den Eindruck vermitteln in der Menge unterzutauchen, während sie gleichzeitig aus dieser hervor stach – dieselben Chucks, wenn auch eher in klassischer high cut Form im Vergleich zu Claires low cut, eine knittrige statt gebügelter Cargohose, deren Hosenbeine auf Hälfte ihrer Unterschenkel endeten und somit einen kleinen Ausblick auf ihre schlanken und muskulösen Beine frei gab und von einem Paar Hosenträger gehalten wurde, wenn die Hose nicht genau die passende Größe besessen hätte und somit eher als eine Art rebellisches oder stilistisches Accessoire am Hosenbund nach unten hingen, dazu ein T-Shirt mit einem weiten Halsausschnitt, welcher in eine Kapuze überging und ihr wohl eine halbe Nummer zu groß war. Während der Rest ihrer Haare nach hinten gekämmt und von einer Spange gehalten wurde, wodurch sich die vereinzelten Strähnen fächerartig aufteilten, blieb der Rest offen und bedeckte wie ein kleiner spitz zulaufender Vorhang die linke Seite ihres anmutenden Gesichtes. Trotz ihrer Trauer und den vergossenen Tränen, die man ihr deutlich ansehen konnte, zeigte es nur wenige Makel, wenn auch etwas mehr Kanten als Claires und wirkte generell ein wenig ernster, wodurch sie vermutlich keine Probleme damit hatte ernst genommen zu werden oder sich auch unliebsame Typen vom Hals zu halten. Sie atmete kurz durch und wischte sich eine Träne von der Wange, als sie vor mir stehen blieb.
„Entschuldigen Sie.“, sprach sie mich ein wenig abwesend an. „Sie sind wegen Claire hier, oder?“
„Kanntest du sie?“
„Seit unserer Schulzeit.“
„Dann bist du vermutlich Kya.“ Sie nickte ein wenig betrübt. „Naomi erzählte mir von dir und Claire erwähnte dich in ihrem Brief an sie.“ Ich schaute mich kurz um, als ich einen passenden Ort fand, an dem wir unser Gespräch fortsetzen konnten. „Setzen wir uns doch.“
„Ich möchte Sie nicht aufhalten.“, erwiderte sie schnell. „Sie wollen sich sicherlich Claires Zimmer ansehen.“ Ich wandte mich an den Wachmann.
„Ist das Zimmer verschlossen?“, fragte ich ihn.
„Ja, Sergeant. Ich habe es heute morgen vor Ihrer Ankunft noch einmal überprüft.“ Ich wandte mich wieder an die Studentin.
„Ich denke, dann können wir uns ebenso gut zusammen setzen.“
„Wenn Sie erlauben würde ich meine Runde weiter machen.“, wandte sich der Wachmann an mich. Indem ich ihm bestätigend zunickte entließ ich ihn.
„Setzen wir uns.“ In einer kleinen Ecke, abseits von dem allgemeinen Getümmel, setzten wir uns gegenüber, bevor ich eine neue Aufnahme mit dem Diktiergerät begann und es schließlich zwischen uns hinlegte. Ich sah ihr an, dass sie sehr mitgenommen aussah und ihr der Tod Claires ähnlich wie ihren Freunden sehr nahe ging, obwohl sie sich zuerst nicht allzu gut verstanden hatten.
„Naomi hat Ihnen sicherlich schon einiges von mir erzählt.“, begann sie.
„Das hat sie. Sie erzählte, wie du Claire vor kurzem geküsst hattest, nachdem sie zuerst dachte, du würdest sie bedrängen.“ Sie lächelte ein wenig verlegen. „Ein wenig ungewöhnlich angesichts ihrer Aussage, wie du Claire während der Schulzeit behandelt hattest.“ Das Lächeln verschwand.
„Ja, das stimmt.“, erwiderte sie schuldbewusst, ohne mir dabei in die Augen sehen zu können, ohne dabei jedoch unsicher zu wirken.
„In einem Brief Claires an Naomi, in welchem sie ihr alles erklärte, erwähnte sie eure erste Begegnung seit der Schule.“, fuhr ich in unbeirrt fort.
„Ich lernte sie in einem Lokal kennen, in dem sie arbeitete und von dem ich durch meine Kommilitonen gehört hatte. Ich war ein wenig in Gedanken versunken und lief in sie hinein, entschuldigte mich sofort und half ihr beim aufräumen. Obwohl sie sich kaum verändert hatte erkannte ich sie nicht sofort, erst als jemand von der Belegschaft ihren Namen gerufen hatte. Ich war selbst ein wenig überrascht, aber auch erfreut, sie wieder zu sehen, denn wollte ich die ganze Zeit über schon mit ihr reden, nachdem wir uns nach unserem Abschluss aus den Augen verloren hatten.“
„Wie hat sie reagiert?“
„Mir war natürlich klar, dass sie nicht gut auf mich zu sprechen war und ich konnte es ihr auch nicht verdenken, aber stimmte sie meiner Bitte nach einem Treffen zu und setzte sich am nächsten Tag in ihrer Pause zu mir.“
„Worum ging es in eurem Gespräch?“ Sie seufzte vorwurfsvoll.
„Ich wollte mich entschuldigen für das, was ich ihr in der Schule angetan hatte.“
„Ein bisschen spät, findest du nicht?“
„Dasselbe meinte sie auch.“, meinte sie mit einem kleinen Schmunzeln. „Warum ich sie so behandelt hatte weiß ich nicht mehr, vielleicht weil es die anderen auch getan haben und ich einfach dazugehören wollte, ohne sie wirklich zu kennen. In den letzten Wochen unserer Schulzeit hatte ich sie oft beobachtet, um mir wohl irgendetwas neues auszudenken, aber jedes neue Detail, dass ich dabei über sie erfuhr, machte mir klar, was für ein besonderer Mensch sie gewesen ist und begriff wie sinnlos das alles war.“
„Wie hat es Claire aufgenommen?“
„Sie saß einfach da, hörte mir aufmerksam zu und ließ mich ausreden, obwohl ich mir vorstellen konnte, wie sie über mich dachte. Und als ich fertig war sagte sie mir, dass sie sich nicht wirklich sicher sein sollte, ob ich all das wirklich ernst meinte oder einfach nur da weiter machen wollte, wo ich aufgehört hatte. Ich konnte es ihr nicht verübeln, aber stimmte sie nach einigem zögern dennoch einem weiteren Treffen zu, als ich sie darum gebeten hatte.“
„Und so habt ihr euch dann besser kennengelernt.“ Sie nickte. „Wie lang ging eure Beziehung?“
„Morgen wären es sieben Wochen gewesen. Aber wollte sie die Beziehung wegen Naomi beenden.“
„Und das hat dich nicht wütend gemacht?“
„Nein.“, gab sie ehrlich zu. „Naomi ist schließlich diejenige gewesen, die sich mit ihr angefreundet hatte und ihr eine gute Freundin gewesen ist, der sie vertrauen konnte. Hätte ich den Schwachsinn damals nicht mit gemacht, wäre ich vielleicht an Naomis Stelle gewesen.“ Sie atmete kurz durch, um sich wieder zu fangen. „Nachdem Naomi Claire mit ihrer Beobachtung konfrontiert hatte, war sie völlig am Boden zerstört. Als ob … man ihr das wichtigste genommen hätte, dass sie besaß. Ich hatte sie noch nie so gesehen, selbst in der Schule nicht.“ Sie wischte sich eine Träne weg.
„Hast du die Beziehung deshalb beendet?“
„Naomi mag nicht viel von mir halten, das verstehe ich, aber dass sie Claire, ihrer besten Freundin, nach all den Jahren so etwas antut … das hatte sie nicht verdient.“, erwiderte sie vorwurfsvoll, wobei ich ihr recht geben musste. „Deshalb wollte ich mit Naomi reden, ihr erklären, wie es Claire ging und die Beziehung mit ihr noch am selben Abend beenden, in der Hoffnung, Naomi würde es sich vielleicht doch noch einmal überlegen und mit Claire wieder ins Reine kommen.“, meinte sie etwas erregt, um ihren Worten mehr Ausdruck zu verleihen, dass Naomi Claire mehr verletzt hatte als es Kya oder irgendjemand anderer es vorher je hätte tun können. Sie seufzte. „Trotzdem fühlte sich Claire schuldig.“
„Wieso schuldig?“
„Sie hatte das Gefühl, als ob sie mich dazu gezwungen hätte die Beziehung zu ihr zu beenden, die gerade erst wirklich begonnen hatte. Obwohl ich ihr sagte, dass sie das nicht müsse und es meine Entscheidung gewesen ist, da ich nur das Beste für sie wollte.“ Sie lächelte. „Aber wollte sie dennoch, dass sich unsere Wege mit einer schönen Erinnerung trennen sollten.“
„Und wie sah diese Erinnerung aus?“
„Ich weiß es nicht.“, schluchzte sie ein wenig. „Sie wollte mich damit überraschen, wenn sie von der Arbeit gekommen wäre, aber kam sie nie bei mir an.“ Ich wusste, dass ich diese Frage mit derselben emotionalen Kälte aussprechen würde wie bei Naomi und erklärte es damit, dass ich einen klaren, rational denken Verstand brauchte, ohne mich von Emotionen beeinflussen zu lassen, auch wenn es mir offen gestanden ein wenig schwer fiel.
„Ist dir nie der Gedanke gekommen, dass sie vielleicht länger arbeiten musste oder es sich vielleicht doch anders überlegt hatte?“
„Nein.“, widersprach sie fest und sachlich, als ob sie mir damit versichern wollte, dass vor allem die letzte Möglichkeit nichts war, was Claire auch nur im entferntesten ausgemacht hätte. „Egal was es gewesen wäre, sie hätte mir immer Bescheid gegeben. So war sie halt.“ Sie atmete kurz durch. „Ich weiß, dass Sie das fragen müssen, aber auch wenn ich es bedaure, dass unsere Beziehung enden musste, hätte ich ihr nie etwas getan, geschweige denn sie töten können.“ Ich dachte einen Moment nach und versuchte das Gespräch in eine etwas andere Richtung zu rücken, um ihr das Gefühl zu vermitteln, dass ich sie nicht für schuldig hielt und auch wenn beide ein gewisses Motiv hatten, welches aber vielmehr die jeweils andere betraf als Claire, wusste ich, dass sie es nicht waren, denn hatte sich mir der Mörder vorgestellt und er schien weitaus mehr über Claire und jeden um sie herum zu wissen als jede andere Person, die sie kannte.
„Du sagtest, sie arbeitete in einem Lokal.“
„Ja. Sie war dort hauptsächlich als Kellnerin oder Barfrau tätig um sich das Studium zu finanzieren, besuchte es aber auch gerne in ihrer Freizeit oder wenn sie an ihren Arbeiten schrieb.“ Sie holte eine kleine Visitenkarte aus ihrer Tasche und reichte sie mir. Sie war schwarz, auf der Vorderseite zeigte sich ein kleiner Vogel in dunkler metallic-blauer Optik, der auf einem der Buchstaben des Namens saß, welcher mir offen gestanden nicht unbekannt war. Ich steckte die Karte ein, während ich mich wieder an Kya wandte. „Ich hätte sie abholen sollen.“, meinte sie vorwurfsvoll, nachdem sie sich wieder ein wenig gefangen hatte.
„Was hat dich daran gehindert?“
„Ich musste noch eine Arbeit für meinen Dozenten erledigen, deshalb hatten wir uns darauf geeinigt, dass sie nach der Arbeit zu mir kommen und bei mir übernachten kann. Sie können ihn gerne fragen, er wird es Ihnen bestätigen.“ Ich sah ihr an, dass sie sich genau wie Naomi Vorwürfe machte, als ob es ihre Schuld gewesen wäre, dass Claire Opfer eines solchen Verbrechens geworden war.
„Kya, ich kann mir vorstellen, dass du dir Vorwürfe machst, aber so etwas konntest du nicht wissen.“ Sie schluchzte, während sie lächeln musste.
„Wissen Sie, Sie ähneln ihr in mancher Hinsicht.“, meinte sie freundlich. „Sie hätten sie sicherlich gemocht.“ Ich kam nicht darum herum selbst ein wenig zu lächeln, als ich die Aufnahme stoppte, das Gerät wieder einsteckte, mich erhob und damit das Gespräch für beendet erklärte, da ich vorerst alles hatte, was ich wissen wollte.
„Würdest du mich begleiten?“, fragte ich sie.
„D-Darf ich das denn?“, erwiderte sie, schaute mich ein wenig verwirrt und mit kleinen Tränen in den Augen an.
„Als nahestehende Person kennst du sicherlich ihr Zimmer.“ Sie nickte. „In diesem Fall wird es dir sofort auffallen, sollte etwas fehlen oder anders sein und kannst die Ermittlungen somit unterstützen.“, erklärte ich es ihr und da es sich bei dem Zimmer um keinen Tatort handelte war dies völlig legitim, auch wenn ich darauf achten musste, dass sie keine der eventuellen Spuren verfälscht oder Beweisstücke kompromittiert. Sie atmete kurz durch, nahm sich ihre Tasche und erhob sich ein wenig zurückhaltend, bevor sie an meine Seite trat. Gemeinsam machten wir uns nach oben in den ersten Stock auf, wo uns die anderen Bewohnerinnen mit ihren mehr oder weniger gemischten Blicken betrachteten und verfolgten, während sie miteinander tuschelten, was uns aber beide völlig kalt ließ.
Wir bogen in den Flur, in dem Claires Zimmer lag, als ich jemanden an ihrer Tür sah und offenbar versuchte diese zu öffnen. Um wen es sich dabei handelte oder ob es ein Mann oder eine Frau gewesen ist war aufgrund des weiten Hoodies, dessen Kapuze die Gestalt über den Kopf gezogen hatte, nicht zu erkennen.
„Hey du!“, rief ich ihr zu. Erschrocken hielt die Person einen Moment inne, als sie von der Tür abließ und mit einer katzenartigen Geschwindigkeit den Flur hinab lief. Ich verlor keine Zeit und heftete mich an ihre Fersen, jagte die Person durch die Gänge und zwischen den Bewohnerinnen hindurch, die die Person aus dem Weg stieß oder erschrocken zur Seite wichen. „Polizei! Aus dem Weg!“, rief ich, damit sie sich mir nicht in den Weg stellten, um der Person hinterher zu schauen.
Auch wenn ich schon seit der Schule eine gute Läuferin bin, war ich dennoch zugegebenermaßen überrascht, wie unnatürlich schnell sich diese Person bewegte, aber womöglich lag es auch daran, dass ich, seit ich nach den Verletzungen der Schießerei damals mehr als acht Monate brauchte um mich wieder normal bewegen zu können, wenn auch mit kleineren Einschränkungen in manchen Gliedmaßen, einiges an meiner Leistung hatte einbüßen müssen. Sie näherte sich der Treppe, griff nach dem Pfosten und vollzog eine solch schnelle Bogenbewegung, dass das Handgelenk hätte knirschen und knacken müssen, bevor die Person die Stufen hinab stürmte, die letzten sogar übersprang. Ich folgte ihr, sprang über das Geländer, welches sich auf halber Höhe zwischen dem ersten und dem Erdgeschoss befand, und rollte mich ab, wobei ich in einer fließenden Bewegung auf die Beine kam und ihr weiter hinterher eilte, während sie sich bereits beim Eingang befand. Um sich Zeit zu verschaffen packte sie eine völlig überraschte Studentin und stieß sie in meine Richtung. Dabei verlor sie den Halt, stolperte über ihre Füße und drohte nicht nur zu Boden zu stürzen, sondern auch mit mir zusammen zu stoßen, wenn ich sie nicht im letzten Moment aufgefangen hätte.
Ich hievte sie nach oben und nahm die Verfolgung wieder auf, aber als ich die Eingangstür erreicht hatte war von der unbekannten Person nichts mehr zu sehen, was bedeuten musste, dass es sich um jemanden handeln musste, der nicht nur das Wohnheim, sondern auch den Campus sehr genau kannte. Keuchend versuchte ich meinen Ärger herunter zu schlucken, während ich mich zu der Studentin umdrehte, die noch immer ein wenig überrumpelt von den gerade geschehenen Ereignissen war und von einer Schar von Freunden umringt wurde. Ich fragte sie, ob alles in Ordnung wäre, bevor ich zurück zu Kya ging, die neben der Zimmertür an der Wand lehnte, sich abdrückte und sich an mich wandte als sie mich sah.
„Haben Sie ihn erwischt?“, fragte sie mich mit einer leichten Anspannung.
„Nein.“, erwiderte ich kopfschüttelnd und mit ein wenig Ärger in der Stimme.
„Was wollte die Person in Claires Zimmer?“
„Ich weiß es nicht.“, gestand ich, holte Claires Schlüssel aus meiner Tasche, den ich mir nach dem Verlassen des Büros aus der Asservatenkammer hatte geben lassen und steckte ihn ins Schloss. „Aber muss es einen Grund dafür geben.“
„Aber welchen? Ich wüsste nicht, warum jemand in Claires Zimmer einbrechen sollte.“ Ich drehte den Schlüssel zwei Mal im Schloss um.
„Vielleicht hatte sie irgendetwas zu verbergen, auf das es die Person abgesehen hat.“ Da konnte etwas dran sein, auch wenn ich mir nicht genau vorstellen konnte, was das wohl hätte sein können. Die Tür öffnete sich lautlos, aber gerade als wir eintreten wollten hielten wir inne. „Oh mein Gott.“, entfuhr es Kya atemlos und ließ ihren Blick über das vor uns liegende Bild schweifen, als ich mich als erste wieder fasste und das Zimmer mit langsamen Schritten betrat, während ich mich mit einem konzentrierten Blick umschaute.
„Geh bitte nach draußen.“, bat ich sie, wobei sie der beinahe schon befehlsähnlichen Bitte sofort Folge leistete und auf den Flur zurück trat. Ich nahm mir mein Funkgerät und forderte die Spurensicherung an, bevor ich mich wieder dem Zimmer zuwandte.
Was mir neben dem apokalyptischen Chaos, welches im Zimmer herrschte, als erstes ins Auge stach war der in einem tiefen Rot geschriebene Schriftzug an der Wand mir gegenüber, dessen vereinzelte Letter und die Art der Schriftführung nicht nur etwas über den Charakter des Verfassers offenbarte, sondern aufzeigte, dass diese Worte nicht etwa eine willkürliche Nachricht des Eindringlings gewesen ist, sondern eine klare Feststellung, von der er überzeugt zu sein schien, wenn er mir dies mitzuteilen hatte:
Sie werden sie nicht retten können
Anhand des unvergleichlichen Geruchs wusste ich, dass diese Worte mit Blut geschrieben worden sind, ähnlich wie es der Teufelsautor damals getan hatte und den Worten somit eine besondere Aussagekraft verlieh, aber würde es in diesem Fall nur von einer Person stammen und ich ahnte bereits von welcher.
Neben dieser Botschaft, die der Täter hinterlassen hatte, schien er zudem nach etwas gesucht zu haben, so wie jeder einzelne Winkel des Zimmers durchsucht worden war. Überall lagen Blätter, Bücher, Schreibutensilien, einige Kleidungsstücke, das eine oder andere Stofftier und zerbrochene Gegenstände wie eine Tasse oder eine Vase herum. Sogar ein Tintenfass war unter den Trümmern, dessen Tinte beim Zerspringen überall hin verteilt und heruntergelaufen war. Ich atmete kurz durch und trat zu Kya nach draußen, die sich ein wenig sammeln musste, während ich ihr die Angst deutlich ansehen konnte.
„Alles okay?“ Sie nickte nach einem weiteren tiefen Durchatmen.
„Was … was hat das zu bedeuten?“, erwiderte sie und wirkte noch etwas unsicherer angesichts dessen, wie ruhig ich trotz des Anblickes blieb.
„Ich hatte gehofft, dass du mir das sagst.“, antwortete ich.
„Sie meinen, ob es wirklich sein kann, dass Claire irgendetwas belastendes besaß, das der Täter wiederhaben wollte und sie deshalb getötet hat?“ Sie erinnerte sich an die unbekannte Gestalt. „Ob das vielleicht der Unbekannte von vorhin war?“
„Nein.“, erwiderte ich. „Der Täter war bereits vor ihm hier gewesen. Wäre diese Person der Täter, hätte sie nicht versucht sich Zugang zu verschaffen.“
„Aber wonach soll er gesucht haben?“
Ich hörte ein Klopfen, das aus Claires Zimmer drang und sich danach anhörte, als ob jemand gegen das Fenster hämmerte. Kya zuckte ein wenig zusammen, erschrocken von dem plötzlichen Geräusch, während ich lediglich ein wenig verwundert ins Zimmer zurück ging, als ich auf dem Fenstersims vor ihrem Schreibtisch die Gestalt eines Raben ausmachen konnte, der dort saß und mit seinem Schnabel gegen die Scheibe klopfte, so als ob er darum bat hinein gelassen zu werden.
„Das ist Salem.“, erklärte mir Kya wieder ein wenig ruhiger und gefasster, die hinter mir ins Zimmer getreten war und meine gedankliche Frage gehört hatte, die mir bei seinem Anblick in den Sinn gekommen ist.
„Salem.“, ließ ich mir den Namen kurz durch den Kopf gehen, welcher zugegebenermaßen ein wenig passte angesichts dessen, was man mit Raben assoziierte, wenn auch zumeist auf die falsche Art und Weise.
„Ein Kolkrabe, den sie seit der Schule kennt. Ich habe sie öfters dabei beobachtet, wie sie ihn und eine Hand voll anderer seiner Art immerzu vor und nach der Schule fütterte. Seitdem weicht vor allem er ihr nicht von der Seite und ist zu einer Art … Begleiter und engem Freund geworden. Aber kommen manchmal auch die anderen, worauf sich Claire immer besonders gefreut hatte.“
„Rabenvögel haben eine äußerst hohe Intelligenz“, dachte ich als Erwiderung auf ihre Äußerung des Begleiters laut, „und haben ein gutes Erinnerungsvermögen, weshalb sie oft in Legenden und der Mythologie Verwendung finden, zumeist aber falsch gedeutet werden.“ Ich machte mich zum Fenster auf, ohne dabei irgendwelche Spuren zu zerstören oder den Tatort zu kompromittieren, öffnete das Fenster und ließ den fast vollständig ausgewachsenen Vogel eintreten, während er mich betrachtete, als ob er mich wieder erkennen würde oder es zumindest versuchte.
„Sie kennen sich gut aus.“, meinte Kya ein wenig überrascht.
„Nein, nicht wirklich.“, erwiderte ich ruhig. „In einem Fall hatte ich mit so etwas zu tun.“ Vorsichtig streckte ich meine Hand nach ihm aus, die er aufmerksam beobachtete, aber nicht zurück wich, als ob er keine Angst vor mir hätte. Nachdem er einen kurzen Moment mich und anschließend meine Hand betrachtet hatte, setzte er sich auf mein Handgelenk. Ich spürte deutlich sein Gewicht auf meinem Arm und war erstaunt, wie groß als auch schwer Vögel sein können. Mit der anderen Hand fuhr ich ihm vorsichtig über das weiche und gut gepflegte Gefieder, was ihm zu gefallen schien.
„Er scheint sie zu kennen.“, merkte Kya an, während sie uns beide beobachtet hatte. Ich drehte mich zu ihr.
„Du meinst, er verhält sich nicht jedem so gegenüber?“
„Nein.“, entgegnete sie, als spreche sie aus Erfahrung. „Salem weiß über jeden Bescheid, den Claire kannte und verhält sich dementsprechend. Das ist auch einer der Gründe gewesen, weshalb einige Studenten nicht viel von ihr gehalten und sich über sie lustig gemacht haben, weil sie mehr Zeit mit den Vögeln als mit anderen Personen verbracht hatte. Aber … warum er sich bei Ihnen so verhält ist eigenartig.“
„Vielleicht weil er mich als Autoritätsperson wahr nimmt?“
„Schon möglich, aber muss er sie dennoch kennen, denn so ruhig kenne ich ihn eigentlich nur, wenn er bei Claire oder einem ihrer engsten Freunde gewesen ist.“ Sie dachte einen Moment nach, aber kam ich ihr zuvor, bevor sie die Frage stellen konnte.
„Dann ist sein Verhalten wirklich eigenartig, denn weder bin ich ihm noch ihr jemals begegnet.“
Wenn du mir doch nur etwas sagen oder erzählen könntest, kam mir der Gedanke, als sich Salem von meinem Arm abdrückte, kurz durchs Zimmer flog und schließlich auf dem Boden landete, wo wir ihn dabei beobachteten, wie er sich umschaute und nachzudenken schien, wo er jetzt hingehen sollte. Nach einem kurzen Moment schien er eine Entscheidung getroffen zu haben, flatterte zum Bett, wo er auf dem Regal an dessen Fußende, welches zugleich als Sitzgelegenheit diente, landete und mit dem Schnabel auf die Holzplatte klopfte, wobei es einen tiefen, dumpfen Ton gab. Wir schauten uns einander an, als uns beiden der Gedanke kam, dass er uns etwas zeigen wollte.
Ich trat zu ihm, kniete mich nieder, sah ihn einen Moment lang an, bevor er ein Nicken andeutete und ich mich dem Regal zuwandte. Ein Großteil der Bücher war aus den vereinzelten Fächern gerissen worden, Scherben und kleine Farbflecke waren am Holz herunter gelaufen, aber wusste ich noch immer nicht, was mir der Vogel zeigen wollte. Erneut hörte ich, wie er zwei Mal gegen die Holzplatte klopfte, als ich meinen Blick unter die Platte senkte, auf der er stand und überrascht feststellte, dass es eine kleine, kaum sichtbare Klappe gab.
„Ein geheimes Versteckt.“, sprach ich es laut aus.
„Ein Versteck?“ Ich betrachtete die Platte genauer und bemerkte, dass sie von zwei Schrauben festgehalten wurde. Ich zog mein Taschenmesser, holte die Klinge heraus und begann vorsichtig damit die Schrauben zu lösen, während ich sie mit der anderen Hand fest hielt. Als die letzte Schraube gelöst war fiel die Platte in meine Hand und ich hatte einen kurzen Moment Schwierigkeiten sie auf meiner Hand auszubalancieren. Ich atmete kurz durch, als ich mich erhob und dabei die dünne Akte betrachtete, die dort auf der Platte fixiert war. „Was ist das?“
„Eine Akte.“ Behutsam nahm ich die Akte an mich, während ich die Platte auf die Ecke des Regals legte und hielt einen Moment inne, als ich den Namen auf dem Beschriftungsfeld fand:
Sgt. C. V. Winter – Sergeant Cassandra Vivien Winter
Ein Akte … über mich?
Aber … warum?
Noch dazu, dass Claire diese versteckte.
Was hatte das zu bedeuten?
Bevor ich mir eine weitere Frage bildeten konnte hörte ich Schritte das Zimmer betreten und schaute zu den Personen. Es waren vier Männer und Frauen in halbtransparenten weißen Schutzanzügen, die mit ihrer Ausrüstung vor mir standen, während zwei Beamte draußen dafür sorgten, dass sich niemand dem Zimmer näherte, durch welches man wohl durch die Kollegen aufmerksam geworden ist.
„Sergeant Winter.“, begrüßte mich der Vorderste von ihnen. „Officer Valens, Spurensicherung.“
„Officer.“, grüßte ich ihn knapp zurück. „Ich habe mich bereits umgesehen und dabei versucht nichts zu kompromittieren.“ Er betrachtete Salem, der noch immer auf der Ecke des Regals stand und trotz der Anwesenheit der fremden Personen völlig ruhig blieb.
„Sie vielleicht nicht, aber der Vogel eventuell.“
„Nein.“, erwiderte ich. „Er ist erst vor wenigen Minuten ins Zimmer gekommen und hat sich seitdem nicht von der Stelle bewegt. So wie es aussieht scheint er dem Opfer gehört zu haben.“
„Verstehe, aber können wir ihn nicht hier lassen, während wir unserer Arbeit nachgehen.“
„Natürlich.“ Ich drehte mich zu dem Vogel, hielt ihm die Hand hin und ließ ihn daran empor klettern, bis er es sich auf meiner Schulter gemütlich gemacht hatte. „Wenn Sie irgendwelche Fragen haben, Sie finden mich draußen.“
„Danke Sergeant.“
„Wie lange werdet ihr brauchen?“ Er ließ seinen prüfenden Blick kurz durch das Zimmer schweifen, als er sich wieder an mich wandte.
„Etwa zwei, drei Stunden, aber aufgrund des herrschenden Chaos lässt sich das nicht genau sagen. Ich gebe Ihnen Bescheid, sobald wir fertig sind.“
„Danke, Valens.“ Ich reichte ihm den Schlüssel. „Hier ist der Schlüssel.“
„Sergeant.“ Er trat beiseite, sodass ich zusammen mit Kya schweigend das Zimmer verlassen konnte.
Als wir draußen und ein wenig außer Reichweite der anderen Beamten waren, unterbrach Kya leise das zwischen uns herrschende Schweigen. „Ob dieser Unbekannte danach gesucht haben könnte?“
„Ich weiß es nicht, möglich wäre es aber. Die Frage ist nur, warum er an diese Akte wollte, wenn sie auf den ersten Blick gar nichts mit ihm zu tun hat?“ Ich schaute mich kurz um, um mich zu vergewissern, dass sich niemand in der Nähe befand und somit etwas von unserem Gespräch mitbekommen würde. Dann wandte ich mich wieder Kya zu und kam mir offen gestanden ein wenig seltsam dabei vor, da ich das Gefühl hatte eine falsche Entscheidung zu treffen, was die weiteren Ermittlungen betreffen würden. „Was weißt du über diese Akte?“
„Nichts, Sergeant.“, erwiderte sie ruhig. „Aber wenn Claire alles daran gesetzt hatte sie zu verstecken, muss es wichtig für sie gewesen sein.“
„Du kannst dir wirklich nicht erklären, warum Claire eine solche Akte besitzt oder weshalb sie sie versteckt?“ Ich sah ihr an, dass sie sich ein wenig unwohl dabei fühlte, dass ich sie mit solchen Fragen bedrängte, als ob ich ihr nicht glauben würde. Aber dennoch blieb sie gefasst, ruhig und schüttelte lediglich den Kopf.
„Ich wünschte ich könnte Ihnen helfen, aber wenn Claire etwas zu verbergen hatte, von dem niemand etwas wissen sollte, dann hatte sie ihre Gründe.“ Ich seufzte ein wenig enttäuscht.
„Schon gut.“ Die leichte Anspannung in ihrem Körper löste sich.
„Vielleicht sollten Sie mit Naomi reden. Wenn jemand etwas darüber wissen könnte, dann sie.“
„Du meinst, weil Claire ihr vertrauen konnte?“ Sie nickte, als ein erneuter Moment des Schweigens verging.
„Und … was passiert jetzt?“, fragte sie schließlich ein wenig zurückhaltend, in der Hoffnung mir doch noch in irgendeiner Art und Weise helfen zu können auch nur eine Antwort auf die unzähligen noch unbeantworteten Fragen zu erhalten. Ich schätze es, dass sie wie Naomi helfen wollte den Schuldigen zu finden, darum fiel es mir umso schwerer ihr unterbewusst mitteilen zu müssen, dass sie lediglich eine Zivilistin und keine Beamtin war.
„Ich weiß deine Hilfsbereitschaft zu schätzen und auch, dass es dir schwer fallen wird, aber das Einzige, was du, wie auch die anderen, jetzt tun kannst ist abzuwarten wie sich die Ermittlungen entwickeln.“ Enttäuscht neigte sie den Blick, wobei sie sich den Sachbezug ihrer zivilen Stellung wieder bewusst wurde. Ich griff in meine Tasche und überreichte ihr eine meiner Karten – etwas, dass ich wie so vieles schon lange nicht mehr gemacht hatte. „Sollte dir noch irgendetwas einfallen, was uns vielleicht helfen könnte, kannst du mich unter dieser Nummer erreichen.“ Sie nahm sie an sich und betrachtete sie einen Moment, ehe sie wieder zu mir sah.
„Danke, Sergeant.“
„Ich verspreche dir, dass wir den Täter finden werden.“ Trotz der Tatsache, dass es sich dabei wieder nur um eine zuvor einstudierte Floskel handelte, die jeder Polizist lernt, versuchte ich sie nicht einfach auszusprechen, um in ihr lediglich einen kleinen Funken Hoffnung zu wecken, sondern versuchte sie mit Überzeugung auszusprechen um es ihr nicht nur als Hoffnung, sondern vielmehr als Versprechen zu geben. Anhand ihrer Reaktion, dem zustimmenden Nicken, dem kurzen Durchatmen sich wieder zu fangen und dem Wegwischen einer Träne von ihrer Wange konnte ich erkennen, dass es mir gelungen war und mich innerlich mit einer gewissen Erleichterung erfüllte. Mit einem kleinen Schmunzeln wandte sie sich ab und ging, auch wenn es mir schwer fiel sie alleine nach Hause gehen zu lassen, da ich mich wieder an die Worte der Gestalt erinnerte, dass Claire lediglich der Anfang gewesen ist, obwohl ich mir nicht sicher war, ob meine Vermutung mit der Intention seiner Ankündigung übereinstimmte oder ob sie eine völlig andere Richtung verfolgte.
Als sie aus meinem Blickfeld verschwunden war, wandte ich mich der Akte zu.
Noch einmal betrachtete ich den Namen auf dem Beschriftungsfeld, als ich mich schließlich dazu entschied sie zu öffnen.
Hinter dem Aktendeckel hatte sie neben zwei größeren Zeitungsartikeln auch vereinzelt kleinere und eher unbedeutende mit Büroklammern befestigt, während sich auf der anderen Seite eine farbige Zeichnung von meinem Gesicht und Oberkörper befand, wenn auch mit einigen Änderungen oder Anpassungen, die sich hauptsächlich auf die Uniform konzentrierten, die ich trug, aber ansonsten ein genaues Abbild meiner selbst in allen noch so kleinen Details zeigte – Die europäische Abstammung mit einer leicht überdurchschnittlichen Größe für eine Frau, der sportlich schlanke Körper von 27 Jahren, welcher durch die Uniform deutlich zur Geltung kam und trotz des Erscheinungsbild Autorität vermittelte. Die dunkelbraunen, fast schwarzen schulterlangen Haare waren zu einem Pferdeschwanz gemacht worden, während einige Strähnen wie ein kleiner Vorhang die rechte Seite des Gesichtes bedeckten, wodurch die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die grauen Augen in dem ruhigen und doch ernsten und entschlossenen Gesichtsausdruck gelenkt wurde. Selbst an die weiße Strähne an der linken Stirnseite und der Narbe über der Augenbraue hatte sie gedacht, die ich seit dem Vorfall damals trage und mich immerzu daran erinnern, was ich durchgemacht hatte, wann immer ich in den Spiegel schaue.
Was hat das nur zu bedeuten, fragte ich mich erneut und spürte, wie sich eine gewisse Unbehaglichkeit und Nervosität in mir ausbreitete, nicht zuletzt, da sich dies erst recht auf die weiteren Ermittlungen auswirken würde.
Ich überflog die Titelüberschriften der beiden großen Zeitungsauschnitte – „Polizistin tötet Kollegen„, „Polizistin widersetzt sich Befehl – rettet Feuerwehrmann und Kind“ – lauteten sie, wobei ich sofort wusste, worum es in beiden Fällen ging, da sie mir noch so gut in Erinnerung geblieben sind, als wären sie gerade erst gestern passiert und da sie neben weiteren auch zu meinem … Ruf in der Abteilung und den Kollegen geführt haben. Warum aber besaß sie diese Ausschnitte oder hatte eine Zeichnung von mir angefertigt, wenn wir uns noch nie über den Weg gelaufen waren?
Zumindest eines wusste ich definitiv: All das, was gerade passierte, konnte keinerlei Zufall sein.
Ich blätterte die Zeichnung um und fand eine Art Personalakte oder Charakterbogen, den sie selbst erstellt und ausgefüllt hatte. Ich blätterte weiter und bemerkte, dass es weitere solcher Papiere gab, seien es Berichte über Verletzungen, Einsatzbefehle, Beförderungsurkunden oder andere Dinge, die mich beruflich, aber auch privat betrafen. Für einen kurzen Moment dachte ich an Stalking, aber wer würde sich schon für eine Polizistin wie mich interessieren, die nur noch deshalb in der Abteilung diente, weil sich der Superintendent dafür eingesetzt hatte und selbst der Commissioner zugeben musste, dass die Ergebnisse meiner Entscheidungen und Handlungen positiv für die Abteilung ausgefallen waren, obwohl ich mehr als einmal die Regeln und Richtlinien der Polizei gebrochen hatte?
Ich verwarf den Gedanken und blätterte weiter, als ich weitere Charakterbögen und Zeichnungen fand, die aber von anderen Personen stammten.
Was mich dabei nur noch mehr verunsicherte, sogar ein wenig beängstigte, war die Tatsache, um wen es sich bei diesen Personen handelte – neben mir waren da der Superintendent, der Chief Superintendent, Doktor Layhne, einige weitere Kollegen und fast ein Dutzend weitere Bögen, die jedoch noch nicht ausgefüllt waren.
Ich spürte wie ich begann zu keuchen und wie sich erneut der stechend brennende Schmerz von meiner Halsvene zu meinem Kopf arbeitete, wobei er im Vergleich zum ersten Mal jedoch noch verkraftbar gewesen ist.
„Sergeant.“, hörte ich die Stimme eines Kollegen, worauf ich die Akte schloss, mich an ihn wandte und der Schmerz nach ließ, bis er vollends verschwunden war. Es war Chief Inspector Hayle.
„Chief Inspector.“ Er schaute kurz auf die Akte, die ich in der Hand hielt.
„Haben Sie etwas gefunden?“ Ich senkte die Akte.
„Noch nicht, Sir, aber es scheint als ob der Täter etwas gesucht haben muss. Was das allerdings sein könnte weiß ich nicht, aber vielleicht kann mir ihre Kommilitonin einige Fragen beantworten und weiterhelfen.“
„Verstehe. Am besten erkundigen Sie sich auch direkt ob und was die Botschaft des Täters im Zimmer des Opfers zu bedeuten hat.“
„Natürlich, Sir.“ Ich sah ihm an, dass er an mir vorbei zu Salem schaute, der noch immer ruhig und friedlich auf meiner Schulter saß und den ich beinahe völlig vergessen hätte, wären da nicht sein Gewicht, das auf meiner Schulter lastete und sein Gefieder, mit welchem er meine Haut ein wenig kitzelte. „Ein Kolkrabe, Sir. Er gehörte dem Opfer. Ich werde versuchen jemanden zu finden, der sich um ihn kümmert.“
„Tun Sie das. Sie können gehen.“
„Sir.“ Ich drehte mich um und machte mich nach draußen auf, wo ein Officer stand und mich kurz anhielt, damit ich mich aus der Liste der Beamten, die das Gebäude betreten haben, entsprechend der Zeit austragen konnte. Ich notierte die Zeit, unterschrieb und machte mich gerade auf den Weg als ich Naomi dabei beobachtete wie sie sich dem Wohnheim näherte.
„Naomi.“ Ich schien sie aus den Gedanken gerissen zu haben, als sie etwas überrascht den Blick hob und mich bemerkte. Als nächstes fiel ihr Blick auf Salem und schenkte ihm ein kleines Lächeln. „Kann ich dich kurz sprechen?“
„N-Natürlich.“ Zusammen machten wir uns zu einer Bank auf, welche unterhalb eines alten Baumes mitten auf dem Campushof stand und wie eine Insel in einem Meer aus Grün wirkte, das durch geometrische Linien von grauen Wegen durchzogen war. Nachdem wir uns gesetzt hatte hüpfte Salem von meiner Schulter in Naomis Schoß und ließ sich von ihm streicheln. „Sind Sie auf der Suche nach Claires Mörder schon weiter gekommen?“, fragte sie mich ein wenig zurückhaltend, unwissend darüber ob ich ihr darüber Auskünfte geben durfte oder nicht.
„Noch nicht.“ Ein Moment des Schweigens verging, in dem ich ihr ansah, dass sie mir etwas sagen wollte, weshalb ich noch abwartete, bevor ich das Schweigen brechen würde.
„Haben Sie in ihrem Zimmer etwas gefunden, dass Ihnen vielleicht weiterhelfen kann?“, fragte sie schließlich ein wenig unsicher, als ob sie es noch immer nicht wahr haben wollte, dass ihre einstige Freundin Opfer eines Mordes geworden war. Ich war mir ein wenig unsicher, ob ich ihr davon erzählen sollte, aber war es mir lieber, dass sie es jetzt von mir erfuhr und sich darauf vorbereiten konnte als es erst erfahren zu müssen wenn sie das Zimmer sehen würde.
„Der Beweislage nach zu urteilen wurde es bereits von jemandem durchsucht.“, erklärte ich sachlich, unterließ es jedoch ihr von der blutigen Botschaft an der Wand zu erzählen, die sicherlich nur für mich als für jemand anderen gedacht war. Überrascht und verständnislos schaute sie mich an.
„Was?! A-Aber wie? I-Ich meine, wie soll er sich Zugang verschafft haben? Claire schloss ihr Zimmer immerzu ab, wenn sie es verließ.“
„Es deutet nichts auf ein gewaltsames Eindringen hin, was bedeuten muss, dass er einen Schlüssel hatte.“
„Sie meinen, er hat sie getötet, den Schlüssel genommen und dann ihr Zimmer durchsucht?“
„In Anbetracht dessen, dass wir den Schlüssel bei ihr fanden, ist es daher noch nicht sicher, wie er sich Zugang zu ihrem Zimmer verschaffen konnte. Fällt dir eventuell irgendein Grund ein, weshalb jemand so etwas tun würde?“
„Nein.“, verneinte sie, während sie gleichzeitig über die Frage nachdachte und über Salems Rückengefieder strich, um sich zu beruhigen.
„Salem führte mich zu einem kleinen Geheimversteck im Regal an ihrem Bett, wo ich diese Akte fand.“, erklärte ich und zeigte ihr die Akte. „Weißt du irgendetwas darüber?“ Ich sah ihr an, dass sie völlig ruhig und gefasst blieb, was bedeuten musste, dass sie im Gegensatz zu Kya etwas darüber wusste. Sie betrachtete die Akte einen Moment lang, las den Namen im Beschriftungsfeld und kreuzte schließlich meinen Blick, was mir signalisierte, dass meine Deutung ihrerseits korrekt gewesen ist. „Erzähl es mir. Was hat es mit dieser Akte auf sich und gibt es noch weitere Verstecke, von denen ich wissen sollte?“
„Es geht um Sie.“, erklärte sie mir ruhig.
„Um mich?“
„Claire war schon damals als Schülerin von urbanen Legenden, der Mythologie anderer Länder und Kulturen und Creepypastas fasziniert, in denen sich diese Themen widerfanden.“
„Creepypastas?“, fragte ich sie verwirrt, da mir der Begriff überhaupt nichts sagte.
„Ein Kofferwort für moderne Horrorgeschichten, geschrieben von Hobby- oder richtigen Autoren und zumeist im Internet auf entsprechenden Plattformen veröffentlicht werden, von denen sich manche zu urbanen Legenden entwickeln. Dabei setzt es sich aus den Worten ‚Creepy‘ für Gruselig und ‚Paste‘, also Einfügen des Textes auf einer anderen Plattform zusammen, wodurch sie schlussendlich verbreitet wird. Nach einigen Mühen und Überwindungen hatte sie ebenfalls damit begonnen welche zu veröffentlichen, wenn auch nur kleine. Obwohl sie zumeist kurz oder nicht so schaurig für manche Leser waren, waren sie dennoch gut und bekamen zumeist auch positives Feedback, aber nachdem einige Mitschüler herausgefunden hatten, dass sie hinter dem Pseudonym, unter dem sie ihre Geschichten veröffentlichte, steckte zogen sie sie damit auf, schafften es irgendwie ihre Zugangsdaten zu hacken, formulierten sie um und ließen sie glauben, dass sie keine Fiktion, sondern Realität waren.“
„Sie hatte Angst vor Horrorgeschichten, obwohl sie zugleich fasziniert von ihnen war und selbst welche verfasste?“ Es war schon seltsam, denn erschien es mir wie ein Widerspruch in sich zu sein.
„Horror ist nicht gleich Horror.“, erklärte sie mir. „Es gibt viele Unterkategorien.“ Auch wenn ich nicht viel von der Materie verstand klang es durchaus logisch, denn auch wenn vieles zum selben Genre gehören konnte, hieß das noch lange nicht, dass das eine wie das andere ist.
„Verstehe.“
„Bereits im ersten Semester erzählte sie mir, dass sie wieder damit anfangen wolle, jetzt wo wir hier an der Uni sind, wo niemand darüber Bescheid wusste und sie eine neue Plattform für sich entdeckt hatte.“ Ich hörte ihr aufmerksam zu, denn hatte ich das Gefühl, als ob sie mir meine Frage, was ich nun damit zu tun hätte, beantworten würde, weshalb ich schwieg und einfach zuhörte – eine Eigenschaft, die vielen Kollegen fehlt und mir wieder aufzeigte, warum der Superintendent gerade mich dafür ausgewählt hatte mit den Angehörigen des Opfers zu sprechen als er meinte, dass ich mehr Erfolg dabei hätte als manch anderer. „Ich weiß nicht, worum es dabei geht, einerseits, weil ich mich genau wie die anderen überraschen lassen, zum anderen, weil sie mich damit auch überraschen wollte und daher kaum etwas von dem Projekt erzählte. Aber steht in dessen Mittelpunkt eine Polizistin.“ Sie sah mich an. „Sie.“
„Warum? Warum ich?“
„Ich weiß es nicht.“, gestand sie mir. „Aber wird es einen Grund gegeben haben, warum sie über Sie nachgeforscht hat und Sie als Hauptfigur nutzte. Deshalb auch die Akte.“
„Du meinst, die Bögen und Berichte handeln über die fiktiven Charaktere, die aber auf realen Personen beruhen und ihr als Referenzen dienen?“, fasste ich es so verständlich wie möglich zusammen, um selbst den Überblick zu behalten. Sie nickte, während ich einen kurzen Moment nachdachte. „Gibt es noch weitere Verstecke, von denen ich wissen sollte?“ Sie zögerte einen Moment, als ob sie sich nicht sicher war, ob sie mir eine solche Information anvertrauen könnte, obwohl sie genauso gut wie ich wusste, dass ich es wissen musste um den Täter finden und dessen Handeln und Motive begründen zu können.
„Zwei. Es gibt noch zwei weitere, von denen sie mir erzählt hatte.“, sagte sie, als mein Funkgerät klickte, was bedeutete, dass mich jemand versuchte zu erreichen. Ich nahm es an mich und drückte auf die Sprechtaste.
„Sergeant Winter.“, meldete ich mich.
„Sergeant.“, es war die Stimme von Officer Valens, dem ich den Tatort überlassen hatte. „Wir sind jetzt so weit durch und geben das Zimmer frei.“
Wie?
Sie waren schon fertig?
Es sind doch gerade einmal zehn oder fünfzehn Minuten vergangen, seit sie mit ihren Untersuchungen begonnen hatten.
„Ich bin auf dem Weg.“
„Verstanden.“ Ich steckte das Funkgerät wieder ein und wandte mich erneut an die Studentin.
„Wir können das Zimmer jetzt betreten. Kannst du mir zeigen, wo sich diese Verstecke befinden?“ Ich hätte sie dazu auffordern können sie mir zu zeigen, aber angesichts dessen, dass ich ihr ansehen konnte, dass sie mir ebenso wie Kya in jedweder Art und Weise helfen wollte Claires Mörder zu finden, um das alles zu verstehen, hielt ich es für besser, wenn ich sie danach fragte, selbst wenn das bedeutete, dass sie nicht nur das Chaos, sondern auch die blutige Botschaft sehen musste. Sie nickte zögerlich, bevor ich mich erhob, wobei Salem wieder auf meine Schulter flatterte, während Naomi es mir nach einem kurzen Moment des Zögerns gleich tat und sich noch einmal an mich wandte.
„Sergeant.“, begann sie ein wenig zurückhaltend, als ob sie sich unsicher wäre oder die Frage aus Angst nicht stellen wollte. Ich drehte mich zu ihr. „Ob … ob Claire vielleicht deshalb getötet wurde? Weil sie etwas belastendes besaß?“
„Du meinst, weil das die Verstecke erklären würde?“
„Nein … zumindest wäre mir das völlig neu. Auch wenn sie immerzu das Zimmer verschloss, wenn sie es verließ, hatte sie dennoch die Befürchtung, dass sich jemand Zugang verschaffen und ihr ihre Arbeiten stehlen könnte. Deshalb die Verstecke.“, klärte sie mich auf.
„Was für Arbeiten?“
„Neben den Notizen für ihre Geschichten hauptsächlich ihre Abschlussarbeit, an der sie seit letztem Semester gearbeitet hatte.“ Auch wenn ich selbst nicht studiert habe, erschien es mir seltsam, dass Claire bereits im dritten Semester damit begonnen hatte ihre Abschlussarbeit zu schreiben, wo die durchschnittliche Studienzeit sieben Semester beträgt.
„Sie schrieb schon jetzt an ihrer Abschlussarbeit?“ Sie nickte. „Warum das?“
„Nach ihrer ersten großen Arbeit, deren Thema wir uns selbstständig erarbeiten durften, hatte unser Dozent mit ihr darüber geredet. Über ihre Arbeit, ihr Talent, wobei sie ihm von ihrem Thema erzählte, das sie sich schon damals in der Schule erarbeitet hatte, worauf er meinte, dass er das Thema gerne als ihre Abschlussarbeit bewerten wolle, wenn sie es denn als Thema wählen sollte.“
„Um welches Thema ging es in ihrer Arbeit?“
„Es gab zwei. Für welches von beiden sie sich allerdings entschieden hat weiß ich nicht.“ Ich musste mir eingestehen, dass ich mich damit zufrieden geben musste, denn auch wenn ich Naomi noch nicht allzu lange kannte, beziehungsweise keine große Menschenkenntnis wie Doktor Layhne besitze, merkte ich ihr an, dass sie mir nichts vorenthielt. Ich atmete kurz durch.
„Wir sollten die anderen nicht warten lassen.“ Sie schulterte ihre Tasche, als wir uns auf den Rückweg zum Wohnheim machten.
„Welches Thema sie auch immer genommen hat, es scheint als ob sie alles daran setzen wollte es vor anderen zu schützen. Ob das an dem Vorfall von damals in der Schule gelegen hat?“
„Ich glaube eher, dass das an der Eifersucht einiger Kommilitonen lag, die ihr den Erfolg nicht gönnen wollten.“, meinte sie ein wenig betrübt. Nachdem ich mich wieder in der Liste eingetragen hatte betraten wir das Wohnheim und blieben kurz vor dem Bildnis Claires stehen, welches Kya von ihr gemacht hatte und ich selbst zum ersten Mal richtig betrachtete.
Das digital erstellte Bild war ein hochwertiger Vierfarbendruck auf hochwertigen Leinen und zeigte Claire, wie sie diagonal zum Betrachter stand, als ob sie vor einem gelaufen wäre oder stand und sich zum Betrachter gedreht hatte, während sie mit der Hand einige Strähnen, welche vom Wind in ihr Gesicht geweht worden sind, hinter ihr Ohr kämmte.
Ihr Blick war nicht direkt auf den Betrachter gerichtet, sondern ein wenig von ihm abgewendet, wobei mir auffiel, dass sie nicht nur fast dasselbe Outfit trug, in welchem wir sie gefunden hatten, sondern auch, dass sie Brillenträgerin war, wie sich anhand der rahmenlosen Brille zeigte, die ihre meeresblauen Augen betonten, die beinahe wie Sapphire funkelten.
„Ich wusste gar nicht, dass Claire Brillenträgerin war.“, meinte ich nachdenkend, denn fanden sich keinerlei Spuren von einer Brille am Tatort.
„Ihre Lesebrille.“, erklärte mir Naomi, ebenso in Gedanken versunken wie ich beim betrachten dieses Bildes. „Sie passte gut zu ihr. Zu ihrem Charakter, ihrem Erscheinungsbild. Ich sah sie gerne mit Brille. Sie gab ihr … etwas besonderes.“
Ich betrachtete das Bild erneut.
Es war wirklich beeindruckend, wie Kya trotz des Graphic-Novels-Stils, in welchem sie die Studentin und Freundin gezeichnet hatte, jede Einzelheit von ihr abbildete, die sie auch in der Realität besaß und charakterisierte.
Ich hörte Naomi leise schluchzen und wandte mich zu ihr.
„Eine schöne Arbeit, findest du nicht?“ Sie nickte.
„Ja, das ist es.“, meinte sie gerührt und gegen die aufkeimenden Trauer ankämpfend. „Claire hätte sich sicherlich darüber gefreut.“
„Vielleicht solltest du mit Kya reden. Immerhin verbindet euch der Verlust einer guten Freundin.“ Sie wischte sich die Tränen von der Wange.
„Ja.“, meinte sie und fasste sich wieder. „Vielleicht sollte ich das tun.“ Ich legte meine Hand auf ihre Schulter, was ihr zu helfen schien, bevor wir uns nach oben aufmachten, wo die Kollegen bereits die Sachen zusammen gepackt hatten und im Begriff waren zu gehen.
„Sergeant Winter.“, wandte sich Officer Valens an mich.
„Sagten Sie nicht, dass Sie zwei, drei Stunden für die Spurensicherung benötigen würden?“
„Der Täter schien an alles gedacht zu haben, Sergeant.“, berichtete er, wobei ich seine Frage nicht wirklich verstand.
„Was meinen Sie damit?“
„Das Zimmer ist sauber. Auch wenn es nicht danach aussieht, aber es ist, als ob es nie von irgendjemandem betreten oder irgendetwas darin von einer Person angefasst worden wäre.“
„Sie meinen der Täter hat das Zimmer gereinigt? Aber wie, bei dem Chaos oder den verschiedenen Oberflächen?“
„Ich weiß es nicht.“, gestand er. „Wir haben alles eingestaubt und abgesucht – nichts. Keine Finger-, Hand- oder Schuhabdrücke, Fasern, Haare oder andere Spuren. Das Einzige, was wir nehmen konnten ist eine Probe des Blutes an der Wand.“ Er atmete tief durch. „Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären wie er das geschafft hat, aber so wie es wirkt suchen wir entweder nach einem sehr intelligenten Täter oder einem Geist.“ Ich sprach es zwar nicht laut aus, aber die Bezeichnung Geist beschrieb den Gesuchten schon beinahe mit zielgenauer Präzision. „Unter uns, Sergeant, ich habe bereits viele Tatorte gesehen und untersucht, aber dieser hier … ist etwas anderes.“ Ich unterließ es irgendetwas darauf zu erwidern, denn besonders viel nützen würde es ohnehin nicht.
„Trotzdem Danke.“
„Keine Ursache, Sergeant. Das Labor wird sich melden, sobald die Untersuchungsergebnisse vorliegen.“, sagte er zum Abschluss und gab mir den Schlüssel zurück.
„Danke.“, erwiderte ich und ließ die Gruppe der Spurenleute vorbeitreten, als ich Chief Inspector Hayle bemerkte, der sich zusammen mit den beiden anderen Beamten, die noch zuvor dafür gesorgt hatten, dass sich niemand dem Zimmer näherte, wohl auch auf den Rückweg machen wollte.
„Ich fahre zurück zum Präsidium und erstatte dem Superintendent Bericht. Vergessen Sie nicht das Zimmer zu versiegeln, sobald Sie fertig sind.“, erklärte er mir.
„Natürlich, Sir.“ Damit ging auch er, sodass Naomi und ich alleine waren. Ich nahm einen tiefen Atemzug, als ich mich der Tür zuwandte und diese aufschloss, bevor ich Naomi eintreten ließ, die das Chaos kaum fassen konnte, welches in dem Zimmer herrschte und die Tür so weit schloss, dass niemand der anderen Bewohnerinnen hineinlinsen konnte.
„Sie werden sie nicht retten können.“, las sie den mit Blut geschriebenen Vers an der Wand laut, bevor sie sich an mich wandte, wobei es mich angesichts der Nachricht selbst als auch der Tatsache, dass diese Worte mit Blut geschrieben worden sind, ein wenig überraschte, dass sie so ruhig und gefasst blieb. „Was soll das bedeuten?“
„Wir wissen es nicht.“, erwiderte ich und blieb neben ihr stehen, während sich Salem von meiner Schulter abdrückte und zum Regal flog, wo er sich nieder ließ. „Zumindest noch nicht, aber ich denke, dass uns der Täter damit etwas sagen will.“ Sie ließ den Blick durch das Zimmer streifen und seufzte, während ich sie dabei beobachtete. „Schlimm, nicht wahr?“
„Nicht wirklich.“, meinte sie ein wenig nachdenkend. „Eigentlich ist es in gewisser Weise schon ein etwas vertrauter Anblick.“ Ihre Aussage wunderte mich, denn das Bild, welches ich von Claire vor Augen hatte, zeichnete sie eigentlich mehr danach aus Ordnung zu halten. Sie sah mir meine leichte Überraschung offenbar an. „Normalerweise war Claire eigentlich sehr ordentlich, alles war an seinem Platz, aber … wenn sie sich in ihre Arbeiten vertiefte sah es dem Zimmer wie jetzt sehr ähnlich. Überall lagen Papiere mit Dutzenden von Notizzetteln herum, egal ob auf dem Schreibtisch, dem Boden, an den Wänden, den Regalen oder auf ihrem Bett. Und … trotzdem hatte alles eine gewisse Ordnung.“
„Das Genie überblickt das Chaos.“, sprach ich es laut aus, obwohl es mir eigentlich nur gedanklich in den Sinn gekommen war. Ein Lächeln zeigte sich auf ihren Lippen.
„Das habe ich mir auch gesagt. Claire lächelte immer darüber.“
„Kannst du mir sagen, wo sich die beiden anderen Verstecke befinden?“ Sie schaute, dass sie keinerlei Spuren vernichtete, auch wenn es überhaupt keine gab, die sie hätte vernichten können, während sie durch das Zimmer ging und sich zum Schreibtisch aufmachte, über deren Platte sie den Blick streifen ließ und sich wohl in Erinnerung rief, wie Claire fast jeden Tag an ihm gesessen und gearbeitet hatte. Neben dem Tisch befand sich ein dem Schreibtisch gleich hohes Regal, an dessen äußeren Ende sich eine Wand aus gleich großen Schubladen befand.
Sie überlegte einen Moment, welche Schublade es wohl sein konnte, als sie die dritte von oben öffnete.
„Ein doppelter Boden?“, fragte ich sie, was mich angesichts des ersten Versteckes nicht wirklich überrascht hätte.
„Zumindest nicht in der Schublade.“, erwiderte sie, ließ ihre Hand in das Fach gleiten und tastete nach dem Boden der darüber liegenden Lade. Ich beobachtete sie dabei, wie sie einen kleinen Streifen des Bodens herauszog und sich daraufhin eine Klappe öffnete, in der sich zwei kleine Notizbücher befanden, die sie heraus nahm und das Versteck wieder verschloss.
Ich war mir nicht sicher, warum ich mir in diesem Moment diese Frage stellte, aber versuchte ich eine passende Antwort darauf zu finden, ob Claire paranoid oder einfach nur sehr vorsichtig gewesen war, wenn sie alles daran setzte Geheimnisse an solchen Orten zu verstecken, wo man sie nicht nur nie vermuten würde, sondern die Verstecke selbst auch kaum finden konnte.
Naomi kam zu mir. „Sie hatte schon immer etwas für Trickschachteln übrig.“, kommentierte sie, als ob sie gewusst hätte, welche Frage ich mir gerade erdachte und reichte mir die beiden Bücher. „Ich weiß nicht, ob Ihnen das weiterhelfen wird, aber so, wie ich Claire kannte, versteckte sie nichts, wenn es nicht wirklich wichtig war und sei es nur für sie.“ Dankend nahm ich die Bücher entgegen. „Wo sich das dritte Versteck befindet weiß ich allerdings nicht, nur, dass es dort sein soll, wo es niemand vermuten würde.“ Obwohl ich ein wenig enttäuscht war, war ich zumindest erleichtert darüber, dass sie mir ein weiteres Versteck zeigen konnte und vielleicht würde ich das dritte auch irgendwann finden. Ich nahm einen der drei leeren Kartons, die die Spurensicherung dagelassen hatten, falls ich oder ein anderer Kollege noch etwas finden würden, und legte die Akte sowie die beiden Bücher hinein.
„Und was passiert jetzt?“, fragte mich Naomi mit fast denselben Worten, die auch schon Kya an mich gerichtet hatte.
„Ich werde mir diese Beweise ansehen, in der Hoffnung etwas zu finden, während wir darauf warten, dass die Spuren vom Tatort untersucht und ausgewertet sind. Bis dahin, auch wenn es dir schwer fallen wird, ist das Einzige, was du wie auch die anderen, jetzt tun kannst ist abzuwarten wie sich die weiteren Ermittlungen entwickeln werden.“
„Ich verstehe.“ Aus den Augenwinkeln fiel mir Salem auf.
„Könntest du dich vielleicht um Salem kümmern?“ Wir schauten kurz zu ihm, wie er zu der kleinen Schale auf dem Regal zuging und in Gedanken versunken halbherzig eine Nuss aß, so als ob er von Claires Ermordung wüsste, ehe sie wieder zu mir sah.
„Ich könnte ihn füttern, jetzt, wo …“ Sie unterbrach sich kurz. „Aber … aufnehmen kann ich ihn nicht. Einerseits gestattet das die Hausordnung nicht, zum anderen ist Salem ein in der Freiheit lebendes Tier, welches wie die anderen seiner Art lediglich eine enge Beziehung zu Claire hatte.“
„Der Verlust Claires scheint ihm daher genauso nahe zu gehen wie dir und Kya.“ Sie nickte, streckte den Arm aus und rief ihn, worauf er auf ihren Arm flog und dort landete. „Wenn Sie noch etwas brauchen oder Fragen haben, sagen Sie mir Bescheid.“ Es war lieb von ihr, dass sie mir wie auch Kya ihre Hilfe anbot, es überraschte mich aber auch nicht besonders, denn wollten sie ebenso wie ich alles daran setzen den Täter zu finden und ihn zur Rechenschaft zu ziehen.
„Natürlich.“ Sie verabschiedete sich und verließ sie das Zimmer.
„Es scheint, als ob Sie einen Schritt weiter wären.“, hörte ich plötzlich seine ruhige Stimme hinter mir. Ich versuchte erst gar nicht, die Waffe zu ziehen und sie auf ihn zu richten, sondern schaute zuerst über die Schulter, bevor ich mich zu ihm drehte. Er stand dort neben dem Schreibtisch, entspannt und ruhig, als ob er bereits geahnt hätte, dass ich keinen Versuch unternehmen würde.
„Und wie kommen Sie darauf? Außer einer Blutprobe Ihrer Botschaft haben wir nichts gefunden.“ Er schien zu lächeln, auch wenn ich es aufgrund seiner Maske nicht sehen konnte.
„Spuren mögen Sie zwar keine gefunden haben, weder von mir noch von Claire. Und dennoch haben Sie etwas gefunden, wobei ich zugeben muss, dass Sie dieses Mal schneller waren als ich.“
„Wenn Sie die Beweise wollen, dann nur über meine Leiche.“, entgegnete ich herausfordernd und begab mich in Position. Er lachte kurz amüsiert auf, blieb aber weiterhin gelassen.
„Das wäre nun wirklich keine allzu schwere Aufgabe für mich, aber wo bliebe da der Reiz? Nein, wenn wir diese Geschichte weiter erzählen wollen, muss ich Ihnen gegenüber fair sein und da Sie jene Dinge vor mir gefunden haben, nach denen ich stundenlang gesucht habe, geht diese Runde an Sie.“
„Halten Sie das für ein beschissenes Spiel?“
„Ist es das nicht immer, wenn es um ein Verbrechen wie dieses geht?“, stellte er als Gegenfrage. „Ein Spiel gegen die Zeit, gegen die Beweise, gegen … den Täter?“
„Was können diese Schriftstücke für Sie schon für eine Bedeutung haben?“
„Eine gute Frage, aber muss ich Ihnen diese Antwort bedauerlicherweise schuldig bleiben, denn bis auf eines, welches aber noch keiner von uns gefunden hat, ist mir der genaue Inhalt eines jeden Schriftstückes in diesen Büchern nicht genau bekannt, lediglich, was es für mich, als auch für Sie und Ihre Ermittlungen bedeutet.“
„Und wen werde ich Ihrer Meinung nach nicht retten können?“, machte ich ihn auf die mit Blut geschriebenen Worte aufmerksam.
„Was glauben Sie denn, wer es sein könnte?“ Nach meinen bisherigen Kenntnissen konnten es nur zwei sein – Naomi, Claires langjährige Freundin, und Kya, Claires ehemalige Peinigerin. „Ich kann mir vorstellen, an wen Sie jetzt denken, aber lassen Sie mich hinzufügen, dass es keine der offensichtlichen Personen sein wird.“
„Ich werde nicht zulassen, dass Sie noch jemanden töten werden.“ Er gab sich gelassen.
„Gut, denn das sollten Sie, wenn Sie nicht wollen, dass Sie es sein werden, die man anschließend verdächtigt.“ Instinktiv griff ich nach meiner Waffe, zog sie aus dem Holster, aber im Bruchteil einer Sekunde, in der ich blinzelte, war er verschwunden, als wäre er niemals hier gewesen. Die Waffe noch immer mit beiden Händen auf halbem Weg festhaltend schaute ich mich um, um mich zu vergewissern, dass er nicht plötzlich hinter mir stand.
Aber es geschah … nichts.
Ich hielt noch einen Moment inne, als ich die Waffe schließlich senkte und zurück ins Holster steckte, bevor ich mich dem Karton zuwandte, diesen schloss und über seine letzten Worte nachdachte, die mir nicht nur wie eine Warnung vorkamen, sondern eher einen Ausblick auf das Kommende geben würden, wenn es mir nicht gelang ihm einen Schritt voraus zu sein.
Es war als ob er bereits das nächste Kapitel unserer Geschichte zu kennen schien.
Und es war meine Aufgabe, dieses Kapitel umzuschreiben.
Kapitel 4: Wolfjagd (4) – Creepypasta-Wiki