
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Manchmal bedarf es gar nicht viel, um die Welt eines Menschen zu zerstören. Wichtig
ist, dabei nicht zu plump vorzugehen. Schritte müssen geplant und
Vorsorge betrieben werden. Etwas den Zufall zu überlassen ist
schlicht und einfach ein Luxus, den man sich ab einem gewissen Punkt
nicht erlauben kann.
„Und Sie können
das machen, ja?“, riss mich die erschöpfte Stimme des kargen
Mannes aus meinen Gedanken. Sein Gesicht war eingefallen, tiefe
Augenringe zeichneten sich unter seine Augenhöhlen ab. Seine Haltung
war buckelig, zerknirscht, gebrochen. Sein rechter Arm hing schlaff
von seinem Körper ab, als wäre er ein Kuscheltier, dem an einer
Stelle die Füllung fehlte. Mit seiner linken Hand umklammerte er das
Bündel Geldscheine, das er mir nun entgegenstreckte, „Ich habe
auch das Geld.“, krächzte seine Stimme schwach.
Ich atmete laut aus
und schnalzte mit der Zunge, „Schon klar, ja ich kriege das hin.
Ich geh zu ihr, spendier ihr einen Drink, schlafe mit ihr und breche
ihr danach ihr kleines Herzchen.“
Bei dem letzten Teil
des Satzes glaubte ich ein kurzes Lodern in seinen müden Augen
gesehen zu haben, doch ehe dem eine Flamme entspringen konnte,
erlosch es wieder.
„Die Bitch soll
dafür zahlen, was sie mir angetan hat.“, seine Hände begannen zu
zittern. Ich ergriff desinteressiert die Geldscheine, doch seine
dürren Finger hielten das Papier weiterhin fest, „Niemand macht
einfach mit mir Schluss. Was denkt die denn, wer sie ist, hä? Die
soll sich mal nicht so anstellen, nur weil mir ein paar Mal die Hand
ausgerutscht ist. Überhaupt, was soll das eigentlich? N Klaps zur
Erziehung hat noch keinen geschadet.“,knurrte er, „Und so gut
sieht sie jetzt auch nicht aus. Ich hätte mir jede aussuchen können,
aber ich habe mich für sie entschieden. Aber ist sie dankbar?
Natürlich nicht. Scheiß Weiber.“ Ich musterte das Häufchen
Elend, das vor mir stand einen Moment und zweifelte schließlich
entschieden daran, dass dieser Mensch jemals eine hohe Anzahl an
romantischen Anwerberinnen hatte, schob diesen Gedanken jedoch
beiseite.
„Sicher.“,
murmelte ich nur und nahm nun mit etwas entschlossener Kraft das Geld
an mich. Der Mann wirkte von der kurzen Anstrengung, die durch seinen
kleinen Wutausbruch verursacht wurde nun noch eingefallener und
erschöpfter als zuvor.
„Dann zeigen Sie
es dieser Hure.“, presste er noch mit letzter Kraft raus, „Und
vergessen Sie die Fotos nicht.“
Es war bereits spät
in der Nacht, als ich mich an die lange Schlange des „Feiergelagers“
anstellte. Das „Feiergelager“ war eine Diskothek in einem eher
heruntergekommenen Viertel der Stadt. Doch in diesen Club sollte
sich, zumindest nach ihrem Instagram-Status, meine Zielperson heute
aufhalten. Nach einigen Sekunden ereignislosen Wartens entschloss ich
mich eine Packung Zigaretten aus meiner Hosentasche zu kramen und mir
kurz vor der Arbeit noch eine Kippe zu gönnen. Nach einem Gespräch
suchend, fand ich nur eine Menschenmasse, die sich unter ihren
eigenen Blitzlicht beerdigte, vor. Scheiß Handys. Scheiß
Dauerbeschallung. Inzwischen ist man so darauf getrimmt durch
Smartphone und Co. dauerhaft bespaßt zu werden, dass man ganz
vergisst wie man sich während des Nichts-Tuns beschäftigen kann.
Überhaupt, warum dauerte er da eigentlich so lange? Sind die
Türsteher eingeschlafen oder was?
Ich lehnte mich
genervt zur Seite, um zu sehen, was die Schlange aufhielt und
erkannte eine Gruppe von Jugendlichen die zweifellos unter 18 waren
und versuchten den, wiederum langsam sehr gereizt wirkenden,
Türsteher vom Gegenteil zu überzeugen. Ich nahm einen Zug, das
konnte noch dauern.
„Kann ich auch
eine haben?“, ertönte eine helle Stimme neben mir. Ich blickte
mich um, dann schaute ich herunter. Die Dame war mit ihren 1,60 in
der Menge fast zu übersehen, doch nun starrte sie mich mit ihren
eindringlichen Rehaugen an.
Ich ging
demonstrativ ein wenig in die Knie, „Bist du nicht etwas zu jung
dafür?“, gab ich mit hochgezogener Augenbraue zurück.
Ich konnte ein
leichtes Schnauben erkennen, bevor sie eher weniger als mehr
erfolgreich versuchte ihren Unmut über diese Aussage zu
unterdrücken. Trotz der schlechten Belichtung konnte ich erkennen,
wie ihr Kopf langsam rot wurde und ihre Adern traten leicht hervor.
Ich setzte mein charismatischstes Lächeln auf, um sie zu beruhigen.
„Das war nur ein
Witz, verstehst wohl keinen Spaß, was? Du siehst aus, als wolltest
du mir gleich an die Kehle springen.“, ich schob eine weitere
Zigarette heraus und reichte sie der Frau hin. Sie nahm diese
energisch entgegen.
„Haha, sehr
witzig. Weil ich klein, muss ich ein Kind sein. Den habe ich ja noch
nie gehört. Hast du diese heiße Information schon an die
Tageszeitung weitergegeben?“, sie zündete sich die Zigarette an
und nahm einen langen Zug. Oh gott, so eine auch noch. Nun verkniff
ich mir, um einiges erfolgreicher, meinen Ausdruck, „Okay, der war
schlecht, sorry. Lass uns von vorne anfangen, okay? Ich bin Hannes
und du bist…“
Ich streckte ihr die
Hand entgegen. Sie musterte sie einen Moment lang, dann mein Gesicht:
„Christine. Und ich bin übrigens Mitte 20.“, würgte sie
schließlich heraus und verschränkte ihre Arme vor die Brust. Mir
wurde bewusst, dass das alles war, was ich bekommen würde und ließ
meine Hand sinken.
„Christine, ein
wunderschöner Name. Nun denn Christine, darf ich dich später auf
einen Drink einladen? Das heißt, wenn wir in dieser Nacht noch in
den Club reinkommen.“, sprach ich, immer noch mit falschen Lächeln
auf den Lippen. Gott wirkte mein Gelaber künstlich.
Aber ihre Haltung
entspannte sich wieder etwas und sie nahm ihre Hände herunter. „Ach
was passt schon, müh‘ dich wegen mir nicht ab.“
Die Schlange setzte
sich wieder langsam in Bewegung.
„Was meinst du
denn mit Abmühen?“, gab ich etwas verwundert, zurück.
„Ich bitte dich
Hannes, du bist ein gut aussehender Typ. Ich kann und will, auch aus
Respekt mir gegenüber, nicht glauben, dass du mir freiwillig einen
Drink ausgeben willst. Du fühlst dich jetzt verpflichtet und ich
sage, das musst du nicht. Schwamm drüber.“
Ich öffnete den
Mund, um etwas zu erwidern, als ich von einer rauen, genervten Stimme
unterbrochen wurde, „Den Ausweis, bitte.“
Am nächsten Morgen
wachte ich im Bett meiner Zielperson auf. Mein Kopf schmerzte, doch
ich griff instinktiv nach meinem Handy. Es war 9:00 Uhr. Blick nach
rechts, ich konnte nur die Haare der Frau sehen, ihr Gesicht war in
der Bettdecke eingemurmelt. Sie schien noch tief und fest zu
schlafen. Wieder Blick zurück aufs Handy, ich tippte auf die
Galerie. Die Fotos und das Video, welches ich dort vorfand würde
meinen Klienten zweifellos reichen, um das Leben seiner Ex zumindest
teilweise zu zerstören. Es ist so einfach, einen Menschen kaputt zu
machen, besonders in der heutigen Zeit. Das Internet und die sozialen
Medien tun ihr restliches, um aus dieser Erde den vergifteten
Schmutzfleck zu machen, der wir wirklich und wahrhaftig sind. Da
landet ein anonym gepostet Video mal einfach auf einer etwas
heikleren Website, der Link dazu wird immer mal wieder geteilt und-
oh upps, da kriegt auf einmal der Chef davon Wind. Und vielleicht die
Familie. Ob die das dann so gut auffassen werden? Nun, mein Problem
soll es nicht sein. Ich tätschelte der Frau freundschaftlich auf den
nackten Rücken. „Guten Mor-“, der Rest blieb mir im Hals
stecken, mein Atem stockte und ich fror einen Moment ein. Die Haut
der Frau war eiskalt.
Unklar ist zu sagen,
wie lange ich in der Bewegung erstarrt blieb. Tausende Gedanken
schossen mir durch den Kopf und nahmen jedes Zeitgefühl. Ist sie
tot? Natürlich du Idiot. Was ist passiert? Was hast du gemacht?
Nichts, was soll ich schon gemacht haben? Du warst schon immer
aggressiv, wenn du Alkohol getrunken hast, deshalb hat Klara dich
auch verlassen. Klara ist jetzt nicht mehr wichtig, wichtig ist die
verdammte Leiche, die neben mir im Bett liegt. Oh mein Gott, oh mein
Gott ohmeingott was sollen wir tun?
Ding Dong.
Scheiße.
Ich sprang hastig
auf und knallte dabei ungelenk mit dem großen Zeh gegen das
Nachtschränkchen. „Fuck.“, entfleuchte es mir, während ich in
der Bewegung und unter leisen Fluchen zur Tür humpelte. Ich schaute
durch den Spion, doch schon davor vernahm ich ihre Stimme.
„Larissa? Hannes?
Seid ihr dann auch mal wach?“, Christine stand ungeduldig vor der
Haustür meiner Zielperson. Einen Moment wurde mir schwindelig und
ich knickte ein. Meine Augen hatten zunehmend Probleme damit sich auf
einen Punkt zu fokussieren und ich musste mich zusammen reißen nicht
auf der Stelle ohnmächtig zu werden. Ich gab mir eine Ohrfeige und
schlagartig wurde die Welt wieder ein wenig klarer. Desorientiert
blickte ich mich um. Ich war nun mit Händen und Füßen auf den
Boden gesunken und hatte gar nicht bemerkt, dass ich angefangen hatte
zu hyperventilieren. Verdammt, wie alt war ich? Zwölf? Ich hatte
keine Atemprobleme mehr seit… seit.. ich schüttelte die Erinnerung
ab.
Das Rasseln von
Metall brachte mich wieder in die Situation zurück. Ein Klicken
ertönte und die Tür öffnete sich mit einem gewaltigen Ruck. Das
verdutzte Gesicht von Christine begrüßte mich, „Hannes? Bist du
das?“, es war schwer zu sagen, ob in ihrer Stimme Verwunderung oder
Belustigung lag, „Was zur Hölle machst du da?“
„Ich… ich war
das nicht.“, stammelte ich. Mir lief etwas Speichel aus dem
Mundwinkel, „Du musst mir das glauben, ich war das nicht.“,
schrie ich nun so laut, dass Christine einen Schritt zurück aus der
Wohnung machte. Ihre Augen waren vor Überraschung weit aufgerissen.
„Was meinst du
da-“, sie schielte in Richtung des Schlafzimmers und erblickte
wahrscheinlich die leblose Larissa, denn schlagartig hechtete sie an
mir vorbei und schlug dabei die Tür hinter sich zu. „Larissa? Komm
schon, das ist nicht lustig.“, hörte ich sie unsicher sagen. Ich
hatte nicht die Kraft mich umzudrehen. „Larissa? Komm schon,
Larissa?“, Christines Stimme wurde zu einem hysterischen
Schluchzen, dann einen Weinen und schließlich ein panisches Heulen.
Funfact: Man dachte
lange, einzig Menschen wären in der Lage Gefühle zu entwickeln und
zu Trauern. Jedoch stellte sich über die Zeit durchaus heraus, dass
auch Tiere Gefühle verspüren. Von Trauer zu reden wäre dabei etwas
wage, aber Elefanten oder Hunde zeigen tatsächlich ähnliche
Symptome, indem sie zum Beispiel am Todesort eines Lebewesens
(Artgenosse oder Herrchen) verharren. Um Trauer zu verspüren bedarf
es im theoretischen gewisser Kriterien, die erfüllt werden müssen:
passende Hirnstrukturen, soziale Strukturen oder auch ein
entsprechend reagierender Hormonhaushalt. Allerdings muss hier auch
klar differenziert werden: Der Elefant spürt Trauer sich selbst
gegenüber, er hat kein Mitleid. Sich schlecht zu fühlen wegen den
Unglück eines anderen Artgenossens ist eine Fähigkeit, die man
Menschen und vielleicht noch wenigen Menschenaffenarten unterstellen
kann. Aber nicht den meisten Tieren. Der Elefant ist ein
„Arschloch.“,
Christine drückte mich gegen die Wand und durchdrang mich mit ihren
eiskalten Augen, so dass mir das Herz in die Hose rutschte und ich
gleichzeitig auch anfangen wollte zu weinen. „Was hast du mit ihr
gemacht?“, mein Blick schweifte zu ihren Händen, sie hatte schon
mal keine Waffe, das war gut, „Jetzt rede mit mir du verdammter-“
„Ich habe nichts gemacht.“, krächzte ich hervor. Meine Stimme
klang instabil. „Ich bin hier aufgewacht und sie war tot. Ich weiß
nicht warum, ich weiß nicht wer, ich…“, wieder stockte ich, „Ich
weiß nichtmal wie ich hier her gekommen bin. Was zur Hölle machst
du hier?“
Ungläubig schaut
sie mich an. „Ich wohne hier, gottverdammt.“, antwortete sie
schließlich, „Kannst du dich gar nicht mehr an letzte Nacht
erinnern?“
Ich nahm all meine
Kraft zusammen und schüttelte den Kopf, „Ich weiss nur noch, wie
ich in den Club rein bin und mir einen Drink bestellt habe, danach
ist alles… verschwommen. Wieso? Was ist passiert?“
Christine ließ
meine Schulter los, ich bemerkte erst jetzt, dass ich ihr nur in
Unterhose gegenüber saß und das wahrscheinlich mit
rotzverschmierten Gesicht. Wie erbärmlich ich ausgesehen haben muss…
Wahrscheinlich hat sie auch eben deshalb entschieden mir zu glauben.
Sie seufzte, „Circa
eine Stunde nachdem wir uns in der Schlange begegnet sind, hast du
Larissa, meine Mitbewohnerin und Freundin seit Kindheitstagen,
angesprochen. Ihr habt scheinbar ganz nett miteinander geredet und
sie hat dich an den Mädelstisch gebracht, wo wir, das heißt ich und
ein paar andere Freundinnen, zusammen getrunken haben. Du warst zu
dem Zeitpunkt ganz offensichtlich schon sehr gut dabei, weil du dich
nicht mehr auf zwei Beinen halten konntest, deshalb wollte Larissa
auch, dass du dich zu uns setzt und mal ne Pause machst. Ich hatte an
dem Abend Fahrdienst und habe die Bande und dich später allesamt
Heim gebracht. Gern geschehen übrigens. Ich selber hatte keinen Bock
mir euren Bettsport anzuhören, so gut ging es dir scheinbar dann
wieder, also habe ich mich entschieden bei einer Freundin zu
schlafen.“, sie stoppte und einen Moment wirkte es so, als würde
sie wieder ihre Fassung verlieren. „Ich konnte ja nicht wissen,
dass…“ Ich strich ihr sanft über die Schulter,
„Nein, das
konntest du nicht.“, drückte ich tröstend heraus.
„Wir müssen das
Arschloch finden, das ihr das angetan hat.“
Verwirrt schaue ich
sie an. „Was? Wir? Was ist mit der Polizei?“
„Die Polizei hat
in dieser Stadt zu viel zu tun, um richtige Ermittlungen vorzunehmen.
Sie wird den halbnackten, betrunkenen Mann mit Gedächtnisverlust
verhaften, der sie das letzte Mal lebend gesehen hat. Liegt das in
deinem Interesse?“
Ich hielt kurz inne
und schüttelte dann den Kopf.
„Das dachte ich
mir, dann zieh dich an und komm mit, wir sollten anfangen. Wir müssen
so schnell wie möglich Hinweise auf den Täter finden, bevor es zu
spät und er vielleicht aus der Stadt geflüchtet ist.“
„Ich weiß schon,
wo wir hinmüssen.“, meine Stimme hatte sich wieder etwas
stabilisiert und ich wagte einen Versuch, langsam aufzustehen. „Ich
kenne da vielleicht jemanden mit einem Motiv.“, schwankend und
gegen die Wand lehnend hievte ich mich umständlich hoch. Christine
reichte mir ihre Hand, „Worauf warten wir dann noch?“, damit half
sie mir auf die Beine.
Ding Dong. Wieder
fand ich mich an der Haustür der abgelegenen Wohnung meines Klients
wieder. Er wohnte in einem alten Mehrfamilienhaus, dessen Bewohner
eher arbeitslose Nichtsnutze als tatsächliche Familien waren. Schon
als Christine und ich durch die Eingangstür traten, stieß mir ein
starker Geruch von Alkohol und Ammoniak in die Nase und schlagartig
fingen meine Augen an zu tränen. Für mich und meine Kreise war
diese Mischung aus Pisse und Erbrochenem sicher nichts Neues, aber
Christine schien die Geruchsexplosion offensichtlich nicht zu
bekommen. Intuitiv hielt sie sich die Hand vor Mund und Nase, doch
ich konnte erkennen, wie sie ihren Würgereiz unterdrückte.
„Du wartest hier
am Treppengelände.“, hatte ich sie beim Betreten des Stockwerks
angewiesen, „Falls er abhauen sollte, halte ihn auf!“
Sie hatte mir nicht
widersprochen, was wohl daran lag, dass der Gestank innerhalb des
Stockwerks eindeutig stärker wurde und sie kein weiteren Anstalten
machte, sich davon zu überzeugen. Ich trat also allein den Gang
entlang. Meine Schritte klangen auf seltsame Weise bedeutungslos im
Hallen des leeren Flurs. Wenn ein Baum im Wald umfällt und keiner es
hört, ist dieser dann wirklich umgefallen? Bestätigen wir nicht
unsere eigene Existenz durch die Validierung von anderen? Hier, in
dem stinkenden Gang war keine Menschenseele zu sehen. Auf einmal
wirkte alles so unwirklich, so unecht. Die tote Larissa, Christine,
diese Nacht.. Gott, warum kann ich mich nicht erinnern?
Ich blieb abrupt
stehen und drehte mich nach rechts. Meine Augen scannten meinen
Anblick ab, nach Dingen, die mich vielleicht von der bitteren
Realität hätten ablenken können. Stattdessen fanden sie nur ein
Metallschild vor, in dem die Buchstaben des Bewohners eingraviert
waren, sowie eine alte, vergilbte Klingel, die auch noch aus dem
Jahre 1980 stammen könnte. Unterbewusst hatte mich mein Gehirn an
die Stelle geführt, an der alles begann: Die Wohnung des Herrn
Starenowitsch. Ding Dong.
Der Mann öffnete
die Tür. Er sah besser aus, als am Tag davor. Er sah immer noch
nicht gut aus, aber immerhin hatte er etwas Farbe im Gesicht gehabt,
bis er mir die Tür geöffnet hatte und ihm eben diese wieder
schlagartig entwich.
„Ich dachte, sie
wollten mir die Fotos online zukommen lassen, was machen Sie denn
hier?“, hektisch streckte er seinen Kopf aus dem Türrahmen heraus
und schaute sich um, „Wenn sie ständig auftauchen, werden die
Nachbarn noch misstrauisch. Die Wände hier haben Ohren, sie können
sich nicht um ihren eigenen Kram kümmern.“, flüsterte er mir in
bedeckten Ton zu.
„Ich muss mit
Ihnen etwas klären, jetzt.“, ich versuchte das letzte Wort
absichtlich hart zu betonen, um meine Dominanz in gegebener Situation
klaren Ausdruck zu verleihen. Es funktionierte insofern, dass
Starenowitsch zurückwich.
„Meine Güte, sie
sind ja gut drauf. Na gut, kommen sie rein. Das muss ja nicht gleich
jeder hören.“ Bevor ich eine Antwort geben konnte, wies er mich an
ihm zu Folgen und verschwand durch seinem Hausflur hinter einer Tür.
Ich trat ein und
lehnte vorsichtig die Tür an, für den Fall, dass ich die Wohnung
schnell verlassen müsste. Ich ging nicht davon aus, dass
Starenowitsch selber den Mord an Larissa begangen haben könnte. Er
könnte jedoch jemanden engagiert haben. Trotz der schäbigen
Lebensumstände schien er zumindest über ausreichend Kapital zu
verfügen, Leute zu engagieren, die die Drecksarbeiten für seine
niedrigen Bedürfnisse erledigten. Ich trat durch den mit Teppich
bedeckten Flur und öffnete die Tür, durch die soeben noch der alte
Mann gegangen war. Als ich das Zimmer, was allem Anschein nach ein
Wohnzimmer war, betrat wich der vorherige Gestank einer
Geruchsmischung aus Duftbäumchen und vermodernden Stoff. Auf einem
der alten Sessel saß Starenowitsch mit einem Glas Flüssigkeit in
der Hand, welche sicher nicht der billig-Alkohol aus dem untersten
Regal war.
Ich pfiff durch die
Zähne.„Dafür, dass sie das Geld zum Trinken haben, leben sie ja
in einer recht ärmlichen Gegend.“, stieß ich hervor. Sein rechter
Mundwinkel setzte zum Lächeln an.
„Ich spare mein
Geld nicht beim Alkohol.“
Dann kurze Stille.
„Sie sind ganz
sicher nicht zum Plauschen hergekommen, was wollen Sie?“
Ich schluckte. Was
ich wollte? Antworten wären nicht schlecht. Vielleicht ein paar
Erklärungen. Vielleicht konnte er mich zwicken, ich würde aufwachen
und es würde sich herausstellen, dass dies alles nur ein Traum war
und ich nicht an einer inoffiziellen Ermittlung beteiligt sei, wie
ein verdammter Privatdetektiv.
„Wer ist
Larissa?“, fragte ich stattdessen. Er seufzte.
„Sagen Sie nicht,
diese Schlampe hat sie auch um den Finger gewickelt. Ich bitte Sie,
ich habe Sie für klüger gehalten.“, er starrte mich
herausfordernd an, aber mein Blick blieb fixiert. Unsicher sank er
etwas in seinem Sessel ein. „Ich habe sie über Tinder
kennengelernt.“, fuhr er schließlich fort, „Sie wissen ja, wie
das ist. Man schreibt, findet sich sympathisch, verliebt sich, trifft
sich, zieht zusammen und all das. Das war ja auch alles schön und
gut, bis sie mich um Geld fragte.“
Ich zog eine
Augenbraue hoch.
„Jetzt schauen Sie
mich doch nicht so an. Ich mag nicht so aussehen“, er strich mit
einer Hand durch das fahle, halb ausgefallene Haar, „Aber ich bin
ein waschechter Romantiker. Und ich wollte ihr helfen. Nur hatte ich
ab einem Punkt nicht mehr genug Geld, also habe ich…“, er
zögerte.
„WAS haben Sie?“,
würgte ich heraus. Ich hatte keine Zeit für die Sentimentalität
eines alten Mannes. Er zuckte zusammen.
„Ich habe mir was
geborgt. Bei einem Kredithai, okay? Und als sie immer mehr wollte und
ich ihr das nicht geben konnte, wollte sie ausziehen. Das konnte ich
doch nicht zulassen, nicht nachdem sie mir das Gefühl gegeben hatte,
etwas wert zu sein.“, seine Stimme wurde nun etwas brüchig, „Ich
habe also angefangen sie zu schlagen, ja. Jedes Mal, wenn sie gedroht
hatte auszuziehen, habe ich sie geschlagen. Ich wollte ihr die Idee
aus den Kopf schlagen mich zu verlassen, weil ich es nicht ertragen
konnte, jemals wieder allein zu sein.“, nun rannen ihm die ersten
Tränen die Wangen herunter, „Aber sie… sie war eine junge Frau
und ich bin ein alter Mann und eines Morgens war sie weg. Sie hat
mich verlassen.“, er sackte nun noch tiefer in seinen Sessel ein,
fast so als wollte er mit ihm verschmelzen. Er schämte sich.
Trotz dieses
emotionalen Geständnisses brannte mir eine weitere Frage auf der
Zunge.
„Und deshalb
wollten Sie ihr etwas antun?“
Blitzschnell, als
hätte ihn ein Insekt gestochen, richtete Starenowitsch sich auf und
schaute mich mit ernster Miene an.
„Ich wollte die
Fotos, um sie zu erpressen, mir noch eine Chance zu geben. Ich hätte
ihr nie etwas antun können.“, nervös leckte er sich über die
Lippen, „Wieso? Ist etwas passiert?“
Mein Mund wurde
feucht und ich merkte, wie meine Knie wieder weich wurden, als mir
bei der Frage die Bilder vom heutigen Morgen vor dem inneren Auge
abliefen. Die kalte Haut, die tote Larissa, der glatte Boden, die
wütende Christine. Was ist passiert? Wasistpassiert?
„Nein, ich wollte
mich nur nochmal vergewissern. Ich finde gerne etwas mehr über meine
Opfer heraus, um mir sicher zu sein, dass mich später keine Freunde
oder Feinde verfolgen werden.“, ich hielt einen Moment inne, „Sie
bekommen ihr Material auch noch. Ich lasse es Ihnen online zukommen.
Ihre Anzahlung habe ich ja erhalten, der Rest der Bezahlung verläuft,
wie besprochen, bargeldlos.“
Er nickte langsam
und lächelte nun unsicher. „Bei Freunden müssen Sie sich keine
Sorgen machen. Auch wenn Larissa doch recht hübsch war, hatte sie
nicht wirklich Leute, die ihr nahe standen. Nur mit ihrer Familie
hatte sie Kontakt, meines Wissens nach. Aber fragen Sie mich über
die Nichts, von denen hat sie kaum was erzählt. Was Feinde
allerdings angeht… nachdem sie mich verlassen hatte, ging ich zu
meinem Kredithai und erklärte ihm, er müsse sich das Geld bei ihr
abholen. Ich bezweifle, dass sie ihm das Geld direkt geben konnte,
das wird sicher Spannungen auf beiden Seiten verursacht haben.“
Ich überlegte kurz.
„Das klingt ja nach einem recht kompromissbereiten Kerl. Ich habe
tatsächlich auch überlegt, ob ich mir einen Kredit für eine neue
Anschaffung besorgen sollte. Ich bezweifle jedoch, dass die Bank mir
den gewähren würde. Sagen Sie, Sie haben nicht zufällig den Namen
des Institutes?“
Sein Lächeln wurde
etwas breiter. „Ich kann Ihnen gerne die Adresse geben. Ich warne
sie allerdings, er mag vielleicht bereit für Verhandlungen sein,
aber übertreiben Sie ihr Glück mit ihm nicht. Er hat einen Wachhund
an der Seite und wenn der beißt, endet das immer tödlich.“
Auf der Fahrt zur
Adresse, Christine saß am Lenkrad und fuhr auffällig penibel stets
nach Tempolimit, brachte ich meine Partnerin ins Bild. Sie war
augenscheinlich überrascht über die neugewonnene Information und
zeigte ein großes Interesse zu dem Kredithai zu fahren und ihm,
sofern er der Mörder ist und sich die Gelegenheit ergeben würde,
ihm das Handwerk zu legen.
„Wir sollten uns
eine Geschichte ausdenken, warum wir etwas über Larissa wissen
wollen. Ich kenne solche Kerle, die geben keine Informationen an
jeden dahergelaufenen Typen heraus.“
„Wir könnten ihm
sagen, dass Larissa uns auch Geld schuldet und wir einen gemeinsamen
Klienten haben, der meinte, man könne uns hier weiterhelfen.“
Sie hob eine
Augenbraue hoch. „Hannes, bei aller Liebe, du siehst nicht wie ein
schmieriger Schuldeneintreiber aus.“
„Und du nicht wie
jemand, der in seiner Freizeit Detektiv spielt, aber hier sitzen
wir.“, schoss ich schnippisch zurück. Meine Augen schmerzten und
ich hatte dafür jetzt keinen Nerv. Der Rest der Autofahrt verlief
still.
Wir hielten vor
einer Gasse an und als ich ausstieg, parkte Christine ihren Wagen
schnell um die Ecke. Das gab mir die Zeit ein Bild von meiner
Umgebung aufzunehmen. Die Gebäudekomplexe, die die Gasse umgaben
streckten sich hoch gen Himmel. Wie menschengemachte Kolosse
bewachten sie bedrohlich und trostlos den Eingang zu einer
Lagerhalle, die sich in der Länge zu strecken schien.
„Los gehen wir.“,
grummelte Christine, als sie ungeduldig um die Ecke gestapft kam.
Klopf Klopf. „Wer
ist da?“
Ein Kichern und
Glucken ertönte. Sehr lustig, was für ein Scherzbold, haben wir ja
wieder ein richtig komödiantisches Mastermind angetroffen.
„Wir wollen zum
Boss. Wir brauchen Informationen über eine gemeinsame Klientin.“,
ergriff Christine das Wort, bevor ich etwas erwidern konnte.
Kurzes Schweigen.
„Wer ist da?“,
die Stimme klang nun ernster und nachdrücklicher.
„Wir sind nur
Geschäftsleute, genau wie ihr Chef. Wir suchen eine Person, die
ihren Chef, wie auch uns eine Menge Geld schuldet und wir würden
Ihnen gerne helfen dieses Geld wiederzubekommen. Aber wenn sie kein
Interesse daran haben, respektieren wir das natürlich.“, mit einer
ausgefallenen Bewegung drehte sich Christine auf dem Absatz um und
deutete einen Abgang an, da öffnete sich schon die Tür.
Ich erblickte den
Mann als erstes. Er hatte sehr breite Schultern und war um einiges
größer als ich. Er wirkte mit seinem Glatzkopf zuerst etwas
dümmlich, aber in seinen Augen erkannte ich, dass er mich in diesem
Moment genauso eindringlich analysierte, wie ich ihn. Wir leisteten
uns einen kurzen Anstarr-Wettbewerb, dann wendete er seinen Blick zu
Christine, die sich wieder zu uns hin gedreht hatte.
„Ich traue euch
nicht. Aber ich will auch nicht dafür gerade stehen, wenn wir Geld
verlieren, also kommt mit.“, brachte der Mann mit einer rauchigen
Stimme hervor. Der Muskelprotz geleitete uns durch einen langen,
engen Gang. Er war nur schlecht beleuchtet und ich entschied mich
deshalb Christine, die vor mir lief, nahe zu bleiben. Auf einmal
hielt der Mann ruckartig an und ich konnte nicht verhindern, ein
wenig in Christine reinzulaufen.
„Sorry.“,
murmelte ich. Dann öffnete sich die Tür und wir traten in eine
große Halle in dessen Mitte ein Mann hinter einem Schreibtisch saß.
Vor dem Schreibtisch standen Metallstühle mit Lederpolster. Ob es
Echt-oder Kunstleder war, ließ sich auch bei näherer Betrachtung
nicht beurteilen, jedoch schienen die Geschäfte hier ganz klar nicht
schlecht zu laufen. Der Mann hinter dem Schreibtisch hatte eine
bedrohliche Narbe im Gesicht, lächelte uns allerdings freundlich an,
als wir uns hinsetzten. Als ich mich umblickte sah ich einige Meter
von uns entfernt jemanden auf einen Stuhl sitzen. Ein Kerl,
vielleicht eins/zwei Jahr jünger als ich, der mit seinem Aussehen
sowohl herausstach, als auch mit der Umgebung verschmolz. Er war
seltsam. Ein junger Mann, ganz in weiß. Sein Haar, seine Haut, er
war so speziell unauffällig auffällig, dass meine Augen gar nicht
anders konnten als sich auf ihn zu fixieren. Christine zwang mich
allerdings, indem sie mich in die Seite stupste, meinen Blick
loszureißen, als der Türsteher gerade fertig war dem Boss etwas ins
Ohr zu flüstern und daraufhin wieder hinter der Tür zum Gang
verschwand.
„Also, Sven sagte,
sie haben Informationen bezüglich eines nicht zahlenden Kunden?“,
die Stimme des Boss‘ wirkte misstrauisch, „Dann bin ich mal
gespannt.“
Ich räusperte mich.
„Es geht um Larissa. Larissa..“, ich stockte.
„Mensing.“,
ergänzte mich Christine.
„Die Freundin
eines Herrn Starenowitsch.“, fügte ich noch hinzu.
Der Mann mit der
Narbe nickte bestätigend. „Achja Larissa, ich kann mich gut
erinnern. Nettes Mädchen. Schlechte Entscheidung bei der Partnerwahl
und gelegentlich etwas kleingeistig, aber trotzdem eine sehr
charmante junge Frau. Was soll mit ihr sein?“
Ein Kloß bildete
sich in meinem Hals. „Sie hat nun seit einigen Wochen ihre Schulden
bei uns nicht beglichen und nun suchen wir sie.“
„Ach?“, der
Ausdruck des Mannes wirkte ehrlich überrascht, „Ich wusste ja gar
nicht, dass sie noch woanders Geld geliehen hatte. Hätte sie das
gesagt, hätten wir sicher unseren neuen Schuldenplan entsprechend
angepasst. Aber meine Zahlungen liefen eigentlich einwandfrei in
letzter Zeit. Ja, manchmal waren sie etwas verzögert, aber sie hatte
anscheinend große Probleme in ihrem Privatleben, verstehen Sie?
Sehen Sie, ich bin kein Unmensch, auch wenn man das bei meinem
Aussehen sicher denken könnte. Ich versuche immer auf die Menschen
um mich herum einzugehen und die Gesamtsituation so zu richten, dass
wir alle davon profitieren können. Klar, manchmal muss man dafür
auch über Leichen gehen, zum Beispiel wenn Kunden nicht zahlen und
damit den Geschäftsfluss aufhalten. Aber Larissa war eine gute
Klientin. Sie hatte einen Job, eine Wohnung und Menschen, die sie
liebten.“
„Sie meinen wohl
Herrn Starenowitsch?“, hackte ich nach. Er starrte mich kurz
verwirrt an und brach augenblicklich in schallendes Gelächter aus.
„Ich bitte sie,
nein. Herr Starenowitsch hatte sie einmal geliebt, aber in dem Moment
indem sich Liebe in Obsession verwandelt, zerfällt jede Schönheit,
die in der Beziehung hätte stattfinden können. Egal was man tut, es
wird nur noch hässlicher, deshalb ist es besser man beendet es und
das hat sie getan. Ich rede von ihrer Familie.“
„Ihre Familie? Uns
hat sie nicht viel über ihre Familie mitgeteilt.“, ergriff
Christine das Wort.
„Wahrscheinlich
wollte sie sie nicht in Gefahr bringen. Sie wissen ja, wie das in
unserem Geschäft ist, manche Leute haben sich einfach nicht unter
Kontrolle, wenn sie ihr Geld nicht sofort bekommen. Das wird dann
schnell primitiv. Ich will ihnen nicht zu viel sagen, da ich das
Vertrauen meiner Klienten schätze, aber scheinbar gab es in ihrer
Familie gesundheitliche, nennen wir es „Umstände“ die den
Gebrauch von hohen Geldressourcen verlangten, welche die offiziellen
Banken wiederum nicht bereit waren zu zahlen. Sie hat sich jedenfalls
sehr für ihre Familie aufgeopfert, ich denke nicht, dass sie nun
einfach abhauen und damit Probleme für die Menschen, die ihr nahe
stehen, verursachen würde. Sicher ist sie nur im Zahlungsverzug,
weil sie ihr Gehalt für diesen Monat noch nicht bekommen hat. Ihr
Chef ist da oft etwas spät dran.“
Christine und ich
tauschten aus dem Augenwinkel Blicke aus.
„Larissa war heute
nicht zu Hause anzufinden, vielleicht können wir ihr auf der Arbeit
einen Besuch abstatten. Sie hätten nicht zufällig die Adresse?“
Nun schmälerten
sich die Augen des Mannes und einen Moment spannten sich meine
Muskeln unkontrolliert, ich zwang mich allerdings die Ruhe zu
bewahren.
„Mein lieber Herr,
das sind ja nun doch eine Menge Fragen. Sie machen ja wirklich eine
miserable Arbeit als Schuldeneintreiber, wenn Sie so wenig über ihre
Klienten wissen.“, er musterte mich. Ich versuchte seinen Blick
standzuhalten, konnte aber eine erhebliche Steigerung meines
Schweißausstoßes nicht verhindern.
Schließlich seufzte
er, „Es gibt da diesen Club, man nennt ihn das Feierge-“, ein
Knall unterbrach unser Gespräch.
Als wir uns
umdrehten wurde die Tür aufgerissen und eine Gestalt betrat mit
bestimmter Autorität den Raum.
„LOS, ALLE DIE
HÄNDE HOCH.“
Wir saßen wie
versteinert da. Mir lief schlagartig ein kalter Schauer über den
Rücken, als ich erkannte dass die Person, die gerade den Raum
betreten hatte, ein matt glänzendes Sturmgewehr in der Hand hielt.
Noch beunruhigender als die Tatsache, dass uns eine bewaffnete völlig
vermummte Person bedrohte war, dass noch weitere Leute der gleichen
Erscheinung aus dem Schatten des Flurs traten. Ich hatte die Hände
schon ganz automatisch hochgehoben und schielte nun auf den Boss, der
seelenruhig in seinem Sessel saß.
„HAST DU NICHT
GEHÖRT, WAS ICH GESAGT HABE?“, schrie der vermummte Mann nun noch
lauter.
„Ich habe Sie sehr
gut gehört, doch ich denke Sie sollten sich in ihrem Ton mäßigen,
wir können Sie auch so sehr gut verstehen.“, entgegnete der Boss
mahnend, „Außerdem ist Capslock zum Lesen immer so anstrengend.“
„WAS?“
„Was?“
„DU HAST“, der
Mann räusperte sich, als er den scharfen Blick des Boss‘ bemerkte,
„Sie haben verloren, niemand kann Sie retten. Die Türen sind
verriegelt, ihre Leute können unmöglich in diesen Raum kommen,
bevor ich Sie erschieße.“
„Sie wollen mich
erschießen, warum das denn?“, fragt der Boss verdutzt.
„Als ob Sie das
nicht wissen. Sie haben meinen Sohn getötet. Ich weiß, dass er sich
von Ihnen Geld geliehen hat. Eines Tages kam er nicht mehr nach
Hause und seitdem habe ich ihn nie mehr gesehen. Wissen Sie, was das
für ein Schmerz ist? Wissen Sie, wie es sich anfühlt nach Hause zu
kommen, sich an den Esstisch zu setzen und der Stuhl neben einen leer
ist?“ Der Mann begann zu zittern und richtete sein Gewehr auf dem
Boss. Gleichermaßen erschrocken und überrascht weichen Christine
und ich zur Seite. Ich falle dabei fast vom Stuhl, kann mich jedoch
noch an der Armlehne festhalten. „Das einzige, was einen in diesen
Momenten treibt, ist Rache. Also sagen Sie es mir ins Gesicht, damit
ich sie endlich erschießen kann: Ist mein Sohn tot?“
„Wie heißt ihr
Sohn denn?“, entgegnet der Boss nun erkennbar ungeduldig.
„Michael.“,
presste der Mann mit dem Sturmgewehr heraus, „ Michael Eibl.“
Der Boss überlegte
einen Moment. Dabei sah es so aus, als würde er innerlich in einem
Aktenschrank die verschiedenen Karteien durchgehen. Dann leuchten
seine Augen auf. „Achja, Mickey. Stimmt, hat mehrmals nicht gezahlt
und mich dann mit einer Waffe bedroht.“, er lachte herzlich, „Wie
der Vater so der Sohn, was?“, der vermummte Mann hielt die Waffe
weiterhin fest umklammert, scheinbar reichte ihm diese Antwort nicht.
Der Boss schüttelte nur verständnislos den Kopf, „Ja nagut,
stimmt schon. Mickey ist tot. Und Mickey bleibt tot. Wir haben ihn
getötet.“, gab er schließlich lässig zurück.
„SIE SCHWEI-“,
dem Mann mit der Maske blieb das Wort im Hals stecken, als er
schlagartig zu Boden ging. Seine Hände umringten seine Kehle und man
konnte ein Gurgeln unter der Maske vernehmen. Die anderen Gestalten
wichen überrascht zurück.
„Ich sagte doch,
sie müssen nicht so schreien.“, der Boss erhob sich nun zu seiner
vollen Größe. Erstmals konnte ich seine Statur wirklich wahrnehmen.
Der Mann an der Tür war bereits ein Hüne gewesen, aber der Boss,
mit seinem Sakko und Hemd welche sich beinahe zum zerreißen über
die Brust spannten, war ein Berg von einem Mann. Unkontrolliert
versteifte ich mich, als er seine große Hand auf meine Schulter lag.
Die Ehrfurcht war wie eine Paralyse, die sich in Sekundenschnelle in
meinem ganzen Körper ausbreitete.
„Ich entschuldige
mich hiermit ganz förmlich, dass Sie in mein Etablissement in
offenster Absicht gekommen sind und das hier mit ansehen mussten.“,
er ließ meine Schulter wieder frei und ich meinte für einige
Sekunden noch das Gewicht seiner Hand an dem Fleck spüren zu können.
Hektisch blickte ich mich um und sah dabei, wie der junge Mann in
Weiß von seinem Stuhl aufgestanden war. Dann schweifte mein Blick
wieder zu dem vermummten Mann, dessen Röcheln immer lauter wurde.
Schweißperlen traten mir über die Stirn.
„Oh Gott, er
erstickt.“, quiekte Christine hervor.
Der Boss kniete sich
hin. „Ja, das sieht ganz danach aus.“, sein Blick bewegte sich
zuerst zu den übrigen Lakaien des Mannes, dann zu uns, „Ich denke
Sie sollten gehen, wenn Sie sterbende Menschen nicht ertragen können,
denn gleich wird es noch ein paar mehr Leichen geben.“
Wir rannten.
Christine und ich rannten durch den endlosen Gang. Unsere Schritte
hinterließen Töne, die im Nichts zu ersticken drohten, während wir
der Tür langsam und ungewiss entgegen eiferten. Keiner von uns
drehte sich um, denn allein der Gedanke, was in der Halle stattfinden
könnte während wir genau diesem Szenario zu entfliehen versuchten,
brachte eine parasitäre Taubheit in meinem Körper hervor. Ich
erstickte Sie bevor sie sich ausbreitete. Ersticken, wie der Mann
erstickte. Ohgottohgott, ich habe gesehen, wie sein Leben aus ihm
herauswich. Ich konnte es in seinen Augen sehen, wie sie erblassten
unter all dem Röcheln und Husten und Gurgeln und… Schmutz. An
diesen Ort konnte man nur sterben oder überleben. Dieser Ort war
nicht für das längere Verweilen gedacht. Für niemanden.
Ich stolperte, fing
meinen Sturz aber mit meinen Armen auf, bis ich merkte, dass das
worüber ich gestolpert war ein Mensch gewesen sein muss. Auch in
schlechter Belichtung konnte ich seine leblosen Schemen ausmachen.
Ich wollte schreien, doch Christine hielt mir die Hand vor dem Mund.
„Komm, wir müssen
gehen.“ Sie schleppte mich den Gang weiter und riss dir Tür auf,
sodass wir gemeinsam in das gleißend rote Sonnenlicht rollten, das
sich im Abendrot über die ganze Stadt verteilte.
„Ich gehe alleine
zum Feiergelager.“, verkündete Christine. Es war der erste Satz,
der gesprochen wurde, seitdem wir die Lagerhalle verlassen hatten und
in das Auto geflüchtet waren. Nun fuhren wir in so einem zackigen
Tempo die Straße entlang, dass ich mich an dem Haltegriff
festklammern musste, um nicht in den Kurven hin-und hergewirbelt zu
werden.
„Warum das denn?“,
fragte ich und gab mir alle Mühe mein Klammern dabei nicht zu
lockern.
„Weil…“,
Christine macht eine dramatische Pause. Linkskurve, Rechtskurve, ich
hielt den Atem an, als wir im vollen Karacho auf eine Ampel zuraste,
die nun schon etwas länger gelb zu sein schien. Ich riss meinen Arm
vor das Gesicht, als ich ruckartig von Zugkräften nach Vorne
geschleudert wurde. Der Gurt spannte sich und ich knallte unsanft
wieder auf meinen Sitz zurück. Scharfe Bremsung.
„Sag mal, willst
du uns eigentlich umbringen?“, schrie ich sie wütend an, „Der
Boss hat uns gehen lassen, er hat unsere Geschichte geglaubt, er hat
keine Anstalten gemacht uns zu folgen, also beruhige dich gefälligst
und fahr wieder wie ein normaler Mensch, bevor du uns alle
umbringst!“, ich atmete schwer. Dieser ganze Tag war einfach voll
und ganz für den Arsch. Wenn das so weiter gehen würde, würde ich
heute noch den Verstand verlieren, „Zwei Menschen sind tot.“,
fügte ich nun in etwas ruhigeren Ton hinzu, „Das muss erstmal
reichen.“
Für einen Moment
sah ich, wie Christines starrer Blick sich entspannte und ihr
entglitt ein Seufzer, „Weil du heute schon genug mitgemacht hast
und so aussiehst, als könntest du etwas Ruhe vertragen. Außerdem
hast du gestern Abend vielleicht etwas eine Szene in deinem
betrunkenen Zustand gemacht, ich glaube also nicht dass die Leute
dort dich heute gerne direkt wieder sehen würden.“
Die Ampel wechselte
auf Grün und wir fuhren nun wieder im Maße des Tempolimits weiter.
„Was heisst „eine
Szene“?“, fragte ich verdutzt.
Christine schüttelt
nur den Kopf. „Besser, wenn du das nicht weißt.“
Wir hielten an einer
mir bekannten Ecke an. Christine drehte sich zu mir. „Du kannst
dich hier in dem Apartment ausruhen. Ich gebe dir jetzt den
Schlüssel, verliere ihn bloß nicht.“
Ich starrte sie
geschockt an. „Das Apartment mit der Leiche?“, fragte ich nach.
„Na, wenn sie
nicht weggelaufen ist, dann schon.“, gab Christine schulterzuckend
zurück. Sie musste meinen Gesichtsausdruck bemerkt haben und zog
mitleidig ihre Augenbrauen zusammen, „Ich weiß, dass das nicht
ideal ist, aber jetzt sind wir hier und ich kann dich nicht auch noch
zu deinem Apartment fahren, sonst komme ich erst ins Feiergelager,
wenn der Laden und die Leute dort schon voll sind. Dann kriege ich
ganz sicher keine Informationen mehr über sie heraus.“
Nach langem Zögern
nickte ich. „Nagut, meinetwegen. Gib schon den Schlüssel her.“
Sie reichte mir
einen Schlüssel, der an einem pinken Schlüsselbund mit der
Aufschrift „Ersatzschlüssel“ versehen war.
„Verlier ihn
nicht.“, warnte sie mich, als ich aus dem Auto ausstieg und die Tür
hinter mir zuknallte. Dann startete sie den Motor und das Auto setzte
sich erneut in Bewegung – diesmal ohne mich.
Die Dunkelheit in
die ich gefallen war, fühlte sich nass an, glitschig und hässlich.
Zusätzlich dazu wirkte alles ein wenig fehl am Platz, so als würde
man Puzzleteile ineinander quetschen, die absolut nicht
zusammenpassten. Ich glaube meine Augen waren geöffnet, als ich in
ihr erwachte. Es ist schwer auszumachen, da ich so oder so zunächst
nichts sehen konnte, aber es musste wohl so gewesen sein. Ich watete
durch die glitschige, teerige Masse, die meinen Geist am Boden hielt
und nach einigen Stunden, die auch Sekunden, die auch Jahre hätten
gewesen sein können, konnte ich in der Ferne einen Umriss erkennen.
Ich blieb für einen Moment stehen und glaubte, dadurch schlagartig
ins Versinken zu geraten. Panisch paddelte ich um mich, versuchte
meinen Körper aus der alles verschlingenden Dunkelheit
herauszuholen, die mich gierend und Stück für Stück aufnahm. Die
Masse schlich sich meinem Hals hoch, kroch in meinem Mund und ich
spürte, wie sie langsam meine Lunge füllte. Ich erstickte. Ich sah
das Gesicht eines Mannes vor meinem inneren Auge, dem es ebenso
erging. Der nur Antworten wollte und nun den Tod ereilte. Ein Röcheln
von mir, ein Röcheln von ihm, dann eine Hand, die nach mir Griff.
Hilfe.
Ich wachte auf. Im
Apartment war es dunkel geworden, von Christine fehlte allerdings
immer noch jede Spur. Es konnte also noch nicht sehr spät sein.
Nachdem ich mich das Treppengelände hoch in die Wohnung des Grauens
geschleppt hatte, kroch mir als erstes der unverkennbare Geruch von
Tod in die Nase. Der erste logische Schritt danach brachte mich
offensichtlicherweise ins Bad über die Toilettenbrille, wo ich mich
des Restalkohols, welcher sich über den Tag nicht abgebaut hatte,
schnell und einfach entledigen konnte. Als ich nicht mehr die Kraft
zum Erbrechen hatte, robbte ich mit meinen schlaffen Körper in die
Badewanne, schloss die Augen und hatte irgendwo die Hoffnung, dass
alles vorbei sei sobald ich es wagen würde diese wieder zu öffnen.
Aber als ich aus einem unangenehmen Traum aufwachte, war nichts
vorbei. Der Leichengeruch hatte sich nun auch in das Badezimmer durch
die Fasern der Holztür geschlichen. Ich konnte nicht mehr weglaufen,
der Tod hatte mich erreicht und es war nur eine Frage der Zeit, bis
er mich höchstpersönlich holen kam.
Blind.
Ja, blind war ich
gewesen. Wer war ich, dass ich gedacht habe, ich könnte ein besserer
Mensch werden? Klara hatte recht gehabt, als sie mit mir Schluss
gemacht hat. Ich bin ein Monster und Monster können nichts anderes
tun, als verletzen, zerstören, Welten brechen. Es liegt in ihrer
Natur und jeder, der sich solchen Kreaturen annimmt, wird mit ihm im
Sumpf des Schmerzes versinken. Ertrinken. Ersticken. Sterben.
Du bist blind.
Ich blickte auf. „Ja, das habe ich verstanden.“, rief ich durch
die Tür in die leere Wohnung hinein, „Deshalb gerade eben dieser
melodramatische Monolog. War das nicht selbsterklärend? Ich dachte
ich könnte besser sein, aber ich habe mich geirrt. Ich war blind und
naiv, wir haben es kapiert.“
Schau auf dein Handy.
Ein Schauer lief mir über den Rücken. Mein Handy? Unsicher runzelte
ich die Stirn, kletterte aus der Badewanne heraus und betrat das
Ess-/Wohnzimmer. „Hallo?“, sprach ich vorsichtig während ich
mich umblickte, „Ist hier jemand?“
Stille.
Ich
tapste den Boden entlang zum Lichtschalter. Als ich diesen umlegte
ertönte ein leises Surren, dann füllte warmes Licht den Raum aus.
Die Wohnung wirkte nun auf befremdliche Weise um einiges…
freundlicher. Zumindest für einen Tatort. Ich öffnete ein Fenster.
Als ich mich abermals, nun aber genauer, umsah fiel mein Blick auf
die tote Larissa. Man konnte immer noch nur ihr Haare erkennen.
Wahrscheinlich hatte Christine ihr die Decke wieder über den Körper
gelegt.
Handy.
Die Stimme meldete sich erneut zu Wort. Wobei Stimme wohl kaum der
richtige Ausdruck war. Es klang eher nach einem Flüstern vieler
Stimmen. Ein Kollektiv? Ich entschied mich dagegen, die Stimme erneut
auszufragen und beschloss zunächst erst einmal ihrem Ratschlag zu
folgen und mein Handy aufzusuchen.
Vorsichtig näherte ich mich der Leiche und schlich an ihr vorbei auf
meine Seite des Bettes, so als könnte ich sie noch aus ihrem Schlaf
wecken. Dort angekommen schaute ich auf dem Nachtisch, unter
Bettdecke und Kopfkissen, sowie unter dem Bett.
„Wo ist mein verdammtes Handy?“, fluchte ich leise, „Das kann
doch nicht weg sein.“
Du bist blind.
„Ja, verdammt, so weit waren wir schon.“, gab ich nun genervt
zurück, „Ich suche ja gerade nach meinem Handy, ich geb‘ ja
schon mein bestes, meine Güte. Ich weiß zwar nicht, was du bist,
aber ich habe grad einen gottverdammten Scheißtag hinter mir und
habe keinen Bock, mir von irgendso einer körperlosen Stimme Vorwürfe
zu machen, weil ich mein blödes Drecks-Handy nicht finde.“, ich
machte eine Pause, aber es kam keine Antwort, „Ich weiss, ich hatte
es noch nachdem ich aufgewacht bin. Dann habe ich Larissa entdeckt,
dabei muss es mir runtergefallen sein und dann.. dann kam“, ich
stockte, „Christine.“
Du bist blind.
„Versuchst du mir
gerade zu sagen, dass Christine mein Handy gestohlen hat?“ Wieder
keine Antwort. „Warum hätte sie das tun sollen? Ihre Freundin ist
gerade gestorben, sie hat geheult wie ein Schlosshund. Ihre Augen
waren rot.“ Waren ihre Augen rot? „Und sie hat mich danach direkt
an die Wand gepresst, wann hätte sie es einstecken können?“ Du
hast dich umgezogen. „Und selbst, wenn sie es eingesteckt hat,
warum sollte sie das tun? Wenn es irgendetwas gäbe, dass ich an
meinem Handy nicht sehen sollte, hätte sie mich nur von dieser
Wohnung fernhalten müssen.“ So konnte sie dich loswerden.
„Außerdem wäre es doch viel zu gefährlich das Handy die ganze
Zeit bei sich zu tragen. Sie wusste doch gar nicht, ob ich es
vielleicht laut geschalten habe, sie hätte es so schnell wie möglich
irgendwo weg schmeißen müssen und dazu hatte sie doch keine Zeit
gehabt.“ Du hast sie allein gelassen. Bei Starenowitsch. „Oder?“,
meine Stimme klang wieder brüchig, ich merkte wie mir langsam die
Tränen kamen.
Du beginnst zu sehen. Schau dich um.
Ich blickte auf die
Leiche von Larissa, dann wieder weg.
Ich will das nicht
tun. Ich will das echt nicht tun.
Vorsichtig hob ich
die Decke an und legte damit erstmals Larissas Gesicht frei. Eine
schöne junge Frau, zweifellos. Ihre Haut sah sanft und weich aus.
Ihre Nase war klein und süß, sie erinnerte fast an eine kleine
Maus. Ich betrachtete ihre Lippen. Sie waren etwas schmal, aber
trotzdem brachte genau diese Imperfektion ihrem Gesicht ein
charmantes Aussehen. Es wirkte menschlich. Eine Person, wie du und
ich, nur… tot.
Schau genauer
hin.
Die Stimme meldete
sich zu Wort, bevor ich etwas sagen konnte. Ich zwang meinen Blick
wieder zu Larissa und da sah ich es. Eine bläuliche Färbung am
Kinn, welche die Adern auf der blassen Haut leicht erkennbar machten.
Vorsichtig legte ich meinen Finger an die Stelle. Sie war eiskalt,
aber ich versuchte mich davon nicht zu stark ablenken zu lassen und
fuhr der Verfärbung nach, dem Hals entlang und weiter runter. Als
ich den Rest ihres Körpers freilegte wurde mein Verdacht bestätigt.
„Woran bist du
bloß gestorben, Larissa?“, fragte ich laut mit dem Wissen, dass
mir niemand antworten würde. Keine Wunden, keine Prellungen, nur ein
bleicher, toter Körper, der eine leicht bläuliche Verfärbung
aufwieß, die sich an der Brust verlief.
Ich stand auf und
sah mir nun auch die Wohnung genauer an. Dabei fiel mir ein
eingerahmtes Foto auf, welches in einem Bücherregal Platz gefunden
hatte. Bei näherer Betrachtung konnte ich die zwei Personen
erkennen: Es waren Larissa und Christine. Die beide standen an einem
Strand und wirkten überglücklich. Das Foto konnte noch nicht zu alt
sein, vielleicht ein paar Monate.
Seltsam, meinte
Christine nicht, sie seien Freundinnen seit Kindheitstagen gewesen?
Hat man dann nicht eher auch ein paar ältere Bilder rumstehen, statt
nur ein neues? Moment, hatte Starenowitsch nicht gesagt, dass Larissa
keine Freunde hatte? Aber es könnte ja eine Freundschaft sein, die
sich nach der Trennung wieder zusammen gefunden hat. Das konnte
durchaus sein, das konnte…
In Gedanken verloren
nahm ich das Bild aus dem Rahmen, um es näher zu betrachten und
drehte es dabei um. Auf der Rückseite war etwas geschrieben:
„Familie, Freunde
und Flitterwochen. Braut und Ehefrau, bis dass der Tod uns scheidet
XOXO.“
Als ich den Text
durchlas hörte ich eine Tür hinter mir quietschen. Ruckartig drehte
ich mich um, doch bevor ich Beweise zurücklegen konnte, stand
Christine in der Tür, mit einer Plastiktüte in der einen und einem
seltsamen Fläschchen mit durchsichtiger Flüssigkeit in der anderen
Hand. Geschockt erstarrte ich für einen kurzen Moment, doch leider
war das genug Zeit für Christine die Tür hinter sich zuzuknallen
und abzuschließen.
„So, da sind wir
wohl.“, seufzte sie schließlich, „Du hast es doch noch
herausgefunden. Oder fehlen noch ein paar Puzzleteile?“, sie
lächelte. Ausdruckslos blieb ich stehen, mein Mund war zu trocken,
um etwas zu erwidern, „Ja, Larissa und ich waren verheiratet.
Verrückt, nicht wahr? Aber hey, es ist ja auch nicht mehr 1970,
sowas soll es heute geben.“, sie machte eine Pause und ihr Lächeln
erblasste. Stattdessen legten sich erste Sorgenfalten über ihre
Stirn., „Sie hat mich aber nicht geliebt, das wusste ich. Ich
wusste es schon weit vor der Hochzeit, aber ich dachte mir.. ich
dachte mir, ich könnte mir mal die Illusion erlauben, ich wäre
jemanden wirklich wichtig. Ich hatte es einfach gehofft.“
„Du hast Larissa
umgebracht.“, würgte ich heraus.
„Ja, das habe
ich.“, ihr Ausdruck änderte sich wieder. Nun wirkte sie fast
emotionslos, „Ich meine, jetzt kann ich es dir ja sagen. Es ist
immerhin nicht so, als würde es einen Unterschied machen. Ich
arbeite in einem Pharmazieunternehmen. Dort habe ich mir die nötigen
Mittel zusammengesucht und mitgehen lassen, um Larissa zu vergiften.
Als ich Larissa bei der Arbeit besuchen wollte, kamst du mir entgegen
Hannes und du warst perfekt. Der perfekte Sündenbock – ein junger
Typ, ein einfacher Mensch mit einfachen Bedürfnissen. Es war ein
Leichtes, euch beiden ein Betäubungsmittel unterzumischen, bloß
dass bei Larissas Getränk eine tödliche Note noch mitschwang. Der
Rest war Schauspielerei. Nachdem du Larissas Leiche vorgefunden hast,
warst du so verzweifelt, du hättest alles geglaubt. Du hast alles
geglaubt. Daran war auch das Mittel schuld, welches ich dir immer
wieder verabreicht habe.“ Meine Augen blitzten auf, sie hatte mir
den Mund zugehalten, als wir aus der Lagerhalle geflohen und ich über
die Leiche des Türstehers gestolpert bin. „Ah, dir fällt es
scheinbar gerade ein. Ja, eigentlich hatte ich dir genug verabreicht,
dass du fürs erste außer Gefecht gesetzt sein solltest.
Ursprünglich wollte ich dich nämlich gerade töten, weißt du? Du
bist der letzte Beweis, den ich noch nicht beseitigt habe.“
„Warum hast du sie
umgebracht?“
Christine ließ
ihren Kopf senken, „Sie hat mich nicht geliebt, aber das war nicht
alles. Ich habe eine sehr gut verdienende Familie, manche würden sie
sogar reich nennen. Entsprechend bin ich auch selber doch sehr gut
vermögend. Mit der Hochzeit konnte Larissa auf mein Konto zugreifen
und hat für ihre Familie immer wieder hohe Summen an Geld abgebucht.
Das geriet ab einem Punkt einfach außer Kontrolle und sie ließ sich
sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Da hatte ich einfach keine
große Wahl.“
„Wie wäre es mit
Scheidung gewesen?“
„Ich bitte dich.“,
sie ließ belustigt Luft aus, „Meine Familie war schon geschockt,
dass ich eine Frau heirate. Wie wäre es dann gewesen, wenn ich mich
von ihr nach ein paar Wochen schon wieder geschieden hätte? Mal
abgesehen davon, wie sehr sich die Klatschpresse ihr Maul zerrissen
hätte. Der Voyeurismus des Menschen kann grausam sein. So makaber es
klingt, aber das hier war die einfachere Lösung.“
„Sie hätte noch
gelebt.“, gab ich kleinlaut zurück.
„Ja, das hätte
sie.“ Christine trat durch das Wohnzimmer, an mir vorbei zum Bett,
wo Larissas Leiche lag. Meine Augen folgten ihren Bewegungen präzise.
Dann hob sie die Flasche und zerschmetterte sie über Larissas Kopf,
so dass eine Platzwunde entstand. Überrascht trat ich einen Schritt
zurück, während sich die Scherben auf Boden und Bett verteilten.
Warnend hielt Christine ihre Hand hoch und wies mich an, still zu
stehen.
Von irgendwo her
dröhnten Polizeisirenen. „Oh, achja. Ich habe übrigens die
Polizei gerufen, weil ich einen Anruf meiner Frau bekommen habe, dass
jemand in ihre Wohnung eingebrochen sei. Ursprünglich sollte der
Einbrecher dabei meine Frau töten und sich aus Schuldgefühlen
selber umbringen, aber scheinbar wurde der Einbrecher von mir
erwischt und aufgehalten.“, sie betrachtete ihre Hand, die von den
scharfen Glasscherben verletzt war, „Scheinbar habe ich mich dabei
verletzt.“
„Du bist ein Mo-“,
das Geräusch von parkenden Autos unterbrach mich.
„Ein Monster?
Nagut,vielleicht. Immerhin habe ich dir den ganzen Tag etwas
vorgespielt und dich damit grundlos leiden lassen. Aber unterscheide
ich mich damit wirklich so sehr von den Menschen um mich herum? Sind
wir nicht alle anders, als es von Außen zunächst scheint?“
Ein Poltern ertönte.
Mehre Personen schienen gerade das Treppenhaus hochzulaufen.
„An deiner Stelle
würde ich jetzt versuchen zu fliehen.“, bemerkte Christine, „Oder
du stellst dich den Polizisten, aber sein wir mal ehrlich: Wem glaubt
man mehr? Einen fremden Typen, dessen DNA überall in der Wohnung zu
finden ist oder einer verletzten Ehefrau?“
Ich knurrte, schaute
mich panisch um und erblickte das Fenster, das ich gerade eben erst
geöffnet hatte und sprintete dort hin.
„Es ist umsonst.
Aus dieser Wohnung führt keine Feuerleiter.“, rief Christine mir
nach.
Ich beugte mich über
das Fenster. Tatsächlich war nirgends wo ein Leiter zu sehen.
An der Tür hämmerte
es „POLIZEI, AUFMACHEN.“
„Gib auf, du hast
verloren. Schachmatt.“
Nun lächelte ich.
„Die Dinge sind immer anders, als sie scheinen.“ Damit ließ ich
mich nach hinten fallen.