
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Er hatte den ganzen Tag dieses merkwürdige
Gefühl. Bereits beim Aufstehen, noch bevor er seine weißen, mit Krampfadern
überzogenen Füße in die Pantoffeln steckte, war ihm, als ob er beobachtet
würde. Dieses Empfinden zog sich über den ganzen Tag hinweg, bis zu dem Moment,
in dem ihm klar wurde, was der Grund dafür war und er seinen letzten Atemzug
tat.
Günther zählte nie zu den Menschen, die
paranoid waren. Wenn man ihm erzählt hätte, dass er eines Tages an
Verfolgungswahn leiden würde, hätte er einem den Vogel gezeigt und etwas gesagt
wie: „Du spinnst wohl“ oder „Du hast sie wohl nicht mehr alle“. Auch andere
psychische Erkrankungen waren für ihn ein Fremdwort. Selbst als seine Frau, mit
der er 56 Jahre verheiratet war, vor 12 Jahren starb, kämpfte er nicht lange
mit Trauer. Er wusste, dass sie zusammen ein glückliches Leben hatten und das
gab ihm die Kraft weiterzumachen.
Trotz dieser mentalen Stärke war er nun mit
seinen 88 Jahren das erste Mal seit seiner Kindheit verunsichert. Es war dieses
Gefühl beobachtet zu werden, was in ihm diese Verunsicherung hervorbrachte und
ihn keinen klaren Gedanken fassen ließ. Selbst sein morgendlicher Ablauf, der seit
dem Tod seiner Frau zur Routine geworden war, geriet ins Stocken, als er im
Badezimmerspiegel durch die offene Tür zum Schlafzimmer eine mysteriöse Gestalt
stehen sah. Ein Blick über die Schulter entpuppte diese Gestalt jedoch als
Kleiderständer. Diese Erkenntnis und das kalte Wasser in seinem Gesicht ließen
ihn wieder klare Gedanken fassen. Er schüttelte kurz seinen Kopf und fuhr mit
seiner Morgenroutine fort.
Als ehemaliger Strafvollzugsbeamter musste er
in seinem Beruf eine starke Persönlichkeit haben. Er war den ganzen Tag von
Häftlingen und schweren Verbrechern umgeben, die nichts unversucht ließen, ihn
zu manipulieren. Er mauserte sich schnell zu einem harten Typen, der sich nicht
so einfach rumschubsen ließ. Diese Eigenschaft hatte er nach seiner
Pensionierung beibehalten. Daher war es nicht verwunderlich, dass sich Günther
schnell wieder aufraffte und das starke Empfinden vergaß. Doch tief in seinem
Unterbewusstsein brannte sich der Gedanke, beobachtet zu werden, unbewusst ein.
Es war später Vormittag, als das Gefühl wieder
hervortrat. Günther machte es sich auf dem alten Sofa, welches schon seinen
Eltern gehörte, im Wohnzimmer gemütlich und schlug die letzte Seite der
Tageszeitung auf, um das dortige Kreuzworträtsel zu machen. Er griff nach der
Schreibunterlage, die durch das Durchdrücken zahlreicher Rätsel schon sehr in
Mitleidenschaft gezogen worden war und legte sie sich auf den Schoß. Einen
kurzen Blick auf die Uhr werfend, legte er den Teil mit dem Kreuzworträtsel
darauf, setzte den Stift an und begann damit, es auszufüllen.
Wie immer war es die rechte untere Ecke, in der
er anfing, denn dort waren die einfachsten Fragen. Das war eine Eigenart, die
noch aus einer Zeit herrührte, als er beim Rätseln nicht viel wusste. Jetzt gab
es nur noch wenige Fragen, die Günther nicht beantworten konnte. Daher dauerte
es auch nicht lange, bis er die Hälfte des Kreuzworträtsels ausgefüllt hatte.
Es war ein Schatten hinter dem zugezogenen
Vorhang, der ihn aus seiner Konzentration riss. Er schrak auf und blickte mit
großen Augen zu dem Fenster. Sofort verankerte sich wieder das Gefühl,
beobachtet zu werden, in seinem Bewusstsein. Angst durchzog ihn und er zitterte
am ganzen Körper. Paralysiert saß er da und wartete darauf seinem Ende
entgegenzublicken. Doch alles, was er vernahm war das Quietschen des
Briefkastenschlitzes an der Haustür und die herunterfallende Post, die beim
Aufprall auf den Fußboden im Flur ein platschendes Geräusch verursachte. Es war
bloß der Briefträger, der die Post vorbeibrachte. Kein Grund zu Sorge. Die
Starre verzog sich und er beruhigte sich ein wenig. Doch trotzdem ging ihm
dieses Gefühl nicht mehr aus dem Kopf. Jetzt erst recht nicht.
„Frische
Luft wird mir gut tun.“ sagte er, um sich zu beruhigen. „Ich wollte heute
sowieso einkaufen gehen“. Er legte die Schreibunterlage mit dem unfertigen Kreuzworträtsel
(es muss Jahre her sein, seit er ein unfertiges Kreuzworträtsel das letzte Mal hat
liegen lassen) auf den Sofatisch, zog sich Jacke und Schuhe an, nahm seine
Einkaufstasche und verließ das Haus.
Im Supermarkt herrschte kein großer Betrieb,
weshalb Günter seine Einkäufe direkt aufs Band legen konnte. Sogar die nette
Kassiererin, mit der er sich gerne unterhielt, wenn die Kundschaft im Laden an
einer Hand abgezählt werden konnte, saß an der Kasse. Es war eine hübsche,
junge Studentin, die mit ihren schwarzen Haaren und haselnussbraunen Augen
ihrem Nebenjob nachging. Mit ihren 20 Jahren war sie erst im zweiten Semester
und träumte davon, nach dem Studium in die Karibik auszuwandern, um dort als
Meeresbiologin zu arbeiten. Das hatte sie Günter einmal erzählt.
Nach einem kurzen Wortaustausch verabschiedeten
sie sich voneinander und Günter verließ mit seiner halbvollen Einkaufstasche
den Laden. Janine, das war der Name der jungen Dame, berichtete später der
Polizei, Günter habe ihr erzählt, er fühle sich verfolgt.
Da Günter nur selten den selben Weg zurück
ging, den er gekommen war, machte er einen kleinen Umweg. Ein Teilstück dieses
Weges war eine breite Gasse, die durch eine Backsteinwand auf der rechten und
einem Maschendrahtzaun auf der linken Seite begrenzt wurde. Den Boden bildeten
von Sand, Kies und Dreck bedeckte Betonplatten.
Es kam nur selten vor, dass ihm auf dieser
Etappe jemand begegnete, doch diesmal war es ein solcher Moment. Am knapp 50
Meter entfernten Ende der Gasse, sah er eine in dunkle Klamotten gehüllte
Person. Es sah aus, als hätte er eine Kapuze über seinen Kopf gezogen.
Zusätzlich hielt er etwas in der linken Hand, das aussah wie eine Sense. Die
Person rührte sich nicht, sondern stand einfach nur da.
Günter bekam ein beängstigendes Gefühl, welches
die fast vergessene Paranoia wieder verstärkte, und er hatte auf einmal den
Eindruck, die Person vor sich zu haben, die der Grund seines Verfolgungswahns
war. Nein, es war kein Eindruck. Er wusste, dass es so war. Unsicher verlangsamte
er seine Schritte, ging aber dennoch auf die Gestalt zu. Erst als er stolperte,
wobei er den Eindruck hatte, jemand stelle ihm ein Bein, und der Länge nach auf
den Boden fiel, war es ihm nicht mehr möglich weiterzugehen. Die Lebensmittel
verteilten sich auf dem Boden, Milchflaschen zerschellten und die Orangen und
Äpfel kullerten, als ob sie vor dem folgenden Geschehen weglaufen wollten, vom
Ort des Unglücks weg. Seine Brille verbog sich beim Aufprall und fügte ihm eine
Platzwunde an der rechten Schläfe zu. Die Gläser zersprangen wie die
Milchflaschen und bildeten bloß noch rassiermesserscharfe Spitzen an den
Rändern. Er hatte Glück, dass er keine Splitter in die Augen bekam.
Während er versuchte sich aufzurichten sah er
just das dunkle Gewand direkt vor sich. Er schaute nach oben und blickte in die
Kapuze. Verschwommen konnte nur erahnen, dass an der Stelle, an der eigentlich
ein Gesicht sein müsste, nichts als Schwärze zu sehen war. Die Person streckte
ihre knochige Hand aus und berührte mit dem Zeigefinger Günters Stirn. Er
erkannte noch, dass die ganze Hand bloß aus Knochen bestand – Haut, Muskeln und
Sehnen fehlten gänzlich -, ehe er zusammenbrach und leblos auf dem Boden liegen
blieb.
Später am Tag entdeckte ein Passant die Leiche
des 88-jährigen und rief die Polizei. Als Todesursache wurde Herzversagen
diagnostiziert. Keiner sollte jemals erfahren, dass es der Sensenmann war, der
ihn geholt hat.